Bach: Brandenburgische Konzerte

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    • Eusebius schrieb:

      Einige Beispiele sind schon genannt worden.


      Bekannt ist auch die Verarbeitung des Prelude der Partita für Violine solo (!) BWV 1006 in den Kantaten Wir danken dir, Gott, BWV 29 sowie Herr Gott, Beherrscher aller Dinge, BWV 120a.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Ist nicht auch der I. Satz von BWV 1046 als Sinfonia in einer Kantate verwendet worden? Ich weiß aber nicht, welche Kantate das ist und welches Werk zuerst fertigestellt war...


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Josquin Dufay schrieb:

      Ist nicht auch der I. Satz von BWV 1046 als Sinfonia in einer Kantate verwendet worden? Ich weiß aber nicht, welche Kantate das ist und welches Werk zuerst fertigestellt war...

      Vom 1. Brandenburgischen Konzert BWV 1046 gab es eine Frühform (BWV 1046a) ohne Violine Piccolo und nur mit drei Sätzen. Möglicherweise fungierte der 1. Satz von BWV 1046a als Sinfonia für die Kantate BWV 208 "Was mir behagt, ist nur die muntre Jagd" ("Jagd-Kantate"). Diese Kantate komponierte Bach schon im Jahr 1713 und die Orchesterbesetzung dieser Kantate ist mit BWV 1046a identisch. Masaaki Suzuki hat in seiner Aufnahme von BWV 208 den 1. Satz von BWV 1046a als Sinfonia vorangestellt. Eigentlich beginnt die Kantate BWV 208 mit einem Rezitativ, d. h. so ist sie heute überliefert.

      Später benutzte Bach den 1. Satz von BWV 1046a als Sinfonia zur Kantate "Falsche Welt, dir trau ich nicht!" BWV 52, komponiert 1726. In der Glückwunschkantate "Vereinigte Zwietracht der wechselnden Saiten" BWV 207 von 1726 verwendete Bach den 3. Satz von BWV 1046 für den Eingangschor. Allerdings änderte er die Instrumentation um, so dass statt den 2 Hörnern hier 3 Trompeten und Pauken zusätzlich mitspielen.

      Armin

      (Quellen: Booklet-Texte der M. Suzuki-Aufnahmen, BIS-Label)
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Interessanter dürfte noch die Kantate BWV 174 sein, "Ich liebe den Höchsten von ganzem Gemüte". Als Sinfonia dieser Kantate für den Pfingsmontag verwendete Bach den ersten Satz des dritten Brandenburgischen Konzertes wieder, erweitert um zusätzliche Bläserstimmen. Die Kantate ist zum Pfingstfest 1729 in Leipzig entstanden, also lange nach der Fertigstellung der Brandenburgischen Konzerte. Vielleicht hat Josquin ja vorhin diese Kantate gemeint und nur das erste mit dem dritten Konzert durcheinander geworfen.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • ok, ok! Ich seh's ja ein.
      Aber Sinfonia in der Kantate gilt nicht! Da bleibt's ja instrumental. Es muß dann schon ein Vokalsatz daraus geworden sein. Oder was instrumentales aus 'nem Vokalsatz. So wie in Post 100.
      viele Grüße

      Bustopher


      Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenstoßen und es klingt hohl, ist denn das allemal im Buche?
      Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, Heft D (399)
    • Cherubino schrieb:

      Vielleicht hat Josquin ja vorhin diese Kantate gemeint und nur das erste mit dem dritten Konzert durcheinander geworfen.

      Nein, das habe ich definitiv nicht. Ich hatte gerade BWV 52 laufen gelassen, und es ist der I. Satz von BWV 1046.

      Allerdings hast du mich daran erinnert, daß ich den I. Satz von BWV 1048 tatsächlich auch bei den Kantaten gehört hatte - bei BWV 174, wie du schriebst. Läuft jetzt.


