Vom Konzertleben in Dresden

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    • Drei Balten im 11. Symphoniekonzert

      Den estnischen Dirigenten Paavo Järvi kennen wir vor allem als Künstlerischen Leiter der „Deutschen Kammerphilharmonie Bremen“, dem Residenzorchester des Festivals „Kissinger Sommer“.

      Mit der Staatskapelle Dresden hatte er zuletzt 2014 mit Béla Bartoks Konzert für Orchester Sz 116 gearbeitet.

      Im 11. Symphoniekonzert stellte er gemeinsam mit Gidon Kremer das seltener gespielte Violinkonzert g-Moll von Mieczyslaw Weinberg vor.

      Der 1919 in Warschau geborene und 1939 nach der UdSSR geflohene von Schostakowitsch geförderte Komponist hat das Violinkonzert bereits 1959 unter dem Eindruck der „Friedensvertrag-für- Deutschland-Initiative“ Chrustschows geschrieben. In Deutschland ist es erst 2014 zum ersten Mal in Karlsruhe von Linus Roth aufgeführt worden.

      Überhaupt gehört Mieczyslaw Weinberg zu den zu Unrecht in Westeuropa kaum gespielten Komponisten.Als 2010 im Umfeld der Bregenzer Uraufführung seiner Oper „Die Passagierin“ Proben seines sinfonischen und kammermusikalischen Schaffens vorgestellt wurden, gab es heftige Reaktionen, wieso sein reiches Werk in Deutschland bisher unbeachtet geblieben war.

      Wir kennen Weinbergs faszinierende Musik bisher auch nur von der Semperoper-Inszenierung der „Passagierin“ und Kammermusik bei den Gohrischer Schostakowitsch-Tagen.

      Die beiden Balten gestalteten gemeinsam mit dem Orchester diese 30 Minuten zu einem differenzierten Erlebnis.

      Der erste Satzes Allegro molto erinnerte doch, dass das Konzert von Weinberg Leonid Kogan gewidmet war. Orchesterwucht und Kraftvoller Einsatz des Violinspiels soll an die hektische ideologisch aufgeheizte Weltsituation der fünfziger Jahre erinnern.

      Das Orchester begann auch kraftvoll und die Solo-Geige nahm ihr erstes Hauptthema auf. Järvi versuchte auch, den Solisten über Stock und Stein zu jagen und ihn “um sein Leben rennen zu lassen“, wie ein Partitureintrag fordert. Aber Gidon Kremer ließ sich nicht vom Orchester jagen. Er folgte lediglich den Musikern.

      Die beiden Mittelsätze gaben dann Kremer die Möglichkeit, seine lyrische Spielmeisterschaft auszuleben. Insbesondre das Adagio wurde zu einem der Höhepunkte des Konzerts.

      Mit dem abschließenden Allegro risoluto hatte der Solist nun den Spagat, zwischen der doch optimistischen Tongestaltung Weinbergs und was sich dann in der politischen Wirklichkeit entwickelte hatte, zu gestalten. Aber hier kam den Interpreten Weinbergs Kunst entgegen, so dass der Schluss-Akkord wie zu einem Abschied geführt werden konnte.

      Mit einer Zugabe demonstrierte dann Gidon Kremer eindrucksvoll, dass er doch letztlich der Meister der leisen Töne ist.

      Eingeleitet war das Konzert allerdings mit einer Komposition des Capell-Componist Arvo Pärt „Swansong“, die er aus Anlass des 200. Geburtstags des englischen Priesters und Dichters John Henry Newman geschrieben hatte. Er hatte dabei die Schlussworte einer Meditationspredigt, die dieser 1843 über Matthäus Kapitel 10, Vers 16 in Littlemore gehalten hatte, vertont.

      Bereits in der Generalprobe hatte der rüstige 82-jährige Este durch energische Eingriffe in dem Probe-Geschehen für eine akzentuierte Interpretation seines opulenten nordischen Klanggemäldes gesorgt.

      Beim Konzert war der Komponist anwesend und zeigte sich, sichtlich zufrieden, dem Publikum.

      Aus den Trümmern eines Opernprojektes hat der 30-jährige finnische Komponist Jean Sibelius1895 seine „Lemminkainen-Suite“geschaffen. Er hatte 1894 in München und Bayreuth Aufführungen der Opern von Richard Wagner erlebt und daraufhin seine Pläne einer Bühnen-Vertonung des Nationalepos „Kalevala“ resigniert zur Seite gelegt.

      Im 11. Symphoniekonzert der Staatskapelle dirigierte Paavo Järvi eine 1897 überarbeite Fassung. Konsequent nutzte er beim Dirigieren den rechten Arm für die Vorgabe der Tempi und die linke Hand zur Regulierung der Dynamik. Diese Konsequenz ist durchaus nicht bei allen seiner Dirigier-Kollegen zu beobachten.

      Plastisch lässt Järvi die Gestalt des Zaubersängers, eines Charakters zwischen Griegs Peer Gynt und Wagners Siegfried entstehen.

      Im Allegro molto moderato, der Legende von „Lemminkainen und den Mädchen auf der Insel Saari“, wird das übermütige Leben des Helden auf der Insel und der Raub der schönen Kyllikkimit wunderbaren Orchesterführungen gestaltet.

      Die zweite Legende „Der Schwan von Tuonela“ symbolisiert mit breiten Englischhorn-Klängen ein beklemmendes Andante molto sostenato mit einer langen bedeutungsvollen Schlussphase.

      Die Ermordung des Helden und die Zerstückelung seines Leichnams gestaltete Järvi mit der dritten Legende obsessiv bis zur extremen Steigerung, bis dann in einer ruhigen Struktur die Revitalisierung des Helden erzählt wurde.

      Mit der nachdrücklich und fröhlich angelegten vierten Legende wird die Heimkehr Lemminkaines gefeiert und das Konzert abgeschlossen.

      Die Aufzeichnung des Konzertes wird am 12. Juni 2018 ab 20 Uhr 05 von MDR-Kultur und MDR-Klassik ausgestrahlt.