George Enescu - ein Multitalent mit vielen Stilen?

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    • Hallo Argonaut,

      danke für diesen Einblick in die rumänische Literatur, die mir leider fast völlig unbekannt ist. Und vielleicht verstehe ich ja auch deswegen die Musik nicht, weil der Sinn der vertonten Fassung ein anderer ist. Darüber kann man trefflich spekulieren. Will ich aber gar nicht tun.

      Habe nun mal ein wenig über den mir unbekannten Dichter bei der deutschen wikipedia nachgelesen und merke, dass der in Rumänien z.T. sehr kritisch interpretiert wird, u.a. weil einige seiner rumänischen Gedichte deutsche Erstfassungen zu besitzen scheinen. Vielleicht hat Enescu die Orchestrierung der 5. Symphonie aus später erwachsenen Zweifeln am vertonten Text oder der Richtung der Komposition beendet ...

      Traust Du Dir denn eine bessere Nachdichtung/Übersetzung der vertonten Version des Gedichtes zu? Vielleicht hilft das ja beim Verständnis des Stücks? Ich gebe Enescus 5. Symphonie dann gerne noch einmal eine Chance ...

      Gruß Benno
    • Eine Nachdichtung dieses Gedichts ist vermutlich unmöglich. Es müsste jedenfalls sein sehr großer Dichter und Sprachvirtuose sein, der das hinkriegt, und er müsste guten Einblick in die rumänische Mentalität und Literatur haben. Ich kann eine wörtliche Übersetzung ohne jeden künstlerischen Anspruch machen und hier ablegen. Das dauert aber ein bisschen.

      Zur Frage der Authentizität: Wo hast Du gelesen, dass viele von Eminescus Gedichten deutsche Vorbilder haben? Ich weiß von genau einem, das allerdings sehr beliebt ist, bei diesem steht aber auch immer da, dass es die Nachdichtung eines Gedichts von Keller ist. Mir ist übrigens auch nicht bekannt, dass Eminescu in Rumänien »sehr kritisch« gesehen würde. Mir scheint vielmehr, dass das Gegenteil der Fall ist: Er wird vollkommen unkritisch gesehen und nahezu als Heiliger verehrt. Was übrigens nicht ganz unberechtigt ist, weil er wirklich ein sehr, sehr großer Dichter war, wenn auch so strak an seine Heimat und seine Muttersprache gebunden, dass er nicht zur Weltliteratur gerechnet werden kann. Was kein Qualitätsurteil ist, den unübersetzbaren Eichendorff kann man aus diesem Grunde ja auch nicht zur Weltliteratur rechnen. Es gibt eben große Künstler und Denker, die auf ihre Provinz beschränkt sind, was sie nicht kleiner macht.

      Übrigens wollte ich hier weder eine Lanze für Eminescu brechen (das ist wirklich nicht erforderlich), noch für Enescus 5. Sinfonie (die ist nicht zu retten), sondern lediglich auf dieses schöne Beispiel der mich immer wieder ärgenden Schlamperei der CD-Firmen hinweisen. Wobei es über die Schlamperei der Redaktion hinaus eine seltsame Tatsache bleibt, dass der Dirigent die erste Zeile des vertonten Gedichts in dieser grässlichen Übersetzung zitiert, die einen vollkommen anderen Sinn hat als die gesungene: »De-oi adormi curand« heißt »wenn ich bald entschlafen (oder einschlafen) werde«, nicht »Ich hab nur noch ein Streben«, was eine schlechte Übersetzung (und außerdem extrem schlechtes Deutsch) für »Mai am un singur dor« – »ich habe noch einen Wunsch« (oder auch eine Sehnsucht – dor ist ein unübersetzbares Wort zwischen Wunsch, Sehnsucht, Schmerz usw.) – ist. Man möchte gar nicht genauer darüber nachdenken, was das bedeutet...
    • Ich habe eine Übersetzung angefertigt. Wie gesagt: Ohne den geringsten künstlerischen Anspruch. Aber auch so bleibt es schwierig, weil der Text nicht immer eindeutig zu fassen ist. Das hängt mit den großen Unterschieden in den Strukturen der beiden Sprachen zusammen (manche Dinge werden im Deutschen viel präziser ausgedrückt, die im Rumänischen eher im Vagen bleiben, was die Dichtung ausnutzt). Ich habe ein paar Anmerkungen gemacht, wo es mir sinnvoll erschien. Die Schönheit des Gedichts kann man auf diese Weise nicht erahnen, aber die kann ohnehin nicht erfassen, wer nicht Rumänisch kann und sich nicht gut in der rumänischen Kultur und Volksdichtung auskennt.


      De-oi adormi curând
      În noaptea uitării,
      Să mă duceti tăcând
      La marginea mării.

      Wenn ich bald einschlafen* werde
      in der* Nacht des Vergessens,
      tragt mich schweigend
      zum Ufer des Meeres.

      * oder: entschlafen
      * oder: in die



      Nu voi sicriu bogat,
      Făclie și flamuri,
      Ci-mi împletiți un pat
      Din tinere ramuri.

      Ich will keinen reich geschmückten Sarg,
      Fackeln oder Fahnen,
      Sondern flechtet mir ein Bett
      aus jungen Zweigen.

      Să-mi fie somnul lin
      Și codrul aproape,
      Luceasc-un cer senin
      Eternelor ape*,

      Der Schlaf sei mir leicht
      und der Wald nah,
      es leuchte ein heiterer Himmel
      den ewigen Wassern,




      * So steht es im Beiheft und in der Ausgabe von Maiorescu (ein Fehler des Herausgebers).
      Richtig ist »Pe-adâncile ape« – »über den tiefen Wassern«, was auch gesungen wird.
      Care-n dureri adânci
      Se-nalță la maluri,
      S-ar atârna de stănci
      Cu brațe de valuri,

      die in tiefen Schmerzen
      an den Ufern aufsteigen,
      als würden sie sich an die Felsen klammern
      mit Wellenarmen,

      Se-nalăță, dar recad
      Și murmură-ntr-una,
      Când pe păduri de brad
      Alunecă luna.

      aufsteigen und zurückfallen
      und unentwegt rauschen,
      während über Tannenwälder
      der Mond hinstreicht.

      Și nime-n urma mea
      Nu-mi plângă la creștet,
      Doar moartea glas să dea
      Frunzișului veșted.

      Und niemand folge mir,
      mir zu Häupten weinend,
      nur der Tod lasse rascheln*
      das welke Laub.


      * wörtlich: gebe Stimme / dem


      Să treacă lin prin vânt
      Atotștiutoarea,
      Deasupră-mi teiul sfânt
      Să-și scuture floarea.

      Möge sanft durch den Wind gehen
      die Allwissende*,
      über mir die heilige Linde
      verstreue* die Blüten.

      * gemeint ist der Tod, im Rumänischen weiblich


      * wörtlich: schüttle ab


      Cum n-oi mai fi pribeag
      De-atunci înainte,
      M-or troieni cu drag
      Aduceri aminte,

      Wie ich nicht mehr ruhelos sein werde
      von dann an,
      werden mich mit Liebe einschneien
      Erinnerungen*.




      * Das ist ein unübersetzbares Wort. »Erinnerung« ist korrekt aber viel zu trocken.
      Es gibt kein deutsches Wort, dass die melancholische Süße und
      Zärtlichkeit von »aducere aminte« ausdrücken könnte.

      Luceferi ce răsar
      Din umbră de cetini
      O să-mi zâmbească iar,
      Fiindu-mi prieteni,
      Die Sterne, die aufsteigen
      aus dem Schatten der Zweige,
      werden mir wieder lächeln,
      mir Freunde seiend,
      Diese vier Verse sind aus der definitiven Fassung übernommen, was den Sinn der letzten Strophe
      einschneidend ändert.
      Ce n-or ști că privesc
      O lume de patemi,
      Pe când liane cresc
      Pe singurătate-mi.
      die nicht wissen, dass ich betrachte*
      eine Welt der Leiden(schaften),
      während Lianen wachsen
      auf meiner* Einsamkeit.
      * oder auch: dass sie betrachten


