Peter Brem: Ein Leben lang erste Geige

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    • Peter Brem: Ein Leben lang erste Geige

      Peter Brem: Ein Leben lang erste Geige – Meine Zeit bei den Berliner Philharmonikern.
      Rowohlt, Hamburg 2016

      Brems Buch habe ich einen Teil der Nachtruhe geopfert, - verdient hat es dies
      nicht. Musiker sind in der Regel keine guten Autoren, auch wenn es ein
      paar Ausnahmen gibt. Brems Buch ist einfach viel zu brav und zu
      zurückhaltend. Es schildert seinen Werdegang vom ersten Geigenunterricht
      in Bayern und dann das Leben mit den Berliner Philharmonikern und
      einigen nebenberuflichen Kammermusikensembles bis zu seiner
      Pensionierung. Damit ist eigentlich schon das Wichtigste gesagt. Wenn
      jemand 45 Jahre mit den Berlinern gespielt hat, dann erhofft man sich
      einen Blick hinter die Kulissen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass man
      voyeuristisch Indiskretes über große Dirigenten und Interpreten zu lesen
      erhofft. Das findet man in dem Buch mit einer Ausnahme überhaupt nicht.
      Aber man findet auch das nicht, was man zu recht erwarten kann. Wie
      verläuft die Probenarbeit? Kommt es dabei zu Konflikten? Wie
      unterscheidet sich etwa Karajans Interpretationsstil von dem seiner
      Nachfolger. Wenn man etwa Stresemanns Karajanbuch liest (Stresemann war
      Intendant der Berliner Philarmoniker) erfährt man interessante Details
      und liest man nuancierte Urteile. Bei Brem ist alles gut. Karajan war
      sehr gut, Abbado auch und Rattle ebenso. Alle auch, zumindest die beiden
      letzten, immer freundlich im Umgang mit dem Orchester. Brem hätte gerne
      Barenboim als Nachfolger Karajans gesehen (ich übrigens auch), aber
      dass Karajan vor nichts so viel Angst hatte, als dass die Philharmoniker
      Barenboim als Nachfolger wählen könnten, davon hört man bei Brem
      nichts. Gut, er sagt, die Mehrheit der Kollegen wollte einen Wandel im
      Repertoire, nicht so wie bei Karajan, immer und ewig wieder Beethoven,
      Brahms, Bruckner und Co. Das ist eine interessante Bemerkung. Sie könnte
      der Anfang eines Kapitels sein, welche Wünsche ein Orchester im
      Hinblick auf das Repertoire hat, welche Spannungen es gibt, wie man zur
      Moderne steht … von alledem nichts. Brem war auch mitverantwortlich für
      die Verwertung auf dem Musikmarkt. Da müsste es doch Interessantes zu
      berichten geben. Aber nein, über Geld wird nach vornehmer deutscher Art
      nicht gesprochen.
      Es steht in dem Buch wenig, was man nicht ohnehin
      schon weiß (etwa dass gute Geigen teuer sind). Brem berichtet auch von
      einer gewissen Zurückhaltung, die er im Umgang mit Musikerkollegen
      pflegte. Man musizierte professionell zusammen, aber darüber hinaus
      blieb man auf Distanz, selbst wenn man hunderte Konzerte und Proben
      miteinander absolviert hatte. Diese vornehme Zurückhaltung prägt auch
      dieses Buch und macht es für die Leser, die einen Blick hinter die
      Kulissen werfen wollen überflüssig.
      (erst jetzt sehe ich, dass das Buch einen Ghostwriter hat. Eine "Texterin aus Düsseldorf")
    • Das ist so, wenn man als Beteiligter ein Buch schreibt: es ist eine persönliche Abfassung, vielleicht auch so etwas wie eine nochmalige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ob das immer etwas ist, das andere auch lesen wollen (oder sollen), bleibt dahingestellt.
      Dennoch finde ich es gut, wenn persönliche Sichtweisen öffentlich gemacht werden.
      Ich vermute, dass das Buch - das ich nicht kenne - die Persönlichkeit von Peter Brem widerspiegelt, und die heißt offensichtlich: Zurückhaltung.
      Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."
    • eloisasti schrieb:

      Das ist so, wenn man als Beteiligter ein Buch schreibt: es ist eine persönliche Abfassung, vielleicht auch so etwas wie eine nochmalige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ob das immer etwas ist, das andere auch lesen wollen (oder sollen), bleibt dahingestellt.
      Wenn das Buch in einem Verlag erscheint und in den Buchhandlungen ausliegt, ist es nicht mehr nur eine nochmalige Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, gewissermaßen ein privates Tagebuch, sondern dann erhebt es den Anspruch, auch für andere Menschen interessant oder relevant zu sein.

      eloisasti schrieb:

      Dennoch finde ich es gut, wenn persönliche Sichtweisen öffentlich gemacht werden.
      Klar, aber so wie ich Abendroth verstanden habe, ist das Bedauerliche an Peter Brems Buch ja, dass gerade keine persönlichen Sichtweisen öffentlich gemacht werden. Er berichtet eben nicht, wie er persönlich bestimmte Dirigenten, Solisten oder Kollegen erlebt hat, wie er persönliche bestimmte Entscheidungen in der Geschichte es Orchesters sieht.
      Natürlich wäre es irgendwie merkwürdig, wenn ein Philharmoniker im Ruhestand jetzt ungeniert "auspacken" würde und aus dem Nähkästchen plaudern. Aber als leser ist es dann halt einfach uninteressant, wenn keine persönlichen Sichtweisen öffentlich gemacht werden, sondern der Autor diskret und zurückhaltend bleibt und nichts erzählt, was nicht auch in einer Pressemitteilung stehen könnte.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Es gibt ein paar wenige Passagen, die auch für so Fanatiker wie uns interessant sind: die Probe mit Celibidache, wo es um den Anfang, das Streichertremolo, in Bruckners Nr. 7 geht. Oder (der einzige?) Auftritt Bernsteins mit Mahlers Neunter. Aber solche Passagen sind recht selten.
    • Ich sehe das ja auch so ;) - und würde mir das Buch auch nicht kaufen. Muss ich auch nicht ....
      Ich wollte damit auch nur sagen, dass das Buch wohl Brems persönliche Auseinandersetzung mit seiner Zeit bei den Berlinern ist, vielleicht gepaart mit ein wenig Scheu/Zurückhaltung oder auch Unsicherheit darüber, ob Berichte andere Menschen und Sichtweisen zu sehr berühren.
      Das wäre meine Erklärung. Klar ist so ein Buch dann für die, die wirklich was wissen wollen, nicht so interessant und müsste vielleicht nicht mal publiziert werden. Aber andererseits: warum nicht? es wird so viel publiziert ...
      Klemperer: "Wo ist die vierte Oboe?" 2. Oboist: "Er ist leider krank geworden." Klemperer: "Der Arme."