André Jolivet - Musik als Manifest eines kosmischen Systems

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    • André Jolivet - Musik als Manifest eines kosmischen Systems

      Vom technischen Standpunkt ist es mein Ziel, mich völlig vom tonalen Standpunkt zu befreien, ästhetisch, der Musik ihr altes und ursprüngliches Wesen als magischen und beschwörenden Ausdruck der Religiosität menschlicher Gemeinschaften zurückzugeben. So sollte die Musik eine tönende Manifestation in unmittelbarer Beziehung zum kosmischen Weltsystem sein. (André Jolivet, 1938, zitiert nach: Martin Demmler, Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts, Stuttgart (Reclam), 1999, 221)

      Der französische Komponist (1905 - 1974) hat 1935 vor allem zusammen mit Olivier Messiaen die Gruppe La Jeune France (nur kurzzeitig zunächst: Die Spirale) gegründet, um einer aus deren Sicht verflachend neoklassizistischen Tendenz in der Gegenwartskunst des Landes entgegenzuwirken. Jolivet hat vielleicht nicht ganz den Bekanntheitsgrad und die Originalität Messiaens erreicht, verdient aber allenthalben Beachtung, eine Beachtung, die, wie mir scheint, noch nicht in ausreichendem Maße gegeben ist. Zu selten sind größere Teile seines Schaffens in neueren Einspielungen vertreten, zu häufig muss man auf Produktionen zurückgreifen, die sich eher im Kontext der Entstehungszeit bewegen, vielfach der Fünfziger und Sechziger des vergangenen Jahrhunderts. Der Bedeutung vieler dieser alten Aufnahmen tut dies allerdings gewiss keinen Abbruch.

      Was in eingehendem Zitat zum Ausdruck kommt, spiegelt sich in der Orientierung vieler Kompositionen am Rituellen, ja Manischen fremder Kulturen und Völker wider, welches Jolivet in rhythmisch komplexen, harmonisch erweitert tonalen bis atonalen, archaischen, auf farbige Klänge und Schlagzeugwirkungen bedachten Instrumentalwerken - typologisch äußerst unterschiedlicher Kammer- und Orchestermusik - neben Vokalmusik für sich vergegenwärtigt und stilisiert. Schönberg und die Musik des Vorbarock haben ihn ebenso geprägt wie der Jazz oder Gamelanklänge.

      Wenn ich sein zweites Trompetenkonzert von 1954 als mit Abstand bekannteste Komposition anführen möchte, dann mag das in meiner spezifischen musikalischen Sozalisation begründet liegen - ich kenne die höchst attraktive Nummer schon seit über vierzig Jahren -, völlig subjektiv dürfte diese Wertung dennoch nicht sein, wenn man sich die Zahl jüngerer Einspielungen ansieht. Dazu bestimmt zu einem späteren Zeitpunkt mehr.

      Auf eine das Wesentliche benennende Werkliste möchte ich darüber hinaus an dieser Stelle verzichten (oder noch verzichten). Ich würde mich natürlich freuen, wenn diese sich nach und nach ergibt durch Eure Beiträge (und durch meine). :)

      Es grüßt

      Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Klavierkonzert, 1949/50

      Zu den bekannteren Solokonzerten des Meisters gehört das Klavierkonzert. Wirklich bekannt im Rahmen der Klavierkonzert-Literatur dürfte es nicht sein.

      Die rund fünfundzwanzigminütige Komposition hat bei ihrer Uraufführung für Furore gesorgt, einen kleinen Skandal hervorgerufen, was man heute nicht mehr ganz nachvollziehen kann - auch aus historischer Sicht. Schließlich hatte zu diesem Zeitpunkt Messiaens Turangalila-Sinfonie bereits das Licht der Musikwelt erblickt (1948). Wenn ich böse wäre, würde ich meinen, dass Jolivets Werk nicht annähernd das Messiaen'sche Kitsch-Potential in sich birgt, aber doch auch nicht mehr an rhythmischer Gewalttätigkeit und Komplexität.

      Reichhaltiges Schlagzeug prägt das Werk, Ostinato-Wirkungen, herbe nebst wahrlich zauberhafter Exotik. Der Klavierpart ist äußerst anspruchsvoll. Die Form erscheint daneben allerdings prinzipiell konventionell und nicht unbedingt allzu rhapsodisch.

      1. Satz: Allegro deciso - die Musik der zentralafrikanischen Regionen stand Pate. Aufwühlend, elementar, schroff, aber meines Erachtens stärker statisch als im Finale.

      2. Satz: Andante con moto. Senza rigore - in der Tat ein vergleichsweise ruhiger, bisweilen fast abgeklärt-meditativer Satz, der dennoch rhythmische Überraschungen und abrupte Stimmungswechsel geltend macht. Unverkennbar erscheint der Komponist hier geprägt von der Musik Ost- und Südostasiens. Gamelanklänge stilisiert insbesondere der klavierbetonte Mittelteil des Satzes.

      3. Satz: Allegro frenetico - es geht in die Inselwelt Polynesiens. Die Musik wirkt vitaler als die des Kopfsatzes, leichtfüßiger, tendenziell sogar melodiöser. Bezüglich nötiger Fingerfertigkeit und Kraft wird der Pianist noch einmal mehr gefordert als zuvor.

      Es handelt sich im weiteren Sinne um einen Kompositionsauftrag. Bereits im Jahre 1946 hatte Radiodiffusion Francaise interessierte Komponisten ersucht, sich mit der Folklore der Äquatorial-Besitzungen des Mutterlandes auseinanderzusetzen. Jolivet war diesbezüglich mehrmals tätig geworden. Bei der Uraufführung des Klavierkonzerts am 19. Juni 1951 in Straßburg spielte Lucette Descaves den Solopart und der Komponist dirigierte. Offiziell war das Werk erfolgreich und Jolivet erhielt den Grand Prix de la Ville de Paris (vgl. Beiheft zur Veröffentlichung der neuesten Einspielung mit den Duisburger Philharmonikern; s.u.) Die nächste bedeutende Aufführung präsentierte der junge Philippe Entremont 1953 in New York.
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Klavierkonzert - Einspielungen

      Die Zahl der verfügbaren Einspielungen ist überschaubar. Ich kenne sie (?beinahe) alle (und quasi noch eine extra ...).

      Vielleicht die geläufigste, vielleicht die, alles in allem, stärkste (?) stammt aus dem Jahr 1965 (1970 Veröffentlichung der LP) und ist jetzt auch (einigermaßen) kostengünstig über eine relativ frische Sony-Integrale des Klavierinterpreten greifbar:

      bzw.

      Philippe Entremont wurde ja weiter oben als wichtiger Weggefährte des Werks bereits genannt. Der Komponist leitet das Orchestre de la Société des concerts du Conservatoire, Paris. Dieses Ensemble hat sich in nicht geringem Maße um die klassische Moderne verdient gemacht und spielt auch für Jolivet keine geringe Rolle.

      Im Jahre 2008 entstand die bislang jüngste Produktion mit dem Philharmonischen Orchester der Stadt Duisburg, dirigiert von Jonathan Darlington.



      Sie befindet sich klangtechnisch durchaus auf der Höhe der Zeit und das international naturgemäß nicht allzu bekannte Orchester schlägt sich wahrlich nicht schlecht. Was Kraftentfaltung, Archaik des Zugriffs und differenzierte Dynamik anbelangt, wird die erstgenannte Einspielung, wie ich meine (nicht nur ich), nicht ganz erreicht.

      Pascal Gallet, der Solist, ist auch mit einer Video-Produktion im Netz zu erleben. Da bedarf er noch der Hilfe eines Assistenten am Klavier, schlägt sich aber wacker (im Großen und Ganzen), so auch das Orchester. (Ich nehme mal sehr stark an, dass Gallet solcher Hilfe längst nicht mehr bedarf, und man wird behaupten dürfen, dass er aktuell diesem Jolivet-Monster an erster Stelle zur Verbreitung wird geholfen haben).

      youtube.com/watch?v=55hUyK5IUJY
      youtube.com/watch?v=XT0uwdLEAGU
      youtube.com/watch?v=MnNcfhYTXTk

      Nun zu den historischen Einspielungen (mit Lucette Descaves und mit Herman Koppel), die Mitte der 1950er Jahre in Mono-Qualität produziert wurden und sehr hörenswert, die vielleicht an perkussiver Prägnanz den Stereo-Aufnahmen sogar vorzuziehen sind. Der Dirigent Ernest Bour als Spezialist für Neue Musik fällt gewiss ins Gewicht. Er dirigiert in einer Einspielung von 1955 das Orchestre du Théatre des Champs-Elysées, Paris



      Diese CD-Veröffentlichungen sind in beiden Fällen über das hier diskutierte Einzelwerk hinaus sehr von Interesse. :thumbup:

      Ob eine frühere Aufnahme mit Lucette Descaves (Uraufführung?) zugänglich ist, würde mich interessieren. Im Rahmen meines bisherigen begrenzten Such-Aufwands bin ich nicht fündig geworden. (Und falls einem Spezialisten dahier sonst noch eine Produktion bekannt geworden ist ... nur zu ... :) )

      Meinerseits besitze ich ansonsten noch eine beachtliche Live-Produktion von Februar 1958 als Rundfunkmitschnitt (zu einem späteren Zeitpunkt gesendet - so alt bin ich noch nicht ...)

      Es spielt die große Yvonne Loriod zusammen mit dem Sinfonieorchester des Bayrischen Rundfunks unter der Leitung von Rudolf Alberth.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Es gibt mit Lucette Descaves noch diese Aufnahme von Jolivets Klavierkonzert:

      bzw. als mp3-Version: [Blockierte Grafik: https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/61aVu2Q6NcL._SS500.jpg]

      Begleitet wird sie in dieser Aufnahme vom Orchestre Radio-Symphonique de Strasbourg unter der Leitung von Ernest Bour. Das Klavierkonzert wurde 1968 und die übrigen Werke (Sinfonie Nr. 3 und Violoncellokonzert) wurden 1966 aufgenommen. Diese CD kenne ich aber nicht, so dass ich weder zur Interpretation noch zum Klang etwas sagen kann.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Vielen Dank, Lionel!

      Warum mir diese Einspielung entgangen ist, weiß ich nicht recht, scheint es doch auch das Orchester der Uraufführung zu sein, was ich ebenfalls noch verbindlich recherchieren müsste. Ich habe bereits den Bestellknopf gedrückt, denn die Sinfonie kenne ich überdies überhaupt nicht.

      Ebenfalls mein herzlicher Dank an die Redaktion - ich unke mal, dass es sich primär um den Herrn Quasimodo handelt :thumbsup: - für die prompte Setzung des Fadens auf den Index!

      :) Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • RE. Klavierkonzert mit Lucette Descaves

      Lionel schrieb:

      Es gibt mit Lucette Descaves noch diese Aufnahme von Jolivets Klavierkonzert
      Warscheinlich wäre das eine gute Alternative für Lucette Descaves hier mit Ernest Bour - in einer moderneren Aufnahme in Stereo. Die "EMI - Rarissmes" (gem.Beitrag 3) haben mich durchweg noch nie überzeugen können, da diese Aufnahmen recht verfärbt historisch klingen und in MONO sind.

      Deshalb auch meinen Dank am Wolfgang (andrejo) für die CD mit dem geschätzten Klavierkonzert mit den Duisburger Sinfonikern/J.Darlington (Living Concert Series, 2008, DDD), die mich deshalb ungleich mehr überzeugt. Da kann auch eine andere oder ausgefeiltere INT bei mir nicht mehr ziehen, wenn der Klang nicht mitspielt.

      Den Bestellknopf drücke ich angesichts des Preises hier nicht; auch nicht bei Entremont, weil mir die Darlington-Aufnahme voll ausreicht.
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • teleton schrieb:

      Die "EMI - Rarissmes" (gem.Beitrag 3) haben mich durchweg noch nie überzeugen können, da diese Aufnahmen recht verfärbt historisch klingen und in MONO sind.
      Dem ist nicht zu widersprechen, werter Namenskollege; für mich war die Rarissimes-Serie vor rund zwanzig Jahren dennoch interessant, da ein schweres Desiderat, denn beachtlicherweise kannte ich bis anno dazumal zwar das Trompetenkonzert Jolivets in der glänzenden Stereo-Einspielung mit Maurice André, das Klavierkonzert aber nur in einem Rundfunkmitschnitt, den ich oben gar nicht mehr erwähnt habe, schlicht, weil ich ihn nicht mehr hören kann. Es war nämlich ein Mitschnitt per gepflegter Tonbandmaschine (ging dann kaputt - könnte man mittlerweile natürlich wieder funktionstüchtig machen oder sich eine neue kaufen, aber dazu fehlt mir im Moment noch der Elan, denn besonders wunderbar klingen wird diese Steinzeittechnik hinterher trotzdem nicht ...).

      In der eben angesprochenen Stereo-Einspielung, die mir gefallen hat, spielte Daniel Wayenberg, ein niederländischer Pianist. Ich könnte mich wohl auch an den BR wenden, wenn ich mich für diese Einspielung interessieren sollte. Die Frage ist halt, ab wann man's übertreibt ... :D

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Vielen Dank, lieber andréjo, für die Auffrischung von angenehmen Erinnerungen! Vor Jahren hatten wir es nämlich schon einmal über Jolivet, und zwar dort: André Jolivet (1905-1974) der Franzose mit den Schlaginstrumentenklöppeln. Wie ich jetzt bemerke, habe ich mich seinerzeit auch zum Klavierkonzert geäußert.

      Allerdings ist der französische Meister in den letzten Jahren wieder etwas aus meinem Focus verschwunden; das ändere ich demnächst mal, indem ich meine wenigen Jolivet-CDs wieder vornehme.

      Dann gern mehr.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Heulende Hunde ...

      Gurnemanz schrieb:

      Vielen Dank, lieber andréjo, für die Auffrischung von angenehmen Erinnerungen! Vor Jahren hatten wir es nämlich schon einmal über Jolivet, und zwar dort: André Jolivet (1905-1974) der Franzose mit den Schlaginstrumentenklöppeln. Wie ich jetzt bemerke, habe ich mich seinerzeit auch zum Klavierkonzert geäußert.

      Allerdings ist der französische Meister in den letzten Jahren wieder etwas aus meinem Focus verschwunden; das ändere ich demnächst mal, indem ich meine wenigen Jolivet-CDs wieder vornehme.

      Dann gern mehr.

      :wink:
      Natürlich erinnere ich mich an solche Zeiten ( ;) ), werter Gurnemanz, denn Jolivet ist mir schon sehr, sehr lange wichtig, wobei naturgemäß die Schwerpunktshörzeiten auf- und abflauen.

      Irgendwo muss ja auch das hiesige Pseudonym herrühren. :P

      Und daher gleich noch ein Beitrag zum Thema - für die Antikeliebhaber unter uns und für die Lautmaler und Naturalisten:

      "Suite delphique" pour 12 instruments (1957):

      Prélude (Aurore magique)
      Les chiens
      de l'Erèbe
      Orage
      Repos de la nature
      Procession
      Joie dionysiaque
      Invocation
      Cortège

      Ein "Ensemble instrumental" spielt unter der Leitung von André Jolivet. Die recht auffällig solistisch eingesetzten Ondes Martenot bedient Ginette Martenot. Im zweiten Satz wird das Geheule der Unterwelt-Hunde auf verblüffende Weise nachgeahmt.

      Die quasi authentische zwanzigminütige Einspielung aus der Entstehungszeit (Uraufführung?) befindet sich auf der zweiten Scheibe der oben bereits verlinkten, bei EMI erschienenen Doppel-CD mit dem Titel "Les rarissimes de André Jolivet".

      Auch dies eine Seite des Komponisten.

      Mit dem elektronischen Instrument der frühen Nachkriegszeit hat sich Jolivet auch in einem Solokonzert auseinandergesetzt. (Bei Gelegenheit, wenn mir niemand zuvorkommt. ^^ )

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Les jeux ne sont pas faits ...



      Auch hier ist das Klavierkonzert enthalten. Es handelt sich um eine russische Aufnahme; der Solist ist ohne Booklet nicht zu eruieren; die CD ist 2014 erschienen, aber es handelt sich wohl um eine Kompilation. Die Zeitangaben lassen auf ein hurtiges Vorgehen schließen und die Hörproben bestätigen diesen Eindruck. Vermutlich keine schlechte Einspielung, aber ich wollte eigentlich nicht noch einmal heute und nicht schon wieder dieses Klavierkonzert bestellen. Womöglich finde ich es irgendwann noch einmal. Andererseits ...

      Sicherheitshalber gehe ich jetzt erst einmal in die Heia.

      Gute Nacht miteinander!

      Wolfgang

      EDIT:

      Der andere Partner bietet ADD als technische Information und diverse Namen an; mit letzter Sicherheit kann ich weder den Klavier-Solisten noch das richtige Orchester zuordnen - ich kenne allerdings weder Kornejew noch Kastelsky ... Hat natürlich alles nichts zu sagen.

      Ins Bett ... !
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Jolivet - Concertino pour trompette, orchestre a cordes et piano

      [Blockierte Grafik: https://img.discogs.com/Mkgl8yXBwqK7NCflU9eoPS2g8xE=/fit-in/567x566/filters:strip_icc():format(jpeg):mode_rgb():quality(90)/discogs-images/R-5606322-1397827269-6952.jpeg.jpg]

      Hier die legendäre Einspielung des Concertinos auf Ducretet-Thomson von 1953 mit

      Roger Delmotte, Trompete
      Sergio Baudo, Piano (Concertino)
      Lucette Descaves, Piano
      Orchester du Theatre de Champs-Elysee, Dir. Ernest Bour

      Die UA des Concertinos fand am 10. Juni 1950 in der Abbaye de Royaumont statt,
      A. Jolivet dirigierte, der Trompeter war Arthur Haneuse.
    • Zunächst danke ich mesadivoce für die Abbildung dieser Einspielung aus den Gründerjahren ( ;) ) und die Informationen.

      Die Rarissimes-Reihe enthält eine Einspielung, die mit obiger nicht identisch ist, falls sowohl die Angaben auf der Doppel-CD, die ich besitze, als auch diejenigen von mesadivoce korrekt sind. (Fehler passieren in dieser Hinsicht immer wieder, andererseits ist es auch nicht ungewöhnlich, ein neues Werk nach zwei Jahren noch einmal einzuspielen):

      Roger Delmotte, Trompete; Serge Baudo, Klavier; Orchestre du Théatre des Champs-Elysées, Paris, unter der Leitung von Ernest Bour; aufgenommen im Théatre Apollo im November 1955

      Ansonsten lässt bereits ein schneller Blick bei den Partnern erkennen, dass die beiden Trompetenkonzerte die Einspielungsliste von Werken Jolivets wohl anführen.

      Das Concertino zeigt noch nicht ganz so deutlich die Jazz-Einflüsse des zweiten Trompetenkonzerts. Es ist eher neoklassizistisch angehaucht und erscheint auch weltanschaulich neutraler, eignet sich wohl weniger dazu, Jolivets Exotikbegeisterung und seine musikalische Verwurzelung im Magisch-Zeichenhaften zu veranschaulichen.

      Während des Zweiten Weltkriegs hatte der Komponist - laut Demmler (siehe Eingangsbeitrag) aus Empathie für die französischen Soldaten - eine musikalische Phase der Vereinfachung. Sie war vorübergehender Natur. Solokonzerte wie das erste Trompetenkonzert oder das Flötenkonzert tragen meines Erachtens auch solche Züge, selbst wenn sie erst fünf, zehn Jahre später entstanden.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • andréjo schrieb:



      Auch hier ist das Klavierkonzert enthalten. Es handelt sich um eine russische Aufnahme; der Solist ist ohne Booklet nicht zu eruieren; die CD ist 2014 erschienen, aber es handelt sich wohl um eine Kompilation. Die Zeitangaben lassen auf ein hurtiges Vorgehen schließen und die Hörproben bestätigen diesen Eindruck. Vermutlich keine schlechte Einspielung, aber ich wollte eigentlich nicht noch einmal heute und nicht schon wieder dieses Klavierkonzert bestellen. Womöglich finde ich es irgendwann noch einmal. Andererseits ...

      Sicherheitshalber gehe ich jetzt erst einmal in die Heia.

      Gute Nacht miteinander!

      Wolfgang

      EDIT:

      Der andere Partner bietet ADD als technische Information und diverse Namen an; mit letzter Sicherheit kann ich weder den Klavier-Solisten noch das richtige Orchester zuordnen - ich kenne allerdings weder Kornejew noch Kastelsky ... Hat natürlich alles nichts zu sagen.

      Ins Bett ... !
      Die Aufnahmen entstanden zwischen 1966 und 1982. Nähere Infos gibt es hier, hier und hier.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Danke für's Recherchieren, Lionel! Der Name Sinaisky ist mir dann doch geläufig, ebenso das Orchester. Die von Dir benutzten Quellen hatte ich auch schon alle irgendwann aufgerufen; ich werde sie mir mal gezielter im Gedächtnis speichern. :)

      Ansonsten werde ich mir nach einer kleinen Pause die beiden russischen CDs zulegen. Mich hat jetzt beim Klavierkonzert der Drang nach Vollständigkeit gepackt. Enthalten auf der Doppel-CD und mir noch nicht bekannt ist auch die erste Sinfonie. Die Sinfonien kenne ich überhaupt nicht - die dritte ist bestellt -, wobei mein Eindruck, dass man sie im Gegensatz zu diversen seiner Solokonzerte kaum erwerben, im Rundfunk oder im Konzert erleben kann, vermutlich nicht trügt.



      Bei der Gelegenheit möchte ich das Violinkonzert von 1972 empfehlen, das in einer voll und ganz überzeugenden recht neuen Einspielung erhältlich ist. Es ist ein beim ersten Hören doch eher herbes Spätwerk, das - in meinem Falle - aber von Mal zu Mal gewonnen hat. Das Soloinstrument wird virtuos gehandhabt, die Handschrift des Komponisten erscheint unverkennbar. Das sehr interessante Beiheft verweist auch hier auf den rituellen, magischen Charakter der Musik, wobei sich die Bildkraft meines Erachtens eben weniger rasch erschließt als etwa bei einschlägigen Kompositionen der fünfziger und sechziger Jahre. Ein sprechender Titel wäre: Cinq danses rituelles für Orchester; bei nicht weniger Orchester- und Kammermusik spielt die Flöte (öfters auch rein solistisch) eine wesentliche Rolle.

      Den für mich wesentlichsten Zugang zu Jolivets Musik hat übrigens die folgende Vierer-Box geschaffen, die viele der Solokonzerte, aber auch andere Orchesterwerke, Kammer- und etwas Vokalmusik enthält. Die Rarissimes-Doppelbox ist wertvoll und bietet vor allem auf der zweiten CD anderes Material, aber die Erato-Scheiben enthalten nur neuere Einspielungen von besserer bis ausgezeichneter Klangqualität:



      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.
    • Eben erworben: Sinfonie Nr. 3

      1954 wurde die erste Sinfonie aufgeführt, 1959 die zweite - und noch fehlt mir hier die Hörerfahrung.

      Sein drittes und letztes Werk, welches er mit jenem althergebrachten und traditionsbelasteten Begriff belegt, wurde im Kontext des Mexiko City Festival komponiert und dort am 7. August 1964 uraufgeführt. Die erste französische Präsentation fand am 1. Dezember 1964 in Paris statt, am Champs-Elysées-Theater. Die Leitung hatte Antal Dorati.



      Die CD bietet einen Konzertmitschnitt vom selben Ort. Der Komponist dirigiert am 19. April 1966 das Orchestre National de France.

      Einzelne begeisterte Applaus-Stimmen sind am Ende zu vernehmen und ich höre nichts Abfälliges. Das ist ein wenig seltsam, vergleicht man mit der Uraufführung des Klavierkonzerts, denn die Hörerfahrung mit dieser Sinfonie war für mich, der ich nun wahrlich kein ängstlicher Anfänger bin bei Neuer Musik, eine bemerkenswert radikalere. Andererseits nähern wir uns den aufrührerischen Jahren am Ende der Sechziger und diese Atmosphäre ist spürbar - in Frankreich bekanntlich schon früher als in Deutschland.

      Ich beziehe mich für den folgende Absatz auf das Booklet: Jolivet hatte enttäuschende Erfahrungen im gesellschaftspolitischen Kontext gemacht. 1959 hatte er das Centre Francais d'Humanisme Musical gegründet, um Musiker, Komponisten und Studenten zusammenzubringen; alljährlich fanden im Sommer Veranstaltungen in Aix-en-Provence statt. Die Reihe musste wegen fehlender Fördergelder und Personalmangel eingestellt werden.

      Es ist eine Musik für großes Orchester, deren politische Aussagekraft mit einer Radikalisierung der Klangsprache des Komponisten einhergeht. Zwar konventionelle Dreiteiligkeit bei großer instrumentaler Farbigkeit, aber vorher nicht geläufige Effektwirkungen wie gegen Ende zweimaliges Erklingen einer Signalpfeife - gewiss lässt auch Varèse grüßen, der als Lehrer immer wieder Einfluss auf Jolivet geübt hat -, extreme Komplexität im Rhythmischen und der Klangsprache im Geist einer neuen Zeit, ein vorher nicht da gewesener Reichtum an Dissonanzen (man beachte bereits das dreckige statische Cluster zu Beginn) sowie - und hier eben Jolivet und nicht Henze oder Boulez oder Ligeti - ein pathetischer Hochflug, der erst all die musikalische Aggression erklärbar macht. Jolivet soll an anderer Stelle gesagt haben - leider finde ich die Quelle im Augenblick nicht -, dass sich die Studentenrevolte auch in dieser, seiner Musik angekündigt habe.

      1. Satz: Obstiné (12'16'')
      2. Satz: Fulgural (7'09'')
      3. Satz: Lyrique, Véhement (5'44'')

      Wieder hat sich mein Bild des Komponisten erweitert; die beiden anderen Werke auf der obigen CD kannte ich: Das erste Cellokonzert überzeugt mit dem gleichen Solisten wie im Rahmen der Erato-Box: André Navarra. Das Klavierkonzert hat mir weniger neue Erkenntnisse gebracht, da auch die Aufnahmequalität nicht exzellent ist.

      Danke nochmals an Lionel für den CD-Tipp - macht ja nichts, wenn seine Absichten in eine andere Richtung gingen! :)
      :cincinbier: Wolfgang
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    • Petite suite pur flute, alto et harpe, 1941



      Nach den verstörenden Klängen der dritten Sinfonie haben wir es hier mit einem fast beschaulich-romantischen Kammermusikwerk der Kriegsjahre zu tun. Gewiss, Exotismen und Archaismen in der Erfindung enthält auch diese knapp viertelstündige Komposition für die berühmte Debussy-Formation von Flöte, Viola und Harfe. Aber jenen Kontrast zu Strawinskys Neoklassizismus, auf den das Booklet verweist und der ein Prinzip der Gruppe La jeune France dargestellt haben mag, kann ich eigentlich nicht erkennen. Es ist ein Tonfall, den man auch bei Roussel findet und der nicht gar so weit weg ist vom mittleren Strawinsky.

      Wenn wir schon bei Strawinsky sind: Die exquisite Orchestersuite Cinq danses rituelles von 1939, enthalten unter anderem in der Erato-Box, klingt wie eine Anverwandlung des Sacre du printemps, und das war natürlich auch Jolivet klar.

      Hier noch weitere Einspielungen der kleinen Suite, die ich mir ausschließlich aus verschiedenen moralischen Gründen nicht mehr zulegen werde ( ;) :trost: ) :



      Freundliche Cover; es müssen nicht immer junge Tschechinnen sein ... :versteck2:

      :cincinbier: Wolfgang
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    • Hier eine neue und preisgünstige kleine Integrale von Brilliant:



      Einzelne Werke sind recht bekannt und ebenso anderweitig zu finden. Auch eine sicherlich nicht weiter geläufige Satzfolge für Ondes Martenot und Klavier sowie eine kleine Nummer für vier Ondes Martenot, Schlagzeug und Klavier sind enthalten - Letzteres viel Aufwand für runde drei Minuten. Wenn man der Hörprobe Glaube schenken darf, wird man an Easy Listening und eine Filmsequenz erinnert.

      :wink: Wolfgang
      He who can, does. He who cannot, teaches. He who cannot teach, teaches teaching.


    • Ich weiß nicht genau, ob das alle Werke Jolivets für Trompete sind, aber anscheinend wenigstens die wichtigsten. Gerade sehr günstig bei jpc, macht auf mich einen guten Eindruck, wobei ich weder eines der Werke vorher bewusst gehört hatte, noch besondere Kenntnisse des Trompetenspiels besitze.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Es dürften alle Kompositionen für Trompete sein, die Jolivet verfasst hat. Ganz sicher bin ich mir nicht.

      Danke für den Tipp, werter Hoffmann-Kater, auch wenn ich wahrscheinlich nicht zugreifen werde, weil ich die Konzerte etliche Male und die kleineren Kompositionen mindestens zwei- oder dreimal besitze.

      Es handelt sich dabei durchwegs um Aufführungen, die mir nicht bekannt sind, aber erkennbar renommiert sein dürften.

      :cincinbier: Wolfgang
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