Wagner: Parsifal - Bayreuther Festspiele 2016 (Premiere: 25.7.16)

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    • Wagner: Parsifal - Bayreuther Festspiele 2016 (Premiere: 25.7.16)

      Nein, kein Premierenbericht. Ich gehe erst in die Vorstellung am 2. August. Habe vorgestern nur ein paar (ernüchternde) Blicke in den Livestream geworfen. Dieser Thread soll erstmal dazu dienen, dass eventuelle Kommentare, Links etc. zur Produktion nicht quer über das Forum verteilt, sondern in einem Thread versammelt werden. Meinungen derjenigen, die die Premiere live, im Radio oder Livestream verfolgt haben bzw. sie sich am Samstag im Fernsehen anschauen wollen (30.7., 3sat, ab 20.15 Uhr), sind selbstverständlich höchst willkommen.

      Zu Beginn eine Linksammlung von Premierenkritiken:

      Frankfurter Allgemeine Zeitung (Eleonore Büning)
      Neue Zürcher Zeitung (Christian Wildhagen)
      Süddeutsche Zeitung (Reinhard J. Brembeck)
      Die Welt bzw. Welt-Blog (Manuel Brug)
      Berliner Zeitung (Peter Uehling)
      Der Tagesspiegel (Ulrich Amling)
      Nachtkritik.de (Wolfgang Behrens)
      Der Standard (Stefan Ender)
      Wiener Zeitung (Joachim Lange)
      Die Presse (Walter Weidringer)
      Kurier (Gert Korentschnig)
      Münchner Merkur (Markus Thiel)
      Abendzeitung (Robert Braunmüller)
      Bayerischer Rundfunk (Bernhard Neuhoff)
      Deutschlandfunk (Christoph Schmitz)
      Financial Times (Shirley Apthorp)
      The Telegraph (Mark Ronan)
      New York Times (Anthony Tommasini)


      Und noch die Verantwortlichen und Mitwirkenden der Produktion:

      Musikalische Leitung: Hartmut Haenchen
      Regie: Uwe Eric Laufenberg
      Bühne: Gisbert Jäkel
      Kostüm: Jessica Karge
      Licht: Reinhard Traub
      Video: Gérard Naziri
      Dramaturgie: Richard Lorber
      Chorleitung: Eberhard Friedrich

      Orchester und Chor der Bayreuther Festspiele

      Amfortas: Ryan McKinny
      Titurel: Karl-Heinz Lehner
      Gurnemanz: Georg Zeppenfeld
      Parsifal: Klaus Florian Vogt
      Klingsor: Gerd Grochowski
      Kundry: Elena Pankratova


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zu ergänzen wäre vielleicht auch noch die Kritikerrunde aus Bayreuth direkt nach der Premiere:

      br-klassik.de/audio/kritikerrunde-parsifal-bayreuth-100.html

      Finde auch ganz interessant, wie Frau Büning sich dort äußert und was sie später in der FAZ schreibt.


      Ein paar Gedanken dazu:

      Anscheinend ist es wirklich so (jedenfalls in der Bayreuther Wirklichkeit?), dass eine Inszenierung umso höher in den Kritiken zu steigen scheint, je mehr sie vom Publikum abgelehnt und ausgepfiffen wird. Oder liegt eine vermeintliche Kausalität eher in: ... je mehr sie Regietheater sie zulässt?

      Ich hörte diese Runde jedenfalls zuerst, bevor ich die Zeitungskritiken zu der Inszenierung las.

      Vorweg: von der Schlingensief-Inszenierung kenne ich leider wirklich nur den berühmten Hasen. Ich hätte sie allerdings gerne mal in voller Länge gesehen. Weiß nicht zufällig jemand, ob sie irgendwo erhältlich ist? Die Herheim-Inszenierung kenne ich vom losen Durchschauen und anscheinend kommt sie ganz gut weg und hat auch ein schlüssiges Konzept.
      Um eine fundierte Meinung zu der Inszenierung in diesem Jahr abzugeben fehlen mir die Detailkenntnisse. Auf der br-klassik Seite habe ich mir nur einige Ausschnitte angeschaut.

      Ich weiß nicht, wie euch es geht, aber "schlimm" finde ich die Inszenierung einer Oper, wenn sie mich stören würde - wenn ich nicht mal mehr mit geschlossenen Augen die Musik genießen könnte oder mich von ihr gefangen nehmen lassen könnte. Und "stören" trifft für mich auf die diesjährige Parsifal-Inszenierung wohl mit Sicherheit nicht zu. Sicherlich scheint es (beim ersten Durchsehen und nach den Berichten) auch kein "großer Wurf" in Bayreuth zu sein - jedenfalls vom Standpunkt der Inszenierung aus betrachtet; aber sicherlich gab es auch schon schlechtere Inszenierungen, möchte ich mal behaupten.

      Nur möchte man sich in Bayreuth an diesen messen? Und welche Erwartungen werden dort eigentlich geschürt? Muss das überhaupt sein?

      Die erste Frage ließe sich noch leicht beantworten. Die beiden anderen Fragen stellen sich mir, da die Festspiele teilweise derart bedeutungsschwanger nach außen wirken, dass es ihnen vielleicht sogar selbst nicht guttut.

      Immerhin ist nun selbst bei diesen Festspielen der "Originalklang" angekommen.... ;)

      Eine gute Nacht allerseits!
    • Die Teilnehmer dieser Kritiker-Runde haben ihre Ablehnung dieser Inszenierung begründet. Sie haben konkrete Punkte benannt: alberne Einfälle, eklatante handwerkliche Schwächen, eine geradezu unfassbare politische Naivität, extreme dramaturgische Unstimmigkeiten, ästhetische Schwächen usw. Die Tatsache, dass die Inszenierung gefalle hat war nicht unter den Ablehnungsgründen. (Ich kenne übrigens ziemlich viele Leute, die die Inszenierung gesehen haben, sei es in Bayreuth, im Kino oder im Netz. Es ist nicht ein einziger darunter, der sie nicht indiskutabel gefunden hat. Man kann darüber natürlich auch anderer Meinung sein. Aber muss man dann alle, die es nicht so sehen, zwangsläufig diffamieren und ihnen irgendwelchen Blödsinn unterstellen? Man könnte sich ja auch mit den Argumenten auseinandersetzen.Also zum Beispiel zeigen, dass der der Inszenierung irgendwie zugrunde liegende, religionskritisch sein wollende Gedanke, dass Religionen abgeschafft gehören, weil sie mit ihrem Altruismus das Böse in die Welt gebracht haben und die Ursache alles Dchlechten sind, und dass man sie nur ablegen muss (was ganz eifach geht), damit eitel Frieden und Freude auf der Welt herrscht.

      Oder man könnte zu zeigen versuchen, dass der Ringelpietz unter der Dusche zum Karfreitagszauber nicht unfassbar kitschig ist und an der Sache vorbei ist.

      Oder man könnte zu zeigen versuchen, dass eine Logik darin liegt, dass die Wüste, in der das Stück im ersten Akt stattfindet, im dritten zu einem Regenwald geworden ist.

      Es gibt noch zahlreiche weitere Einwände dieser Kritikerrunde, mit denen man sich befassen könnte. Und erst, wenn man gezeigt hat, dass diese eigentlich gegenstandslos sind (ich glaube freilich nicht, dass das möglich ist), kann man folgern, dass wohl andere als sachliche Gründe hinter der Ablehnung stehen. Vorher ist es nichts weiter als bösartige Diffamierung von Andersdenkenden.
    • Argonaut schrieb:

      Aber muss man dann alle, die es nicht so sehen, zwangsläufig diffamieren

      Argonaut schrieb:

      kann man folgern, dass wohl andere als sachliche Gründe hinter der Ablehnung stehen. Vorher ist es nichts weiter als bösartige Diffamierung von Andersdenkenden.
      In den Feedbacks zum neuen Parsifal kam m. E. es nirgends rüber, dass irgendwelche davon „Andersdenkende“ diffamiert wurden.

      figure humaine schrieb:

      Vorweg: von der Schlingensief-Inszenierung kenne ich leider wirklich nur den berühmten Hasen. Ich hätte sie allerdings gerne mal in voller Länge gesehen.
      Ich auch. Angefixt durch Voges/Bärenklau Freischütz in Hannover; trotz teiweiser Distanz dazu.

      figure humaine schrieb:

      Weiß nicht zufällig jemand, ob sie irgendwo erhältlich ist?
      Würde ich auch sehr gern wissen

      figure humaine schrieb:

      aber "schlimm" finde ich die Inszenierung einer Oper, wenn sie mich stören würde - wenn ich nicht mal mehr mit geschlossenen Augen die Musik genießen könnte oder mich von ihr gefangen nehmen lassen könnte. Und "stören" trifft für mich auf die diesjährige Parsifal-Inszenierung wohl mit Sicherheit nicht zu.
      Gestört hat sie nicht. Es gab bereits Schlechteres.

