LIEBESTRANK - Sommeroper Selzach (5. und 7.August)

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    • LIEBESTRANK - Sommeroper Selzach (5. und 7.August)

      Alle zwei Jahre verwandelt sich das ehemalige Passionsspielhaus im kleinen schweizer Ort Selzach (wenige Kilometer westlich von Solothurn gelegen und auch für die Storchenpopulation bekannt) in ein Opernhaus. Die „Sommeroper Selzach“ hat sich in den letzten Jahren einen über die Kantone Bern und Solothurn reichenden guten Namen erspielt und ersungen. Das Besondere an diesem Miniopernfestival ist, dass die Bevölkerung der Umgebung mit einbezogen und beteiligt ist. Lokale Handwerker und Vereine gestalten Bühnenbilder und Kostüme und stellen auch große Teile von Chor und Orchester. Die Choristen und Orchestermusiker werden dabei von den Profis des Theaters Biel-Solothurn unterstützt. Und auch die Gastronomie betreibt ein selzacher Anbieter. Die wesentliche Einbindung der Bevölkerung hebt einerseits die Akzeptanz, muss doch gut die Hälfte des Budgets von der regionalen öffentlichen Hand und Sponsoren aufgebracht werden, und sichert auch durch den Besuch von Freunden und Verwandten mehr als bloß eine Basisauslastung.
      Das Leading-Team – René Gehri (gemeinsam mit Pia Bürki Produktionsleitung), Thomas Dietrich (Regie), Oskar Fluri (Bühne) und Bruno Leuschner (musikalische Leitung) - ist seit Jahren gleich und hat eine eigene „Selzacher Dramaturgie“ entwickelt. In diesem Jahr steht Gaetano Donizettis „L´elisir d´amore“ auf dem Programm. Und erstmalig wird nicht ausschließlich in deutscher Sprache gesungen. Ich habe die Premiere am 5.August und zwei Tage später die erste Reprise gesehen.
      Regisseur Thomas Dietrich hat die Handlung in das Piemont zu Ende der 1940er Jahre verlegt. Adina besitzt als Gutsherrin Reisfelder rund um Vercelli, einem Zentrum der italienischen Reisproduktion, Nemorino ist in dieser Inszenierung ein Landmaschinenmechaniker aus dem Wallis und arbeitet auf ihrem Hof. Die Geschichte ist dem Opernfreund bekannt, wird hier dem nur bedingtoperaffinenPublikum aber durch eingestreute und das Geschehen erklärende deutsche Sätze und Szenen verständlich gemacht und nahe gebracht. Dieses Konzept geht auf und überzeugt das Publikum, das dem Abend (berechtigt) begeistert und mit standing ovations Beifall zollte. Dietrich versteht es, nicht nur die Solisten zu führen, sondern zeichnet auch zumeist die Mitglieder des Chores als eigene Charaktere. Da dürfen die Arbeiterinnen schon vor Beginn des Abends in einem stilisierten Reisfeld Revolutionslieder singen, Adina tritt als Reiterin auf und liest die Geschichte von Tristan und Isolde – Nemorino wird sie den Arbeiterinnen und einer Besuchergruppe später erklären – in einem Romanheft, Belcore ist ein beinahe echter Alpinioffizier mit der Feder am Hut und schikaniert die ihn begleitenden zwei Soldaten, Dulcamara kommt auf einem wie aus einer anderen Welt stammenden Gefährt. Der Regisseur sprüht vor Ideen und weiß auch Text- und Stilzitate passend einzusetzen
      Das Bühnenbild von Oskar Fluri, dem die seit der letzten Produktion renovierte und technisch verbesserte Bühne zusätzliche Möglichkeiten bietet, ergänzt das Regiekonzept ideal. Dafür hat er Anleihen bei Gutshäusern und Klöstern im Piemont genommen und ebenso realistisch wie phantasievoll umgesetzt. Wer die Region kennt, erinnert sich an das eine oder andere Detail. Man glaubt den Gutshof Adinas schon irgendwo gesehen zu haben, landwirtschaftliche Maschinen könnten aus einem regionalen Museum ausgeborgt sein, der Platz für die Hochzeitsgesellschaft wirkt täuschend echt. Einzig die Kostüme der Landarbeiterinnen wirken zu gepflegt und wie frisch aus der Wäsche.
      Musikalisch bietet dieser „Liebestrank“ ein Niveau, das ich mir von manch einem der zahllosen österreichischen Sommerfestivals wünschen würde. Ein Macho aus dem Bilderbuch ist Aram Ohanian, der als Belcore in Selzach debutiert. Seiner Ausstrahlung merkt man an, dass er auch den Don Giovanni schon gesungen hat. Als draufgängerischer Sergeant begeistert er mit seiner Ausstrahlung das weibliche Bühnenpersonal nicht nur optisch, seine wohlgeführte Stimme bringt ihm auch immer wieder spontanen Applaus des Publikums ein. Eine stimmliche Indisposition am zweiten Abend soll aber nicht verschwiegen sein. Nikolaus Meer war hier schon in mehreren Produktionen zu erleben. Als Dulcamara kann er diesmal neben seinen stimmlichen Qualitäten auch sein komödiantisches Talent zeigen und ausleben. Zum Stammensemble gehört auch Astrid-Frederique Pfarrer. Sie brilliert als Giannetta und bestätigt die Bühnenweisheit, dass es keine Nebenrollen gibt. Ich habe selten eine Interpretin dieser Rolle erlebt, die stimmlich wie darstellerisch gleichermaßen überzeugen konnte. Als ich Deborah Leonetti vor zwei Jahren als Margarethe gehört habe, schrieb ich, dass Stimmliebhaber sie beobachten sollten. Nach ihrer Adina – gehört habe ich die Premiere und die erste Reprise - bin ich zwiespältig. Die Stimme sitzt, sie singt jede Note richtig, und dennoch – sie lässt mich kalt; da würde ich ein wärmeres Timbre vorziehen. Ganz anders Dino Lüthy als Nemorino der Premiere, auch er ein Debutant in Selzach. Wunderbar, wie er den verschmähten und leidenden Liebhaber gibt, der nach dem Konsum einer Flasche Wein zum Charmeur und Frauenhelden wird. Dem Wohlklang seiner Stimme muss Adina einfach erliegen. Über das etwas baritonale Timbre kann man diskutieren. Dass er bei „Una furtiva lagrima“ abräumt, zeigt, dass Sänger und Stimme beim Publikum ankommen. André Gass, die Alternativbesetzung (Nemorino ist die einzige doppelt besetzte Partie), kann da nicht ganz mithalten. War er indisponiert, nervös wegen des Debuts bei der Sommeroper, oder hat er einfach stimmliche Probleme – wer weiß. Nachdem er sich frei gesungen hatte, zeigte er im 1.Akt eine mehr als hörenswerte Gesangskultur, um im 2.Akt wieder hörbar mit Stimmproblemen zu kämpfen. Schade, denn wo die Stimme saß, zeigte er einen schönen Mozart- oder Rossinitenor.
      Ein besonderes Lob gebührt bei der Sommeroper Selzach jedes Mal dem Chor (Einstudierung Valentin Vassilev). Die Sängerinnen und Sänger sind merklich mit Begeisterung bei der Sache und singen und spielen, dass es eine Freude ist. Hervorheben möchte ich dennoch Eva Herger, die als Vorsängerin der Arbeiterinnen mehr als lediglich eine Talentprobe gibt. Durchaus erfreulich auch die Leistung des Orchesters, dem der Dirigent Bruno Leuschner aber etwas mehr Italianitá entlocken könnte.

      Brunello