Max Reger: Die Konzerte

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Max Reger: Die Konzerte

      Max Reger hat zwar für nahezu alle musikalischen Gattungen komponiert, aber nur 2 Konzerte geschrieben, und zwar das Klavierkonzert f-Moll op.114 und das Violinkonzert A-Dur op.101 (die beiden Romanzen op.50 zähle ich nicht mehr dazu). Beide Werke haben einen recht großen Umfang (das Klavierkonzert dauert etwa 40 Min. und das Violinkonzert fast eine Stunde), und sind sehr ambitioniert hinsichtlich Faktur und künstlerischem Anspruch und was die technischen Anforderungen betrifft. Ich möchte hier im Rahmen einer breiteren Würdigung von Regers Orchesterwerken beide Konzerte vorstellen.


      Konzert für Klavier und Orchester f-Moll op.114


      Im Mai 1910 war Reger in Dortmund, um einem dreitägigen Fest seiner Musik beizuwohnen, übrigens eine bemerkenswerte Auszeichnung für einen Komponisten, der erst Mitte Dreißig war. In den Konzerten wurde die gesamte Palette von Regers Oeuvre abgedeckt und die Pianistin Frieda Kwast-Hodapp (1880–1949) spielte die Variationen und Fuge über ein Thema von Johann Sebastian Bach op. 81. Reger hatte ihr bereits 1906 ein Klavierkonzert versprochen und wiederholte das Versprechen noch einmal in Dortmund. Er kehrte von dem Festival in Hochstimmung zurück und am nächsten Tag, dem 12. Mai, schrieb er an Hans von Ohlendorff, dass er „10.000 Meilen tief in der Arbeit“ an dem neuen Konzert stecke. Der riesige erste Satz wurde Ende Juni fertiggestellt; am 6. Juli lud er Karl Straube zu sich ein, um den zweiten Satz anzuhören, der „fix und fertig“ sei und am 16. Juli schrieb er noch einmal an Straube, diesmal bezüglich des Finales: „Dieser Satz ist in sieben Tagen entworfen u. in Partitur gebracht; das bringt nur ein Vielschreiber fertig.“ Am 22. Juli lag das gesamte Werk bei dem Verleger Bote & Bock vor. Das Manuskript fiel jedoch leider der Zerstörung des Berliner Hauptsitzes von Bote & Bock 1943 zum Opfer. Offenbar war es mit einer charakteristischen Inschrift an Frieda Kwast-Hodapp versehen, welche ein Ausdruck des derben Humors von Reger ist: „Dieses Schweinszeug gehört Frau Kwast. Das Oberschwein, Max Reger, bestätigt es.“


      Das „Schweinszeug“ wurde erstmals am 15. Dezember 1910 im Leipziger Gewandhaus mit Frieda Kwast-Hodapp als Solistin und Arthur Nikisch am Pult des Gewandhausorchesters aufgeführt. Reger war von der Aufführung begeistert und nannte die Solistin „Kwast-Hutab“. Die Kritiker jedoch konnten gar nichts mit dem Werk anfangen, wie z.B. Walter Niemann, der schrieb: „So muß ich denn offen bekennen, daß mir das nur im ersten Satz halbwegs erfundene, im Übrigen schematisch er-Regerte, Brahms- und Liszt-Vertraute Klavierspielende, mit entwickelter Vollgriff- und Wurftechnik vor keine sonderlichen Schwierigkeiten stellende, f-moll Konzert als eine neue Fehlgeburt der in Inzucht verkommenden Reger-Muse erschienen ist!“ Niemann war übrigens der Verfasser so epochaler Klavierkunst mit Namen wie „die singende Fontäne“ oder „Meissener Porzellan“. Reger verletzte diese feindselige Reaktion der Presse auf sein Klavierkonzert sehr. Dieser Angriff trieb ihn buchstäblich zum Alkohol, und im darauffolgenden Jahr wurde er sogar volltrunken bei Konzerten gesehen.


      Im Februar 1912 schrieb Reger an Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen: „Mein Klavierconcert wird für Jahre noch unverstanden bleiben; die Tonsprache ist zu herb und zu ernst; es ist sozusagen das Pendant zum Brahms’schen D-moll-Klavierconcert; da muss sich das Publikum erst daran gewöhnen.“ Über die Kritiken war er noch nicht hinweggekommen: „Sehr spaßhaft ist es, wenn die deutsche Kritik wieder mal ratlos meinem Klavierconcert gegenüber steht; daß alle drei Sätze in streng klassischer Form geschrieben sind, daß im Largo der Choral ‚Wenn ich einmal soll scheiden‘ Note für Note als Hauptmelodie da ist, das merkt keiner von den Eseln.“ Walter Frisch schreibt, dass Reger stolz auf sein Klavierkonzert gewesen sei und dass er damit einen Weg gefunden habe, der eher zum Ziel führen würde als alle anderen neuen Wege. Regers eigene Einschätzung des Werks macht seine Verärgerung über die Kritiker umso verständlicher. Die weitere Entwicklung des Klavierkonzerts ist ermutigender: der junge Rudolf Serkin gab eine vielgelobte Aufführung des Werks in Wien im Januar 1922 zusammen mit Furtwängler und dem Wiener Tonkünstler-Orchester, und als Serkin und Mitropoulos am 16. November 1945 die US-Premiere in Minneapolis gaben, wurde das Werk derartig begeistert aufgenommen, dass das Finale noch einmal als Zugabe gegeben werden musste. Ein gewisser Widerstand erhielt sich jedoch, sogar von dem Reger-Schüler George Szell. Als Serkin ihm vorschlug, das Konzert mit ihm aufzuführen, gab Szell zurück, dass er das „nicht ertragen“ könne; Serkin war über Szells Reaktion „überrascht, enttäuscht und verletzt“. Später nahm der das Konzert mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy für CBS Masterworks auf. Er setzte sich auch für andere Werke Regers nachdrücklich ein, und führte es öffentlich auf.


      In Frieda Kwast-Hodapp hatte Reger eine verwegene und unerschrockene Solistin, was auch in dem hochvirtuosen Klavierpart des Konzerts deutlich wird. Das Instrument wird in einer Art und Weise behandelt, die in vielen Werken für Soloklavier von Reger nicht anzutreffen ist. Was Charles Rosen als „die Inspiration der Ungeschicklichkeit“ in Brahms’ Klavierstil bezeichnete, tritt auch in Regers Konzert in Erscheinung. Für den Solisten ist es technisch sehr anspruchsvoll, doch wird das Brillieren um der Brillanz willen vermieden. Neben einigen gewaltigen Passagen in Oktaven muss der Solist komplexe Figurationen in den Mittelstimmen sowie einige von Brahms inspirierte Sprünge und Polyrhythmen bewältigen. Diese offenbare „Ungeschicklichkeit“ dient rein musikalischen Zwecken, einerseits um den Solopart in das musikalische Geflecht einzubinden, anstatt es zu dominieren, und andererseits um dem Klavier einige ungewöhnlich reichhaltige Klangfarben zu entlocken. In anderen Passagen wechseln sich massive Akkordblöcke mit glitzernder Feingliedrigkeit ab, die den gesamten Umfang des Klaviers abdecken.


      Der Beginn des „Allegro moderato“ (mit einem Paukenwirbel und einem Rhythmus, die beide an den Beginn des d-Moll Konzerts von Brahms erinnern) ist in harmonischer Hinsicht die fortgeschrittenste Passage Regers, wobei er absichtlich die Grundtonart (f-Moll) vermeidet. Ebenso wie bei Brahms’ Konzert ist der erste Satz mit Abstand der längste der drei Sätze. Nach einer kurzen Orchester-Einleitung bricht das Klavier mit Fortissimo - Oktaven hervor. Das hochentwickelte, dramatische Wechselspiel zwischen Solist und Orchester verdeutlicht die Charakterisierung Regers als „großartigen Rhetoriker“. Das strahlende zweite Thema (mit molto tranquillo markiert) zeigt Reger in besonders lyrischer Stimmung. Auch hier lässt Brahms grüßen, der in seinem d-Moll Konzert ein aufblühendes Seitenthema in D-Dur präsentiert, welches im Tempo deutlich zurückgenommen ist. Reger hat hier nach meinem Empfinden eine seiner schönsten melodischen Eingebungen umgesetzt.


      Der langsame Satz, „Largo con gran espressione“, beginnt mit einem Monolog des Klaviers. Hermann Unger beschrieb diesen Satz als „eine immer weiter aufblühende Melodie“ und als eine „Verklärungsszene“. Was wird jedoch verklärt? Reger hatte behauptet, eine Choral-melodie „Note für Note als Hauptmelodie“ verwendet zu haben (den berühmtesten der Passions-Choräle, „Wenn ich einmal soll scheiden“ bzw. „O Haupt voll Blut und Wunden“; die ersten vier Töne sind nach ein paar Minuten deutlich in der Oboe und den ersten Violinen zu hören). Reger bezieht sich auf noch zwei weitere Choräle: „O Welt, ich muss dich lassen“ (der sowohl in der Matthäus- als auch in der Johannes-Passion vorkommt) schleicht sich bei dem ersten gedämpften Einsatz der Streicher ein, und am Ende des Satzes ist ein Fragment aus „Vom Himmel hoch“ in der Oboe zu hören. Trotzdem klingt Reger nie wie ein Pasticcio; er verarbeitet diese Choralfragmente als Teil eines originellen, reichhaltigen und wunderschönen musikalischen Stoffes.


      Das Finale, mit „Allegretto con spirito“ überschrieben, ist ein stürmischer Dialog zwischen Klavier und Orchester, der schließlich mit einem spannenden Spurt zu einem positiven Schluss in F-Dur endet. Hier hat wohl eher das Finale aus dem B-Dur Konzert von Brahms Pate gestanden. Jedenfalls ist in diesem Satz eine durchweg freundliche Grundstimmung zu vernehmen.


      Die Parallelen zu Brahms op.15 sind unverkennbar, aber der Charakter dieses Werkes, seine kontrapunktische Ausarbeitung, sowie die harmonischen Strukturen sind ganz Reger, und man hört dessen unverkennbaren Stil sofort heraus. Das Konzert führt auf den internationalen Podien eher ein Schattendasein, wenngleich es immer mal wieder aufgeführt wird. Aber die Popularität der beiden Konzerte von Brahms wird es wohl kaum erlangen. Dazu ist es zu „sperrig“, und auch eben zu wenig bekannt. Die Konzertveranstalter betrachten ja unbekanntes Repertoire gern als Behinderung im Kartenverkauf. Wer hingegen Freude an einem groß angelegten Konzert mit zum Teil wunderschönen Einfällen hat, der sollte sich das Klavierkonzert von Reger auf jeden Fall einmal anhören.

      Peter

      Der Text benutzt Passagen aus dem Booklet zur Aufnahme mit Marc André Hamelin bei Hyperion
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Meine Aufnahmen

      Ganz gegen meine Gewohnheit haben sich über die Jahre einige Aufnahmen des Konzertes angesammelt. In chronologischer Reihenfolge:

      [Blockierte Grafik: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/51HIXmHQlbL._SL500_AA300_.jpg]

      Das war meine erste Begegnung mit dem Werk, und ich war von der Monumentalität schier erschlagen. Ich kannte bis dato nur Klaviermusik von Reger. Auf eine Partiturausgabe in der Hamburger Musikbibliothek musste ich indes 5 Jahre warten, da es noch keine Taschenpartitur gab, die dann von Eulenburg herausgegeben wurde. Die Aufnahme habe ich lange nicht mehr gehört, und sie ist mir als solide in Erinnerung.

      [Blockierte Grafik: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/41OEnJEwKBL._AC_US160_.jpg]

      Das ist die oben erwähnte Einspielung bei CBS. Eine wunderschöne, gleichermaßen kraftvolle wie lyrische Version. Man merkt das Serkin eine besondere Liebe zur Musik von Reger hatte.


      [Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/51tOpeGqucL._SX425_.jpg]

      Gerhard Oppitz spielt das Konzert aktuell im Konzert (z.B. in Kiel). Er ist ja auch ein versierter Brahms Interpret, und seine Version zusammen mit den Reger-geübten Bamberger Sinfonikern unter Horst Stein darf man fast schon als authentisch bezeichnen. Die verdienstvolle Serie von Regers Orchesterwerken bei Koch ist mittlerweile nur noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich, aber sehr zu empfehlen.



      Die Version mit Marc-André Hamelin finde ich im Gegensatz zu vielen anderen seiner Aufnahmen von Klavierkonzerten zwar in jedem Falle anhörenswert, aber gegenüber Serkin weniger gut. Hervorzuheben ist die Durchsichtigkeit des Klangbildes (dazu trägt auch die famose Aufnahmetechnik im Gegensatz zur CBS Aufnahme von 1959 bei) und die mühelose Virtuosität des Pianisten. Ich hätte mir hier Markus Becker gewünscht, der einerseits ein Reger-Spezialist ist, und andererseits auch für Hyperion aufnimmt. Aber vielleicht hatte der Produzent Mike Spring Hamelin das Konzert versprochen.

      Peter

      PS: die Links bis auf Hamelin funktionieren nicht, daher habe ich die Bilder hineinkopiert. Doppelklick bringt also nichts. Aber die Aufnahmen findet man schnell.
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Nicht nur Rudolf Serkin war ein unermüdlicher Fürsprecher für Regers op. 114, sondern auch sein Sohn Peter Serkin, der das Werk, nachdem er es 1992 in San Francisco erstmals öffentlich spielte, bis heute immer wieder auf seine Konzertprogramme mit verschiedenen Sinfonieorchestern (u.a. auch den Berliner Philharmonikern) setzt. Am 31. Oktober 2016 um 0:55 Uhr (also in der Nacht von Sonntag, den 30. Oktober, auf den folgenden Montag) sendet arte eine Aufzeichnung aus Leipzig vom Mai 2016: Peter Serkin spielt das Reger-Klavierkonzert mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter der Leitung von Herbert Blomstedt:
      programm.ard.de/TV/Programm/De…?sendung=2872418929914186

      Weiter ist als engagierter Interpret von Regers op. 114 besonders Eduard Erdmann zu nennen. Es existieren mehrere Rundfunkaufnahmen des Klavierkonzerts mit ihm. Ein Anfang der 50er Jahre entstandener Mitschnitt mit dem Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester unter der Leitung von Hans Rosbaud ist als Download von archiphon zu beziehen
      archiphon.de/arde/catalog/prod…6-erdmann-weber-reger.php
      liegt aber auch auf einer Doppel-CD von Orfeo vor:


      Wer via YouTube probehören möchte: Dort ist der lohnende Erdmann/Rosbaud-Mitschnitt auf 4 Videos verteilt abzurufen
      youtube.com/playlist?list=PL80ECB52F30421D3E
      Manche Menschen wollen glänzen, obwohl sie keinen Schimmer haben.
      (Heinz Erhardt)
    • Das Reger Klavierkonzert f-moll op.114 habe ich in der Berlin-Classics - Reger - Box mit Webersinke.

      Die einzige Aufnahme, die mich heute wirklich interessieren würde, wäre die von Eusebius und music lover genannte Serkin/Ormandy-Aufnahme (SONY) ... die hatte ich mal auf LP (als ich noch LP´s hörte)
      und die ist auf CD im Prinzip nicht verfügbar - nur zu Mondpreisen, die man nicht zahlen würde:

      --[Blockierte Grafik: https://images-na.ssl-images-amazon.com/images/I/81O7E7x7EhL._SL1500_.jpg]-->
      CBS, ADD
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Diese Aufnahme von Regers Klavierkonzert ist mit der CBS-Masterworks-Ausgabe identisch:

      (AD: 30. März 1959, Philadelphia)
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Lionel schrieb:

      Diese Aufnahme von Regers Klavierkonzert ist mit der CBS-Masterworks-Ausgabe identisch:
      Genau, auf DAT habe ich noch eine Live-Aufnahme mit Serkin 1953 aus München, welche noch stringenter ist.

      Für mich kommen seit Jahrzehnten nur Serkin und Oppitz in Betracht.
      Ich liebe dieses Konzert und habe fast alle Aufnahmen davon gehört.
      In den 80ern hatte ich sogar mal eine Live-Aufnahme mit Frida Kwast-Hodapp.
      Das Band ist leider hin, was aber nicht schade ist, denn Frau Hodapp war damals schon so gut wie tot, was man hören konnte.
    • teleton schrieb:

      die ist auf CD im Prinzip nicht verfügbar - nur zu Mondpreisen, die man nicht zahlen würde:

      Lionel schrieb:

      Diese Aufnahme von Regers Klavierkonzert ist mit der CBS-Masterworks-Ausgabe identisch:
      Dieses 3er CD-Set habe ich vor einiger Zeit verschenkt, und da ist Reger auch enthalten. Kostet bei amazon.fr 13 € gebraucht von momox, allerdings 3,40 Gebühr/Porto.Die ASIN ist gleich. Wer zuerst m/zahlt...
      Mal überlegen : Momox.fr : 13 €. Medimops.de : 43 €.Und Momox.co.uk will 31 Pfund. Wahrscheinlich das gleiche Exemplar.

      Good taste is timeless / "Ach, ewig währt so lang " - Don't all thank me at once (Scott Miller) - Ich behalte mir das Recht vor , Fehler zu machen .
    • Konzert für Violine und Orchester A-Dur op.101

      Das Violinkonzert op. 101, entstand 1907 parallel zu den Hiller-Variationen op. 100 und dem Klaviertrio op. 102. Er hatte es während langer Eisenbahnfahrten „im Kopf ausgearbeitet“, wie er stolz berichtete. Das Konzert ist ein sog. „stiller Gigant“ in Regers Œuvre. Damit reiht es sich ein in die große Reihe solitärer Violinkonzerte von Beethovens op. 61 bis Schönbergs op. 36. Reger wollte vor allem der deutschen Tradition huldigen, deren letzter großer Beitrag für ihn das Violinkonzert von Brahms war. Gegenüber seinem Verleger Hinrichsen (Verlag Peters) betonte Reger daher, >> dass sein Konzert sozusagen „klassischen“ Anstrich für unsere Zeit hat, d. h. es ist nichts „verrücktes“ drinnen—technische „Firlerfanzereien“ bei der Solovioline gibt es nicht da drinnen; sondern ich lege vor allem Wert darauf, möglichst „durchsichtig“ zu instrumentieren, damit der Solist, der sehr viel mit Cantilene bedacht ist, wirklich „singen“ kann u. nicht zu „kratzen“ braucht! Selbstredend ist die ganze Art u. Weise des Styls ein durchaus symphonischer, wie Beethoven u. Brahms in ihren Violinconcerten ja ewig unerreichbare Muster gegeben haben! […] das Hauptgewicht lege ich auf eindringliche Melodik. <<

      Die Orchesterbesetzung ist auch eher die einer klassischen Sinfonie, und bei den Bläsern gibt es neben 2 Trompeten nur 4 Hörner, die jedoch häufig in Erscheinung treten, und an manchen Stellen einen besonders warmen Klang verströmen.


      Sein Konzert sollte die Vorbilder an Komplexität und Monumentalität noch übertreffen, doch erreichte er eher das Gegenteil, denn der Gedankenreichtum und die Fülle an Schönheiten des Konzerts geht für den Hörer trotz der Wahl des hellen, obertonreichen A-Dur als Grundtonart und einer in der Partitur ohne weiteres nachvollziehbaren formalen Disposition mit einem Verlust an Konturen und Klarheit einher. Regers Stolz über die „bis in die äußersten Zweiglein“ nachzuweisende Dichte der motivischen Arbeit und die „Plastik der Themen, Plastik des Ausdrucks, Plastik der Formen“ (wie es in einem weiteren Brief an den Verleger heißt) schlägt sich in dem Klangbild nieder, das Konsequenz und Widerspruch in einem ist.


      Regers Bemühen, eine die konzertanten und symphonischen Aspekte vereinende Struktur zu schaffen, führt fast zur Omnipräsenz des Solo-Instrumentes. Das Violinkonzert spitzt darin eine dramaturgische Grundkonstellation der großen Violinkonzerte des 19. Jahrhunderts, die Selbstbehauptung einer einzelnen Stimme gegenüber einem mächtigen Kollektiv zu. Es ist wohl anders nicht zu erklären, warum Reger der lyrischen bzw. meditativen Grundhaltung der beiden ersten Sätze ein Finale gegenüberstellt, das sich nicht nur (wie im Klavierkonzert) betont optimistisch und vital gibt, sondern auch die Geige sehr viel stärker am orchestralen Geschehen beteiligt. Dies geht soweit, dass der deutliche thematische Bezug auf das Finale von Brahms’ Violinkonzert in der Coda durch einen Gestus ersetzt wird, der unverkennbar dem Schluss von Brahms’ 2. Klavierkonzert folgt. Die Geige „spricht“ jetzt mit einer anderen, geradezu auftrumpfenden Stimme.

      Das Violinkonzert wie das drei Jahre später entstandene Klavierkonzert sollte eigentlich den Platz einer ungeschriebenen Symphonie einnehmen. Die beiden miteinander verwandten Themen (Haupt- und Seitenthema) des 642 Takte umfassenden, ursprünglich sogar noch längeren Kopfsatzes werden formal gemäß der symphonischen Tradition verarbeitet, und ordnen sich daher weniger dem konzertanten Schema unter. Die virtuosen Anforderungen an den Solisten sind allerdings enorm, weil es nur wenige Stellen gibt, wo die Violine schweigt.


      Reger schrieb das Violinkonzert für den französischen Geiger Henri Marteau (1874–1934), der es am 15. Oktober 1908 unter der Leitung von Artur Nikisch im Leipziger Gewandhaus uraufführte. Nicht nur die Reaktionen der Musikkritik waren (mit der Ausnahme von Arthur Smolian) von Unverständnis gekennzeichnet, sondern auch die Geiger taten sich mit der Auseinandersetzung schwer. Den Kürzungsvorschlägen, die etwa Carl Flesch Reger unterbreitete, trat Reger entschieden entgegen: „Nein, das ist unmöglich. Ich habe viel darüber nachgedacht, es ist und bleibt ein Monster.“ Umso mehr freute ihn, dass ihm am 28. Januar 1909 der gerade erst 16 Jahre alte Adolf Busch in einem Kölner Hotel das Konzert „vollendet schön in Ton und Technik“ vorspielte. Busch setzte sich auch nach Regers Tod vehement für das Violinkonzert ein; wie schwer es durchzusetzen war, zeigt die Tatsache, dass er die amerikanische Erstaufführung erst 1942 mit den New Yorker Philharmonikern unter Leitung seines Bruders Fritz Busch realisieren konnte. Busch legte zusätzlich auch eine eigene und neu-instrumentierte Fassung des Werkes vor, die er mit folgenden Worten begründete: „Das Konzert dauert dann nicht mehr so lange wie früher (weil es klarer ist und manche Stellen deswegen im richtigen Tempo gespielt werden können).“ Doch dieser Rettungsversuch für den Konzertsaal störte—oder zerstörte—den Sinn und Charakter des Violinkonzerts. Sie macht zwar das kontrapunktische Liniengeflecht transparent, opfert damit aber das Eigenleben der Klänge. Denn Regers Kunst besteht nicht nur im intellektuellen und kompositorischen Anspruch, sondern auch in seiner Klangpracht und der Gleichzeitigkeit von Linie und Farbe.


      Eine besonders gelungene Aufnahme ist jene mit Tanja Becker-Bender und dem Berliner Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek. Das Spiel der Solistin wirkt trotz der enormen Anforderungen (auch physischer Art) nicht angestrengt, und die Durchsichtigkeit bleibt gewahrt. Der sinfonische Charakter des Werkes wird durch das Zusammenspiel von Solist und Orchester sehr schön herausgearbeitet. Geradezu berückend werden die Kantilenen und ruhigeren Passagen gestaltet. Der CD sind auch die beiden Romanzen op.50 beigefügt, die ebenfalls ein gutes Beispiel für Regers lyrische Qualitäten sind.



      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Das Konzert ist ein sog. „stiller Gigant“ in Regers Œuvre. Damit reiht es sich ein in die große Reihe solitärer Violinkonzerte von Beethovens op. 61 bis Schönbergs op. 36.

      Eusebius schrieb:

      Gegenüber seinem Verleger Hinrichsen (Verlag Peters) betonte Reger daher, >> dass sein Konzert sozusagen „klassischen“ Anstrich für unsere Zeit hat, d. h. es ist nichts „verrücktes“ drinnen—technische „Firlerfanzereien“ bei der Solovioline gibt es nicht da drinnen; sondern ich lege vor allem Wert darauf, möglichst „durchsichtig“ zu instrumentieren, damit der Solist, der sehr viel mit Cantilene bedacht ist, wirklich „singen“ kann u. nicht zu „kratzen“ braucht! Selbstredend ist die ganze Art u. Weise des Styls ein durchaus symphonischer, wie Beethoven u. Brahms in ihren Violinconcerten ja ewig unerreichbare Muster gegeben haben! […] das Hauptgewicht lege ich auf eindringliche Melodik. <<

      Reger selbst zum Werk: “Ich weiß, dass es arrogant klingt, das so zu sagen, aber meiner Ansicht nach setzt dieses Violinkonzert die Linie von Beethoven und Brahms fort.”

      Gruß
      MB

      :wink:
      Un homme d'esprit est perdu s'il ne joint pas à l'esprit l'énergie de caractère. Quand on a la lanterne de Diogène, il faut avoir son bâton. (Nicolas-Sébastien de Chamfort)
    • Mauerblümchen schrieb:

      Reger selbst zum Werk: “Ich weiß, dass es arrogant klingt, das so zu sagen, aber meiner Ansicht nach setzt dieses Violinkonzert die Linie von Beethoven und Brahms fort.”
      Da würde ich ihm auch Recht geben, denn der Bezug zu Brahms ist schon sehr deutlich vorhanden.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Regers Violinkonzert kenne ich in zwei Einspielungen, die ich beide schätze:

      Edith Peinemann, Stuttgarter Philharmoniker, Wolf-Dieter Hauschild, aufg. 1990


      Insgesamt ruhig, schlicht, lyrisch, in langen Bögen musiziert. Diese Aufnahme habe ich schon recht lange und ich höre sie immer wieder gern.

      Ulf Wallin, Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer, aufg. 2011


      Kräftiger, zupackender, plastischer im Klang. Diese Aufnahme habe ich erst kürzlich kennengelernt. Als Zugabe gibt es noch eine "Aria" für Violine und kleines Orchester, op. 103a, die sich deutlich am Vorbild der berühmten Bach-Aria orientiert.

      Für mich sind beide Aufnahmen gleichwertig und bewegen sich auf hohem Niveau, zu meckern gibt's da nichts. ;)

      Zeiten: Peinemann/Hauschild: I. 28:39, II. 17:43, III. 15:50. Wallin/Schirmer: I. 27:38, II. 13:54, III. 14:54.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Immerhin ist Ulf Wallin in Sachen Reger ja auch sehr erfahren, denn er hat mit seinem Klavierpartner Roland Pöntinen die Violinsonaten eingespielt, die ich ohne Einschränkung empfehlen kann.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Immerhin ist Ulf Wallin in Sachen Reger ja auch sehr erfahren, denn er hat mit seinem Klavierpartner Roland Pöntinen die Violinsonaten eingespielt, die ich ohne Einschränkung empfehlen kann.
      Stimmt, diese Empfehlung teile ich unbedingt! Dort (Reger, Max - die Kammermusik) ggf. mehr darüber demnächst...

      Das Violinkonzert habe ich noch in einer weiteren Aufnahme, bearbeitet für Violine mit Kammerensemble von Rudolf Kolisch, mit Winfried Rademacher und dem Linos-Ensemble:



      Wenn ich es wieder mal gehört habe, schreibe ich hier etwas dazu.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Eusebius schrieb:

      es ist und bleibt ein Monster
      Diesen Eindruck habe ich nach nun doch recht häufigem Hören auch! Aber ich finde, es lohnt sich, sich diese Hörarbeit zu machen. Wie zumindest für mich selten zuvor bei einem Werk wächst die Zuneigung mit jeder Begegnung mehr.
      Ich finde diese Aufnahme hier

      sehr gelungen, wobei ich die anderen im Thread erwähnten Aufnahmen nicht kenne. Die Einspielung überzeugt mich durch Spielfreude, Klarheit und das Fehlen einer von mir befürchteten Schwerfälligkeit. Sehr gut aufgenommen ist das ganze auch noch. Eigentlich habe ich derzeit gar nicht das Bedürfnis, mir eine Alternative zuzulegen.
    • Regers Klavierkonzert erscheint demnächst in einer Neuaufnahme:



      Markus Becker, der bereits das Klavierwerk Regers eingespielt hat (m. E. ganz vorzüglich!), musiziert hier (live 2017) mit der NDR Radiophilharmonie, geleitet von Joshua Weilerstein. Als Zugaben gibt es Klaviermusik von Reger: Episoden op. 115 Nr. 1-5 und Lose Blätter op. 13 Nr. 12.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Reger -Violinkonzert

      Ulf Wallin, Münchner Rundfunkorchester, Ulf Schirmer, aufg. 2011
      [Blockierte Grafik: https://www.jpc.de/image/w300/front/0/3680896]


      Kräftiger, zupackender, plastischer im Klang.

      JA - diese Aufnahme ist immer mal wieder oben auf dem Stapel. Gute Gesamtleistung: Klang (Michael Kempff und Winfried Messmer) und Dirigat (Ulf Schirmer).
      JA - und manche der alten weißen Männer hören noch Reger, und das gerne!