Vom Konzertleben in Dresden

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    • Konzert der Staatskapelle mit Christian Thielemann und Rudolf Buchbinder am 27. Oktober 2020

      Ein durchweg beglückender Konzertabend, den man durch eine Rezension eigentlich nur „zerschreiben“ kann. Das Beethoven Klavierkonzert mit dem sanften Anschlag Rudolf Buchbinders und der hervorragend aufgestellten Sächsischen Staatskapelle war in diesem Niveau schon öfter zu hören.
      Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ in der Bearbeitung für Streichorchester, seltener auf dem Konzertprogramm, bot dank des Dirigats von Christian Thielemann und der Güte der fünfzig Streicher des Orchesters, schon mit der Durchsichtigkeit Darbietung ein Novum im Dresdner Konzertleben.
      Auch die Fanfaren der Blechbläser und Pauker von Richard Strauss fanden ihr begeistertes Publikum.
      Ein Schatten legte sich über den Abend, als der Direktor der Staatskapelle Adrian Jones überflüssigerweise die Maskenpflicht während des Konzertes verkündete, aber gleichzeitig das Folgekonzert mit Staatskapelle und Chefdirigenten am kommenden Dienstag in Frage stellte. Hatte doch die Vor-Corona-Konzerttätigkeit im Frühjahr mit den ähnlich begeisternden „Gurreliedern“ ihren Abschluss gefunden.
    • thomathi schrieb:

      Ein Schatten legte sich über den Abend, als der Direktor der Staatskapelle Adrian Jones überflüssigerweise die Maskenpflicht während des Konzertes verkündete, aber gleichzeitig das Folgekonzert mit Staatskapelle und Chefdirigenten am kommenden Dienstag in Frage stellte.
      Das versteh ich ehrlich gesagt nicht (Hervorhebungen von mir).
    • Sadko schrieb:

      thomathi schrieb:

      Ein Schatten legte sich über den Abend, als der Direktor der Staatskapelle Adrian Jones überflüssigerweise die Maskenpflicht während des Konzertes verkündete, aber gleichzeitig das Folgekonzert mit Staatskapelle und Chefdirigenten am kommenden Dienstag in Frage stellte.
      Das versteh ich ehrlich gesagt nicht (Hervorhebungen von mir).
      Ich schon. Gehört aber nicht in diesen Thread, meine ich.
    • Sadko schrieb:

      thomathi schrieb:

      Ein Schatten legte sich über den Abend, als der Direktor der Staatskapelle Adrian Jones überflüssigerweise die Maskenpflicht während des Konzertes verkündete, aber gleichzeitig das Folgekonzert mit Staatskapelle und Chefdirigenten am kommenden Dienstag in Frage stellte.
      Das versteh ich ehrlich gesagt nicht (Hervorhebungen von mir).
      Weil das gesamte Publikum schon die Masken aufgezogen hatte! Aber ich vermute, dass Adrian Jones einen Aufmacher für seine düstere Vermutung benötigte.
    • Die Staatskapelle und Christian Thielemann verabschieden sich mit Julia Fischer in die "Pause"

      Nun hatte ich die Staatskapelle am vergangenen Dienstag zu früh in den „Wellenbrecher-Lock down“ verabschiedet. Denn kaum war der Termin „2. 11. 2020“ verkündet, lief die Organisation zur Vorverlegung des 2. Sonderkonzerts auf den Vormittag des 1. November an. Als dann noch die Krankmeldung von Nikolaj Szeps-Znaider eintraf, lief das Organisationsteam zur Hochform auf und gewann Julia Fischer als Solistin für das Beethoven-Violinkonzert.
      Eröffnet wurde das Konzert von der Blechbläser-Gruppe mit den beiden Wiener Fanfaren TrV 250 und TrV 248, die, anders als beim ersten Konzert, einen nobleren Eindruck vermittelten.
      Dann die mit heißer Nadel genähte Kombination für das Beethoven-Violinkonzert. Da war aber nichts von Improvisation zu spüren. Eine perfekte Synchronität zwischen der Solistin und dem Orchester waren zu spüren. Die Streicher, ob der Corona-Entwicklung, wieder mit eigenen Notenpulten ausgestattet, waren aber nach meinem Empfinden nicht sehr auf Abstand bedacht, so dass sich ein ordentliches Klangbild entwickeln konnte. Besonders beeindruckten Julia Fischers extrovertiertes Spiel für die Kadenzen. Mit dem Larghetto legte sich eine recht melancholische gedrückte Stimmung über das Publikum, da nun doch eine ordentliche Unsicherheit bleibt.
      Diese gedrückte Stimmung konnten auch die leicht gefederten Rhythmen des Finales und die abschließende brillante Interpretation von Robert Schumanns Opus 52, Ouvertüre, Scherzo und Finale nicht auflösen.
    • Josef E. Köpplingers "Zauberflöte" aus kindlicher Perspektive

      Mit einer Presse-Aussendung hatte die Semperoper am 30. September 2020 mitgeteilt, dass in Anbetracht des begrenzten Corona-Infektionsgeschehens im Bundesland Sachsen ab dem November die in adaptierten Fassungen angebotenen Opern- und Ballettvorstellungen zwar unter Berücksichtigung geltender Hygiene-Maßnahmen, aber in nahezu voller Länge zur Aufführung kommen werden. Dazu sollten ein erweitertes Sitzplatzangebot, Pausen sowie die Öffnung des Garderobenservices und der gastronomischen Einrichtungen einen weiteren Schritt in Richtung einer Normalität erbringen. Den Auftakt dieser lang erwarteter Entwicklung könnte am 1. November die Premiere der Inszenierung Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“ von Josef Ernst Köpplinger in der vollen Länge bieten. Nun hatte sich seit der ersten Oktober-Dekade das Infektionsgeschehen auch im Freistaat derart rasant entwickelt, dass inzwischen auch in Sachsen der „Wellenbrecher-Lock Down“ zu praktizieren ist. Damit wurde für die Premiere die Besucherzahl wieder mit 331 Personen begrenzt und die Aufführungsdauer von 180 auf 125 Minuten eingedampft. Auch erfolgte die Aufführung ohne Pause sowie ohne die sonstigen angekündigten Verbesserungen.

      Es blieb zum Glück die Verortung der etwas mehr als dreißig Orchestermusiker der Staatskapelle mit dem musikalischen Leiter Omer Meir Wellber im Graben, so dass ein „normaler Klangeindruck“ gesichert blieb.

      Wolfgang Amadeus Mozarts bekannteste Oper „Die Zauberflöte“ wird oft als eine Mischung von Opera Seria, Opera Buffa und Singspiel abqualifiziert. Tatsächlich hat der Librettist und Theaterpraktiker Emanuel Schikaneder (1751-1812) dem Komponisten mehr als eine grobe Mischung aus Zaubermärchen, Maschinentheater sowie volkstümlicher Komödie, die er mit den Mysterien der Freimaurer anreicherte, vorgegeben. Natürlich bat der Theaterdirektor Schikaneder das befreundete Musikgenie Mozart vor allem um die Komposition eines erfolgversprechenden Beitrags für die finanzielle Sanierung seines „Vorstadttheater auf der Wieden“. Da das Theater mit dem Singspiel „Oberon“ von Paul Wranitzki (1756-1808) bereits im Jahre 1790 großen Erfolg gehabt hatte, schlug Schikaneder dem Freund vor, den vergleichbaren Quellen, den Märchen der Sammlung des Christoph Martin Wieland (1733-1813) „Dschinnistan“ zu folgen. Ausgewählt wurde das Werk „Lulu oder Die Zauberflöte“ des Wieland-Schwiegersohns August Jacob Liebeskind (1758-1793). Verwoben wurde diese Vorlage mit Motiven der gleichfalls in der Sammlung enthaltenen Märchen von Friedrich Hildebrand von Einsiedel (1750-1828) „Das Labyrinth“ und „Die klugen Knaben“ sowie mit weiteren zeitgenössischen Werken unter anderem von Matthias Claudius (1740-1815).

      Die Sammlungen sind vor allem in den 1780er Jahren in Weimar im Umfeld von Goethe und Herder, als Wieland von der Herzogin Anna Amalia als Erzieher ihrer Söhne nach Weimar berufen worden war, entstanden. Mit den literarischen Vorlagen waren der „Zauberflöte“ bereits sozialethische Grundsätze von Schönheit, Weisheit undStärke vorgegeben. Als „Freimaurer“ kombinierten die Schöpfer des Werkes deren Gedanken der Einheit von Humanität, Liebe, Bildung und Pathos. Des Weiteren sind Anklänge der Bewegung des fiktiven Christian Rosencreutzer, der mit einer kontinuierlichen Reformierung von Wissenschaft, Ethik und Glaube der Entfremdung zwischen Wissenschaft und Christlicher Kultur vorbeugen wollte, in das Libretto eingeflossen. In den Text sind leider auch Aspekte von Frauenfeindlichkeit und Rassismus eingegangen.

      In seiner Inszenierung übertrug Josef E. Köpplinger den Kindern, diese massiven Vorgaben mit ihrer Sicht auf die Entwicklung der Hauptfiguren zu reflektieren. Das sorgfältig vorbereitete Konzept konnte in der gekürzten Fassung nach meinem Empfinden vollständig umgesetzt werden. Der jugendliche Tamino gerät in die „Wildnis des Lebens, verstrickt sich, gerät in die Gefahren einer Schlange, der drei Damen der Königin der Nacht und wehrt sich.

      Das Folgende geschieht in seiner Fantasie: auf der Bühne ist immer etwas los. Köpplinger gelingt dank seine Einfälle und der glänzenden Personenführung ein abwechslungsreiches Spektakel. Es wechseln Anleihen bei den Symbolisten mit mystischen Aspekten. Nicht alles ist neu, wäre auch bei der Fülle von Inszenierungen der Oper verwunderlich, ist aber immer gekonnt, unterhaltsam und logisch in das Bühnengeschehen eingebaut. Die schlüssige Entwicklung der Tamina vomaufmüpfigen Teenager zur Tamino-Gefährtin und des Tamino vom naiven, von der Königin manipulierten, Knaben zum Kandidaten der Sarastro-Nachfolge war schlüssig eingebunden. Logisch dass sich am Schluss das Paar nicht in die frauenfeindliche starre Männergesellschaft einbinden lässt und fröhlich in eine selbstgestaltete Zukunft abgeht. Ohne erhobenen Zeigefinger postuliert Köpplinger unsere modernen Auffassungen zum Verhältnis der menschlichen Gesellschaft zur Natur, schon weil diese Gedanken der Rosenkreuzer-Bewegung im Libretto Schikaneders angelegt sind.

      Musiziert und gesungen wurde auf hohem und höchstem Niveau. Mit seiner musikalischen Leitung gelang es Omer Meir Wellber der Mozart-Komposition eine besondere Intensität abzugewinnen. Sein faszinierender Ansatz war kraftvoll und dynamisch, die Tempi ausgewogen, ohne in sterilen Perfektionismus zu verfallen. Sein hervorragend gutes Verhältnis zu der hervorragenden Musiker-Besetzung der Staatskapelle blieb deutlich spürbar. Auch standen Wellber überwiegend großartige Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, die er auf das Vollkommenste einzubinden verstand. Allen voran, der in seiner Heimatstadt lange vermisste René Pape, der als der Sarastro unserer Tage gilt. Dem Sarastro, den er seit 1988 im Repertoire hat, gab er Kraft seiner wundervollen Bassstimme Prägnanz und milde Autorität, aber eben auch Statik.

      Dieser über dreißigjähriger Rollenpraxis stand das Rollendebüt von Nikola Hillebrand in der dem Sarastro ambivalenten Rolle der Königin der Nacht. Die Sängerin vom Mannheimer Nationaltheater, inzwischen zum Semperensemble gewechselt, brillierte mit einem hell strahlenden Sopran und sicherer differenzierter Gestaltung der Partie, während das Paar Pamina und Tamino mit jugendlicher Frische aufwartete. Die 2015 aus Finnland ins Hausensemble gekommene Tuuli Takala kam, nach ihrem Berliner Ausflug als Königin der Nacht, mit der Pamina sowohl im Gesang, als auch der Darstellung mit ihrer Natürlichkeit als rebellierender Teenager und andererseits mit ergreifender menschlichen Tiefe hervorragend zurecht.

