Otello-Premiere in Dresden

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Otello-Premiere in Dresden

      Außergewöhnliche Überraschungen waren von der Dresdner Otello-Premiere vom 23. Februar 2017 ohnehin nicht zu erwarten, wurde doch in erster Linie eine Adaption der Inszenierung Vincent Boussards von den Salzburger Osterfestspiele 2016 geboten.
      Das Bühnenbild für beide „Inszenierungen“ war ohnehin von den Dresdener Bühnenhandwerkern so gestaltet, dass es für beide Häuser trotzunterschiedlicher Voraussetzungen angepasst werden konnte. Auch die Ausstattungen trugen in beiden Fällen die gleichen Handschriften.
      Mich hatten die Inszenierung und die Ausstattung weder begeistert, noch gestört, und das ist heutzutage schon viel, so dass ich mich auf die Musizierenden konzentrieren konnte. Selbst der Todesengel hatte meinen Eindruck kaum beeinträchtigt.
      Dass die Staatskapelle mit Christian Thielemann auch Verdi spielen kann, hatten diese bereits im Februar 2014 mit dem „Messa da Requiem“ bewiesen.
      Und die beiden Sänger, die wir hier nach meinem Wissen erstmalig auf der Semperbühne erwarteten, waren ausgefallen. Der prachtvolle Johan Botha war bekanntlich seinem Krebsleiden erlegen und Dmitri Hvorostovsky meidet aus gesundheitlichen Gründen bis auf weiteres die Opernbühne.
      Neben der Desdemona Dorothea Röschmann hatten es nur unsere Christa Mayer(Emilia), Georg Zeppenfeld (Lodovico) und Sofia Pintzou (Todesengel) von der Salzach an die Elbe geschafft.
      Letztlich konnten wir uns aber über eine phantastische Premieren-Besetzung freuen.
      Der erst im Februar im Siegfried gefeierte Stephen Gould schenkte uns einen stimmgewaltigen und souveränen Otello, der uns auch charismatisch nicht unbedingt enttäuschte. Seine Bemühungen um die Zerrissenheit des Titelhelden schienen ehrlich. Aber man werde es mir verzeihen, als den Rotzlöffel Siegfried fand ich Gould authentischer.
      Der Sänger war übrigens bereits 2006 im Hause als Otello neben Anja Harteros in der etwas chaotischen Inszenierung der Konwitschny-Schülerin Vera Nemzova (* 1972) Gast gewesen, möchte aber, gemäß einer Interview-Aussage an dieses Elend des Regietheaters nicht mehr erinnert werden.
      Bis zur Pause empfand ich Frau Röschmann als gut, aber nicht ohne Makel. Ihr inniges „Lied an die Weide“ wischte dann aber alle Meckereien zur Seite.
      Der dominierende Jago von Andrzej Dobber war natürlich grandios. Bei ihm passte eigentlich alles. Gesang und Darstellung machten es seinen jeweiligen Bühnenpartnern nicht leicht, sich zu behaupten.
      Und so muss ich gestehen, dass vom Rodrigo des Robin Yujoong Kim, vom Cassio des Antonio Poli, dem Araldo von Alexandros Stavrakakis und dem Montano des Martin-Jan Nijhof mir nur Einzeleindrücke zur Verfügung stehen. Hier wird mir der Besuch einer weiteren Vorstellung weiter helfen müssen.
      Der Auftritt Georg Zeppenfelds war gewohnt nobel und von Gesang und Figur präsent.
      Besonders gefallen hat mir Christa Mayers differenzierte Darstellung: Energisch gegenüber Jago und einfühlsam im Schlussakt.
      Der Staatsopernchor war, wie eigentlich im Semperbau bei allen Gelegenheiten, über weite Teile der Aufführung Gerüst des Geschehens und vor allem eine Augen- und Ohrenweide.
      Christian Thielemann führte das wunderbare Orchester sensibel zu berückender Klangschönheit. Vor allem in den intimen Szenen zwischen Desdemona und Otello war die Detailverliebtheit des Meisters zu spüren.
      Dabei kam ihm natürlich entgegen, dass Verdi die Oper weitgehend durchkomponiert hat und so der Wagner-Spezialist zum Zuge kommen konnte.
    • G. Verdi: Otello, Semperoper DD, Aufführung vom 28.05.2017

      Neben der Premierenserie (wobei es, wie von thomathi oben erwähnt, eine Fakepremiere war) gab es jetzt im Mai eine weitere Serie mit drei Vorstellungen in teils alternativer Besetzung. Da szenisch nichts Überraschendes zu erwarten war, war ich lange unentschlossen, ob ich überhaupt hingehen sollte. Vermutlich wäre das abstrakte, hochstilisierte Bühnenbild inklusive Todesengel universell für viele tragische Opern geeignet, was man sowohl positiv als auch negativ bewerten kann. Unüberwindbarer Schwachpunkt war sicher die schwache Personenführung. In dieser Hinsicht wurde praktisch alles verschenkt, von psychologischer Feinzeichnung will ich gar nicht reden. Da braucht es sehr viel Phantasie und Wohlwollen seitens der Zuschauer. Wieso ist Jago so ein Mistkerl, wieso lässt sich Otello so leicht manipulieren und in den Wahn treiben, worin besteht überhaupts seine Außenseiterrolle etc. – man weiß es nicht. Am ehesten vielleicht, wenn man auch die Figuren stilisiert, als Archetypen, weniger als Menschen aus Fleisch und Blut, begreift. Anders kan ich mir diese Regiearbeit nicht erklären.
      -------
      Hier die Beteiligten in der Übersicht:

      Musikalische Leitung – Pietro Rizzo
      Inszenierung – Vincent Boussard
      Bühnenbild – Vincent Lemaire
      Kostüme – Christian Lacroix

      Otello – Peter Seiffert
      Jago – George Petean
      Desdemona – Dorothea Röschmann
      Cassio – Merto Sungu
      Rodrigo – Simeon Esper
      Lodovico Tilmann Rönnebeck
      Montano – Martin-Jan Nijhof
      Emilia – Jelena Kordić

      Sächsischer Staatsopernchor Dresden
      Sächsische Staatskapelle Dresden
      --------

      Am Pult stand ein mir bis dato völlig unbekannter Dirigent, Pietro Rizzo, und wählte einen – bis auf wenige Momente – schroffen, bis zur Schmerzgrenze kantigen Zugang zu diesem düsteren Werk. Manchmal hätte ich mir eine sensiblere Sängerbegleitung gewünscht. Ich sage das alles unter Vorbehalt, da ich bis jetzt nur konservierte Otellos gehört habe, live noch nie.

      Dorothea Röschmann gab eine expressive Desdemona, ohne Rücksicht auf Verluste, speziell in der Höhe, was beim Publikum gut ankam, nimmt man den Schlussapplaus als Maßstab. Ganz anders George Petean, der einen ziemlich schönstimmigen Jago sang und, evtl. tagesformbedingt, teilweise in den Orchesterwogen unterging. Da musste man einfach umdenken, nicht jede liebende Frau singt halt einschmeichelnd schön und nicht jedem Bösewicht hört man seine schwarze Seele an der Stimme an. Der Kracher des Abends war aber Peter Seiffert in der Titelrolle, und das ist durchaus wörtlich zu verstehen, schien er doch über beliebige (Lautstärke-)Reserven zu verfügen. Dazu klang seine Stimme erfreulich frisch, mit Schmelz und eben ordentlich Peng, wenn nötig. Andererseits gelangen auch einige sehr schön zurückgenommene Passagen, in denen er seine Riesenstimme versiert zu drosseln wusste. Witzig auch der extreme Größen- und Breitenunterschied zwischen Seiffert und Röschmann, ungefähr wie Bär und Maus, was das Mitleid mit der armen Desdemona noch steigerte.

      Nächste Saison wird dese Otello-Produktion weitere fünf Mal zu sehen sein. Hmmm, weiß nicht, ob es mich nochmal hinzieht. Vielleicht, vielleicht auch nicht...

      :tee1: Amaryllis