Christof Loy inszeniert Handel's Ariodante in Salzburg

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    • Christof Loy inszeniert Handel's Ariodante in Salzburg

      Hallo zusammen,

      am Montag Nachmittag war ich in charmanter Begleitung in der zweiten Aufführung der Neuinszenierung von Handels zweiter Ariost-Oper, Ariodante HWV 33 aus dem Jahr 1734. Die Premiere war am 2.6., im Rahmen der Sommer-Festspiele gibt es noch einige Aufführungen in nahezu identischer Besetzung. Soweit ich es richtig gesehen habe, sind dafür auch noch etliche Karten verfügbar.

      Christof Loy ist ein vielbeschäftigter (und in vielen Inszenierungen auch weithin geschätzter) Opernregisseur. In einem Interview der Festspiele wies er darauf hin, dass er die Oper schon lange kannte und nun endlich in Salzburg die Möglichkeit hatte, diesen Wunsch umzusetzen. Grundsätzlich bin ich mit dieser Inszenierung nicht wirklich warm geworden. Dazu aber im Folgenden mehr.

      Gegenüber der Ankündigung hat es leider einige Umbesetzungen gegeben, unter anderem war anfangs Diego Fasolis als Dirigent vorgesehen, dem einmal live zu begegnen ich sehr gespannt gewesen wäre. So sah die Besetzung nun wie folgt aus:

      Gianluca Capuano, Musikalische Leitung
      Christof Loy, Regie
      Johannes Leiacker, Bühne
      Ursula Renzenbrink, Kostüme
      Roland Edrich, Licht
      Andreas Heise, Choreografie
      Klaus Bertisch, Dramaturgie
      Alois Glaßner, Choreinstudierung

      Nathan Berg, Der König von Schottland
      Cecilia Bartoli, Ariodante
      Kathryn Lewek, Ginevra
      Norman Reinhardt, Lurcanio
      Christophe Dumaux, Polinesso
      Sandrine Piau, Dalinda
      Kristofer Lundin, Odoardo

      Les Musiciens du Prince – Monaco
      Andrea Marchiol, Continuo
      Salzburger Bachchor

      Tänzer:
      William C. Banks, Christopher C. Basile, Brennan Clost, Andrew Cummings, Chris Agius Darmanian, Rouven Pabst, Rory Stead, Jack Widdowson

      Dies war meine dritte Ariodante-Inszenierung (innerhalb von 22 Jahren), ich kann also behaupten, das Stück live recht gut zu kennen. Für den mit dem Stück nicht so vertrauten Leser empfehle ich den wieder einmal sehr guten Wikipedia-Artikel. Wer den Ariodante kennt, weiß, dass es sich um ein Stück mit einem recht heiter-verspielten ersten Akt handelt, die dramatischen Szenen finden sich ausschließlich im zweiten und dritten Akt.

      Grundlage der Inszenierung war die Verschränkung der Ariodante-Figur mit (auf italienisch eingesprochenen) Zitaten aus dem Roman 'Orlando' von Virginia Woolf, einmal zwischen Ouvertüre und Menuett vor dem 1. Akt, ein andermal vor dem 3.Akt. Damit wurde auf Cecilia Bartoli in ihrer ersten Hosenrolle in einer Operninszenierung noch einmal hingewiesen. Die von Virginia Woolf als etwas linkisch-romantisch-unangepasste (meine Worte) Figur wurde damit sehr gut gegen das recht durchgängig barock sich gebende Hofpublikum abgesetzt. Das war, so denke ich, die einzige Zutat zu einer sonst recht nah am Stück ablaufenden und in der Personenzeichnung und -motivation recht gut durchdachten Inszenierung. Zum ersten Auftritt der Titelrolle lief Cecilia Bartoli also in vollständiger Ritterrüstung und gepflegtem Bart auf den Hofstaat zu.

      Der recht heitere erste Akt gelang in meinen Ohren sängerisch am Wenigsten, hier hatten ich und meine Begleitung mit vielen Sängerleistungen so unsere Probleme, von Anfang an großartig waren Cecilia Bartoli und Kathryn Lewek als Ginevra sowie Christophe Dumaux als Polinesso. Den letzteren hatte ich zuletzt 2004 als Eustazio im szenischen Göttinger Rinaldo erlebt und war sehr positiv überrascht, ein wie starker Schauspieler und ein präsenter Altus-Sänger er geworden ist. Schon seine erste Arie 'Coperta la frode' war sängerisch ein großer Genuss. Ziemlich enttäuscht war ich von der Wiederbegegnung mit Nathan Berg, der leider nur zwei Lautstärken konnte, bei der Arie im ersten Akt 'Voli colla sua tromba' gar nur eine: forte. So muss man Handel eigentlich nicht mehr singen ...

      Recht überinszeniert waren die vielen Koloraturen in der großen Arie des Ariodante 'Con l'ali di costanza', in der - schauspielerisch wie sängerisch von Cecilia Bartoli großartig gelöst - ein Schluckauf in den Musikablauf eingebaut waren, das war wohl vor allem ein Tribut vor der großartigen Schauspielerin. Die Tänze an den Aktenden waren für die gleichen Sänger recht unterschiedlich angelegt: mal als moderner Tanz, mal in (nicht besonders überzeugend abgeliefertem) barocken Tanzgestus, dabei waren drei der Tänzer auch als Frauen gekleidet und tänzerisch eingesetzt.

      Im zweiten Akt, mit dem Eintritt der Verschwörung des Polinesso, nahm die gesangliche Leistung auf allen Positionen zu, großartig waren die erste Arie der Titelrolle 'Tu preparati a morire' und Lurcanios 'Tu vivi, e punito'. Die zu den Höhepunkten des Handel'schen Arien-Schaffens gehörenden 'Scherza infida in grembo al drudo' des Ariodante und 'Il mio crudel martoro' der Ginevra am Aktende waren nicht besser zu gestalten.

      Grundsätzlich bin ich mit der dirigentischen Leistung von Gianluca Capuano ziemlich unzufrieden, die Mehrzahl der Arien wurde recht schematisch in einem zügigen Einheitstempo abgespult, die genannten Arien hatten dann aber doch große Tiefe, wurden auch vom Orchester mit wunderbaren Farben gestützt. Während der genannten Ariodante-Arie zog sich Cecilia Bartoli (immer noch bärtig) nach und nach das abgelegte Kleid der vermeintlichen Ginevra an. Ab der im Folgenden geschilderten Szene war Ariodante dann nicht mehr bärtig und trug die Haare offen.

      Eine der wenigen Änderungen gegenüber dem Handel'schen Original war die Umwidmung des die Traumszenen abschließenden Accompagnatos: eigentlich schildert die aus schrecklichen Träumen erwachende Ginevra ihre Angst mit 'Che vidi? Oh Dei!', hier ist es Ariodante, der damit die sehr drastisch Tanzszenen, die nah an eine Gruppenvergewaltigung der Ginevra gehen, kommentiert.

      In der großen Arie der Dalinda 'Neghittosi, or voi che fate' erkannte ich nun endlich die großartige Sandrine Piau wieder, die vorher immer unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Eins meiner Lieblingsstücke im Ariodante ist nicht etwa eine der großartigen Arien der beiden Hauptfiguren, sondern das Duett Lurcanio-Dalinda 'Dite spera, e son contento', das ich für eine der gelungensten menschlichen Schilderungen einer Annäherung zweier verwirrter Liebender halte. Was Handel hier in der Form der abgewandelten Da-Capo-Form an menschlichen Tiefen bietet, kenne ich sonst nur von Mozart. Und am Montag war das Stück auch großartig gesungen von Norman Reinhardt und Sandrine Piau.

      Die vorhergehende, extrem virtuose Arie 'Dopo notte, atra e funesta' war wieder eins von diesen Stücken, zu denen der Regie nicht besonders viel eingefallen ist, Cecilia Bartoli war auf sich gestellt, die überaus überschwänglichen Passagen und die Emotionen zu schildern, ein was für riesiger Brocken von Ihrer Brust genommen wird. Wie nahezu alle modernen Inszenierungen hatte auch die von Christof Loy ein Problem mit dem lieto fine, das in den Schlusschor eingebaute Ballett war von auseinander fallenden Tanzfiguren und einem einfrierenden Chor gekennzeichnet. Einzig das 'große Paar' kann sich aus dieser Welt durch die hintere Bühnentür befreien. Ich habe aus der Inszenierungsidee Christof Loys, dem Schillern der Hauptfigur zwischen Mann und Frau, keinen Gewinn für das Stück erkennen können.

      Das Salzburger Publikum bejubelte das Dargebotene sehr lautstark und nachdrücklich, als Cecilia Bartoli beim Applaus zum ersten Mal die Bühne betrat, stand das Parkett wie ein Mann zu standing ovations auf. Wie aus meinen Gedanken hervorgeht, bin ich nicht mit allen Sängern so glücklich geworden, begeisternd waren v.a. das hohe Paar, der Lurcanio und Polinesso, vom Dirigentischen und der Orchesterleistung muss sich Göttingen neben Salzburg wahrlich nicht verstecken, eine Aufführung wie die diesjährigen 'Lotario' hatten halt nicht ganz so große Namen zu bieten, aber dem Handelschen Genie ist sie deutlich eher gerecht geworden.

      Vielleicht ist ja im Sommer noch der eine oder andere Forianer im Salzburg und schildert seine Eindrücke, dann soll Rolando Villazon den Lurcanio singen ...

      Gruß Benno