Teodor Currentzis

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    • Currentzis habe ich erst einmal gehört und gesehen, in einem Beitrag auf ARTE zu einer Aufführung meines geliebten Violinkonzertes von Mendelssohn. Das war in Bremen und Dirigent und Solistin, Kopatchinskaja, ein Traumpaar für moderne Vermarktung, gaben vor dem Konzert eine Pressekonferenz. Ich vermute, dass Currentzis' alternativer Interpretationsansatz für viele Musiker sehr interessant sein muss, aber das Geschwurbel der beiden während der Pressekonferenz war schwer erträglich. Heraus kam eine Aufführung, die ich als guten Durchschnitt empfand.
      Gruß, Frank
    • Pistola schrieb:

      Als artist in residence bei der Elbphilharmonie wird C. auch im Norden präsent sein
      Ja, und das mit sieben (!) verschiedenen Konzertprogrammen, die er über die Saison 2018/19 verteilt im Großen Saal der Elphi gibt: vier mit seinen musicAeterna-Ensembles, zwei mit dem SWR Sinfonieorchester und eins mit dem Mahler Chamber Orchestra:
      elbphilharmonie.de/de/reihen/portrait-teodor-currentzis/384

      Die ersten beiden Konzerte haben bereits stattgefunden. Man liest in der Hamburger Presse Gutes darüber:
      welt.de/print/die_welt/hamburg…viata-ergreifend-neu.html
      abendblatt.de/kultur-live/arti…-der-Elbphilharmonie.html
    • ChKöhn schrieb:

      [Currentzis] verfügt über ein einziges gestalterisches Mittel: Kontraste so extrem wie irgend möglich zu spielen. Ich kann mir kaum etwas langweiligeres vorstellen.
      Diesen Satz habe ich eben gefunden. Er trifft genau, was ich gestern in Mannheim erlebt habe: Teodor Currentzis führte mit dem SWR-Symphonieorchester Tschaikowskis 5. Symphonie auf. Was mich sehr irritierte: Currentzis nahm wiederholt überraschend das Tempo heraus, bis hin zum scheinbaren Stillstand, um dann wieder heftig zu beschleunigen, alldas mit diversen theatralischen Gesten (ich schaute dann nicht mehr so genau hin, um mich auf die Musik zu konzentrieren). Er schien immer wieder einzelne Stellen als bedeutsam herausstellen zu wollen, ohne daß das für mich einen Sinn ergab. (Dabei bin ich gerade bei Tschaikowski durchaus empfänglich für unterschiedliche, auch Extreme nicht scheuende Sichtweisen, kenne und schätze diese Symphonie mit Mrawinski, Muti und Norrington.)

      Als Problem empfand ich, daß das Werk durch diese Art der Kontraste irgendwie zerrissen wurde und es im Ganzen überhaupt nicht mehr organisch klang. Es war alles, wie mir schien, perfekt gespielt, das Orchester gehört immerhin in die oberste Liga (auch nach der unglückseligen Fusion), aber nach einiger Zeit begann auch ich mich mehr und mehr zu langweilen. Auch klang es in den Bläsern merkwürdig fahl (Baßklarinette im 1., Horn im 2. Satz).

      Außerdem gab es noch das mir bislang unbekannte Violakonzert von Alfred Schnittke, mit dem hervorragenden Antoine Tamestit. Das fand ich insgesamt beeindruckend und auch klanglich fein abgestimmt (originelle Orchesteraufstellung: Violinen fehlen, an deren Platz gab es diverse Schlag- und Tasteninstrumente, Celesta, Cembalo, Xylophon u.a.m.).

      Auch wenn es verwegen ist, aufgrund nur eines Konzerterlebnisses zu urteilen: Das Format von Meistern wie François-Xavier Roth, Sylvain Cambreling, Roger Norrington, Michael Gielen u.a. hat Teodor Currentzis nicht, dafür ist er zu selbstverliebt.

      Das Publikum gestern war übrigens hell begeistert.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Interessant wie unterschiedlich man doch hört. Ich habe das Konzert am Freitag in Stuttgart erlebt und war von der ersten bis zur letzten Sekunde begeistert. Ich fand gerade die Interpretation der 5. Symphonie von Tschaikowsky hinreissend, was bei einem so abgenudelten Stück schon eine Leistung ist. Der letzte Satz war fast so fetzig wie bei Fricsay 1949 und mehr geht nicht.

      Gurnemanz schrieb:

      Als Problem empfand ich, daß das Werk durch diese Art der Kontraste irgendwie zerrissen wurde und es im Ganzen überhaupt nicht mehr organisch klang.
      Tschaikowsky war m.E. nach ein tief zerrissener Typ und insofern ist das m.E. eine angemessene (wenn auch nicht die einzig mögliche) Interpretation.


