Vom Konzertleben in Dresden

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    • Mozart-Palastkonzert mit Sir András Schiff und seiner Cappella Andrea Barca

      Seit im April des Jahres 2017 der umgebaute Konzertsaal im Dresdner Kulturpalast wieder seiner Bestimmung zugeführt worden war, haben wir jede Gelegenheit genutzt, Konzerte in diesem Pseudo-Weinberg auf Plätzen der unterschiedlichsten Positionen zu besuchen, weil wir eigentlich fanatische Verfechter der Schuhschachtel-Konzerträume sind und die Klangentwicklung auch nach dem Umbau als etwas „undemokratisch“ empfinden.

      Die Dresdner Musikfestspiele finden in diesem Jahr erst vom 16. Mai bis zum 10. Juni 2019 statt. Vermutlich um die breiten Möglichkeiten der Klangentfaltung in diesem noch vergleichsweise neuen Konzertsaal breit auszutesten, veranstaltet das Management, verteilt über die Festspiel-freie Zeit des Jahres, die Reihe „Palastkonzerte“. Zudem möchte man den Ruf des Saales in der Musikwelt möglichst weit verbreiten, um sowohl Interpreten als Besucher auch abseits von Semperoper und Frauenkirche nach Dresden zu locken.

      Mit einem Mozart-Abend feierte András Schiff mit seiner Cappella Andrea Barca am 6. Februar 2019 ein Saal-Debüt.

      Sir András Schiff, 1953 in Budapest geboren und an der Franz-Liszt-Musikakademie unter anderem bei György Kurtág ausgebildet, versteht sich als österreich-britischer Pianist und Dirigent ungarischer Herkunft. Neben seiner Tätigkeit als Solist und Dirigent leitet er auch Musikfestivals.

      Die Musiker der Cappella Andrea Barca sind in aller Welt tätige Solisten und Kammermusiker, somit an kein Orchester fest gebunden. András Schiff hatte diese Musiker ursprünglichfür eine Gesamtaufführung der Klavierkonzerte in den Salzburger Mozartwochen der Jahre 1999 bis 2005 ausgewählt.

      Offenbar hatten die Musiker Freude am gemeinsamen Musizieren auf der Grundlage von Sympathie, Verständnis sowie ästhetischer, musikalischer und menschlicher Gleichgestimmtheit gefunden, so dass sie sich auch weiterhin in kammermusikalischer und solistischer Formation präsentieren.

      Der „Namenspatron“ des Ensembles Andrea Barca, vermutlich zwischen1730 und 1735 bei Florenz in einer Bauernfamilie geboren, hatte bei einem Konzert des Wolfgang Amadeus Mozart am 2.April 1770 in der Villa Poggio Imperiale als „Umblätterer“ mitgewirkt. Beeindruckt vom Genius Mozarts war er diesem nach Salzburg gefolgt. Da sich dort für ihn als Musiker kein Erfolg eingestellt hatte, kehrte er nach Italien zurück und war in der Folgezeit als Pianist und Komponist tätig. Sein Hauptwerk, die Oper „La Ribolita bruciata“ gilt derzeit noch immer als Höhepunkt der toskanischen Musikgeschichte. Wann, wo und unter welchen Umständen er verstorben ist, bleibt unbekannt.

      Die eingeladenen Musiker werden von Schiff nach dem Repertoire der Konzerte mit Arbeiten von Bach, Mozart, Haydn, Mendelssohn bis Bartok ausgewählt.

      Der Beginn des Palastkonzertes gehörte dem Klavierkonzert Nr. 15 B-Dur KV 450, das Mozart 1784 vollendet hatte. Mit diesem Konzert ließ Mozart erstmalig Bläser als Melodieninstrument auftreten, so dass gemeinsam mit dem Klavier und den Streichern faszinierende Klangfarben entstehen.

      András Schiff, der das Konzert zum Teil den Musikern zugewandt und ansonsten vom Piano aus leitete, darf nach der ersten Orchester- Einleitung mit einer Art Kadenz einsteigen, bevor die Cappella zur konzertanten zweiten Exposition ansetzt. Der Pianist erweist sich als Vollblutmusikant. Sein wunderbarer Anschlag am legendären Bösendorf-Flügel nahmen uns sofort gefangen. Die Darbietung wirkt sympathisch impulsiv und intuitiv inspiriert. Der erste und der dritte Satz wurden heiter und konzertant geboten, der zweite eher poetisch. Gelöste Spielfreude prägte das Finale.

      Mozarts viersätzige Symphonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 ist die erste der drei Sinfonien, die innerhalb kurzer Zeit vom Juni bis zum August 1788 drei Jahre vor seinem Tode als sein „Schwanengesang“ entstanden waren.

      Regelrecht majestätisch leitete die Cappella Andrea Barca den ersten Satz Adagio-Allegro ein, als ob etwas Schicksalhaftes im Raum stehe, bis dann der Klangfluss ins angenehm-Lyrische, zum Satzschluss aberin dasweitgehend Kräftige und Festliche überging.

      Schicksalhaft-festlich auch der zweite Satz, bis dann Schiff den dritten Satz etwas schneller dirigierte, um das Finale heiter, verspielt und schalkhaftspielen zu lassen.

      Interessant war, welche Klangwirkung die Cappella der nicht in eine Orchesterdisziplin eingezwängten Instrumentalisten erzeugte, wenn letztlich jeder Musiker seine individuellen Klangfärbungen einbringt.

      Das abschließende Klavierkonzert Nr. 17 G-Dur KV 453, 1784 für eine Schülerin komponiert, gehört nach meiner Auffassung zum schönsten, originellsten und wahrscheinlich persönlichsten, was Mozart komponiert hat .

      András Schiff als Solist, leitete das Spiel gleichfalls zum Teil vom Klavier aus. Das Orchester wusste allerdings genau, mit der regelrecht suggestiven Musik umzugehen, so dass sich der Solist auf sein Spiel konzentrieren konnte, wenn es erforderlich war.

      Aus dem Mittelsatz gestaltete er ein Adagio und wenn das üppig aufspielende Orchester den Frage-Antwort-Komplex hinter sich hatte, war das schon eine eigene Welt.

      Mit einer berückenden Bach-Zugabe demonstrierte András Schiff seinen außergewöhnlichen Anschlag und den besonderen Klang des Bösendorfers.

      Für uns, die wir inzwischen bei Mahler, Bruckner, Schostakowitsch und Wagner …und Eötvös angekommen sind, war dieser Mozart-Abend doch ein Erlebnis.
    • Philbert schrieb:

      thomathi schrieb:

      Mozarts viersätzige Symphonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 ist die erste der drei Sinfonien, die innerhalb kurzer Zeit vom Juni bis zum August 1788 drei Jahre vor seinem Tode als sein „Schwanengesang“ entstanden waren.
      Dann hat aber der Schwan es mit dem Tod nicht so eilig gehabt ...
      Die Bezeichnung "Schwanengesang" ist nicht meine Formulierung, die Bezeichnung stammt auch nicht von Mozart, aber diese drei Kompositionen sind immerhin seine letzten Symphonien.
    • Nicht jede mißglückte oder schwachsinnige Formulierung verdient es, wiederholt zu werden.
      Als Schwanengesang versteht man laut Duden

      Duden schrieb:

      letztes Werk (besonders eines Komponisten oder Dichters)

      Wikipedia schrieb:

      Der Ausdruck geht auf einen alten griechischen Mythos zurück, der besagt, dass Schwäne vor ihrem Tode noch einmal mit trauriger, jedoch wunderschöner Stimme ein letztes Lied anstimmen
      Mozarts Schwanengesang wäre dann sein Requiem, was dazu noch zu der Thematik hervorragend paßt - und auch dementsprechend ausgeschlachtet wurde,

      Die Symphonien Nr 39, 40, 41 sind seine letzten Symphonien. Wenn der Ausdruck nicht draufhauerisch genug ist, kann man vom "krönenden Abschluß seines symphonischen Schaffens" sprechen.
      Nun schreibt jeder Komponist, der Symphonien komponiert, irgendwann eine letzte Symphonie, Beethovens letzte wurde auch drei Jahre vor seinem Tod uraufgeführt, wird aber - richtigerweise- nicht als sein "Schwanengesang" verstanden.

      Daß der Begriff "Schwanengesang" in bezug auf Mozarts letzte Symphonien besonders fehl am Platze ist, hat auch mit der Tatsache zu tun, daß er in den drei Jahren zwischen deren Entstehung und seinem Tod eine Menge herausragender Werke komponiert hat. Und dies besonders in seinen allerletzten Lebensmonaten.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • "Stabat mater" mit Christoph Eschenbach und wunderbaren Solisten

      Neu

      Die Konzerte der Staatskapelle „zum Gedenken an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945“ sind für unsere Familie immer ein etwas schwieriger Termin, weil meine Frau als fast Sechsjährige mit Mutter, Großmutter und ihrer jüngeren Schwester an besagtem Abend durch das brennende Dresden laufen musste , nachdem sie vorher „ausgebombt“ worden waren.

      Als wir 2009 nach Sachsen zurückgekommen waren, war Dresden wegen seines Kulturangebots und seiner Umgebung der Wohnort der Wahl. DieRückkehr in ihre Geburtsstadt legten bei meiner Frau die verschüttet geglaubten Kindheitserinnerungen frei.

      Die Stadt befand sich im Landtags-Wahlkampf. Vor allem NPD-Plakate beherrschten das Stadtbild. Vor allem thematisierte die rechte Szene die nach wie vor unbekannte Zahl der Opfer der Luftangriffe und nutzte das zu Provokationen.

      Die Rückkehr in ihre Geburtsstadt legte bei meiner Frau die verschüttet geglaubte Kindheitserinnerungen frei. Eigentlich der über die ideologischen Parteigrenzen reichende von der damaligen Oberbürgermeisterin Helma Orosch organisierte Widerstand gegen den Missbrauch der Erinnerungskultur half uns, die kritischen Tage der zu überstehen.

      Bei den Menschen der Stadt ist die Erinnerung an den 13. Februar 1945 tief verwurzelt, da wohl jede in der Innenstadt angesiedelte Familie von den Terror-Angriffen in irgend einer Form betroffen war. Auch wenn die Zeitzeugen zunehmend versterben, werden jene, die den Anblick des zerstörten Schlosses, die Ruine der Frauenkirche noch erlebt hatten, die Erinnerung an diesen Bombenterror bewahren.

      Auch bleibt die Vermutung, dass der Stadt das Schicksal von Hiroshima gedroht hätte, wenn die Atombombe früher zur Verfügung gewesen wäre, im Gedächtnis der Menschen.

      Für das Gedenk-Konzert 2019 hatte das Orchester Antonin Dvořáks „Stabat mater“ op. 58 ausgewählt und Christoph Eschenbach als Dirigenten eingeladen.

      DasStabat mater, exakt Stabat mater dolorosa (lat. für: es stand die Mutter schmerzerfüllt) ist ein mittelalterliches Gedicht, das die Mutter Jesu in ihrem Schmerz um den gekreuzigten Sohn zum zentralen Inhalt hat. Der Text beruht auf einer Weissagung des Propheten Simeon gegenüber der Mutter Maria: „Deine Seele wird ein Schwert durchdringen“ und wird häufig dem Jacopone di Todi (1230 bis1306) zugeschrieben. Aber auch eine Autorenschaft des Papstes Innozenz III. ist nicht ausgeschlossen.

      Nach meinen Recherchen sind die Texte zwischen 1480 und 2008 61-mal für zum Teil sehr persönliche Kompositionen genutzt worden. Darunter sind Arbeiten so bedeutender Musiker wie die Scarlatti, Pergolesi, Vivaldi, Haydn, Rossini, Liszt,Schubert, Penderecki und Pärt.

      Die möglicherweise am häufigste aufgeführte und eingespielte Vertonung ist die 1876 bis 1877 unter dem Eindruck der Verluste seiner drei Kinder entstandene Komposition Dvořáks Opus 86.

      Er hatte die Textbearbeitung auf Basis einer kritischen Sichtung der Handschrift-Überlieferungen von Clemens Blume und Henry M. Bannister des Gedichtes für vier Solisten, Chor und Orchester eingerichtet. Vom mittelalterlichen Original übernahm der Komponist die Struktur der zehn Strophen. Jede dieser Strophen hat eine eigene thematische Basis und ist seinerseits in Teile zu je drei Zeilen gegliedert. Dvořák verzichtete auf eine Aufteilung des Chores in zwei Halbchöre. Der Dialogcharakter war von ihm den Solisten übertragen worden.

      Mit der Staatskapelle, dem Sächsischen Staatsopernchor Dresden und der Sopranistin Venera Gimadieva, der Altistin Elisabeth Kulman, dem Tenor Pavol Breslik und dem Bassisten René Pape stand dem Christoph Eschenbach für seine Interpretation ein hochkarätiges Ensemble zur Verfügung.

      Das Orchester bildete mit seinem faszinierenden warmen dunklen Klang das Rückgrat der Aufführung. Dabei entwickelte Christoph Eschenbach seine Orchesterführung zunächst aus der Stille, im lyrischen ergreifend und in den Steigerungen packend. Das auf das Detail konzentrierte Dirigat führte dabei den Chor und die Solisten beeindruckend zusammen.

      Der besonders ausgedehnte Eröffnungssatz erzeugte bereits eine Stimmung eindringlicher Trauer, unterbrochen von flüchtigen Momenten der Wut und des Trotzes. Diese Ausbrüche des Chores und des Orchesters beruhigte Pavol Breslik mit schönen Phrasierungen und makelloser Höhe bis die übrigen Solisten die Melodie aufnahmen. Venera Gimadieva, Elisabeth Kulman, Pavol Breslik und René Pape gelang, jede feine Schattierung der Partitur in Intensität umzusetzen. Sehnsüchtiges Pianissimo wurde klangfarbenreich und brillant wie das mächtige Forte textdeutlich umgesetzt.

      Die acht folgenden Strophen mit ihren eigenen Themenstellungen boten ob der zwei-Dreizeilenstruktur reichliche Gelegenheiten zu Wiederholungen innerhalb der Sätze sowie zu brillanten Einzelleistungen der Solisten und des Chores.

      So gehörte der von Mozarts Requiem inspirierte vierte Vers „Fac, ut ardeat cor meum (Mach, dass brenne mein Herz) neben den Chorstimmen vor allem dem warm-eindringlichen und würdevoll-expressiven Bass des René Pape.

      Zu den vielen Höhepunkten gehörte auch das „Fac me vere Tecum Flere“(Lass mich wahrhaft mit dir weinen), das Pavol Breslik vom schlichten Beginn zu einem wilden Aufbegehren steigerte und mit den Männerstimmen des Chores in der Folge wieder zur Ruhe abmildern ließ. Beeindruckend war das von den Frauenstimmen in den höchsten Lagen fein und wendig dargebotene„Virgo virginum praeclara“ (Jungfrau, der Jungfrauen strahlendste). Das Duett „Fac, ut portem Christi mortem (Lass mich tragen Christi Tod), meisterlich gesungen von der russischen Koloratursopranistin Venera Gimadieva und dem Tenor Pavol Breslik, erzeugte nicht zuletzt ob der begleitenden Holzbläser eine warme beruhigende Atmosphäre.

      Leidenschaftlich auch die Interpretation des Inflammatus et accensus (Entflammt und entzündet), das von Elisabeth Kulman höchst emotional vorgetragen worden war.

      Der Staatsopernchor (Einstudierung: Jörn Hinnerk Andresen), eigentlich ständig präsent, beeindruckte insbesondere bei den sensiblen a capella-Stellen.

      Christoph Eschenbach gelang es bis zum Schluss, die gelegentlich süßlichen Melodien nicht ins Gefühlige abdriften zu lassen. So ließ er nach dem machtvoll gesteigerten Amen im Finale, das Ausklingen zugleich innig als auch erdennah spielen.

      Trotz der Monumentalität der Komposition gelang damit Christoph Eschenbach eine sanfte demutsvolle Aufführung, so dass er seine ergriffenen Hörer regelrecht getröstet entließ.

      Bei den Osterfestspielen 2019 wird das Konzert jeweils am 16. Und 19. April in Salzburg zur Aufführung gebracht.