Teodor Currentzis

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    Informationen zum Capriccio-Verein als Betreiber des Forums finden sich hier.
    • music lover schrieb:

      er hielt danach bestimmt noch zwei Minuten die Arme oben.
      So einen Zirkus etwas habe ich auch schon erlebt. Ehrlich gesagt bewirkt es bei mir das Gegenteil der wahrscheinlich beabsichtigten Ergriffenheit: Mich reizt es nach einer gewissen Zeit (abhängig vom Stück, aber wohl kaum mal länger als 10 bis 15 Sekunden) zum Lachen oder einer anderen Form des zivilen Ungehorsams, und nur meine Kinderstube hält mich davon ab, diesem Reiz auch nachzugeben. Ich fange dann ganz automatisch an, mir vorzustellen, dass jetzt gleich jemand rülpst oder schlimmeres... Natürlich kommt Musik nicht nur aus der Stille sondern führt auch wieder dahin zurück, man sollte also eine angemessene Zeit der Stille als zur Musik gehörend empfinden und zulassen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass zwei Minuten Stille nach dem Brahms-Requiem noch musikalisch angemessen wirken können (zumal gerade das Brahms-Requiem doch eher eine Feier des Lebens ist). Ich gebe aber vorsorglich zu, dass ich zu den Uneingeweihten gehöre, die Currentzis nur von Aufnahmen kennen, also von ganz furchtbaren Vorurteilen durchdrungen bin :D .
    • Sandra schrieb:

      Ich fange dann ganz automatisch an, mir vorzustellen, dass jetzt gleich jemand rülpst oder schlimmeres...
      Made my day :thumbsup:
      Danke Sandra, jetzt werde ich mir das beim nächsten mal auch so vorstellen :herrje1:
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • 1. Ja, es gibt kaum schlimmeres, als wenn am Ende eines kontemplativen Stücks nahtlos der Jubel losgeht. Das gilt schon fast generell für Werke, die leise, morendo enden, aber auch für einige andere (z. B. Schostakowitschs 13. Sinfonie. EDIT: Eigentlich meinte ich die fortissimo endende 14. Sinfonie).

      2. Viele Schlußakkorde provozieren geradezu einen sofort einfallenden Jubel. Schostakowitschs 7. Sinfonie gehört durchaus dazu, auch wenn ich verstehen kann, dass der eine oder andere noch etwas warten muss, um die Musik auf sich wirken zu lassen. Das kann er dann auch, während andere klatschen.

      1b. Im Falle von 1. halte ich eine kurze Pause der Stille für angemessen. Sagen wir 10 - 15 Sekunden. Alles, was deutlich darüber hinausgeht, finde ich allerdings etwas manieriert. Ich fand ja durchaus beeindruckend, als ich zum ersten mal das Video von Mahlers 9. Sinfonie in Luzern sah, als am Ende Abbado dort minutenlang in der Stille stand. Mir schien, dass es für Abbado selbst wichtig war, vielleicht dachte er auch an seinen eigenen Tod. Aber diese extreme Länge halte ich doch für übertrieben, und mir scheint, dass das ein wenig zur Mode wird. (Damit will ich nichts über Currentzis sagen.) Das hat für mich etwas gewollt Gottesdienstartiges, worauf ich nicht stehe.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Ich gehe nun nicht so oft ins Konzert, aber anfangs haben mich auch viele Sachen gestört. Dass gehustet wird. Dass zwischen den Sätzen geklatscht wird. U.s.w.

      Ich habe mir aber total abgewöhnt, mich darüber aufzuregen. Da ich ja sowieso nichts dran ändern kann, verhindert mein eigener Ärger nur den Genuss des Konzerts. Was anderes ist es natürlich, wenn Leute absichtlich stören. Oder was mich auch wirklich gestört hat, war das Piepsen eines (wie mir hinterher klar wurde) Hörgerätes. Viele (ältere) Leute werden diesen sehr hohen Ton nicht gehört haben. Mich hat er aber definitiv gestört, weil Großteile der Musik damit überlagert waren. Da ich davon ausgehe, dass dies prinzipiell im ganzen Saal zu hören war, pladiere ich für mehr Bewusstsein von Hörgeräteträgern ob dieser Problematik.

      In Mexico City in einem klassischen Konzert in der wunderbaren Sala Nezahualcóyotl wurde bei den Stücken mit mehreren Sätzen ständig frenetisch geklatscht. Mich hat das nicht gestört, und für Mexikaner wäre es völlig unnormal, da nicht zu klatschen (sagte mir ein in Mexiko lebender Kollege). Wenn die Leute sich freuen, ist es doch schön. Bei der abschließenden 11. Sinfonie von Schostakowitsch hatten sie allerdings keine Chance, da die Sätze ja attacca ineinander übergehen. :D

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • maticus schrieb:

      2. Viele Schlußakkorde provozieren geradezu einen sofort einfallenden Jubel. Schostakowitschs 7. Sinfonie gehört durchaus dazu, auch wenn ich verstehen kann, dass der eine oder andere noch etwas warten muss, um die Musik auf sich wirken zu lassen. Das kann er dann auch, während andere klatschen.
      So war es auch letzten Sonntag in Mannheim, als Currentzis (um den es hier eigentlich gehen sollte) Schostakowitschs Siebte dirigierte: Der Schlußbeifall setzte sofort ein, was für mich auch völlig in Ordnung war.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • (Meine letzten Beiträge können auch gerne verschoben werden in den aktuell nach oben gekommenen Thread zu dem Thema.)
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Ich lese immer mal wieder interessiert in diesem Faden und habe mir ob der so unterschiedlichen Einschätzungen von Currentzis eine Dokumentation von arte angeschaut.
      Vielleicht hat jemand Interesse. Hier der Link: Currentzis - Der Klassikrebell Doku (2016). Der Film beschäftigt sich mit seiner Zeit in Perm. Man bekommt einen guten Eindruck, warum sich an ihm die Geister scheiden.
      Eine neuere u.a. mit seinem Beginn beim SWR-Orchester ist: Die Sprache unserer Träume – der Dirigent Teodor Currentzis (2018). Falls sie schon genannt wurden, bitte ich um Entschuldigung wegen der Verdoppelung.
      :wink: Talestri
      One word is sufficient. But if one cannot find it?
      Virginia Woolf, Jacob's Room
    • Jetzt noch mal von mir zum Thema Currentzis. Das beste an ihm ist erst einmal, er bringt die Sache in Bewegung. Tschaikovskis Violinkonzert gespielt von Currentzis und Kopatchinskaja ist mir das liebste von den 7 Aufnahmen die ich habe, weil das auch mal wirklich anders ist. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt und damit Leben und Bewegung rein bringt. Sie machen uns Aufmerksam. Auch wenn ich es albern finde, das Publikum ewig lange zum Stillsitzen zwingen zu wollen, weil man meint gerade das beste aller jemals aufgeführten Konzerte dirigiert zu haben. Aber damit kann man leben. Ist halt er etwas zum Schmunzeln. Aber er drückt etwas aus, dass ihm wichtig ist! Und darum geht es doch. Und nicht darum, ob er nur die beste Dirigiertechnik hat oder die Musik am Besten zu klingen bring. ;)

      Es ist jetzt auch nicht anders als ganz am Anfang bei den Beatles oder bei den frühen AC/DC. YEAH! :sofa2:
      Viele Grüße, Michael
    • Talestri schrieb:

      Eine neuere u.a. mit seinem Beginn beim SWR-Orchester ist: Die Sprache unserer Träume – der Dirigent Teodor Currentzis (2018). Falls sie schon genannt wurden, bitte ich um Entschuldigung wegen der Verdoppelung.
      Danke für den Link! Die Arte-Doku kannte ich bereits. Aber hier wird ein Bild von einem Dirigenten entworfen, dessen Ziel nicht die Selbstdarstellung, sondern künstlerisches Weltniveau und Identitätsbildung ist. Letzteres wird beim SWR-Orchester ja dringend benötigt. Das er selbst unorthodox ist, gesteht er ja gleich zu Beginn ein.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Talestri schrieb:

      Eine neuere u.a. mit seinem Beginn beim SWR-Orchester ist: Die Sprache unserer Träume – der Dirigent Teodor Currentzis (2018).
      Ich sehe mir gerade diesen interessanten Film an - kann mir vielleicht jemand verraten, was für ein Stück da ab Min. 20:58 zu hören ist ?
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Das ist von Gustav Mahler das "Lob des hohen Verstandes" aus dem Liederzyklus "Des Knaben Wunderhorn".

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • music lover schrieb:

      Aber beim Deutschen Requiem heulte er dann wirklich hemmungslos. Das nur ein kleiner Aspekt am Rande, wie sehr Currentzis mit seinem Dirigat die Menschen berührt.

      Sadko schrieb:

      Allerdings würde ich die Ursache der Ergriffenheit des Mannes nicht beim Dirigenten suchen, sondern in erster Linie beim Werk selbst, also beim Brahms-Requiem, allenfalls noch in den persönlichen Umständen des Mannes, die wir nicht kennen (wer weiß, vielleicht ist Tags zuvor jemand aus seinem Umfeld gestorben, wir haben keine Ahnung).
      Mir erging es beim Brahmschen Requiem ähnlich. Zudem bin ich auch über 2m lang und wog damals auch noch um die 120kg. Welche Parallelen! Allerdings war es nicht Currentzis, es war Fischer-Dieskau. Und Sänger und Dirigent waren nur ein Grund, warum ich so emotional reagierte. Da hat Sadko schon recht. Bei mir kam damals eine ganze Menge zusammen, was in dem Moment nur losgelöst wurde. Da hat der Dirigent natürlich mit zu tun, denn bei einem anderen wäre es vielleicht nicht passiert. Aber auch die Sänger (Varady, Hampson), der Ort (Hamburger Michel) spielten mit hinein.

      Mit Sicherheit wird Currentzis Menschen berühren. Ganz klar. Aber aus Reaktionen in einem Konzert auf die einzige Ursache 'Currentzis' zu schließen, halte ich für problematisch.

      Aber ich finde das eigentlich auch unwichtig. (Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen bei André Rieux weinen.) Viel wichtiger ist doch, welchen Gewinn man selber aus den Konzerten zieht, welche neuen Einsichten und ob man für sich den Eindruck hat, dass er es als Künstler ernst meint.

      Denn das ist natürlich ein Problem. Jemand, der etwas anders machen will, gegen den üblichen Strich bürsten möchte, der seine eigene unkonventionelle Denkweise hat, wird sich immer irgendwo zwischen den Etiketten 'Heilsbringer' und 'Scharlatan' einsortiert finden. Und hier kann wohl nur die Zeit und das eigene Empfinden ein Werturteil herstellen.

      Von daher würde ich mich auch selber versuchen, von den Begeisterungen im Publikum freizumachen, die ja oftmals auch durch einen durch Medien gesteuerten Hype entstanden sein können und die Qualität vielleicht eher verdecken als offenbaren.

      :wink: Wolfram

      PS.: Um noch einmal kurz zum Thema Applaus zurück zu kommen. Wer nach DSCH 7 in Stille verharrt, ist vielleicht nicht so richtig mitgegangen. Da muss der Applaus sofort kommen.
    • Ich habe mir nun mal auf YouTube Tschaikowsky 66 mit Currentzis angehört.

      youtube.com/watch?v=BH0P6JS16Fc

      Das ist ja nun wirklich ein altes Konzert-Schlachtross, hundertmal gehört und sich dabei immer wieder mehr oder weniger stark unterscheidend. Aber eigentlich doch immer sehr ähnlich.

      Und dann kommt dieser Typ und mach irgendwie alles anders. Vom ersten Moment an war ich gespannt, erregt und allerdings auch ein wenig ängstlich, ob er diese Art auch durchhalten würde. Aber, Gott sei Dank, er macht es bzw. er schafft es. Ich finde es eine ganz aufregende Version, spannend und elektrisierend. Womit ich nicht sagen will, dass es nun die Version für mich ist. Aber hier entdeckt nicht nur jemand jeden Takt neu, bietet mir völlig neue Hörerfahrungen (was mit Sicherheit bei vielen anderen Stücken auch problematisch sein kann), sondern offeriert mir dazu auch noch eine schlüssige Interpretation. Und ich habe dabei nicht das Gefühl, dass das nun Rebellentum um seines selbst willen ist, sondern dass hier jemand wirklich querdenken möchte/muss.

      Allerdings! - allerdings geht es mir dabei ähnlich wie mit den VK's mit Kopatschinskaja. Ich würde mir nie unterstehen ihr den künstlerischen Ernst abzusprechen und ihren Tschaikowsky oder den Beethoven finde ich beim ersten Hören überwältigend. Beim zweiten klingt es dann sogar schon manchmal ein wenig gewollt, als zu sehr 'ich kremple jetzt alles mal um, mal sehen, was dabei rauskommt.' Liegt vielleicht aber auch nur an meinen eingefahrenen Hörgewohnheiten, die sich dann wieder melden. ^^ Aber trotzdem befürchte ich, dass beide bei ihrer Suche nach völlig neuen Interpretationen womöglich unter einen Zwang geraten, nun jedes Stück kräftig gegen den Strich bürsten zu müssen, ob es das nun hergibt oder nicht, nur weil dass das Publikum und die Kritik erwarten.

      Trotzdem würde ich ihn nun, nach diesen wirklich wenigen YouTube - Ausschnitten und - Schnipseln, nicht unter die 'Scharlatane' zählen, sondern eher zu den interessanten und spannenden Typen/Persönlichkeiten, vielleicht sogar zu den Exzentrikern. Und die brauchen wir!!! Was allerdings nicht bedeutet, dass ich alles von ihm mögen werde und auch nicht, dass mir sein 'Gehabe' im Konzert dann nicht doch auf den Nerv gehen wird. ^^

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Trotzdem würde ich ihn nun [...] nicht unter die 'Scharlatane' zählen, sondern eher zu den interessanten und spannenden Typen/Persönlichkeiten, vielleicht sogar zu den Exzentrikern. Und die brauchen wir!!! Was allerdings nicht bedeutet, dass ich alles von ihm mögen werde und auch nicht, dass mir sein 'Gehabe' im Konzert dann nicht doch auf den Nerv gehen wird.
      Sehr diplomatisch ausgedrückt :)
      Deine Beschreibung könnte so auch zu Leonard Bernstein passen. Und den hat man gebraucht, und der wird schwer vermisst...
      Es ist doch schön, dass wir zur Zeit wieder einige wirklich außergewöhnliche Dirigenten und Künstler haben, zu denen man auch gerne mal pilgert und sich immer auf's nächste Konzerterlebnis freut. K. Petrenko, Trifonov, Wang z.B.
      Currentzis reiht sich hier als "Exzentriker" oder vielleicht besser gesagt "von der Musik getriebener" doch ganz gut ein. Vielleicht ist Petrenko/Currentzis heute das Antipoden-Pult-Pärchen, wie es früher einmal Karajan/Bernstein war.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Hier läuft gerade seine "Così". Das ist eine hervorragende Aufnahme, nicht besser und nicht schlechter als die von mir bislang bevorzugte Aufnahme unter René Jacobs, die allenfalls bei den Damen über die charismatischeren Darsteller (Gens, Fink) verfügt; die tempi tendenziell noch etwas forscher, da kann man sich bei der Ouvertüre schon drauf einstellen. Da fliegen dann schon mal die Fetzen, und das gehört ja auch so!

