Teodor Currentzis

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    • Ich habe das gleiche Programm auch gehört, allerdings am Freitag in Luzern.
      Zunächst möchte ich sagen, dass es bei aller Kritik ein sehr eindrucksvolles Liveerlebnis war, dass ich in Erinnerung halten werde.
      Das Stück von Retinsky hat mir ausnehmend gut gefallen. Eine fantastisches Klangerlebnis. Gut als Filmmusik vorstellbar. Hier sass das Orchester noch, während nach der Pause weitestgehend stehend spielte. Stehend ist das falsche Wort. Besonders die erste Geige war extrem bewegungsfreudig, so dass man beständig Angst haben musste er würde bei seinen expressiven Vor- und Zurückbewegungen das Pult des Hintermanns umschmeissen. Mahlers 5. wurde also hochdynamisch in jeder Hinsicht gespielt. Es gab sehr schöne Momente, aber letztlich fehlte es doch an Tiefe. Ein wenig zu viel Jahrmarkt. Der Walzer im dritten Satz kommt nicht richtig rüber. Irgendwas stimmt da mit dem Timing nicht. Dennoch eine eindrucksvolle Performance. Aber als Aufnahme zum Nachhören bräuchte ich es nicht. Da bleibe ich bei Bernstein mit den Wiener Philharmonikern.
    • Ich bekomme mal wieder rote Punkte im Gesicht. Für den 31. Oktober habe ich mir eine Karte im Festspielhaus Baden-Baden gekauft, da ein wirklich genial gutes Programm angekündigt war. Es hieß in der Programmankündigung (sinngemäß): Warum wird eigentlich in unserem Konzertleben immer nur die Musik ab 1600 aufgeführt? Teodor Currentzis hat mit seinen beiden Chören musicAeterna und musicAeterna Byzantina ein komplett neues Programm erarbeitet, ausschließlich mit Chorwerken vor 1600.

      Da ich mich an diesem Konzerterlebnis berauschen wollte, habe ich allein deshalb eine kleine Süddeutschland-Reise um den 31. Oktober herum gebucht, mir auch zusätzlich, da ich ja ohnehin vor Ort sein werde, eine Karte für das Fauré-Requiem am 30. Oktober in Baden-Baden (ebenfalls mit Currentzis und musicAeterna) bestellt.

      Heute kam folgende Mail des Veranstalters:

      Festspielhaus Baden-Baden schrieb:

      Anstelle der Aufführung sakraler byzantinischer Gesänge leitet Teodor Currentzis am Sonntag, 31. Oktober 2021, um 20 Uhr das neu ins Programm genommene 75-minütige Werk „Ein Schemen“ von Yannis Kyriakides. Der zeitgenössische Komponist nimmt in seinem Werk direkten Bezug auf „Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms, der Baden-Baden einst zu seiner „Sommerstadt“ wählte. Wie in dem umjubelten Chorwerk „Tristia“ (2019) übernimmt der Chor auch in „Ein Schemen“ die Hauptrolle – ergänzt um eine Harfe und Elektronik.
      Ich ärgere mich mal wieder schwarz, dass ich diesen Musikveranstaltern und Musikausführenden, obwohl ich es eigentlich besser wissen müsste, mal wieder auf den Leim gegangen bin. Ich wurde gelockt mit Chorwerken vor 1600, und was bekomme ich für mein (überaus üppiges) Eintrittsgeld stattdessen? Irgendein Zeug mit "Elektronik".

      Man kann niemandem von dieser ganzen Musikmafia (Veranstalter, Manager und Ausführende) auch nur die Uhrzeit glauben. Der Veranstalter Benedikt Stampa (Intendant des Festspielhauses) meint offenbar ebenso wie der Dirigent Teodor Currentzis, das dem zahlenden Kunden angekündigte Programm einfach um 180 Grad drehen zu dürfen. Statt Musik vor 1600 gibt es halt Musik aus 2021. Punkt. Wenn Ihr damit nicht einverstanden seid, seid Ihr selbst schuld. Was vertraut Ihr auch auf unser dummes Geschwätz von gestern und kauft ein paar Wochen im voraus Eintrittskarten?

      Wahrscheinlich kommen jetzt wieder ausübende Musiker in unserem Forum und sagen mir: Naja, man muss doch Verständnis haben für die zarten Künstlerseelen. Es tut mir leid: Ich habe nicht das geringste Verständnis für solche radikalen Programmänderungen. Wenn ich mir bei einem Lieferservice eine Pizza Tonno bestelle, dann akzeptiere ich es nicht, dass der Lieferservice mir stattdessen Chicken McNuggets bringt. Und wenn ich ein Konzert buche, will ich auch das angekündigte Programm hören.
      "Ich bin ein solcher Skeptiker, dass selbst Skeptiker in mir Skepsis auslösen."
      (Dieter Nuhr)
    • music lover schrieb:

      Wahrscheinlich kommen jetzt wieder ausübende Musiker in unserem Forum und sagen mir: Naja, man muss doch Verständnis haben für die zarten Künstlerseelen.
      Nun komm mal wieder runter! Kein Mensch hat hier Programmänderungen mit "zarten Künstlerseelen" gerechtfertigt. Das wäre ja auch einfach dumm.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Nur informationshalber hier noch die Mail des Konzertveranstalters, soweit sie das Fauré-Requiem betrifft:

      Festspielhaus Baden-Baden schrieb:

      Zum Requiem von Gabriel Fauré am 30.10. und 1.11. schwebt Teodor Currentzis vor, sich mit Ihnen zusammen auf das Hauptwerk des Abends schon in den Foyers des Festspielhauses einzustimmen. Daher hat er zusammen mit dem britischen Künstler Mat Collishaw eine musikalisch-skulpturale Introduktion erdacht, die Sie erleben können, bevor sich die Türen zum Festspielhaus-Saal öffnen.Teodor Currentzis und seine musicAeterna-Ensembles bitten Sie herzlich, das Foyer als „zweite Bühne“ und einen Ort der Kontemplation zu verstehen, an dem man sich eine kleine Weile in die Bild- und Klangwelt des Abends vertieft. Installation und Aufführung werden insgesamt etwas mehr als eine Stunde dauern.
      "Ich bin ein solcher Skeptiker, dass selbst Skeptiker in mir Skepsis auslösen."
      (Dieter Nuhr)
    • music lover schrieb:

      Statt Musik vor 1600 gibt es halt Musik aus 2021. Punkt.
      Da wäre ich allerdings auch sauer. Das ist ja schon eine fast provokativ krasse Programmänderung, bei der ein verständlicher Grund oder Sinn dahinter schwer vorstellbar ist. Zu vermuten ist aber doch wohl eher eine Initiative des Dirigenten, weniger des Veranstalters, würde ich denken (?)...
    • Peter Jott schrieb:

      Zu vermuten ist aber doch wohl eher eine Initiative des Dirigenten, weniger des Veranstalters, würde ich denken (?)...
      Wenn man sich die Anzahl der noch verfügbaren Karten auf der Homepage des Veranstalters ansieht, kann man von einem äußerst schleppenden Vorverkauf sprechen. Musik vor 1600 zieht offenbar selbst dann nicht, wenn der Chorleiter Currentzis heißt. Angesichts dessen kann man schon auf die Idee kommen, dass der Veranstalter die Notbremse gezogen hat, die Musik vor 1600 gestrichen und stattdessen etwas auf das Programm gesetzt haben möchte, was an den Publikumsrenner "Tristia" erinnert (O-Ton der Festspielhauswerbung: "Wie in dem umjubelten Chorwerk „Tristia“ (2019)..."). Ist aber natürlich reine Spekulation. Vielleicht hast Du Recht und Currentzis hat sich einfach umentschlossen.
      "Ich bin ein solcher Skeptiker, dass selbst Skeptiker in mir Skepsis auslösen."
      (Dieter Nuhr)
    • Puh - da wäre ich aber mehr als stinksauer bei solch einer Programmänderung.
      Und ich würde versuchen, die Karte zurückzugeben und mein Geld wiederzubekommen - auch wenn gemäß den AGB solche Programmänderungen hinzunehmen sind und eine Kartenrückgabe eigentlich ausgeschlossen ist.
      Viele Grüße - Allegro

      "Musik ist ... ein Motor, Schönheit, Intensität, Liebe, Zauber, alles in allem: ein Elixir." Lajos Lencsés
    • Eine absolute Unverschämtheit.

      Die aber so nur möglich ist weil aus einem Dirigenten ein Popkult gemacht wurde.

      Viel Erfolg bei der Rückerstattung!
      "Verzicht heißt nicht, die Dinge dieser Welt aufzugeben, sondern zu akzeptieren, daß sie dahingehen."
      (Shunryu Suzuki)
    • Ich danke Euch sehr herzlich für Eure Anteilnahme an meinem Ärger :schimpf1: Das baut mich wirklich sehr auf, dass Ihr mich versteht.

      In einem möchte ich aber widersprechen:

      garcia schrieb:

      Die aber so nur möglich ist weil aus einem Dirigenten ein Popkult gemacht wurde.
      Ich glaube, dass das Gegenteil der Fall ist. Klar, Teodor Currentzis ist der Rockstar unter den aktuellen Dirigenten. Ich glaube aber, dass gerade das den Veranstalter dazu verleitet hat, ein solch dermaßen riskantes Programm zu wagen wie "Musik vor 1600" in einem Saal, der 2100 Zuhörer fasst. Die ganz große Bühne. Ein solch ambitioniertes Programm mag funktionieren in einer Kirche vor 300 kenntnisreichen Zuhörern. Aber der Jetset, den ein solch großes Haus wie das Festspielhaus Baden-Baden bei den dortigen Eintrittspreisen (die sich gewaschen haben) nun mal anzieht, ist für solch ein gewagtes Programm einfach (noch?) nicht bereit. Und das mag der Veranstalter falsch eingeschätzt haben. Der dachte (möglicherweise, ich spekuliere einfach nur), dass Currentzis das Publikum anzieht, vollkommen egal was er dirigiert. Aber genau das ist offenbar (noch?) nicht der Fall. Zumal man, wenn man Currentzis live erleben möchte, ihn in demselben Saal einen Tag vorher und einen Tag danach mit einem eher massenkompatiblen Programm wie dem Requiem von Fauré erleben kann. Die Leute kommen einfach nicht, wenn das Programm heißt: Musik vor 1600. Da kann auch der Name Currentzis nichts dran ändern. Auch ein Rockstar mit "Popkult", wie Du es ausgedrückt hast, kann daran nichts ändern. So schade, aber in Deutschland 2021 wohl (noch?) Realität.

      Hudebux schrieb:

      Oder Du fragst sie, ob sie nicht gleich alternativ Metallica oder Iron Maiden spielen. Dann wäre es doch wieder ok für Dich, lieber music lover, oder?
      So dermaßen breit gestreut wie Currentzis in seinen musikalischen Vorlieben ist, würde ich nicht einmal ausschließen, dass er sich in weiter Ferne mal an Metal-Repertoire heranwagt. Das wäre natürlich der Hammer :cincinbier:
      "Ich bin ein solcher Skeptiker, dass selbst Skeptiker in mir Skepsis auslösen."
      (Dieter Nuhr)
    • Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich jemand wie Currentzis von einem Veranstalter so ein Programm aufs Auge drücken lässt. Das erinnert mich eher an die vielen Absagen und Programmänderungen, die er in den vergangenen Jahren vorgenommen hat (war das nicht was bei den Donaueschinger Tagen?).
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...
    • Harnoncourt-Fan schrieb:

      Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich jemand wie Currentzis von einem Veranstalter so ein Programm aufs Auge drücken lässt.
      Das glaube ich auch nicht. Das Programm "Musik vor 1600" wird sein eigener Vorschlag gewesen sein. Die Frage ist nur: Wer hat die kalten Füße bekommen? Currentzis oder der Veranstalter?
      "Ich bin ein solcher Skeptiker, dass selbst Skeptiker in mir Skepsis auslösen."
      (Dieter Nuhr)
    • Ich habe das Retinsky/Mahler-Programm gestern gehört und gesehen (Philharmonie Berlin) und berichte hier kurz:

      Über das Retinsky-Stück kann ich nicht sehr viel sagen. Ich würde es als eine Art Studie über Orchesterfarben bezeichnen, die schön anzuhören ist und dem Orchester teilweise Möglichkeiten gibt zu glänzen, die aber keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen hat. Wenn die Vogelstimmen etwa nach zwei Dritteln einsetzen, ist das sicher ein besonderer Moment, mit dem, wenn ich das mal platt sagen darf, das Stück hätte für mich enden können als ein klangliches Verlassen des Klangfarbenreservoirs eines klassischen großen Orchesters (das davor nach meinem Eindruck nicht wesentlich über das, was z.B. im Sacre oder in Schönbergs op. 16 gesetzt ist, hinausgeht). Das wäre dann eine Art Durchbruchs-Moment im Sinne von Adornos Mahler-Deutung gewesen.

      Bei Mahlers 5ter geht Currentzis von Beginn an so "in die Vollen", dass ich fürchtete, das lässt sich nicht mehr steigern und die Spannung sich nicht halten. Doch tatsächlich gelang dies Currentzis und seinem Orchester über die ganzen ersten zwei Sätze hinweg. Eine klanglich extreme Darstellung, die auf mich trotzdem nicht lärmend wirkte. Bemerkenswert der Bläserklang: "ein wenig zu viel Jahrmarkt" schreibt Hudebux oben, da ist was dran. Aber ich würde das nicht negativ sehen. Wenn es ein Kondukt ist, dann ein großes Dorfbegräbnis mit Blaskapelle (so dass bei mir auch Assoziationen an den 3. Satz der Ersten aufkamen) aber bemerkenswert, dass dies trotzdem durchaus nicht parodistisch wirkte. Wenn ich an meinen letzten Mahler live denke, Petrenko und die Berliner mit der VI., bei der Petrenko die Bläserchöre immer wieder zu einem ansatzlosen Amalgam geformt hat, so klingt das hier (sicher mit voller Absicht) ganz anders, wesentlich diverser. Bis hierher hat mich die Darstellung als eine Möglichkeit, die im Werk angelegt ist, absolut überzeugt.

      Als Schwachpunkt der Aufführung habe ich - wie Hudebux auch - den dritten Satz gesehen. Da fehlte es mir an Delikatesse, das schien mir alles immer einen Grad zu laut und die besondere Stellung bzw. der Stellenwert dieses Satzes im Gefüge der Symphonie hat sich mir hier nicht vermittelt.

      Mit dem 4. und 5. Satz konnte ich dann wieder absolut mitgehen, vielleicht abgesehen von der plötzlichen Verlangsamung (so hab ich es gehört) gegen Ende des (sonst durchaus nicht übermäßig langsam genommenen) Adagiettos (ab dem Flageolett-D der ersten Geigen), die ich als nicht notwendigen Effekt wahrgenommen habe. Das Finale sehr gut unter einem Spannungsbogen, aber gleichzeitig durchaus auch mit der Delikatesse vorgetragen, die ich im Scherzo vermisst habe. Große Beschleunigung zum Ende - aber das passte und wurde vom ausgezeichneten Orchester auch verlustlos umgesetzt.

      Alles in allem eine sehr beeindruckende Aufführung, der ich (mit Ausnahme des 3. Satz) höchst interessiert gefolgt bin. Großer Jubel des längst nicht ausverkauften Saales (große Lücken vor allem in den teureren Blöcken A-D). Schönes Bild die Orchestermusiker, die sich danach gegenseitig, aber auch ins Publikum fotografiert haben (wie damals Sheila E. beim letzten Waldbühnen-Konzert von Prince...).
    • Ulrich Amling im Tagesspiegel ist hingerissen von Currentzis' Mahler (den Retinsky streift er nur kurz).

      Ich habe mich mit Mahler V noch ein wenig weiter beschäftigt, indem ich die entsprechende Folge der rbb-"Blindverkostung" nachgehört habe (bzw. bis jetzt fast, 4. und 5. Satz fehlen noch). Christine Lemke-Matway, Kai Lührs-Kaiser und Andreas Göbel hören sich durch verschiedene Aufnahmen der einzelnen Sätze, ohne zu wissen, was gespielt wird, geben kurze Einschätzungen ab und versuchen dann die Interpreten zu erraten (was meistens Göbel gelingt). Bis jetzt waren das Bernstein (NYPh), Jansons (BR), Barbirolli (New Philharmonia), Chailly (Concertgebouw), Solti (Chicago), Boulez (Wiener) und Gielen (SWR). Jetzt vor dem 4. Satz ist Gielen noch im Rennen, alles andere wurde recht ernüchtert (angesichts der Namen) aussortiert (Boulez noch recht anerkennend). Ich konnte das gut nachvollziehen und muss sagen, dass meine Begeisterung für die vorgestrige Aufführung dadurch im Nachhinein eher noch gestiegen ist.

      Allerdings ist mir dabei auch wieder bewusst geworden, dass die Fünfte im Vergleich zur Sechsten und (überraschenderweise?) Siebten für mich nicht ganz unproblematisch ist – das könnte aber auch damit zu tun haben, dass ich mit der Solti-Aufnahme (die ich mittlerweile relativ furchtbar finde - und die in der Sendung recht treffend charakterisiert wird) "groß geworden" bin.
    • music lover schrieb:

      Harnoncourt-Fan schrieb:

      Ich kann mir kaum vorstellen, dass sich jemand wie Currentzis von einem Veranstalter so ein Programm aufs Auge drücken lässt.
      Das glaube ich auch nicht. Das Programm "Musik vor 1600" wird sein eigener Vorschlag gewesen sein. Die Frage ist nur: Wer hat die kalten Füße bekommen? Currentzis oder der Veranstalter?
      Vielleicht gab's aber auch wieder ein solches Problem:

      swr.de/swrclassic/donauesching…age/article-swr-1602.html
      Wenn ich F10 auf meinem Computer drücke, schweigt er. Wie passend...