Empirisch-kapriziöse Intonationsstudie - Aufgabenthread

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  • Empirisch-kapriziöse Intonationsstudie - Aufgabenthread

    In diesem Thread erscheinen nur die Aufgaben – weitere Infos und Diskussion finden sich hier: Empirisch-kapriziöse Intonationsstudie - Diskussionsthread

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    In Runde #1 gibt es zwei einstimmige Melodien, die erste diatonisch (Alle meine Entchen), die zweite chromatisch. Es gibt jeweils vier verschiedene Stimmungssysteme. Eine Erklärung, um welche es sich handelt, folgt nach der Diskussion ("Blindtest").


    bernardynet.de/1_a.mp3
    bernardynet.de/1_b.mp3
    bernardynet.de/1_c.mp3
    bernardynet.de/1_d.mp3



    bernardynet.de/2_a.mp3
    bernardynet.de/2_b.mp3
    bernardynet.de/2_c.mp3
    bernardynet.de/2_d.mp3



    Es gibt auch zwischen Fachmännern keinen Konsens, wie man einstimmig ideal intonieren soll (selbst wenn man nicht auf Temperierung angewiesen ist), ich kann mir vorstellen, dass die Bewertungen hier also am stärksten auseinandergehen.
  • Runde #2 hat den berühmten Tristanakkord zum Thema.

    Es klingt die allererste, die Oper eröffnende Phrase in fünf verschiedenen Stimmungen:

    [Blockierte Grafik: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/53/Tristanakkord_2.jpg]

    Stimmung a
    Stimmung b
    Stimmung c
    Stimmung d
    Stimmung e

    Zum besseren Vergleich gibt es noch eine MP3 mit allen fünf Tristanakkorden isoliert (T. 2), in der angegebenen Reihenfolge Stimmung a, b, c, d, e:

    Tristanakkord isoliert

    Selbiges mit dem Auflösungsakkord E7 (T. 3):

    Auflösung isoliert

    Bitte dieses Mal auf jeden Fall auch eine Reihenfolge posten (von gefällt mir am besten – gefällt mir am wenigsten). Darüber hinaus sind differenzierte Stellungnahmen natürlich willkommen! (– Aber kein Muss.)

    Kriterien der Beurteilung könnten sein: Klingt die Stimmung…

    … vertraut?
    … expressiv?
    … sinnlich?
    … den Affekt (Liebesschmerz, Sehnsucht, Begehren, Entsagung...) plastisch und prägnant wiedergebend?

    Unterschiedlich beurteilt werden können auch: Der Akkord im harmonischen Zusammenhang der Phrase, der Akkord und der Auflösungsakkord isoliert nur als Klang, die melodischen Intervalle.

    Achtung: Nicht jede Stimmung unterscheidet sich hinsichtlich Tristanakkord und Auflösungsakkord von jeder anderen. Deshalb können in den isolierten Klangbeispielen zwei Stimmungen auch identisch klingen.

    Ich bin gespannt, wie euer Meinung nach der berühmteste Akkord der Musikgeschichte tatsächlich klingen soll. Denn ein Akkord ohne Stimmung ist abstrakt, erst durch die Wahl der passenden Stimmung (und seine anschließende Aufführung) wird er zum Klang!
  • Runde #3 steht unter dem Motto wohltemperiert

    Bildschirmfoto 2016-08-12 um 17.33.45.png

    Im späten 17. Jahrhundert begann man, die bis dahin vorherrschende mitteltönige Stimmung zu modifizieren, um in allen 24 Tonarten spielen zu können. Mit der mitteltönigen Stimmung wird versucht, möglichst viele reine Terzen erhalten und dafür etwas zu enge Quinten in Kauf zu nehmen. Mit nur zwölf Tasten kann man aber nur acht reine Terzen realisieren: von es-g bis (im Quintenzirkel hoch) e-gis. Eine Terz weiter, h-dis, würde erfordern, dass man die dis/es Taste teilt (was auch teilweise getan wurde), da man ja das es schon rein unter g gestimmt hatte und es nicht gleichzeitig als reines dis über h haben kann.
    Die Tonarten H-Dur und As-Dur (und darüber bzw. darunter hinaus) sind also unbrauchbar, eigentlich bereits E-Dur und Es-Dur, da in ihnen die Töne dis bzw. as sehr häufig vorkommen. Im 17. Jahrhundert kommen diese Tonarten bzw. Töne deshalb fast nie vor.

    Im 18. Jahrhundert gibt es sehr viele Entwürfe von Stimmungen, die einen Kompromiss zwischen der mitteltönigen und der gleichstufigen (die theoretisch bereits lange bekannt ist) einzugehen versuchen. Diese Stimmungen nennt man wohl temperiert, die gleichstufige ist sozusagen der Extremfall. Die Kompromisslösungen basieren meistens vor allem auf folgenden Motiven:

    - Tonarten mit wenigen Vorzeichen werden häufiger genutzt, deshalb bietet es sich an, sie reiner zu stimmen als Tonarten mit vielen Vorzeichen
    - Durch die Ungleichstufigkeit erhält jede Tonart eine eigene Charakteristik, was ein ganz besonderes Spezifikum der nicht-gleichstufigen Temperierungen des 18. Jahrhunderts darstellt: In der Mitteltönigkeit klingen alle Tonarten, die benutzbar sind, gleich – in der gleichstufigen Stimmungen klingen auch wieder alle Tonarten gleich. Bei den wohltemperierten dazwischen werden hingegen die Akkorde desto unsauberer, je mehr Vorzeichen ins Spiel kommen. Im Quintenzirkel aufwärts werden z. B. meist ab C-Dur die Terzen immer schärfer (größer) und damit die Charakteristik "heller": c-e ist bei Kirnberger III rein, g-h etwas größer, a-cis ca. wie gleichstufig, e-gis noch größer als gleichstufig.

    So beschreibt Werckmeister zwar die gleichstufige Stimmung und findet sie gut, befindet aber anschließend: "Indeßen bin ich doch nicht ungeneigt / und bleibe dabey / daß man die diatonischen Tertien etwas reiner laße / als die andern so man selten gebrauchet / es giebet auch gute Veränderung" (Werckmeister, Musicalische Paradoxal-Discourse, S. 112)

    Nun hat Bach Werckmeister wahrscheinlich über Buxtehude kennengelernt – wie genau Bach letztendlich gestimmt hat und an welche Stimmung er beim wohltemperierten Klavier gedacht hat, bleibt aber letztlich Spekulation. Man hat einige wenige Anhaltspunkte:

    Im Bachs Nekrolog steht: „Die Clavicymbale wußte er, in der Stimmung, so rein und richtig zu temperiren, daß alle Tonarten schön und gefällig klangen.“ (Hans-Joachim Schulze: Johann Sebastian Bach: Leben und Werk in Dokumenten, S. 194)
    Es muss also Richtung gleichstufig gegangen sein. Dafür spricht die Überlieferung Marpurgs, dass Bach Kirnberger angewiesen habe, alle Terzen sehr scharf zu stimmen. (Friedrich Wilhelm Marpurg, Versuch über die musicalische Temperatur, S. 212)
    Außerdem schreibt Forkel in seiner Bach-Biographie 1802: "[...] seine Chromatik war so sanft und fliessend, als wenn er bloss im diatonischen Klanggeschlecht geblieben wäre." – Die Chromatik ist in der gleichstufigen Stimmung tatsächlich sehr weich, da alle Schritte gleich groß sind. In mitteltöniger und reiner Stimmung ist sie dagegen sehr hart, wie der Begriff "Passus duriusculus" ja auch sagt (kann man beim 2. Beispiel aus Runde #1 nachhören).

    Dagegen spricht, dass Bach sehr schnell gestimmt haben soll. Forkel schreibt: "[...] und er war so geübt in dieser Arbeit, dass sie ihm nie mehr als eine Viertelstunde kostete."
    Die gleichstufige Stimmung ist allerdings sehr schwer zu realisieren, immerhin wird kein einziges Intervall (außer natürlich den Oktaven) rein gestimmt. Kirnbergers Stimmung gilt hingegen als eine der am schnellsten und einfachsten zu realisierenden. Außerdem könnte man sich fragen, warum Kirnberger als Bachs Schüler sich so weit von der gleichschwebenden Stimmung entfernt haben sollte.

    Da die gleichschwebende Stimmung ohnehin erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in der Praxis exakt realisierbar wurde, kann man also allenfalls von einer Annäherung ausgehen.
    Im wohltemperierten Klavier finden sich auch Indizien für Tonartencharakteristik: So finden wir im ersten Präludium in C-Dur den reinsten Klangteppich, für die Tonart Cis-Dur zwei Präludien weiter hat er eine sehr schnelle Textur ohne liegenbleibende Töne gewählt. (Man muss allerdings hinzufügen, dass das Präludium in einer früheren Fassung schon in C-Dur existierte, war also nicht eigens dafür komponiert.)

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    Wie man sieht, wieder mal eine Frage, die sich nicht wissenschaftlich restlos klären lässt. Interessant könnte also wiederum sein, durch den Hörvergleich herauszufinden, welche Temperierung einem selbst am angenehmsten erscheint. Ich habe dafür zwei Fugen und das berühmte erste Präludium gewählt. Das erste Präludium wird vermutlich in der Mitteltönigkeit näheren Temperierungen einen besseren Eindruck machen, bei der A-Dur-Fuge, in der viele Vorzeichen vorkommen, wird sich zeigen, ob solche Stimmungen die Wölfe genügend im Zaum halten.
    Um dem Gewohnheitseffekt ein bisschen entgegenzusteuern, habe ich dieses Mal ein historisches Klavier von 1790 (nach J. Schantz) gewählt. Ich hoffe, ihr seht mir nach, dass ich nicht die Muße hatte, die Stücke gründlich einzuüben...

    An Stimmungen ist vieles dabei: historische Temperierungen inkl. gleichstufig, vermeintlich rekonstruierte "Bach-Stimmung" aus dem 20. Jh., mitteltönig ggf. eigens modifiziert.

    Bewertet können dieses Mal alle Stimmungen jeweils mit Punkten von 0 bis 5 (schlecht nach gut). Nicht jede Stimmung und jedes Stück muss bewertet werden, die Stücke können auch einzeln bewertet werden, oder ein Gesamteindruck der jeweiligen Stimmung. Man muss nicht alle Stimmungen bewerten, sondern kann sich auch auf eine Auswahl beschränken: 1 und 3–5 würde ich aber zum Vergleich auf jeden Fall empfehlen.

    Präludium C-Dur #1
    Präludium C-Dur #2
    Präludium C-Dur #3
    Präludium C-Dur #4
    Präludium C-Dur #5
    Präludium C-Dur #6
    Präludium C-Dur #7

    Fuge A-Dur #1
    Fuge A-Dur #2
    Fuge A-Dur #3
    Fuge A-Dur #4
    Fuge A-Dur #5
    Fuge A-Dur #6
    Fuge A-Dur #7

    Fuge G-Dur #1
    Fuge G-Dur #2
    Fuge G-Dur #3
    Fuge G-Dur #4
    Fuge G-Dur #5
    Fuge G-Dur #6
    Fuge G-Dur #7

    Also dann, schauen wir, was die Auswertung bringt! In welcher Stimmung hört Capriccio das wohltemperierte Klavier am liebsten?

    P.S.: Sieht nach viel Material aus. Zu viel. Ich weiß – aber ihr dürft euch gerne nur wenig vornehmen: z. B. nur das Präludium in den Versionen 1 und 3–5. Einmal durchzappen – dann alle hintereinander anhören und nach jedem eine spontane Note geben. Die Beurteilung einer oder beider Fugen kann auch zwei Wochen später oder gar nicht erfolgen.