      Gurnemanz schrieb:

      Das Format von Meistern wie François-Xavier Roth, Sylvain Cambreling, Roger Norrington, Michael Gielen u.a. hat Teodor Currentzis nicht, dafür ist er zu selbstverliebt.
      Einer der größten Dirigenten des 20. Jahrhunderts war es übrigens auch. An den jungen Bernstein erinnert mich Currentzis tatsächlich auch.

      Gurnemanz schrieb:

      kenne und schätze diese Symphonie mit Mrawinski, Muti und Norrington
      Mravinsky und Muti haben natürlich auch exzellente Aufnahmen vorgelegt. Die von Norrington kenne ich nicht, aber der hat bei mir schon lange vergeigt, da er den Klang des Stuttgarter Orchesters auf Jahre ruiniert hat (der "legendäre" Stuttgart Sound :( ). Ich habe ihn nur einmal live erlebt, mit der schlechtesten Interpretation von Sibelius 2, die ich je gehört habe. Zum Glück haben Eschenbach, Currentzis et al. dem Orchester den Sound wieder ausgetrieben. :D
    • Wieland schrieb:

      Die von Norrington kenne ich nicht, aber der hat bei mir schon lange vergeigt, da er den Klang des Stuttgarter Orchesters auf Jahre ruiniert hat (der "legendäre" Stuttgart Sound :( ).
      Da ich den "Stuttgart Sound" ganz anders bewerte (für mich eine der großartigsten Innovationen des Orchesterspiels der letzten Jahrzehnte, vgl. Sir Roger Norrington) als Du, verstehe ich gut, daß Du bei Currentzis zu anderen Ergebnissen kommst. Currentzis polarisiert eben, das zeigen viele Reaktionen, die man allgemein lesen kann. Mein Fall ist er nicht, das zumindest nach dieser einmaligen Erfahrung. Vielleicht werde ich weitere Erfahrungen sammeln und meine Meinung revidieren...

      Zwei Kritiken, die eher auf Deiner Linie liegen dürften:
      donaukurier.de/nachrichten/kul…nst-nehmen;art598,4020018
      swp.de/unterhaltung/kultur/cur…liederhalle-28708846.html

      Und, eine etwas differenziertere Sicht des Dirigenten:
      klassiker.welt.de/2017/12/05/b…ikowskys-pathetique-mass/

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Helmut Lachenmann
    • Den Mitschnitt des Konzerts aus Stuttgart kann man sich hier anhören und -sehen:

      swr.de/swr-classic/symphonieor…055322/120a320/index.html

      Ich hab mir jetzt aus Zeitgründen erstmal nur den Tschaikowsky-Kopfsatz angehört. Und kann mich weder Gurnemanz noch Wieland anschließen. Das ist m.E. bis zu diesem Punkt eine der konventionelleren Interpretationen von Currentzis, nicht vergleichbar seiner wirklich exzentrisch-zerrissenen Pathétique aus Perm (was man auch immer von der im einzelnen halten mag). Die Tempi sind im normalen Rahmen, nur in der Einleitung eher auf der schnelleren Seite. Die Tempowechsel folgen meist der Partitur, nur in der Schlussgruppe von Exposition und Reprise leistet sich Currentzis ein zusätzliches (etwas unmotiviertes) Accelerando. Andererseits wird der in die Tiefe sinkende Schluss der Coda nicht, wie so oft, verlangsamt, sondern bleibt im Tempo.

      Die Kontraste finde ich nicht überbetont, die synkopischen Zusammenstöße in der Durchführung schön krass herausgearbeitet. Sforzati kommen durchgehend scharf, schon in der Einleitung, aber selbst die ppp notierten Themenkopffragmente in den letzten Takten der Coda zucken noch stark. Schöne Holzbläserdetails beim Beginn der Reprise. Dynamik etwas pauschal, gerade in den Streichern, auch die Coda beginnt m.E. schon etwas zu laut. Insgesamt jedoch - wie gesagt, nur den ersten Satz betreffend - eine gute Interpretation. Wenn nicht Currentzis drunterstände (bzw. vor dem Orchester stände), würde man es mit begrenztem Wohlgefallen abnicken und zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen. Der südwestdeutsche Hype (man lese Stuttgarter Zeitungen oder das SWR-Selbstlob) ist dagegen wirklich etwas albern.

      :wink:
      .
    • Habe jetzt die drei restlichen Tschaikowsky-Sätze auch noch gehört. Mein Urteil bleibt im wesentlichen bestehen. Im Andante schön aufeinander abgestimmt das Hauptthema und seine Variationen und Umspielungen in den Holzbläsern, gut hörbar das zwei-gegen-drei. Die Einbrüche des Schicksalsthemas nicht übermäßig barbarisch, eher kontrolliert. Leider ziemlich leiernde Intonation des Solohornisten, was auch in den anderen Sätzen gelegentlich auffällt. (Überhaupt, ein "Spitzenorchester" höre ich hier nicht, am besten gefallen mir die Holzbläser.)

      Der Walzer recht geradeheraus, erst am Ende etwas mehr Spiel im Tempo. Bei Currentzis hätte ich erwartet, dass die gestopften Hörner stärker zur Geltung kommen - man muss schon sehr genau hinhören. Im Finale dann in der Tat zugespitzte Kontraste, das Andante maestoso mit starkem Marschcharakter, das Alla breve rasend schnell und wild, aber nicht vulgär. Die letzten zwanzig Takte trotz molto meno mosso überraschend flott. Das war im Konzert sicher eine mitreißende Sache.

      Also: eine recht gut organisierte, teils mitreißende Interpretation, die trotz einzelner origineller Akzente in bekannten Bahnen wandelt. Ich bleibe dabei, was ich schon nach der Bruckner-Neunten vor knapp einem Jahr geschrieben habe:

      Zwielicht schrieb:

      Wer den extravaganten Currentzis erleben will, muss wohl nach wie vor die Konzerte mit seinem Ensemble aus Perm besuchen [...]. Im institutionalisierten Musikleben schlägt das Rollenspiel offenbar zur seriösen Seite aus.
      Allerdings muss ich zugeben: die Teile des Mitschnitts von Mahlers Dritter aus Stuttgart, die ich mir vor einigen Monaten angehört habe (überwiegend erster Satz und Finale), waren richtig gut.

      :wink:
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    • »Ich dirigiere Tschaikowsky nicht anders, ich dirigiere ihn richtig.«

      So wird Teodor Currentzis im Programmheft des heutigen Abends in der Elbphilharmonie mit dem Schnittke-/Tschaikowsky-Programm zitiert, das Gurnemanz und Wieland bereits in Stuttgart bzw. Mannheim gehört haben. Wer sich im vorhinein so brüstet, muss dann aber auch etwas herausragend Gutes abliefern. Ich bin gespannt, ob das passieren wird.

      Magische Momente, künstlerische Offenbarungen, die den Zuhörer auf die Stuhlkante brachten, habe ich bei Tschaikowskys Sinfonien erst bei drei Dirigenten im Konzertsaal erlebt: Bei Günter Wand mit dem NDR-Sinfonieorchester (Sinfonien Nr. 5 und 6), bei Semyon Bychkov mit dem NDR-Sinfonieorchester (Sinfonie Nr. 3) sowie bei Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern (Sinfonie Nr. 6) und dem Bayerischen Staatsorchester (Manfred-Sinfonie). Ob Currentzis da mithalten kann?
    • ...und ich bei denen, von denen ichs nicht erwartet hätte. Klemperer zum Beispiel mit seinen Aufnahmen von 4 bis 6.
      'Unrussisch' natürlich, große Geste bei Klemp eh nicht zu erwarten, dafür aber ein 'europäischer' Tschaikowsky, der sowohl Brahms, Wagner als auch Bruckner nahesteht.
      Dafür bohrend intensiv- und ja, bei der Sechsten hab ich geflennt beim ersten Hören.
      Gerade weil eben das Pathos fehlt, Klemp die Sinfonie wenig ausladend nimmt, auf Effekte verzichtet.
      Wenn die Musik dann doch sich selbst überholt im emotionalen Sinne, dann gibt diese Lesart das trotzdem her.
      Currentzis fand ich dagegen eher schwach, aus Nöten Tugenden machen wollend. Ohne diese 'große Klammer' mit der Klemp herangeht. Oder auch Szell live.

      Für mich gilt: je mehr jemand 'macht', um so unglaubwürdiger wirkt die Musik. Sie selbst muss nichts beweisen, das wollen immer nur die Dirigenten.
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Hier noch eine Besprechung des Konzerts in Mannheim, von Matthias Roth, einem Heidelberger Kritiker, den ich für durchaus kompetent halte. Was er über das Schnittke-Konzert schreibt, deckt sich weitgehend mit meinen Eindrücken, auch wenn mich die Komposition selbst nicht ganz so beeindruckt hat wie den Rezensenten. Bemerkenswert: Die Tschaikowski-Symphonie wird nur recht kurz abgehandelt. Currentzis ein "Jahrhundert-Ereignis"? Hm, abwarten...

      rnz.de/kultur-tipps/kultur-reg…romisse-_arid,408081.html

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Herrn Theurich hat es in der Elphi gefallen:

      spiegel.de/kultur/musik/dirige…ilharmonie-a-1244778.html

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • music lover schrieb:

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Herrn Theurich hat es in der Elphi gefallen
      Mir auch. Und wie!!

      Näheres vielleicht später mal, sei es in diesem Thread, sei es in dem Faden über die Konzerte in der Elbphilharmonie. Im Moment bin ich auf dem Sprung zu meinem nächsten Elbphilharmonie-Konzert: Händels "Messiah" mit The King's Consort unter der Leitung von Robert King :sofa1:
      In ein Konzert unter der Leitung von Robert King würde ich nicht mal gehen, wenn man mir zur kostenlosen Eintrittskarte noch Geld dazu geben würde.