      Dem Tamino hatte die Regie den größten Spannungsbogen der Entwicklung vom Knaben zum würdigen Beinah-Nachfolger des Sarasto zugeordnet. Der amerikanische im Hausensemble Tenor Joseph Dennis aus dem Hausensemble, eigentlich erst in der Zweitbesetzung als Tamino vorgesehen, überzeugte mit positiver rustikaler Ausstrahlung.

      Das Buffo-Paar Papagena und Papageno war den Ensemblemitgliedern Katerina von Bennigsen und Sebastian Wartig anvertraut worden. Dem komödiantischen Talent der Sopranistin blieben nur die Szenen mit dem „alten Weib“ und das Pa-Pa-pa-Duett, während Sebastian Wartig seinem „Affen ordentlich Zucker“ geben konnte. Auch mit seinem Gesang wusste er zu begeistern.

      Als besonders widerwärtiges Trio die Damen der Königin, aber mit hervorragender Gesangskultur, boten die Sopranistinnen des Ensembles Roxana Incontrera und Stepanka Pucalkova sowie die Mezzosopranistin Christa Mayer ihre Auftritte. Archaisch hingegen die Beiträge der Geharnischten von Jürgen Müller und Matthias Henneberg. Statisch wie von der Regie angelegt, kamen die Priester Mateusz Hoedt und Gerald Hupach mit beeindruckenden Stimmen über die Bühne. Dazu wirkte auch prachtvoll der auf vierundzwanzig Sänger ausgedünnte Chor. Von Simon Espers Monostatus-Texten waren nur Teile den Streichungen entgangen. Vollständig hingegen konnten die drei routinierten Knabensoprane vom Tölzer Knabenchor in die Handlung eingreifen.

      Mit der begeistert aufgenommenen Inszenierung von Josef E Köpplinger erhält das nicht gering an den Erfordernissen der Besucher der Stadt orientiertem Repertoire der Semperoper eine prachtvolle Ergänzung. Dabei wäre zu überlegen, ob nicht auch, wenn die Corona-Einschränkungen abgeklungen sein sollten, die gestraffte Fassung des Premierenabends den Erfordernissen des geringer opern-affinen Teiles des Publikums besser entgegenkommt.
    • Leider keine öffentliche Veranstaltung

      Der erste Meisterkurs des Honorar-Professors Christian Thielemann

      Studenten dirigieren die Sächsische Staatskapelle Dresden

      Das Fehlen von Opern- und Konzertveranstaltungen sowie ein ausgedünnter Probenbetrieb ermöglichten dem kürzlich ernannten Honorarprofessor Christian Thielemann, zehn Studierende der Bachelor- oder Masterstudiengänge „Orchesterdirigierens“ der Dresdner Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in das größte der Musikzimmer der Semperopern-Bühnezu einem Meisterkurs einzuladen.

      An der Hochschule werden die Eingeladenen von den Professoren Ekkehard Klemm, Steffen Leißner beziehungsweise Georg Christoph Sandmann umfassend auf ihren künftigen Beruf vorbereitet. Für den Meisterkurs hatten sich die Teilnehmer jeweils auf zwei Kompositionen der romantischen Konzertliteratur vorbereitet. Zur Auswahl standen neben der „Freischütz-Ouvertüre“ des Carl Maria von Weber sowie zwei Sätze der Zweiten Symphonie Robert Schumanns zur Auswahl.

      In zwei Probendurchläufen konnten fünf der ausgewählten Studierenden ihre Fähigkeiten im Umgang mit der großbesetzten Sächsischen Staatskapelle unter Anleitung des Chefdirigenten schulen und vervollkommnen.

      Christian Thielemann und Ekkehard Klemm verfolgten die intensive Arbeit der jungen Musiker zunächst vom Parkett aus, bis dann der Chefdirigent seine Kritik ausführlich vor Ort begründete: nicht mit beiden Händen die gleiche Bewegung machen; die linke für das Herauslocken besonderer Akzente nutzen.-Die besondere Verteilung der Bläser im hinteren Teil des größten Musikzimmers beachten, damit diese nicht zu spät kommen.- Und die Rolle der Stimmführer im Blick behalten.

      Die Musiker folgten tatsächlich den Anweisungen der Nachwuchs-Dirigenten, auch wenn es schwer fiel, mal nicht perfekt zu spielen. Von Musikern und vom Konzertmeister Matthias Wollong gab es Rückmeldungen: mal zu langsam, zu mulmig,- schauen Sie in die Partitur.- Da müssen Sie mehr rauskitzeln.

      Aber es gab auch Lob, wenn eine schöne Synthese von Präzision und Stimmung im 3. Satz der Schumann-Symphonie gelang.

      Begeisterung und Zufriedenheit mit dem Geleisteten bei allen Teilnehmern:

      Die Offenheit, das Talent und die Ernsthaftigkeit der Dresdner Dirigierstudenten haben mich nachhaltig beeindruckt, so der Chefdirigent. Er freue sich sehr auf die weiter Zusammenarbeit.

      Christian Thielemann sei super auf uns eingegangen, hat sofort helfende Hinweise gegeben. Seine Begeisterung und Energie sind ansteckend, meint Tim Fluch. Seine Kommilitonin Katharina Dickopf fand den Meisterkurs sehr inspirierend. Sie habe gelernt, wie man durch kleinste Bewegungen einen intensiven Kontakt zu den Musikern herstellen und dadurch freier gestalten kann.

      Für die Musiker der Staatskapelle war der Meisterkurs wieder einmal Gelegenheit, gemeinsam zu spielen und neue Erfahrungen zu sammeln.
    • Arcadi Volodos eröffnete die LIVE-Konzerte der Dresdner Musikfestspiele 2021




      Nach langer Konzertsaalabstinenz hatten die Dresdner Musikfestspiele in den Kulturpalast zum Livekonzert geladen. Und das gleich mit der Wucht eines Arcadi Volodos.

      Im Jahre 1996 war beim 11. Kissinger Sommer als Gastland Russland ausgeschrieben und die umtriebige Gründungs-Intendantin Kari Kahl-Wolfsjäger hatte neben gestandenen Künstlern auch eine Reihe junger russischer Musiker nach Franken geholt. Nach meiner Erinnerung war auch Arcadi Volodos zum ersten Mal nach Bad Kissingen gekommen und hatte auf Anhieb begeistert.

      Seit dem konnten wir den inzwischen 49-Jährigen Ausnahmepianisten häufiger in Bad Kissingen, aber auch in Leipzig und Dresden als Solisten in Orchesterkonzerten und mit Rezitals erleben und seinen Weg zur inzwischen erlangten Meisterschaft verfolgen.

      Volodos verdankt seine Karriere nicht dem Preis eines internationalen Wettbewerbs, sondern einem glücklichen Zufall. Der Leiter einer internationalen Schallplattengesellschaft hatte sein Spiel in einem privaten Rahmen gehört, sein überragendes Talent erkannt und ihm den Weg auf die internationalen Podien geebnet. Heute spielt er einfach das, was er spielen möchte. Die Komponisten, deren Musik er spielt, muss er bedingungslos lieben und ihr Schaffen in seiner Gesamtheit erfassen.

      Beim Dresdner Klavierabend stand zunächst Franz Schuberts Sonate für Klavier G-Dur 834 op. 78 aus dem Jahre 1826 auf dem Programm.

      Obwohl insbesondere der Sommer 1826 für den 29-jährigen Komponisten eine Zeit der Enttäuschungen war, gilt das Werk als seine heiterste späte Sonate. Mit dem breitesten Dynamikspektrum aller Schubert Sonaten betont er ausdrücklich, dass dieses Werk für ein für seine Zeit modernes Instrument „fürs Pianoforte allein“ komponiert worden ist.

      Ganz unprätentiös, ohne große Gesten betrat der Pianist das Konzertpodium des abgedunkelten Saales und nahm, nach sparsamer Begrüßung des ausgedünnten Publikums auf einem gewöhnlichen Kantinenstuhl am Steinway-Konzertflügel Platz.

      Den oft als „Fantasie“ bezeichneten Kopfsatz begann Volodos tänzerisch heiter, recht frei im Tempo und ungemein plastisch. Dem folgenden Andante verlieh er mehr Tiefe, innere Beteiligung und schöne Farbschattierungen, während der dritte Satz wieder betont liedhaft-tänzerisch angelegt war. Den Schluss-Satz habe ich dann als konfliktarm und gelöst empfunden.

      Den Sommer des Jahres 1893 verbrachte der 59-jährige Johannes Brahms wiederin Bad Ischl. Dort komponierte er die Zyklenop. 118 und op. 119 für Klavier solo. Dabei ragten besonders die sechs Klavierstücke op. 118 dank größerer stilistischer Vielfalt gegenüber früheren Zyklen heraus. Auch mit der Namensgebung der Stücke wählte der Komponist nach längeren Überlegungen individuellere Titel.

      Arcadi Volodos präsentierte sich bei der Interpretation der sechs Stücke op. 118 mit seinem vielschichtigem Spiel, das innigen Ausdruck mit brillanter Virtuosität vereinte, als reifen Künstler. Die technische Perfektion, kraftvoller Anschlag in den dramatischen Passagen, traumhaftes Pianissimo und Wille zum Innehalten prägten die Darbietung. Meditative Klänge wechselten mit Passagen, die an ein größeres Orchester glauben lassen.

      Nach stürmischem Beginn entwickelte sich das a-Moll-Intermezzo fast wie eine Ballade.

      Das folgende etwas verträumteA-Dur-Intermezzo op. 118/2 spielte Volodos romantisch drängend. Immer wieder musste sich die Melodie gegen die sich auftürmende Begleitung behaupten. Mit seinem Gespür für den der Ballade in g-Moll innewohnendem Rhythmus lauschte man auch dem dritten Stück.

      Eher modulierend entwickelte sich auch das kleingliederige Thema des f-Moll- Intermezzos op. 118/4. Eine straffe Klangregie ließ die Rahmenteile der Romanze op. 118/5 den verspielten fast versonnenen Mittelteil regelrecht umklammern. Die Orientierung am Verständnis für den MenschenJohannes Brahms, seiner jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit seinem Werk, ließen die Hörer niemals in den Wohlklang der Musik eintauchen. Das abschließende Intermezzo in es-Moll mit den Anklängen an das Deutsche Requiem spielte Volodos dann deutlich zurückhaltender.

      Der langanhaltende Applaus des ausgehungerten Auditoriums war für Arcadi VolodosAnlass, sein Publikum mit fünf Zugaben zu verwöhnen.

      Gern hätten wir auch die im ausgeschriebenen „Vor-Corona-Programm“ enthaltene Sonatedes italienischen, aber vorwiegend in England wirkenden Komponisten und Pianisten Muzio Clementi (1752-1832) gehört. Seine Musik ist mir bisher nur in „Konserven“ zugänglich gewesen.

      Clementi ist den Musikfreunden vor allem wegen des vom Kaiser Joseph II. am Weihnachtsabend 1781 eingefädelten Wettstreits mit Wolfgang Amadeus Mozart ein Begriff.

      Mozart habe sich zwar abfällig über die „Terzenpassagen ohne einen Kreuzer Gefühl oder Geschmack“ geäußert. Das hatte aber Mozart nicht gehindert, ein Thema aus einem Werk von Muzio Clementi in die ersten Takte seiner Ouvertüre zur „Zauberflöte“ einzubauen. Was den verbitterten Älteren zu einer Anmerkung am Kopftitel der Sonate op.47 veranlasste.
    • Rudolf Buchbinder, das Kammerorchester Wien-Berlin und viel Mozart

      Die Rivalität der Wiener und der Berliner Philharmoniker um den Spitzenplatz des weltbesten Orchesters war für Simon Rattle 2005 Anlass, zu seinem50. Geburtstag ein gemeinsames Konzert beider Klangkörper zu dirigieren. Diese erste erfolgreiche Zusammenarbeit der konkurrierenden Orchester führte zum Entschluss, in einer gelegentlichen Formation die besonderen Qualitäten beider Ensembles, die geschmeidige Eleganz und Noblesse der Wiener mit dem zupackenden, leidenschaftlichen Spiel sowie der solistischen Brillanz der Bläser der Berliner, zu kombinieren. Seit Beginn dieser Zusammenarbeit ist Rainer Honeck Konzertmeister, Dirigent und Künstlerischer Leiter. Honeck, 1961 in Nenzing (Vorarlberg) geboren, ist seit 1984 Konzertmeister des Orchesters der Wiener Staatsoper und seit 1962 Konzertmeister der Wiener Philharmoniker.

      Das Klavierkonzert Nr.9 in Es-Dur KV 271, vermutlich im Dezember 1776 oder im Januar 1777 entstanden, ist wahrscheinlich Mozarts erste bedeutende Komposition. Mit der Meisterschaft seiner Orchestrierung und in seiner, alle Konventionen sprengenden Wirkungen hat es keine Vorgänger in seinem Genre.

      Zur Herkunft der unterschiedlichen Beinamen des Konzertes, „Jenamy“, „die jenomy“ oder„Jeunehomme“, gibt es reichliche Deutungen. Inzwischen scheint aber sicher, dass die Tochter des französischen Tänzers Jean-Georges Nowerre (1727-1810), eines Freundes Mozarts, Adressatin dieser Widmung war. Nowerre wirkte von 1767 bis 1774 als Ballettmeister in Wien. Dessen älteste Tochter Luise Victoire (1749-1812), eine gute Klavierspielerin, war mit einem Joseph Jenamy verheiratet und Mozart habe sie sehr verehrt.

      Für eine Interpretation von Mozarts frühem KlavierkonzertNr. 9 Es-Dur KV 271 war Rudolf Buchbinder in den Konzertsaal des Kulturpalastes nach Dresden gekommen. Sonst ein häufiger Gast der Sächsischen Staatskapelle, mit der er auch oft als Solist und Leiter der Konzerte musizierte, war er Solopartner des Kammerorchesters Wien-Berlin.

      Das Buchbinders Klavierspiel auch über die Jahre neben der Reife der Technik die notwendige Spontanität behalten hat, war keine Überraschung. Auch dass uns die sprühend intelligente Mozart-Deutung ein Konzerterlebnis der Sonderklasse verschaffte, erfüllte alle Erwartungen.

      Ein hell leuchtende Klangbild und die spannungsgeladene Musizierfreude des Kammerorchesters Wien-Berlin führten zu einem steten, intensiven Dialog mit dem Pianisten. Vor allem begeisterte die kühne Quecksilbrigkeit des Finalsatzes.

      Im zweiten Konzert-Teil folgte Mozarts Divertimento B-Dur, KV 287, die “Zweite Lodronische Nachtmusik“. Wie im Jahre 1776, erhielt Mozart den Auftrag, auch zum Namenstag der Gräfin Maria Antonia Lodron am 13. Juni des Jahres 1777 zur Komposition und Aufführung eines Divertimentos, eigentlich einer Zerstreuung, eines Vergnügens. Mozart hatte aber für die Unterhaltung der Salzburger Gäste der Gräfin ein 45-minütiges Bravourstück für die Erste Geige vorbereitet und selbst diesen Part übernommen.

      Eingebunden in eine dichte kammermusikalische Begleitung von Streichern und zwei Hörnern meisterte Rainer Honeck die Primgeiger-Aufgabe der sechssätzigen Darbietung. Von spritziger Munterkeit, Leichtigkeit und Eleganz bis zu tiefer Empfindung bot das Konzert alles, was man von großer Musik erwartete.