Teodor Currentzis

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    • Nach ursprünglicher Planung hätte Currentzis im September an 14 Abenden, also durchschnittlich fast jeden zweiten Tag, ein Konzert bzw. eine semikonzertante Oper dirigiert. Fast schon gergievsche Zahlen. Kein Wunder, dass bei ihm leicht kokettierend der Wunsch aufkeimt, nur noch an drei Abenden pro Jahr zu dirigieren (siehe dieses Interview).

      Vor zehn Tagen habe ich Currentzis bei einer dieser semikonzertanten Aufführungen von Mozarts Don Giovanni im Wiener Konzerthaus erlebt (Besetzung siehe hier). Mir haben sich wieder Glanz und Gefährdung seines Musizierens offenbart, wobei ersterer deutlich überwog: noch nie habe ich Donna Annas Rezitativ Don Ottavio, son morta! so wild ausbrechend, so ausgefeilt in den Tempowechseln, so dramatisch gesteigert bis zum Beginn der Arie gehört - woran Sopranistin Nadezhda Pavlova durch atemberaubende Verbindung vibratoarmen Singens mit stimmlicher Attacke samt plötzlichen Zurücknahmen ins Piano (bei gelegentlichen Intonationsproblemen) gerüttelt Anteil hatte. Aber auch sonst überzeugten viele, lyrische wie dramatische Soloszenen resp. Arien durch klangliche Charakterisierung und engste Abstimmung mit den jeweiligen Sängern. Gerade Stücken wie Giovannis Metà di voi qua vadano im zweiten Akt, das sonst oft verhuscht und etwas unter Niveau wirkt, tut die klanglich-gestische Profilierung gut. Großartig auch Duette wie das kleine, mit wunderbaren Auszierungen gesteigerte zwischen Anna und Ottavio (lyrisch, kernig und weitgehend koloraturensicher: Kenneth Tarver) in der scena ultima, oder Là ci darem la mano mit unwiderstehlichem Swing im Andiam, andiam. Currentzis arbeitet klar auf der Basis historisch informierter Aufführungspraxis - Tempi, Instrumente, Continuo- und Verzierungspraxis - wobei mir im konkreten Fall die Nähe zu René Jacobs besonders auffiel. Die Gewalt der Komturszene im zweiten Aktfinale trifft Currentzis m.E. aber viel besser; der fast 80jährige Robert Lloyd als Commendatore macht seine Sache nach wie vor gut. Das Continuo dominiert generell stark: die Schnitte zwischen Rezitativ und Arie werden fast immer durch improvisierte Überleitungen reizvoll verwischt, Hammerklavier und Barockgitarre (gelegentlich auch moderne Gitarre) wirken eifrig auch in den Arien und Ensembles mit. Da bin ich hin- und hergerissen: muss bei Giovannis Ständchen das Hammerklavier zur Mandolinenbegleitung wirklich noch eine zweite, imitierende Stimme hinzuimprovisieren? Vom solide, aber weitgehend glanzlos und uncharismatisch singenden Titelrollendarsteller Dimitris Tiliakos, dessen Part doch hier die Hauptsache sein sollte, bleibt da nicht mehr viel übrig. Muss die (gelegentlich möglicherweise elektronisch verstärkte) Gitarre in vielen Ensembles so stark durchklingen und den in schnelleren Tutti-Passagen ohnehin schon perkussiv geprägten Klang durch Skandieren auf den schweren Taktteilen noch gewaltsamer prägen (Finch'han dal vino oder Riposate, vezzose ragazze im ersten Finale)? Im Gegensatz zu den Soloszenen und Duetten wirken die größeren Ensembles fahriger, teils durch stark gehetzte Tempi überwiegend aufs Zusammenbleiben bedacht. Die blitzartigen Übergänge oder "Beleuchtungswechsel" vor dem Auftritt des maskierten Trios im ersten Finale oder vor Annas Einsatz im Sextett des zweiten Akts klingen beiläufig, gehen fast unter. Und die berühmte Übereinanderlagerung der drei Tänze im ersten Aktfinale wird klanglich und szenisch verschenkt, schon weil die entsprechenden Instrumentalisten im Orchester sitzen- bzw. stehenbleiben, anstatt sich als zusammengehörige Banda räumlich zu separieren.

      Solide halbszenische Zurichtung, wie man sie in letzter Zeit öfter sieht. Manchmal witzig, wenn Zerlina (ohne Tadel, sonst wenig auffällig: Christina Gansch) beim Batti, batti öfters gegenüber dem Solocellisten handgreiflich wird. Manchmal mit Knalleffekt, wenn das Partyvolk im ersten Finale den Saal stürmt und ein Transparent mit Viva la libertà-Aufschrift entrollt. Oder das Stück weiterentwickelnd, wenn Giovanni und Leporello (Kyle Ketelsen klingt seinem Herrn sehr ähnlich, was nicht immer von Vorteil ist) im Terzett mit Elvira (Federica Lombardi: gehobener Standard; durch das vollere, vibratoreichere Timbre deutlich von Donna Anna unterschieden) nicht nur die Kleider sondern entgegen der Partitur teilweise auch ihre stimmlichen Parts tauschen. Die theatralischste Person auf der Bühne war (neben der entfesselten Pavlova) Currentzis selbst, dessen wüste Gestik und Ausflüge vom Pult ins Orchester stellenweise für Heiterkeit im Publikum sorgten. Der mit Abstand beste Gag: die Komturszene geht zu Ende, alle warten auf die scena ultima, keine Hand rührt sich - nach vielleicht zwanzig Sekunden verlassen Currentzis und die Sänger die Bühne. Tatsächlich, Currentzis hat das Schlussextett (der sog. Wiener Fassung folgend) gestrichen, das hat man lange nicht erlebt. Dirigent, Sänger und Orchester nehmen den stürmischen Beifall entgegen, verbeugen sich mehrfach, plötzlich - jetzt erst - gibt Currentzis den Einsatz zur scena ultima (ironischerweise unter Beteiligung von Giovanni und Komtur in der Schlussfuge), deren prekäre Stellung so besonders pointiert hervorgehoben wurde.

      Trotz aller Kritik im Detail: von den Currentzis-Aufführungen, die ich im Lauf der Jahre erlebt habe, war das eine der überzeugendsten.

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Nach ursprünglicher Planung hätte Currentzis im September an 14 Abenden, also durchschnittlich fast jeden zweiten Tag, ein Konzert bzw. eine semikonzertante Oper dirigiert. Fast schon gergievsche Zahlen. Kein Wunder, dass bei ihm leicht kokettierend der Wunsch aufkeimt, nur noch an drei Abenden pro Jahr zu dirigieren...

      "Das strapazierte Zeitbudget" des Dirigenten sowie eine kryptische "konzeptionelle Neuausrichtung des Ensemble MusicAeterna" führen laut Management von MusicAeterna kurzfristig dazu, dass Currentzis im März 2020 bei geplanten kompletten Aufführungen der Beethovensinfonien im Wiener Konzerthaus und beim Bonner Beethovenfest nur einen Teil der Konzerte dirigieren wird (jeweils drei von fünf, den Rest übernimmt Giovanni Antonini).

      klassik-heute.com/4daction/www_aktuelles_meldung?id=22757
      slippedisc.com/2019/10/currentzis-cuts-beethoven/

      Auf der Website des Wiener Konzerthauses (konzerthaus.at/konzert/eventid/57131) hört sich das so an: Die Konzerte der musicAeterna sind durch Authentizität und Lebendigkeit in Kombination mit einer außergewöhnlichen instrumentaltechnischen und künstlerischen Brillanz charakterisiert. Um diesem Anspruch weiterhin gerecht zu werden, hat sich Teodor Currentzis dazu entschlossen, die Aufgabe der künstlerischen Leitung der fünfteiligen Aufführung aller Symphonien von Ludwig van Beethoven mit Giovanni Antonini zu teilen.

      Vielleicht Teil einer allmählichen Absetzbewegung Currentzis' in Richtung etablierter Institutionen des west- und mitteleuropäischen Musiklebens? Immerhin verläuft die Teilabsage geordneter als der berüchtigte Absprung von den Donaueschinger Musiktagen 2012: swr.de/swrclassic/donauesching…zis,article-swr-1602.html

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Vielleicht Teil einer allmählichen Absetzbewegung Currentzis' in Richtung etablierter Institutionen des west- und mitteleuropäischen Musiklebens? Immerhin verläuft die Teilabsage geordneter als der berüchtigte Absprung von den Donaueschinger Musiktagen 2012: swr.de/swrclassic/donauesching…zis,article-swr-1602.html

      Diese Donaueschingen-Episode war mir gar nicht bewusst - sehr interessant... Was ich an der Geschichte nicht verstehe: natürlich gibt es keine "Aufnahmen" im eigentlichen Sinne, wenn das Stück eine Weltpremiere sein wird. Aber was doch machbar sein sollte, ist das Versenden der Version, die ein Notenprogramm abspielt. Das klingt natürlich nicht richtig nach dem fertigen Stück, aber für einen ersten Eindruck reicht es. Ich habe 1996 mal an zwei Weltpremieren musizierend mitgewirkt, und damals wurden wir als Instrumentalisten auf diese Weise auf die Stücke vorbereitet. Wir haben die Notenprogramm-Versionen seinerzeit noch auf Kassette erhalten, im Jahr 2012 hätte man sie vermutlich als mp3-Dateien an Currentzis schicken können (ggf. per Dropbox o.ä.). Das Low-Tech-Versenden der Partituren per Post nach Perm geht in eine ähnliche Richtung - das hätte man 2012 doch wohl auch elektronisch lösen können.

      Sorry für das OT - die Regelung für die Beethoven-Sinfonien ist ja nicht minder diskussionswürdig. Bei einem solchen Prestige-Projekt teilt man sich die Arbeit doch eigentlich nicht mit einem Kollegen - auch nicht, wenn der Antonini heißt.

      LG :wink:
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    • Symbol schrieb:

      Aber was doch machbar sein sollte, ist das Versenden der Version, die ein Notenprogramm abspielt. Das klingt natürlich nicht richtig nach dem fertigen Stück, aber für einen ersten Eindruck reicht es. Ich habe 1996 mal an zwei Weltpremieren musizierend mitgewirkt, und damals wurden wir als Instrumentalisten auf diese Weise auf die Stücke vorbereitet. Wir haben die Notenprogramm-Versionen seinerzeit noch auf Kassette erhalten, im Jahr 2012 hätte man sie vermutlich als mp3-Dateien an Currentzis schicken können (ggf. per Dropbox o.ä.).
      Nicht dass ich mich da auskennen würde. Aber wenn ich z.B. Moritz Eggerts Bericht über Sampleprogramme für "Sibelius" (Stand September 2013) lese ("dass es nur für Komponisten Sinn macht, die Bedarf an akustischer Simulation von Musik ohne allzu viele spezielle Spieltechniken haben, sprich: Lachenmann und Ferneyough ließen sich nur schwer und unbefriedigend realisieren") und dann die Beschreibung eines der in besagtem Konzert uraufgeführten Stücke ("My My Country" von Martin Smolka) dazu in Beziehung setze, kann ich mir vorstellen, dass das Abspielen eines damals gängigen Notenprogramms damals nur sehr unbefriedigend gewirkt hätte bzw. nur sehr kompliziert zu realisieren gewesen wäre. Ich hätte mir auch vorgestellt, dass bei orchestralen Uraufführungen auf diesem Niveau (Donaueschingen/SWR-Orchester/Currentzis) die traditionelle Erarbeitung (Partiturstudium, ausgiebige Proben) nach wie vor Standard sei - aber da mag ich naiv sein...

      Symbol schrieb:

      die Regelung für die Beethoven-Sinfonien ist ja nicht minder diskussionswürdig. Bei einem solchen Prestige-Projekt teilt man sich die Arbeit doch eigentlich nicht mit einem Kollegen - auch nicht, wenn der Antonini heißt
      Könnte man m.E. drüber diskutieren, wenn es von vornherein Konzept gewesen wäre. Aber die Aufteilung der Konzerte zwischen den beiden Dirigenten ist ja offenbar nur ein Notbehelf, weil Currentzis aufgrund der Überfülle seiner Verpflichtungen ("das strapazierte Zeitbudget") einen Rückzieher machen musste. Was zumindest im Falle des Bonner Beethovenfestes, bei dem der Vorverkauf bereits läuft, dazu führt, dass der Veranstalter sich genötigt fühlt, den Kunden die Möglichkeit der Kartenrückgabe einzuräumen.

      Mir geht es nicht um Currentzis-Bashing. Ich halte ihn trotz aller möglichen und auch notwendigen Kritik derzeit für einen der interessantesten Dirigenten - das habe ich in diesem Thread immer wieder versucht zu begründen. Aber wie er sich dem Musikbetrieb, dessen Termindruck und einer spezifischen Vermarktung ausliefert (trotz des von ihm gepflegten Image, genau das nicht zu tun), ist schon beängstigend. In dieser Hinsicht ähnlich (wenn auch sonst ganz anders): Andris Nelsons, der wie wild in der Welt herumreist, x verschiedene Orchester dirigiert, gleichzeitig Schostakowitsch-, Bruckner- und Beethovenzyklen abspult - als wolle er noch in seinen Vierzigern das gesamte Standardrepertoire eingedeckelt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Aber wenn ich z.B. Moritz Eggerts Bericht über Sampleprogramme für "Sibelius" (Stand September 2013) lese ("dass es nur für Komponisten Sinn macht, die Bedarf an akustischer Simulation von Musik ohne allzu viele spezielle Spieltechniken haben, sprich: Lachenmann und Ferneyough ließen sich nur schwer und unbefriedigend realisieren") und dann die Beschreibung eines der in besagtem Konzert uraufgeführten Stücke ("My My Country" von Martin Smolka) dazu in Beziehung setze, kann ich mir vorstellen, dass das Abspielen eines damals gängigen Notenprogramms damals nur sehr unbefriedigend gewirkt hätte bzw. nur sehr kompliziert zu realisieren gewesen wäre.

      Das mag natürlich sein. Diese Simulationsprogramme sind zwar schon recht gut und können auch einige spezielle Spieltechniken berücksichtigen, aber so etwas wie "furze in die Trompete" können sie sicherlich nicht umsetzen. :D Wie es mit Mikrotönen aussieht (vergl. die von Dir verlinkte Beschreibung), ist mir nicht bekannt.

      Zwielicht schrieb:

      Mir geht es nicht um Currentzis-Bashing. Ich halte ihn trotz aller möglichen und auch notwendigen Kritik derzeit für einen der interessantesten Dirigenten - das habe ich in diesem Thread immer wieder versucht zu begründen.

      Das sehe ich ähnlich, auch wenn seine Beiträge zum Tonträgermarkt dies bisher wohl noch nicht ganz untermauern können. Dies würde für einen Kirill Petrenko aber wohl auch gelten. Vielleicht sind die Zeiten vorbei, in denen Dirigenten durch aufsehenerregende Einspielungen zu Ruhm und Ehre gekommen sind. Das ist dann aber wohl ein anderes Thema...

      Zwielicht schrieb:

      Aber wie er sich dem Musikbetrieb, dessen Termindruck und einer spezifischen Vermarktung ausliefert (trotz des von ihm gepflegten Image, genau das nicht zu tun), ist schon beängstigend.

      Das verstehe ich auch nicht ganz. Es müssen ja nicht gleich die genannten drei Konzerte pro Jahr werden, aber wieso kann er nicht etwas zurückhaltender mit der Annahme von Verpflichtungen sein? Er ist m. E. mittlerweile so etabliert, dass er keine Angst mehr vor Nicht-Beachtung haben müsste, wenn er es ein wenig langsamer angehen ließe. Ein gewisser Carlos Kleiber hat diese Verknappung der Güter ja sogar mal zu seinem Markenzeichen gemacht. So weit möge Currentzis bitte nicht gehen, aber muss er sich den derzeitigen Stress wirklich antun?

      Was eine Rolle spielen könnte: wie ist es denn mit der Finanzierung von MusicAeterna? Müssen die vielleicht eine gewisse Zahl von Konzerten pro Jahr runterkloppen, um fortbestehen zu können? Falls ja: vielleicht werden sie von vielen Veranstaltern nur gebucht, wenn Currentzis dirigiert (oder dies zumindest in Aussicht stellt). Das ist aber natürlich reine Spekulation meinerseits.

      Zwielicht schrieb:

      In dieser Hinsicht ähnlich (wenn auch sonst ganz anders): Andris Nelsons, der wie wild in der Welt herumreist, x verschiedene Orchester dirigiert, gleichzeitig Schostakowitsch-, Bruckner- und Beethovenzyklen abspult - als wolle er noch in seinen Vierzigern das gesamte Standardrepertoire eingedeckelt haben. Aber das ist eine andere Geschichte.

      In der Tat eine andere Geschichte... Ich habe dazu etwas erfahren, das aber m. E. nicht hierher gehört.

      LG :wink:
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    • Symbol schrieb:

      Das verstehe ich auch nicht ganz. Es müssen ja nicht gleich die genannten drei Konzerte pro Jahr werden, aber wieso kann er nicht etwas zurückhaltender mit der Annahme von Verpflichtungen sein? Er ist m. E. mittlerweile so etabliert, dass er keine Angst mehr vor Nicht-Beachtung haben müsste, wenn er es ein wenig langsamer angehen ließe. Ein gewisser Carlos Kleiber hat diese Verknappung der Güter ja sogar mal zu seinem Markenzeichen gemacht. So weit möge Currentzis bitte nicht gehen, aber muss er sich den derzeitigen Stress wirklich antun?
      Ist vielleicht einfacher gesagt als getan - einem Sog kann man nur schwer widerstehen. Ich kann nur spekulieren: Es fängt mit einer gewissen Karriereplanung an - man wird bei einem zweiten Orchester Chef und verdoppelt damit seine Verpflichtungen. MusicAeterna bleibt Currentzis' Standbein, auch im Tonträgermarkt. Mit dem SWR-Orchester erhält er Eintritt (bzw. ein Sprungbrett) in die etablierten Institutionen des westlichen Musiklebens. Mit dem wachsendem Ruhm kommen dann auch vermehrt Einladungen zu Institutionen mit großem Namen - in der laufenden Spielzeit das Debut bei den Berliner Philharmonikern, ab der nächsten oder übernächsten Spielzeit Premieren an der Wiener Staatsoper. Das lehnt man dann auch nicht unbedingt ab. Apropos Wiener Staatsoper: Hier wird bekanntlich demnächst Bogdan Roščić, bisher Currentzis' großer Förderer bei Sony, zum Intendanten. Die Rolle der Agenten und Manager sollte man nicht unterschätzen, Currentzis macht vermutlich kaum selbst seine Terminpläne. (Mir fällt übrigens noch ein dritter Fall von Absage ein: Im November 2016 hat Currentzis kurzfristig das Premierendirigat von Mozarts Entführung an der Zürcher Oper abgeblasen und seinen Cembalisten Maxim Emelyanychev ans Pult befördert.)

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Die Rolle der Agenten und Manager sollte man nicht unterschätzen, Currentzis macht vermutlich kaum selbst seine Terminpläne.

      Definitiv - die Macht der Agenturen im Klassik-Betrieb ist erheblich (und hat m. E. partiell schädliche Dimensionen angenommen).

      Zwielicht schrieb:

      Mir fällt übrigens noch ein dritter Fall von Absage ein: Im November 2016 hat Currentzis kurzfristig das Premierendirigat von Mozarts Entführung an der Zürcher Oper abgeblasen und seinen Cembalisten Maxim Emelyanychev ans Pult befördert.

      Interessant, auch dieser Fall war mir nicht mehr gegenwärtig.

      LG :wink:
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    • Gerade höre ich sein Verdi- Requiem aus Brüssel.

      Verdi: Messa da Requiem
      Zarina Abaeva, soprano; Hermine May, mezzo-soprano; René Barbera, tenor; Tareq Nazmi, bass; Choir of Perm Opera; MusicAeterna Orchestra/Teodor Currentzis
      rec: March 28, 2019, Brussels, Palais des Beaux-Arts (Klara Festival 2019)

      Gern gebe ich zu: ich weiß oft nicht, woran ich bin bei Currentzis. Manches wirkt auf mich völlig schlüssig, anderes eben nicht.
      Sein Rameau kommt bei mir nicht an, mir fehlt die Sinnlichkeit eines Brüggen.

      Sein Verdi aber, der erinnert mich stark an das Dirigat Szells: Logik vor Sentiment.
      Die 'alten Instrumente' tragen zur Nüchternheit bei, die dem Werk guttut- in meinen Ohren.
      Nur ist Currentzis oft noch leiser, noch stiller- was dem Werk gut bekommt, wie ich finde.
      Aus Stille heraus entwickelt.

      Konventionen sind nicht verbindlich, hier finde ich das gelungen und gut.
      Und überwältigend überzeugend! Fast kammermusikalisch gelesen, eben aus der Stille entstehend und nicht, wie meist, auf "Sound" gedacht.

      Ein Eindruck, den ich bereits hatte bei DSCHs "Leningrader" aus Perm.
      Verweigerung des Effekts...ihn aber sehr genau pointiert nutzend.

      Weniger ist mehr...mir sagt das sehr zu.
      Szells Mitschnitt des Werks ist sehr nahe an dem Currentzis'.
      Nüchtern, ohne großes Sentiment, von innen heraus entwickelt.
      Erstaunlich leise und sanft, mit erschütternden Momenten des Innehaltens. Statt auf Dauer- Betroffenheit zu setzen.
      Mich überzeugt das mehr als vieles andere.

      Herzliche Grüße,
      Mike
      "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Voltaire
    • Hempel schrieb:

      Verdi: Messa da Requiem
      Mit diesem Werk debütierten Teodor Currentzis und musicAeterna nicht nur gerade in New York, sondern er gibt damit auch in der nächsten Woche (29. und 30. November 2019) sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern:
      berliner-philharmoniker.de/tit…192020/teodor-currentzis/
      Überflüssig zu sagen, dass die beiden Konzerte seit Monaten ausverkauft sind.
      We drink from hot wells poisoned with the blood of our children.
      (James Taylor, "New Hymn")

      Ich will, dass Ihr handelt, als würde Euer Haus brennen. Denn es brennt.
      (Greta Thunberg)
    • Ja gut, Debüt gelungen. Ich habe zumindest bei den Berlinern noch nie so eine Reaktion des Publikums nach einem ersten Gastspiel gesehen. Der wird wiederkommen, und zwar bald.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Kränkelnd im Bett liegend, gerade mal 2 Km Luftlinie von der Philharmonie entfernt, habe ich mir gerade Verdis Requiem live in der DCH angeschaut. Wow! Ich fand es fantastisch. Eines der -- ja! -- besten Werke der Musikgeschichte umwerfend dargeboten. Tolle Solisten. Mir gefielen insbesondere Annalisa Stroppa und Evgeny Stavinski, aber auch die anderen waren toll.

      Wenn ich nach Rezensionen googele, dann frage ich mich: warum fängt fast jeder Artikel schon in der Überschrift mit der Frage "Messias oder Scharlatan?" an? Was soll der Quatsch? Wenn ich z. B. diese Rezension
      rbb24.de/kultur/beitrag/2019/1…liner-philharmoniker.html

      lese, frage ich mich, ob der Rezensent vor dem Konzert eine Packung Valium genommen hat. Wahrscheinlich hat er genau die Kritik geschrieben, die er vorher schreiben wollte. Einzig in dem Lob an die Mezzosopranistin stimme ich ihm zu.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      In mir steckt noch ganz viel Zeug hier drin fest, Gefühle und so. --- Nick Tschiller
    • Die Kritik im Tagesspiegel war ähnlich dämlich und erzwungen X/ .
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Tichy schrieb:

      Ja gut, Debüt gelungen. Ich habe zumindest bei den Berlinern noch nie so eine Reaktion des Publikums nach einem ersten Gastspiel gesehen. Der wird wiederkommen, und zwar bald.
      Da erinnere ich nur an den großen Georg Kreisler, der hier gesagt hat:
      Man muss immer darauf schauen: Wodurch hat man den Erfolg und wer applaudiert. Das ist nicht immer das gleiche. Man applaudiert auch irgendwelchen minderwertigen Unterhaltern.

      maticus schrieb:

      warum fängt fast jeder Artikel schon in der Überschrift mit der Frage "Messias oder Scharlatan?" an? Was soll der Quatsch?
      Es ist erfreulich, dass manche Kritiker auch langsam draufkommen, was ihnen da für ein Dilettant als "Messias" verkauft wird........
    • Hallo zusammen,

      ich habe gestern Abend ab dem Beginn des 'Dies irae' mit meiner Partitur der Radio-Übertragung auf DLF Kultur aus der Berliner Philharmonie gelauscht (vorher ohne Partitur) und war recht angetan von der Aufführung. Bei mir ist akustisch angekommen, dass der Chor aufnahmetechnisch recht leise war. Drum meine Frage an die Konzertgänger: war das im Saal auch so leise? Manche Choreinsätze waren recht verhalten, aber grundsätzlich war das eine sehr überzeugende Darstellung, die mir recht gut entwickelt schien. Merkwürdig erschien mir der Schluss des 'Lacrymosa' im Dies irae: die recht haklige Stelle des Animando un poco ab Takt 657 schien mir nicht vom Fleck zu Kommen und das kurz danach stehende Ritardando vor 665 war viel zu breit. Ansonsten eine sehr gelungene Aufführung, mir hat als Radiohörer der Tenorsolist am besten gefallen ....

      Da Emotionen ja bekanntlich lediglich im Saal zu erleben sind, auch hier die Frage an die Konzertgänger: wie war das? Der sehr lange Nachhall vor dem Einsetzen des Beifalls spricht ja eigentlich für eine emotional reiche Aufführung ....

      Gruß Benno
      Überzeugung ist der Glaube, in irgend einem Puncte der Erkenntniss im Besitze der unbedingten Wahrheit zu sein. Dieser Glaube setzt also voraus, dass es unbedingte Wahrheiten gebe; ebenfalls, dass jene vollkommenen Methoden gefunden seien, um zu ihnen zu gelangen; endlich, dass jeder, der Überzeugungen habe, sich dieser vollkommenen Methoden bediene. Alle drei Aufstellungen beweisen sofort, dass der Mensch der Überzeugungen nicht der Mensch des wissenschaftlichen Denkens ist (Nietzsche)
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Manche Choreinsätze waren recht verhalten[...]
      Auch in der DCH Übertragung sind mir die recht leise abgemischten Holzbläser aufgefallen, im Bereich des Chors waren vor allem die Männer etwas schlecht abgedeckt.

      Die Meinung aus dem Saal interessiert mich daher auch sehr ;)
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Hallo Benno und Tichy,

      ich war in der Aufführung am Freitag (also nicht in der, die du gehört hast). Ich muss aber das Eingeständnis machen, dass ich das Requiem davor (schändlicherweise) nur flüchtig kannte und auch noch nie live gehört hatte. Deshalb kann ich zu den spezifischen Momenten die du ansprichst, auch nichts sagen. Ich saß hinter dem Orchester bzw. Chor und dort kam der (wie ich fand) exzellente Chor ausgesprochen schlagkräftig an (der erste Einsatz freilich - wie offenkundig beabsichtigt - fast unhörbar leise).

      Interessant, dass du den Tenor hervorhebst, der mir am Freitag noch am wenigsten gefallen hat, mir schien er in der Höhe etwas angestrengt. Wie der Großtel des Publikums war ich auch begeistert von der Sopranistin, auch wenn es zutrifft (wie in einer Kritik geschrieben), dass sie in der Höhe an wenigen Stellen nicht hunderprozentig treffsicher war. Sehr wirkungsvoll, war, dass sie sich für das Libera me in die Mitte des Chors begeben hat - das klang großartig.

      Die (von Currentzis durch seine Haltung "erzwungene") lange Pause vor dem Einsetzen des Applauses empfand ich als als angemessen und in keiner Weise irgendwie unangenehm.

      Sehr schlimm aber die Reihe von Hustern ausgerechnet am Beginn der Aufführung - mir wird es für immer unbegreiflich bleiben, dass man sich gerade bei solch leisen Passagen nicht bezwingen kann...
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Drum meine Frage an die Konzertgänger: war das im Saal auch so leise? (...)

      Da Emotionen ja bekanntlich lediglich im Saal zu erleben sind, auch hier die Frage an die Konzertgänger: wie war das?

      Tichy schrieb:

      Die Meinung aus dem Saal interessiert mich daher auch sehr

      Ich fühle mich angesprochen, da ich gestern im Saal war, und zudem habe ich durch mein Live-Erlebnis in der Elbphilharmonie am 1. April 2019 eine direkte Vergleichsmöglichkeit zwischen zwei Aufführungen des Verdi-Requiems mit Teodor Currentzis. Bei beiden Konzerten hatte er die Sopranistin Zarina Abaeva sowie den Chor von musicAeterna dabei. Anstelle der weiteren Solisten Annalisa Stroppa, Sergej Romanowsky und Evgeny Stavinsky waren es in Hamburg Vardui Abrahamyan, René Barbera und Tareq Nazmi. Und anstelle der Berliner Philharmoniker spielte in Hamburg das Orchester von musicAeterna. In Hamburg gab es eine Aufführung mit Chor und Orchester in Mönchskutte, während in Berlin das Orchester wie üblich Frack und Abendkleid trug. Auch der Chor erschien nicht in Mönchskutte. Selbstredend saß in Berlin das Orchester, wie man das halt so macht, während es in Hamburg - den Intentionen von Currentzis folgend - im Stehen spielte.

      Ich habe Currentzis bisher mit vier Orchestern live erlebt: Mit musicAeterna, mit dem SWR Sinfonieorchester, mit dem Mahler Chamber Orchestra und nun mit den Berliner Philharmonikern. Während die beiden erstgenannten Ensembles ohnehin vollständig auf ihren Chefdirigenten eingeschworen sind, zeigte sich das Mahler Chamber Orchestra ähnlich offen für Currentzis' Vorstellungen und setzte diese perfekt um. Gestern bei den Berliner Philharmonikern ergab sich leider ein vollständig anderes Bild. Der Magier Currentzis traf auf ein Orchester, das sowohl bei mir als auch bei meiner Begleitung zu keinem Zeitpunkt den Eindruck aufkommen ließ, sich auf diesen sehr besonderen Dirigenten einzulassen und seinen Weg mitzugehen. Das Orchester wirkte trotz des wie üblich abgerufenen orchestralen Glanzes distanziert, ohne innere Anteilnahme, fast schon wie eine Organisation, die "Dienst nach Vorschrift" macht. Das hatte natürlich auch Rückwirkungen auf den Dirigenten, der gestern weitaus weniger mit vollem Körpereinsatz dabei war, als ich es sonst von ihm gewohnt bin. Richtig in seinem Element war er dann, als es den Chor zu dirigieren galt, und bezeichnenderweise rückte er das Pult, auf dem seine Partitur lag, in einer Satzpause um etwa einen dreiviertel Meter weiter nach vorn (offenbar wollte er näher an seinem Chor sein).

      Ich hatte das Gefühl, dass das Orchester mit Currentzis nicht viel anfangen kann, und schon gar nicht war es bereit, irgendetwas von den Besonderheiten mitzumachen, die ein Currentzis-Abend nun mal an sich hat. Simples Beispiel (eine reine Äußerlichkeit zwar, die aber viel besagt): Verbeugungen beim Schlussapplaus finden bei seinen Ensembles in Sälen, in denen das Publikum um die Mitwirkenden herum gruppiert ist (wie in der Berliner Philharmonie und in der Elbphilharmonie), immer in vier Richtungen statt: Nach vorn, nach seitlich links, nach hinten und nach seitlich rechts. Eine schöne Geste, bei der ich mich immer frage, warum das nicht jedes Ensemble so macht (das NDR Elbphilharmonie Orchester verbeugt sich immerhin nach vorn und dann ein einziges Mal auch nach hinten, nie jedoch zu den Seiten). Gestern bot sich das skurrile Bild, dass sich Dirigent, Solisten und der Chor jeweils auf den entsprechenden Fingerzeig von Currentzis hin zu allen vier Seiten verbeugten, während dazwischen das Orchester reglos stand und dabei nicht mitmachte. Selbst wenn sie von dieser bei Currentzis üblichen Geste an das Publikum beim ersten Abend überrascht gewesen sein sollten, hätten sie jedenfalls am zweiten Abend mitmachen können. Taten sie aber nicht. Sie hatten ihre "Mucke" hinter sich gebracht und wollten nach Hause. Beamtenmentalität nennt man das wohl. Es kam sogar so weit, dass sich die an einem Pult zusammensitzenden Streicher schon wie üblich die Hand gaben, weil sie dachten, jetzt sei endlich Feierabend, aber nein: das Publikum war so aus dem Häuschen, dass es wie verrückt weiterklatschte. Und so mussten sie noch eine Weile länger auf der Bühne bleiben.

      Als das Orchester von der Bühne verschwunden war, klatschte das Publikum einfach weiter, und als Currentzis dann schließlich allein ein letztes Mal auf die Bühne kam, erlebte ich einen Beifalls- und "Bravo"-Orkan, wie ich es in dieser Intensität eigentlich zuvor nur bei dem greisen Sir Georg Solti nach seinem letzten Konzert mit den Berliner Philharmonikern erlebt habe. Die Situation war dieselbe: Der Dirigent stand allein auf der Bühne und fand eine grenzenlos begeisterte, geradezu ausrastende Menge von Musikkennern vor, die ein rares Musikerlebnis hinter sich hatte, von dem man noch lange sprechen wird.

      Zum Publikum: Anfangs hustend und unruhig, dann aber immer stiller werdend und nach dem Schlusston so lange mucksmäuschenstill, bis Currentzis die Arme langsam senkte. Und es folgte sofort eine standing ovation, die sich gewaschen hat. Allerdings habe ich es bei Currentzis noch nie irgendwo erlebt, dass es keine standing ovation gab (ich habe ihn bisher in Hamburg, Bremen, Baden-Baden und Berlin gesehen, es war überall dasselbe).

      Zum Chor: Ich habe noch nie eine bessere Chorleistung erlebt als in diesen beiden Verdi-Aufführungen unter Currentzis in Hamburg und Berlin. Das war eine geradezu überirdische sängerische Leistung. Eine Wucht sondergleichen. Als zu leise, lieber Benno, habe ich den Chor nicht empfunden, und selbst in der Passage, in der der Chor nur flüsterte, kamen die Laute deutlichst herüber.

      Zu den Solisten: Die Sopranistin war großartig, wenngleich ihr im "Libera me" leider der Spitzenton im Ansatz verrutschte. Sie fing den Ton aber wieder ein. Bei den beiden Herren fiel mir gelegentlich eine etwas kehlige, fast schon gurgelnde Intonation auf - ich war von ihnen nicht restlos begeistert. Umso mehr aber von der Mezzosopranistin, die - und das als Einspringerin - phänomenal ihren Part gestaltete.

      Zum Orchester: Was möglich ist, wenn sich alle Beteiligten auf der Bühne restlos auf das Konzept des Dirigenten einlassen, hat musicAeterna in der Elbphilharmonie gezeigt. Zum Niederknien beeindruckend war das. Die Berliner Philharmoniker taten dies nicht und lieferten somit nur Edelklang ab, ohne sich mitreißen zu lassen. Sehr schade. Ich bin mir sicher, dass Currentzis und die Berliner Philharmoniker nicht ein weiteres Mal zusammen arbeiten werden. Entweder laden sie ihn sowieso nicht mehr ein, oder aber Currentzis wird eine gleichwohl ausgesprochene erneute Einladung ablehnen.

      Dass das Publikum gestern gleichwohl so restlos begeistert war, zeigt, wie überwältigend Teodor Currentzis selbst dann auf die Menschen wirkt, wenn der Abend (so wie gestern) nicht vollständig so gelingt, wie er es gerne gehabt hätte. Das Publikum weiß, dass es nicht an ihm liegt, und erkennt, welch ein Charismatiker es gerade durch die letzten zwei Stunden Konzerterlebnis geführt hat.
      We drink from hot wells poisoned with the blood of our children.
      (James Taylor, "New Hymn")

      Ich will, dass Ihr handelt, als würde Euer Haus brennen. Denn es brennt.
      (Greta Thunberg)
    • music lover schrieb:

      Sie hatten ihre "Mucke" hinter sich gebracht und wollten nach Hause. Beamtenmentalität nennt man das wohl. Es kam sogar so weit, dass sich die an einem Pult zusammensitzenden Streicher schon wie üblich die Hand gaben, weil sie dachten, jetzt sei endlich Feierabend, aber nein: das Publikum war so aus dem Häuschen, dass es wie verrückt weiterklatschte. Und so mussten sie noch eine Weile länger auf der Bühne bleiben.
      Lieber music lover, hier muss ich die Berliner ein wenig verteidigen. Seit Jahren schaue ich beinahe jedes Konzert im Stream und bin gelegentlich auch vor Ort. Es ist ein Prinzip des Orchesters, maximal 3-4 mal aufzustehen. Danach ist Schluss. Der Dirigent ist bei anhaltendem Applaus dann gefordert, noch einmal alleine raus zu kommen. Und hier ist Currentzis nicht der einzige, das habe ich schon sehr oft erlebt und gesehen. Selbst bei Petrenkos überragender Beethoven 9. Im Prinzip wird dadurch jeder Dirigent gleich behandelt, und anhaltende Ovationen gelten dann sogar ausschließlich ihm/ihr.

      music lover schrieb:

      Ich bin mir sicher, dass Currentzis und die Berliner Philharmoniker nicht ein weiteres Mal zusammen arbeiten werden.
      Hier bin ich zu 99 % anderer Ansicht ;)
      Bereits im Interview mit Sarah Willis (vor dem Konzert ausgestrahlt) konnte man ein wenig von dem Eindruck spüren, den TC auf das Orchester gemacht hat. Willis hat dabei ganz besondere Konzerte angekündigt und sich beinahe demütig von Currentzis verabschiedet. Die Berliner lieben es, gefordert zu werden. Und gefordert waren sie auf jeden Fall. Ich denke daher, das Orchester weiß mittlerweile um seinen Wert und wird es sich nicht nehmen lassen, diese Sonderstellung (und vielleicht auch das ein oder andere kontroverse, sofern dies überhaupt existiert) für sich zu vereinnahmen.

      Im Übrigen gebe ich dir zwar Recht, dass die Aufführung des Verdi Requiems mit MusicAeterna (die ich leider nur von YouTube kenne) einen Funken mehr Transzendenz und Überzeugungskraft ausgestrahlt hat. Aber auf der anderen Seite sprechen wir hier von einem Debüt, mit begrenzter Probenzeit!
      Und dennoch, die typischen Dynamikwechsel, Temporückungen und Steigerungen sind auch hier bei den Berlinern mindestens erkennbar gewesen. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass die Berliner durchaus bereit waren, TC zu folgen. Dieses Orchester macht sonst recht schnell sein eigenes Ding, das merkt man dann aber wirklich.

      Seltsamerweise gesteht ja auch der Kritiker des rbb ein, dass das Dirigat Curenntzis' von wirkungsmächtiger Präzision war: "Immer wieder höre ich grandiose Übergänge, perfekt organisierte Klangmassen. Ein ungewöhnlicher Akzent, ein krasser Effekt jagt den nächsten".
      Sowas reicht wohl selbst bei diesem theatralischen Stück nicht aus.
      „Music is a nexus. It's a conduit. It's a connection. But the connection is the thing that will, if we can ever evolve to the point if we can still mutate, if we can still change and through learning, get better. Then we can master the basic things of governance and cooperation between nations.“ - John Williams
    • Tichy schrieb:

      Der Dirigent ist bei anhaltendem Applaus dann gefordert, noch einmal alleine raus zu kommen. Und hier ist Currentzis nicht der einzige, das habe ich schon sehr oft erlebt und gesehen.
      Das habe ich bei den Berlinern, deren Konzerte ich seit Mitte der 90er Jahre regelmäßig besuche, auch schon öfter erlebt. Rattle wurde regelmäßig nach Abtreten des Orchesters noch einmal allein herausgeklatscht, andere auch. Nur die Intensität, mit der der allein auf der Bühne stehende Dirigent vom Publikum bejubelt wurde, war in den von mir besuchten Konzerten seit Sir Georg Solti nicht mehr so ausufernd und überschwänglich wie gestern bei Currentzis.

      Tichy schrieb:

      ein Prinzip des Orchesters, maximal 3-4 mal aufzustehen
      habe ich so bisher noch nicht bemerkt. Selbst wenn es ein solches Prinzip geben sollte, dann gelten aber andere Regeln, wenn sie sich wie gestern die Bühne mit einem anderen phänomenalen Klangkörper teilen: nämlich dem Chor von musicAeterna. Und es geht einfach nicht, dass sie etwas anderes machen als die in vergleichbarer Personenstärke auftretenden Gastmusiker. Taten sie ja letztlich auch nicht, denn sie setzten sich brav wieder hin.

      Tichy schrieb:

      Bereits im Interview mit Sarah Willis (vor dem Konzert ausgestrahlt) konnte man ein wenig von dem Eindruck spüren, den TC auf das Orchester gemacht hat. Willis hat dabei ganz besondere Konzerte angekündigt und sich beinahe demütig von Currentzis verabschiedet.
      Hier hast Du mir als Zuschauer der DCH etwas voraus, denn dieses Interview habe ich als Zuhörer im Konzertsaal natürlich nicht gehört. Wenn Sarah Willis von Currentzis so sehr beeindruckt ist, wie Du es schilderst, spricht das für sie. Mir fiel gestern auf, dass sie als erste von allen Orchestermusikern die Bühne betrat. Mit Ausnahme der Kontrabassisten natürlich, die ja immer schon vorher da sind und sich einspielen. Vielleicht konnte es Sarah Willis gar nicht erwarten, dass es endlich los geht.

      Die von maticus und Dir erwähnte

      maticus schrieb:

      Rezension
      rbb24.de/kultur/beitrag/2019/1…liner-philharmoniker.html
      habe ich jetzt auch gelesen. Mir fiel besonders einer der Leser-Kommentare auf, die unter dieser Kritik abgedruckt sind, welcher in die gleiche Kerbe haut wie ich. Danke für Ihre Worte, Herr Claus Günther! Hier ein Auszug aus diesem Leser-Kommentar:

      Claus Günther schrieb:

      Möglicherweise war es vielleicht die letzte Zusammenarbeit von Currentzis und seinen Sängerinnen und Sängern mit den Berliner Philharmonikern, es sei denn, Kirill Petrenko gelingt ein Wandel. Die Philharmoniker sind zwar handwerklich exzellent, aber spätestens im hilflosen Rumstehen beim Schlussjubel entsteht der Eindruck eines verbeamteten Unterhaltungsorchesters; für musikalische Offenbarungen ist es nicht (mehr?) zuständig.
      In dieser Allgemeinheit teile ich diese Worte allerdings nicht. Musikalische Offenbarungen gibt es bei den Berlinern jedenfalls dann, wenn Kirill Petrenko sie dirigiert, und nicht nur dann. Aber gestern abend war es nach meinem Empfinden genau so, wie Herr Günther es beschreibt. Während er von "verbeamtet" spricht, habe ich von "Beamtenmentalität" geschrieben. Großartig, dass wir bis in die Wortwahl hinein denselben Eindruck hatten :thumbsup:
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