George Enescu - ein Multitalent mit vielen Stilen?

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    • George Enescu - ein Multitalent mit vielen Stilen?

      Agravain schrieb:

      Immer wenn ich Enescu höre denke ich, dass sich dieses Forum durchaus auch einmal einen profunden Faden zu diesem Multitalent leisten könnte.



      George Enescu:

      Poème roumain, op. 1
      Vox maris, op. 31*

      Florin Diaonescu - Tenor*

      George Enescu Philharmonic Chorus*
      George Enescu Philharmonic Orchestra

      Cristian Mandeal

      :wink: Agravain

      Dieser Beitrag aus "Eben gehört" hat mich provoziert. Einen "profunden" Faden habe ich gewiß nicht anzubieten, alldieweil mir der Komponist nur dem Namen nach bekannt ist. Seine Musik kenne ich bislang noch gar nicht.

      Dabei ist bereits eine Lektüre des Wikipedia-Artikels durchaus geeignet, Neugierde zu erwecken. Ungewöhnlich: Ein 1881 geborener Rumäne (Wunderkind: mit 4 Jahren Violine, mit 5 Jahren erste Komposition) studiert zunächst in Wien (1888-94) und dann in Paris (1895-99) Musik bzw. Komposition. Ob es damals so viele hochbegabte junge Menschen gab, die in beiden Musikmetropolen so intensiv lernten? Unter seinen Lehrern und Mitschülern finden sich jedenfalls einige berühmte Namen. Später kehrt er nach Rumänien zurück, die letzten Lebensjahre verbringt er wohl in Frankreich, in Paris stirbt er 1955.

      Stilistisch entwickelt er sich anscheinend äußerst vielschichtig: Wagnersche Monumentalromantik, Französisches der Zeit (Impressionismus?), dann Neobarockes und schließlich rumänische Volksmusik. Er scheint sich in fast allen Gattungen zuhause gefühlt haben.

      Bei so vielen Einflüssen: Gibt es so etwas wie einen charakteristischen Enescu-Stil? Welche Werke sind besonders interessant? Und die obligatorische Forenfrage: Ist George Enescu unterschätzt? :D

      So, jetzt sind die Enescu-Kenner/innen dran...

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Nun denn ... hier also die Episode, wie sich Celibidache über Enescu äußerte. - Alles aus dem Buch "Celibidache - der andere Maestro" von Klaus Umbach.

      Anlass war ein Gastspiel der Münchner Phlharmoniker in Bukarest im Februar 1990. Der Maestro: "Heimat bedeutet mir sehr viel. Aber ich war niemals ein Nationalist. Ich habe eine Heimat und bin glücklich darüber, aber die Politik hatte mich davon getrennt. Ich würde gerne, sehr gerne dort gelebt haben. [ ... ] Jetzt bin ich ein alter Mann und spüre ein einfaches, doch tiefes Schuldgefühl: Was habe ich für Rumänien getan? Nichts. Was hat Rumänien mir gegeben? Alles."

      Bei der Pressekonferenz werden die aus dem Westen mitgereisten Korrespondenten schon nach kurzer Zeit vor die Tür komplimentiert. Celi lässt wissen: "Diese Pressekonferenz gehört meinen Rumänen, die bleiben bitte noch eine halbe Stunde."

      Hinter den nunmehr verschlossenen Türen will ein Rumäne wissen, was Celibidache von dem Nationalkomponisten George Enescu halte. Vermutlich erwartet der Fragesteller, dass der lebende den toten Landsmann in den siebten Himmel loben und eine Antwort voll patriotischem Weihrauch geben werde. Von wegen: "Das ist ein völlig mittelmäßiger, epigonaler Komponist."

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • EK_BT schrieb:

      Angeregt durch Agravain:



      George Enescu
      - Poème roumain op.1
      Männerstimmen des Choeur de l'Orchestre Colonne und Ensemble Audite Nova de Paris
      Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo
      Lawrence Foster

      :wink:

      Maurice schrieb:

      Die Doppel-CD ist klasse!!! Eine klare Kaufempfehlung kann ich dafür nur geben!!
      Das habe ich heute ebenfalls in "Eben gehört" noch gefunden. Über nähere Anmerkungen zu den genannten Werken und Aufnahmen würde ich mich freuen!