      BR-Klassik bietet weiterhin Video-Livestream. Und heute noch mal 3sat.

      Am 15.08 werden wir uns die Chose richtig live einschmeißen.
      Den musikalischen Eindruck teile ich mit einigen Feedbacks; vor allem was Akt 1 und 3 betrifft.
      Allerdings würde ich nicht Haenchens Lesart gegen die von Thielemann stellen (ich glaub, die NZZ hat so was gemacht). Denn C.T.s Salzburger Parsifal ist gar nicht so weit von H. H. entfernt. Klangfarben, Bläsermischungen kommen unter H. H. dunkler, finsterer rüber, begünstigt vielleicht auch vom Bayreuth-Sound.

      Mir gefallen die Stimmen von K. F. Vogt und Elena Pankratova. Außerdem sieht Vogt richtig fetzig aus; vor allem in Kampf-Montur :thumbup: .

      Noch was zur Inszenierung:
      FAZ-Elenore Büning ist keinesfalls maßgebend. Aber ihr ist beizupflichten (wenn auch seit ihrem behämmerten + undifferenzierten Juillard-Lyrische-Suite-Bashing höchst widerwillig), dass auch in der Geschichte/Entwicklung/Prozess von Inszenierungen sich quasi ein ästhetischer Stand herausbildet (quasi so was wie Erwachsenwerden) hinter dem zurückzufallen, ins Eigentor münden kann, die Chose zum unverbindlichen kommunikationsdienstbaren Kunstgewerbe, in Richtung "naiven" U-Sektor (gleichsam Naivität 2. Natur) zu verwursten.

      Wagners Parsifal sollte mit entschlossener Viererkette gegen solche Liebhaber verteidigt werden, die ihm zum bloßen, sentimentalen Erlösungskitsch tautologisch klein schrumpfen (wie weiland auch z.B. H.P. Lehmann, Wolfgang Wagner, Otto Schenk) .....
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Argonaut schrieb:

      Aber muss man dann alle, die es nicht so sehen, zwangsläufig diffamieren und ihnen irgendwelchen Blödsinn unterstellen?
      Wer tut das denn? Wer diffamiert und unterstellt wem "irgendwelchen Blödsinn"?

      Argonaut schrieb:

      Vorher ist es nichts weiter als bösartige Diffamierung von Andersdenkenden.
      Noch einmal: Wer tut das: Andersdenkende bösartig diffamieren?

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Argonaut schrieb:

      Aber muss man dann alle, die es nicht so sehen, zwangsläufig diffamieren und ihnen irgendwelchen Blödsinn unterstellen?
      Wer tut das denn? Wer diffamiert und unterstellt wem "irgendwelchen Blödsinn"?
      Was ist das hier als die Diffamierung der an der Runde Beteiligten, denen für ihre Äußerungen blödsinnige Motive unterstellt werden?

      figure humaine schrieb:

      Anscheinend ist es wirklich so (jedenfalls in der Bayreuther Wirklichkeit?), dass eine Inszenierung umso höher in den Kritiken zu steigen scheint, je mehr sie vom Publikum abgelehnt und ausgepfiffen wird. Oder liegt eine vermeintliche Kausalität eher in: ... je mehr sie Regietheater sie zulässt?
      Keiner der Beteiligten hat als Einwand gegen die Inszenierung vorgebracht, dass sie vom Publikum nicht abgelehnt, oder nicht genug »Regietheater« (was immer das sein soll) zulasse. Vielmehr wurden sehr konkrete Einwände gebracht. Auf diese könnte man eingehen, man könnte zeigen, dass sie nicht zutreffen oder dass sie irrelevant sind. Beides dürfte nahezu unmöglich sein, aber man hat drei Möglichkeiten: es zu versuchen, es nicht zu versuchen, oder einfach diejenigen, die diese Auffassungen äußern, pauschal abqualifizieren und ihnen absurde Motive unterstellen. Figure humaine hat letztere Möglichkeit gewählt.
    • Mir ist unklar, aus welchem Grund sich Argonaut in solcher Art angegriffen fühlt, aber eine interessante Beobachtung ist, dass er anscheinend auf eine Reaktion beharrt, die in seinen Augen zudem immer nur eine falsche sein kann:

      Es deutet sich bereits an:

      Argonaut schrieb:

      Es ist nicht ein einziger darunter, der sie [die Inszenierung] nicht indiskutabel gefunden hat.
      Mündet dann in:

      Argonaut schrieb:

      Und erst, wenn man gezeigt hat, dass diese eigentlich gegenstandslos sind (ich glaube freilich nicht, dass das möglich ist)
      Und wird In dem späteren Beitrag wiederaufgenommen:

      Argonaut schrieb:

      Auf diese könnte man eingehen, man könnte zeigen, dass sie nicht zutreffen oder dass sie irrelevant sind. Beides dürfte nahezu unmöglich sein, [...]

      Bei einer solchen Herangehensweise möchte ich schon gar nicht mehr antworten - vor allem, da bereits alles Wichtige von Gurnemanz gesagt wurde:


      Gurnemanz schrieb:

      Noch einmal: Wer tut das: Andersdenkende bösartig diffamieren?

      Gurnemanz schrieb:

      Wer tut das denn? Wer diffamiert und unterstellt wem "irgendwelchen Blödsinn"?
      Von meiner Seite aus ist dem nichts weiter hinzuzufügen.
      Wenn sich Argonaut noch mehr daran abarbeiten möchte... bitte, nur zu.
    • figure humaine schrieb:

      Mir ist unklar, aus welchem Grund sich Argonaut in solcher Art angegriffen fühlt,
      Er fühlt sich keineswegs angegriffen. Er wundert sich lediglich ein wenig, dass es so selbstverständlich zu sein scheint, dass einer grundsätzlich pro domo argumentiert. Und das also gleich mal auszuräumen: Er gehörte weder zu dieser Kritikerrunde, noch ist er mit irgendeinem Mitglied dieser Runde in irgendeiner Weise verwandtschaftlich oder durch Heirat o. Ä. verbunden, noch hegt er für irgendeine der befragten Personen besondere Sympathie oder Wertschätzung, auch ist er kein Kritiker. All diese Motivationen für seinen Einwand fallen also schon mal flach, weshalb auch die Frage, warum er sich angegriffen fühlt, insofern sie sich auf seinen ersten Beitrag bezieht, hinfällig ist. Angegriffen fühlt er sich erst durch diesen zweiten Beitrag von figure humaine, und das war ja wohl auch beabsichtigt.

      Zur Sache selbst: Die Zusammenfassung der Argumentation die figure humaine geliefert hat, ist sehr verkürzt. Dabei ist es sicherlich kein Zufall, dass alle Äußerungen ausgefallen sind, die auf den Kern des Gegenstand zielen. (Der Sinn dieses Verfahrens ist für Argonaut schwer zu erfassen, da ja jeder leicht nachlesen kann, wie der ursprüngliche Text entstellt wurde, aber das ist ein anderes Thema.)

      Es ging Argonaut darum, dass die Beteiligten an dieser Kritikerrunde pauschal abgewertet wurden, indem ihnen für ihre Äußerungen groteske Motive unterstellt wurden. Es ging ihm darum, dass dieses Verfahren zu kritisieren und darauf hinzuweisen, dass es sinnvoller (und erheblich intelligenter) ist, auf die Argumente, die diese Kritiker für ihre Position gebracht haben, einzugehen und zu zeigen, dass sie unzutreffend oder kraftlos sind. Figure humaine hat darauf zu erwidern:


      figure humaine schrieb:

      Argonaut schrieb:

      Auf diese könnte man eingehen, man könnte zeigen, dass sie nicht zutreffen oder dass sie irrelevant sind. Beides dürfte nahezu unmöglich sein, [...]
      Bei einer solchen Herangehensweise möchte ich schon gar nicht mehr antworten […]
      Womit meine Vermutung, dass es ihm gar nicht um eine Diskussion verschiedener Auffassungen, sondern lediglich um die pauschale Abwertung aller Auffassungen geht, die seiner nicht entsprechen, deutlich genug bestätigt ist: Den Versuch, seine Haltung zu begründen und den Auffassungen dieser Kritiker zu widersprechen, will er gar nicht erst unternehmen, es genügt ihm, ihnen unterstellt zu haben, dass sie die Inszenierung schlechtmachen, weil sie gut angekommen ist.
    • kurzes Feedback:

      Wir haben uns die vierte Parsifal-Wiedergabe (15.08.16) eingeschmissen.
      War erster Bayreuth-Besuch.

      Schon zum Beginn sehr erfreulich, dass (ich glaub, ab Takt 6 oder 7) die fließenden Streichfiguren wesentlich deutlicher rüber kamen als vom Radio-Mitschnitt der Premiere. Das wars mir zu bläserlastig.
      Wie bereits erwähnt, mir gefallen die Stimmen von KFV und Elena Pankratova. Im 3. Akt gestaltet K.V. Vogt manche Passagen schier kunstliedartig z.B. „Zu ihm, des tiefe Klagen ich törig staunend einst vernahm..“

      Elena Pakratovas Kundry beeindruckte mich noch stärker als Violetta Urmana in der Hertha-Stadt (DOB am 01.04.13) z.B. in einschneidender Emphase kam ihr „ Ich sah Ihn - Ihn - und... laaaaaachte! Da traf mich sein Blick!..“ rüber.

      Saugeile Akustik; leise, subtile Momente gleichberechtigt in ihrer Wahrnehmung.
      Und z.B. räumliche Fernwirkung von hohen Chören im 1. Akt. Nicht verschmiert wie in manch anderen Opernhäusern. Durch deren geheimnisvollen, lockenden und fernen Raumklang der Stimmen entwuchs das irre Feeling als ob man nicht bloß Parsifal sondern simultan späte Luigi Nono-Mucke mit Live-Elektronik sich reinzieht: Fetzig !
      .. oder wenn da irgend so’n Klarinetten-Ton aus dem verdeckten Orchestergraben sich entwindet, dann ist es unmöglich diese Chose irgendwie räumlich zu orten: hammer-geil !.
      Das Orchester – so kams rüber – versuchte unter Haenchen zu viele Farben und Brillanz eher zu vermeiden. Die Wiedergabe gewann damit an Intensität, denn Wagners Parsifal-Mucke geriet an diesem Tag dissonant, äußerst düster und fahl .....

      So wurde dieser Parsifal-Besuch zum mega-geilen Event.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Ich war in der zweiten Vorstellung (2. August).

      Amfortas09 schrieb:

      Schon zum Beginn sehr erfreulich, dass (ich glaub, ab Takt 6 oder 7) die fließenden Streichfiguren wesentlich deutlicher rüber kamen als vom Radio-Mitschnitt der Premiere. Das wars mir zu bläserlastig.

      Die Akustik von Radio-Mitschnitten und sonstigen Bayreuth-Aufnahmen hat meiner Erfahrung nach mit der spezifischen Bayreuth-Akustik ohnehin wenig zu tun.

      Ich habe (nach Daniele Gatti 2010) zum zweitenmal den Parsifal in Bayreuth gehört - und obwohl mir Haenchens Interpretation deutlich mehr zugesagt hat als die von Gatti, fand ich diesmal die Bläser und vor allem die Holzbläser minimal zu leise. Das gilt vor allem für den Mischklang: wenn das Abendmahlsthema am Anfang des Vorspiels zweimal umspielt wird, gibt es ja nicht nur das Thema und die von Dir erwähnten Streicherarpeggien, sondern auch Achtel und Triolen in Flöten und Klarinetten: die habe ich nicht gehört, anders als bei Gatti (damals saß ich wesentlich weiter hinten, aber ich glaube nicht, dass es daran lag). Ähnliches auch später bei anderen Passagen.

      Amfortas09 schrieb:

      Wie bereits erwähnt, mir gefallen die Stimmen von KFV und Elena Pankratova. Im 3. Akt gestaltet K.V. Vogt manche Passagen schier kunstliedartig z.B. „Zu ihm, des tiefe Klagen ich törig staunend einst vernahm..“

      Elena Pakratovas Kundry beeindruckte mich noch stärker als Violetta Urmana in der Hertha-Stadt (DOB am 01.04.13) z.B. in einschneidender Emphase kam ihr „ Ich sah Ihn - Ihn - und... laaaaaachte! Da traf mich sein Blick!..“ rüber.

      Sängerisch war das eine ausgezeichnete Aufführung, mit Ausnahme von (wieder mal) Gerd Grochowski als Klingsor. McKinneys (Amfortas) Timbre ist zwar in der Mittellage nicht besonders attraktiv, aber er stürzt sich mit enormer vokaler Emphase in die Partie. Pankratova hat eine richtig volle, vibratoreiche (kein Schimpfwort!) Stimme mit großem Ambitus, die von Dir erwähnte Stelle in der Tat sehr eindrucksvoll. Vogt (Parsifal) gut, Zeppenfeld (Gurnemanz) großartig.


      Amfortas09 schrieb:

      Das Orchester – so kams rüber – versuchte unter Haenchen zu viele Farben und Brillanz eher zu vermeiden. Die Wiedergabe gewann damit an Intensität, denn Wagners Parsifal-Mucke geriet an diesem Tag dissonant, äußerst düster und fahl .....

      Der abgedeckte Klang trägt natürlich auch zu einer leichten Verschleierung der Orchesterfarben bei. Ja, das Dirigat fand ich auch exzellent. Schöne Organisation der Tempi, die teilweise weniger schnell waren als gelegentlich berichtet, z.B. beim Vorspiel zum ersten Akt. Besonders flüssig die erzählenden Gurnemanz-Passagen im ersten Akt. Tolle Steigerungen, z.B. in der genau ausgehörten doppelchörigen Passage bei der Totenfeier für Titurel im dritten Akt.

      Zur Inszenierung etwas zu schreiben, habe ich keine besondere Lust. Ich fand von der rumpeligen Bebilderung des Vorspiels (da war Herheims exakt auf die Musik abgestimmte Version etwas anderes) bis zur missglückten Schluss-"Pointe" alles ziemlich grauenvoll, oft auch handwerklich (z.B. die Auf- und Abtritte) schlecht gelöst.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Danke für den Hinweis - das Interview mit Haenchen finde ich sehr anschaulich und informativ! Anscheinend schafft er es, Widerstand (etwa von Musikern, die anders zu spielen gewohnt sind) mit sachlichen Argumenten auf fundierter Grundlage aufzulösen. Auch mit Thielemann und all den Gerüchten geht er anscheinend cool um: "Ich kann nur sagen, wenn man genau weiß, was man will, muss man einfach sortieren, was man hört, und dann ist es wunderbar."

      Hm, vielleicht sollte ich auch mal Bayreuth besuchen. War erst einmal dort, 1960.

      :alter1:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Zwielicht schrieb:


      Ui. Was hast Du denn da gesehen?

      Habe ja nicht gesagt, daß ich bei den Festspielen war. :D

      Das Allererste, was ich im Theater (oder war's doch Kino?) erlebt habe, war - ebenfalls um 1960 - ein Stück, das "Peterchens Mondfahrt" hieß. War aber nicht in Bayreuth, sondern in Bremen.

      :versteck1:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Hat Böhm schon den Parsifal dirigiert? In Bayreuth gar? (=verzweifelter Versuch, wieder zum Thema zurückzukehren :S )

      Übrigens weiß Haenchen nicht, ob Thielemann Bier trinkt. Jetzt sind wir aber wieder beim Thema! :schwitz1:

      :|
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gurnemanz schrieb:

      Übrigens weiß Haenchen nicht, ob Thielemann Bier trinkt. Jetzt sind wir aber wieder beim Thema! :schwitz1:

      Thielemann in der Welt (16.5.04):
      Und ich freue mich vor jedem "Tristan" auf das Ende. Ich weiß: Ich mache das jetzt fünf wahnsinnige Stunden lang, aber danach ist auch Schluss. Und dann will ich nur noch ein kühles Bier.

      Bericht von einem Gespräch mit Thielemann in der Abendzeitung (3.7.16):
      Thielemann behauptet, er habe Besseres zu tun, als an freien Tagen in Proben von Kollegen zu sitzen. „Da würde ich lieber einen Ausflug machen oder ein Bier trinken“.

      Übrigens wird Haenchen auch 2017 in Bayreuth den Parsifal dirigieren (Bayreuther Festspiele 2017, Parsifal, Besetzung).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      [Abendzeitung:] Thielemann behauptet, er habe Besseres zu tun, als an freien Tagen in Proben von Kollegen zu sitzen. „Da würde ich lieber einen Ausflug machen oder ein Bier trinken“.
      Aha, das hat Haenchen aber anders beschrieben (aus dem in # 13 verlinkten Interview: "Ich [Haenchen] weiß auch von meinen Assistenten, dass er [Thielemann] mehrere Proben besucht hat."). Aber Kollegen in der Probe zuschauen und gleichzeitig ein oder zwei Bier zu süffeln, das ginge freilich auch...

      :D
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
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      Helmut Lachenmann