      Vor einiger Zeit hatte ich mir schon mal seinen Don Giovanni angehört, da fand ich die tempi manchmal schon an der Grenze zum Befremdlichen - aber: die Sänger kriegen das hin, das wirkt nie aufgesetzt oder maniriert, auch nicht gehetzt (außer, wo es das soll, wie etwa bei Giovannis Champagnerarie; aber auch das wird sängerisch gemeistert!). Was mich an dieser Aufnahme aber vor allem begeistert, ist die dramatische Geschlossenheit im Übergang zwischen Rezitativen und Nummern und wieder Rezitativen; das spielen sie, als sei es ein durchkomponiertes Stück! Das spiegelt die äußere (und innere!) Dramatik des Stücks perfekt wieder! Ich hatte seinerzeit vermutet, dass hier heftig an der Aufnahme geschraubt worden ist, was die kürzlich gesehene Doku ("Klassikrebell") auch bestätigt. Es hätte mich sehr interessiert, inwieweit das Ensemble das auch live hingekriegt hat; wie der Doku zu entnehmen ist, fanden ja parallel zur Aufnahme konzertante/halbszenische Aufführungen statt. Die Aufnahme gehört für mich zum besten, was es bei dieser Oper gibt!

      ***

      Und dann habe ich mir gestern abend den Mitschnitt von Currentzis' Antrittskonzert beim SWR mit Mahlers Dritter angesehen und -gehört. Das ist nun ein Stück, das ich recht gut und schon sehr lange kenne (war einer meiner allerersten Konzertbesuche überhaupt, Mitte der 1970er) und von dem ich auch so einige Aufnahmen kenne. Mal mit der Einschränkung, dass der Eindruck noch sehr frisch ist: Diese schlägt alle anderen um Längen! Die dynamischen Abstufungen sind im Kleinen wie - vor allem! - im Großen einfach unglaublich! Vor allem gelingt es, Steigerungen über lange Abschnitte laufen zu lassen (an diesem Stück ist ja alles groß), etwa bei der großen Klimax vor der "Reprise" im Kopfsatz, wo man regelrecht hineingesogen wird; ebenso großartig der unmittelbar folgende Zusammenbruch bis zu dem Trommelruf, bevor die Bläser dann wieder mit dem Marschthema einsetzen.

      Das größte Wunder ist aber der Umgang mit dem Tempo! Nicht nur, dass die accelerandi und rallentandi ähnlich wie bei der Dynamik einen enorm langen Atem haben; es gelingt dem Orchester auch über weite Passagen, vor allem in den ersten drei Sätzen, mit einem rubato zu spielen, wie man es eher in einer italienischen Oper erwarten würde: dadurch bekommen die vielen Soloeinlagen (Solo-Posaune, Solo-Violine, Ferntrompete, aber auch viele kürzere Soli anderer Instrumente) eine Herausgehobenheit und eine Klarheit, aber eben auch eine Sanglichkeit, wie ich das so noch nie in einer Mahler-Sinfonie gehört habe. Extreme tempi, schnelle wie langsame, kommen vor, werden aber immer entsprechend vorbereitet und sind organisch eingebettet; auf einmal denkt man: "boah, das ist jetzt aber schnell geworden!", kann aber nur feststellen, dass das hier absolut so sein musste!

      Der Schlusssatz ist einfach nur ein Wunder; da versage ich mir jetzt mal den schwierigen Versuch, das in Worte zu fassen. Muss man sich anhören.

      ***

      Ich hoffe, die Stuttgarter Aufführung am Freitag (Schostakowitsch VII) wird auch in die SWR-Mediathek übernommen (live kann ich da wohl nicht).
      Bernd

      Fluctuat nec mergitur
    • Tichy1988 schrieb:

      Deine Beschreibung könnte so auch zu Leonard Bernstein passen. Und den hat man gebraucht, und der wird schwer vermisst...
      Stimmt. An den hatte ich in dem Moment gar nicht gedacht, aber passen tut es schon. Und ich unterschreibe natürlich auch sofort, dass so jemand total vermisst wird und das wir daher eigentlich glücklich sein können, nun jemanden zu haben, an dem man sich reiben kann.

      Überall stöhnt man immer darüber, dass Persönlichkeiten fehlen, Menschen, die anders sind als der Mainstream, Personen, die eine eigene Meinung haben. Nun ist mal jemand da (man muss es ja nicht alles mögen), also können wir uns doch nur freuen, dass da mal ein 'Stachel' ist, der uns aufreizt, uns aufweckt, uns verstört.

      Wir können nur hoffen, dass er wirklich der Individualist ist und dass es nicht irgendwann zur Masche verkommt. Aber das wird die Zeit zeigen.

      :wink: Wolfram
    • Quasimodo schrieb:

      Hier läuft gerade seine "Così".
      Und ich habe mir in der Zwischenzeit mal Teile aus dem Verdi 'Requiem' angehört.

      youtube.com/watch?v=vl7pCHrTo_U

      Ich muss sagen, ich bin fassungslos ob der Fassungslosigkeit, die er hervorrufen kann. Fassungslosigkeit im Angesicht des Todes.

      Das ist so weit entfernt von Verdis 'größter Oper', als die man es so oft serviert bekommt. Dieses immer wieder Verstummen der Musik, dieses fast Sprachlose im Gesang, dieses ganz, ganz Persönliche, Intime, Zurückgenommene, auch dieses verzweifelte Aufbäumen oder dieses Hineinhören in bestimmte Phrasen, das ist schon etwas ganz Besonderes, Eindrucksvolles, tief Berührendes. Ich muss schon sagen, ich bin total begeistert davon.

      :wink: Wolfram
    • Tichy1988 schrieb:

      Sadko schrieb:

      Und dass Currentzis so viele Menschen von den Sitzen reißt, spricht nicht für die Qualitäten von Currentzis, sondern gegen die Musikalität dieser Menschen.
      Das ist eine wirklich anmaßend wertende Aussage gegenüber vielen Musikliebhabern :thumbdown:
      Natürlich ist die Aussage wertend, aber ich bleibe trotzdem dabei. Wenn sich jemand beleidigt gefühlt hat, kann ich nur bitten, meine Entschuldigung anzunehmen, aber ich bliebe auch dann bei der zitierten Aussage. (Die Gründe habe ich ja schon in diesem Thread genannt.)

      Friese schrieb:

      Um den Bogen wieder zurück zu schlagen. Currentzis habe ich zwar noch nicht live gesehen, aber was ich auf CD von ihm gehört habe, gefällt mir ausnehmend gut, weil es einfach eine andere und sehr interessante Sichtweise ist.
      Genau das ist ja das Problem, das ich mit seinen Leistungen habe (wie auch mit Thielemann, der für mich in einer ähnlichen Liga spielt): Zweifellos klingt es "anders", aber ist "anders" automatisch "gut"? Ich finde nicht.

      Braccio schrieb:

      Sadko schrieb:

      Ich möchte nicht, dass die Moderation viel Arbeit bekommt, indem sie Beiträge in die Splitter verschieben muss.
      Wir möchten das auch nicht. Musste aber bei einigen Beiträgen seit letzter Nacht trotzdem sein. Insofern alle Beteiligten bitte beim Thema Currentzis bleiben und Diskussionen ad personas ggf. per PN führen. Danke, Braccio
      Ich bemühe mich. Sorry für den Aufwand.

      Wolfram schrieb:

      Überall stöhnt man immer darüber, dass Persönlichkeiten fehlen, Menschen, die anders sind als der Mainstream, Personen, die eine eigene Meinung haben. Nun ist mal jemand da (man muss es ja nicht alles mögen), also können wir uns doch nur freuen, dass da mal ein 'Stachel' ist, der uns aufreizt, uns aufweckt, uns verstört.
      Diesen Sätzen von Dir stimme ich zu mindestens 1000% zu. Aber ich sehe Currentzis nicht als mutigen, innovativen Individualisten, der mit seinen packenden Neuinterpretationen fesselt, sondern als einen Blender, einen künstlerischen Scharlatan, der sich selbst in den Mittelpunkt stellt und nicht das Werk.
      Ich zitiere mich selbst:

      Sadko schrieb:

      Da Du gemeint hast, in Europa gäbe es nichts Vergleichbares, möchte ich ohne Anspruch auf Vollständigkeit doch noch ein paar derzeit aktive Dirigenten ganz unterschiedlichen Alters und ganz unterschiedlicher Bekanntheit in alphabetischer Reihenfolge aufzählen, die für ganz weit überlegen halte (ja, ich habe alle live gehört :D ) :
      Herbert Blomstedt, Michael Boder, Semjon Bychkov, Alfred Eschwé, Vladimir Fedosejev, Ádám Fischer, Valery Gergiev (der leider oft zu schlampig ist), Ingo Metzmacher, Joseph Olefirowicz, Antonio Pappano, Peter Schneider, Yuri Temirkanov, Lorenzo Viotti, Sebastian Weigle.
      Leider schon verstorben, aber nicht minder grandios war Jiří Bělohlávek.
      Diese sind mE die heimlichen und wahren Stars der klassischen Musik, denn sie haben mir hervorragende und sehr berührende Erlebnisse verschafft, dafür bin ich dankbar. Aber sie werden nicht so gepusht wie Currentzis.
      Ich kann die Musikwelt nicht verändern. Currentzis wird es auch weiterhin geben, er wird für volle Säle sorgen und Geld kassieren - während der meiner Meinung nach grandioseste Dirigent der Gegenwart (nämlich Michael Boder) viel viel weniger bekannt ist. So ist das leider, denn Boder dirigiert ein Randrepertoire (vornehmlich 20. und 21. Jahrhundert), stellt sich nicht in den Mittelpunkt und wird null vermarktet. Aber es widerspricht ganz massiv meinem Gerechtigkeitssinn, dass Currentzis eine Massen-Publicity bekommt, während gleichzeitig Künstler, die ich als seriös und 100000mal besser einschätze, weniger bekannt sind, weniger Geld verdienen und weniger auf Tonträger verewigt sind, eben weil sie ihre Karriere abseits des Scheinwerferlichtes machen.
    • Sadko schrieb:

      Aber es widerspricht ganz massiv meinem Gerechtigkeitssinn, dass Currentzis eine Massen-Publicity bekommt, während gleichzeitig Künstler, die ich als seriös und 100000mal besser einschätze, weniger bekannt sind, weniger Geld verdienen und weniger auf Tonträger verewigt sind, eben weil sie ihre Karriere abseits des Scheinwerferlichtes machen.
      Welcome to the jungle my friend ;)
      Deine Beschreibung trifft aber eher auf jemanden wie Karajan oder A. Netrebko zu. Noch denke ich nämlich, dass Currentzis derzeit zwar "am kommen", aber noch lange kein Podiums-Superstar ist. Von "Massen-Publicity" kann man wirklich nicht sprechen, eher von einer Art Insider-Hype. Dafür müsste er erstmal die wirklich großen Orchester und Opernhäuser dieser Welt dirigieren und dann sieht man, wie er sich mit solch erfahrenen Musikern schlägt und was dabei an Ergebnissen rauskommt. Ich bin daher seehr gespannt auf das Verdi-Requiem bei den Berliner Philharmonikern im Herbst, ob's jetzt gut wird oder nicht.

      Übrigens, wenn man Currentzis' zwar große, insgesamt aber eher bescheidene Holzhütte im Hinterland von Perm anschaut (siehe oben verlinkte SWR-Doku), dann glaub ich nicht, dass er ein Materialist ist. Und sollte TC tatsächlich ein Blender sein, dann wohl der erfolgreichste der Geschichte: Einer, der mit mittelmäßigen Musikern aus Sibirien in eine Stadt ohne große Infrastruktur am Ural zieht und innerhalb weniger Jahre durch wenige Einspielungen völlig abgenudelter Werke für Aufsehen sorgt, ein mittlerweile angesehenes Musikfestival gegründet und auf die großen Engagement trotz seiner 47 Jahre bislang immer verzichtet hat.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams