Bach: Das wohltemperierte Klavier (BWV 846-893)

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    • Bach: Das wohltemperierte Klavier (BWV 846-893)

      Hallo zusammen,

      in dem Thread über Chopin auf historischen Instrumenten entwickelte sich eine Diskussion zu Aufführungen des Wohltemperierten Klaviers von Bach. Auslöser war ein Bericht über eine Aufführung in ungewöhnlicher Reihenfolge. Auf Wunsch der Beteiligten habe ich die entsprechenden Beiträge in einen neuen Thread über Bachs WTK verschoben bzw. kopiert. Die ersten beiden Beiträge habe ich gekürzt, so dass sie nur die Ausführungen zum WTK enthalten. Es wäre natürlich schön, wenn ein Berufener eine Werkeinführung nachreichen könnte.

      Grüße,

      Melanie


      Hallo Symbol,

      [...] Anderes Beispiel: Koroliov spielt im Konzert Bach WTK auch in einer anderen Reihenfolge (er folgt dem Quintenzirkel oder so), und das fand ich extrem belebend. Weiß jetzt allerdings nicht, ob er dies auf seiner CD-Einspielung auch macht oder sich dort an die herkömmliche Anordnung hält.

      Liebe Grüße,

      Christian
    • Lieber Christian,

      [...]
      Etwas OT: Deine Ausführungen zu Koroliov interessieren mich sehr, da er zu meinen Hausgöttern als Musiker zählt. Ich habe ihn vor knapp zwei Jahren live gesehen, da spielte er jedoch nur Auszüge aus dem WTK, so daß eine Neuordnung der Stücke nicht zu erkennen gewesen wäre. Auf welche Aufführung beziehst Du Dich? Auf seiner (übrigens von mir sehr geschätzten) CD-Einspielung beider Teile des WTK macht er die Neuordnung nicht, sondern folgt der etablierten Reihenfolge. Auf seiner (m. E. genialen) Aufnahme der Kunst der Fuge folgt er nicht der Czerny-Klavier-Ausgabe, sondern mischt die Contrapunctus mit den Canons - ich weiß nicht, welcher Ausgabe dies gehorcht (Urtext?), die Alte-Musik-Experten können hier sicherlich qualifizierte Auskunft geben.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Koroliov führte vor ca. 5 Jahren im Münchner Herkulessaal den ersten Teil des WTK auf. Im Programmheft, das ich leider nicht mehr habe, begründete er die ungewöhnliche Anordnung. Ich meine, dass er, beginnend mit dem C-Dur Präludium & Fuge sich dann entlang des Quintenzirkels bewegt hat. Ob er dafür eine musikwissenschaftliche Erklärung gegeben hat - ich weiß es nicht mehr mit Sicherheit, aber ihm war jedenfalls die Abweichung von der üblichen Anordnung wichtig... und jetzt fällt mir noch ein, dass er bei der Anordnung zudem darauf geachtet hat, dass sich eine größtmögliche Abwechslung einstellt. Das Konzert habe ich wirklich großartig in Erinnerung, einige Stücke (bspw. 4. Fuge) habe ich wie zum ersten Mal gehört!

      Herzliche Grüße,

      Christian
    • Christian B. schrieb:

      Koroliov führte vor ca. 5 Jahren im Münchner Herkulessaal den ersten Teil des WTK auf. Im Programmheft, das ich leider nicht mehr habe, begründete er die ungewöhnliche Anordnung. Ich meine, dass er, beginnend mit dem C-Dur Präludium & Fuge sich dann entlang des Quintenzirkels bewegt hat. Ob er dafür eine musikwissenschaftliche Erklärung gegeben hat - ich weiß es nicht mehr mit Sicherheit, aber ihm war jedenfalls die Abweichung von der üblichen Anordnung wichtig... und jetzt fällt mir noch ein, dass er bei der Anordnung zudem darauf geachtet hat, dass sich eine größtmögliche Abwechslung einstellt. Das Konzert habe ich wirklich großartig in Erinnerung, einige Stücke (bspw. 4. Fuge) habe ich wie zum ersten Mal gehört!