      * oder: über meine



      Noch ein Wort zur Frage der Authentizität: Es ist absolut ausgeschlossen, dass irgendein Rumäne oder Kenner Rumäniens die Authentizität dieser Dichtung (selbst in dieser schwächeren Frühfassung) ernstlich anzweifelt. Die Gedankenwelt und die Metaphorik ist so spezifisch, dass das nur ein Rumäne erfinden konnte, und unter den rumänischen Dichtern war nur einer, der solche Verse schreiben konnte. Das trifft auch auf die allermeisten anderen Gedichte zu, die Eminescu geschrieben hat. Zweifel daran können nur von jemandem geäußert werden, dem der nationalistische Rummel um Eminescu so auf die Nerven geht, dass er mal kräftig Stunk machen will (was man allerdings verstehen kann).
    • Lieber Argonaut,

      vielen Dank für Deine Mühe bei der Anfertigung dieser Übersetzung. Ich werde mir das Stück noch einmal mit Deiner Übersetzung vor Augen anhören. Meine Informationen zum mir vorher unbekannten Dichter Eminescu stammen ausschließlich von der deutschen wikipedia. Vielleicht habe ich da auch etwas missverstanden, als es um Eminescu-Gedichte mit deutschen Vorbildern ging, das gehört aber wohl auch nicht in diesen Enescu-Faden hinein. Es stand dort, soweit ich erinnere, nichts über deutsche Vorbilder (zu welcher Version auch immer) des von Enescu vertonten Gedichts.

      Dass Komponisten die vertonten Texte anpassen, ist kein so ungewöhnliches Verhalten, Gustav Mahler hat es an prominenter Stelle (beim Lied von der Erde-Thread gab es mal Hinweise dazu) auch getan. Ob das hier auch gilt, oder ob die Anpassungen vom Musikwissenschaftler stammen, vermutlich ist das für die Enescu-Symphonie nicht ganz so wichtig.

      Von mir zusammengefasst stellt das Gedicht eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit aus. Eine solche Einstellung kann im Zusammenhang mit einem 60. Geburtstag schon mal aufkommen ..., nehme ich als noch nicht einmal 50-jähriger Klassik-Liebhaber an :)

      Danke nochmals und Gruß

      Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Von mir zusammengefasst stellt das Gedicht eine Auseinandersetzung mit der Endlichkeit aus.

      Nun, ich würde sagen, es stellt eine Auseinandersetzung mit der UN-Endlichkeit dar. Aber das ist eben schwer zu erkennen, wenn man nicht über den Hintergrund Bescheid weiß. Das Gedicht spielt nämlich mit dem Bezug auf eine sehr bekannte und sehr geschätzte (und wirklich ganz unglaublich schöne) Volksballade »Miorița«, in der es um den Tod als Rückkehr in die Natur usw. geht. Mit Todessehnsucht hat das jedenfalls definitiv nichts zu tun. (Es gibt übrigens im Netz eine Übersetzung der »Miorița«, die sehr überzeugend zeigt, dass auch dieser Text praktisch nicht ins Deutsche zu bringen ist. Jedenfalls konnte es dieser Übersetzer nicht. Was er produziert hat, ähnelt dieser wunderbaren Ballade nur sehr entfernt.)
    • Ich danke den Vorpostern, insbesondere Benno und dem Argonauten, für die anregenden Ergänzungen.

      Ich kenne die Einspielungen durch Ruzicka (Sinfonien 4+5 ua) noch nicht. Das wird sich aber bald ändern, trotz Euren Einwänden zur fünften Sinfonie, die gemäss der Einschätzung des Argonauten ja offenbar "nicht zu retten" ist. (Ich werde das gerne verifizieren, sobald die georderten CDs bei mir angekommen sind.)

      Umso mehr soll seine hervorragende Übersetzung und seine Klärungen zu Eminescu verdankt werden.
      Lieber Argonaut, welch ein Gewinn ist ein solchermassen akribisches Engagement für das Forum! Vielen Dank.

      Das in meiner Wahrnehmung melancholisch und irgendwie halt doch abschiedlich gestimmte Gedicht von Eminescu gefällt mir in Deiner Fassung ausnehmend gut. Na ja "gut" ist vielleicht das falsche Adjektiv, denn es dampft durchaus etwas Bedrückendes aus den Zeilen, auch wenn es offenbar nicht die Todessehnsucht thematisiert. Ich kann mir gut vorstellen, dass es geeignet war, den Komponisten in einen Strudel zu ziehen. Vielleicht hat Enescu aus solchen Gründen die Arbeit abgebrochen. Vielleicht wollte er keine selbsterfüllende Prophezeiung anstossen. Aber das sind meine unmassgeblichen Vermutungen. Er hat sich ja offenbar nirgends explizit dazu geäussert. Oder täusche ich mich?

      Im Übrigen kann ich die Einspielungen der ersten drei Sinfonien durch Lawrence Foster mit dem Sinfonieorchester aus Monte Carlo einmal mehr sehr empfehlen. Die sind "fetzig" gespielt würde Kollega Amfortas bemerken. Die Einspielung der Dritten durch Roschdestwenski mit dem BBC Philharmonic finde ich flach und zögerlich.

      Gruss von Walter
    • Also ich kann da nichts Bedrückendes entdecken. Es ist ja keine Entdeckung dieses Gedichts, dass wir alle mal sterben müssen. Seine Leistung ist m. E. der Trost, den es bietet. Aber das ist ja hier nicht das Thema.

      Mir ging es nur um die unfassbare Schlampigkeit, mit der da gearbeitet wird. Wobei man natürlich am schlampigsten arbeitet, wenn es um irgendwas geht, das irgendwie »osteuropäisch« ist...
    • Lieber Argonaut,

      unwissenschaftlich mag der Umgang mit dem Eminescu-Gedicht sein, das ist schon richtig. Aber wir wollen die Kirche im Dorf lassen: die CD widmet sich der Symphonie Enescus in den modernen Spielfassungen. Es gibt sogar einen Hinweis darauf, dass die Übersetzung sich nicht auf die vertonte Fassung Enescus bezieht.

      Und da rumänisch leider sehr wenig bekannt ist, finde ich das Vorgehen vor allem verständlich-bequem: hier ist kein Eminescu-Seminar, sondern eine Enescu-CD mit einem Kommentar zu versehen gewesen. Ich hoffe, Du verstehst das nicht als Zurückweisung der rumänischen Kultur. Leider habe ich auch in anderen osteuropäischen Ländern (Polen, Ungarn) erlebt, dass die Unkenntnis der sehr oft vor allem - von mir gelegentlich als selbstreferenziell wahrgenommenen - Literaturen als Desinteresse und Ablehnung verstanden werden. Das würde ich für die Mehrheit der Mitleser in diesem Forum verneinen.

      Sieh es vielleicht so: mit Deinen Hinweisen zum Gedichttext, Deiner Übersetzung und wenigen Andeutungen zu in Verbindung stehenden Gedichten hast Du uns Enescu-Interessenten mehr geholfen, der Musik Enescus und den ihm sicher bekannten Referenzen näherzukommen. Vielleicht ist das ein konstruktiverer Weg, sich dem Thema Enescu anzunähern ... Ich würde mich sehr freuen, wenn Du uns da noch mehr behilflich sein kannst und magst.

      Gruß Benno
    • Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich bin kein Rumäne, ich kenne das Land lediglich als Tourist, das allerdings seit vielen Jahren, so dass ich einiges mitbekommen habe. Es gehört aber zu meinem Beruf, auch hin und wieder solche Heftchen herzustellen, und ich finde, dabei sollte man ein Mindestmaß an Gründlichkeit aufbringen. Was soll ein Textabdruck, der mit dem, was gesungen wird, nicht das Geringste zu tun hat? Und warum wählt man eine derartig schlechte Übertragung? Weil es bequem ist, weil es sich nicht lohnt, sich für so ein Zeug aus dem Osten mehr Mühe zu machen, warum sonst. Es hätte genügt, mal eben fix zum Telefon zu greifen. An so ziemlich jeder Universität dürfte es einen romanistische Abteilung geben, wo man leicht jemanden gefunden hätte, der den Text übertragen hätte. Es kann ja nicht die Lösung sein, dass man sich darauf verlässt, dass Interessenten schon irgendein Forum finden, wo sie Näheres erfahren.
      Es sei denn, es kommt überhaupt nicht drauf an, was da gesungen wird, dann ist der Textabdruck aber ganz überflüssig. Übrigens ist das ja nicht der einige Fall. Die Beihefte zu Cds (mir fällt es vor allem bei Opern auf) wimmeln von solchen Schlampigkeiten. Da werden bei Opern keine Übersetzungen sondern Textfassungen abgedruckt, die seit 100 Jahren außer Gebrauch sind, weil sie so schlecht waren, oder bei Barock-Opern besonders beliebt) Faksimiles von Textbüchern der Zeit, die nur einen Bruchteil des gesungenen Textes wiedergeben usw. Von der Qualität der mitgegebenen Einführungstexte wollen wir sowieso schweigen. Und dies empfinde ich als einen besonders krassen Fall. Darum wollte ich das (pars pro tot) mal loswerden.

      Was Enescu betrifft, bin ich nicht sehr auskunftsfähig. Ich schätze seine Musik nicht sehr. Da ist er aber keine Ausnahme, ich habe ganz allgemein Schwierigkeiten mit der französischen Musik des 20. Jahrhunderts (außer Messiaen). Und diese Schwierigkeiten werden durch die angeklebten exotisierenden Ornamente aus rumänisch sein wollenden Partikeln nicht geringer. Ich hatte vor ein paar Jahren mit einer Professorin der Musikhochschule in Cluj ein sehr interessantes Gespräch zum Thema. Die sehr gebildete ältere Dame hatte einen deutlichen Hang zum Chauvinismus, was in jener Gegend nicht so selten ist. Darum hatte ich vermutet, von ihr ein paar vielleicht meiner Annäherung dienliche Elogen auf den Nationalkomponisten zu hören zu bekommen. Das war aber nicht der Fall, stattdessen erklärte sie mir, eigentlich müsste Bartók als der rumänische Nationalkomponist gelten. Nun ist Bartók sicher der letzte, der sich für irgendeine chauvinsitische Vereinnahmung eignet, sie bezog sich aber auch weniger darauf, dass er aus dem heutigen Rumänien stammte, sondern viel mehr auf seine Musik. An Enescu ließ sie kein gutes Haar. Sie zeigte mir, was ich oben schrieb: Das ist französische Musik, die hin und wieder ein paar rumänische Ornamente anklebt. Sie verglich das mit einem Souvenirverkäufer vor irgendeiner Sehenswürdigkeit, der den Touristen genau das exotische Bild seines Landes verlauft, das sie haben möchten, obwohl er es besser weiß. Allerdings äußerte sie Zweifel, ob er es wirklich besser gewusst hat, weil er fast nie in Rumänien war. Wohingegen sie aufzeigte, dass Bartók aus der Begegnung mit der rumänischen Volksmusik ganz fundamentale Schlussfolgerungen gezogen hat, die rumänischen (oder ungarischen, slowakischen, bulgarischen, nordafrikanischen) Volksmelodien nicht einfach in die herkömmliche Harmonik, Metrik und Rhythmik eingeschmolzen hat, sondern alle drei Parameter aus dem folkloristischen Material ganz neu erfunden hat. Sie wusste auch, dass für Bartók die ungarische Volksmusik ebenso von Bedeutung gewesen ist, aber sie hat mir sehr überzeugend gezeigt, dass die rumänische Volksmusik mindestens ebenso starke Wirkung gezeitigt hat. Ich erinnere mich, dass sie damals das Experiment gemacht hat, mir erst irgendein Stück von Ravel (wenn ich nicht irre), dann eins von Enescu und schließlich ein en der rumänischen Tänze von Bartók vorzuspielen. Das war sehr beeindruckend: Die ersten beiden Stücke unterschieden sich stilistisch sehr wenig, nur dass bei Enescu ein paar typisch rumänsiche Wenden vorkamen, währen das Stück von Bartók gar keine folkloristische Wendung enthält, aber für jeden, der rumänische Volksmusik kennt, sofort erkennbar ist, und zwar weil es harmonisc, rhythmisch, melodisch und metrisch von dieser Musik ausgeht.

      Ich fand das damals sehr interessant. Übrigens kann man aus diesem Umgang mit dem folkloristischen Material nicht auf die Qualtiät der Musik schließen. Das sind zwei Paar Schuhe. Aber wenn mir die ganze Richtung sowieso schon nicht passt, und ich außerdem etwas gegen den exotistischen Blick auf das Fremde habe, ist klar, dass ich wenig Lust auf nähere Beschäftigung habe. Darum also – langer Rede kurzer Sinn – kann ich nichts weiter zur Debatte beitragen.
    • Bei allem Verständnis für die Enttäuschung über das Versäumnis, Außenstehenden einen Einblick in hochkarätige rumänische Lyrik gewährt zu haben, so ist doch anzumerken, dass cpo mit sehr kleinen Budgets arbeitet. Da ist sehr viel Idealismus dabei, solch randständiges Repertoire überhaupt erst einzuspielen. Ich sähe ja mehr den rumänischen Staat in der Pflicht, rumänische Kultur europaweit bekannt zu machen. Ungarn und Tschechien machen das auch.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Nun, ja. Der rumänische Staat platzt auch nicht gerade vor Geld aus den Nähten. Außerdem tut er, was möglich ist. Das Problem ist, dass Rumänien einerseits nicht viel zu bieten hat, andererseits sich niemand für das, was es zu bieten hat, interessiert. Und die rumänischen Künstler, Philosophen usw. die Weltruhm haben, werden allgemein nicht als Rumänen wahrgenommen (ich meine nicht Interpreten, da sieht es etwas anders aus). Wer bringt schon Tristan Tzara oder Eugène Ionesco oder Emile Cioran oder Constantin Brancusi mit Rumänien in Verbindung? Und andererseits: Welchen Komponisten soll der rumänische Staat weltbekannt machen, wenn es keine gibt, die gut genug sind?
      Grundsätzlich aber: Für meine Bildung und Unbildung bin ich verantwortlich. Kein Staat, keine sonstige Institution. Rumänien liegt nicht auf dem Mond, die rumänische Literatur und Malerei sind keine Dinge, die man lange suchen muss. Wenn einer nichts von Eminescu, Cosbuc, Rebreanu, Istrati (der französisch schrieb und dessen Gesamtwerk in mehreren deutschen Übersetzungen vorliegt), Sadoveanu (von dessen sehr umfangreichem Prosawerk gut 90% in deutschen Übersetzungen vorliegt), Caragiale (von dem alles in mehreren deutschen Übersetzungen vorliegt), Blaga oder Noica (von denen es zumindest die Hauptwerke seit Jahrzehnten in Übersetzungen gibt) usw. gelesen hat, geht das schon in Ordnung. Man kann schließlich nicht alles lesen. Aber den rumänischen Staat trifft da wirklich keine Schuld.

      Aber hier ging es auch nicht um den Normalverbraucher, sondern um die Redakteure eines solchen Heftchens. Ob einer seinen Job ernst nimmt oder nicht, hat auch nichts mit der rumänischen Regierung zu tun. In dem Falle wäre die Aufgabe, dem Hörer dieser Musik, die sich nicht so leicht erschließt, eine Hilfestellung zu bieten. Für einen vernünftigen Text zum Werk und seinem kulturellen Kontext, aus dem es verstanden werden kann, hat die Zeit und das Geld nicht gereicht (klar: 150 Euro sind viel Geld...) Immerhin kam man auf den Gedanken, den Text abzudrucken. Aber welchen Sinn hat das, wenn der abgedruckte Texte gar nichts hilft, weil es ein vollkommen anderer ist, zumal in einer Übersetzung, die eine vollkommen andere ist? Wie lange dauert es, bei der Uni oder beim Konsulat anzurufen und nach einem Übersetzer zu fragen, den anzurufen und ihn zu fragen, ob er den Text mal fix übersetzen kann? Höchstens fünf Minuten. Und spätestens 10 Minuten später hat man die Übersetzung. Wer sich diese Mühe nicht macht, macht einfach nicht seinen Job, denn das ist der Job. Ich weiß, wovon ich rede, weil eben dies Teil meines Jobs war, so dass ich sehr genau weiß, wie das geht und wie viel Zeit und Mühe es kostet bzw. nicht kostet.
    • Der Vergleich hinkt aber sehr. Zum einen war Ungarn damals, als diese Aufnahmen gemacht und herausgegeben wurden, durchaus so etwas wie die Schweiz des Ostblocks (dass die Beihefte keine Frage offen lassen, ist übrigens stark übertrieben), außerdem war es damals für eine solche Ausgabe nicht nötig, dass sie »sich rechnet«. Zum anderen war in Rumänien zu diesem Zeitpunkt selbst Brot knapp, von anderen Dingen des täglichen Lebens ganz zu schweigen, da hatte man andere Sorgen als CD-Gesamteinspielungen des Werks von Enescu. Und heute sind die Zeiten eben nicht mehr so, dass sich so etwas nicht »rechnen« muss. Aber selbst wenn das Geld in Rumänien vorhanden wäre, wäre es trotzdem etwas seltsam den rumänischen Staat »in der Pflicht« zu sehen, für die Bildung der Mitteleuropäer zu sorgen. Die sind da durchaus selbst »in der Pflicht«. Und hier geht es einfach darum, dass ein CD-Heft mit einem Minimum an Sorgfalt gearbeitet wird. Damit hat der rumänische Staat nun wirklich gar nichts zu tun.
    • Die "Bartók - új sorozat" startete meines Wissens in 2008. Da war Rumänien bereits EU Mitglied und Ungarn in einer tiefen Wirtschaftskrise. Und so teuer ist das ja wohl auch nicht, wenn man auf heimische Musiker und Experten zurückgreift. Es geht hier auch um Eigenwerbung - etwas, das Rumänien (das übrigens ein BIP/Kopf wie die Türkei hat und somit nicht zu den ärmsten Ländern der Erde zählt) dringend nötig hat. Ein positives Image täte Not, wenn man die Europär für dieses an und für sich sehr schöne Land begeistern möchte. Natürlich wäre da eine gediegene Enescu-Gesamtausgabe nur ein kleiner Baustein - aber immerhin.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Das rumänische Kulturministerium wird sicherlich begeistert zugreifen, wenn Du anbietest, die geringen Kosten für so eine Edition zu übernehmen. Ansonsten kann man nur leisten, was man sich leisten kann. Und Rumänien kann sich nach wie vor sehr wenig leisten. Und da gibt es durchaus wichtigeres, als müde und desinteressierte Mitteleuropäer für das Land zu begeistern. Und noch einmal: Mit der schlampigen Arbeit an diesem CD-Heft (um diese ging es) hat der rumänische Staat überhaupt nichts zu tun.

      Übrigens: Wenn der Dirigent in seinem Text das Gedicht benennt, das da gesungen wird und die erste Zeile der deutschen Übersetzung eines anderen Gedichts zitiert, liegt der Verdacht nahe, dass nicht einmal ihm aufgefallen ist, dass diese Zeile gar nicht gesungen wird, ja, dass im gesungenen Text an keiner Stelle ein Wort vorkommt, das mit »Begehren« zu übersetzen wäre. Auch dafür kann der rumänische Staats nichts.
    • Agravain schrieb:

      Hinweisen möchte ich auch auf Enescus - wie ich finde - höchst beeindruckende Oper "Oedipe", die von Foster, von Gielen und von eingespielt wurde, wobei ich persönlich die Foster-Aufnahme deutlich vorziehe (Hobson kenne ich allerdings nicht):
      Ich hatte das Glück, vor vielen Jahren in der Wiener Staatsoper das erste Mal die Oper Oedipe zu sehen. Vorher war mir Enescu ein völlig unbekannter Komponist, den ich nur dem Namen nach kannte.

      Agravains Hinweis möchte ich allen hier ans Herz legen: hört euch unbedingt seine Oper Oedipe an. Ein wirklich beeindruckendes Werk...