Teodor Currentzis

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    • Wolfram schrieb:

      Sadko schrieb:

      Denn hätte Currentzis die Menschen wirklich berührt, dann würde es einige Sekunden Stille geben anstatt Gebrülle und Aufspringen "in der Sekunde des Verklingens des letzten Tons".
      Das hängt wiederum aber auch davon ab, wie ein Stück endet.

      :wink: Wolfram
      Ja natürlich! Ich wollte nur ausdrücken, dass augenblicklicher Jubel des Publikums für mich kein Garant für eine sehr gute Darbietung ist :)

      Insgesamt: Ich freue mich, dass die Diskussion ohne Einschreiten der Moderation wieder in ins Lot gekommen ist! :)
    • Sadko schrieb:

      Naja, eben genau das würde ich nicht als Qualitätsmerkmal werten. Denn hätte Currentzis die Menschen wirklich berührt, dann würde es einige Sekunden Stille geben anstatt Gebrülle und Aufspringen "in der Sekunde des Verklingens des letzten Tons".
      Nein, das sehe ich nicht so, lieber sadko. Wenn irgendjemand ein langes stilles Verharren nach einem Werk wie z.B. dem Deutschen Requiem von Brahms vom Publikum einfordert, dann ist es Currentzis. Dies tat er (in Hamburg) nach dem letzten Ton dieses Werks und ebenso nach dem letzten Ton des Requiems von Verdi, indem er die Hände noch minutenlang nach dem Schlusston nach oben hielt. Bei Schostakowitsch 7 war seine Körpersprache eindeutig - er ließ den unmittelbaren Beifall zu. Ein Dirigent dirigiert nicht nur das Orchester, sondern in irgendeiner Weise auch das Publikum. The Golden Rule: Solange ein Dirigent die Arme oben hat: Stille! Hat ein Dirigent die Arme vollständig nach unten gesenkt: Beifall!

      Sadko schrieb:

      Den Troll-Vorwurf trage ich Dir überhaupt nicht nach. Er kann gern gelöscht werden oder in die Splitter verschoben werden oder hier stehenbleiben, mir ist das egal. Ich schätze Dich, wenn wir diskutieren und kein Problem damit haben, wenn der andere mal ganz anderer Meinung ist. Es gibt sicher Themen, bei denen wir übereinstimmen (sonst waren wir beide nicht in einem Musikforum )

      Sadko schrieb:

      Insgesamt: Ich freue mich, dass die Diskussion ohne Einschreiten der Moderation wieder in ins Lot gekommen ist!
      :cincinbier:
      Er tut so gut.
      (Swjatoslaw Richter über Joseph Haydn)
    • Sadko schrieb:

      Ja natürlich! Ich wollte nur ausdrücken, dass augenblicklicher Jubel des Publikums für mich kein Garant für eine sehr gute Darbietung ist
      Es gab mal eine Platte von Elvis '50 millions can't be wrong'. Natürlich können sie. :D

      Zunächst ist nichts ein Garant. Es kann durchaus sein, muss aber nicht. Es hängt immer von so vielen Faktoren ab und die musikalische Darbietung ist dann nur ein Teil davon.

      :wink: Wolfram
    • music lover schrieb:

      Sadko schrieb:

      Naja, eben genau das würde ich nicht als Qualitätsmerkmal werten. Denn hätte Currentzis die Menschen wirklich berührt, dann würde es einige Sekunden Stille geben anstatt Gebrülle und Aufspringen "in der Sekunde des Verklingens des letzten Tons".
      Nein, das sehe ich nicht so, lieber sadko. Wenn irgendjemand ein langes stilles Verharren nach einem Werk wie z.B. dem Deutschen Requiem von Brahms vom Publikum einfordert, dann ist es Currentzis. Dies tat er (in Hamburg) nach dem letzten Ton dieses Werks und ebenso nach dem letzten Ton des Requiems von Verdi, indem er die Hände noch minutenlang nach dem Schlusston nach oben hielt. Bei Schostakowitsch 7 war seine Körpersprache eindeutig - er ließ den unmittelbaren Beifall zu. Ein Dirigent dirigiert nicht nur das Orchester, sondern in irgendeiner Weise auch das Publikum. The Golden Rule: Solange ein Dirigent die Arme oben hat: Stille! Hat ein Dirigent die Arme vollständig nach unten gesenkt: Beifall!
      Danke für die Ergänzung! Das wusste ich nicht.
      Generell halte ich aber die Momente Stille nach einer Darbietung für die wertvollsten überhaupt. Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn der GANZE Saal die Luft anhält und man gemeinsam mit den anderen Besuchern die Eindrücke noch auf sich wirken lässt.
    • Wolfram schrieb:

      Sadko schrieb:

      Ja natürlich! Ich wollte nur ausdrücken, dass augenblicklicher Jubel des Publikums für mich kein Garant für eine sehr gute Darbietung ist
      Es gab mal eine Platte von Elvis '50 millions can't be wrong'. Natürlich können sie. :D

      Zunächst ist nichts ein Garant. Es kann durchaus sein, muss aber nicht. Es hängt immer von so vielen Faktoren ab und die musikalische Darbietung ist dann nur ein Teil davon.

      :wink: Wolfram
      Ja, auf jeden Fall! (Zustimmung zu deinen beiden Absätzen :D )

      Für mich persönlich gibt es als "Garant" nur meine eigenen Ohren. Ich schreibe hier das, was ich denke - und dass ich Sachen vielleicht mal etwas weniger angriffig formulieren kann, habe ich in jüngster Vergangenheit ( = heute) auch gelernt :D Im Grunde wollen wir uns hier ja ohnehin nur über Musik austauschen und voneinander lernen.
    • Sadko schrieb:

      Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn der GANZE Saal die Luft anhält und man gemeinsam mit den anderen Besuchern die Eindrücke noch auf sich wirken lässt.
      Das sehe ich absolut genauso. Aber letztlich ist auch das eine Entscheidung des Dirigenten/der Dirigentin. Senkt er/sie die Arme, kann man loslegen, aber vorher bitteschön nicht.

      Und ich stimme Wolfram zu:

      Wolfram schrieb:

      Das hängt wiederum aber auch davon ab, wie ein Stück endet.
      Er tut so gut.
      (Swjatoslaw Richter über Joseph Haydn)
    • Sadko schrieb:

      Generell halte ich aber die Momente Stille nach einer Darbietung für die wertvollsten überhaupt. Es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl, wenn der GANZE Saal die Luft anhält und man gemeinsam mit den anderen Besuchern die Eindrücke noch auf sich wirken lässt.
      Schön, wenn das entsteht. Aber auch das sagt noch nichts über eine gute Aufführung aus. Ich erinnere mich an ein 'Lied von der Erde' in Berlin. Levine dirigierte, Norman sang das letzte Lied und danach war es gefühlte Minuten absolut still. Wir waren alle komplett in einer anderen Welt. Als ich allerdings später die Aufnahme der DGG hörte, fragte ich mich, warum eigentlich. :D

      Die Stille nach einem Stück oder auch der Jubel sagen noch nichts über die Qualität aus. Noch auch die eigene Ergriffenheit. Noch auch die spätere Kontrolle dadurch, dass man eine Aufnahme hört, die man ja auch unter bestimmten Bedingungen vernimmt.

      Sadko schrieb:

      Im Grunde wollen wir uns hier ja ohnehin nur über Musik austauschen und voneinander lernen.
      Richtig. Und da müssen wir uns alle am Riemen reißen. ^^ Letztlich geht es ja 'nur' um Musik und nicht um die Rettung der Menschheit. Wobei schon interessant ist, dass Musik und auch immer wieder die Oper solche Emotionen freilegen kann. :)

      :wink: Wolfram
    • music lover schrieb:

      Aber letztlich ist auch das eine Entscheidung des Dirigenten/der Dirigentin. Senkt er/sie die Arme, kann man loslegen, aber vorher bitteschön nicht.
      Da sind wir genau der gleichen Meinung! Ich nehme mir auch gerne das Recht heraus, erst später zu klatschen, auch wenn die Arme schon herunten sind. Manchmal brauche ich einfach ein bisschen Zeit, um die Eindrücke noch zu verarbeiten. Dafür klatsche ich auch gerne lang und schreie bravo, wenn es mir sehr gut gefallen hat.
      Das Gesicht des Pianisten Oleg Maisenberg vor 1½ Monaten, als bei seinem Klavierabend ein paar Leute zwischen die Sätze eines Werkes geklatscht haben, hätte man festhalten müssen :D
      (wobei ich das auch nicht sooo streng sehe, denn Künstler brauchen Applaus und werden dadurch zu (noch) besseren Leistungen angespornt.)
    • Lieber Wolfram!

      Jaaa, aber ganz genau wegen dieser Emotionen höre ich ja so gerne Musik :D

      Ja, aber dann sagt es etwas über die Qualität des Werkes aus, würde ich sagen. Es gibt meiner Meinung nach einfach gewisse Werke, die man nur sehr schwer "umbringt", die einem fast immer gefallen. Aber selbstverständlich hat jeder das Recht, begeistert oder/und berührt oder was auch immer zu sein!
    • Sadko schrieb:

      music lover schrieb:

      Aber letztlich ist auch das eine Entscheidung des Dirigenten/der Dirigentin. Senkt er/sie die Arme, kann man loslegen, aber vorher bitteschön nicht.
      Da sind wir genau der gleichen Meinung! Ich nehme mir auch gerne das Recht heraus, erst später zu klatschen, auch wenn die Arme schon herunten sind.
      Was glaubst Du, lieber sadko, was ich schon alles erlebt habe. Ein Beispiel: Sowohl in Berlin als auch in Hamburg hatte Sir Simon Rattle nach etwa 2 1/2 Stunden Johannes-Passion die Arme flehentlich über Kopf komplett nach oben gestreckt: Bitte STILLE!!! Es half nichts. Es reichen ein paar Krakeeler, und dieser herrliche Moment der Stille ist dahin. Und irgendwann musste sich Rattle dann in sein Schicksal ergeben und den ungewollt zu frühen Beifall entgegennehmen.

      Das erlebt man leider viel zu oft. Außer bei Dirigenten, die ihr Publikum im Griff haben. Günter Wand war so einer.

      Wenn man wie Du SPÄTER als alle anderen klatscht, dann ist das natürlich etwas anderes. Das kann man natürlich machen. Nur sollte man sich eben nicht den eindeutigen "Ansagen" des Dirigenten widersetzen und zu FRÜH klatschen oder "Bravo" rufen. Die hoch erhobene Hände des Dirigenten bedeuten nun mal für das Publikum: Stille.

      Man kann das nicht oft genug betonen, und je mehr Menschen hier von außen mitlesen und von dieser ungeschriebenen "Regel" vielleicht erstmals erfahren, umso besser.
      Er tut so gut.
      (Swjatoslaw Richter über Joseph Haydn)
    • music lover schrieb:

      Nur sollte man sich eben nicht den eindeutigen "Ansagen" des Dirigenten widersetzen und zu FRÜH klatschen oder "Bravo" rufen. Die hoch erhobene Hände des Dirigenten bedeuten nun mal für das Publikum: Stille.
      Gerade auch in der Musikhalle in Hamburg gibt es genügend Plätze, von denen man aus den Dirigenten nicht sehen kann. Von daher sind 'Ansagen' seinerseits nicht unbedingt für alle vernehmbar.

      Es bleibt wohl auch eine Frage, wie sensibel ein Publikum ist. Und das hat man als Dirigent, wie gut man auch immer ist, nicht in der Hand.

      :wink: Wolfram
    • music lover schrieb:

      Was glaubst Du, lieber sadko, was ich schon alles erlebt habe. Ein Beispiel: Sowohl in Berlin als auch in Hamburg hatte Sir Simon Rattle nach etwa 2 1/2 Stunden Johannes-Passion die Arme flehentlich über Kopf komplett nach oben gestreckt: Bitte STILLE!!! Es half nichts. Es reichen ein paar Krakeeler, und dieser herrliche Moment der Stille ist dahin. Und irgendwann musste sich Rattle dann in sein Schicksal ergeben und den ungewollt zu frühen Beifall entgegennehmen.
      Lieber Music lover! Ich kann mir gut vorstellen, dass Du bei der langen Zeit, in der Du schon Konzerte besuchst, vieles in dieser Richtung erlebt hast. Ich kann mich erinnern, dass es vor ein paar Monaten hier eine ganz ähnliche Diskussion gab. (Edit: hier, und hier gibt es sogar einen eigenen Thread dazu, vielleicht verlagern wir die Diskussion dorthin :) )
      Generell muss man aber auch die andere Seite sehen. Manche Konzertbesucher sind vergleichen mit uns einfach unerfahren und möchten ihre Begeisterung zeigen. Da habe ich dann natürlich Verständnis für Spontanreaktionen, und ich habe noch nie jemanden, der "unpassend" klatscht, darauf hingewiesen, da hätte ich ein schlechtes Gefühl. Vielleicht kann man danach ins Gespräch kommen und sagen, dass es eigentlich üblich ist, erst später zu klatschen, um die eindrucksvolle Stimmung nicht zu zerstören. Generell finde ich läutende Handys viel viel schlimmer als klatschende Leute. Einen Musentempel, in dem sich alle ganz brav und still und korrekt verhalten, gibt es halt nicht, und das finde ich auch gut so :D

      Wolfram schrieb:

      Gerade auch in der Musikhalle in Hamburg gibt es genügend Plätze, von denen man aus den Dirigenten nicht sehen kann. Von daher sind 'Ansagen' seinerseits nicht unbedingt für alle vernehmbar.

      Es bleibt wohl auch eine Frage, wie sensibel ein Publikum ist. Und das hat man als Dirigent, wie gut man auch immer ist, nicht in der Hand.
      Da bin ich auf der Seite von Music lover. Mir passiert auf oft genug, dass ich von meinem Platz den Dirigenten aus gar nicht sehe, aber dann warte ich einfach mit dem Klatschen, bis die anderen damit anfangen.
      Aber ja, Dirigenten suchen sich ihr Publikum nicht aus. Bei einem - sagen wir mal - unsensiblen Publikum steht man als Dirigent auf verlorenem Posten, leider.
    • Sadko schrieb:

      Manche Konzertbesucher sind vergleichen mit uns einfach unerfahren und möchten ihre Begeisterung zeigen. Da habe ich dann natürlich Verständnis für Spontanreaktionen, und ich habe noch nie jemanden, der "unpassend" klatscht, darauf hingewiesen, da hätte ich ein schlechtes Gefühl.
      Gerade wenn man als unerfahrener Konzertbesucher keine Ahnung von irgendetwas hat, sollte man sich akustisch zurückhalten. Das wurde bei einem Menahem Pressler-Klavierabend im Rahmen des SHMF in der Elphi mal humorvoll vom Moderator des Abends auf den Punkt gebracht: "Wenn Sie nicht wissen sollten, wann Sie klatschen dürfen und wann nicht, dann orientieren Sie sich einfach an Ihrem Sitznachbarn - sofern er das hier in der Hand halten sollte". Dabei deutete er auf das (kostenpflichtige) Programmheft des Abends. Will heißen: Wem 2 Euro für das Programmheft schon zuviel Geld waren oder wer von vornherein davon ausging, dass er das sowieso nicht versteht, was in dem Programmheft geschrieben steht, der sollte sich an anderen orientieren, für die das nicht gilt.

      Ich habe für Beifall oder "Bravo"-Rufe, während der Dirigent die Arme hoch erhoben hält, nicht das geringste Verständnis. Und ich lass' jetzt mal eine Info raus: Beim Brahms-Requiem mit Currentzis in der Elphi kam leider direkt nach dem letzten Ton Applaus von einigen wenigen auf. Es war meine Wenigkeit, der diesen Applaus ersterben ließ. Durch die hervorragende Akustik des Saals kann man bis in den letzten Winkel jeden noch so kleinen Laut vernehmen. Auch aus dem Publikum. Aus meinem Mund kam in diesem Moment ein lautstarkes "Ssssscccchhhhhhttttttt!!!!!!!!!". Und sofort erstarb dieser unangemessene Applaus. Currentzis wird es mir gedankt haben. Denn er hielt danach bestimmt noch zwei Minuten die Arme oben. Erst als er sie dann vollständig herabgesenkt hatte, brachen die Jubelrufe wie verrückt los. Auch aus meinem Mund.

      Neben mir beim Brahms-Requiem mit Currentzis saß ein etwa 210 cm großer und geschätzt 120 Kilo schwerer Bär von einem Mann. Maßanzug, Schlips, bulliger Typ, an John Wayne erinnernd. Schon bei der Alt-Rhapsodie kämpfte er mit den Tränen. Aber beim Deutschen Requiem heulte er dann wirklich hemmungslos. Das nur ein kleiner Aspekt am Rande, wie sehr Currentzis mit seinem Dirigat die Menschen berührt. Es gibt in Europa derzeit nichts auch nur annähernd Vergleichbares. Diesen Dirigenten muss man einfach live erlebt haben.
      Er tut so gut.
      (Swjatoslaw Richter über Joseph Haydn)
    • Um nicht vollkommen vom Thema abzukommen und der Applaus-Diskussion den geeigenten Rahmen zu geben, habe ich auf Deine ersten beiden Absätze hier geantwortet. Ich hoffe, das ist okay! (Thread: Applausordnungen – ein Ärgernis?)

      music lover schrieb:

      Neben mir beim Brahms-Requiem mit Currentzis saß ein etwa 210 cm großer und geschätzt 120 Kilo schwerer Bär von einem Mann. Maßanzug, Schlips, bulliger Typ, an John Wayne erinnernd. Schon bei der Alt-Rhapsodie kämpfte er mit den Tränen. Aber beim Deutschen Requiem heulte er dann wirklich hemmungslos. Das nur ein kleiner Aspekt am Rande, wie sehr Currentzis mit seinem Dirigat die Menschen berührt. Es gibt in Europa derzeit nichts auch nur annähernd Vergleichbares. Diesen Dirigenten muss man einfach live erlebt haben.
      Da muss ich aber schon widersprechen :D
      Es ist natürlich sehr erfreulich, wenn Leute von Musik emotional berührt werden, genau das soll ja (meiner Meinung nach) Musik vor allem auslösen. Ich hatte bei Brahms noch keine ergreifenden Momente, aber die Geschmäcker sind natürlich verschieden. Allerdings würde ich die Ursache der Ergriffenheit des Mannes nicht beim Dirigenten suchen, sondern in erster Linie beim Werk selbst, also beim Brahms-Requiem, allenfalls noch in den persönlichen Umständen des Mannes, die wir nicht kennen (wer weiß, vielleicht ist Tags zuvor jemand aus seinem Umfeld gestorben, wir haben keine Ahnung).

      Dass Currentzis bei den "Massen" gut ankommt, ist ja unbestritten, aber ich möchte entgegensetzen, dass das alles meiner Meinung nach auf gröbster Show beruht. Er bürstet viele Werke auf Krawall und auf starke Kontaste, dadurch klingen sie natürlich "effektvoller" und "anders" als bei anderen Dirigenten. Die Frage ist nur: Will man das? Wollen wir eine Interpretation, die die 7. Schostakowitsch so fetzig wie nur irgend möglich macht? Ich zitiere aus meinem heutigen Text:

      Sadko schrieb:

      Ein paar wenige gute Stellen waren darunter, aber großteils alles VIEL zu gehetzt, teils im - ohne Übertreibung - doppelten Tempo als üblich!!! (ganz leicht durch Aufnahmen überprüfbar). Die ersten Minuten waren ein Schulbeispiel für "Wie erzeuge ich große Effekte durch rasendes Tempo und große Lautstärke, aber ob das dann eine gute Wiedergabe ist oder nicht, ist mir egal", und Currentzis schien nicht zu wissen, dass die Pauke ganz am Ende des Werkes noch das Motiv wiederholt. Der Paukist hat davor gut sichtbar gestimmt, und als es dann so weit war, musste er in wahnwitzigem Tempo auf seine Instrumente eindreschen, weil man ihn ob der wahnwitzigen Gesamtlautstärke des Orchesters sonst überhaupt nicht vernommen hätte. Was soll das? Wenn das dann SO endet, kann man diese Töne auch auf der Trommel spielen.
      So etwas stört mich. Mir tun die Musiker leid, die sich nach seinen extravaganten Sonderwünschen zu richten haben. Ich begreife nicht, was der Mehrwert ist, dass die Streicher mehrmals lange Zeit im Stehen spielen müssen, und wenn ich allein lese, dass Musiker in Mönchskutten gesteckt sind, wird mir offen gestanden schlecht, denn wie muss es sich für Musiker anfühlen, so zu spielen? Das will ich mir nicht einmal vorstellen. Für mich eine unglaubliche Rücksichtslosigkeit, die nur der Selbstinzenierung des Maestros dient. Mir kann keiner einreden, in Mönchskutten würde man eine bessere Leistung erbringen als im üblichen Gewand.

      Da Du gemeint hast, in Europa gäbe es nichts Vergleichbares, möchte ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit doch noch ein paar derzeit aktive Dirigenten ganz unterschiedlichen Alters und ganz unterschiedlicher Bekanntheit in alphabetischer Reihenfolge aufzählen, die für ganz weit überlegen halte (ja, ich habe alle live gehört :D ) :
      Herbert Blomstedt, Michael Boder, Semjon Bychkov, Alfred Eschwé, Vladimir Fedosejev, Ádám Fischer, Valery Gergiev (der leider oft zu schlampig ist), Ingo Metzmacher, Joseph Olefirowicz, Antonio Pappano, Peter Schneider, Yuri Temirkanov, Lorenzo Viotti, Sebastian Weigle.
      Leider schon verstorben, aber nicht minder grandios war Jiří Bělohlávek.
      Diese sind mE die heimlichen und wahren Stars der klassischen Musik, denn sie haben mir hervorragende und sehr berührende Erlebnisse verschafft, dafür bin ich dankbar. Aber sie werden nicht so gepusht wie Currentzis.

      Womit wir jetzt den Bogen von der Applaus-Diskussion weg wieder zu Currentzis bekommen hätten. :D
    • Sadko schrieb:

      Und dass Currentzis so viele Menschen von den Sitzen reißt, spricht nicht für die Qualitäten von Currentzis, sondern gegen die Musikalität dieser Menschen.
      Das ist eine wirklich anmaßend wertende Aussage gegenüber vielen Musikliebhabern :thumbdown:
      Entschuldigung, aber geht doch hier um eine Aufführung von DSCH Nr. 7, oder nicht? Wer es schafft, bei dieser von Natur aus bildgewaltigen (und so beabsichtigten) Theatralik die Leute zu begeistern, der hat es einfach richtig dirigiert...das ist doch keine kontemplative Musik?! Wenn ich überall, undzwar wirklich überall lese, die Menschen seien am Ende begeistert aufgesprungen, dann kann hier doch nicht eine "Selbstinszenierung" des Dirigenten der Auslöser gewesen sein? Konzertpubliken sind von Ort zu Ort unterschiedlich und reagieren dementsprechend auch unterschiedlich, bei Currentzis anscheinend aber nicht (welcher ja auch das Gegenteil erreicht und alle zur Stille vereinigt, siehe music lovers Erfahrung bei Brahms).

      Diese Vor- und auch Nachverurteilung zeugt für mich eher von übertriebenem Spießertum. In einem Konzertsaal sitzen 2000 Menschen, da ist es nur natürlich, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt, wie man seine Begeisterung teilt. Es sind genau diese übertriebenen Manierismen, die viele potentielle Klassikneulinge abschrecken...wenn man nicht mal nach einem geilen Konzerterlebnis aufspringen darf. Und wenn, dann ist man gleich "unmusikalisch" ?( ?(
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • music lover schrieb:

      Das wurde bei einem Menahem Pressler-Klavierabend im Rahmen des SHMF in der Elphi mal humorvoll vom Moderator des Abends auf den Punkt gebracht: "Wenn Sie nicht wissen sollten, wann Sie klatschen dürfen und wann nicht, dann orientieren Sie sich einfach an Ihrem Sitznachbarn - sofern er das hier in der Hand halten sollte". Dabei deutete er auf das (kostenpflichtige) Programmheft des Abends. Will heißen: Wem 2 Euro für das Programmheft schon zuviel Geld waren oder wer von vornherein davon ausging, dass er das sowieso nicht versteht, was in dem Programmheft geschrieben steht, der sollte sich an anderen orientieren, für die das nicht gilt.
      das finde ich überhaupt nicht humorvoll, sondern einfach nur weltfremd. Z.B. in den Programmheft der Philharmonie in Köln steht eh nichts interessantes, das meiste ist altbekanntes in neuen Formulierungen, das gleiche das in jedem CD Heftchen steht und dafür noch auf jeder zweiten Seite Werbung. Das brauche ich nicht, aber wieso schließt du daraus, dass jeder der keine Lust hat so ein Werbeblättchen zu kaufen und zu lesen, nicht verstehe was in drin steht?

      Und dann wundert man sich, wenn es kaum Nachwuchs gibt. Aber hauptsache man ist elitär. Und füchterlich langweilig und spießig, womit ich nicht dich meine music lover, sondern den Moderator. Hieß der zufällig Silbereisen?

      music lover schrieb:

      Aus meinem Mund kam in diesem Moment ein lautstarkes "Ssssscccchhhhhhttttttt!!!!!!!!!".
      das eigentlich peinliche ist, du scheinst auch noch stolz drauf zu sein, dich so daneben zu benehmen.

      Tichy1988 schrieb:

      Diese Vor- und auch Nachverurteilung zeugt für mich eher von übertriebenem Spießertum. In einem Konzertsaal sitzen 2000 Menschen, da ist es nur natürlich, dass es unterschiedliche Auffassungen gibt, wie man seine Begeisterung teilt. Es sind genau diese übertriebenen Manierismen, die viele potentielle Klassikneulinge abschrecken...wenn man nicht mal nach einem geilen Konzerterlebnis aufspingen darf. Und wenn, dann ist man gleich "unmusikalisch" ?( ?(
      volle Zustimmung. Ich glaube, es gibt sonst keine andere Musikrichtung bei der ein sehr großer Teil des Publikums geistig so festgefahren sind.
      Viele Grüße, Michael
    • Um den Bogen wieder zurück zu schlagen. Currentzis habe ich zwar noch nicht live gesehen, aber was ich auf CD von ihm gehört habe, gefällt mir ausnehmend gut, weil es einfach eine andere und sehr interessante Sichtweise ist.
      Viele Grüße, Michael
    • Sadko schrieb:

      Ich möchte nicht, dass die Moderation viel Arbeit bekommt, indem sie Beiträge in die Splitter verschieben muss.
      Wir möchten das auch nicht. Musste aber bei einigen Beiträgen seit letzter Nacht trotzdem sein. Insofern alle Beteiligten bitte beim Thema Currentzis bleiben und Diskussionen ad personas ggf. per PN führen. Danke, Braccio