      Herzliche Grüße,

      Christian

      Lieber Christian,

      da muß ich jetzt doch mal ganz dumm zurückfragen: in welche Richtung hat er sich denn bewegt? Von C-Dur aus erst die Kreuz- und dann die B-Tonarten? Oder abwechselnd? Und wie wurden die Molltonarten inkorporiert? Nach dem ursprünglichen Schema (also c-moll nach C-Dur etc.) oder als Paralleltonarten (also a-moll nach C-Dur etc.) oder en bloc nachdem die Dur-Tonarten fertig waren? Meinst Du mit der 4. Fuge die aus der Original-Reihenfolge (das wäre dann cis-moll) oder die 4. Fuge nach Koroliovs Schema? Und, ganz trivial: wurde Band I oder Band II gespielt? :D

      Ich vermute, daß das hier ziemlich OT wird. Vielleicht möchte ja ein Mod diese Punkte in einen neuen WTK-Thread übertragen? Wenn ja, dann bitte zunächst auf einen Band beschränken, sonst wird's echt unübersichtlich. :D

      LG :wink:

      P.S.: Ich werde die nächsten Tage nicht online sein, es ist also möglich, daß wir die Diskussion später fortsetzen müssen.

      Done, dennoch erst mal den Thread für beide Bände erzeugt, da ja noch nicht ganz klar ist, welcher Band gespielt wurde. Notfalls kann ich das dann noch mal ändern. (mela)
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    • Johann Sebastian Bach - Das Wohltemperierte Klavier Teil I

      (nachgereichte kurze Einführung - ich beschränke mich ausdrücklich auf den ersten Teil, der zweite hat m. E. einen eigenen Thread verdient)

      Johann Sebastian Bach (1685-1750) hat diesen Klavierzyklus (BWV 846-869) ab 1722 noch in Köthen komponiert. Das Werk besteht, wie den meisten bekannt sein dürfte, aus 24 "Pärchen" von Präludien und Fugen, die chromatisch alle Dur- und Molltonarten durchschreiten (also C-Dur, c-moll, Cis-Dur, cis-moll etc.), und nützt damit den Vorteil der von Andreas Werckmeister ab 1681 erarbeiteten wohltemperierten Stimmung aus. Die Präludien besitzen teils improvisatorischen Charakter, v. a. wenn sie aus Folgen von gebrochenen Akkorden bestehen (Beispiel: das berühmte C-Dur-Präludium), die Fugen sind drei- oder vierstimmig, lediglich die e-moll-Fuge ist zweistimmig und die cis-moll-Fuge und b-moll-Fuge fünfstimmig.

      Ich würde gerne ein paar Anregungen für mögliche Diskussionspunkte mitliefern, die natürlich keinesfalls einengend gemeint sind:

      1) Einzelne Präludien und Fugen, die (aus welchen Gründen auch immer) besonders herausstechen oder besonders geschätzt werden

      2) Rezeptionsgeschichte

      Hans von Bülow nannte das WTK das "Alte Testament" der Klavierliteratur, Beethoven soll empfohlen haben, jeden Tag ein Stück daraus zu spielen. Welche Bedeutung hatte das WTK für die Entwicklung der nachfolgenden Musik, insbesondere der Klaviermusik?

      3) Aufführungspraxis

      (s. z. B. unsere obige Diskussion über die Reihenfolge der Stücke)

      4) Aufnahmen

      Ich selbst höre eigentlich fast nur noch die Aufnahme von Evgeni Koroliov auf dem modernen Flügel:



      Bei Bach fast immer bemerkenswert ist natürlich auch Glenn Gould, der m. E. jedoch z. T. zu Manierismen und Skurrilitäten neigt:



      5) Literatur

      Vom Theoretiker Christoph Hohlfeld gibt es in seiner Reihe Schule musikalischen Denkens eine umfangreiche Analyse des WTK, die jedoch sehr, sehr anspruchsvoll ist (ich habe mich zumindest bisher nicht herangetraut)

      LG :wink:

      P.S.: Sorry, mela, ich habe Deine Anmerkung zu spät gelesen - evtl. reiche ich noch ein kurzes Pendant zum zweiten Teil des WTK nach.
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      da muß ich jetzt doch mal ganz dumm zurückfragen: in welche Richtung hat er sich denn bewegt? Von C-Dur aus erst die Kreuz- und dann die B-Tonarten? Oder abwechselnd? Und wie wurden die Molltonarten inkorporiert?


      Der Chopin macht's bei seinen Präludien op. 28 so: von C-dur / a-moll aus erstmal die Kreuze hoch (G-dur / e-moll, D-dur / h-moll etc.), um dann nach Fis-dur (mit "dis-moll" enharmonisch verwechselnd) es-moll folgen zu lassen.
      Darauf folgen sozusagen abwärts die weiteren B-Tonarten: Des-dur / b-moll, As-dur / f-moll etc. Den Abschluss bilden dann F-dur / d-moll.

      So macht es später auch der Schostakowitsch mit seinen Präludien und Fugen.

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Hallo liebe Musikfreunde!



      Obwohl ich kein großer Experte der Barockmusik bin, zählt das WTK zu den mir liebsten Werken der Musik überhaupt. Leider hatte ich keinen sehr glücklichen Start mit diesem Werk, da ich mir zuerst die Aufnahme der Version von Swatioslav Richter besorgt hatte.



      Richter hat für meinen Geschmack einen zu romantischen Anschlag für dieses Werk. Einzelne Stücke gelingen Richter schon sehr gut, aber insgesamt fehlte mir der Fluss. So fiel es mir immer schwer, mehr als eine halbe Stunde am Stück zu hören.

      Deshalb besorte ich mir vor ein paar Jahren die Aufnahme mit Gulda, und was soll ich sagen, diese gefällt mir ungemein gut.




      Hier hatte ich überhaupt kein Problem mehrere Stunden am Stück mir Genuss dem Werk zu folgen. Der Anschlag von Gulda ist recht trocken, seine Tempi sind anders als bei seinem Beethoven keineswegs flott. Ich gelange oft in eine meditative Stimmung, wenn ich diese Aufnahme höre. Gulda ist eine große Empfehlung!

      Auf dem Wunschzettel steht noch die Version von Gould, den ich bisher vor allem als Intepreten anderer Komponisten als Bach schätzen gelernt habe (Brahms, Beethoven, Strauss). Sein Bach hat mich bisher nicht 100%tig übezeugt.

      Nach Euren Ausführungen scheint auch Koriolov, von dem ich schon viel Gutes gehört habe, eine bedenkenswerte Anschaffung zu sein. Leider ist er doch recht teuer und seine Plattenfirma scheint auch nie nenneswerte Rabattaktionen zu unternehmen.

      Vielleicht werde ich auch einmal einer Cembalo-Version eine Chance geben, obwohl ich bisher meine Probleme mit dem Klang dieses Instruments hatte. Aber ich warte wohl noch ein paar Jahre, denn noch habe ich nicht die innere Ruhe, mich auf diese neuartige Klangwelt mit ihren eigenen Feinheiten einzulassen.

      Grundsätzlich bin ich aber mit Gulda sehr zufrieden, und ich habe noch nicht den Eindruck, alle Feinheiten dieser Version erschöpfend ausgehört zu haben.





      Nachsatz: Kann mir bitte jemand erklären, warum nur ein Cover hier aufscheint. Ich bin in beiden Fällen identisch vorgegangen, habe aber nur eine Erfolgsquote von 50% (immerhin, sagt der Opitimst).

      Da war irgendwie ein Tag zuviel. Das habe ich entfernt, jetzt geht's (mela)
    • Symbol schrieb:



      Lieber Christian,

      da muß ich jetzt doch mal ganz dumm zurückfragen: in welche Richtung hat er sich denn bewegt? Von C-Dur aus erst die Kreuz- und dann die B-Tonarten? Oder abwechselnd? Und wie wurden die Molltonarten inkorporiert? Nach dem ursprünglichen Schema (also c-moll nach C-Dur etc.) oder als Paralleltonarten (also a-moll nach C-Dur etc.) oder en bloc nachdem die Dur-Tonarten fertig waren? Meinst Du mit der 4. Fuge die aus der Original-Reihenfolge (das wäre dann cis-moll) oder die 4. Fuge nach Koroliovs Schema? Und, ganz trivial: wurde Band I oder Band II gespielt? :D

      Hallo Symbol,

      Koroliov hat Band I gespielt und mit der 4ten Fuge meine ich die aus der Originale-Reihenfolge, also die cis-Moll Fuge. Koroliov hat sie sehr langsam und meditativ gespielt, ist dabei aber immer intensiver geworden, so dass die Fuge regelrecht transzendierte. Das war faszinierend und für mich eine völlig neue Deutung dieses Stücks. In dieser Art habe ich das allenfalls wieder in der Einspielung von Sviatoslav Richter gefunden. Koroliov lässt sich ja auch auf CD über 7Min. Zeit für dieses Stück, wie ich gerade herausgefunden habe. Die meisten Interpreten liegen bei unter 4 Minuten.

      Die anderen Fragen kann ich aus dem Gedächtnis leider nicht mehr beantworten, vielleicht kann man aber Koroliov kontaktieren, er unterrichtet meines Wissens in Hamburg, da sollte man doch den Kontakt herausfinden können.

      Herzliche Grüße,

      Christian
    • :wink:

      Und wenn man nicht täglich ein Stück daraus spielen kann, sollte man eines hören! Beide Bücher sind ganz fabelhaft. (A propos: Meine Buchempfehlung wäre dazu Alfred Dürrs Werkeinführung, im Bärenreiterverlag erschienen.)
      Hm, Richter romantisierend? Der Gedanke ist mir bei seinem Spiel noch nie gekommen. Seine Aufnahme liebe ich sehr. Ansonsten gefällt mir auch ungemein Gustav Leonhardts Interpretation auf dem Cembalo. Ich denke, auch das WK ist ein wunderbares Werk, dass man auf beiden genannten Instrumenten hören sollte.

      Gruß, Beryllo
    • Mal ganz dumm gefragt: Welche Cembalo-Aufnahme empfehlt Ihr denn?

      Ich habe auf dem Klavier Glenn Gould und Sviatoslav Richter, auf dem Cembalo Scott Ross und Ton Koopman. Glenn Gould haut mich immer wieder um, ich finde, dass keiner die Fugen so durchhörbar umsetzen kann wie er. Nun höre ich sehr gerne Cembalo, und hätte nichts gegen eine Aufnahme auf diesem Instrument, die eine echte Konkurenz zu Gould sein könnte. Scott Ross fand ich irgendwo langweilig, wie runter buchstabiert. Und an Ton Koopman kann ich mich nicht wirklich erinnern, was ein schlechtes Zeichen ist :huh:

      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Nun höre ich sehr gerne Cembalo, und hätte nichts gegen eine Aufnahme auf diesem Instrument, die eine echte Konkurenz zu Gould sein könnte.
      Bon soir Michel.

      Mir fiele jetzt Pierre Hantaï ein, dessen wohltemperiertes Clavier ist alles andere als langweilig und ich kann mir auch kaum vorstellen, daß Du Dich nicht daran erinnern magst, solltest Du es einmal gehört haben:


      .

      Hantaï ist zwar als "konservativ" verschrieen", aber ich finde das nicht unbedingt - Lebhaft, Genau und "Verständnisvoll" kämen mir in den Sinn. - Ich hoffe, daß jemand der sich länger und intensiver mit Cembalo-Aufnahmen beschäftigt eine Wortspende zu Hantaï geben mag.

      Liebe Grüße aus der Stadt mit der Operntoilette

      Bernhard


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Bei dem Cis-Moll-Stück (Nr. 4) des ersten Bandes favorisiere ich immer noch Rosalyn Tureck: Noch vor Gulda, Gould + Richter.
      Grund: Sie ist bisher die einzige die bei der Gestaltung der Fuge die 3 unterschiedlichen Themen deutlich artikuliert und voneinander abgrenzt (was für eine unvergleichliche + beeindruckende Fuge); während die anderen Pianisten eher darüber hinwegspielen, hinweghuschen (vor allem Gould) ...
      Generelll aber finde ich Gulda und Richter auch sehr beeindruckend. Bei Gould gefällt mir die Gestaltung der anderen Bachwerke mehr als das WT.
      :wink:

      PS. Ihr müsst Euch mal die Kunst der Fuge mit Koroliov reinziehen (ich habe auch einen Livemitschnittt aus Mannheim). Das ist ein absoluter Mega-Knaller. Sein WT habe ich noch nicht gehört..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Leider hatte ich keinen sehr glücklichen Start mit diesem Werk, da ich mir zuerst die Aufnahme der Version von Swatioslav Richter besorgt hatte..... Richter hat für meinen Geschmack einen zu romantischen Anschlag für dieses Werk.....


      Malsehn, die Richter-Aufnahme besitze ich auch, und sie sagt mir ebenfalls nicht zu. Meine Begründung dafür ist aber eine andere: Sie ist mir viel zu "unromantisch", zu lotrecht, zu geradeaus. Richter, den ich ansonsten sehr schätze, folgt hier wohl dem Diktum der Zeit. Damals glaubte man mehr oder minder fest, Barockmusik sei möglichst emotionslos, akkurat und terrassendynamisch herunterzurappeln - eines der größten Verdienste der HIP-Bewegung scheint mir, daß sie mit diesem Schreibmaschinenideal speziell bei Bach gnadenlos aufräumen konnte.

      Meine Lieblingsaufnahme des Wohltemperierten Klaviers ist die mit Edwin Fischer, der nahezu jede Nummer mit atmosphärischer Eigenständigkeit erfüllt. Und manchmal denke ich, daß sich die Gegensätze zwischen einer extrem "romantisierenden" und einer historisch bestens informierten Interpretation an ihren Enden berühren - zumindestens dann, wenn in beiden Fällen Ausnahmekünstler am Werk sind. -

      Goulds Ansichten über den späten Strauss oder über Sibelius finde ich sehr interessant, aber sein Klavierspiel verleitet mich regelmäßig zum Davonlaufen. Das betrifft nicht nur die Werke Bachs, aber auch diese. Von der nicht zu leugnenden *Transparenz* abgesehen klingt das, was Gould da fabriziert, für mich immer wieder wie Musikschule 3.Jahr. Anders ausgedrückt: Dieses klangunsinnliche Gehacke auf den Tasten tut meinen Ohren ziemlich weh - da hilft dann auch der moderne Flügel gar nix mehr.....

      Viele Grüße

      Bernd
    • Hallo Ihr Lieben,

      die bereits angesprochene cis-moll-Fuge ist in der Tat ein unglaubliches Werk! Letztlich verwendet Bach neben dem eigentlichen Thema zwei Kontrapunkte in sich wiederholender und so prägnanter Weise, dass ihnen beinahe selbst Themen-Charakter zukommt (Gibt es für diese Technik eigentlich einen Fachbegriff? Eine Tripelfuge im eigentlichen Sinn ist es ja wohl nicht, oder?) - und dies in einer fünfstimmigen Fuge! Die bereits angesprochene Lesart von Koroliov, das Stück sehr langsam zu spielen, hatte mich zunächst überrascht, hatte ich es doch bei meinen eigenen kläglichen pianistischen Versuchen immer eher als schnelle Fuge aufgefasst. Inzwischen bin ich von diesem "langsamen Ansatz" jedoch voll überzeugt.

      In Sachen "WTK auf historischen Instrumenten" bin ich noch recht unbeleckt. Ich nenne die Aufnahme von Robert Levin im Rahmen der Hännsler-Bach-GA mein Eigen und muss zu meiner Schande gestehen, dass sie bisher ungehört geblieben ist. Gibt es hier Meinungen zu dieser Aufnahme? (So oder so, die wird demnächst mal angehört!)

      @Amfortas09: Wir sollten wohl beizeiten noch mal einen Kunst der Fuge-Thread initiieren. Die von Dir genannte Koroliov-Aufnahme ist m. E. in der Tat eine jener Aufnahmen, für die jeder denkbare Superlativ noch eine Untertreibung darstellen würde! Das hat Ligeti ja bekanntlich ähnlich gesehen, Stichwort "einsame Insel"...

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Hallo Amfortas,

      Amfortas09 schrieb:

      Bei dem Cis-Moll-Stück (Nr. 4) des ersten Bandes favorisiere ich immer noch Rosalyn Tureck: Noch vor Gulda, Gould + Richter.
      Grund: Sie ist bisher die einzige die bei der Gestaltung der Fuge die 3 unterschiedlichen Themen deutlich artikuliert und voneinander abgrenzt (was für eine unvergleichliche + beeindruckende Fuge); während die anderen Pianisten eher darüber hinwegspielen, hinweghuschen (vor allem Gould) ...


      dass diese Fuge 3 Themen hat, ist mir eigentlich erst klar geworden, nachdem ich den kleinen Aufsatz von Adorno (in den Musikalischen Schriften V) gelesen habe. Aber wie kann man sagen, dass Gould über die Themen hinweghuscht, wo sie doch schon an sich einen so verschiedenen Charakter haben?

      :wink:
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)
    • Le Merle Bleu schrieb:

      Scott Ross fand ich irgendwo langweilig, wie runter buchstabiert.


      Lieber Michel,

      Ross´ Aufnahme des WTK kenne ich nicht- dafür seine Aufnahme der Goldbergvariationen, und die ist alles andere als langweilig :D Das grenzt ja schon fast an Blasphemie :D ;+)

      Wenn es denn eine Alternative auf dem Cembalo sein soll, dann wäre da beispielsweise Massaaki Suzuki- der dirigert ja nicht "nur". Neben einem hohen Maß an Transparenz ist der Klang des Cembalos hier einfach nur ein Traum. Allerdings ist das Vergnügen zugegebenermaßen nicht billig. Zuzuki hat sich zwischen beiden Teilen reichlich Zeit gelassen (1996 und 2005), was aber für mein Empfinden nicht merkt- wie aus einem Guss. Suzuki spielt elastisch, phrasiert "beweglich"- da ist nichts starr oder langweilig:



      Wer den modernen Flügel bevorzugt, dem würde ich zu Angela Hewitt raten. Angela Hewitt hat das WTK inzwischen zwei Mal komplett eingespielt, 1996 und 2008. Ungewöhnlich ist es nicht, dass ein Künstler ein Werk wiederaufnimmt- aber hier ist der zeitlich Abstand relativ kurz. Konkreter Anlass war für die Pianistin ihre Bach-Welttournee, in deren Rahmen sie beide Teile des WTK jeweils komplett gespielt hat. Im Anlass an diese Tournee hatte Hewitt dann das Bedürfnis, das WTK neu aufnehmen zu müssen. Was nicht heißt, dass die ältere Aufnahme jetzt zum alten Eisen gehört. Im Gegenteil- aber es ist faszinierend zu erleben wie sich ihr Bach-Spiel weiterentwickelt hat. Da wäre zum einen das verwendete Instrument. Für die erste Aufnahme verwendete Hewitt einen Steinway, die zweite Einspielung entstand auf ihrem eigenen Fazioli. Alleine schon dieser rein klangliche Unterschied ist bemerkenswert. Der Klang eines Fazioli ist bedeutend faccettenreicher als der eines "ordinären" Steinways- auffällig besonders IMO im Diskant. Hat sich Hewitts Bach-Sicht grundsätzlich verändert? Soweit würde ich nicht gehen, aber sie ist in Sachen Tempi und Dynamik flexibler geworden- nutzt noch mehr die klanglichen Möglichkeiten des Flügels aus:

      Gesamtaufnahme 1:



      Gesamteinspielung 2:



      Herzliche Grüße, :wink: :wink:

      Christian
      Rem tene- verba sequentur - Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen

      Cato der Ältere
    • malsehn schrieb:

      Obwohl ich kein großer Experte der Barockmusik bin, zählt das WTK zu den mir liebsten Werken der Musik überhaupt. Leider hatte ich keinen sehr glücklichen Start mit diesem Werk, da ich mir zuerst die Aufnahme der Version von Swatioslav Richter besorgt hatte.


      Richter hat für meinen Geschmack einen zu romantischen Anschlag für dieses Werk. Einzelne Stücke gelingen Richter schon sehr gut, aber insgesamt fehlte mir der Fluss. So fiel es mir immer schwer, mehr als eine halbe Stunde am Stück zu hören.

      Deshalb besorte ich mir vor ein paar Jahren die Aufnahme mit Gulda, und was soll ich sagen, diese gefällt mir ungemein gut.

      Hier hatte ich überhaupt kein Problem mehrere Stunden am Stück mir Genuss dem Werk zu folgen. Der Anschlag von Gulda ist recht trocken, seine Tempi sind anders als bei seinem Beethoven keineswegs flott. Ich gelange oft in eine meditative Stimmung, wenn ich diese Aufnahme höre. Gulda ist eine große Empfehlung!


      arundo donax schrieb:



      Goulds Ansichten über den späten Strauss oder über Sibelius finde ich sehr interessant, aber sein Klavierspiel verleitet mich regelmäßig zum Davonlaufen. Das betrifft nicht nur die Werke Bachs, aber auch diese. Von der nicht zu leugnenden *Transparenz* abgesehen klingt das, was Gould da fabriziert, für mich immer wieder wie Musikschule 3.Jahr. Anders ausgedrückt: Dieses klangunsinnliche Gehacke auf den Tasten tut meinen Ohren ziemlich weh - da hilft dann auch der moderne Flügel gar nix mehr.....

      Viele Grüße

      Bernd
      Wie schön hier verwandte Seelen zu finden, man überlegt ja schon, ob man seine Ansichten über Größen wie Gould und Richter kund tun soll angesichts des Aufschreis der Hardcorefans, der zu erwarten steht oder zumindest nicht ausgeschlossen ist. Was Gould betrifft, gibt es einige wenige Aufnahmen (Byrd, Schoenberg, Berg, Krenek) die mir gefallen - meine These ist insoweit, dass er bei den eher seltener gespielten Komponisten darauf verzichtete, mit Hilfe extremer Eigenheiten "anders" sein zu wollen.
      Ich habe die ersten 12 oder 15 Jahre meines "Klassiklebens" auf Soloklaviermusik verzichtet, weil ich dieses Genre zunächst über Gould, aber auch über diese und andere Richter-Einspielungen, die mir nicht gefallen, kennengelernt habe und irrtümlich davon ausgegangen war, dass mir das Soloklavier grundsätzlich nichts sagen könne.

      Neben Gulda, dessen Einspielung in meinen Ohren durch ein ausgeprägtes Rhythmus-Gefühl hervorsticht, zähle ich ebenfalls Koroljows Aufnahme zu meinen Lieblingsaufnahmen. Hinweisen möchte ich auch noch auf diese Aufnahme



      Dies ist eine neue Einspielung, die sich von der vielen wahrscheinlich bekannten älteren Aufnahme



      unterscheidet. Die neue Aufnahme klingt fließender, leichter (man verzeihe die Wortwahl, mir fällt keine bessere Umschreibung ein) und spricht mich auf emotionaler Ebene mehr an als die aus dem Jahre 1998 (?) stammende Ersteinspielung. Allerdings geht Hewitt möglicherweise mit dem Notentext in der neuen Aufnahme freier um als in der ziemlich nüchtern wirkenden Ersteinspielung, was nicht jeder gutheißen wird.

      Wenn man schon Richters Einspielung als romantisierend bezeichnet, welchen Begriff soll man dann hierfür wählen?



      Wenn ich Brahms möchte, höre ich Brahms und nicht Bach. Aber das schließt ja nicht aus, dass diese Aufnahme für den einen oder die andere diejenige ist, die zu bevorzugen ist.

      Gruß
      Henning


      War ich doch tatsächlich 2 Minuten zu spät. Egal. Ich ändere den Beitrag jetzt nicht mehr
      Stattdessen sind Sie Knall und Fall mitten im Unterricht vom Gymnasium abgegangen.
      GULDA: Ja, ich hab' gesagt, Herr Professor, darf ich aufs Klo, und bin nicht wiedergekommen. Ich glaub', es war in der Mathematikstunde .
      Warum sind Sie nicht in der Pause gegangen?
      GULDA: Das wär' ja fad gewesen. Keiner lacht. Die Tür ist eh offen. Ich wollte schon, daß es prickelt.
    • Lieber Bernhard, lieber Christian

      Danke für die Hinweise - wenn mir der Sinn wieder mal nach WTK stehen sollte (die nächste Bach-Phase kommt bestimmt ;+) , im Moment bewege ich mich musikalisch eher in anderen Gefilden) werde ich darauf zurück kommen.

      @Bernhard: Ich kenne andere Bach-Aufnahmen von Hantai, die ich gut in Erinnerung habe. Wie kommt der in den Ruf konservativ zu sein? Und wer wäre denn im Vergleich progressiv 8+) ?

      @Christian: Nichts für ungut. Ich kannte Ross vor allem aus dem französichen Repertoire und war insbesondere wegen seiner Rameau-Aufnahmen eigentlich sogar ein glühender Fan. Um so enttäuschender dann das WTK. Mein subjektiver Eindruck war, dass ihn die Musik nicht wirklich interessiert :hide: . Das ist natürlich eine bösartige Unterstellung, die ich nicht belegen kann. Wenn ich mich an frühere Alte-Musik-Diskussionen erinenere, scheiden sich an Ross aber auch sonst die Geister.

      Alles unter Vorbehalt: Meine letzte Bach-Phase ist schon was her, wer weiss, wie ich das heute hören würde.

      Viele Grüße
      Michel
      Es gibt kaum etwas Subversiveres als die Oper. Ich bin demütiger Diener gegenüber diesem Material, das voller Pfeffer steckt. Also: Provokation um der Werktreue willen. (Stefan Herheim)
    • Aber wie kann man sagen, dass Gould über die Themen hinweghuscht, wo sie doch schon an sich einen so verschiedenen Charakter haben?




      Ich habe das Cis-Moll-Stück (1. Band) – als auch ganze WT zuerst mit Rosalyn Tureck kennen gelernt und danach haben anderen Wiedergaben mir die drei Themen nicht genug kontrastiert ; sind - also wie schon gesagt - darüber hinweg gehuscht (vor allem Gould) und damit verliert diese Fuge an Spannung, Ausdruck bzw. das was an Konflikten sich darin artikuliert. Also bei dem Cis-Moll-Stück favorisiere ich Tureck, während bei vielen anderen WT-Stücken mir andere Pianisten (z.B. Gulda + Richter) genauso lieb + teuer sind bzw. manchmal auch lieber als mit Tureck.

      Noch was zu Nr. 18 Gis-Moll BWV 887 (2. Band). Rosalyn Tureck ist mit 14 Minuten (Präludium + Fuge) sicherlich einer der langsameren Spielerinnen. Aber wie sie die Fuge gestaltet ist für mich immer wieder faszinierend. Bei z.B. Gulda wird der Schwerpunkt auf den Verlauf , auf Dynamik gesetzt. Tureck aber macht das ganz anders. Sie gestaltet die Fuge, als ob während der gesamten Verlaufs versucht wird, den musikalischen Fluss zum Einstand, zum Stillstand zu bringen, gleichzeitig entsteht nie der Eindruck des Verschleppens oder der Spannungslosigkeit auf: eine Hörweise, die ich mit Fuge eher weniger verbinde, und deshalb fasziniert mich Turecks Lesart.. um das mit einem etwas „schiefen“ bildlichen Vergleich zu verdeutlichen: Bach-Fuge in der Perspektive einer Morton-Feldman-Komposition. Turecks WT-Einspielung stammt allerdings aus den frühen 50zigern.

      Ich vermute mal, das WT lässt sich nicht auf eine bestimmte Spielweise festnageln und deshalb habe ich auch mehrere Einspielungen vom WT und es werden sicherlich noch einige dazu kommen...

      Hat von Euch jemand mal das WT mit Till Fellner sich reingezogen ?

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann