Rossini: Der Barbier von Sevilla - Komische Oper Berlin, "B-Premiere" am 19.10.2016

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    • Rossini: Der Barbier von Sevilla - Komische Oper Berlin, "B-Premiere" am 19.10.2016

      Am 09.Oktober hatte die Neuinszenierung von Rossinis "Barbier von Sevilla" in der Neuinszenierung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov Premiere an der Komischen Oper Berlin. Dirigent war Antonello Manacorda, bis dahin heißer Kandidat für den ab 2017 vakanten GMD-Posten am Haus. Dass Manacorda diesen Posten wohl doch nicht bekommen wird, hat weniger mit den Qualitäten dieser Produktion zu tun. Vielmehr gelangten - offenbar durch Indiskretionen aus dem Haus selbst - Einzelheiten zum Stand des Auswahlverfahrens an die Presse und damit an die Öffentlichkeit. Am Montag sah das Haus sich gezwungen, eine knappe Erklärung dazu abzugeben: Demnach habe sich das Orchester gegen die Verpflichtung Manacordas ausgesprochen; das Auswahlverfahren sei nicht abgeschlossen und werde fortgesetzt. Dass es nun nicht einfacher wird, liegt auf der Hand, und polemische Ausfälle in der Presse (s. dazu Capriccio-Presseschau) haben die Rahmenbedingungen weiter verschärft. Spätestens dadurch dürfte der Bewerber Manacorda "verbrannt" sein.

      Insofern knisterte es am Mittwoch vor der "B-Premiere", weil diese Aufführung die erste nach dem beschriebenen Eklat war. Das Ergebnis allerdings belegt zumindest, dass alle Beteiligten (anders als einige Journalisten) hochprofessionell und engagiert arbeiten. Womöglich hat das Pressefeuerwerk Dirigent und Orchester sogar noch beflügelt. Wir hörten jedenfalls eine brilliante Rossini-Aufbereitung, sprühend vor Energie, hinreissend präzise und auf den Punkt genau, getragen von schlichtweg perfekter Abstimmung zwischen Dirigent, Orchester und Solisten. Diese müssen angesichts teilweise atemberaubend angezogener Tempi hellwach sein, werden aber mit sicherer Hand durch alle Klippen geführt - zum Glück dürfen sie italienisch singen, in einer Übersetzung wäre solche Virtuosität kaum erreichbar. Dass und warum Vorbehalte gegen Manacorda im Orchester bestehen, erschließt sich an diesem Abend nicht. Es ist nur schade fürs Haus, dass eine Verpflichtung dieses profilierten Musikers jetzt in so weite Ferne gerückt scheint.

      Die Inszenierung ist nach der Premiere überwiegend positiv beurteilt worden. Serebrennikov findet einen aktualisierten Bezug zum Stück, indem er die im Original hin und her schwirrenden geheimen Briefchen einfach in WhatsApp- und facebook-Nachrichten übersetzt.. Kaum ein Stück, dass für so einen Ansatz besser taugen würde, die Komödien-Maschinerie schnurrt in dieser Verkleidung perfekt ab. Der Regisseur bleibt jedoch hier nicht stehen: In der Personenführung konzentriert er sich stark aufden gehörnten Bartolo: Hier ein Antiquitätenhändler im Pullunder, tatsächlich verliebt in sein junges Mündel. Die Kommunikationswege der "neuen Zeit" sind ihm fremd. Er ist ein Mann von gesern, den die Regie am Ende einsam und isoliert an einer verstimmten Drehorgel zeigt. Im Gegensatz dazu stehen der Graf Almaviva, ein selbstgefälliger Macho, der mit Geld nur so um sich wirft und Rosina, der jedes Mittel recht ist, aus dem Gefängnis Ihres Vormunds zu entkommen. Dass dieser "Liebe" keine große Zukunft vorauszusagen ist, hat schon ihr Erfinder Beaumarchais gewusst. Und Serebrennikov ist hier auch ganz nah bei Rossini, dessen dynamisch und rhythmisch überdrehte, bisweilen geradezu maschinell konstruierte Musik diese Zivilisationskritik, die wahsende Entfremdung, durchaus in sich trägt. Auch wenn nicht jede Pointe sitzt und nicht jede Rechnung aufgeht: Insgesamt eine gelungene szenische Umsetzung, der Musik näher als es vielleicht zunächst den Anschein hat.

      Unter den Sängern profitiert Philipp Meierhöfer als Bartolo am meisten von dieser Lesart. Gesanglich souverän, gelingt ihm eine interessante, geradezu liebevolle Charakterstudie, mit der die Figur ins Zentrum des Interesses rückt. Seine Gegenspieler sind weniger Almaviva und Rosina, für die der Regisseur erkennbar wenig Sympathie aufbringt: In der B-Premiere singen und agieren Karolina Gumos und Tuomas Katajala solide und zuverlässig, ohne zu glänzen. Immerhin ist Rosina, anders als in der Premiere wieder, wie es im Buche steht, einer Mezzosopranistin anvertraut.

      Ganz anders profiliert sich Günter Papendell als Figaro: Ein wahrhaft irrwitzig hektischer magister ludi, der die Fäden der Intrige mit geradezu mephistophelischer Perfidie knüpft und doch am Ende durchscheinen lässt, dass das Ergebnis ihn zweifeln lässt. Er beschäftigt eine ganze INtrigenmaschinerie, verkörpert durch drei umtriebige stumme Figaro-Doubles. Gesanglich bringt er mit seiner präzise, klangschön und virtuos geschmetterten Auftrittsarie (teilweise im ersten Rang gesungen) das Haus zum Kochen und ist auch in der Folge für die meisten sängerischen Highlights verantwortlich. In der Premiere nicht dabei, weil er ja nicht alle Premieren singen kann, was bei seiner Vielseitigkeit wohl kaum ein Problem wäre: Die Stimme hat durch die Übernahme auch "schwerer" Rollen wie Onegin, Escamillo oder auch Gianni Schicchi nicht von ihrer Beweglichkeit verloren. Chapeau!

      In weiteren Rollen Jens Larsen, der für den Basilio seine imposante Statur, profunde Basstöne und ausgeprägte Lust an der Karikatur mitbringt, Annika Gerhards als missmutige Haushälterin und Dennis Milo als stimmlich kaum geforderter, aber szenisch dauerpräsenter dienstbarer Geist Almavivas. Alles in allem ein vergnüglicher, aber nicht oberflächlicher Abend, dessen Glanzlichter Manacorda und Papendell setzen. Drei Stunden lang lässt sich erleben, welche Zukunftsperspektive hier durch Indiskretion und gedankenloses Geschreibsel in den Medien verbaut wurde - außer, die Beteiligten raufen sich doch noch zusammen...
    • Herzlichen Dank, lieber Pedrillo für den superguten Bericht aus der KOB. Freue mich besonders, dass Günter Papendell nach wie vor reichlich beschäftigt ist und wohl mit Stimme und Spiel viel Erfolg hat. Kenne ihn ja von München und erlebte ihn dann auch mehrmals in der KO, meist auch mit K.Petrenko im Graben. G.P. hatte von Beginn an seine Fans und die sind offensichtlich noch viel zahlreicher geworden. Bei Petrenko ja sowieso. Irgendwann muss ich doch mal wieder eine Reise nach Berlin in Angriff nehmen.

      Herzliche Grüße aus südlicheren Regionen
      Ingrid