Gottfried Heinrich Stölzel - die gesamte Palette der Barockmusik in der deutschen Provinz - leider nur ausschnitthaft überliefert

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    • Gottfried Heinrich Stölzel - die gesamte Palette der Barockmusik in der deutschen Provinz - leider nur ausschnitthaft überliefert

      Hallo zusammen,

      ich hatte vor einigen Wochen im Rahmen des Geniethreads versprochen, dass ich auf den von mir mit JS Bach auf eine Stufe gestellten Komponisten Gottfried Heinrich Stölzel zurückkommen und die Vorzüge seiner Musik in meinen Ohren vorstellen möchte.

      Für die Lebensdaten 13.1.1690 (Grünstädtel im Erzgebirge) - 27.11.1749 (Gotha) und die Stationen seines Lebens möchte ich auf den deutschen und vor allem auf den sehr viel umfangreicheren englischen Wikipedia-Artikel verweisen.

      Wie zahlreiche seiner Zeitgenossen studierte er (in seinem Fall ab 1707 Theologie) in Leipzig, dürfte dort Kontakt mit dem damaligen Kantor Melchior Hoffmann bekommen haben, sichere Kontakte aus dieser Zeit sind Johann Friedrich Fasch und Johann Georg Pisendel. Schon bald scheint sein Leben jedoch unter den Einfluss der Musik gekommen, erste Stationen sind Prag, Breslau, Bayreuth, Gera, mindestens zwei Italienaufenthalte sind bezeugt. Ab 1711 komponierte er Opern (Narcissus in Breslau scheint das erste Sujet zu sein). Seine Hauptposition als Hofkapellmeister am Hofe Herzog Friedrich II. in Gotha hatte er ab 1719 inne.

      Ich bin fürwahr kein Spezialist für die reichhaltige Musik dieses Komponisten, kenne gerade mal ein paar CDs mit Musik dieses Barockmeisters. Aber alles, was ich kenne, steht auf (mindestens) gleicher qualitativer Stufe mit der Musik des in der heutigen Wahrnehmung vorherrschenden JS Bach. Das scheint der letzte übrigens auch so gesehen zu haben, er führte dessen Passionsoratorium Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld und etliche Kantaten in Leipzig auf. Zwei Kompositionen aus Stölzels Feder wurden lange Zeit als Werke JS Bachs angesehen: die Arie 'Bist Du bei mir' aus dem Clavierbüchlein BWV 508 und eine Kantate 'Bekennen will ich seinen Namen' BWV 200.

      Überliefert sind gemäß des englischen Wikipedia-Artikels eine große Anzahl an Kirchenkantaten, die es anscheinend noch nicht auf CD geschafft haben, von seinen 18 Opern scheinen nur fünf Arien in einer zeitgenössischen Handschrift überliefert zu sein, eine davon ist die auch im Clavierbüchlein erhaltene 'Bist Du bei mir'.

      Sein Nachfolger Georg Benda scheint seine Musik bis in die 1770'er Jahre hinein Werke Stölzels aufgeführt zu haben, auch CPE Bach war von der Qualität dieser Musik überzeugt, er kompillierte dessen Musik, drei Kantatenjahrgänge Stölzels waren in CPE Bachs Nachlass enthalten. Johann Philipp Kirnberger führte Werke Stölzels in seiner 1771 veröffentlichten Kunst des reinen Satzes auf.

      Wer bei Barockmusik auf der Suche ausschließlich nach gelehrter Musik ist, also möglichst genau konzipierte Fugen (Tripelfugen gar!) als Qualitätsmerkmal ansieht, wird vermutlich keinen Zugang zu dieser Musik finden. Wer sich hingegen auf Musik einlassen kann, die ihn in unterschiedliche Richtungen mitreißen kann, ohne dass immer ein gelehrter Untergrund besteht, dem empfehle ich diese CD's, die ich mein eigen nenne, die mich durch z.T. absolut einzigartige Konzeption überzeugen.

      An erster Stelle steht in meinen Ohren die Brockes-Passion, die es lediglich in der Aufnahme von Ludger Remy und Mitstreiteren gibt:



      Nun ist es ja nicht so, als hätte dieser Text nicht auch noch andere Komponisten zu großen Werken inspiriert. Aber ich kann die Auseinandersetzung eben auch mit dieser Vertonung nur nahelegen.

      Soviel für heute.

      Gruß Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Nun ist es ja nicht so, als hätte dieser Text nicht auch noch andere Komponisten zu großen Werken inspiriert.
      Vgl. Brockes-Passionen. In #3 dort wird auch die von Stölzel angesprochen:

      Algabal schrieb:

      Stölzel konterkariert und (das ist nur vordergründig Paradox) illustriert den Text i-wie mit einer bestürzenden Innerlichkeit und Kontemplativität. Allein der Schluss ist bei Telemann und Stölzel sowas von divergent - während bei Telemann am Ende der Jubel über den (gewissen) Sieg über den Tod ausbricht, endet das Stölzel Werk, wie es begonnen hat (der Anfang dieser Stölzel-Vertonung - unbegleitet und ohne Bassfundament beginnen Sopran und Alt im piano den Satz »Mich von den Stricken meiner Sünden zu entbinden« - gehört übrigens zum Ergreifendsten, was ich überhaupt je in den Ohren gehabt habe): in Zweifel und in nur vorsichtig durch den Glauben gelinderter Todesangst.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Ich freue mich zwar über diese Threaderöffnung, bedaure es aber, dass sie durch ihren polemischen Unterton eine unvoreingenommene Beschäftigung mit Stölzel erschwert. Der Vergleich mit Bach lenkt doch nur von Stölzel ab, wobei das getroffene Qualitätsurteil
      "Aber alles, was ich kenne, steht auf (mindestens) gleicher qualitativer Stufe mit der Musik des in der heutigen Wahrnehmung vorherrschenden JS Bach.

      mit keinerlei Argumenten unterfüttert wird.


      Ich habe mich in den letzten zwei Wochen auf diesen von Giovanni di Tolon in Aussicht gestellten Thread vorbereitet und folgendes bestellt und durchgehört:




      Das ist alles sehr hörenswerte Musik, die ich jedem Barockfreund empfehlen kann. Aus der Passion fand ich v.a. die Arie Was Wunder der Sonnen Pracht sehr eindrücklich. Im allgemeinen war mir diese Vertonung aber - nicht nur im Vergleich mit Bach aber auch mit Telemann - zu simpel gehalten. In den Arien ist Stölzel nur selten bestrebt, den vom Text suggerierten Affekt umzusetzen. Die Chöre sind auch sehr simpel gestaltet.


      Die Kammermusik ist durchgehend sehr gut gearbeitet und überrascht immer wieder mit spannenden harmonischen Wendungen. Ein gewisser Mangel an melodischen Ideen ist Stölzels Musik allerdings mMn zu attestieren.


      Stölzel galt übrigens als überaus gelehrter Komponist, weshalb er auch in der Mizlerschen Gesellschaft höchstes Ansehen genoss.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Danke für diesen Thread 8o
      So habe auch ich - als bekennende Barockliebhaberin - wieder einen für mich vollkommen neuen Komponisten kennengelernt ;)

      In die CD mit den "Quadri di Dresda e Bruxelles" habe ich hineingehört und werde sie mir auf jeden Fall zulegen.

      Dann habe ich auf youtube auch zwei wunderschöne Oboenkonzerte gefunden:


      youtube.com/watch?v=4ANQDO-5RsU

      youtube.com/watch?v=X-vNalXh9kg
      Viele Grüße - Allegro

      Musik ist, die in den Noten versteckten Töne frei werden zu lassen (nach Philmus)
    • Meine erste Begegnung mit Stölzel fand in dieser Form statt:



      Zehn Kantaten für die Zeit vom 1. Weihnachtstag bis zu Epiphanias - sozusagen ein weiteres "Weihnachtsoratorium", wenn man so will... ;) Berührende Werke mit viel Sinn für die Besinnlichkeit und Freude von Christi Geburt.


      jd :wink:
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Hallo zusammen,

      welche Nummern ich in der Brockes-Passion besonders stark finde? Ist schwierig zu sagen. Wie die entsprechenden Stücke von Keiser, Telemann und Händel (Matthesons Fassung kenne ich leider nicht) ist es toll, wie dieser sehr drastische Text ein sehr exaltiert-emotionales, sich in die Passion hineinversetzendes Musizieren evoziert. Und ich bin sehr angetan, dass Stölzel sich in den Ring getraut hat, diesen von den namhaftesten Zeitgenossen vertonten Text ebenfalls in Töne zu setzen. Im Zweifelsfall werden die Zuhörer der Uraufführung 1725 in der Schlosskapelle Friedenstein die anderen Vertonungen nicht gekannt haben. Ich denke, dass sich Stölzel jedoch mit Bravour in diesem Wettbewerb mit einer eigenen Stimme gemeldet hat, JS Bach hat hingegen lediglich wenige Passagen des Texts von Brockes in der Johannes-Passion vertont.

      Allegro hatte auf die beiden Oboenkonzerte auf Youtube hingewiesen, die mir auch recht gut gefallen.
      Nicht so stark, weil zu monoton auf Pracht gebürstet, finde ich persönlich das Concerto grosso a quattro cori in D, hier: youtube.com/watch?v=Ir60CQB3l8w

      Noch toller finde ich hingegen die Vertonung des deutschen Te-Deums, angeblich um 1720 geschrieben, in einer recht gelungenen Aufnahme ebendort: youtube.com/watch?v=0j_hwZ8gcyI
      In meinen Ohren ein Stück, das sehr gut die Qualitäten von Stölzels Musik aufweist, das in keiner Aufführung mit BWV 243 neben diesem untergehen würde ...

      Und die von Josquin Dufay genannten Weihnachtskantaten finde ich viel abwechslungsreicher als die vergleichbaren Stücke von JS Bach. Ich kenne leider nur die erste von den beiden CDs (ich bin wie gesagt, alles andere als ein Stölzel-Spezialist), aber die Farbigkeit, Wendigkeit, Quecksilbrigkeit dieser Musik würde sicher vielen Zuhörern einer durchschnittlichen BWV 248-Aufführung mindestens genauso gut gefallen wie das bekannte WO des Leipziger Genies.

      Aber da diese handlichen Kantaten natürlich nicht diese wunderbar monumentalen Chorstücke (mehrheitlich von JS Bach bei eigenen weltlichen Kantaten entliehen) aufweisen, besteht keine Gefahr, dass sie regelmäßiger aufgeführt werden. Insofern ist und bleibt BWV 248 natürlich die beste Weihnachtsmusik aller Zeiten, weil sie vom Genie JS Bach stammt.

      Man müsste sich halt trauen, mal was anderes aufzulegen, um JS Bach aus dieser absoluten Position zu holen.

      Gruß Benno
    • Ich kenne zu wenig von Stölzel, um etwas zum Vergleich Stölzel-Bach sagen zu wollen.

      Es gibt wohl auch Hörertypen, die das eine oder das andere aus dem Bauch bevorzugen. Aspekte, die man bei Bach findet oder solche, die man bei Stölzel findet.

      Und es gibt sicher auch eine politische Komponente der Vorlieben. Der eine fühlt sich im Mainstream wohl, vertraut den "Experten" und den zahllosen professionellen, semiprofessionellen und dilettantischen Musici, die immer wieder Werke Bachs für aufführens- und hörenswert halten und daher die Mühen der praktischen Konsequenz auf sich nehmen.

      Andere wiederum fühlen sich wohl, wenn sie etwas "Besonderes" für sich haben, nicht mit der Masse gehen, Eigenständigkeit zeigen und leben. Adorno hat das sinngemäß so ausgedrückt:

      Ressentiment-Hörer Er zeichnet sich dadurch aus, dass er ein Anhänger einer sehr seltenen Musikrichtung ist, sich mit dieser identifiziert und sich somit automatisch von der Masse abhebt. Diese oftmals sehr skurrile Musikrichtung zählt zu seinen Grundlagen des Lebens. Weiterhin verachtet er das offizielle Musikleben der Öffentlichkeit. Ein Beispiel wäre der Jazz-Fan oder ein Anhänger barocker Orgelmusik.

      (Wäre allerdings blöd für die, wenn auf einmal alle ihr persönliches Idol toll fänden - dann haben sie ja nix Besonderes mehr ...)

      Wenn man die qualitative Frage Stölzel/Bach beantworten wollte, wäre es sicher gut, wenn die Antwort frei wäre von spekulativen Aussagen über ein durchschnittliches Publikum oder von der erkennbaren Absicht des Denkmalsturzes à la Taliban.

      Und überhaupt: Verdächtig wären wohl auch Antwortversuche à la "ist genauso gut wie Bach", "ist besser als Bach" usw. usw. Das würde ja Bach als Maßstab bestätigen. Nein, ich meine, den wohlverdienten Stölzel zu entdecken, müsste heißen, seine immanenten Qualitäten aufzuzeigen. Genauso, wie Bach in der Rezeption zu dem wurde, was er heute ist, ohne, dass man vorher mit Zelenka, Heinichen, Stölzel, Graupner und anderen verglichen hätte.

      Freilich gibt es den Effekt, dass viele Hörer vielleicht das bevorzugen, was sie eben gut kennen. Und wenn sie tief befriedigt aus einem Hörerlebnis der Matthäus-Passion Bachs herausgehen, es eventuell bevorzugen, dieses Erlebnis zu wiederholen, anstatt sich dem Risiko eines anderen Werkes auszusetzen. Das kann man schade finden, ist aber so. Zu seinem Lieblingswinzer kehrt man halt gerne zurück. Da müssen andere schon stark auftrumpfen ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Dem letzten Beitrag von MB würde ich gerne zustimmen. Es schadet auch gar nichts, dass er dabei übliche Dummklischee-Zuweisungen quasi umkehrt. Und zwar denke ich da an den Jazz-Hörer, den er mit dem Hörer von barocker Orgelmusik auf einen vergleichbaren Rang setzt. Das ist nun nicht wirklich fair - :P -. aber allenthalben zwingender als jener Nerd, über den ich mich ja nach Stimmung aufregen oder belustigen kann und der sich als Doppelliebhaber über den Freund der klassischen Musik erhebt, denn er hört ja gleich zwei Stile, Death Metal und Ambient ...

      :thumbup: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Felix Meritis schrieb:

      Ich freue mich zwar über diese Threaderöffnung, bedaure es aber, dass sie durch ihren polemischen Unterton eine unvoreingenommene Beschäftigung mit Stölzel erschwert.
      So sehr ich jederzeit bereit bin, den "Alten Bach" zu relativieren, womöglich auch, ihn deshalb wieder höher zu schätzen als eben Stölzel, teile ich hier die Sicht Felix Meritis'.
      Der Wettbewerb ist doch nicht nötig, es können mehrere gleich wertgeschätzt werden.
      Wie Holliger es tat mit Zelenka, der für ihn auf einem anderen Gipfel thront als Bach. 1973 formuliert und heute, in Kenntnis von weitaus mehr Werken Zelenkas, immer noch zutreffend.
      Muss aber den einen nicht abwerten zu Gunsten des anderen.

      Die "Brockes- Passion" wäre ein eigenen Thread wert, da sie in etwa ein Zentrum bilden könnte im Hören verschiedener Kompositionen zum selben Text. Dass Picander für Bach nur Teile des Brockes- Textes nutzte, sagt nichts über Quailiät, weder librettistische, noch musikalische. Brockes aber überhaupt und dessen musikalische Rezeption...wieder ein Thema für sich, das voller Reichtum ist.
      Als (tot)schlagenden Beweis erinnere ich an die "Neun Deutschen Arien" Händels.

      Möchte man für einen Unbekannten werben, ist vielleicht nicht angebracht zu sagen: "Besser als..." sondern auf den Kontext hinzuweisen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu benennen.

      Bach Magnificat wird, so glaube ich, noch immer publikumswirkamer sein. Und das zurecht.
      Es ist weniger beliebig als das Stölzels, gleichzeitig aber auch thematisch prononcierter.
      Zum Telemannschen Werk sehe ich die Differenzen geringer, zum Werk CPEs noch deutlich fließender.
      ;( sollte Telemann nur ein einziges Magnificat komponiert haben? Kaum zu glauben.... :versteck2:
      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Hallo zuammen,

      ich hatte Stölzel im Genie-Thread als (beliebiges) Beispiel für Zeitgenossen JS Bachs zitiert, die ich auf eine Stufe mit ihm stellen möchte.

      Leider hat die von einigen Mitforisten formulierte Erwartungshaltung, dass ich mit diesem Thread etwas leisten könne, dass die Musikwissenschaft noch nicht vorgelegt hat, wenig mit meinem Anspruch an diesen Thread zu tun: die spezifische Leistungen Stölzels zu benennen. Seinen Zeitgenossen galt er als jemand, der in seinen Rezitativen ganz besonders geleistet hat (steht im englischen Wikipedia-Artikel), hier hat er für die Mizler'sche Correspondierende Societät der musicalischen Wissenschaften eine Abhandlung geschrieben. Veröffentlicht wurde sie allerdings erst in den 1960'er Jahren.

      Wenn man hier z.B. die (mir vorliegende) erste CD der Weihnachtskantaten anhört, wird man hören, dass die Anzahl der Accompagnato-Rezitative deutlich höher als bei entsprechenden Bachkantaten ist, auch gehen die verschiedenen Stückformen ineinander über, ein Rezitativ kann von verschiedenen Solisten gesungen werden, ohne dass hier unterschiedliche 'Personen' oder Rollen gemeint sind. In der ersten Kantate überbrückt die Bass-Stimme die Übergänge von Accompagnato-Rezitativ in Nr. 3, singt die Arie Nr. 4 und hat die erste Rezitiativ-Zeile in Nr. 5. Wenn man derartiges Kompositionsverhalten Ende des 18./Anfang des 19. Jhs. sehen würde, wäre die Freude über eine quasi durchkomponierte Kantate groß. Wobei das anscheinend kein Ziel dieser Kantate zu sein scheint, ich sehe hierin eher ein Bemühen um Unmittelbarkeit: nicht die musikalische Form (Tripelfugen als Zeichen von musikalischem Genie !!) steht im Vordergrund, sondern die Verlebendigung, Aktualisierung des beschriebenen 'heiligen Vorgangs'.

      Und Stölzel hat in allen Stücken, die mir auf CD vorliegen, kein Musikstück über 4'20 geschrieben, das heißt, er hat auch auf die Geduld seiner Zuhörer Rücksicht genommen.

      Mir geht es mit Stölzel wie Hempel und anderen mit Zelenka: ich kenne keine Musik von ihm, die nicht außerordentlich qualitätvoll gefügt wäre, die mich sehr in ihren Bann zieht, die jede Auseinandersetzung mit ihr verdient. Und das Ganze geht auch Tripelfugen!

      Soviel für heute.

      Gruß Benno
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      nicht die musikalische Form (Tripelfugen als Zeichen von musikalischem Genie !!) steht im Vordergrund,


      Das Schreiben von Tripelfugen hat sicher niemand als unfehlbares Kriterium für musikalisches Genie definiert. Zunächst ist das mal eine handwerkliche Fähigkeit. Bei entsprechender Überzeugungskraft kann man eine Tripelfuge bzw. ihren Schöpfer freilich für genial halten.

      Giovanni di Tolon schrieb:

      die Verlebendigung, Aktualisierung des beschriebenen 'heiligen Vorgangs'.


      Der heilige Vorgang bedarf der Aktualisierung nicht. Das ist alles schon für alle Zeiten geschehen und bedarf keiner Wiederholung. Meine persönliche Frage ist: Inwieweit vermittelt die Musik mir etwas von der Besonderheit, von der Einmaligkeit des Vorgangs? Da muss freilich nicht das Etikett "Bach" draufkleben. Britten konnte das auch (z. B. "Ceremony of Carols").

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Und Stölzel hat in allen Stücken, die mir auf CD vorliegen, kein Musikstück über 4'20 geschrieben, das heißt, er hat auch auf die Geduld seiner Zuhörer Rücksicht genommen.


      Das ist Interpretation ... ist die Länge der Stücke - vorausgesetzt, die heutigen Musiker spielen diese überhaupt im Tempo Stölzels - der von Stölzel als begrenzt wahrgenommenen Geduld seiner Zuhörer geschuldet? Machst Du also eine Aussage über Stölzels Einschätzung seiner Zuhörer? Schwierig das. Ein advocatus diaboli könnte mit demselben Recht sagen: Vielleicht hat das kompositorische Vermögen nicht gereicht, einen Spannungsbogen zu komponieren, der länger als viereinhalb Minuten trägt, und Stölzel hat das sehr wohl gespürt. - Ich sage das nicht, ich sage nur, dass die schiere Länge wenig Aussage erlaubt. Meiner Meinung nach.

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Mir geht es mit Stölzel wie Hempel und anderen mit Zelenka: ich kenne keine Musik von ihm, die nicht außerordentlich qualitätvoll gefügt wäre, die mich sehr in ihren Bann zieht, die jede Auseinandersetzung mit ihr verdient.


      Dann darf man doch erwarten, dieses "Qualitätsvolle" aufgezeigt zu bekommen, an diesem Bann teilhaben zu dürfen - oder?

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Hempel schrieb:

      Die "Brockes- Passion" wäre ein eigenen Thread wert, da sie in etwa ein Zentrum bilden könnte im Hören verschiedener Kompositionen zum selben Text.
      Gibt es bereits, vgl. meinen Hinweis oben, # 2. ;)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Leider hat die von einigen Mitforisten formulierte Erwartungshaltung, dass ich mit diesem Thread etwas leisten könne, dass die Musikwissenschaft noch nicht vorgelegt hat, wenig mit meinem Anspruch an diesen Thread zu tun: die spezifische Leistungen Stölzels zu benennen.

      "Die Musikwissenschaft" - wer immer das ist, wahrscheinlich die Menge aller Menschen, die Musikwissenschaft treiben und darüber berichten - hat eine Dissertation zum Kantatenschaffen Stölzels vorgelegt:

      Fritz Hennenberg: Das Kantatenschaffen von Gottfried Heinrich Stölzel. Leipzig: Dt. Verl. für Musik, 1976 (Beiträge zur musikwissenschaftlichen Forschung in der DDR 8 ) (Leipzig, Phil. F., Diss. v. 9. Febr. 1965)

      Ferner entsteht hier gerade eine Internetpräsenz zum Schaffen Stölzels:
      ruhr-uni-bochum.de/mielorth/stoelzel/

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Ich bin definitv kein Musikwissenschaftler, aber auch wenn nur ein kleiner Teil des Schaffens Stölzels zurzeit bekannt ist kann ich ein paar allgemeinere Aussagen über seinen Stil treffen. Typisch für deutsche Komponisten des ausgehenden 17. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist z.B. die gleichzeitige Beherrschung bzw. Vermischung des italienischen und französischen Stils. So sind etwa die "Quadri di Dresda" im leichten französischen Stil gehalten, während einige seiner Triosonaten sehr konservativ anmuten und um 1680 in Italien geschrieben worden sein könnten. Auffällig ist eine gewisse Neigung zum harmonischen Tüfteln - er war also durchaus ein "gelehrter Komponist" - etwa in seiner Enharmonischen Klaviersonate. Verblüffend ist das auf der von mir bereits gezeigten rosa CD eingespielte Quadro in e-Moll, das einen beeindruckenden Anfang aufweist: nach einigen grob dissonanten, pulsierenden Akkorden folgt eine mehrere Sekunden lange Pause, worauf das Thema noch einmal anhebt, diesmal aber wohlklingender und "positiver". Man kann das übrigens auf dem jpc-Soundschnipsel gut hören (Track 16). Stölzels Musik hat für mich also durchaus faszinierende Momente, allerdings ist mir der Ton meistens zu geschäftsmäßig routiniert, um mich ähnlich zu begeistern wie etwa Telemann. Es ist aber immerwieder erstaunlich, wie viele gute Komponisten es im damaligen Deutschland gab, welche heute viel zu unbekannt sind. Ähnliches muss ich auch in der deutschen Musik des 19. Jahrhunderts feststellen. Da wird vieles von hervorragender Qualität links liegen gelassen, weil es nicht von den Top 3-4 Komponisten stammt.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Mauerblümchen schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Leider hat die von einigen Mitforisten formulierte Erwartungshaltung, dass ich mit diesem Thread etwas leisten könne, dass die Musikwissenschaft noch nicht vorgelegt hat, wenig mit meinem Anspruch an diesen Thread zu tun: die spezifische Leistungen Stölzels zu benennen.

      "Die Musikwissenschaft" - wer immer das ist, wahrscheinlich die Menge aller Menschen, die Musikwissenschaft treiben und darüber berichten - hat eine Dissertation zum Kantatenschaffen Stölzels vorgelegt:

      Fritz Hennenberg: Das Kantatenschaffen von Gottfried Heinrich Stölzel. Leipzig: Dt. Verl. für Musik, 1976 (Beiträge zur musikwissenschaftlichen Forschung in der DDR 8 ) (Leipzig, Phil. F., Diss. v. 9. Febr. 1965)
      Gibt es z.B. in der Bibliothek der Wiener Hauptuni. Volljährige Personen mit Wohnsitz in Österreich können einen Bibliotheksausweis erhalten. (Wird in D auch so ähnlich sein.)
      This play can only function if performed strictly as written and in accordance with its stage instructions, nothing added and nothing removed. (Samuel Beckett)
    • Felix Meritis schrieb:

      Stölzels Musik hat für mich also durchaus faszinierende Momente, allerdings ist mir der Ton meistens zu geschäftsmäßig routiniert, um mich ähnlich zu begeistern wie etwa Telemann. Es ist aber immer wieder erstaunlich, wie viele gute Komponisten es im damaligen Deutschland gab, welche heute viel zu unbekannt sind. Ähnliches muss ich auch in der deutschen Musik des 19. Jahrhunderts feststellen. Da wird vieles von hervorragender Qualität links liegen gelassen, weil es nicht von den Top 3-4 Komponisten stammt.
      Lieber Felix,

      genau so sehe ich das auch. Wobei ich Routine als weit weniger schlecht ansehe als Du.

      Mich kann seine Musik schon genauso begeistern wie die eines Telemann, eines CH Graun oder eben eines JS Bach. Nur weil hier eine DDR-Dissertation zum Kantatenschaffen Stölzels vorliegt, heißt das ja noch lange nicht, dass damit alles in der Tiefe erforscht wäre wie die Musik des größten Genies der Musikgeschichte. Und ich denke, dass uns einfach unglaublich viel genauso hörenswerte Musik von diesen Musikern abgeht. Bei dem, was ich von Stölzel kenne, habe ich den Eindruck, dass Gelehrsamkeit (Gültigkeit nannte Bruckner das mal irgendwo) sicher nicht das größte Ziel dieser Kompositionen war. Seine Musik will nicht so berechenbar sein (das meinte ich mit der Quecksilbrigkeit in einem früheren Eintrag), so etwas wie die Sonatenform wäre ihm in seinem Musikantentum sicher weit weniger hilfreich gewesen, weil sein Weg, die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu gewinnen, eher mit Abwechslung und Überraschungsmomenten arbeitet.

      CPE Bach hat sich von einiger Musik, die er für den Hof Friedrich des Großen schrieb, distanziert, indem er schrieb, er habe sie für den Geschmack eines bestimmten Herren geschrieben. Ich denke nicht, dass eine ähnliche Äußerung von Telemann oder Stölzel zu erwarten wäre. CPE Bach hat allerdings im Gegensatz zu den Nachfolgern oder Kindern Stölzels mehr darauf geachtet, dass seine und seines Vaters gute Werke erhalten blieben. Ob die zufällige Überlieferung, die bei Stölzel vermutlich vorliegt, hier immer nur auf Qualität Wert gelegt hat, mag ich nicht einschätzen.

      Gruß Benno