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
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      Jean Paul
    • Ich hoffe, es klingt nicht zu arrogant, wenn ich zu Anschaffung eines 'Schmieder' rate: "
      Thematisch-systematisches Verzeichnis der Werke Johann Seb. Bachs
      Dies ist die vollständige Ausgabe mit den Incipits aller Werke; ist allerdings auf dem Stand von 1980, d.h. einige neuentdeckte Opera sind noch nicht enthalten.
      Bei "booklooker.de" für weniger als 20 € erhältlich.
    • It's time to suffer... :D :



      (C) 2003 Gold Classics DCD2505 (2 CDs) [98:54]

      Baroque Studio Orchestra
      Dirigent: Karel Brazda


      Es gibt ja eine erstaunliche Flut von Aufnahmen Klassischer Musik, die grundsätzlich in den Niederungen dubioser Labels verramscht werden. Das Perfideste dabei ist, daß diese ganzen CD-Ausgaben zwar häufig unterschiedliche Namen der Ensembles und Dirigenten aufweisen, sich aber zumeist ein und dieselbe Aufnahme dahinter tummeln. Man kann sich billig mit Werkreihen von DeAgostini, ZYX, Point Classics oder Madacy eindecken und bekommt durchaus komplette Werke in solider Tonqualität geliefert, die aber nur in Ausnahmen auch überdurchschnittlich gut sind (zumeist deshalb, weil sich dahinter bekannte Künstler anonym verbergen). Aber die meisten Einspielungen sind nicht näher recherchierbar: es gibt keinerlei Verzeichnisse von Aufnahmeorte und -daten, die Besetzungen sind Pseudonyme oder reale Personen, die eigentlich nichts mit diesen Aufnahmen zu tun haben. Immer wieder fällt dabei der Name Alfred Scholz als Produzent und Dirigent solcher Produktionen, die er an zig Labels verkauft hatte. Früher als LP, später als CD überfluteten sie die ganze Erde und sind heute als Download im Netz oder als Gebraucht-CDs auf Flohmärkten zu finden.

      Diese Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte gehört ganz gewiß dazu... :D Ich erhielt sie gestern beim Besuch einer sozialen Einrichtung, die Hausrat zum Verkauf oder zum Verschenken anbietet - bezahlt habe ich nichts; und ich habe sie auch nur deshalb genommen, weil die Konzerte komplett vorhanden sind. Ich war neugierig, wie sich diese Aufnahme so macht.

      Das Baroque Studio Orchestra ist mir nicht bekannt, und einen Karel Brazda konnte ich auch nicht ergoogeln. Der Name des Dirigenten taucht aber in jener Liste auf, die sich mit Alfred Scholz beschäftigt. Man hört ein Kammerorchester mit modernem Instrumentarium, welches ohne große Intonationsschwierigkeiten die Konzerte bewältigt (Konzert Nr. 5 hat ein Spinett als Soloinstrument). Die Aufnahme ist in Stereo, hat eine solide Dynamik und wurde sehr kompakt abgemischt. Mir scheint, daß es trotz der Angaben (DDD) eine Analogaufnahme ist, die wohl Ende der 1970er Jahre irgendwo im Ostblock (CSSR?) entstand; als solche klingt sie recht gut. Die erste CD-Ausgabe war diejenige von PILZ (1988); danach wanderte sie durch mindestens ein Dutzend weiteren Labels.

      Die Konzerte sind mit 99 Minuten nicht übermäßig langsam - allerdings fehlt bei III/3 die Wiederholung. Das Tempo wirkt nie lahm, in Nr. 1 sogar richtig flott und lebendig. Die Mittelsätze sind langsam angelegt. Das Spiel bleibt eher unscheinbar, doch handwerklich immer akkurat umgesetzt. Das ist Bach ohne Ecken und Kanten, für einen ungeübten Hörer sicherlich gut anhörbar, für einen Kenner aber doch zu austauschbar. Nach einem tiefergehenden Konzept sollte man nicht suchen, doch dafür gibt es ja mehr als genug Alternativen, die einen glücklicher machen.

      Fazit: keinesfalls miserabel gespielt, aber es gibt bessere Einspielungen. Okay... :|


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
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      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul


    • (P) 2006 Brilliant Classics (2 CDs) [92:44]
      rec. Mai & Juni 2006 (Lokhorstkerk, Leiden)

      Solisten:
      Rémy Baudet (Violino piccolo Nr. 1, Violine Nr. 2-5)
      Frank de Bruine (Oboe Nr. 1 & 2)
      Teunis van der Zwart & Erwin Wieriga (Horn Nr. 1)
      Willam Wroth (Trompete Nr. 2)
      Pieter-Jan Belder (Blockflöte Nr. 2 & 4, Cembalo Nr. 5)
      Sayuri Yamagata (Violine Nr. 3, Viola Nr. 6)
      Irmgard Schaller (Violine Nr. 3)
      Staas Swierstra (Viola Nr. 3 & 6)
      Marten Boeken & Mariëtte Holtrop (Viola Nr. 3)
      Rainer Zipperling, Richte van der Meer & Albert Brüggen (Violoncello Nr. 3)
      Saskia Coolen (Blockflöte Nr. 4)
      Wilbert Hazelzet (Traversflöte Nr. 5)
      Lucia Swarts (Violoncello Nr. 6)
      Mieneke van der Velden & Johannes Boer (Viola da gamba Nr. 6)

      Musica Amphion

      D: Pieter-Jan Belder

      Für die 2006er Ausgabe der Complete Edition hat Belder die Brandenburgischen Konzerte aufgenommen, die seitdem in allen GAs von Brilliant Classics zu finden sind. Es gibt manchmal kritische Stimmen zu den GAs, die die Eigenaufnahmen dieses Labels als zu hastig oder zu minderwertig bezeichnen, aber in diesem Fall werden alle Bedenken vom Tisch gefegt. Ich zähle diese Aufnahme durchaus zu denjenigen, die man als Standalone empfehlen kann.

      Schnelles Tempo, lebendige Agogik, solistische Besetzung, transparenter Klang und vorzügliche Solisten - das sind die Hauptkennzeichen von Brilliants Eigenproduktion. Generell sind die I. Sätze sehr schnell, aber präzise umgesetzt, ohne daß sie dabei zu hektisch oder zerfasert wirken. In den Mittelsätzen wird nichts in die Länge gezogen, und die Abschlußsätze peilen stets eine aufgeweckte Atmosphäre an. Der IV. Satz des Konzerts Nr. 1 - mein persönlicher Lackmus-Streifen, wenn es darum geht, eine geeignete Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte zu beurteilen - ist gut austariert mit mittlerem Tempo und leicht swingendem Duktus.

      Alle Solisten an Violine, Oboe, Hörner, Cembalo usw. sind Könner mit viel Sinn für Klangfarben und virtuosem Zusammenspiel. Manchmal wirkt das Gefüge fragil und empfindlich, doch nie zerreißt dieses Netz, sondern paßt sich elastisch allen Ziehkräften an.

      Die Klangqualität läßt alle Instrumente nachvollziehbar erklingen und präsentiert dennoch einen geschlossenen Gesamtklang des Ensembles. Ein leichter Hall gibt der Klangbühne Tiefe. Die Abstimmung der Instrumente zueinander ist vorzüglich.

      Fazit: It's no time to suffer - it's a Knaller... :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1: :verbeugung1:


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Wurde diese Version schon erwähnt?
      Ein "Knaller" vielleicht nicht unbedingt, aber - für Freunde gezupfter Gitarrenklänge definitiv eine Ohrenfreude!
      Das Amsterdam Guitar Trio hat die Brandenburger Konzerte für meine Ohren sehr gelungen für Gitarre transkribiert, teilweise mit Cembalo-Begleitung.

      Hier zum Einhören: "https://www.youtube.com/watch?v=T4N9QbV6kiM&index=4&list=PLiJnN4bTWJ12QJo4TRr7p43etfKDbwDT9"




      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...



    • Da es offenbar kein Unterforum zum Tanztheater gibt, bzw ich es nicht gefunden habe, poste ich hier eine etwas andere Aufführung der Brandenburgischen Konzerte, die ich vor Kurzem selbst an der Opera de Lille besucht habe:
      Les Six Concertos Brandebourgeois

      Chorégraphie Anne Teresa De Keersmaeker

      Musique Johann Sebastian Bach
      Six Concertos Brandebourgeois BWV 1046-1051
      Direction musicale Amandine Beyer
      Scénographie et lumières Jan Versweyveld
      Costumes An D’Huys
      Dramaturgie Jan Vandenhouwe

      Avec
      Boštjan Antončič, Carlos Garbin, Frank Gizycki, Marie Goudot, Robin Haghi, Cynthia Loemij, Mark Lorimer, Michaël Pomero, Jason Respilieux, Igor Shyshko, Luka Švajda, Jakub Truszkowski, Thomas Vantuycom, Samantha van Wissen, Sandy Williams, Sue-Yeon Youn

      Orchestre B’Rock
      Violon Amandine Beyer (solo), Jivka Kaltcheva, Vadym Makarenko (23 et 24 mai) David Wish (25 et 26 mai)
      Alto Manuela Bucher, Luc Gysbregts, Marta Páramo
      Violoncelle Rebecca Rosen, Frédéric Baldassare, Julien Barre
      Viole de gambe Frédéric Baldassare, Julien Barre
      Contrebasse et violone Tom Devaere
      Flûte traversière Manuel Granatiero
      Hautbois Jon Olaberria, Benoit Laurent, Stefaan Verdegem
      Basson Benny Aghassi
      Trompette Bruno Fernandes
      Cor Bart Aerbeydt, Mark De Merlier
      Flûte à bec Bart Coen, Benny Aghassi
      Clavecin Anna Fontana
      Annonces Lav Crnčević
      Chien Ayla 3000


      Ich schätze Anna Teresa de Keersmaker sehr, aber diesmal war ich etwas enttäuscht. Am Anfang fand ich die modernisierten Menuette der durchgehend schwarzbekleideten und geschlechtsunspezifischen bzw vermischten Tänzer der Rosas ja noch originell aber diie Ideen sind ihr allerspätestens nach dem 4. Konzert ausgegangen. Da halfen auch eingestreute akrobatische Einlagen nicht weiter und man konnte dann genausogut die Augen schliessen und dem BRockenden Orchester zuhören, dessen Blechbläser leider öfter mal etwas Probleme mit ihren Instrumenten hatten, die aber insgesamt poppiger waren als die Choreographie. Gut, dass Bachs Musik immer die Oberhand behält und nicht kaputtzukriegen ist. Schade um die tolle Chance, diese Musik in Bewegung umzusetzen. :fee:
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • FairyQueen schrieb:

      Schade um die tolle Chance, diese Musik in Bewegung umzusetzen.
      ..., was hier im Hinblick auf die MP, jedenfalls nach meinem Eindruck, ganz besonders gut gelungen ist:



      Gaechinger Cantorey
      Hans-Christoph Rademann

      Gerlinde Sämann, Sopran
      Isabel Jantschek, Sopran
      Benno Schachtner, Alt
      Benedikt Kristjánsson, Tenor (Evangelist)
      Paul Schweinester, Tenor
      Krešimir Stražanac, Bass (Jesus)
      Peter Harvey, Bass

      Students from schools in the Stuttgart region
      Ensemble VivaTanz!

      Friederike Rademann, idea, choreography and artistic direction

      Accentus

      Musik und Ausdruckstanz präsentieren sich in einem, jedenfalls für mein Empfinden, außerordentlich beeindruckenden Dialog. Die Jungs und Mädels aus Stuttgart und Umgebung (teilweise auch aus Minden - Ratsgymnasium) geben ihr Bestes, um diesem Großwerk der barocken Musikliteratur eine zusätzliche Dimension zu verleihen, sozusagen fleischgewordene Musik, nein, besser Emotion. Teilweise war ich, das muss an dieser Stelle auch einmal gesagt werden, zu Tränen gerührt, :heul1: .
    • Proto-HIP:



      (P) 1953 Supraphon 23291/302 (12x 78er, 30cm) [108:11]
      rec. 1950 (Casino Baumgarten, Wien)

      Wiener Kammerorchester
      D: Josef Mertin

      Diese Aufnahme entstand unter Schirmherrschaft von Josef Mertin (1904-1998), der sich seit Beginn der 1930er Jahre in Wien mit der Aufführung Alter Musik beschäftigte und dabei auch die Instrumente in Betracht zog, die man in den vergangenen Zeiten spielte. Er sammelte alte Instrumente, führte eine Konzertreihe ein und unterwies Studenten in die Geheimnisse der alten Boliden. Und diese Tätigkeit trug immense Früchte: unter den Schülern befanden sich in den Jahren um 1950 immerhin Eduard Melkus, Alice Hoffelner, Nikolaus Harnoncourt, Gustav Leonhardt oder Jörg und Elisabeth Schaeftlein. Und die Profis wissen, womit wir es mit denen zu tun haben... :pfeif:

      Supraphon hatte in der Nachkriegszeit einen offenen Draht nach Wien, wo man billig Musik aufnehmen konnte, und sie standen Mertins Konzept, zum 200. Jubiläum von Bachs Todestag eine besondere Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte zu produzieren, aufgeschlossen gegenüber. Mertin hatte sich vorgenommen, die Konzerte mit der originalen Besetzungsstärke und den alten Instrumenten einzuspielen; er stellte dazu ein Orchester zusammen, welches aus Mitgliedern des Wiener Kammerorchesters und seinen Studenten bestand. Leider ist nicht überliefert, wer im Ripieno sitzt und wer die Solisten konkret sind. Auch das Aufnahmejahr ist eine grobe Angabe, und es läßt sich nicht mehr sagen, ob die Aufnahmen am Stück waren oder je nach Konzert verteilt stattfanden.

      Wenn man sich nun diese Aufnahmen anhört, so fühlt man sich doch recht stark an Harnoncourts Einspielung von 1964 erinnert. Natürlich klingt das hier nicht so stabil wie über zehn Jahre später, aber für ein Ensemble, welches die Konzerte noch nie zuvor in diesem Idiom gespielt hatte, war das doch sehr ordentlich. Wenzingers Einspielung, die zur gleichen Zeit begonnen wurde, hatte mit deutlich mehr musikalischen Problemen zu kämpfen, war aber ein Ticken zügiger gespielt worden.

      Mertins Tempi sind langsam, etwas tranig sogar, bleiben aber stetig. Die Durchhörbarkeit und Abstimmung der Instrumentengruppen zueinander ist dagegen schon sehr gut, die Solo-Instrumente sind immer klar im Vordergrund. Der Apparat ist reduziert auf vielleicht insgesamt maximal zwei Dutzend Spieler und bemüht sich, den Klang nicht zu überladen. Dennoch erscheint mir, daß manche Sätze sehr übermäßig artikuliert gespielt werden. Es ist außerdem gut möglich, daß einige Instrumente (z.B. die Trompete in Konzert Nr. 2) dennoch moderne Bauten sind, da man die originalen vielleicht nicht zur Verfügung hatte oder niemand sie überzeugend spielen konnte.

      Mertin beachtet auch ganz klar die Wiederholungen: so ist III/3 eben nicht auf eine Schellackseite beschränkt, wie es bei früheren Einspielungen gerne gemacht wurde, und I/4 ist so ausgewalzt, daß es drei Seiten einnimmt. Man spürt förmlich, wie sich Mertin darum bemüht, alles Wichtige zu beachten, um den Hörer ein neues Hörerlebnis zu bescheren, damit er die Alte Musik in einer passenden Klanglichkeit genießen kann. Über weite Strecken geht das auch gut, besonders die langsamen Sätze kommen gut weg - nur wirkt die ganze Einspielung in ihrer Gesamtheit doch zu akademisch, um z.B. die Busch Chamber Players wegzufegen.

      Es ist einfach so: in dieser frühen Zeit waren viele HIP-Aufnahmen einfach Experimente und hatten noch nicht die Sicherheit, die sie bedurften, um sich an ihnen zu erfreuen. Mertin hatte einen wichtigen Schritt getan, doch es gab noch Vieles zu erproben und zu verbessern.

      Supraphon veröffentlichte die zwölf Schellacks im Jahre 1953 - ob es später eine LP-Ausgabe gab, kann ich nicht sagen; gefunden habe ich keine. Es kann gut sein, daß ihre Verbreitung sehr gering war, denn in relativ kurzer Zeit folgten weitere Einspielungen, die sicherlich besser ankamen, obwohl sie kaum HIP-besetzt waren. Jascha Horenstein nahm 1954 einen Zyklus auf, Otto Klemperer ließ die Konzerte 1960 groß besetzt durchspielen, ein Karajan versuchte sich auf an 1965 ihnen... :S Jedenfalls gab es Alternativen, die eleganter klangen, flüssiger gespielt waren, wuchtiger wirkten. Da blieb wenig Platz für Mertins Versuch. Es ist wohl wirklich kein Zufall, daß diese Aufnahmen erst 2016 komplett auf CD vorlagen, 63 Jahre nach Erstveröffentlichung.

      Supraphon präsentiert aber eine Doppel-CD, die sich zum Glück nicht mit halben Sachen begnügt: das 36seitige Booklet enthält einen ausführlichen Text über die beteiligten Musiker und die Entstehung der Aufnahmen, soweit man es noch rekonstruieren konnte (in mehreren Sprachen, darunter auch in Deutsch). Die Aufnahmen wurden von Schellacks digitalisiert, klingen aber erstaunlich voll und präzise, mit sehr leisen Laufgeräuschen und kaum Hintergrundrauschen; die gelegentlichen Imperfektionen im Signal sind nicht der Rede wert.

      Das ist eine sehr gut remasterte Edition mit einer starken Präsentation einer lange vergessenen Einspielung. Über die Interpretation mag man sich streiten, aber über ihre historische Bedeutung nicht. Für jemand wie mich, der auch an historischen Aufnahmen Alter Musik interessiert ist, ist das schon eine feine Sache, denn man kommt an sowas nicht immer leicht heran.

      Fazit: außer Konkurrenz, aber dennoch faszinierend... :jaja1:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
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