Smetana: Die verkaufte Braut in Hannover am 15.01.17 - Feedback

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    • Smetana: Die verkaufte Braut in Hannover am 15.01.17 - Feedback

      Am letzten Sonntag zogen wir uns in Hannover die Verkaufte Braut (VB) rein. Bildete unser erster Live-Besuch einer VB.

      staatstheater-hannover.de/oper…k=445&ID_Vorstellung=3708

      Fetzigkeit quoll schon während der Ouvertüre aus dem Graben durch Herausarbeiten der frischen Farbigkeit von Smetanas VB-Mucke durch tolle Instrumentenquäler unter Daniel Klein. Versprach also mega-geiler Opernabend zu werden. So wars dann auch keine Überraschung, dass Fetzigkeitslevel der Muckenwiedergabe bis zum Schluss der Oper anhielt, oft sich steigerte, unsere Lauscherchen umwarb, verlockte, also herzlichst von Smetanas geiler Mucke liebkost wurden.

      Die Solisten der Hauptpartien Kelly God als Marie, Robert Künzli als Hans, Tivarda Kiss als Wenzel und Stefan Adam als Kruschina kamen rüber wie Big-Point-Heimspiel (HDI-Arena) von Hannover 96 (als noch erfolgreich Buli 1). Denn sie glänzten ausgestattet mit edlen, metallenen, feinen und charakteristisch-rollengerechtem Timbre. So auch Karine Minasyan als Esmarelda im Chonchita-Wurst-Outfit. Shavleg Armasi dunkel-scharfer, vielfarbiger Bass passte zum Kezal wie das Runde in Zielers Eckigem durch Salomon Kalous knallhart verwandeltem Elfer zur 88. Minute am 06.11.15. Die vokale Gestaltung der Partien besonders deutlich verständlich bei Marie und Wenzel in einer eigens erstellten Übersetzung, die auch auf ältere VB-Übersetzungen zurückgreift.

      In Smetanas VB gründen ökonomische Härten + soziale Zwänge, Ressentiments - weil gesellschaftlich vermittelt, bilden sie keine Naturkonstanten - finstere Folie. Sie sind seit VB-UA keinesfalls geringer, harmloser geworden, sondern bloß gewandelt in Gestalt und Erscheinung.

      Diese Einsicht einerseits und um andererseits das Publikum für eine neue VB-Lesart zu gewinnen, damit dunkle Facetten von Smetanas VB im Kontext der Gegenwart scharf zur Erscheinung zu verhelfen, mag die Regie bewogen haben, die VB in der einschleimenden Sphäre kommerziellen, schamlos voyeuristischen Ehe-Partnerschafts-TV-Entertainments – mit Dauerpräsenz von Videokamera – örtlich im lokalen Areal Hannovers + Umgebung anzusiedeln; unter dem Motto „Heimat neu Erleben“.

      heimatneuerleben.de

      Die VB wird also szenisch umgesetzt als Verkaufsförderung, Hochzeitsfernsehshow mit choreographisch eingebundenen lokalen Trachtenvereinen, 96-Fanclub, gedrillt von einem Animateur/Showman, als extra neu hinzugefügte Sprechrolle. Trotz erschwindelter Weltoffenheit wird darin alles Fremde, weil nicht ins erbärmliche Show-Klischee Heimat integrierbar, unweigerlich abgeschottet/zurückgewiesen. Und das Fremde repräsentiert sich in der Figur des Hans in einem Outfit, dass ihn unweigerlich die Identität eines mutmaßlichen Salafisten aufzwingt.

      Unbarmherzig stellt die Inszenierung Martin Bergers – trotz aller lockeren Komik - ins grelle Licht, dass hinter bunter Entertainment-Fassade Druck, Angst, ausgelöst durch ökonomische Zwänge, sich verbergen, in denen menschliche Beziehungen schier ausweglos wie in einem Gespinst sich verfangen. Unterm Fun-Deckel brüten böse Ressentiments gegen Fremdes sich aus. Das vom Entertainment als Tatsache umgeheuchelte Ideal eines städtischen und dörflichen Idylls (lokale Lebensweisen, Treue, Trachten, Gewohnheiten) ist in Wahrheit durch und durch beschädigt. Weil das Heimat-Ideal eigentlich nicht mehr richtig trägt (falls das überhaupt jemals der Fall war), verhärtet es um so entschiedener sich zur bedrohlichen Ideologie.....

      Einer der Höhepunkte der bewegenden szenischen Umsetzung, deren überbordender Spaß immer wieder zu bitterem Ernst sich modelt, bildet u.a. das von Smetana fetzig komponierte und hinreißend gestaltete Duett Marie-Wenzel. Es kam rüber, wie ein vergeblicher Versuch das allgegenwärtige Stausauger-Kontinuum aus sinnleeren Kommerzialisierungsdruck und Entertainment-Sog zu kontrapunktieren. Aber Marie stößt Wenzel wiederholt angewidert von sich. So schlägt dieser Ausbruch choreographisch um in Desillusion. Weil auch außerhalb vom Getriebe kein Glück, keine Erfüllung aufgespart scheint, enthüllt dieser Fluchtpunkt sich als Schimäre.

      Und problemlos lassen sich ungeplante/unkalkulierte Zweifel, Zögern, Konfusionen Maries in die intelligent organisierte Schwachsinns-Show einbinden. Es funzt wie geschmiert. Nicht mal das - phasenweise a-capella-artige - Sextett bleibt davon ungeschoren, vom Orchester und Solisten mit spannungsgeladener Intensität gestaltet.

      Was für ein aberwitziger Kontrast !

      Das Sextett, doch eigentlich so was wie retardierender Einstand im dramatischem Elan der VB, wird quasi im Nasenring rausgezurrt und in die voyeuristische Hochzeitsshow-TV-Arena brutalst geschleift (erinnert unweigerlich daran, als jüngst zur Buli-Hinrunde, SKY-TV obszön den Bayer-Trainer Roger Schmidt - Hoffe gegen Pillenkusen - durch Richt-Mikros verbal entblößte, zwecks Quotensteigerung. Für SKY, ausreichend fettgefressen, scheint’s ein Leichtes die Buli total mit Kohle voll- und zuzuscheißen, damit Kacke quotenmäßig sich erneut vergolde).

      Und plötzlich, gleichsam blitzartig drängte während des Sextett-Reinziehns banger Zweifel sich auf, ob noch irgendwelche Mucke dem allgegenwärtig-einschlürfendem Verwertungs-Entertainment-Schlund sich als unverdauliche Maulsperre oder als bitter-ätzendes Sodbrennen quer zu biegen vermag; und allgemein, ob noch in der Kunst, schier gänzlich aus und mit Gesellschaftlichem kontaminiert, überhaupt so was wie ein unverdauliches/rausgewürgt-gekotztes Reste-Substrat zu finden sei, das vor sich hinverwest, quasi als unverwertbarer/unkorrumpierbarer Reste-Kern unintegrierbar + ärmlich vor sich hinrottet ...... ...... .....
      .................. .......
      ...............

      Begeistertes Publikum nach Ende der Aufführung.
      Großer + herzlicher Beifall für Orchester, ML und Ensemble.

      Wollen uns diese VB zur nächsten Spielzeit das 2. Mal reinziehn, um möglichst jede Menge weitere Details, Nuancen aufzufrischen und/oder neu einzuschaufeln.

      Höchste Empfehlung für jeden Interessierten an lebendiger Oper !

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      Postskriptum

      Konnte, nee wollte mirs nicht verkneifen nach Ende der Vorstellung das herrlich unterhaltsam-würzige VB-Feedback von Frau Prof. Marie-Louise Gilles (Sängerin + Dipl-Kuwi) meiner Begleitung vorzulesen.

      marie-louise-gilles.de/Bericht…Hannover_-_29.10.2016.htm

      Doch mein gutgemeinter Joke entpuppte unverhofft sich als Eigentor, weil Begleitung, trotz ihres eher konservativen Geschmacks, was Mucke und Regie betrifft, den Gilles-VB-Erguss leider überhaupt nicht witzig fand.
      Wie schade !
      Also musste ich gezwungener Maßen– denn sie bestand darauf nachdrücklich ! – aus freundlich-gewogenen VB-Feedbacks einiger Gazetten zitieren, um ihren Stimmungslevel schleunigst wieder hoch zu pumpen.

      Möge also mein verzapftes VB-Feedback angemessenes Sühneopfer für diesen unvermeidlichen Fauxpas bilden.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Netter Text. Dafür verzeih ich dir 1 x Hafti-Bashing.

      Außerdem muss ich mir das Teil jetzt wohl auch mal "reinziehen". Was das wieder kostet.

      Gibt's eigentlich irgendwelche Verisse in T- oder sonstigen Foren? Das würde meine Vorfreude beträchtlich steigern...


      Thomas
    • Ecclitico schrieb:

      Dafür verzeih ich dir 1 x Hafti-Bashing.
      Matthäus 18; 21 ff

      Ecclitico schrieb:

      Außerdem muss ich mir das Teil jetzt wohl auch mal "reinziehen". Was das wieder kostet.
      Am Sonntag 05.02.17 letzte VB-Wiedergabe während der aktuellen Spielzeit (SZ) . Also nix wie ran:
      staatstheater-hannover.de/oper…k=445&ID_Vorstellung=3729

      tickets.staatstheater-hannover…languages=de&languages=en

      Weitere VB-Aufführungen vermutlich dann zur nächsten, spätestens jedoch zur übernächsten SZ..

      Höchst lohnend auch die super-tolle Fledermaus (FM) ; auch Regie von Martin Berger. Hätte nicht gedacht, dass dieses niedersächsische Provinz-Kaff es auf die Reihe kriegt, die bereits unterhaltsame KOB-FM aus der großen Hertha-Weltstadt an Fetzigkeit so weit zu überflügeln.

      Termine:
      staatstheater-hannover.de/oper…k=351&ID_Vorstellung=3785

      als Vorfreude-Appetizer auch wieder geiles Gilles-Leckerli:
      marie-louise-gilles.de/Bericht…nnover_20.03.2016_neu.htm

      Nach Bergers fetziger FM-Inszenierung können durchaus resultierende zukünfige Erwartungenexpansionen an den Regisseur bekanntlich auch in Rezssion umschlagen.
      => um VB-Erwartungs-Notgeilheit, eben auch entfacht durchs FM-Reinziehn, zum zeitweiligen „Todesschweigen“ (Wagner, Parsifal) zu zwingen, half einzig zuchtvolles Beugen unter selbstauferlegter Disziplin der Erwartungslosigkeit. Diese wurde allerdings empfindlich gestört durch Dipl-Kuwi Gilles, weil zum vorzeitigeren VB-Reinziehn animierte, als eigentlich geplant..

      (Übrigens die hammer-mäßige Hannoversche "Macht des Schicksals" unter Klingele + Hilbrich stellt ganz locker München unter Fish + Kusej musikalisch und szenisch in den Schatten)

      Ecclitico schrieb:

      Gibt's eigentlich irgendwelche Verrisse in ....... Foren? Das würde meine Vorfreude beträchtlich steigern...
      Leider ergebnisloser europaweiter Foren-Check.
      Und mit der gender-öko-links-versifften Brainwash-Feuilleton-Mafia ist sowie ncht zu rechnen.
      „Toren wir, auf Lind'rung da zu hoffen..“

      Menno, überall bloß tote Hose.
      Wo treiben noch Foren ihre rasenden Anti-RT (Regietheater)-Festspiele ?
      Scheint alles langweiliger zu werden, da RT-Phobe erneut überwiegend im tiefsten Winterschlaf eingemümmelt

      In verstreuten Sammelthreads für absurde und lächerliche Inszenierungsideen keine Verbal-Diarrhoe zur Hannover-VB aus manisch repetierten Wortprügeln wie Verunstaltungstheater, Dekadenz, Subventionskürzung, geisteskranker Regisseur, entartet, Publikumsverarschung... etc
      Und kein einziger unterhaltsamer Phantom-Thread mit allerlei lustigen rt-phoben Empörungsergüssen zur Hannover-VB in nahezu kompletter Unkenntnis der Aufführung, wie weiland im Falle vom Karmensek/Voges–Freischütz.. :heul1:

      Ach ! Es ist zum Verzweifeln ! :(

      Wir sollten aber uns auch an die eigene Nase fassen, um nicht in blinder Attitüde selbstgerechter Hoffart zu verfallen: Denn auch Capriccio-Thread „Was ist, was soll, was darf Opernregie? Und was nicht?“ verwaist....

      „Öd und leer das Meer“

      Überraschender Hannover-VB-Ticket-Nachfrageboom ausgelöst durch gerichtliche Klage oder außergerichtliche Kampagne von Opernstaubis, wie weiland Strauss Salome durch Zensur oder ein halbes Jahrhundert später DER SPIEGEL durch seine Affäre, erweist sich leider als Illusion, weil Info dazu bisher bloßes Gerücht.

      Lasst uns aber Hoffnungen nicht jetzt schon in festverschließbare Urnen wegschütten . Vielleicht schlägt das tief im Dornröschenschlaf versunkene Imperium der Anti-RT-Salafisten doch noch beizeiten zurück.........
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann