Sergei Prokofjew - zu wenig geschätzt?

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    • Sergei Prokofjew - zu wenig geschätzt?

      Anlaß für die Themenfrage bietet eine Diskussion, die eigentlich Schostakowitsch betrifft, genauer: dessen 5. Symphonie, komponiert 1936/37 mitten in der Zeit des Stalinismus Schostakowitsch: 5. Sinfonie in d-moll op. 47. Bei Schostakowitschs Werken wird ja gern und heftig - im Forum an mehreren Stellen nachzulesen - dessen Haltung zur Sowjetunion, so wie sie sich in den 1930ern/40ern unter Stalin entwickelt hat, thematisiert, mit kontroversen Akzenten.

      Merkwürdigerweise lese ich über solche Beziehungen Musik-Politik viel weniger bei Sergei Prokofjew, obwohl dieser ebenso Anlaß bieten könnte wie Schostakowitsch. Im Unterschied zu diesem war jener 1918 nach der Oktoberrevolution aus Rußland emigriert, zunächst in die USA; ab 1920 lebte er dann meistens in Frankreich. Doch Mitte in den 1930er, eben zu der Zeit, als die Schostakowitsch-Stalin-Geschichte begann, mit den für Schostakowitsch so lebensbedrohlich werdenden Zuständen, war es Prokofjew, der freiwillig in die UdSSR zurückkehrte, um dort bis zu seinem Lebensende - bekanntlich starb er dort am selben Tag und Ort wie Stalin am 5. März 1953 in Mokau.

      Ein Prokofjew-Kenner bin ich nicht. Daher nur ein paar Daten zum Komponisten als Grundlage für weitere Überlegungen. Es gibt anscheinend drei Phasen in dessen werk, a) eine russische Phase bis zur Emigration 1918, b) eine Phase des Exils, c) eine Phase ab ca. 1936 bis zum Lebensende in Moskau.

      Gelesen habe ich mehrfach, daß sich mit dem Übergang von Phase b zu Phase c auch eine Änderung in der Tonsprache Prokofjews zeigt: weg von einer wilden, dissonanten Musik hin zu einer eher harmonisch ausgerichteten, allgemeinverständlicheren Musik. Ähnliches läßt sich wohl bei Schostakowitsch beobachten, etwa beim Übergang von der 4. zur 5. Symphonie.

      Falls man dies so sieht (möglicherweise lehne ich mich mit dieser Parallelisierung zu weit hinaus?), ergibt sich ein auffälliger Unterschied: Prokofjew begab sich freiwillig in den Herrschaftsbereich Stalins; in Europa oder Amerika hätte er auch ganz andere Möglichkeiten gehabt, jedenfalls wäre das für ihn einfacher gewesen als etwa für Schostakowitsch eine Emigration in den Westen.

      Schwierigkeiten bekam auch Prokofjew in der UdSSR, mußte sich dort dem Vorwurf des "Formalismus" aussetzen, was unter Stalin bekanntlich gefährlich war!

      Soweit in aller Kürze. Der Thread versteht sich als allgemeiner Thread zum Komponisten Prokofjew und zu seinem Werk, das mit dem Schostakowitschs verglichen werden kann - aber auch in sich, wie ich meine, hinreichend umfassend und wertvoll ist, um als eigenes Thema diskutiert zu werden.

      Etwas Persönliches noch: Ich mag Prokofjews eigenartige und merkwürdige Art plötzlicher harmonischer Rückungen, die dem Hörer oft ganz feine, doch auffällige und schnelle Perspektivenwechsel bieten, etwa in der Symphonie classique (1916/17) und im Ballett Romeo und Julia (1935/36). Da gibt es Stellen, die mir ganz unverwechselbar und charakteristisch erscheinen. Außerdem schätze ich die letzten Symphonien (Nr. 6 und 7) in ihren düsteren Art.

      Die Oper Die Liebe zu den drei Orangen (1919) habe ich vor Jahren in einer schönen Aufführung in Stuttgart erlebt. Prokofjews Kammermusik kenne ich so gut wie gar nicht, da lasse ich mich gern auf Empfehlungen ein.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Lieber Gurnemanz,

      vielen Dank für diesen Thread! Diese (relative) Vernachlässigung Prokofjews scheint - wie von Kater Murr in jenem anderen Thread erwähnt - tatsächlich eine neuere Entwicklung zu sein. Prokofjew war recht schnell beliebt in Europa und v.a. den USA, scheint aber erstens seine Heimat vermisst und zweitens unter der Bevorzugung anderer Komponisten (v.a. Strawinskys) gelitten zu haben. Die Rückkehr, der eine mehrjährige "Verhandlungszeit" vorherging, scheint tatsächlich nicht ohne einen gewissen Ehrgeiz, zumindest in der Heimat die Nr. 1 sein zu können, erklärbar. Das alles geschah noch in der frühen Stalinzeit, d.h. in einer Periode relativer künstlerischer Freiheit. Später hat er seinen Entschluss sicher bereut, denn er fiel noch mehr in Ungnade als Schostakowitsch.

      Ich persönlich mag v.a. den frühen Prokofjew ganz besonders, aber auch einige Werke aus der Stalinzeit (etwa die 5. oder 6. Symphonie). Faszinierend finde ich Prokofjews Instrumentierungen in seinen Orchesterwerken, die so viel groteske Farbigkeit ausstrahlen.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Ich muss eingestehen, dass ich kaum mit der Musik Prokofiews bisher zu tun hatte. Seine Sinfonien hatte ich mal mit Ozawa, die ich dann gegen die GA unter Rostropowitsch eingetauscht hatte. Doch gehört habe ich diese Aufnahmen schon ewig nicht mehr. Komischerweise habe ich auch kein Bedürfnis, diese mal wieder zu hören. Warum das so ist, kann ich gerade nicht erklären. Vermutlich konnte ich damit wenig anfangen.

      Manchmal fehlt halt der Bezug zu diversen Komponisten. Das sehe ich aber nicht als Problem an, sondern als momentanen Stand, der sich eines Tages ja ändern kann.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Felix Meritis schrieb:

      vielen Dank für diesen Thread!
      Gern geschehen!
      Prokofjew war recht schnell beliebt in Europa und v.a. den USA, scheint aber erstens seine Heimat vermisst und zweitens unter der Bevorzugung anderer Komponisten (v.a. Strawinskys) gelitten zu haben.
      Daß Prokofjew so etwas wie Heimweh empfand, habe ich verschiedentlich gelesen. Was das Leiden unter der (wirklichen?) Bevorzugung Strawinskys u. a. m. angeht: Gibt es da Quellen, z. B. entsprechende Äußerungen Prokofjews?
      Die Rückkehr, der eine mehrjährige "Verhandlungszeit" vorherging, scheint tatsächlich nicht ohne einen gewissen Ehrgeiz, zumindest in der Heimat die Nr. 1 sein zu können, erklärbar. Das alles geschah noch in der frühen Stalinzeit, d.h. in einer Periode relativer künstlerischer Freiheit. Später hat er seinen Entschluss sicher bereut, denn er fiel noch mehr in Ungnade als Schostakowitsch.
      Ist das alles so? Jedenfalls siedelte Prokofjew endgültig 1936 wieder in die UdSSR um, da war die frühe Stalinzeit einschl. relativer künstlerischer Freiheit längst vorüber, vgl. auch die Geschichte mit Schostakowitschs Lady Macbeth, der berühmte Skandal mit der Absetzung fand just im Januar 1936 statt. Prokofjews letzte Reise ins westliche Ausland war 1938 (wenn ich Wikipedia glauben darf, natürlich ist das nicht unbedingt zuverlässig). Das bedeutet: Ihm muß klar gewesen sein, in welches Klima er sich da freiwillig begeben hatte. Hat er das später tatsächlich bereut?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Vielen Dank lieber Gurnemanz.

      Ich möchte auch zunächst meine Relation zu den Werken Prokofjews erklären. Auch ich bin keineswegs ein Experte, und kenne nur einen sehr kleinen Teil seines Werkes. Nach einer langen Phase Beethoven, Chopin, Rachmaninow und Skriabin hatte ich das dringende Gefühl, ich bräuchte etwas "neues". Ich hatte damals eine CD mit verschiedenen Klavierstücken gespielt von Glenn Gould erworben (gab es damals eine Verfilmung?). Da war u. a. der dritte Satz seiner 7. Klaviersonate drauf. Die fand (und finde) ich ganz fantastisch. Lange vorher hatte ich als Unikum auch schon die Orchestersuite von Romeo und Julia, die Suite zur "Liebe zu den drei Orangen", "Leutnant Kishe" , die mir auch sehr gefielen. Die Sinfonie Classique kannte ich natürlich auch. Davon motiviert hörte ich mich in die Klavierkonzerte Prokofjews ein. Kurze Zeit später hörten wir das Zweite Klavierkonzert in der Hamburger Musikhalle. Hervorragend! Dazu gesellten sich die Klaviersonaten 6, 7 und 8. Die Achte habe ich dann auch mal mit Ashkenazy in der Hamburger Musikhalle erlebt. Danach wagte ich mich dann an die Sinfonien. Auch Romeo und Julia (Dutoit). Die hörte ich alle über einen Zeitraum von wenigen Monaten sehr gerne. Besonders hatte es mir die Sechste angetan (Ashkenazy/Cleveland). Ich liebte auch Abbados Einspielung von "Alexander Newski". Diese beschriebene, intensive Prokofjewphase dauerte etwa ein 3/4 Jahr. Ich möchte diese Zeit nicht missen. Weil ich las, dass die Sechste viel Affinität zu Schostakowitschs Sinfonik hat, kaufte ich mir Schostakowitschs Achte (Ashkenazy, RPO), meine erste Schostakowitsch CD überhaupt. (Sommer 1995.) Damals begann damit meine Schostakowitsch-Euphorie, die auch immer noch nicht beendet ist. Prokofjew geriet mehr und mehr in den Hintergrund. In dieser Übergangsphase gab es noch tolle Konzerte in der Musikhalle: etwa mit Jansons und den St. Peterburgen, u. a. irgendein Orchesterwerk Propkofjews (evtl. Romeo und Julia?), aber insbesondere Kurt Sanderling mit der Sechsten. Viel später habe ich natürlich auch noch weitere Werke live kennengelernt, etwa die Fünfte, die Oper "Liebe zu den drei Orangen" (Deutsche Oper Berlin), das 2. Violinkonzert,... Ich liebte auch Abbados Einspielung von "Alexander Newski". Ich habe DVDs von den Opern "Liebe zu den drei Orangen" (Aix en Provence), "Der Spieler" (Gergiew), dem Ballett "Cinderella" (Zürich).

      Noch immer hat Prokofjew einen hohen Stellenwert bei mir. Allerdings höre ich ihn privat recht selten. Warum ist das so?

      Hier mal die Kurzfassung (noch Baustelle): Offenbar hat mir Schostakowitschs Musik, und hier (zunächst) in erster Linie die Sinfonik, mit der ich began, mehr gegeben als die von Prokofjew. (Mit Ausnahme Proks Sechster.) Schwierig zu beschreiben, warum. Aber es ist wohl so, dass mich die Sinfonien (also viele) Schostakowitschs emotional mehr angesprochen und berührt haben. Das ist rein subjektiv. Klar, Emotionen sind immer subjektiv, und bedürfen im Grunde keiner weiteren Erklärung. Aufgrund dieser subjektiven Empfindungen ist es auch so, dass ich persönlich Schostakowitsch Musik für "tiefer", für "aufrichtiger" halte. (Wie gesagt, das ist meine subjektive Empfindung!!!) Erst viel später haben sich für mich im Werk Schostakowitschs neue Welten erschlossen, bedingt auch durch persönliche Lebensereignisse, durch intensive Beschäftigung mit dem Spätwerk Schostakowitschs, und meiner Öffnung zu Vokalwerken (etwa die Blok-Lieder Op. 127, die 14. Sinfonie) und Kammermusik. In der Tat empfinde Schostakowitschs Streichquartette als nicht weniger emotional als seine Sinfonien, allerdings deutlich intimer. All dies habe ich bei Prokofjew nicht gefunden (allerdings auch nicht wirklich gesucht). Und heute höre ich lieber Weinberg, Schnittke oder Schtschedrin, wenn ich neues hören will.

      Okay, das mal als spontaner Versuch...

      maticus
      Bartolo hatte Recht. --- Andreas März
      This is Bartolo, King of the King of Wines. --- Alan Tardi
    • Lieber Gurnemanz,

      Dank auch von meiner Seite für den Thread- aber antworten kann ich selbst nicht recht.
      Prokofjews Musik ließ mich schon immer unberührt zurück, ich empfand ihn als "Wechselwesen", "Fähnchen im Wind", ohne wirklich eigenen Standpunkt und Musiksprache. Ausnahme ist ein Mitschnitt der Ersten mit Szell, die so pointiert nicht "klassizistisch" ist, sondern "klassisch".
      Aber sonst? Die Emigration, die Rückkehr aus Heimweh...das unterscheidet ihn von DSCH, der niemals die UdSSR verlassen hätte, wie er selbst zugibt.
      Wobei das nur sehr bedingt mit Musik zu tun hat, ich weiß.

      Es mag sich seltsam lesen und ist auch nicht begründbar, weil mein Empfinden: Prokofjews Musik wirkt auf mich lärmig und sentmental, die DSCHs nur dann, wenn er absichtlich mal wieder mit Humor und Lärm spielt. Gerade der Vergleich des jeweils zweiten Klavierkonzerts widerspricht meiner Sicht völlig- und doch empfinde ich den langsamen Satz DSCHs als "echt empfunden", den Prokofjews als Show.

      Sorry, auch "Baustelle", näher komme ich nicht ran an eine "Analyse" im Moment, was Unterschiede und Gemeinsamkeiten angeht.
      Meine Meinung also ist schlicht unbrauchbar.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Hempel schrieb:

      Meine Meinung also ist schlicht unbrauchbar.
      Nein, ich glaube, dass das durchaus typisch ist für den heutigen Klassikhörer, Schostakowitsch als "tiefer empfunden" zu hören und ihn deshalb mehr zu mögen.
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Gurnemanz schrieb:

      Daß Prokofjew so etwas wie Heimweh empfand, habe ich verschiedentlich gelesen. Was das Leiden unter der (wirklichen?) Bevorzugung Strawinskys u. a. m. angeht: Gibt es da Quellen, z. B. entsprechende Äußerungen Prokofjews?
      In Thomas Schipperges Biographie (rororo) wird das zumindest wiederholt thematisiert. In Paris konnte sich Prokofjew gegen Strawinsky z.B. überhaupt nicht durchsetzen und blieb insgesamt nur mäßig erfolgreich. Auch in den USA wurde der "Pianist" Prokofjew dem "Komponisten" Strawinski gegenübergestellt.

      Bezüglich der Rückkehr: ja, in 1936 war der Wind schon recht rauh, aber die wirklichen Verfolgungen begannen kurz nach Profjews Rückkehr. Später, vor allem in der Zeit Schdanows, wurde Prokofjew ausgegrenzt und erhielt kein Geld - was eine potentiell lebensbedrohliche und demütigende Erfahrung war.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • putto schrieb:

      Hempel schrieb:

      Meine Meinung also ist schlicht unbrauchbar.
      Nein, ich glaube, dass das durchaus typisch ist für den heutigen Klassikhörer, Schostakowitsch als "tiefer empfunden" zu hören und ihn deshalb mehr zu mögen.
      Stimme putto hier zu, d. h., widerspreche Hempel, wenn er seine eigene Meinung als "unbrauchbar" bezeichnet. ;)

      Mich erinnert die Dichotomie "echt empfunden" (Schostakowitsch) vs. "Show" (Prokofjew) an ähnliche Urteile wie "tief" (deutsche Musik) vs. "flach" (französische Musik). Bei aller Skepsis gegen solche plakative Zuschreibungen, von mir plakativ auf den Punkt gebracht: Sie verraten durchaus etwas über unterschiedliche musikalische Konzeptionen, den Werken mehr oder weniger inhärent. Bezogen auf Prokofjew: Ich lasse mich von dessen "Show", d. h., das Trachten nach Wirkung aufs Publikum (z. B. in Romeo und Julia), gern berühren, während ich bei Schostakowitschs Trachten nach Selbstausdruck, etwa in seiner 5. Symphonie, eher kühl reagiere.

      Um die benannte Dichotomie etwas zu verwirren: Wenn man etwa Prokofjews 7. Symphonie mit Schostakowitschs 1. Symphonie vergleicht, ist vermutlich eher jener der "echt Empfindende" und dieser der "Showmaster"!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Hempel schrieb:

      Dank auch von meiner Seite für den Thread- aber antworten kann ich selbst nicht recht.
      Prokofjews Musik ließ mich schon immer unberührt zurück, ich empfand ihn als "Wechselwesen", "Fähnchen im Wind", ohne wirklich eigenen Standpunkt und Musiksprache.
      Als "Wechselwesen" kann man fast alle Komponisten des 20. Jahrhunderts bezeichnen, da es ja keine Stildominanz wie im 19. Jahrhundert mehr gab. Prokofjew sticht da mMn keinesfalls hervor. Dasselbe trifft nämlich auf Bartók, Hindemith, Strawinski (auf den überhaupt), Schönberg und ja sogar Schostakowitsch zu. Eine eigene Musiksprache höre zumindest ich bei Prokofjew dennoch eindeutig heraus.

      Bei der Authentizität von Emotionen kann es keine objektive Bewertung geben. Ich halte weder Schostakowitsch noch Prokofjew für "Heuchler". Allerdings interessiert mich dieser Aspekt an Musik nicht so sehr. Mich interessiert mehr, welche Emotionen Musik bei mir auslöst. Und da können scheinbar "objektive" l'art-pour-l'art Werke bei mir mehr auslösen als eine Schmachtfetzen spätromantischer Prägung.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Gurnemanz schrieb:

      Mich erinnert die Dichotomie "echt empfunden" (Schostakowitsch) vs. "Show" (Prokofjew) an ähnliche Urteile wie "tief" (deutsche Musik) vs. "flach" (französische Musik). Bei aller Skepsis gegen solche plakative Zuschreibungen, von mir plakativ auf den Punkt gebracht: Sie verraten durchaus etwas über unterschiedliche musikalische Konzeptionen, den Werken mehr oder weniger inhärent
      Lieber Gurnemanz,
      sie verraten auch viel über den Hörer!

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Felix Meritis schrieb:

      Bezüglich der Rückkehr: ja, in 1936 war der Wind schon recht rauh, aber die wirklichen Verfolgungen begannen kurz nach Profjews Rückkehr. Später, vor allem in der Zeit Schdanows, wurde Prokofjew ausgegrenzt und erhielt kein Geld - was eine potentiell lebensbedrohliche und demütigende Erfahrung war.
      Danke für die Erläuterung! Klingt plausibel, wobei es vermutlich schwer, vielleicht unmöglich zu beurteilen ist, warum Prokofjew nach seiner letzten Auslandsreise 1938 (?) dennoch in die UdSSR zurückkehrte. Da waren schließlich die Stalinschen "Säuberungen" bereits voll im Gange.

      Wie auch immer: Für mich zählt, unabhängig vom Stalinismus, was Prokofjew musikalisch machte. Ebenso bei Schostakowitsch.

      :wink:
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      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Hempel schrieb:

      Gurnemanz schrieb:

      Mich erinnert die Dichotomie "echt empfunden" (Schostakowitsch) vs. "Show" (Prokofjew) an ähnliche Urteile wie "tief" (deutsche Musik) vs. "flach" (französische Musik). Bei aller Skepsis gegen solche plakative Zuschreibungen, von mir plakativ auf den Punkt gebracht: Sie verraten durchaus etwas über unterschiedliche musikalische Konzeptionen, den Werken mehr oder weniger inhärent
      Lieber Gurnemanz,sie verraten auch viel über den Hörer!

      Was denn, lieber Hempel? Was verraten diese Zuschreibungen, Prokofjew (oder Schostakowitsch) betreffend, über den Hörer?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann
    • Lieber Felix Meritis,

      Deine Antwort ist zu komplex, als dass ich daraus zitieren wollte.

      Natürlich ist gerade Strawinsky das lebendigste "Wechselwesen" von allen Genannten.
      Aber hat er nicht etwas Telemann'sches? Stile und Moden prägen statt ihnen zu folgen?

      Strawinskys Auseinandersetzung mit "Alter Musik" läuft- aus meiner Sicht- nicht auf den Neoklassisismus eines Hindemith hinaus, sondern auf eine eigene Musiksprache, die sich zu erweitern trachtet. Die späten atonalen Chorwerke, die sich aus Gesualdo begründen, widersprechen dem, was Strawinsky selbst zuvor propagierte.
      Sein "Rakes Progress" ist Auseinandersetzung mit Barockoper, die "Pulcinella" ebenso- aber Übergang, Suchen.
      Wenn es jemanden gibt, der ein "selbstverleugnendes Chamäleon" sein könnte, dann Strawinsky.
      Ist nicht spannend, dass es Hindemith war, der Monteverdi und andere im "originalen" Klanggewand auzuführen suchte, die frühesten Harnoncourt- Aufnahmen stammen aus diesen Begegnungen.
      Strawinsky hingegen hat stets umformuliert, "Neue Musik" geschaffen- vielleicht mit dem Vokabular der "Alten", aber doch mit eigener Syntax, eigenen Mitteln.
      Das hat er mit Telemann gemein.

      Und jetzt völlig OT: die für mich erhellendsten Werke des DSCH sind seine Bearbeitungen. Die ganz späten vor allem, da instrumentiert er Scarlatti- Sonaten für Bläser.
      Kein "Als ob" wie bei Prokofiew, sondern eine notengetreue Instrumentierung, die dennoch geradezu glucksenden Spaß hören lässt.
      Spielfreude. Weitaus ungebrochener als alles, was Prokofjew als Reminiszenz an Haydn& Co. schreibt.

      Drücke ich mich verquer aus? Dann liegt das daran, dass ich mal wieder CPEBach höre......sorry.
      Herzliche Grüße,
      Mike
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    • Natürlich war Strawinski ein viel originellerer Komponist als Prokofjew, und dazu auch wirklich bahnbrechend. In dieser Hinsicht ist er aber allen Komponisten seiner Zeit, außer denen der Wiener Schule, überlegen. Ich will hier Prokofjew auch nicht verherrlichen. Ich halte ihn für einen sehr guten Komponisten, aber nicht für einen der allerbedeutendsten des letzten Jahrhunderts (vielleicht analog Tschaikowski im 19. Jahrhundert).
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Gurnemanz schrieb:

      Was denn, lieber Hempel? Was verraten diese Zuschreibungen, Prokofjew (oder Schostakowitsch) betreffend, über den Hörer?
      ..sie verraten von Hörerfahrungen, Achillesfersen, Schwächen, über die lieber nicht gesprochen wird- oder nur in persönlichem Umfeld.

      Sieh den Thread an zu DSCHs Fünfter: nirgendwo sonst lassen sich Eigenarten der Schreibenden besser ablesen.
      Da schreibt der Musiker- und schweigt. Da schreibt der begnadete Rethoriker um seiner selbst willen. Der Betroffene an der Musik, dessen Biographie noch verwoben ist mit dem System, in welchem DSCH lebte und schrieb.

      Ich merke es selbst: hat alles nix mit Prokofjew zu tun. Tut mir leid.
      Bitte entschuldige diesen Ausflug in themenferne Gebiete.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Gurnemanz schrieb:

      war es Prokofjew, der freiwillig in die UdSSR zurückkehrte
      Na ja,
      immerhin war Prokofieff hoch verschuldet (dasselbe Hobby wie Dostojewski, daher auch berufen, "den Spieler" als Oper zu bringen) und die Russen haben ihm den Himmel versprochen (lange Verhandlungen) und seine Schulden bezahlt.
      Das war wohl der Grund, weshalb er zurück "ins Gefängnis" ging. Eine Zeitlang ging es ja auch ganz gut und er ist ja, wenn man die Titel der Werke, die in der UDSSR entstanden sind, durchgeht, den Herrschenden ganz schön liebdienerisch hilfreich gewesen.
      Dass er und Stalin am selben Tag starben ist ein zusätzlicher Treppenwitz der Geschichte.

      Soviel Prokofieff muss sein: Meine liebe Frau hat mir vor Jahren ne Buddel "Egoiste" aufgrund der Werbung gekauft.

      Mir fällt zudem auf, dass Prokofieff deutlich mehr Einspielungen aus dem Westen in den 60iger und 70iger Jahren hatte als DSCH. Leinsdorf, sogar Szell, dann Ansermet, Prokofieff war wohl wegen seiner Pariser Zeit viel besser im westlichen Musikgeschmack vernetzt als zunächst DSCH.
      Gruß aus Kiel
      Ich vergesse niemals ein Gesicht. Doch bei Ihnen mache ich eine Ausnahme! (Groucho Marx)
    • Lieber Gurnemanz,
      vielen Dank für diesen, höchst nötigen, Thread :verbeugung1:

      Zwei Genies, die unterschiedlicher kaum sein konnten,
      der eine ein höchst "soziales Wesen", mitfühlend und helfend (als 11 jähriger hatte er mitansehen müssen wie ein Arbeiter von einem Polizisten erschossen wurde, daraufhin komponierte er den "Trauermarsch für die Opfer der Revolution" und eine "Hymne an die Freiheit"),
      dessen Großvater väterlicherseits polnischer Revolutionär war....so was prägt!
      Der andere ein verwöhntes Bürschlein, Egoist und selbstverliebt (der seine spanische Ehefrau in der Gefahr wie Ballast abwarf und ihr seinen Schutz entzog, wie sein Sohn Oleg später erzählte "Er hat es einfach in Kauf genommen"---um sich selber zu "sichern")

      Musikalisch begleiten mich beide seit dem Ende der 70er Jahre, Prokofieffs Musik ist, wie ja schon gesagt wurde, von außergewöhnlicher Farbigkeit, mit das schönste was ich in der Musik kenne...allein die Klavierkonzerte, reinste Diamanten :rolleyes:
      Tolle Musik, die ich seit Jahrzehnten liebe und immer gerne höre!....aber geweint habe ich noch bei keinem Prokofieff Werk....
      ...wie ganz anders doch bei Schostakowitsch :)


      Herzliche Grüße:
      KALEVALA :wink:
      Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen. (Nietzsche)


      Es gibt nichts Überflüssigeres und Schädlicheres als wie Musik. Wenn ein Mensch eine gewisse Zeit lang Musik hört, wird sein Gehirn faul und unseriös. (Ayatollah Khomeini)
    • Zu wenig geschätzt kann man m.E. nicht sagen. (Zu wenig geschätzt ist aus dieser Zeit jemand wie Szymanowski)
      Wenn man nach einzelnen bekannten Stücken geht, ist Prokofieff dank Peter und der Wolf, dem Drei-Orangen-Marsch und einigen Stücken aus Romeo & Julia vermutlich der bekannteste klassische Komponist des 20. Jhds.
      Und auch ernsthafter betrachtet, gehört er sicher zu den 10 bekanntesten und beliebtesten der letzten 100 Jahre. Lange Zeit dürften besonders seine Konzerte, die Classique, sowie Romeo und Julia praktisch alles von Stravinsky oder Schostakowitsch beim breiteren Publikum ausgestochen habe, nur ein paar Sachen Rachmaninoff oder einzelne Stücke wie Ravels Bolero kommen da mit. Für Pianisten ist er natürlich immer noch wichtiger als z.B. DSCH.

      Seine Musik ist halt ein wenig zwischen den Stühlen. Sie ist selten oder nie so konsequent modern und "trocken" wie Stravinskys, hat Elemente der Spätromantik oder einer beinahe impressionistischen Koloristik, große Virtuosität. Ich kenne keine der Opern und von den Sinfonien etliche nur oberflächlich, aber die Violin- und Klavierkonzerte sind zu Recht Standardwerke, ebenso wie Romeo und Julia und Cinderella. Tschaikowsky ist vielleicht wirklich ein guter Vergleich (wobei die Klavier-solo-Musik von Prokofiev viel bedeutender ist als PITs).
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)