      :) :) :)
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Mauerblümchen schrieb:

      Hinter den nunmehr verschlossenen Türen will ein Rumäne wissen, was Celibidache von dem Nationalkomponisten George Enescu halte. Vermutlich erwartet der Fragesteller, dass der lebende den toten Landsmann in den siebten Himmel loben und eine Antwort voll patriotischem Weihrauch geben werde. Von wegen: "Das ist ein völlig mittelmäßiger, epigonaler Komponist."
      Ein weiteres Beispiel dafür, dass ich Celebidache für einen gewaltigen Aufschneider halte. Dieses Urteil ist einfach nur inkompetent und anmaßend.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Dieses Urteil ist einfach nur inkompetent und anmaßend.
      Na ja, Celi hatte ja noch weniger nette Worte für Karajan, Böhm usw. auf Lager ... :D

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Gurnemanz schrieb:

      Stilistisch entwickelt er sich anscheinend äußerst vielschichtig: Wagnersche Monumentalromantik, Französisches der Zeit (Impressionismus?), dann Neobarockes und schließlich rumänische Volksmusik. Er scheint sich in fast allen Gattungen zuhause gefühlt haben.

      Bei so vielen Einflüssen: Gibt es so etwas wie einen charakteristischen Enescu-Stil? Welche Werke sind besonders interessant? Und die obligatorische Forenfrage: Ist George Enescu unterschätzt?
      Nun, ich bin genau so wenig ein Spezialist wie Du, was Enescu angeht, doch sein Einfluss dürfte man kaum wirklich "messen" können, doch wenn man alleine seine Schüler sich anschaut, kann man vielleicht erahnen, dass er seiner Zeit absolut zugegen war: Der amerikanische Komponist Leroy Anderson gehört dazu, aber auch Christian Ferras, Yehudin Menuhin oder Arthur Grumiaux.

      Seine Musik würde ich als eine Mischung aus rumänischer Volksmusik (besonders in seinen Rumänischen Rhapsodien zu hören, die mich ein wenig an ejne Dvoraks erinnern), dazu kommt sicher ein Schuss Richard Wagner, aber eben auch der französischen Schule der 1920-er Jahre.

      Vielleicht ist sein Ruf als Lehrer am Ende aber die größte Bedeutung, und sein Einfluss als Komponist entsprechend "geringer" bisher eingeschätzt worden. Sein Stil ist ja auch nicht so "griffig", wie beispielsweise jener von Dvorak, der ja eine ähnliche Geschichte hatte, wenn er auch in die USA ging, Enescu nach Frankreich.

      Dazu kommt natürlich der 2.Weltkrieg und seine Auswirkung auch auf Rumänien, dass ja zunächst Verbündeter der Nazis war, dann aber "übergelaufen" ist. 1945 kam dann das Protektorat unter den Kommunisten und damit auch der UDSSR. Das könnte einer der Gründe sein, warum er dann auch in seiner Heimat kaum mehr zu hören war. Ich weiß das ein wenig von meinem damaligen Musiklehrer, der Rumäne war, und dort auch aktiv an der Bukarester Oper spielte, bevor er 1979 die Flucht nach Deutschland antrat.

      Als CD-Einspielungen muss man jene durch Arte Nova, aber auch die Doppel-CD unter Lawrence Foster hervorheben.

      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Eusebius schrieb:

      Dieses Urteil ist einfach nur inkompetent und anmaßend.
      Stimmt.

      Ich kenne von Enescu natürlich die berühmte zweite Rumänische Rhapsodie (die erste auch), die drei ersten Symphonien und die beiden Klavierquartette. Selbst gespielt habe ich die zweite und dritte Violinsonate und das Konzertstück für Viola und Klavier.
      Alle diese Stücke sind von einer geradezu wilden Fantasie, verbinden "zigeunerischen" Ton mit impressionistischem Klangsinn und mitreißendem Rhythmus. Man hat teilweise beim Hören (und vor allem beim Spielen) das Gefühl von einer Überraschung zur nächsten geführt zu werden und dabei dennoch einem zwar irgendwie fremdartigen, aber ganz und gar stimmigen Konzept zu folgen. Für mich ist Enescu deshalb eindeutig einer der originellsten und faszinierendsten Komponisten seiner Zeit. Besonders faszinierend fand ich beim Erarbeiten seiner dritten Violinsonate, dass ich zunächst beim Anblick des Notentextes gedacht habe "das schaffe ich nie". Es sieht extrem kompliziert, unübersichtlich und "fremd" aus. Beim Üben stellte sich dann aber überraschenderweise heraus, dass alle die kühnen Ideen zwar ungewöhnlich notiert, aber absolut verständlich und klar waren, so dass ich insgesamt eigentlich wenig Mühe hatte. Am Ende hatte ich dabei das Gefühl, noch nie etwas ähnliches gespielt zu haben. So etwas als "epigonal" zu verunglimpfen ist einfach nur dumm.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Mauerblümchen schrieb:

      Eusebius schrieb:

      Dieses Urteil ist einfach nur inkompetent und anmaßend.
      Na ja, Celi hatte ja noch weniger nette Worte für Karajan, Böhm usw. auf Lager ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      Nu ja, Karajan und Böhm waren auch keine Komponisten, da richten die "weniger netten Worte" kaum Schaden an. Gegenüber Komponisten halte ich derartiges Geschwätz von Interpreten, das meint aburteilen zu können, dagegen für einen Missbrauch ihrer Authorität.

      Zu Enescu fält mir aber auch eine Geschichte ein:

      Vor Jahren war ich bei Tower Records in London, die damals noch bis spät in die Nacht aufhatten. Mir fiel irgendwann ein recht korpulenter älterer Herr auf, der ständig vor sich hin brummelte. Ich habe eine zeitlang überlegt, woher ich den kannte. Dann kam ich drauf: das ist Roshdestvensky! Ich habe ihn dann respektvoll beobachtet und mich gewundert, dass er sich irgendwann entschied, einen ganzen Haufen CDs in seinen Korb zu packen und sich zur Kasse zu begeben. Jetzt interessierte mich, was er denn da gekauft hatte und ich lugte verstohlen in seinen Korb: es war alles von Enescu, was es bei Tower Records - die damals extrem gut sortiert waren - gab. Seine eigenen Aufnahmen sind dann ein paar Jahre später bei Chandos erschienen:



      Trotz der Geschichte begeistern mich die Aufnahmen aber nicht, ich finde sie irgendwie schwammig. Vorzuziehen sind die des vorzüglichen Enescu-Spezialisten Lawrence Foster:

      (Den bei JPC wiedergegbene Ausschnitt aus einer Fono-Forum Rezension kann ich überhaupt nicht nachvollziehen; vielleicht muss ich die Aufnahmen noch mal hören)


      Interessanter als die Orchesterwerke finde ich allerdings die Kammermusik von Enescu. Da hat Gidon Kremer Pionierarbeit geleistet. Die Nonesuch-Aufnahme des Oktetts op. 7 und des Quintetts op 29 mit der Kremerata Baltica gibt es leider nicht mehr.

      Hörenswert - gerade auch im Vergleich zu Ravel - ist jedenfalls auch die Aufnahme von Violinwerken mit Leonidos Kavakos und Péter Nagy:
    • uliwer schrieb:

      Trotz der Geschichte begeistern mich die Aufnahmen aber nicht, ich finde sie irgendwie schwammig. Vorzuziehen sind die des vorzüglichen Enescu-Spezialisten Lawrence Foster:
      Und die gibt es in verschiedenen Veröffentlichungen:

      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Vorab ein Hinweis : unter der Schreibweise Enesco lassen sich auch sehr viele Aufnahmen finden.
      Was Herr Celibidache über Herrn Enesco sagt interessiert mich einfach nicht.
      Aber ich weiß, daß die Sonaten und Partiten von Bach, so wie sie Enesco mit seinen verbliebenen Kräften eingespielt hat, für mich zu den beeindruckensten Aufnahmen gehören.Ich kann es nicht weiter erklären. Und von den beiden Rhapsodien hat er 1951 eine Schallplatenaufnahme geleitet- schon auf Tonband - die dann später auf einer Varese Sarabande LP erneut veröffentlicht wurde und -ehrlich - für die Zeit sagenhaft klang. Und da ist seither für mich noch keine andere herangekommen .
      Seine eigenen Aufnahmen als Geiger kamen vielleicht zu spät. Aber was dennoch "rüberkommt" ,muss wohl jeder für sich beurteilen.
      Von seinen Kompositionen kenne ich nur seine Sinfonie No.1 und sein Oktett besser, aber beide haben sich mir nicht so erschlossen.
      Nachsatz : Das beste Angebot bietet wohl amazon.fr. Liegt nahe.
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Ich behalte mir das Recht vor , Fehler zu machen .
    • Gurnemanz schrieb:

      Agravain schrieb:

      Immer wenn ich Enescu höre denke ich, dass sich dieses Forum durchaus auch einmal einen profunden Faden zu diesem Multitalent leisten könnte.



      George Enescu:

      Poème roumain, op. 1
      Vox maris, op. 31*

      Florin Diaonescu - Tenor*

      George Enescu Philharmonic Chorus*
      George Enescu Philharmonic Orchestra

      Cristian Mandeal

      :wink: Agravain
      Dieser Beitrag aus "Eben gehört" hat mich provoziert.

      Lieber Gurni,

      wenn Du ab und zu eine Phrase wie die obige brauchst, um einen Faden zu eröffnen, dann liefere ich gern ab und an. :D Nein, im ernst: schön, dass es nun einen Faden zu Enescu gibt, der sich ja auch schon schnell mit vornehmlich Lesenswertem gefüllt hat.

      Ich will hier eine Besprechung beisteuern, um die ich vor ein paar Jahren gebeten wurde, als die Foster-Einspielungen der drei Symphonien wiederveröffentlicht wurden. Vielleicht ist sie ja auch für den ein oder anderen Kenner hier interessant. Voilà:



      Ein anderer Begriff für das deutsche Wort Verwandlung ist der der Metamorphose. Und dies ist der Begriff, der imZentrum des Schaffens eines der großen und dennoch weitgehend vernachlässigten Komponisten Europas steht: George Enescu. «Enescu war doch im Wesentlichen Virtuose, ein phänomenaler Geiger» – so mag es bei der Namensnennung wohl schnell auf der Zunge liegen. Und das ist auch richtig, denn Enescu begann tatsächlich als Wunderkind.
      Geboren 1881, spielte er mit vier Jahren die Geige, mit sieben Jahren studierte er bereits bei Hellmesberger am Wiener Konservatorium, gleichzeitig Komposition bei Robert Fuchs, dem Lehrer Mahlers, Strauss‘, Korngolds, Sibelius‘ und vieler anderer mehr. 1894, also im Alter von 13 Jahren, ging er nach Paris, wo er zunächst von Jules Massenet und dann von Gabriel Fauré unterrichtet wurde. Dort lernte er Ravel, Florent Schmitt und Charles Koechlin kennen. Zwischendurch tritt er immerwieder als Solist auf, spielt Mendelssohns Violinkonzert und Sarasates «Faust-Fantasie». 1898 wird sein erstes großes Orchesterwerk, das «Poème Roumaine» op. 1, bei den Pariser Concerts Colonne gespielt, im gleichen Jahr beginnt er selbst zu dirigieren. Seiner kometenhaften Karriere ist keine Grenze gesetzt, er bleibt einer der berühmtesten Musiker seiner Zeit bis zu seinem Tod im Jahr 1955.

