Donizetti: Lucia di Lammermoor. Oper Köln im Staatenhaus. Premiere am 12.06.2016

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    • Donizetti: Lucia di Lammermoor. Oper Köln im Staatenhaus. Premiere am 12.06.2016

      Brünn 1930: Das Unternehmerehepaar Fritz und Grete Tugendhat lässt sich ein "geräumiges, modernes Haus mit klaren, einfachen Formen" bauen; Architekt: Ludwig Mies van der Rohe. Sohn Ernst wird hier seine Kindheit verbringen. Nach der Annexion des "Sudetenlandes" durch Deutschland entscheidet sich die jüdische Familie, das Land zuverlassen und emigriert in die Schweiz (später nach Südamerika). Das Haus geht nach Beschlagnahmung durch die Gestapo zeitweise in den Besitz des Flugzeugkonstrukteurs Willy Messerschmitt über. Nach der Befreiung wird es u.a. als Krankenhaus und als Turnhalle genutzt. Eine Restitution an die ursprünglichen Eigentümer erfolgte nie.

      Lammermuir Hills, Schottland, um 1700: Unter der Regierung Williams III. ist die Familie Ravenswood in Ungnade gefallen. An ihrem Fall sind vor allem die Ashtons beteiligt, die sich auch das Anwesen der Ravenswoods aneignen konnten und den letzten Sprößling der Ravenswoods in die Verbannung geschickt haben. Nach dem Tod Williams III. verlieren die Ashtons die königliche Protektion und suchen die Verbindung mit den Bucklaws, Aufsteigern unter der neuen Königin.


      Die Parallelen in den Geschichten, die eine wahr, die andere dem Roman "The Bride of Lammermoor" des englischen Erfolgsromanciers Walter Scott entnommen, haben wohl die Regisseurin Eva-Maria Höckmayr bewogen, die Handlung von Donizettis Oper in Mies von der Rohes modernistische Villa im erst besetzten, dann befreiten "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren" anzusiedeln. Christian Schmidt hat das kühl-großartige Gebäude mit seiner imposanten Freitreppe und der enormen Glasfront in einem beeindruckenden Extrakt auf die Bühne des Staatenhauses gestellt. Vor dem Gebäude ein rechteckiger Brunnen, links führt die breite Treppe ins Obergeschoß, wo sich Lucias Zimmer befindet, von dem rechts noch einmal eine kleine Galerie zu einer Tür nach hinten führt. Im Zimmer ein großes, aufdringliches Gemälde einer deutschnational gekleideten Familie; hier haben sich offenbar die Ashtons verewigt. Der Raum verfügt über einen halbdurchsichtigen Vorhang, der per Beleuchtung (Nicol Hungsberg hat in dieser Produktion eine unaufdringliche Meisterarbeit abgeliefert!) undurchsichtig gemacht werden kann; hier erscheinen, wie Schatten der Vergangenheit, immer wieder die Eltern, mal die Ashtons, mal die Ravenswoods, und auch die jüngeren Ichs der Protagonisten selbst. Einige Male werden sie auch mitten im Geschehen auftauchen, die Ravenswoods in modernem Chic der dreißiger Jahre (den auch die erwachsene Lucia trägt), die Ashtons in Dirndl und Janker. Nach der Pause trägt man dann eher amerikanisch orientierten Nachkriegs-Stil (wunderbar stimmige Kostüme von Saskia Rettig).

      In dieser Szenerie tragen die Kinder der Ravenswoods, der Ashtons und der Bucklaws die von der Elterngeneration ererbten Konflikte aus. Glücklicherweise treibt die Regisseurin die Analogie mit der Enteignung jüdischen Besitzes nicht penetrant auf die Spitze, auch wenn in der Anfangsszene ein paar Braunhemden mit Hakenkreuzbinde auftreten. Im Zentrum der Inszenierung stehen aber die persönlichen Konflikte und Beziehungen der Protagonisten. Eine besondere Rolle spielt allerdings Edgardos Verbundenheit zum Haus seiner Eltern: einmal sehen wir den Jungen, wie er fasziniert ist von der Welt des Hauses, in dem er mit seiner Familie lebt; ein andermal, wie er, als die Familie ihr Domizil verlassen muss, sich losreist und zurück die Treppe hochrennt.

      Kompliziert das Verhältnis der Geschwister: da geht es Enrico, wie einer der Rückblenden zu entnehmen ist, um mehr als nur die Sorge um den Erhalt des angeeigneten Besitzes. Und auch Lucia ist, der leidenschaftlichen Liebe zu seinem Todfeind zu trotz, ihrem Bruder in zwiespältiger Weise zugetan. Zwiespältig auch die Rolle Raimondos - auch er möglicherweise Lucia in mehr als nur priesterlicher Zuneigung verbunden, gleichzeitig, wie Enrico, jederzeit bereit, den Status der Ashtons auf seine Weise zu verteidigen. Auch Normanno, bösartig schleimiger Intrigant und Antreiber von Lucias Zwangsverheiratung, wirft begehrlich-provokante Blicke auf Lucia. Alisa schließlich scheint sich Hoffnungen auf Normanno zu machen. Auch sie, zunächst vertraute Freundin Lucias, wendet sich am Ende von ihr ab; sie selbst will eine Braut sein.

      Wie immer, wenn ein Geschehen hinter der Bühne stattfindet, gilt: es könnte auch anders gewesen sein: In dieser Inszenierung Arturos Tod findet auf offener Bühne statt, auch Lucias Tod erleben die Zuschauer mit; und auch mit ihrem Bruder nimmt es kein gutes Ende. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten...

      Das ganze wird darstellerisch großartig umgesetzt, von der Statisterie über den Chor bis zu den Hauptdarstellern. Insbesondere leidet, hofft und fiebert man mit der sich die Seele aus dem Leib spielenden Lucia der Olesya Golovneva mit! Im Adagio-Teil der Wahnsinnsszene lässt diese Lucia all ihre Wut und ihre Enttäuschung heraus, den Ekel vor Normanno, die Verachtung für Raimondo, die Hassliebe für Enrico. Man muss ihr Spiel gesehen haben, wenn sie dann in der Cabaletta augenfällig in den Wahnsinn abdriftet! Leider kann die Sängerin nicht ganz mit der Schauspielrin mithalten. Schon in der Cavatina "Regnava nel silenzio" lässt sie die im Dacapo üblichen Spitzentöne aus; nur einmal (im Duett mit Enrico) lässt sie einen Ton in altissimo hören, der aber farblos und piepsig bleibt. Am Ende der Wahnsinnsarie muss sie für ein paar Takte sogar ganz passen, da bleibt ihr offenbar die Stimme weg. Schwerer noch wiegt, dass ihr der verzierte Gesang häufig nicht recht gelingen will, insbesondere über schnelle Läufe mit steigenden oder abfallenden chromatischen Skalen (durchaus typisch für die Partie) gleitet sie ungenau drüber hinweg. Sängerisch hatte sie wohl nicht ihren besten Tag (ich bin sicher, sie kann es besser); es sei ihr angesichts ihres überragenden Spiels gern verziehen!

      Einen lirico spinto vom feinsten bietet dafür Atalla Ayan als Edgardo! Der Tenor verfügt über ein angenehmes Timbre, es stehen ihm allerdings nicht allzuviele Farben zur Verfügung. Manchmal meint man, er singe mit ein wenig zuviel an Kraft; niemals muss er aber forcieren, und die Stimme bleibt auch in den tiefen Lagen immer präsent. Die Schlussnummer der Oper ("Tu che a Dio spiegasti l' ali") riss das Publikum zurecht zu Begeisterungsstürmen hin. Spielerisch kann er überzeugen, bleibt aber im Vergleich zu Golovneva etwas eindimensional.

      Erstklassige Sängerleistung auch von Boaz Daniel als Enrico, dem es gelingt, den lieben kleinen und den bösen großen Bruder (in Scotts Vorlage sind es zwei Personen) gleichzeitig zu spielen und für den man Mitleid und Ekel gleichzeitig empfindet. Schließlich Henning von Schulmann als Raimondo, vielleicht die schönste Stimme des Abends; auch er ein glänzender Darsteller, changierend zwischen priesterlicher Nächstenliebe einerseits und Bigotterie, Intriganz und Mitmachertum auf der anderen. Taejun Sun gibt als Arturo den erfolgreichen, überheblichen Aufsteiger; beklemmend, wie er Lucia in der Hochzeitsnacht minutenlang sie herablassend fixierend gegenübersitzt. Sängerisch könnte man sich ihn auch als künftigen Edgardo vorstellen. Auf gleich hohem Level Judith Thielsen als Alisa und Ralf Rachbauer als Normanno.

      Das der italienischen Oper vor Aida sonst notorisch wenig zugeneigte Gürzenich-Orchester lief an diesem Abend zu großer Form auf. Das lag sicher nicht zuletzt am insgesamt großartigen Dirigat von Eun Sun Kim, die immer wieder deutlich machte, wie wenig Donizettis Musik irgendwelche Geringschätzung verdient, und wie psychologisch sie an vielen Stellen angelegt ist; und dass es für die üblichen Striche keinen vernünftigen Grund gibt. Hervorzuheben die Begleitung der Wahnsinnsszene mit der originalen Glasharmonika, in perfektem Zusammenspiel mit der Sängerin bedient von Sascha Reckert. Herorragend auch der Chor der Oper Köln unter der Leitung von Sierd Quarré.

      Eine bewegende, hochspannende und durchgängig Herzklopfen machende Produktion, an der Regie, Dirigentin und Solisten gemeinsam und gleichermaßen beteiligt sind! Einige Buhs für die Regie, überwiegend aber großer und für Kölner Verhältnisse lang anhaltender Beifall für alle Beteiligten.
      Bernd

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    • Nachtrag:

      Für Walter Scotts Roman diente eine historische Begebenheit als Vorbild, was Scott selbst in der Einleitung zu seinem Roman berichtet. Dort (wie auch im Roman) überlebt der Bräutigam die Hochzeitsnacht, ist aber nicht bereit, über das Vorgefallene zu berichten. Wer ging da wohl auf wen los?


      Die Villa Tugendhat wurde nach jahrelangen Querelen ab Mitte der 1980er Jahre instand gesetzt, 2001 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen und 2012 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.


      en.wikipedia.org/wiki/The_Bride_of_Lammermoor
      de.wikipedia.org/wiki/Villa_Tugendhat
      tugendhat.eu/en/
      Bernd

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