Das Haus der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main. Ein Sanierungsfall.

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Das Haus der Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main. Ein Sanierungsfall.

      Liebe Capricciosi,

      als Liebhaber der Frankfurter "Doppelanlage" am Willy-Brandt-Platz (bzw. "Dreifachanlage", falls man die Kammerspiele noch hinzuzählt) ist es mir ein Anliegen, die Entwicklungen rund um die Sanierung (oder was immer genau kommen mag) des mittlerweile maroden Hauses aus den 60er Jahren mit euch zusammenzutragen und weiter zu beobachten. Ausschlaggebend für die Eröffnung dieses Threads war für mich die gestrige Vorstellung des Gutachtens mit den sich daraus ergebenden Kostenschätzungen, die im Bereich von 800 Millionen Euro aufwärts liegen.

      Ein kurzer Überblick zur Vorgeschichte des Hauses

      Um die heutige Konstruktion nachzuvollziehen, muss vorangestellt werden, dass sich die Oper Frankfurt bereits seit Dezember 1951 am heutigen Standort (der bis 1902 den Namen Theaterplatz trug) im früheren Schauspielhaus befindet. Aus dieser Zeit stammen auch die beiden Drehbühnen, von denen die größere mit einem Durchmesser von 37,40 m zu den größten weltweit gehört.
      Erst im Jahr 1960 wurde ein Anbau für das Schauspiel errichtet, der schließlich 1963 eingeweiht wurde. Die Jugendstilfassade wurde abgetragen und durch eine 120 m lange, durchgehende Glasfassade ersetzt, die das Erscheinungsbild des Platzes bis heute - direkt gegenüber der bekannten Euro-Skulptur - wesentlich prägt und von innen nicht nur einen wunderbaren Blick bietet, sondern nach außen zur Stadt hin auch Offenheit und Transparenz vermittelt. Ebenso auffällig sind vor allem abends im hellerleuchteten "Wolkenfoyer" die Goldwolken von Zoltán Kemény (nicht selten hörte ich schon davon, dass Besucher sie eher mit Münzrollen in Verbindung bringen - passend zu den umliegenden Banktürmen).

      Im November 1987 brannte das Bühnenhaus der Oper bis auf die Grundmauern ab. Die Augenzeugenberichte der Feuerwehrleute beschreiben das drastische Ausmaß: "Vom Zuschauerraum bietet die Bühne ein gespenstisches Bild. Der 16 Tonnen schwere Eiserne Vorhang ist bereits rot glühend. Rechts und links des Vorhangs brennen die Beleuchterbühnen." (siehe auch Historie auf der Webseite der Oper Frankfurt).

      Der Zuschauerraum blieb dabei fast nahezu intakt. Die Oper wich damals auf das anliegende Schauspiel aus; dieses wiederum kam vorübergehend im Bockenheimer Depot unter, einem früheren Straßenbahndepot mit einem gewissen Industriecharme, das sich damit zu einer beliebten Spielstätte entwickelte, die auch heute noch gern für einzelne Produktionen der Städtischen Bühnen genutzt wird. Im April 1991 war der Wiederaufbau des Bühnenhauses schließlich abgeschlossen.

      Die heutige Situation

      Der nach dem Wiederaufbau gerühmte Brandschutz des Opernhauses, der eine Wiederholung einer Katastrophe wie 1987 verhindern sollte, ist mittlerweile in die Jahre gekommen. Laut Zeitungsberichten entsprechen die Branschutzvorkehrungen nicht mehr den heutigen Standards und der Betrieb nach jetzigem Stand wird vorerst noch für etwa fünf Jahre geduldet.
      Im Rückgriff auf die Vorgeschichte des Hauses muss dabei erwähnt werden, dass Teile des Fundaments noch aus dem alten Theater von 1902 stammen. Auf das gleiche Alter datieren auch einige Wasserrohre und vielleicht auch die ein oder andere Überraschung, die sich in dem Gemäuer noch verbergen mag. Dazu laufen Klima- und Kältetechnik nur noch mit halber Leistung, während die große Glasfassade das Foyer im Sommer aufheizt und im Winter die Wärme nicht hält. Die fensterlosen "Zellen" für Musiker und technisches Personal verdienen womöglich noch nicht einmal diesen Namen, wenn man unter "Zelle" einen Raum mit Fenster (ob vergittert oder nicht) versteht.

      Das Frankfurter Haus ist unter den Nachkriegsbauten der 60er Jahre bei weitem nicht das einzige, das unter einem Renovierungsstau leidet. Ein vorläufiges Gutachten aus dem Jahr 2015 vom städtischen Hochbauamt ergab erst einen Investitionsbedarf für eine Renovierung von etwa 129 Millionen; ein Jahr später waren es schon 380 Millionen Euro. Bereits damals wurde neben der Renovierung auch über zwei andere Varianten diskutiert: Verlegung der Städtischen Bühnen, bzw. Neubau an gleicher Stelle. Ins Spiel dabei gebracht wurde auch, die beiden Sparten Oper und Schauspiel wieder in getrennten Häusern unterzubringen. Vor einigen Wochen war schließlich noch von Kosten in Höhe von 500 Millionen Euro zu lesen.

      Pro und Contra für einen neuen Standort

      Befürworter für eine Verlegung brachten in der Vergangenheit oftmals das alte Polizeipräsidium in der Nähe des Hauptbahnhofs ins Spiel, aber auch das Gelände des im Entstehen begriffenen "Kulturcampus" auf dem Gelände der Universität. Dort soll auch der Neubau der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst entstehen. Das ehemalige Deutsche Bank-Areal in der Stadtmitte am Rossmarkt war ab und an ebenfalls als möglicher Standort (des Schauspiels?) zu hören.

      Die Gegner einer Verlegung heben die historische Bedeutung in den 60er und 70er des Hauses hervor, in dem durch die Schauspielintendanten Harry Buckwitz und Peter Palitzsch auch ein Stück Theatergeschichte geschrieben wurde. Der Standort zwischen Bankentürmen, Drogenmilieu, Rotlichtviertel, Museumsufer und Konsumtempeln mag darüberhinaus schon per se zu Kunst und Kultur und zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart animieren.

      Gegen den Standort "Altes Polizeipräsidium" spricht zudem die denkmalgeschützte Fassade des wilhelminischen Baus und die - trotz der Lage in der Nähe zum Hauptbahnhof - eher unzureichende Verkehrsanbindung für ein öffentliches Gebäude dieser Größe (zwischen den U-Bahn-Stationen Hauptbahnhof und Messe).

      Eine Bürgerinitiative hat sich zwischenzeitlich für eine Rekonstruktion der alten Gründerzeit-Fassade ausgesprochen und sieht den jetzigen Status als "schlimmste DDR-Architektur", vergleichbar mit dem Palast der Republik. In der breiten Öffentlichkeit wird die Architektur allerdings meist als gelungener Beispiel der Moderne dargestellt.

      Sowohl die Intendanten als auch der Oberbürgermeister Peter Feldmann, die Kulturdezernentin Ina Hartwig und die "Römer-Koalition" (CDU-SPD-Grüne) haben sich für einen Verbleib der Städtischen Bühnen am Willy-Brandt-Platz ausgesprochen.

      Anders gestalten dürfte sich die gesamte Standort-Diskussion möglicherweise, falls wirklich ein Neubau beschlossen würde. Der Betrieb könnte während Bauzeit wie gewohnt am Willy-Brandt-Platz weiterlaufen

      Was sagen die Betroffenen ?

      Der zur kommenden Saison nach Berlin wechselnde Schauspielintendant Oliver Reese äußerte sich vor kurzem noch in einem Interview zu seinem Abschied über die geplanten Maßnahmen und plädierte dort für einen Neubau der Städtischen Bühnen.
      Der Opernintendant Bernd Loebe hat sich im vergangenen Sommer noch vehement gegen einen Neubau an anderer Stelle ausgesprochen.

      Im Vorfeld der Machbarkeitsstudie wurde von den Bühnen ein zusätzlicher Bedarf für Räumlichkeiten in einer Größenordnung von 20 Tsd. Quadratmetern angegeben, die bei einer Sanierung zusammen mit einiger Technik in einem Turm untergebracht werden müssten. Für diese Maßnahme wäre eine Aufrüstung der Statik notwending. Bei einem Neubau ließen sich andere Lösungen finden. Allerdings habe sich wohl auch schon der Denkmalschutz bei der Diskussion um die Fassade aus den 60er Jahren eingeschaltet.

      Machbarkeitsstudie

      Die nun gestern, am 6.6.2017, vorgestellte 600-Seiten starke Machbarkeitsstudie untersuchte drei Varianten mit folgenden Ergebnissen:
      • Die Sanierung im laufenden Betrieb würde etwa elf Jahre dauern und etwa 868 Millionen Euro kosten.

      • Eine Sanierung mit vorübergehender Auslagerung des Schauspiels würde etwa acht Jahre dauern und 848 Millionen Euro kosten.

      • Ein Neubau des Hauses am jetzigen Standort wurde mit etwa 889 Millionen Euro und sechs Jahre benötigen.

      Allerdings wird auch angegeben (möglicherweise aufgrund von Erfahrungen aus Projekten der Gegenwart und nahen Vergangenheit?), das Kostensteigerungen bis zu 30 % aufgrund von Unwägbarkeiten möglich sind.
      Eine Beschlussempfehlung für die Stadtverordneten gibt dieses Gutachten ausdrücklich nicht.

      Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung der Studie wurde dieses Projekt mit der Elbphilharmonie in Verbindung gebracht, deren Kosten auf ähnliche Höhe beziffert werden; es war bereits von "Elbphilharmonie am Main" zu lesen. Ähnliche Projekte wie in Köln, Stuttgart oder auch in Berlin mit hohen Kostensteigerungen lassen zudem Befürchtungen aufkommen, dass auch dieses Großprojekt aus dem Ruder laufen könnte.

      Unzweifelhaft wird die Entscheidung über die Zukunft des Hauses der Städtischen Bühnen richtungsweisend für die Kulturlandschaft in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet sein.

      Einen vollständigen Überblick gibt diese Zusammenstellung sicherlich nicht und bestimmt wären noch viele andere Aspekte zu erwähnen; hoffentlich gibt dieser Beitrag und die vielen Meldungen, die zu diesem Thema bereits in den Medien erschienen und sicherlich auch noch erscheinen werden Anknüpfungspunkte für Meinungsaustausch und konstruktive Diskussionen.
    • Vielen Dank für diesen Thread! Das Haus der Frankfurter Städtischen Bühnen liegt auch mir sehr am Herzen, die Oper war Mitte der 1990er Jahre mal sowas wie mein zweites Zuhause.

      Zur Architektur des Hauses könnte man vieles sagen (ich schätze sie sehr, mit Abstrichen beim Zuschauerraum der Oper). Ich weise nur auf ein Merkmal hin: die transparente Fassade, durch die im besten Fall ein Miteinander von Draußen und Drinnen entsteht. Was auch künstlerisch genutzt werden kann: ich erinnere an die riesige aufblasbare Puppe des Mädchens in Benedikt von Peters Inszenierung von Lachenmanns Mädchen mit den Schwefelhölzern (2015), die vor der Vorstellung von draußen durch die Scheibe die sekttrinkenden Besucher im Foyer "belästigte" und nach der Vorstellung als schlaffe Hülle den hinausströmenden Gästen zu Füßen lag.


      Die jetzige Lage ist offenbar sehr dramatisch, die geschätzten Kosten sind immens. Einen Abriss der Doppelanlage fände ich katastrophal. Jahrelange Ausweichspielstätten können eine Institution (gerade die Oper) allerdings auch nachhaltig schädigen. Wenn man mich fragen würde: ich wäre für die Sanierung bei laufendem Betrieb.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • mir kommt es seltsam vor, dass auf einmal relativ plötzlich das Wort "marode" alternativlos in aller Munde ist. Zuschauerraum, Foyer und Bühnentechnik sind ja wohl tiptop. Bitte nicht alternativlos in Größenwahn abgleiten, nur weil Oper und Schauspiel gerade mal ziemlich erfolgsverwöhnt sind.
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • ThomasBernhard schrieb:

      mir kommt es seltsam vor, dass auf einmal relativ plötzlich das Wort "marode" alternativlos in aller Munde ist. Zuschauerraum, Foyer und Bühnentechnik sind ja wohl tiptop. Bitte nicht alternativlos in Größenwahn abgleiten, nur weil Oper und Schauspiel gerade mal ziemlich erfolgsverwöhnt sind.
      So relativ plötzlich kommt das nicht. Die Intendanten machen seit sicherlich schon mehr als drei Jahren schon auf diese Zustände aufmerksam. Von Musikern, die dort regelmäßig zu hören sind, ist ähnliches zu hören. Ich meine, bei der Frankfurter Rundschau gab es vor einiger Zeit eine sehr anschauliche Fotostrecke (diese meine ich nicht, wenn auch die abgebildete Technik etwas Nostalgie aufkommen lässt :) ), aber auch eine der Führungen, die regelmäßig angeboten werden, kann bestimmt aufschlussreich sein.

      Der Zuschauerbereich lässt sich sicherlich sehen. Dass eine Glasfassade in dieser Größe aus den 60ern allerdings durchaus auch ihre Probleme mit sich bringt, lässt sich wiederum auch nicht verkennen. Bei warmen Außentemperaturen macht sich die unzureichende Lüftung auch relativ schnell bemerkbar. Eigentlich würde man die Klima- und Kältetechnik wie oftmals üblich gerne auf das Dach auslagern; nur das ist an seine statischen Grenzen gelangt. Aber du hast schon recht: ich fühle mich im Zuschauerbereich ebenfalls nicht in einem maroden Gebäude - im Gegenteil.
      Ich sehe diesen Bau nur als Laie, kann mir allerdings vorstellen, dass die Kombination aus über 100-Jahre altem Fundament und viel grundlegende Bausubstanz aus den 60er Jahren durchaus Brisanz haben kann.
    • Lieber figure humaine, auch von mir vielen Dank für die Eröffnung und die Informationen! In den letzten Jahrzehnten war ich immer wieder mal im Opernhaus, zum ersten Mal ca. 1979 (Franz Schreker: Die Gezeichneten, Neuenfels/Gielen).

      Das Thema hatten wir übrigens bereits einmal letzten Sommer: Capriccio-Presseschau.

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Drei Jahre ist ja in solchen Maßstäben eine doch recht kurze Zeit.

      ich weiß, dass solcherlei Relativierungen schwachsinnig sind, aber ich sag´s trotzdem: diese Stadt kennt auch einen maroden Hauptbahnhof, maroden Ostbahnhof, maroden Westbahnhof, maroden Südbahnhof, diverse marode S-Bahn-Stationen, eine marode Fachhochschule, in ihrer Existenz bedrohte Krankenhäuser, marode Schulen, marode Schwimmbäder, marode Plätze und Straßen, marode Auftragnehmer von Bus-Linienbündeln, marode Altersheime, einen maroden sozialen Wohnungsbau, marod(ierend)e Mitbürger, ...
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • eine marode Universitätsbibliothek nicht zu vergessen (der Chef sagt gerne, die Fassade erinnere ihn an den jugoslawischen Bürgerkrieg, aber mit dem für 2015 geplanten Neubau wird es schwerlich vor 2030 was...)
      Ein Mann, der kleine Kinder und Hunde haßt, kann kein so schlechter Mensch sein. (W. C. Fields)
    • ThomasBernhard schrieb:

      Drei Jahre ist ja in solchen Maßstäben eine doch recht kurze Zeit.

      ich weiß, dass solcherlei Relativierungen schwachsinnig sind, aber ich sag´s trotzdem: diese Stadt kennt auch einen maroden Hauptbahnhof, maroden Ostbahnhof, maroden Westbahnhof, maroden Südbahnhof, diverse marode S-Bahn-Stationen, eine marode Fachhochschule, in ihrer Existenz bedrohte Krankenhäuser, marode Schulen, marode Schwimmbäder, marode Plätze und Straßen, marode Auftragnehmer von Bus-Linienbündeln, marode Altersheime, einen maroden sozialen Wohnungsbau, marod(ierend)e Mitbürger, ...
      Ganz unrecht hast du damit auch nicht und sicherlich hat Frankfurt auch andere Baustellen (wobei die Bahnhöfe doch vor allem Sache der DB sind, wenn ich's richtig sehe, oder nicht?).

      Ich schrieb auch absichtlich "mindestens seit drei Jahren", denn seitdem habe ich's ungefähr mitbekommen. Man wird sicherlich davon ausgehen können, dass auch in den Jahren davor bereits etwas im Gespräch war.
      Wenn man sich allerdings die Sanierungskosten in Stuttgart, Köln und Berlin anschaut - warum sollte es da Frankfurt am Ende viel besser gehen?

      PS: Und die Universitätsbibliothek ist sicherlich Sache des Landes, bzw. der Stiftungsuniversität, oder?
    • Klar, der Sanierungsstau von Bahn-Einrichtungen hat nichts mit dem städtischen Haushalt (oder nur zum kleinsten Teil) zu tun.

      Mein "Lieblings"-Totschlagargument (die Heuchelei macht mich regelmäßig wütend) habe ich gar nicht genannt: Wie kann X (der Bischof von Limburg zum Beispiel) Gebäude für teuer Geld renovieren, während in Afrika Menschen verhungern?
      Ins Gebüsch verliert sich sein Pfad, hinter ihm schlagen die Sträuche zusammen.
    • ThomasBernhard schrieb:

      Wie kann X (der Bischof von Limburg zum Beispiel) Gebäude für teuer Geld renovieren, während in Afrika Menschen verhungern?
      Die Antwort ist doch klar: Die Probleme der Welt kann er nur dann hocheffizient lösen, wenn er völlig ausgeruht und entspannt alle seine Kompe- und Po-Tenzen in den Dienst des großen Zieles stellen kann ... ;)

      Ohne Spaß: Dasselbe Argument wird mutatis mutandis ja auch bei Orgelneubauten angebracht. Wäre es nicht besser, mit der veranschlagten Million Euro den Hunger in der Welt zu lindern?

      Antwort: Nur eine Gemeinde, welche die innere Stärke besitzt, ihre eigenen Angelegenheiten zufriedenstellend zu regeln, wird auch die Kraft besitzen, eine nachhaltige und substanzielle nach außen gerichtete Wirkung zu entfalten. Oder mit den Worten der Heiligen Schrift: Kann ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen?

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Fähigkeit, geistige Transferleistungen in kurzer Zeit zu vollbringen, führt nicht immer zu tragfähigen Resultaten. So ist "ich kuk" bspw. keine korrekt gebildete Vergangenheitsform.
    • Um mal wieder zum Thema im engeren Sinn zurückzufinden: Inzwischen tendieren die Verantwortlichen, von den avisierten Kosten mächtig geschockt, erschreckend deutlich dazu, die Doppelanlage abzureißen und einen Neubau zu errichten. Auch andere Standorte als der Willy-Brandt-Platz sind in der Diskussion:

      fnp.de/lokales/frankfurt/OB-Fe…akzeptabel;art675,2661216
      fr.de/frankfurt/staedtische-bu…nte-an-den-main-a-1292486

      Kritischer Kommentar zum "Schweigen der Intendanten":
      faz.net/aktuell/rhein-main/fra…intendanten-15049905.html


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • ThomasBernhard schrieb:

      Kommt es nicht erfahrungsgemäß hinterher immer besonders teuer, wenn vorher die Kosten gedrückt werden?
      Was die Machbarkeitsstudie anbetrifft: hier scheint es doch so zu sein, dass die Verfasser entgegen der Gewohnheit und im Lichte aktueller Erfahrungen (Elbphilharmonie, Berliner Staatsoper etc.) die Kosten eher hoch angesetzt als kleingerechnet haben - oder, je nach Sichtweise: eine realistische Einschätzung versucht haben.

      Das hat natürlich den Vorteil, dass der gängige Verlauf solcher Angelegenheiten wahrscheinlich vermieden werden kann: erst zu niedrig angesetzte Summe, dann ständige Neukalkulationen bis zum Mehrfachen der ursprünglich angegebenen Kosten, wobei der meist öffentliche Bauherr den Kostensteigerungen zähneknirschend zustimmen muss.

      Auf der anderen Seite sind die jetzt genannten Summen so hoch, dass die Verantwortlichen regelrecht in Panik (oder auch, wie die Intendanten, in Schockstarre) geraten und auf Teufel komm raus eine billigere und womöglich schlechtere Lösung anstreben. Das kann ich durchaus verstehen, denn knapp eine Milliarde Euro zahlt auch eine relativ wohlhabende Stadt wie Frankfurt nicht aus der Portokasse.

      Was ich nicht ganz verstehe: warum jetzt unbedingt ein Neubau? Ist doch laut Machbarkeitsstudie erstmal nicht preiswerter als eine Renovierung. Ist es das Gefühl: wenn schon so exorbitant teuer, dann soll es wenigstens was richtig Neues sein, keine unspektakuläre Renovierung?


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Was ich nicht ganz verstehe: warum jetzt unbedingt ein Neubau? Ist doch laut Machbarkeitsstudie erstmal nicht preiswerter als eine Renovierung. Ist es das Gefühl: wenn schon so exorbitant teuer, dann soll es wenigstens was richtig Neues sein, keine unspektakuläre Renovierung?

      Ein Neubau hat schon Vorteile. Die Planung einer Sanierung bei laufendem Betreib ist sehr aufwendig und der Ablauf dann doch meistens nicht reibungslos. Ein Neubau wird woanders errichtet, und wenn er fertig ist, zieht man ein. Wenn man den Standort erhalten möchte, wird der Neubau natürlich planerisch kompliziert, da man dann Ausweichlösungen suchen muss.

      Bei einem Theater geht es naturgemäß nicht nur um praktische Erwägungen, sondern auch um Tradition und Nimbus eines Standortes und Gebäudes. Das ist z. B. bei Uni-Bauten (mit denen ich einschlägige Erfahrungen sammeln durfte und darf) dann halt doch häufig etwas anders.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Ein Neubau hat schon Vorteile. Die Planung einer Sanierung bei laufendem Betreib ist sehr aufwendig und der Ablauf dann doch meistens nicht reibungslos. Ein Neubau wird woanders errichtet, und wenn er fertig ist, zieht man ein. Wenn man den Standort erhalten möchte, wird der Neubau natürlich planerisch kompliziert, da man dann Ausweichlösungen suchen muss.
      Ich muss jetzt aber keine Beispiele für Neubauten nennen, bei denen der Bauablauf nicht ganz reibungslos funktioniert hat? ;)

      Für einen Neubau an anderer Stelle (und es geht hier um zwei große Häuser!) muss erstmal ein Platz gefunden werden, und das gestaltet sich in einer dicht bebauten Stadt immer schwierig (figure humaine hat die Probleme für FFM ja geschildert; man denke auch an die jahrelange Suche nach einem Standort für den Münchner Konzertsaalneubau). Nicht zufällig gab es ja schon Planspiele, die Städtischen Bühnen an die Peripherie der Stadt zu verlegen...

      Der Neubau am selben Ort wirft auch erhebliche Probleme auf, wie in den oben verlinkten Artikeln zu lesen ist. Und ein Ausweichquartier ist für ein Opernhaus immer eine schwere Belastungsprobe (man denke z.Zt. an Köln).

      Symbol schrieb:

      Bei einem Theater geht es naturgemäß nicht nur um praktische Erwägungen, sondern auch um Tradition und Nimbus eines Standortes und Gebäudes. Das ist z. B. bei Uni-Bauten (mit denen ich einschlägige Erfahrungen sammeln durfte und darf) dann halt doch häufig etwas anders.
      Das Problem in Frankfurt ist aber, dass die Tradition des Standortes nur in die 1950er Jahre zurückreicht und seine spezifische Aura von Modernegegnern bestritten wird.


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Ich muss jetzt aber keine Beispiele für Neubauten nennen, bei denen der Bauablauf nicht ganz reibungslos funktioniert hat? ;)

      Neben "modernen Klassikern" wie BER und Elbphilharmonie dürfte (zumindest) uns beiden der HTW-Neubau ein geläufiges Beispiel sein. :D

      Auch Sanierungen müssen übrigens nicht unbedingt glücken - ich weiß von einem großen deutschen Opernhaus, in welchem eine teure Sanierung z. B. die Probleme der Bühnentechnik nicht behoben hat.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Zwielicht schrieb:

      Was ich nicht ganz verstehe: warum jetzt unbedingt ein Neubau? Ist doch laut Machbarkeitsstudie erstmal nicht preiswerter als eine Renovierung. Ist es das Gefühl: wenn schon so exorbitant teuer, dann soll es wenigstens was richtig Neues sein, keine unspektakuläre Renovierung?
      Hauptargument für den Neubau ist nach meiner Einschätzung neben einem ziemlich lückenlosen Übergang mit fast keinen Beeinträchtigungen (in diesem Fall aber bei neuem Standort!) vor allem die Tatsache, dass eine Erweiterung der Räumlichkeiten scheinbar nur "nach oben" hin in Form eines Turms möglich ist (bzw. wurde nur dies untersucht?) mit Beeinträchtigung der danebenliegenden, eher unscheinbaren "Grünanlage". Da diese Grünanlage allerdings Teil der Wallanlage ist, die den Verlauf der früheren Frankfuter Stadtmauer im Stadtbild nachzeichnet, steht sie unter besonderem Schutz.

      Zwielicht schrieb:

      Das Problem in Frankfurt ist aber, dass die Tradition des Standortes nur in die 1950er Jahre zurückreicht und seine spezifische Aura von Modernegegnern bestritten wird.
      Naja, bis 1902 reicht die Tradition als Theaterstandort immerhin schon zurück - halt nur nicht der Oper. Bei meinen ersten Begnungen mit diesem Haus, war ich auch nie sonderlich begeistert von der Architektur dieses Hauses. Mittlerweile gefällt es mir eigentlich richtig gut und ich fände es sehr schade, wenn die prägnante Glasfassade mit dem Wolkenfoyer und dem Chagall-Saal verloren ginge. So viele erhaltenswerte Gebäude (die prinzipiell auch qualitativen Ansprüchen genügen) haben wir nicht mehr, aber dieses Haus würde ich für eines davon halten.
      Eine Rekonstruktion der alten Fassade des Theaters von 1902 halte ich für den jetzigen Willy-Brandt-Platz unpassend. Da müsste schon die Gestaltung des Platzes überdacht (von denken, nicht von Dach ;)) werden, um ein stimmiges Ensemble hinzubekommen.

      Ehrlich gesagt finde ich aber auch die Idee eines Neubaus reizend. Die Opernhäuser in Oslo und Kopenhagen zeigen ja, was heute alles möglich ist. Allerdings halte ich auch den Standort am Willy-Brandt-Platz für unbedingt erhaltenswert. Aufgrund der schon oben genannten Gründe, aber auch durch seine gute Erreichbarkeit: sechs U-Bahn-Linien aus allen Richtungen, kurze Verbindungen zum Zentrum und zum Hauptbahnhof, dazu noch eine Haltestelle der Tram direkt vor der Haustür findet man nicht mehr so oft in Frankfurt mit seinen eher wenigen zentralen Knotenpunkten.

      .

      ThomasBernhard schrieb:

      Kommt es nicht erfahrungsgemäß hinterher immer besonders teuer, wenn vorher die Kosten gedrückt werden?
      Den Gedanken hatte ich bei den Äußerungen der Kulturdezerntin auch schon ;) . Lieber ehrlich kalkulieren und dafür weniger/keine Kostensteigerungen als erst zu drücken und konsequent das "billigste" Gebot der Ausschreibung berücksichtigen, um am Ende festzustellen, dass die genehmigten Mittel doch nicht ausreichen.


      ThomasBernhard schrieb:

      Mein "Lieblings"-Totschlagargument (die Heuchelei macht mich regelmäßig wütend) habe ich gar nicht genannt: Wie kann X (der Bischof von Limburg zum Beispiel) Gebäude für teuer Geld renovieren, während in Afrika Menschen verhungern?
      Im Sinne deiner "Totschlagargumente" argumentiert auch heute die FAZ: "Willkommen im Verteilungskampf"
    • Mir kommt das alles komplett irre vor. Sanierung kostet mehr als die Elbphilharmonie? Das Gutachten hat allein 6,5 Millionen gekostet? d.h. da haben etwa 60 sehr ordentlich (100kEUR) entlohnte Leute ein Jahr dran gearbeitet (bzw. entsprechend mehr länger)? Oder lassen sich diese Büros so etwas einfach richtig gut bezahlen, weil es ja eh gezahlt wird?
      Ich habe schon mehrfach Artikel zu den außerordentlich gewachsenen Kosten für Infrastrukturprojekte gelesen. Ich komme einfach nicht mit. Diese Kosten sind in den letzten Jahrzehnten außerordentlich stark gestiegen, ganz unverhältnismäßig verglichen mit allgemeiner Inflation oder Lohnsteigerung. Kann das wirklich nur an ein paar verschärften Brandschutzvorschriften liegen? Irgendwie glaube ich auch nicht so recht, dass die BRD vor 50 Jahren bei Brandschutz und Bürokratie so extrem locker drauf war... Schließlich kann man zwar Effizienzsteigerungen in der Industrieproduktion nicht mit dem Bau vergleichen, aber ein bißchen Effizienzsteigerung müsste in 50 Jahren eigentlich auch da drin sein, so dass eigentlich auch bei Bauten/Renovierungen/Sanierungen manche Dinge in Relation *billiger* sein müssten als in den 1960ern.
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)