      Warum aber kennt man so wenig von ihm, warum wird so wenig von ihm gespielt? Die Antwort liegt in einem Phänomen begründet, das nicht nur einmal in der Musikgeschichte vorkommt: Ein überdurchschnittlich populäres Werk verstellt den Blick auf das Gesamtschaffen eines Komponisten und lässt ihn schnell in einer Schublade verschwinden. In Enescus Fall sind es zwei Werke, nämlich die beiden «Rumänischen Rhapsodien» op. 11. Was auf deren Komposition hin folgte, fasst der rumänische Komponist und Musikwissenschaftlicher Pascal Bentoiu treffend zusammen: «Damit wurde dem Komponisten Enescu also eine exotische, folkloristische Qualität zuerkannt und kurzerhand geschlussfolgert, er müsse ein pittoresker Vertreter einer ’nationalen Schule‘ sein. Das allein ist jedoch unweigerlich zu wenig und grundsätzlich falsch.» Aber er hat es doch selbst so gesagt, mag man entgegenhalten. Schließlich gibt es auch von Enescu Worte zu diesem Aspekt seines Werkes: «Ich schreibe […] im Charakter der Volksmusik. Ich sage bewusst nicht ‚im Stil‘, denn das impliziert etwas Gemachtes oder Künstliches, wogegen ‚Charakter‘ etwas Gegebenes meint, was von Anfang an da ist.»

      Und hier liegt nun das fundamentale Missverständnis, das dem Komponisten Enescu zum Verhängnis geworden ist. Seine «Rumänischen Rhapsodien» erscheinen wie «im Stil» der Volksmusik komponiert, schmissige, die Volksmusik abbildende Kunstmusik in der Nachfolge Liszts. Tatsächlich sind sie aber, wie auch der gesamte Rest des Schaffens Enescus, «im Charakter» der Volksmusik komponiert. Und dieser Charakter wird von Enescus mit dem Konzept der Heterophonie identifiziert.
      Der Begriff, dessen Inhalt für Enescus Kompositionsweise höchst bedeutsam ist, bezeichnet «eine mehrstimmige Einstimmigkeit, d. h. eine Musikergruppe spielt simultan dieselbe Melodie, allerdings mit individuellen Abweichungen in den Details.» Tatsächlich ist es – und damit kommen wir zurück zum Anfang – ein metamorphotischer Kompositionsansatz, ein Ansatz der permanenten Veränderung, Verästelung und Verschlingung des zentralen melodischen Materials, ein Ansatz der sich besonders auch in den drei Symphonien widerspiegelt.

      Eine der wenigen Aufnahmen der 3 Symphonien Enescus ist nun bei EMI in der Niedrigpreisserie «20th Century Classics» neu aufgelegt worden – und man möchte sagen: zum Glück. Der amerikanische Dirigent Lawrence Foster setzt sich schon lange für Enescu ein, er hat seine Orchestersuiten ebenso eingespielt wie die faszinierende Oper «Oedipe» und in den frühen Neunzigern die ersten beiden Symphonien. Eine Aufnahme der dritten Symphonie folgte 2004. Diese drei Aufnahmen sind hier versammelt und man fragt sich beim Hören wieder erstaunt: Warum ist diese Musik kein Bestseller? Die forsche, lebenslustige, energiegeladene Erste, die in ihrem Kopfsatz zunächst eine Nähe zu Richard Strauss und dem frühen Franz Schmidt offenbart, um im zweiten, mysteriösen Satz eher eine Verbindung zur französischen Schule herzustellen, ist ein grandioser, mitreißender Erstling. Fantastisch ist dann die Zweite, die die wohl vernachlässigtste des Triptychons ist. Allein zu verfolgen wie Enescu den Weg von den ersten schumannesken Takten hin bis zu einer irisierenden Klanglichkeit à la Ravel beschreitet und sich dann bis zu geradezu Mahlerscher Grübelei vortastet, ist höchst spannend. Wenn er dann im zweiten, elegischen Satz eine Oboenmelodie anheben lässt, die Rachmaninow nicht hätte schöner komponieren können, dann ist man sprachlos angesichts der Tatsache, dass das kaum jemand hört. Und Vorsicht: Die sich einstellenden Assoziationen sprechen nicht von Eklektizismus oder mangelnder stilistischer Selbstfindung des Komponisten. Der Hörer ist vielmehr konfrontiert mit einem Personalstil, der die unterschiedlichsten stilistischen Strömungen der Zeit wie in einem Brennglas bündelt. Farbig, abwechslungsreich, harmonisch und motivisch dicht gearbeitet. Die dritte Symphonie dann insgesamt eher dunkel, von der Zeit sprechend, in der sie entstand (1916-21), die Möglichkeiten des normalen Symphonieorchesters mittels Celesta, Klavier, Harmonium, Orgel und vokalisierendem Chor erweiternd.

      Lawrence Foster scheint, wie es «TheTelegraph» einmal schrieb, auf die Welt gekommen zu sein, um Enescu zu dirigieren. Tatsächlich fällt es nicht schwer, diesem Kompliment zuzustimmen, denn der amerikanische Dirigent, der hier zum einen das Orchestre Philharmonique de Monte Carlo (Symphonie Nr. 1 & 2) zum anderen das Orchestre National de Lyon dirigiert, versteht es mühelosdie Qualitäten dieser Kompositionen mit einer Selbstverständlichkeit deutlich zu machen, die ihresgleichen sucht. Dort, wo es Gennadi Rozhdestvenskys Einspielung bei Chandos an Leidenschaftlichkeit und Engagement mangelt, dort wo Cristian Mandeals Zugriff mit der «George Enescu Philharmonie Bukarest» vielleicht etwas grob ist, dort überall punktet Foster. Die Aufnahme klingt gut, ist durchsichtig und schlicht hinreißend musiziert. Besonders die Interpretation der dritten Symphonie, die kompositorisch und inhaltlich wahrscheinlich die komplexeste ist, sticht positiv heraus. Fosters Ausformung der Bilder des Krieges, die der erste Satz unmittelbar evoziert, die Momente des Zurücksinkens in fast leere, karge und nachdenkliche Abschnitte bis hin zur Verklärung im letzten Satz, in dem der «Choeur de chambre Les Éléments» dann noch balsamisch vokalisierend hinzutritt: Das allein ist den Kauf dieser Doppel-CD wert. Einziger Wermutstropfen: Fosters Einspielung der großartigen symphonischen Dichtung «Vox maris», die in der Originalausgabe enthalten ist, fehlt hier. Stattdessen hat EMI die dritte Violinsonate op. 25 hinzugefügt, die hier – obschon sie ein höchst attraktives Werk ist und von Valery Sokolov und Svetlana Kosenko auch höchst anregend (besonders im ersten Satz) interpretiert wird – doch ein wenig wie ein Fremdkörper wirkt.

      ***

      Das - wie gesagt - ein älterer Text.

      Hinweisen möchte ich auch auf Enescus - wie ich finde - höchst beeindruckende Oper "Oedipe", die von Foster, von Gielen und von eingespielt wurde, wobei ich persönlich die Foster-Aufnahme deutlich vorziehe (Hobson kenne ich allerdings nicht):




      ***

      Und schließlich möchte ich auf zwei Dokumente der lebenslangen Bach-Begeisterung Enescus hinweisen, die mir durchaus am Herzen liegen. Es sind diese beiden, die ihn m.E. als wahrhaft durchgeistigten Interpreten dieser Musik - wie man sie damals spielte - zeigen:

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      Dies in aller Kürze.

      :wink: Agravain
    • Mauerblümchen schrieb:

      "Das ist ein völlig mittelmäßiger, epigonaler Komponist."
      Jaja, unser Celi :alter1: :alter1:
      Ich habe mal ein Interview mit ihm gesehen, da wurde er kurz über Mahler befragt. Er erwiderte nur, dass "sei kein Komponist, er könne nicht einmal einen symphonischen Satz zu Ende denken"... Soviel dazu, gehört aber auch nicht wirklich hier hin.

      Die 1. Rumänische Rhapsodie (evtl. auch die 2.) ist meistens, wenn überhaupt, das einzige Stück, was man so kennt. Wirklich was lernen kann man da natürlich nicht über Enescu, wie wenn man von Brahms nur die Akademische Festouvertüre spielen würde (igitt :versteck1: ). Ich habe mir neulich vorgenommen, seine Symphonien in Angriff zu nehmen. Hier möchte ich vielleicht auf eine aktuell laufende Serie von Einspielungen hinweisen:



      Preislich momentan zwar nicht ganz günstig teilweise, aber eine Entdeckung wert. Bisher bin ich noch in der 1. Symphonie stecken geblieben. Ein sehr üppiges, rastloses Werk. Hier zumindest noch deutlich romantische Einflüsse, sehr extrovertiert...Entschuldigt diese pauschalen Floskeln, aber wie gesagt, ich brauch noch ne Weile und gib dem Ganzen nochmal ein paar Versuche :schwitz1: .
      „Jeder Mensch hat einen Instinkt dafür, ob etwas echt ist oder vorgetäuscht. Aber ich glaube, Musiker sind durch ihr Training besonders empfindlich in dieser Hinsicht. Das macht sie nicht zu besseren Menschen, aber sie registrieren mehr.“ - Herbert Blomstedt
    • Agravain schrieb:

      Dies in aller Kürze.
      Mehr Untertreibung geht nicht :D

      Als ich vor etlichen Jahren auf Enescu aufmerksam wurde, hatte ich mir seine Orchesterwerke bei arte nova besorgt. Dort spielt das Philharmonische Orchester aus Bukarest unter der Leitung von Cristian Mandeal. Soweit ich mich erinnere sind das ganz ordentliche Aufnahmen, und durchaus geeignet sich einen umfassenden Überblick zu verschaffen. Die weiter oben vorgestellten Aufnahmen mit Lawrence Foster habe ich mir aber gleich mal bestellt, denn ich besitze seine Aufnahme des "Oedipe", die ich ganz vorzüglich finde.


      Bei Enescu geht es mir ähnlich wie bei Szymanowsky. Ich war sofort begeistert ob dieser enormen Bandbreite an Ausdruck und Emotion gepaart mit einer bestechenden Meisterschaft der Form und Verarbeitung. Die Faktur eines Werkes ist für mich von besonderer Bedeutung. Und hier ist vor allem die Kammermusik, welche mich bei beiden Komponisten für sie einnimmt. Das vermeindlich frei fließende Idiom ist dennoch formal ausgesprochen streng strukturiert. Das äussert sich sowohl in den Violinsonaten als auch in den beiden Cellosonaten. Seine Musik hat diesen eigenen Ton, der nur vordergründig folkloristisch ist, eigentlich jedoch eine höchst raffinierte Sublimierung desselben darstellt.

      Die rumänische Pianistin Luiza Borac hat auf 2 CDs die Klavierwerke von Enescu eingespielt, wobei sie dafür umfangreiches Quellenstudium betrieben hat. Auch ihre Ausführungen im Begleitheft sind sehr lesenswert. Herausgekommen ist eine sensationell gute Einspielung und nahezu exemplarische Deutung seines Klavierwerkes. Enescu ist ja in erster Linie als Violinist bekannt, hatte aber eine Doppelbegabung als Pianist, was sich in der teiweise sehr vertrackten Klaviermusik niederschlägt.




      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Was ich von Enescu extrem hörenswert finde, ist seine "Rumänische Rhapsodie Nr. 1 A-Dur op. 11" und zwar nur in der legendären Stokowski-Living Stereo-Aufnahme mit dem RCA Victor Symphony Orchestra (Toscaninis ehemaliges NBC Symphony Orchestra):



      Desweiteren kenne ich seine Oper "Oedipe" in einer gekürzten, aber extrem dramatisch-zugespitzten Fassung an der Oper Frankfurt unter der Leitung von Alexander Liebreich (Regie: Hans Neuenfels), die mich damals unglaublich gepackt hatte. Ich war dreimal drin. Das ist schon ein Meisterwerk, absolut sehens- und hörenswert.
    • Ich habe das Octet mit Kremer und die 1.Sinfonie mit Andreescu .Mit beiden Werken wurde ich bislang nicht so recht vertraut. (Bei der 1. ist auch noch die 4.Sinfonie enthalten,die 5. habe ich nicht. Aber- und da wird es peinlich- neben den beiden hier genannten CDs lagen auch noch Sinfonie 2 & 3 mit Andreescu.Nie gehört, und fast nie gesehen. Es wird mir alles zuviel) . Aber mein Favorit sind die Rhapsodien mit dem Komponisten am Pult.(LP,privater Transfer).



      [Blockierte Grafik: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51UYirHHuzL._AC_US160_.jpg]
      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Ich behalte mir das Recht vor , Fehler zu machen .
    • "Das ist ein völlig mittelmäßiger, epigonaler Komponist."

      Ich weiss nicht, was ich von diesem angeblichen Celibidache-Verdikt halten soll. Ich bin immer vorsichtig mit Zitaten und frage mich jeweils, in welchem Umfeld und in welcher Stimmung sie wohl gefallen sein mögen. Könnte es sein, dass Celi sein Verdikt höchst ironisch gemeint haben könnte?
      Ich weigere mich, zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass Celibidache in Sachen Enescu ein solcher Ignorant war (.... oder hat der alte George dem jungen Sergiu etwa die Freundin ausgespannt?...).

      Mit anderen Worten: wem nicht ins Ohr springt (... ähem, das tut es allerdings in der Tat nicht), dass das Werk von George Enescu von allerhöchster Qualität ist, dem ist (nicht) zu helfen: Man lege sich das Oktett auf, ein geniales Werk des 18-Jährigen - und gebe sich diese Dusche mit ehrlich empfundenem Melos. Zum Niederknien! youtube.com/watch?v=Ugv_o2XsJoE

      Ich könnte so viel schreiben, mag aber heute grad nicht so besonders. Es ist einfach zu heiss. Ich verspreche weitere Berichte.

      Ok, nur noch so viel: Agravain beschreibt in seinem bereichernden Beitrag den Umstand, dass die folkloristisch angehauchten Ergüsse Enescus der Rezeption seines Werkes im Weg gestanden haben. Das mag stimmen. Bei mir persönlich war es noch extremer: Ich konnte nicht einmal mit den Rumänischen Rhapsodien etwas anfangen, sie ödeten mich an und sie tun es auch heute noch. Aus diesem Grund habe ich mich bis vor ca 10 Jahren überhaupt nicht mit der grandiosen Musik von George Enescu befasst. Erst als ich zufälligerweise ein Interview mit Menuhin las, wo er vor Begeisterung über die Kompositionen seines Guru`s fast aus dem Handstand gefallen ist, habe ich mich bemüht um den genialen Rumänen. Es hat sich allemal gelohnt: die Sinfonien gehören seither zu meinen Inselwerken (und die Aufnahmen von Foster sind hoch zu loben und zu empfehlen). Ausführlicheres kommt von meiner Seite vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt.

      ähem, nur noch dies und ohne Kohl...: ich höre seit drei Wochen die späten Klavierquartette (Solomon und Triendl) und das Klavierquintett (Solomon) gleichsam rauf und runter. Es ist meine diesjährige Sommermusik. Ich lege mir alle Aufnahmen mindestens einmal pro Tag auf, manchmal noch öfter, so wie ich es meist handhabe mit Werken, die sich mir nur schwer erschliessen wollen, bei denen ich aber spüre, dass sie es verdienen, erobert zu werden.
      Nun, was soll ich sagen: es ist einfach ganz grosse und wahrlich unerhörte Kammermusik mit einem Klangideal, das unvergleichlich ist. "Layeralismus", so würde ich seinen Stil etwas burschikos und total unwissenschaftlich bezeichnen. Die Musik kommt mir vor wie Reger auf LSD mit schillernden Halluzinationen von Pariser Boudoirs...

      So weit für heute. Danke dem lieben Gurni für die bitter nötige Treaderöffnung.

      Mit Gruss aus Bern von
      Walter
    • b-major schrieb:

      die 4.Sinfonie enthalten,die 5. habe ich nicht.

      Da dies ja auch ein informierender Faden sein soll: die Vierte (1934) wurde von Enescu nur teilweise orchestriert. Die vollständige Instrumentation übernahm 1996 Pascal Bentoiu ebenso wie die Ausarbeitung der Skizzen zur fünften Symphonie, die Enescu im Jahre 1941 skizziert hat. Beide Werke kenne ich nicht.
      Sie wurden aber beide unter der Leitung von Peter Ruzicka für jpc eingespielt:



      :wink: Agravain