BACH, Johann Sebastian: Englische und Französische Suiten

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    • BACH, Johann Sebastian: Englische und Französische Suiten

      Mit einiger Verspätung aber doch soll dieses Forum einen Thread über JS Bachs Tanzsuiten für Cembalo erhalten, eine Werkgruppe, die sich bei Pianisten/Cembalisten wie auch Musikliebhabern großer Beliebtheit erfreut. Bach schrieb sowohl seine Englischen Suiten (BWV 806 - 811) als auch seine Französischen Suiten (BWV 812 - 817) wahrscheinlich vor seiner Leipziger Zeit. Es handelt sich also um relativ frühe Werke, die wohl 15 - 20 Jahre vor den 6 Partiten für Cembalo (Clavierübung I) entstanden sind und in zeitlicher Nachbarschaft zum ersten Buch des WTK stehen. Stilistisch sind beide Werkgruppen dem französischen Stil angelehnt, ohne ihn aber zu kopieren. Die kontrapunktisch Dichte der meisten Sätze wird man bei den großen Cembalisten Frankreichs nicht finden. Genauso wenig zeigt Bach auch nur die kleinste Neigung, Charakterstücke im Stile Couperins zu komponieren. Es weht also durchaus eine steife deutsche Brise durch die Partituren, und man soll sich durch die Namen nicht täuschen lassen! Im Falle der Englischen Suiten stammt der Name ohnehin vom Fundort des Manuskripts, nämlich England (ohne dass auch nur im Geringsten Anspielungen auf Purcell enthalten wären).
      Die Englischen Suiten sind größer in der Anlage als die intimeren Französischen und weisen alle ausgedehnte Präludien auf, die in ihrer Komplexität das Darauffolgende manchmal deutlich in den Schatten stellen (etwa in der 6. in d-Moll). Die Satzfolge ist konservativer als bei den Französischen Suiten oder gar den Partiten, da alle Suiten sechsätzig sind und jeweils eine Allemande, Courante, Sarabande und Gigue enthalten. Nur der vierte Tanzsatz wird variiert und kann eine Boureé (1,2,), eine Gavotte (3,6), ein Passepied (5) oder ein Menuet (4) sein. Ein Stück, dass Passepied der 5. Suite, hat größere Beliebtheit erlangt, da es gerne von Anfängern am Klavier eingeübt wird.
      Die Französischen Suiten sind deutlich gelöster, wohl auch leichter. Bach zündet hier ein Feuerwerk der melodischen Ideen! Für Bach-Neulinge scheint mir diese Sammlung fast der beste Einstieg in Bachs Klavierwerke zu sein.

      Dies mal als kurze und sehr unvollständige Einleitung in diese Meisterwerke aus Bachs Feder!
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Jetzt komme ich gleich zum Anlass meines Threadstarts: die Einspielung der Französischen und Englischen Suiten von Blandine Rannou. Ich habe mir folgende Box auf Anraten Hempels zugelegt und bin absolut begeistert:



      Rannous Spiel als auch der wunderschöne Klang des Ruckers-Hemsch Cembalos (Nachbau durch Anthony Sidey), das sie verwendet, ist wirklich atemberaubend! So schön habe ich diese Werke noch nie gehört (inklusive Gould!). Rannou nützt die Registrierungen so geschickt, dass sie die Kontrapunktik noch klarer hörbar machen. Sowohl zarte Töne (in den Sarabanden) als auch Stürmisches (in den Gigues und Präudien) beherrscht sie perfekt. Die Englischen Suiten schließen mit der mitreißendsten und dämonischten Deutung der Gigue der sechsten Suite, die ich je gehört habe. Bartók lässt grüßen!
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Ich möchte die zeitliche Einordnung beider Werke aus Christoph Wolffs Bach-Buch destillieren:

      Englische Suiten BWV 806-811
      Weimar, verortet in die Zeit zwischen 1713/14 - 1717

      Französische Suiten BWV 812-817
      Köthen, 1722/23 (Frühfassungen Nr. 1-5: Clavierbüchlein vor Anna Magdalena Bachin)
      "Interpretation ist mein Gemüse."
      Hudebux
      "Derjenige, der zum ersten Mal anstatt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte, war der Begründer der Zivilisation."
      Jean Paul
    • Ich habe zu viele "Englische". Einzelne auf gemischten Anthologien lasse ich weg.

      Klavier:
      Gould/Sony
      Schiff/Decca
      Perahia/Sony

      Noch kein Verdikt gefallen. Gould ist Gould und so eigen und einzigartig, dass ich die wohl behalten werde, obwohl es vermutlich mehr historisch-biographische Gründe sind, dass ich so viel Gould im Regal habe. Die anderen beiden geben sich nicht so viel. Schiff ist meinem Eindruck nach etwas mehr auf Transparenz bemüht und fügt auch dezent Verzierungen in Wdh. ein. Perahia vielleicht ein bißchen "neutral", er verzichtet weitgehend auf "Romantisierung", erlaubt sich keine Registerverlagerung wie manche Pianisten bei Wdh., auch weniger Verzierungen als Schiff, aber ich muss alles nochmal mit Noten genauer verfolgen. Hatte Perahia vor Jahren schonmal auf der Aussortierungsliste, habe sie dann aber doch behalten. Klingt schön, aber ob ich sie brauche...?

      Cembalo:

      Walcha/EMI (in Walcha Box) kann daher nicht aussortiert werden. Außerdem zu eigen und zu einzigartig, auch aufgrund des nichthistorischen Instruments

      Curtis/Teldec (in Bach 2000 Box) gefällt mir erstaunlich gut, der Klang ist nicht betörend, aber auch nicht nervend wie manch andere ältere
      Cembaloaufnahmen; einige der schnellen Sätze könnten ein bißchen mehr Energie gebrauchen zB in den Präludien von 2+3 und in den meisten Gigues.

      Jaccottet: gefällt mir klanglich deutlich besser als Curtis, sehr klar und transparent, aber ebenfalls könnte stellenweise etwas mehr Tempo drin sein. Recht sparsam/konservativ mit Auszierungen, auch vgl. mit der älteren Aufnahme Curtis'.

      Rousset/Ambroisie: der hat dagegen, platt gesagt, hauptsächlich eine Idee: prestissimo possibile (außer in Sarabandes). Passt gut in den Gigues, aber auf Dauer etwas enervierend und es fehlen dann auch die Kontraste. Menuet I/II mögen die bescheidensten "Galanterien" des Zyklus sein, aber das wird nicht beeindruckender, wenn man es im Gigue-Tempo spielt... selbst die Tänze, die es vielleicht vertragen wie die Bourées der ersten beiden, sind mir zu schnell. Die wurde, als sie neu war, über alles gehypet, bin eher etwas enttäuscht.

      Egarr/hm: von der war ich meiner Erinnerung nach, als ich sie neu hatte, sehr angetan. Nicht so rasant wie Rousset, könnte ein guter Kompromiss sein, aber so ganz kann ich die Begeisterung von damals nicht nachvollziehen. Jedenfalls noch mehr Hören notwendig.

      Elina Mustonen/Alba (die hatte ich schon vor längerem mal aussortiert, aber da sie noch in der Kiste habe, werde ich auch wieder reinhören) zu der bin ich noch nicht gekommen.

      Wie oft sind Vergleiche etwas frustrierend. Positiv aber, diese Musik mal häufig und konzentriert zu hören. Ich fand die Englischen Suiten früher oft etwas zu lang und langweilig, was ein bißchen an der Konstruktion mit dem gewichtigsten und oft packendsten Satz am Beginn liegen mag oder an der sturen Abfolge (im Ggs. zu den beiden anderen Zyklen). Aber außer vielleicht den ersten beiden sind es wirklich großartige Stücke. 5+6 vielleicht die gewichtigsten Claviersuiten Bachs nach den Partiten 2,4,6. Die A-Dur hat ein Double zu viel um nicht die Geduld zu verlieren, aber ist sonst auch hübsch, die a-moll mochte ich auf dem Klavier (Argerich) früher am liebsten von allen, die scheint mir inzwischen doch nicht ganz den Rang der letzten vier, besonders der letzten zwei zu erreichen.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Diese Aufnahme sollte mMn jeder Freund dieser Werke in der Sammlung haben:



      Das ist eine superiore Aufnahme und auf jeden Fall Egarr vorzuziehen.
      Die Suiten gruppiere ich in drei Gruppen:

      Die Erste, die sehr nah an den franz. Vorbildern ist, dann 2, 3, 4, die ich als gleichwertig sehe und schließlich 5 und 6, die ganz besonderes Gewicht haben. Die Gigue der 6. ist eines der irrsten Stücke Bachs. Rannou spielt diese auf wahrlich dämonische Weise.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Das ist eine superiore Aufnahme [...]
      Über Blandine Rannou habe ich schon Gutes gelesen; möglicherweise lohnt sich da auch diese Box, in der neben den Englischen Suiten auch die Französischen Suiten und die Toccaten enthalten sind:



      :wink:

      PS: Sehe grad, daß die Box bereits erwähnt wurde hier. Macht nix, das Bild paßt auch doppelt. ;)
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann