Die gute alte Deutsche Grammophon

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    • Zwielicht schrieb:

      Was natürlich mit der unterschiedlichen Popularität des Repertoires zu tun hat, aber auch mit dem Fakt, dass der Interpret noch mehr im Vordergrund steht als früher - und individuelle Stars sich besser vermarkten lassen als Kollektive.
      Der Starkult gehörte schon immer zur Musik. Nur gibt es durch die elektronischen Medien heutzutage viel mehr Möglichkeiten einer weltweiten Vermarktung. Dabei wird das Attribut "Ausnahmemusiker" geradezu inflationär gebraucht. Ich würde in diesem Zusammenhang lieber häufiger von "Regelmusikern" sprechen, denn der Unterschied zu weniger bekannten Künstlern liegt ja oft nur im Marketing. Und für die Masse des Publikums taugt der Bekanntheitsgrad eben mehr als eine Bewertung der künstlerischen Potenz. Insofern ist es durchaus logisch, dass die großen Label den Starkult befördern. Das war übrigens auch früher nicht anders. Alle großen Plattenfirmen haben den Künstler in den Mittelpunkt gestellt, und weniger die Musik.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Insofern ist es durchaus logisch, dass die großen Label den Starkult befördern. Das war übrigens auch früher nicht anders. Alle großen Plattenfirmen haben den Künstler in den Mittelpunkt gestellt, und weniger die Musik.
      Klar gab es den Starkult bei den Labels früher auch, man denke nur an Karajan und die DG. Trotzdem sehe ich einen erheblichen Unterschied. Bis mindestens in die 90er hatte die DG vielleicht keinen enzyklopädischen Anspruch, aber durchaus den Ehrgeiz, zumindest das gängige Repertoire in den wichtigen Gattungen zwischen Klassik und klassischer Moderne in voller Breite im Angebot zu haben und gelegentlich neu zu produzieren. Es wurden ziemlich viele Gesamtaufnahmen auf den Markt gebracht, von den wichtigeren Werkreihen in gewissen Abständen immer mal wieder. Im Kammermusikbereich z.B. hat man außerdem in den frühen 70ern das Melos-Quartett (vorher bei Intercord) ins Boot geholt, die haben dann auch mal Sachen wie die Schubert- und die Cherubini-Gesamtaufnahmen gestemmt, außerdem gab's die Neue-Wiener-Schule-Box mit den LaSalles usw. usw. Da stand schon ab und zu "die Musik" im Zentrum, nicht in erster Linie die Interpreten.

      Dieses Prinzip der "relativen Breite" existiert noch nicht einmal mehr in Ansätzen. Auch im Bereich Klaviermusik, in dem bei der DG noch relativ viel aufgenommen wird, existiert keinerlei Systematik bezüglich des aufgenommenen Repertoires. Nur im symphonischen Repertoire werden ab und zu (mit Nézet-Seguin und Nelsons) noch Werkreihen produziert. Im Bereich Oper gibt's Sängeralben und nur noch sehr vereinzelte Gesamtaufnahmen auf DVD oder CD. Anderes hat man fast ganz aufgegeben. Es bleibt der Backkatalog.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Eusebius schrieb:

      Insofern ist es durchaus logisch, dass die großen Label den Starkult befördern. Das war übrigens auch früher nicht anders. Alle großen Plattenfirmen haben den Künstler in den Mittelpunkt gestellt, und weniger die Musik.
      Klar gab es den Starkult bei den Labels früher auch, man denke nur an Karajan und die DG. Trotzdem sehe ich einen erheblichen Unterschied. Bis mindestens in die 90er hatte die DG vielleicht keinen enzyklopädischen Anspruch, aber durchaus den Ehrgeiz, zumindest das gängige Repertoire in den wichtigen Gattungen zwischen Klassik und klassischer Moderne in voller Breite im Angebot zu haben und gelegentlich neu zu produzieren. Es wurden ziemlich viele Gesamtaufnahmen auf den Markt gebracht, von den wichtigeren Werkreihen in gewissen Abständen immer mal wieder. Im Kammermusikbereich z.B. hat man außerdem in den frühen 70ern das Melos-Quartett (vorher bei Intercord) ins Boot geholt, die haben dann auch mal Sachen wie die Schubert- und die Cherubini-Gesamtaufnahmen gestemmt, außerdem gab's die Neue-Wiener-Schule-Box mit den LaSalles usw. usw. Da stand schon ab und zu "die Musik" im Zentrum, nicht in erster Linie die Interpreten.
      Ich sehe diesen Unterschied ebenfalls. Früher gab es einerseits das Standardrepertoire mit oft altgedienten Stars (allen voran Karajan), ebenso schaffte man es auch wichtige Nachwuchsstars (z.B. viele der beim Chopin-Wettbewerb hervorgetretenen wie Zimerman und Pogorelich) zu verpflichten, was oft auch auf vielfache Einspielungen der gleichen Werke hinauslief.
      Parallel gab es aber, nicht nur mit der anfangs ganz trocken-wissenschaftlich präsentierten Archiv Produktion, den von Dir genannten Ehrgeiz auf unterschiedlichen Ebenen. Durchaus auch in der Neuen Musik, z.B. mit Stockhausens Werken, Henze, später Boulez, wobei der eher Webern als eigene Werke dort aufnahm. Oder auch einzelne (wenige) Sachen jenseits des Mainstream, wieder oft bei Archiv, aber auch Zemlinsky, Cherubini, Berwald.

      Der Unterschied zur Vergangenheit ist aber nicht unbedingt DG-spezifisch, wobei schon auffällt, dass das früher besonders "solide" Label nun umso mehr auf Stars und "Konzeptalben" setzt. Einige der Alben Grimauds oder vorher schon Maiskys schaffen sogar beides ;)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Kater Murr schrieb:

      Durchaus auch in der Neuen Musik
      In den späten 80ern und frühen 90ern sind eine ganze Reihe von Aufnahmen der klassischen und Nachkriegsmoderne von der DG in der Reihe »20th Century Classics« (wieder)veröffentlicht worden - die hatten wir in einem eigenen Thread gesammelt und dazu auch ein paar Überlegungen angestellt:

      »20th Century Classics« - Die Deutsche Grammophon für's 20. Jahrhundert

      :wink:
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    • Eigentlich lustig - da hat die DG tonnenweise Aufnahmen mit zum Teil seltenem Repertoire, und das einzige, was sie noch zu machen bräuchten, wäre es wieder zugänglich zu machen (wobei das ja per Download durchaus der Fall ist). Und wir hocken hier und beschweren uns, daß nichts Interessantes an Neuaufnahmen herauskommt. Dabei ist es doch genau so (wie wir doch andauernd jammern): immer derselbe Kram, haben wir schon, nichts Neues mehr.

      Ja, was Neues denn?

      Tarneyev, Nono, Wagenseil? Wollen viele doch nicht - also die alten Kamellen, aber die wollen wir auch nicht - aber die laufen doch und werden deswegen produziert - ja, es gibt ja sonst nichts anderes zum Kaufen - ach, dann kauf ich den Kram eben doch nochmal. Aber das ist jetzt definitiv das letzte Mal! Beim nächsten Mal wird alles anders sein... :boese1: [Aber das nächste Mal kommt doch.... :P ]

      Irgendwie habe ich das Gefühl, daß es nicht nur der Kommerz ist, der jenen Firmen im Wege steht, sondern auch die Kundschaft. Ich weiß auch keine gescheite Lösung, aber irgendwie will man ja auch die Künstler bei der Stange halten, und die wollen sich halt mit Chopin, Bach und Schubert beweisen. Und wenn die Kundschaft dann die 256. Aufnahme von Bachs Goldberg-Variationen kauft, dann gewiß nicht nur deswegen, weil man nichts anderes mehr findet - sondern weil man selber nichts Neues mehr kennenlernen will.

      Das geht anderen Labels zunehmend ebenso - bei der hmf ist auch nicht mehr sehr viel Randrepertoire vorhanden. Im Bereich Barockmusik sehe ich auch nicht mehr ein, was eine Neuaufnahme von den Brandenburgischen Konzerte noch bringen soll, d.h. auch dort gibt es den Effekt von Übersättigung einzelner Werke. Im Grunde ist eigentlich der Starkult nur dann interessant, wenn die Künstler sich besonders eigen präsentieren (Im Aussehen und/oder in der Interpretation). Ich nenne es mal Gouldisierung... :D
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Josquin Dufay schrieb:

      Irgendwie habe ich das Gefühl, daß es nicht nur der Kommerz ist, der jenen Firmen im Wege steht, sondern auch die Kundschaft.
      Irgendwie habe ich das Gefühl, daß es sich da um eine Tautologie handeln könnte:
      Was ist denn Kommerz anderes als an der Kundschaft orientiertes handeln?

      Josquin Dufay schrieb:

      Im Grunde ist eigentlich der Starkult nur dann interessant, wenn die Künstler sich besonders eigen präsentieren (Im Aussehen und/oder in der Interpretation). Ich nenne es mal Gouldisierung...
      :D
      wie bei der Popmusik: der Anschein, der Schimmer, eine Ahnung von Authentizität ist sehr sehr wichtig. und komplett ohne Spurenelemente dieser Authentizität auch kaum herzustellen.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • philmus schrieb:

      Irgendwie habe ich das Gefühl, daß es sich da um eine Tautologie handeln könnte:
      Ja, das erscheint mir auch so... :D

      Wobei die Frage immer ist, ob die Verkäufer genau das verkaufen, was die Kunden wollen - oder ob sie das verkaufen, was sie haben und darauf hoffen, daß die Kunden es haben wollen... ;)
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    • Friese schrieb:

      Ich hoffe ja, dass dieser Boxenboom irgendwann wieder nachlässt.
      Glaube ich kaum - es ist ja nicht so, daß allein in den letzten 60 Jahren nicht ordentlich produziert wurde. Da läßt sich immer irgendwie eine neue Box zusammenstellen. Die Boxen enden erst, wenn es gar keine CD-Veröffentlichungen mehr geben wird.
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    • Josquin Dufay schrieb:

      Friese schrieb:

      Ich hoffe ja, dass dieser Boxenboom irgendwann wieder nachlässt.
      Glaube ich kaum - es ist ja nicht so, daß allein in den letzten 60 Jahren nicht ordentlich produziert wurde. Da läßt sich immer irgendwie eine neue Box zusammenstellen. Die Boxen enden erst, wenn es gar keine CD-Veröffentlichungen mehr geben wird.
      Ich befürchte ja, dass du recht hast. Hoffe aber trotzdem, dass es eine Modeerscheinung ist, die irgendwann wieder verschwindet, so wie sie gekommen ist, still und leise. :)

      Für mich ist das Maximum 5 CDs in einer Box. So Klötze mit 20 oder 30 CDs würde ich mir niemals kaufen. Was aber wohl auch daran liegt, dass ich mich jetzt nicht als CD Sammler sehe. Von daher freue ich mich sehr viel mehr über schöne Einzelausgaben der DG. Und wenn es sie dann noch als Surround Flac Download mit gut gemachten Booklet als PDF gibt, bin ich auch gern bereit den vollen Preis zu zahlen ^^
      Viele Grüße, Michael