Mahler, Gustav: Lieder nach Texten aus "Des Knaben Wunderhorn"

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Mahler, Gustav: Lieder nach Texten aus "Des Knaben Wunderhorn"

      Liebe Capricci,

      ich habe zwar schon einiges aus dem Werk Gustav Mahlers irgendwann einmal gehört, mich jedoch bisher noch nicht näher mit seiner Musik befasst. Bis ich die Revelge aus seinen Wunderhorn-Liedern hörte, die mich in ihrer Mischung aus Sentiment, Bitterkeit und grimmigem Sarkasmus (das waren jedenfalls meine ersten Assoziationen) so beeindruckt hat, dass ich seine Musik insgesamt näher kennenlernen und damit bei seinen Liedern anfangen möchte.

      Des Knaben Wunderhorn, eine Sammlung "alter deutscher Lieder“, von den Herausgebern Achim von Arnim und Clemens Brentano zum Teil neu bearbeitet und auch mit neuen eigenen Strophen und Gedichten bereichert (von ihnen selbst als „Restauration und Ipsefacten“ bezeichnet), ist von vornherein als romantisches Kunstwerk geplant und gestaltet worden. Der Plan hierzu entstand 1802, als die beiden engen Freunde eine gemeinsame Reise den Rhein entlang machten. 1805 erschien der erste Band, der in der Literaturszene sehr kontrovers aufgenommen wurde: von den Rationalisten belächelt, von Goethe positiv rezensiert, von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, die zu den Sammlern der Lieder gehörten, aber eine streng historische Forschungs- und Arbeitsweise anstrebten, als Verfälschung alter Volks- und Naturpoesie betrachtet.

      Beim ersten Blick auf Gustav Mahlers Lieder hat mich die große Bedeutung von Des Knaben Wunderhorn für sein Liedschaffen erstaunt. Die Texte sind Vorlage für eine Reihe von Liedern und haben zum Teil auch Eingang in seine ersten vier Symphonien gefunden. Insgesamt sind es 24 Lieder nach 26 Wunderhorn-Texten, die zwischen 1888 und 1901 entstanden. Donald Mitchell hat dem zweiten Band seiner mehrbändigen Biographie über Gustav Mahler den Titel The Wunderhorn Years gegeben.

      Mahler selbst äußerte sich zu seiner Beschäftigung mit den Wunderhorn-Liedern: „Etwas anderes ist es, daß ich mich mit vollem Bewußtsein von Art und Ton dieser Poesie (die sich von jeder anderen Art Literaturpoesie wesentlich unterscheidet und beinahe mehr Natur und Leben – also die Quelle aller Poesie – als Kunst genannt werden könnte) mich ihr sozusagen mit Haut und Haar verschrieben habe.“
      (März 1905 in einem Brief an Ludwig Karpath)

      Ich habe mich gefragt, was einen Komponisten an der Schwelle des 20. Jahrhunderts gerade an diesem Werk so fasziniert hat, dass er über lange Jahre hinweg immer wieder zu ihm zurückgekehrt ist, während die Lyrik seiner Zeit kaum (oder gar keinen?) Eingang in seine musikalische Welt gefunden hat.

      Und wie bei allen Kunstliedern interessieren mich auch hier die Frage: Was macht die Musik mit dem Text? Unterstützt sie seine Aussage, ironisiert sie ihn oder gibt sie ihm völlig neue Sinnhorizonte?

      Meine erste Begegnung mit den Liedern ist diese Aufnahme mit Thomas Hampson, Bariton, und dem Pianisten Geoffrey Parsons:


      Wie ich dem Booklet dazu entnehmen kann, ist dies die erste Aufnahme der Originalfassungen für Singstimme und Klavier, geschrieben zwischen 1892 und 1901, von denen 14 zu Mahlers Lebzeiten noch gedruckt wurden, kurz nach seinem Tod jedoch bereits in veränderter Fassung veröffentlicht wurden. Dies hing wohl damit zusammen, dass diese Lieder auch als Orchesterlieder vorliegen und die ursprünglichen Klavierfassungen durch den Verlag an die Orchesterpartituren angeglichen wurden. Thomas Hampson hat an der Kritischen Edition der Lieder mitgearbeitet, welche die Grundlage für diese Einspielung ist.

      Die Reihenfolge der Lieder in dieser Ausgabe:

      1. Der Schildwache Nachtlied
      2. Revelge
      3. Rheinlegendchen
      4. Wer hat dies Liedlein erdacht?!
      5. Verlorne Müh´!
      6. Trost im Unglück
      7. Lob des hohen Verstands
      8. Des Antonius von Padua Fischpredigt
      9. Lied des Verfolgten im Turm
      10. Der Tambourg´sell
      11. Wo die schönen Trompeten blasen
      12. Das irdische Leben
      13. Das himmlische Leben
      14. Urlicht
      15. Es sungen drei Engel einen süßen Gesang

      Ich möchte zunächst einmal diese Lieder und später gern auch die anderen Wunderhorn-Vertonungen Mahlers hier vorstellen und würde mich natürlich freuen, wenn einige aus unserer großen Runde ebenfalls Zeit und Lust dazu hätten, das eine oder andere Lied zu übernehmen.

      Ansonsten freue ich mich überhaupt auf vielfältige Meinungen zu Mahlers Wunderhorn-Liedern, gern auch mit Euren Favoriten hinsichtlich der Einspielungen.

      Liebe Grüße,
      Petra
    • als Mahler-Freak mag ich natürlich auch "Des Knaben Wunderhorn". Mein Favorit ist momentan ein kommerzieller Livemitschnitt (bei cpo) unter Hans Zender (RSO-Saarbrücken vom 23.04.79 mit Fassbaender + Fischer-Dieskau). Falls jemand einen Link zu der Aufnahme findet, dann wäre es toll, wenn er das hier ergänzen könnte. Also ich finde Hans Zender trifft beim Wunderhorn den richtigen Mahlerton..
      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Liebe Petra,

      Die is es. Mahler S 6 + S9 haben mich mit Zender nicht sonderlich beeindruckt, aber um so mehr sein Dirigat dieses Wunderhorns....


      Herzlich + eillig

      :wink:
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Weiß jemand etwas über die Reihenfolge der Lieder? Ich habe vier Vergleichsmöglichkeiten: die von Petra oben gegebene Reihenfolge, die im "http://de.wikipedia.org/wiki/Des_Knaben_Wunderhorn_(Mahler)" Wikipedia-Eintrag zu den Wunderhorn-Liedern und die auf zwei Aufnahmen in meinem Regal. Alle vier sind voneinander unterschiedlich, auch variiert die Zahl der Lieder zwischen 12 und 15. Gibt es da keine verbindliche Ausgabe (der Orchesterlieder, meine ich, nicht der Klavierfassung)?

      Auch die Zuordnung der einzelnen Lieder zu den Stimmlagen (Bariton oder Mezzosopran) unterscheidet sich bei meinen beiden Aufnahmen erheblich.

      Grüße,
      Micha
    • Lieber Micha,

      ich habe außer der Hampson-Einspielung, die ja seinerzeit auf der damals neu herausgegebenen Kritischen Edition beruhte, noch eine weitere Aufnahme kennen gelernt: aus dem Jahr 1968 mit Walter Berry, Christa Ludwig und Leonard Bernstein am Klavier (auf der 2. CD ist Dietrich Fischer-Dieskau mit 4 Rückert-Liedern, den "Liedern und Gesängen" und den "Liedern eines fahrenden Gesellen" zu hören.)



      Berry und Ludwig singen 13 Lieder; "Das himmlische Leben" und "Es sungen drei Engel" sind hier nicht enthalten.

      Der Kommentar im Booklet der Hampson-Einspielung (Verf. Renate Hilmar-Voit und Thomas Hampson) weist darauf hin, dass Mahler keine bestimmte Abfolge der Lieder vorgegeben, sondern die Lieder nur für seine eigene Übersicht numeriert und im übrigen den Sängern empfohlen habe, die Reihenfolge selbst zu bestimmten. Die Kritische Gesamtausgabe ordnet die Lieder wohl nach ihrer Entstehung; die Hampson-Einspielung nach dramaturgischen Gesichtspunkten.

      Die Lieder "Revelge" und "Der Tambourg´sell" sind überdies erst später als die anderen komponiert worden (1899 und 1901); sind sie in allen heutigen Ausgaben enthalten? Es scheint da ja wirklich recht unterschiedliche Ausgaben zu geben, worauf das beruht, müsste ich mal in einer genaueren Auflistung der Lieder nachschauen; dazu käme ich aber erst am Montag.

      Liebe Grüße,
      Petra
    • Mahler á la HIP:


      Mit Sarah Connolly und Dietrich Henschel ( :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: ) unter Philippe Herreweghe ( :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: )

      Eine wunderschöne Aufnahme! :thumbsup:
      "Vor dem Essen, nach dem Essen,

      Biber hören nicht vergessen!"


      Fugato
    • Hallo zusammen,

      der Erwerb der Hampson/Parsons-Aufnahme lohnt sich wirklich sehr - allein schon deshalb, weil auch diejenigen Lieder mit eingespielt wurden, die später in den Sinfonien Verwendung fanden, nämlicht "Urlicht" (Alt-Solo der 2. Sinfonie), "Es sungen drei Engel" (3. Sinfonie) und "Das himmlische Leben (4. Sinfonie). Hampson/Parsons lieferten die Weltersteinspielungen der Urfassungen.

      Hampson ist der Auffassung, Mahler habe die Lieder "geschlechtsneutral" gedacht, ganz im Stil klassischer Balladen, und die Zuordnung zu Frauen- oder Männerstimmen sei erst in jüngerer Zeit in Mode gekommen.

      Vor einigen Jahren habe ich in Köln eine wunderschöne Aufführung in dieser Besetzung erlebt:

      Königliches Concertgebouw-orchester
      Barbara Bonney, Sopran; Sara Fulgoni, Mezzosopran; Roman Trekel, Bariton
      Dirigent: Riccardo Chailly :o:
      GYÖRGY LIGETI Lontano (1967) Atmosphères (1961)
      GUSTAV MAHLER Des Knaben Wunderhorn (1905)

      Frau Bonney hat mich damals ebenso entzückt wie das großartige Spiel des für seine Mahler-Tradition berühmte CGO.

      Mit Mathias Goerne statt Trekl entstand diese (von mir noch nicht angehörte) Einspielung:

      [IMG:http://ecx.images-amazon.com/images/I/4172VEPTA2L._SS500_.jpg]


      Cheers,

      Lavine :wink:
    • Herzlichen Dank, liebe Petra, für Deine schöne Einführung! Revelge und Wo die schönen Trompeten blasen sind meine Favoriten, seit ich den Zyklus kennengelernt habe, seinerzeit in der Aufnahme mit Dietrich Fischer-Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf. Sobald ich dazu komme, bringe ich mich hier gern ausführlicher ein.
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Unter meinen Orchesterfassungen habe ich noch diese mit Anne Sofie von Otter, Thomas Quasthoff und den Berliner Philharmonikern unter Abbado:



      Habe ich als gut in Erinnerung, aber schon lange nicht mehr gehört.

      Denn, nachdem ich einer Empfehlung von Fairy Queen gefolgt bin, habe ich seit dem nur noch diese gehört:



      Diana Damrau, Iván Paley und Stephan Matthias Ladermann (p)

      Ich will Fairy nicht vorgreiffen und überlaß ihr die Begründung, nur um die Spannung bis dahin etwas zu steigern: Die ganze Doppel-CD ist eine Sternstunde der Kunstliedinterpretation. Wer von der nicht hingerissen ist, ist für das Kunstlied verloren.

      :wink: Matthias
    • :wink:

      Ja, die Abbado-Aufnahme ist gut, ich habe sie vorletzte Woche nochmal gehört. Aber noch viel besser gefällt mir die Klavierversion von Hampson und Parsons. "Anders als die Orchestrierung verleiht das Klavier, wie ich glaube, diesen Liedern eine seltene Klarheit", Barbara Bonney über die Vier letzten Lieder von Richard Strauss. Ich finde, das trifft auch hier zu. In der Klavierversion fühle ich mich näher am Text. Ich empfehle also beide Versionen zu haben.

      Gruß, Beryllo
    • Matthias Oberg schrieb:

      Die ganze Doppel-CD ist eine Sternstunde der Kunstliedinterpretation
      Dazu sage ich mal: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu: :juhu:
      Damrau, Paley und Lademann haben übrigens noch einmal zusammen eine CD gemacht : Robert und Clara Schumann, Songs and Letters, wobei Martina Gedeck und Sebastian Koch aus dem Briefwechsel der Schumanns zitieren.

      Ich habe Diana Damrau einmal als Liedsängerin erlebt, letzten Sommer bei den Rheingau-Musikfestspielen. Kurz vor einem Liedeinsatz klingelte in einer der ersten Reihen ein Handy. Während viele Interpreten wohl den Faden verloren hätten oder verärgert gewesen wären, meinte Frau Damrau nur leicht amüsiert, daß die Tonart stimmen würde. Der Saal lachte, nach kurzer Pause ging es weiter, so schön wie vor der Unterbrechung.

      Um nicht ganz off topic zu sein, ich habe da noch eine Einspielung der Lieder mit FiDi und Elisabeth Schwarzkopf, beide singen äußerst kultiviert und so diszipliniert, wie man das von ihnen gewohnt ist.


      Liebe Grüße
      Peter Wollenberg
    • Die Wunderhorn-Lieder waren nicht für eine zyklische Aufführung vorgesehen - zu Mahlers Lebzeiten hat es auch nie eine gegeben. Man erkennt das außerdem an den völlig verschiedenen und kaum kompatiblen Orchesterbesetzungen.

      Bezüglich der Ausgaben: "Revelge" und "Der Tambourg'sell" wurden als die zuletzt komponierten Lieder (Anfang Juli 1899 bzw. Juli/August 1901) getrennt von den anderen Wunderhorn-Gesängen veröffentlicht: zusammen mit den fünf Rückert-Liedern 1905 als "Sieben Lieder aus letzter Zeit".

      1899 waren die anderen 13 Lieder in zwei getrennten Editionen veröffentlicht worden - einmal in einer Klavier-, einmal in einer Orchesterfassung. Dabei fehlte in der Klavieredition ein Lied ("Das himmlische Leben"), vor allem wich aber die Reihenfolge der Lieder in den beiden Veröffentlichungen voneinander ab. Leider habe ich diejenige der Klavieredition nicht rauskriegen können - in der Orchesterfassung lautet sie folgendermaßen:

      1. Der Schildwache Nachtlied
      2. Verlor'ne Müh
      3. Trost im Unglück
      4. Wer hat dies Liedlein erdacht?
      5. Das irdische Leben
      6. Des Antonius von Padua Fischpredigt
      7. Rheinlegendchen
      8. Lied des Verfolgten im Turm
      9. Wo die schönen Trompeten blasen
      10. Lob des hohen Verstandes
      11. Es sungen drei Engel
      12. Urlicht
      13. Das himmlische Leben

      (vgl. auch die - recht kleine - Abbildung des Titelblatts der Edition auf der ganz unten im Beitrag verlinkten Website)


      Wie gesagt: diese Reihenfolge ist nicht als verbindliche Abfolge bei der Aufführung gedacht. Mahler hat sich bei der Anordnung anscheinend weitgehend an die Abfolge der Entstehung der Lieder gehalten - mit Ausnahme der drei als Symphoniesätze verwendeten, die einfach hinten angehängt wurden.

      Die Klavierfassungen haben eine erstaunlich wechselhafte Geschichte hinter sich: kurz nach Mahlers Tod hat die Universal Edition eine Ausgabe herausgebracht, in der die Klavierfassungen den Orchesterfassungen angeglichen wurden, um Studienmaterial für Aufführungen zur Verfügung zu haben. Bis 1993 hat allen Einspielungen mit Klavier diese verfälschte Edition zugrundegelegen. Die Aufnahme mit Thomas Hampson und Geoffrey Parsons war die erste, die wieder die Originalfassungen benutzte. "Die Unterschiede zwischen Orchester- und originaler Klavierfassung betreffen dabei nicht nur unwesentliche Details, sondern Dynamik, Phrasierung, Tempi, ja selbst Tonhöhen, Tonlängen und nicht zuletzt den Gesangstext." (Peter Revers)

      Bezüglich der Orchesterfassungen ist interessant, dass Mahler sich offenbar ein Kammerorchester vorstellte: "Nur einen kleinen Saal für meine im Kammermusikton gehaltenen Gesänge. Ich habe hier in Wien diese Lieder (trotz allen Drängens aus 'geschäftlichen' Gründen) nur im kleinen Saal gemacht, und sie haben nur dahin gepaßt" (Brief von Mahler an Richard Strauss vom 29.1.05). Für die hier erwähnte Aufführung von sieben Wunderhorn-Liedern hat man die Orchesterstimmen wiederaufgefunden, die eine Streicherbesetzung von 30, höchstens 36 Musikern nahelegen.

      Bezüglich der geforderten Stimmlagen ist mir die Situation unklar. Nur für das "Irdische Leben" ist schon auf der Titelseite der 1899er-Ausgabe eine "hohe Stimme" vorgeschrieben. Wichtige Hinweise bieten die von Mahler selbst geleiteten Aufführungen: "Trost im Unglück" und auch "Rheinlegendchen" wurden 1892 in Hamburg von einem Bariton gesungen. Für diverse Lieder hat Mahler einen Sopran eingesetzt (nie eine Altstimme!), "Revelge" wurde interessanterweise in dem Konzert von 1905 von einem Tenor gesungen, während am gleichen Abend zwei verschiedene Baritone das "Lied des Verfolgten im Turm", die "Fischpredigt" und den "Tambourg'sell" darboten. Riccardo Chailly hat das in seiner Amsterdamer Aufnahme zum Anlass genommen, "Revelge" (und nur dieses Lied!) einem Tenor - Gösta Winbergh - anzuvertrauen.

      Eine Verteilung der Dialoglieder auf zwei Stimmen hat es zu Mahlers Lebzeiten nie gegeben und dürfte auch grundsätzlich kaum zu legitimieren sein (vgl. auch die Ausführungen von de La Grange - in frz. Sprache - auf der unten verlinkten Website).

      In den unzähligen Einspielungen finden sich bei den Frauenstimmen alle Stimmlagen, während bei den Männern die Baritone fast vollständig dominieren. Der folgenden, sehr detaillierten Website lassen sich nicht nur sämtliche 161 Aufnahmen (natürlich nicht alle vollständig) entnehmen, sondern auch die jeweils vorgenommene Verteilung auf die Sänger:

      "http://gustavmahler.net.free.fr/knaben.html"


      Viele Grüße

      Bernd



      Benutzte Literatur:
      Mathias Hansen, Reclams Musikführer Gustav Mahler, Stuttgart 1996
      Peter Revers, Mahlers Lieder. Ein musikalischer Werkführer, München 2000



      .
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • P. Revers unterscheidet in seinem Büchlein über Mahlers Lieder die Bezeichnung "Lieder und Gesänge aus 'Des Knaben Wunderhorn'" und "'Des Knaben Wunderhorn' - Gesänge für eine Singstimme für Orchester"[Hervorhebung von mir]. Diese Unterscheidung erfolgt aus gutem Grunde. Denn es kann einem schon einmal durcheinander gehen, ob man über die Klavier- oder die Orchesterlieder redet, wobei oben ja schon sehr richtig darauf hingewiesen wurde, dass viele der Klavierlieder auch in Orchesterfassung erschienen sind. Petra hat den Thread "Lieder nach Texten aus 'Des Knaben Wunderhorn'" genannt und im ersten Beitrag die Klavierlieder-CD mit Hampson vorgestellt. Offenbar möchte sie das Thema nicht auf die Orchesterlieder beschränkt wissen.

      Bernds Beitrag kann ungewollt den Eindruck erwecken, dass 1899 sämtliche Wunderhorn-Lieder sowohl als Klavier- als auch als Orchesterlieder erschienen sind. Zur Verdeutlichung führe ich daher die Klavierlieder auf, wobei ich P. Revers folgend in Kurzform die Veröffentlichungsdaten nenne. Komponiert wurde fast immer die Klavierfassung zuerst. Aus einem Vergleich der Listen von Bernd und mir kann man ersehen, dass einige Lieder nur als Klavierfassung existieren.

      A. Neun Lieder und Gesänge aus "Des Knaben Wunderhorn"

      1. Um schlimme Kinder artig zu machen
      2. Ich ging mit Lust durch einen grünen Wald
      3. Aus! Aus!
      4. Starke Einbildungskraft
      5. Zu Straßburg auf der Schanz
      6. Ablösung im Sommer
      7. Scheiden und Meiden
      8. NIcht Wiedersehen
      9. Selbstgefühl

      (= "Lieder und Gesänge, Bde. 2 und 3, 1892)

      B, Fünfzehn Lieder, Humoresken und Balladen aus "Des Knaben Wunderhorn" für Singstimme und Klavier

      I. Fünf Humoresken

      1. Der Schildwache Nachtlied
      2. Verlorne Müh´!
      3. Wer hat dies Liedlein erdacht?!
      4. Das himmlische Leben
      5. Trost im Unglück

      (Erstausgabe 1899 mit Ausnahme von "Das himmlische Leben, das erst 1993 veröffentlicht wurde)

      II. Lieder , Humoresken und Balladen

      6. Das irdische Leben
      7. Urlicht
      8. Des Antonius von Padua Fischpredigt
      9. Rheinlegendchen
      10. Es sungen drei Eingel einen süßen Gesang
      11. Lob des hohen Verstands
      12,. Lied des Verfolgten im Turm
      13. Wo die schönen Trompeten blasen
      14. Revelge
      15. Der Tamboursg´sell

      (Erstausgabe 1899 mit Ausnahme von "Revelge" und "Der Tamboursg´sell: 1905, s. schon oben bei Bernd)

      Es gibt somit vierundzwanzig Klavier-Lieder (und Gesänge) aus "Des Knaben Wunderhorn"

      Das Buch von Revers sieht so aus:



      :wink: Thomas
    • Liebe Mahler-Freunde,

      herzlichen Dank für alle Erklärungen, Aufstellungen, Buch- und CD-Empfehlungen und den Link, dessen Text ich mir gerade zu Gemüte geführt habe.
      :juhu: :wink:

      Selbstzitat:
      Es scheint da ja wirklich recht unterschiedliche Ausgaben zu geben, worauf das beruht, müsste ich mal in einer genaueren Auflistung der Lieder nachschauen; dazu käme ich aber erst am Montag.


      Da mir in der letzten Woche nicht nur aufgrund der so unterschiedlichen An- und Ausgaben zu den Wunderhorn-Liedern ;+) , sondern auch einer Sommergrippe wegen der Kopf brummte, musste ich die Suche leider etwas verschieben … :faint:

      Ich habe mir das Revers-Buch gestern aus der UB ausgeliehen und bin sehr angetan davon, denn es bietet auch einem Mahler-Neuling wie mir einen guten und konzentrierten Überblick über das Liedschaffen.

      Knulp:

      Petra hat den Thread "Lieder nach Texten aus 'Des Knaben Wunderhorn'" genannt und im ersten Beitrag die Klavierlieder-CD mit Hampson vorgestellt. Offenbar möchte sie das Thema nicht auf die Orchesterlieder beschränkt wissen.


      Ich kenne bisher nur zwei Klavierfassungen der „eigentlichen“ Wunderhorn-Lieder (Hampson/Parsons und Berry/Ludwig/Bernstein), sowie die „Lieder und Gesänge“ mit FiDi/Bernstein.

      Zum Vergleich würde ich aber später bei der Vorstellung der Lieder gern jeweils die Orchesterfassung hinzu nehmen, daher freue ich mich auch über alle Empfehlungen zu den CDs oben und habe mal wieder die Qual der Wahl (die sich wahrscheinlich nur darauf beschränken wird, welche ich mir zuerst anhöre, denn Hören zum Vergleich werde ich sie nach und nach wahrscheinlich alle … :faint: :sev: )

      Was die Orchester betrifft, neige ich zum CGO, andererseits wäre ich neugierig auf Herreweghe, und Szell ist einer meiner Lieblingsdirigenten …

      Was die Sänger betrifft, bin ich zunächst einmal gespannt auf die Aufnahme mit Diana Damrau, denn ich kenne DD bisher nicht als Liedsängerin, und bei den begeisterten Stimmen hier muss das ja wirklich eine Sternstunde gewesen sein.
      Außerdem habe ich gerade Matthias Goerne als Sänger von Schubert-Liedern entdeckt und bin davon so angetan, dass es bei den Bonney-Aufnahmen wohl die mit ihm als Partner werden wird.

      Ansonsten bin ich aber gespannt, ob mein bisheriger Eindruck bestätigt wird, dass mir – so gern ich die einzelnen Sänger auf den Aufnahmen mit den Dialogpartnern wahrscheinlich hören werde – die Fassung für eine Stimme mehr zusagt. Jedenfalls ist es bei meinen beiden Vergleichsaufnahmen so und das liegt sicherlich nicht nur daran, dass ich Hampson insgesamt lieber höre als Berry/Ludwig, sondern sicherlich auch an der Vortragssituation: Mir gefällt der erzählend-darstellende Gestus eines Sängers, der das Lied mit unterschiedlichen „Stimmen“ und Ausdrucksgesten versieht, bisher besser als die das Dramatische betonende Dialogfassung, und die Aufführung durch einen Sänger/eine Sängerin scheint nach allem, was ich bisher dazu gelesen habe, ja auch Mahlers Intention gewesen zu sein.

      Liebe Grüße
      :wink: Petra
    • Toller Thread!

      Die von mir offenbar sehr erfolgreich beworbene Doppel-Cd mit Damrau ist das Beste, was ich wunderhornmäßig bisher gehört habe und Allen, die diese Lieder noch nicht kennen oder bisher nicht mochten, unbedingt zu empfehlen

      Der helle Sopran und der serh klangschöne Bariton decken hier alle Facetten des Kunstliedgesangs-zumindest für meinen Geschmack- ab und die pianistische Begleitung lässt ebenfalls keine Wünsche offen.

      Ich hatte anfangs einige Zweifel an der Auswahl bzw Zuordnung der Lieder für die beiden Stimmen und muss die Cd zu Hause nochmal hören, um dazu etwas Genaueres sagen zu können.

      Mahler hat leider eher wenig für echte Soprane komponiert und Manches scheint auf den ersten Blick etwas zu tief und damit undankbar für Damraus Koloratursopran.

      Ihr sehr nuancenreiches Singen und die damit verbundene Äusdruckfähigkeit hat mich aber vom Gegenteil überzeugt und von ihrem Beispiel ermutigt habe ich dann auch selbst das Rheinlegendchen und "Wer hat dies Liedlein erdacht" probiert. Falls Analysen dieser beiden Lieder aus inwendiger Sängersciht erwünscht sind, kann ich mich nach den Ferien gerne daran begeben.

      Ich halte Mahler für einen der subtilsten Liedkomponisten überhaupt und komme da aus dem Staunen gar nicht mehr raus. :juhu: :juhu: :juhu:
      Und danke Gruppetto besonders herzlich für den Tipp der Schumann-Cd-die muss ich baldigst haben-das kann nur eine Sternstunde sein.
      Fairy Queen
      Jede Krankheit ist ein musikalisches Problem und die Heilung eine musikalische Auflösung (Novalis)
    • Liebe Fairy,

      FairyQueen:
      Die von mir offenbar sehr erfolgreich beworbene Doppel-Cd mit Damrau ist das Beste, was ich wunderhornmäßig bisher gehört habe und Allen, die diese Lieder noch nicht kennen oder bisher nicht mochten, unbedingt zu empfehlen.
      nach all den begeisterten Stimmen hier bin ich schon gespannt wie ein Flitzebogen – die CD ist unterwegs zu mir und in ein paar Tagen kann ich wahrscheinlich mit einstimmen.


      Mahler hat leider eher wenig für echte Soprane komponiert und Manches scheint auf den ersten Blick etwas zu tief und damit undankbar für Damraus Koloratursopran.


      Ich höre gerade zum ersten Mal Barbara Bonney mit Mahler –Liedern in der Einspielung, die von Général Lavine oben vorgestellt wurde:


      Das Concertgebouw Orchestra trifft hier für mich einen “Mahler-Ton”, von dem ich als Newbie ganz intuitiv den Eindruck habe, dass er - wenn Orchesterbegleitung - für diese Lieder ideal ist, ohne dass ich es jetzt schon genauer begründen könnte.

      Barbara Bonney, die ja auch einen hellen, klaren, lyrischen Sopran hat, singt meiner Meinung nach sehr nuanciert und trifft die unterschiedlichen Stimmungen der Lieder „Wer hat dies Liedlein erdacht?“, Verlor´ne Müh“, „Lob des hohen Verstandes“ und „Das himmlische Leben“ sehr gut, und auch da bin ich auf einen Vergleich mit Diana Damrau gespannt.


      FairyQueen zu Diana Damrau:
      Ihr sehr nuancenreiches Singen und die damit verbundene Äusdruckfähigkeit hat mich aber vom Gegenteil überzeugt und von ihrem Beispiel ermutigt habe ich dann auch selbst das Rheinlegendchen und "Wer hat dies Liedlein erdacht" probiert. Falls Analysen dieser beiden Lieder aus inwendiger Sängersciht erwünscht sind, kann ich mich nach den Ferien gerne daran begeben.


      Liebe Fairy, sehr gerne. :juhu: Analysen aus Sicht der Sänger sind für mich sehr erwünscht, denn ich kann es ja alles nur vom Hören her beschreiben, da ich selbst keine entsprechende Ausbildung habe und nur für mich allein mal ein bisschen mitsinge, und dann noch eher mit kleiner, leichter „Chanson-Stimme“, an der sicherlich keine Klassikinterpretin verloren gegangen ist :faint: .

      Zur Vorstellung der ersten Lieder werde ich wohl auch erst Anfang der nächsten Woche kommen und fange dann mit „Der Schildwache Nachtlied“ an, aber es drücken hier ja glücklicherweise keine Termine. ;+)

      Was die Dankbar- bzw. Undankbarkeit für hohe Soprane angeht, hat mich interessiert, wer da als Sopran in den Uraufführungen gesungen hat (Revers, Mahlers Lieder, S. 76/77): „Das himmlische Leben“ und „Wer hat dies Liedlein erdacht?“ wurden 1892 von Clementine Schuch-Prosska gesungen (deren Stimme ich nie gehört habe), „Lob des hohen Verstandes“ von Marie Gutheil-Schoder, die als Carmen brilliert hatte, später auch sehr erfolgreich als Elektra oder Octavian war; und Selma Kurz, von der ich einige Aufnahmen, allerdings keine mit Mahler-Liedern kenne und deren Stimme ich sehr gern höre, sang „Das irdische Leben“ und „Wo die schönen Trompeten blasen“.

      Selma Kurz wurde von Mahler für sein Ensemble der Wiener Oper entdeckt und Mignon war auch ihre dortige Debütrolle im Jahr 1899. Für Jahrzehnte blieb sie einer der Lieblinge des Publikums und hatte auch eine kurze, aber wohl sehr leidenschaftliche private Beziehung zu Mahler.

      Mahler soll auch ihre Koloraturfähigkeit entdeckt und sie wohl auch zu den entsprechenden Rollen ermuntert haben, in denen sie später brillierte (Fischer; Große Stimmen; S: 67). Dass das für ihre Stimme, die von ihren Lehrern ursprünglich als Mezzo eingestuft worden war, problematisch wurde, sieht man an der Einschätzung ihres früheren Lehrers Johann Ress, der einige Jahre später kritisierte: „Sie singen in einer Ihrer Stimme nicht zusagenden Stimmlage. Von Natur aus haben Sie einen tiefen Sopran, welcher nah am hohen Mezzosopran liegt, und Sie singen jetzt beständig in der höchsten Sopranlage.“ (zitiert nach Kesting, Die großen Sänger, S. 310).

      Es scheinen also zunächst wirklich eher Soprane mit einer kräftigen Mittellage gewesen zu sein, die diese Lieder zuerst gesungen haben.
      Liebe Grüße


      :wink: Petra
    • petra schrieb:

      Ich habe mich gefragt, was einen Komponisten an der Schwelle des 20. Jahrhunderts gerade an diesem Werk so fasziniert hat, dass er über lange Jahre hinweg immer wieder zu ihm zurückgekehrt ist, während die Lyrik seiner Zeit kaum (oder gar keinen?) Eingang in seine musikalische Welt gefunden hat.


      Ohne die Frage profund beantworten zu können, möchte ich doch auf einen Aspekt hinweisen, der mir sehr wichtig ist: die Thematik und der (durch Mahlers Vertonungen noch zusätzlich) gebrochene "Volksliedcharakter" der Wunderhorn-Gedichte gibt Menschen eine Stimme, die in der Lyrik um 1900 kaum vorkommen. Es sind die Unterprivilegierten, oft sogar die Deklassierten und Geächteten, die zu Wort kommen: die Hungernden, die Inhaftierten, die einfachen Soldaten, darunter - einmalig in dieser Zeit des zunehmenden Militarismus - auch die Deserteure. "Zu Straßburg auf der Schanz" und (mein Favorit) "Der Tambourg'sell" finde ich herzzereißend wie weniges andere in der Musik. Von diesen beiden Liedern, aber natürlich auch von "Das irdische Leben", "Der Schildwache Nachtlied", "Wo die schönen Trompeten blasen", "Lied des Verfolgten im Turm" und "Revelge" führt (wie schon oft bemerkt worden ist) die direkte Linie zu Bergs Wozzeck, in dem Andres und Marie ja auch "Volkslieder" singen, die ihnen ins Unheimliche entgleiten, in denen sich ihre eigene Situation spiegelt.

      Die Wunderhorn-Lieder "semantisieren" aber auch einen großen Teil der Mahler'schen Sinfonien, nicht nur die ersten vier (die sog. Wunderhorn-Sinfonien), sondern mindestens auch noch die Fünfte und die Sechste - verschiedene Passagen in "Revelge" sind ja eine direkte Vorwegnahme der Ecksätze der sechsten Sinfonie. Der Volksliedtonfall, die Kirmes- und die Militärmusik sind in den Sinfonien noch stärker als "Material" aufgefasst als in den Liedern - aber dass auch hier "niedere" Sphären den Eingang in die Königsgattung der europäischen Kunstmusik des 19. Jh. gefunden haben, die diese vorher kaum gekannt hat, scheint mir klar zu sein.


      Ich bekenne mich rückhaltlos dazu, dass ich (wo vorhanden) die Orchesterfassungen den Klavierfassungen der Lieder weit vorziehe. Bei letzteren habe ich oft den Eindruck eines Klavierauszugs von Orchesterstimmen. Mir ist klar, dass die Forschung in letzter Zeit sehr stark den Eigenwert der Klavierfassungen herausgearbeitet hat - aber ich möchte nicht auf den grandiosen Orchesterpart verzichten, der nie zum Selbstzweck wird: den Banda-Klang in "Revelge" und "Der Tambourg'sell", die zärtlichen Violinakkorde im Refrain von "Der Schildwache Nachtlied", die heulenden Streicher- und Holzbläserläufe in "Das irdische Leben", der Kontrast zwischen gestopften Hörnern und gestopfter Trompete in "Wo die schönen Trompeten blasen", die abgrundtiefen leisen Tamtamschläge, über denen sich der zärtliche Abschiedsgesang des Tambourg'sells erhebt... (Die von Mahler nicht orchestrierten Wunderhorn-Lieder haben ja übrigens zahlreiche Bearbeiter gefunden, darunter Luciano Berio, der einige der frühen Lieder orchestriert hat.)

      Ich finde die oben verlinkten Aufnahmen der Orchesterfassungen mit Abbado und Chailly ausgezeichnet, möchte aber auf eine Aufnahme von 1963 hinweisen, die im orchestralen Bereich möglicherweise "idiomatischer" klingt als viele neuere Aufnahmen - weniger "aufgebläht", auch weniger ausgetüftelt, aber unglaublich klar und schön. Der Dirigent Felix Prohaska entstammt direkt einer auf Mahler zurückgehenden Dirigententradition, beim "Wiener Festspielorchester" handelt es sich möglicherweise um das Wiener Volksopernorchester (es spielt superb). Heinz Rehfuss lässt viele bekanntere Baritonstimmen hinter sich, aber was Maureen Forrester - hier auf dem Zenit ihrer Laufbahn - leistet, ist wirklich herzanrührend. Ich ziehe sie in dieser Aufnahme sogar Janet Baker oder Christa Ludwig vor.

      Leider ist die ursprünglich bei Amadeo erschienene und bei Vanguard auf CD wiederveröffentlichte Aufnahme z.Zt. nur sauteuer auf dem Marktplatz erhältlich:





      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Lieber Bernd,

      Deine Betrachtungen haben mich dazu angeregt, beide Versionen - für Klavier- und Orchester - noch einmal wieder zum Vergleich zu hören. Dass ich eine Fassung generell vorziehe, kann ich im Moment noch nicht sagen; für einige Lieder gefällt mir bisher die Klavierfassung besser, bei anderen die Orchestrierung. Ob das generell so bleibt, kann ich wohl erst sagen, wenn ich einige weitere Einspielungen gehört habe. Maureen Forrester z.B. ist eine Sängerin, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Ich habe bei youtube in einige ihrer Aufnahmen hineingehört, u. a. auch in Mahlers „Urlicht“ - eine wirklich bewegende Interpretation – und dann erst einmal in die wiki-Seiten geschaut. Die Interpretation von Mahlers Liedern scheint ja ein Schwerpunkt in ihrer künstlerischen Tätigkeit gewesen zu sein, und sie wurde, wie vorher Kathleen Ferrier, darin von Bruno Walter gefördert. Sie steht da sicherlich in einer Reihe mit Kathleen Ferrier, Janet Baker, und Christa Ludwig.

      Zwielicht:

      …die Thematik und der (durch Mahlers Vertonungen noch zusätzlich) gebrochene "Volksliedcharakter" der Wunderhorn-Gedichte gibt Menschen eine Stimme, die in der Lyrik um 1900 kaum vorkommen. Es sind die Unterprivilegierten, oft sogar die Deklassierten und Geächteten, die zu Wort kommen: die Hungernden, die Inhaftierten, die einfachen Soldaten, darunter - einmalig in dieser Zeit des zunehmenden Militarismus - auch die Deserteure.


      Das ist ein Aspekt, der sicherlich ganz weit im Vordergrund steht. Auffällig ist ja, dass Mahler aus der Wunderhorn-Anthologie einen hohen Anteil von Liedern ausgewählt hat, die das Militärische thematisieren. Und es wird hier nichts romantisiert oder heroisiert. Die einfachen Soldaten oder die als Deserteure Geächteten werden hier gezeigt, und das, was sie erzählen, oder das, was über sie erzählt wird, ist traurig, bitter oder geht, wie im Fall der Revelge, ins Schauerlich-Groteske.

      Hurra-Patriotismus hat in dieser Welt der Befehlsempfänger und –verweigerer keinen Platz, wie die bittere Antwort des wachenden Soldaten auf die Stimme, die ihm im Feld Gottes Segen wünscht, zeigt:

      „Wer´s glauben tut, ist weit davon.
      Er ist ein König!
      Er ist ein Kaiser!
      Er führt den Krieg!“

      Wobei das Wort „Krieg“ eine schauerliche Emphase erhält.

      Und sowohl in „Der Schildwache Nachtlied“ als auch im „Lied des Verfolgten im Turm“ kontrastieren die harschen oder lakonischen Worte des Soldaten bzw. des Gefangenen mit den tröstenden Mädchenstimmen, die von Rosengärten, grünem Klee und lustigem Treiben im Sommer erzählen – letzten Endes vergebens.

      Auch ein militärisches Thema, aber eine völlig andere Gesprächssituation, wird in „Wo die schönen Trompeten blasen“ gezeigt: Als ich dieses Lied zum ersten Mal hörte, hatte ich bei dem weichen, wiegenden Rhythmus, in dem die direkte Rede gehalten ist, zunächst wieder, wie in den Liedern davor, ein Mädchen vor Augen, bis mir beim genaueren Hinhören aufging, dass hier der junge Mann spricht.

      Schon die Lieder, die das Militärische zum Thema haben, zeigen sehr unterschiedliche Haltungen – bis hin zu dem erschütternden
      „Der Tambourg´sell“ und der Revelge, in der das alte Motiv: „Soldaten paradieren und die Mädchen stehen am Fenster und schauen (bewundernd) zu“ zum Schluss in gespenstischer Ironie vorgeführt wird.

      Zwischen den diesen düsteren Szenarien, zu denen auf jeden Fall auch das beklemmende „Das irdische Leben“ gehört, stehen die Lieder mit tänzerischem Rhythmus wie „Wer hat dies Liedlein erdacht?“, „Verlor´ne Müh“ oder das „Rheinlegendchen“.
      Und Bezüge zur Transzendenz werden auch sehr unterschiedlich gestaltet, wenn man das „Urlicht“ mit „Das himmlische Leben“ und schließlich mit „Des Antonius von Padua Fischpredigt“ vergleicht.

      Dunkles und Heiteres, Sentimentales und Schroffes, Sarkastisches und Naives, Zärtliches und Bitteres stehen in diesen Liedern nebeneinander. Das Bestreben, denjenigen eine Stimme zu geben, die in der zeitgenössischen Kunst wie im realen Leben kaum eine hatten, verbindet sich hier wohl mit dem Ziel, möglichst viele unterschiedliche Stimmen sprechen zu lassen.

      Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Ausruf Mahlers anlässlich des Besuch eines Volksfestes im Sommer 1900, an den sich Natalie Bauer-Lechner erinnert:

      „Hört ihr's! Das ist Polyphonie und da hab' ich sie her! […] Gerade so, von ganz verschiedenen Seiten her, müssen die Themen kommen und so völlig unterschieden sein in Rhythmus und Melodik (alles andere ist bloß Vielstimmigkeit und verkappte Homophonie): nur dass sie der Künstler zu einem zusammenstimmenden und –klingenden Ganzen ordnet und vereint.“
      (Herbert Kilian (Hg.): Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner, Hamburg 1984, S. 165)


      Liebe Grüße,
      Petra
    • Liebe Petra,

      petra schrieb:

      Deine Betrachtungen haben mich dazu angeregt, beide Versionen - für Klavier- und Orchester - noch einmal wieder zum Vergleich zu hören. Dass ich eine Fassung generell vorziehe, kann ich im Moment noch nicht sagen; für einige Lieder gefällt mir bisher die Klavierfassung besser, bei anderen die Orchestrierung.


      bei einigen Liedern höre ich auch gerne die Klavierfassung, etwa bei Verlor'ne Müh, Trost im Unglück, Wer hat dies Liedlein erdacht?, Rheinlegendchen und Lob des hohen Verstandes (nicht zufällig die etwas "leichteren" Stücke). Am schwersten fällt mir der Verzicht auf die Orchesterfassung beim Tambourg'sell (die spezifische Klanglichkeit ohne hohe Streicher!) und beim Urlicht (schon wegen der vielen Liegetöne in der Begleitung).

      Wenn im Konzertsaal der Dirigent nicht aufpasst und/oder das Orchester zu groß besetzt ist, kann die Orchesterfassung die Sänger allerdings öfter mal in Bedrängnis bringen.


      petra schrieb:

      Maureen Forrester z.B. ist eine Sängerin, die ich bisher nur vom Namen her kannte. Ich habe bei youtube in einige ihrer Aufnahmen hineingehört, u. a. auch in Mahlers „Urlicht“ - eine wirklich bewegende Interpretation


      Danke für den Hinweis! Das ist eine echte Trouvaille, eine kanadische Fernsehaufnahme von 1957, Maureen Forrester singt himmlisch (hier ist der Ausdruck mal angebracht), und das Orchester dirigiert niemand anderes als Glenn Gould:

      "http://www.youtube.com/watch?v=CWPKiuFmY4M"

      Nachdem ich die oben verlinkte Prohaska-Aufnahme nochmal gehört habe, möchte ich auch noch einmal auf den Bariton Heinz Rehfuss hinweisen: Sein ungeschminkter Tonfall gefällt mir hier besser als etwa derjenige von Matthias Goerne oder Thomas Quasthoff, an denen mich etwas die ausgesprochene Distinguiert- und Kultiviertheit stört (von Fischer-Dieskau ganz zu schweigen).


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)