Thesen zur Rückschrittlichkeit der aktuellen Opernregie

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    • Thesen zur Rückschrittlichkeit der aktuellen Opernregie

      1. These: Die Aufführung einer Oper ist ein Gesamtkunstwerk

      Wagners Idee vom Musikdrama als Gesamtkunstwerk wird weithin operngeschichtlich als qualitativer Fortschritt verstanden. Dichtung, Musik und szenische Darstellung bilden danach eine untrennbare Einheit.



      2. These: Opernregie und damit einhergehend Diskussionen zur Opernregie haben den Schritt zum Gesamtkunstwerk bisher nicht nachvollzogen.

      Opernregie wie Diskussionen über sie bewegen sich typischerweise zwischen den Polen Werktreue und Regietheater. Bekanntermaßen möchte die eine Seite die Aufführung uraufführungsgebunden und im Rahmen des von Komponisten wie Librettisten Vorgegebenen erleben, dabei oft eine Aufführungstradition betonend, während die andere Seite die Herstellung eines aktuellen Zeit- und Gesellschaftsbezug als im eigentlichen Sinne werkgerecht versteht und auch Aufführungen, die persönliche Regieinterpretationen im Sinne von Werkbearbeitungen beinhalten, begrüßt.

      Die Mittel der modernen Opernregie im Sinne des Regietheaters beschränken sich in der Regel auf die die szenische Darstellung. „Das sie Ort und Zeit des Librettos nicht buchstabengetreu umsetzen, ist ja so ziemlich die einzige Gemeinsamkeit“, heißt es insoweit treffend in einem aktuellen Thread; zu ergänzen wäre die Ausstattung. Vom begrifflichen Dreigestirn Dichtung, Musik und szenische Darstellung wird damit nur das letzte Drittel regiebearbeitet.


      3. These: Weil Dichtung, Musik und szenische Darstellung eine untrennbare Einheit bilden, muss eine Opernregie, die das Untrennbare teilt, notwendig scheitern.

      Ich bin nicht Wagnerianer genug, um diese Untrennbarkeit bzw. ihre argumentative Herleitung korrekt darzustellen, meine aber genug davon zu verstehen, um postulieren zu können, dass ein qualitativ hochwertiges Ganzes nur entstehen kann, wenn die Elemente der Oper aufeinander bezogen bleiben, weil die Teile nur so als Gesamtkunstwerk zusammenwirken können.

      In der modernen Opernregie werden Dichtung und Musik einerseits und Opernregie andererseits notwendigerweise getrennt, weil sich die Aktualisierung der Oper typischerweise auf die szenische Darstellung beschränkt. Bei allem Bemühen um das Einfügen dieser Aktualisierung in Dichtung und Musik entsteht notwendigerweise ein Bruch, verliert die Aufführung ihren Charakter als Gesamtkunstwerk.



      4. These: Der Einwand des Vorgegebenen - überzeugt nicht.

      Das ewige Problem der Opernregie ist, dass die Musik vorgegeben ist und mit ihr auch weitestgehend das Libretto. Während es im Schauspiel alltäglich und weitestgehend anerkannt ist, das Original als Steinbruch zu verwenden, der neu zusammengesetzt werden kann, muss die Opernregie mit dem Vorgegebenen leben. Aufgabe der Opernregie muss es daher sein, den in der vorherigen These genannten Bruch weitestgehend zu vermeiden, indem eine Aktualisierung gefunden wird, die der Dichtung wie der Musik entspricht.


      Muss es wirklich?

      Beliebte Mittel, um dies zu erreichen sind neben der Verlagerung von Ort und Zeit sowie der ausgiebigen Verwendung von symbolischen Requisiten aller Art einschließlich der Ausstattung die Verwendung von Einlagen. Gemeint ist damit das Ausnutzen von Leerstellen bzw. von Pausen insbesondere vor und nach der eigentlichen Aufführung, zwischen den Akten und während der Ouvertüre, in denen szenische Ergänzungen pantomimisch oder immer häufiger videographisch dargestellt werden.


      Meiner Meinung nach gehen diese Mittel bei Weitem nicht weit genug, handelt es sich bei ihnen allein um Behelfsmittel, die notwendig werden, weil die eigentliche Herausforderung der Regie nicht angenommen wird. Exemplarisch in die richtige Richtung weist für mich Konwitschny mit der berühmt-berüchtigten Einlage in den Meistersingern: "Sag mal Wolfgang, weißt du eigentlich, was du da singst?" (siehe z. B.: zeit.de/2002/46/Das_muss_man_endlich_mal_ausdiskutieren). Hier wird neben der Szene auch die Dichtung verändert und werden damit immerhin zwei Drittel des Weges beschritten.



      5. These: Entsprechend der Gesamtkunstwerkkonzeption muss die Regie nicht nur die szenische Darstellung, sondern auch die
      Dichtung und Musik verändern, um ein wirkliches Regie-Gesamtkunstwerk zu erschaffen.

      Kunst darf alles. Regie ist Kunst. Wenn ein Regisseur daher das Projekt bzw. die künstlerische Idee verfolgt, auf der Basis des Steinbruchs einer bestimmten Oper ein neues Werk zu schaffen, kann ein wirkliches neues Regie-Gesamtkunstwerk nur erschaffen werden, wenn die Regie sich der Fesseln der Dichtung und der Musik entledigt, wenn sie also umdichtet, neu dichtet, um-musiziert und -komponiert oder mindestens neu zusammenstellt.

      Dieser Herausforderung, dieser Überzeugung bin ich, muss die moderne Opernregie sich stellen. Ich hoffe weiterhin darauf, dass es geschieht.

      6. These: Solches Musiktheater ist nicht unmöglich. Es existiert bereits, mindestens in Ansätzen .

      Der Name David Marton fällt mir ein, wenn ich Beispiele geben soll. Ich kenne von ihm aus eigener Anschauung allein die im Hamburger Thalia Theater gegebene Krönung der Poppea. Ein wunderbares, äußerst gelungenes Potpourri aus diversen Stücken auf der Basis der Poppea. Musikalisch-theatralische Variationen nannte es seinerzeit das Hamburger Abendblatt. Das Publikum, mit und in ihm ich, war begeistert. (siehe hier: thalia-theater.de/de/extra/archiv/die-kroenung-der-poppea)

      Gruß, Thomas
      (eine saubere Gestaltung von Absätzen kriege ich mit dem Editor leider nicht hin)
    • Knulp schrieb:

      Wagners Idee vom Musikdrama als Gesamtkunstwerk wird weithin operngeschichtlich als qualitativer Fortschritt verstanden. Dichtung, Musik und szenische Darstellung bilden danach eine untrennbare Einheit.

      Die Idee ist freilich nicht von Wagner, wurde von ihm lediglich in einem konkreten geschichtlichen Kontext wieder eingefordert.

      Monteverdi und Gluck, um nur zwei zu benennen, hatten Absichten, die sie ähnlich formulierten.

      Knulp schrieb:

      2. These: Opernregie und damit einhergehend Diskussionen zur Opernregie haben den Schritt zum Gesamtkunstwerk bisher nicht nachvollzogen.

      Ist ja auch klar. Opernregie ist eine Disziplin der szenischen Darstellung. In Dichtung und Musik greift die Opernregie - jetzt mal verkürzt auf "traditionell" und "Regietheater" - meist nicht ein.

      Knulp schrieb:

      Die Mittel der modernen Opernregie im Sinne des Regietheaters beschränken sich in der Regel auf die die szenische Darstellung. „

      Siehe oben. Das ist die Definition der Disziplin.

      Knulp schrieb:

      Vom begrifflichen Dreigestirn Dichtung, Musik und szenische Darstellung wird damit nur das letzte Drittel regiebearbeitet.

      Dito.

      Knulp schrieb:

      3. These: Weil Dichtung, Musik und szenische Darstellung eine untrennbare Einheit bilden, muss eine Opernregie, die das Untrennbare teilt, notwendig scheitern.

      Wieso teilt die Opernregie das Unteilbare?

      Teilt die Existenz von Dirigenten auch das Unteilbare?

      Keine Aufführung kann alle Aspekte eines Werkes wiedergeben. Man kann z. B. in Mozarts Figaro der Wiedergabe von Zeit und Ort die Priorität geben und bekommt halt Widersprüche wie elektrische Beleuchtung, moderne Instrumente usw. Man kann bestimmten Ideen des Werkes die Priorität geben, z. B. die Auflehnung gegen den Absolutismus und andere Widersprüche in Kauf nehmen.

      So oder so - es bleibt eine Entscheidung, welche Aspekte des Werkes man beleuchten möchte.

      Knulp schrieb:

      . Bekanntermaßen möchte die eine Seite die Aufführung uraufführungsgebunden und im Rahmen des von Komponisten wie Librettisten Vorgegebenen erleben, dabei oft eine Aufführungstradition betonend,

      Ich habe es bisweilen so wahrgenommen, dass "die eine Seite" nicht etwas Uraufführungsgebundenes wünscht, sondern die Aufführungstradition der 1960/70er.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Tolle Arbeit. Ich muss allerdings gestehen, dass mich weder die Thesen noch der polemische Impetus noch die Ironie überzeugen. Letztendlich ist es wie so oft: Ein Beitrag zum Thema gibt sich theoretischer und tiefer, als er eigentlich sein möchte. Statt klar und deutlich zu sagen: »Ich will, dass das, was mir im Theater geboten wird, meinem Geschmack entspricht«, was ja immerhin eine klare Aussage wäre, die man diskutieren kann, werden ein par theoretische Nebelkerlen abgebrannt, die nun auch noch das Wenige verdecken, was interessant oder diskutierbar wäre. Ein paar Anmerkungen:

      Knulp schrieb:

      1. These: Die Aufführung einer Oper ist ein Gesamtkunstwerk
      Das soll, wenn ich es richtig verstehe, eine Definition, jedenfalls eine wesentliche Bestimmung dessen sein, was die Aufführung einer Oper ist. Damit ein solcher Satz einen Sinn haben kann, müssen die einzelnen Bestandteile definiert sein. Hier haben wir einen Satz der Form: »Ein Apfel ist eine Frucht«, der für jeden verständlich ist, der der deutschen Sprache mächtig ist. Wenn aber nun ein Satz formuliert wird, der lautet »Ein Apfel ist ein Murmelor«, wird man zurecht fragen, was denn ein »Murmelor« sei und den Satz als inhaltslos nehmen, bis das geklärt ist. Nun sind im Satz »Die Aufführung einer Oper ist ein Gesamtkunstwerk« so ziemlich alle Begriffe hinreichend klar, bis auf den letzten und entscheidenden. Darum besagt der Satz gar nichts, bis nicht geklärt ist, welcher Begriff des »Gesamtkunstwerks« denn gemeint ist. Es gibt deren so einige, und sie unterscheiden sich einigermaßen stark. Dass Wagners »Kunstwerk der Zukunft«, das man damit gern in Zusammenhang bringt, ganz und gar keine Oper oder auch nur etwas Ähnliches war, weiß ja jeder, der die entsprechenden Schriften gelesen hat. Wie legen diese These also erst einmal zur Seite, bis klarer ist, wovon die Rede ist.

      Fahren wir fort:

      Knulp schrieb:

      Wagners Idee vom Musikdrama als Gesamtkunstwerk wird weithin operngeschichtlich als qualitativer Fortschritt verstanden. Dichtung, Musik und szenische Darstellung bilden danach eine untrennbare Einheit.
      Das sind so viele ungedeckte Schecks, dass man gar nicht hinterherkommt. Probieren wir es der Reihe nach:
      1. Es gibt keine Wagnersche Idee vom Musikdrama, wohl aber einen scharf polemisierenden Aufsatz aus der Feder des Meisters, mit der er diesen Begriff auf mehreren Ebenen analysiert und seine Lächerlichkeit aufzeigt. Schließlich verbittet er sich seine Anwendung auf seine Werke. Es würde den Vertretern der Werktreue-Fraktion gut anstehen, die Worte des Meisters, auf deren getreulicher Umsetzung sie immer bestehen, einmal zu lesen und zu respektieren, sonst machen sie sich etwas unglaubwürdig. (Um das zu erklären: Ich stelle dich gar nicht erst die Frage, warum, ich auf die getreuliche Umsetzung der Worte des Meisters verpflichtet sein soll, wenn der, der mich darauf verpflichten will, die Worte des Meisters selbst nicht ernst nimmt. Und wenn diese Frage nicht gestellt wird, kann sie nicht beantwortet werden, womit diese Verpflichtung hinfällig ist. Das ist also ein klassischer Fall von über die eigenen Beine stolpern.)
      2. Wenn etwas als qualitativer Fortschritt verstanden wird (ich überspringe die hier eigentlich fällige Diskussion des bekanntlich nicht nur aber auch im Bereich der Kunst sehr fragwürdigen Begriffs »Fortschritt«), heißt das nicht, dass es für immer festgeschrieben werden muss. Die Erfindung des Hochrades wurde auch einmal als qualitativer Fortschritt verstanden, aber niemand wird es heute mehr ernsthaft benutzen wollen. Anders gesagt: Seit Wagner seine Theaterkonzeption entwickelte, ist viel Zeit vergangen, und es hat seitdem auch andere Konzeptionen gegeben. Wie es eben heute andere Fahrräder gibt als vor 100 Jahren, wie modern sie damals immer gewesen sein mögen. (Ganz nebenbei: Es gab auch zu Wagners Lebzeiten andere, von seinem sehr verschiedene Theaterkonzeptionen, zum Beispiel die Verdis, um ein Beispiel zu nehmen, das Opernfreunden bekannt sein dürfte und sie nicht mit Namen wie Büchner, Grabbe, Fuchs usw. zu entnerven).
      3. Dass Wagner theoretisch geäußert hat, dass Dichtung, Musik und szenische Darstellung eine untrennbare Einheit bilden, ist zwar richtig, entspricht aber nicht seiner Praxis. Denn er hat bekanntlich Teile seiner Werke selbst in Konzerten aufgeführt, also die szenische Darstellung abgetrennt, er hat auch Teile in Orchesterbearbeitungen aufgeführt, also die szenische und die textliche Ebene abgetrennt, er hat bekanntlich die Dichtungen seiner Werke vorgelesen (wenn auch nur in kleinerem Kreis), also Musik und szenische Darstellung abgetrennt. Außerdem hat er sich in seiner eigenen Inszenierungsarbeit keineswegs getreulich an seine Regieanweisungen gehalten, als Theaterpraktiker, der er war, hatte er schon bei ihrer Niederschrift gewusst, dass sie gar nicht getreulich umzusetzen sind.
      4. Wie ich schon sagte, sind seit der Niederschrift dieser theoretischen Schriften viele Jahre vergangen, und die Entwicklung ist nicht stehengeblieben. Inzwischen gab und gibt es ganz grundsätzlich andere Auffassungen von er Struktur des Theaterkunstwerks, wie zum Beispiel die von Bertolt Brecht, dessen Name sich schon bis zu den Opernfreunden herumgesprochen hat, während es bei der Kenntnis seiner Werke und Gedanken leider hapert. Der hat die Idee der untrennbaren Einheit der verschiedenen Ebenen des Theaterkunstwerks radikal verworfen und die Idee und Praxis der Trennung der Elemente (eines Zusammenwirkens also, bei der jedes Element die Fabel auf seine jeweils spezifische Weise erzählt) in die Diskussion eingebracht. Nun hat sich diese Konzeption für das Theater als überaus fruchtbar erwiesen, und nachdem sich der erste Schrecken gelegt hatte, konnte man erkennen, dass Brecht im Grunde nichts anderes formuliert hat, als was für das abendländische Theater schon immer grundlegend war und nach wie vor ist. Und – erstaunliches Faktum – so sehr Brecht seine Theorie auf die Polemik mit Wagner gründet, so ähnlich sind sich die Auffassungen (teilweise bin in wörtliche – wenn auch wohl unbewusste – Entlehnungen hinein, dass man in dem freien Zusammenwirken freier Individuen, das Wagner für die künftige Gesellschaft (die sein Gesamtkunstwerk ist) vorschwebte, und das er in der Struktur seiner Werke vorweggenommen sehen wollte, eben diese Trennung der Elemente erkennen kann. Die Analyse der Partituren des Meisters macht dann auch deutlich, dass Text, Musik und szenische Darstellung keineswegs deckungsgleich aufeinanderliegen, sondern tatsächlich, wie es Brecht später theoretisch (Wagner aber – wie alle bedeutenden Opernkomponisten vor ihn auch – praktisch) formuliert hat. Aber egal, wie man immer das sieht: Die Tatsache, dass es verschiedene Konzeptionen vom Theaterkunstwerk und seinen strukturellen Eigenschaften gibt, verbietet es, eine von ihnen ohne weitere Begründung als die einzig richtige und verbindliche zu postulieren.
      Zwischenstand: Von der für das ganze Gebäude fundamentalen These 1 ist nur noch Schutt und Asche übrig. Das Haus ist also auf Sand gebaut.
    • Fahren wir trotzdem fort:


      Knulp schrieb:

      2. These: Opernregie und damit einhergehend Diskussionen zur Opernregie haben den Schritt zum Gesamtkunstwerk bisher nicht nachvollzogen.
      Da sitzen wir natürlich in der Tinte. Wenn weder klar ist, was mit dem Begriff »Gesamtkunstwerk« gemeint ist, noch, ob er sinnvoll auf den in Rede stehenden Gegenstand angewandt werden kann, wissen wir weder, wie dieser Schritt zu vollziehen wäre, noch ob es sinnvoll wäre, ihn zu vollziehen, noch, woran man erkennen könnte, wenn er vollzogen wäre. Es sieht traurig aus für die These 2. Aber schauen wir mal ins Detail:

      Knulp schrieb:

      Opernregie wie Diskussionen über sie bewegen sich typischerweise zwischen den Polen Werktreue und Regietheater.
      Das ist eine sehr steile These. Es mag richtig sein, dass es Diskussionen gibt, die sich zwischen diesen Polen bewegen, dass sie die typischen sind, kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Ich diskutiere die Fragen der Opernregie sehr und ausführlich seit Jahrzehnten. Die Begriffe »Werktreue« und »Regietheater«, was immer mit ihnen gemeint sein mag, spielen nur bei einem verschwindend geringen Teil dieser Diskussionen eine Rolle. Die Probleme der Opernregie bewegen sich nämlich auf ganz anderen Ebenen.

      Knulp schrieb:

      Bekanntermaßen möchte die eine Seite die Aufführung uraufführungsgebunden und im Rahmen des von Komponisten wie Librettisten Vorgegebenen erleben, dabei oft eine Aufführungstradition betonend, während die andere Seite die Herstellung eines aktuellen Zeit- und Gesellschaftsbezug als im eigentlichen Sinne werkgerecht versteht und auch Aufführungen, die persönliche Regieinterpretationen im Sinne von Werkbearbeitungen beinhalten, begrüßt.
      Ich halte das für eine unzulässige Vereinfachung. Es mag Leute geben, die die »Herstellung eines aktuellen Zeit- und Gesellschaftsbezugs als im eigentlichen Sinne werkgerecht verstehen«, aber es ist nicht so, dass das in dieser Allgemeinheit zutrifft. Zum Beispiel kenne ich eine Menge Leute (ich gehöre zu ihnen), die die Herstellung eines solchen Bezugs nicht für wichtig halten, weil dieser Bezug sowieso bei allem, was gegenwärtig geschieht, vorhanden ist. Da das Theaterkunstwerk aber ein grundsätzlich gegenwärtiges ist (es gibt kein altes Theaterkunstwerk, Theater lässt sich nicht konservieren das Kunstwerk ist so vergänglich, dass Produktion und Rezeption zeitlich zusammenfallen und das Kunstwerk nach seiner Produktion aufgebraucht ist), hat es diesen Gegenwartsbezug zwangsläufig immer, auch wenn es sich noch so eskapistisch gibt im Versuch, das 19. Jahrhundert zu rekonstruieren, und sei es nur, weil diese eskapistische Haltung eine gegenwärtige, aus den Bedingungen der Gegenwart geborene ist (und nebenbei dem Werk, das da angeblich getreulich auf die Bühne gebracht wird, fremde, denn das 19. Jahrhundert empfand seine Theatermittel als gegenwärtig und modern, nicht als alt und anheimelnd verstaubt). Außerdem kenne ich eine Menge Leute (ich gehöre zu ihnen), die die Frage nach der »Werkgerechtigkeit« völlig kalt lässt. Schon weil schwer zu erklären ist, was der moralische oder juristische Begriff »Gerechtigkeit« in einer ästhetischen Diskussion verloren hat, aber auch weil niemand erklären kann, warum die Theaterkünstler zu dieser »Gerechtigkeit« verpflichtet sein sollen.

      Was nun aber die »Werkgerechtigkeit« und auch die »Werkbearbeitungen« usw. betrifft, haben wir wieder das Problem, das hier munter mit Wörtern hantiert wird, als wäre vollkommen klar, was damit gemeint ist. Das ist aber nicht der Fall, und alle entsprechenden Äußerungen sind also inhaltslos, so lange das nicht geklärt ist, weil sich sonst jeder seins denken kann. Vorläufig stellen sich hier erst einmal drei Fragen:
      1. Was ist eigentlich das immer wieder beschworene Werk des Komponisten, und ist es tatsächlich eine Entität, die nach ihrer Fertigstellung allen Veränderungen enthoben ist? Dann wäre es die einzige in diesem Universum, für die das zutrifft. Gilt diese Sonderstellung nur für Opern? Oder auch für andere Entitäten, und warum?
      2. Welches Werk ist es eigentlich, das im Theater betrachtet wird? Es gibt die Auffassung, dass das Theater eine Institution ist, die der Verwirklichung schon vorhandener Werke dient. Das würde bedeuten, dass Theater ohne schon vorhandene Werke, an denen es seine Aufgabe ausüben kann, nicht vorhanden sein kann. Das ist aber offensichtlich falsch. Wenn aber das Theater eine eigenständige Kunst ist, die sich anderer Kunstwerke anderer Gattungen (Dichtung, Malerei, Musik, Film usw. usf.) bedienen kann, schafft es seine eigenen Kunstwerke und reproduziert keine.
      3. Die eigentlich interessante Frage: Welche Position nehmen die Kunstwerke, die in das Theaterkunstwerke eingehen, in diesem ein, wie selbständig und wie untergeordnet sind sie? Hier kommt man, wenn man von einer Verschmelzungsästhetik ausgeht, wie sie Brecht (nicht ganz zu Recht) Wagner unterstellt, und wie sie in solchen Diskussionen immer wieder für verbindlich erklärt, in Teufels Küche, dann verschwindet nämlich das geliebte Werk des angebeteten Meisters spurlos, eingeschmolzen in das, was man etwas hochtrabend »Gesamtkunstwerk« nennt.


      Knulp schrieb:

      Die Mittel der modernen Opernregie im Sinne des Regietheaters beschränken sich in der Regel auf die die szenische Darstellung.
      Das noch, dann soll es erst mal genug sein: Ich verstehe den Satz nicht. Was heißt es, dass sich die Mittel der Regie auf die szenische Darstellung beschränken. Worauf sollen sie sich denn sich denn sonst beziehen? Es ist allerdings ein schwerwiegender Irrtum, dass Dichtung und Musik nicht zur szenischen Darstellung gehören. (Übrigens ist es kein Dreigestirn, weil in aller Regel mindestens noch ein Bühnenraum und Kostüme hinzukommen, das sind schon mal fünf. Und es können mehr sein.

      Mit diesem ungelösten Rätsel gehe ich erst einmal an den Abendbrottisch.
    • Nur nebenher: Richard Wagner hat "seinem" Gesamtkunstwerk, dem "Drama" eine spezifische theoretische Grundlage gegeben, das heißt aber nicht, daß die Oper vor Wagner kein Gesamtkunstwerk darstellte. Gerade z.B. bei den Barockopern ist die Einheit im Zusammenwirken der Kunstgattungen doch schlagend.
      Ich weiß nicht, ob man den Regisseuren zwingend vorschreiben soll, alles zu verändern. Das schmeckt mir irgendwie nach Normativem und Regel. Auch ein "Bruch" kann künstlerisch gestaltet sein - am Ende läuft es nur darauf hinaus, ob das Resultat gut oder nicht gut ausfällt, und inwieweit sich eine Neudeutung oder Neuzusammensetzung mit der Glorie des Originalwerks schmücken darf, obwohl davon nicht genug überbleibt..
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • klasse. Schon die Themenformulierung.

      Ich versuch's mal aus einer etwas anderen Perspektive, ohne den Begriff "Gesamtkunstwerk" in Anspruch zu nehmen.

      Das RT (ich setzte mal voraus, daß jeder weiß was das ist, und daß niemand das erklären kann, was das ist, das macht nichts) - also das RT möchte jedenfalls modernes, aktuelles, lebendiges Theater sein (wenn sowieso alles modern, weil gegenwärtig ist, würde auch jede Polemikmöglichkeit gegen "altbackenes" entfallen).

      Dann erhebt sich unmittelbar die Frage, warum dazu diese ganze alte Musik verwenden. Diese Musik, die aus verschimmelten Akkorden, ausgeleierten Intervallen, abgelutschten Tönen besteht. - Wohlgemerkt - die Stücke sind teilweise gut bis hervorragend, aber in der "Moderne" haben sie nichts zu suchen, da muß auch das Material modern sein, und nicht veraltet bis völlig veraltet.

      Aufführungen eines Stücks alter Musik sind Museum, das ist nichts Verächtliches, im, Gegenteil zuhöchst zu schätzen, und auch Aufführungen eines alten musikalischen Bühnenwerkes können nur Museum sein. Wie das konkret aussehen kann, das beibt zu diskutieren, und darf durchaus Wandlungen unterworfen sein. Aber jedenfalls haben intendierte Aktualisierungen u.dgl. da nichts zu suchen, das kann man schonmal ausschließen
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Aufführungen eines Stücks alter Musik sind Museum, das ist nichts Verächtliches, im, Gegenteil zuhöchst zu schätzen, und auch Aufführungen eines alten musikalischen Bühnenwerkes können nur Museum sein.
      Das hat ein gewisser Harnoncourt völlig anders gesehen.

      Ist OT, aber gerade Harnoncourt wollte nie die alten Instrumente, um ein museale Aufführung bieten zu können, sondern um die Musik so zu spielen, dass sie den Hörer von heute packt. Seine Auffassung: Das ist (Anm. MB: paradoxerweise) einfacher, wenn man die alten Mittel verwendet.

      Insbesondere haben Aufführungen älterer Werke der Musik sehr wohl dem heutigen Hörer etwas zu sagen, was diesen existenziell berühren kann.

      Gruß
      MB

      :wink:
      Die Hammerklaviersonate macht anspruchsvoll. Von ihr berührt, wird man ungeduldig gegenüber vielem Mittelmäßigen und Mäßigen, das sich wer weiß wie aufspielt und doch nichts anderes ist als eine höhere Form der Belästigung. (Joachim Kaiser)
    • Mauerblümchen schrieb:

      um ein museale Aufführung bieten zu können, sondern um die Musik so zu spielen, dass sie den Hörer von heute packt
      ich sehe zwischen "Museum" und der Möglichkeit gepackt zu werden keinen Gegensatz, wenn ich auch bei der Harnoncourtsche Formulierung, das "Packen" der Aufführung ausdrücklich zu intendieren, reserviert bin.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      also das RT möchte jedenfalls modernes, aktuelles, lebendiges Theater sein (wenn sowieso alles modern, weil gegenwärtig ist, würde auch jede Polemikmöglichkeit gegen "altbackenes" entfallen).

      Dann erhebt sich unmittelbar die Frage, warum dazu diese ganze alte Musik verwenden.
      Na ja, aus demselben Grund, aus welchem man die antiken Tragödien heute noch mit Gewinn liest.

      Reden wir über den Unterschied von zeitgebundenem Gewand des Kunstwerkes (Harmonik, Instrumentation, ...) und überzeitlichem Inhalt?

      Warum?

      Gruß
      MB

      :wink:
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    • zabki schrieb:

      Das RT (ich setzte mal voraus, daß jeder weiß was das ist, und daß niemand das erklären kann, was das ist, das macht nichts) - also das RT möchte jedenfalls modernes, aktuelles, lebendiges Theater sein (wenn sowieso alles modern, weil gegenwärtig ist, würde auch jede Polemikmöglichkeit gegen "altbackenes" entfallen).

      Dann erhebt sich unmittelbar die Frage, warum dazu diese ganze alte Musik verwenden. Diese Musik, die aus verschimmelten Akkorden, ausgeleierten Intervallen, abgelutschten Tönen besteht. - Wohlgemerkt - die Stücke sind teilweise gut bis hervorragend, aber in der "Moderne" haben sie nichts zu suchen, da muß auch das Material modern sein, und nicht veraltet bis völlig veraltet.

      Aufführungen eines Stücks alter Musik sind Museum, das ist nichts Verächtliches, im, Gegenteil zuhöchst zu schätzen, und auch Aufführungen eines alten musikalischen Bühnenwerkes können nur Museum sein. Wie das konkret aussehen kann, das beibt zu diskutieren, und darf durchaus Wandlungen unterworfen sein. Aber jedenfalls haben intendierte Aktualisierungen u.dgl. da nichts zu suchen, das kann man schonmal ausschließen
      Ist der Beitrag ironisch gemeint?

      ?(
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Mauerblümchen schrieb:

      Na ja, aus demselben Grund, aus welchem man die antiken Tragödien heute noch mit Gewinn liest.
      ich sag ja, museale Aufführungen sind absolut ok
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Gurnemanz schrieb:

      Ist der Beitrag ironisch gemeint?
      na ja, ich versuche schon, durch Zuspitzung mein Scherflein zu Amfortas' Unterhaltung beizutragen, aber einen ernsten Kern sollte es schon haben.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Das RT (ich setzte mal voraus, daß jeder weiß was das ist, und daß niemand das erklären kann, was das ist, das macht nichts)
      Glückwunsch! Das ist wirklich eine große Leistung. Mit anderen Worten: Wir wissen zwar nicht, wovon wir sprechen, aber das macht nichts, wir reden einfach drauflos, es kommt nicht darauf an, ob es Sinn hat oder nicht, was wir reden. Ich bin beeindruckt.
      Ich bin da anderer Auffassung. Zum einen weiß ich nicht, was dieser Begriff bezeichnet und wie er sinnvoll definiert werden kann. Ich weiß natürlich, dass er benutzt wird, um die Arbeiten von Leuten wie Wieland Wagner, Chereau, Konwitschny, Neuenfels, Bieito usw. in einen Topf zu rühren und als irgendwie dasselbe zu bezeichnen, aber jeder, der mal ernstlich darüber nachgedacht hat, muss wissen, dass das Unsinn ist. Das, was dieser Begriff bezeichnen will, gibt es einfach nicht. Und außerdem ist er schon deshalb ungeeignet, weil die wichtigste Funktion eines Begriffes die Abgrenzung ist. Das heißt, ein Begriff kann nur dann sinnvoll sein, wenn sich sinnvoll ein Bereich formulieren lässt, den er nicht umfasst. Welcher ist das? Theater ohne Regie? Oder wie? Eben Es gibt keinen Gegenbegriff, darum ist er sinnlos. Macht aber nichts.

      zabki schrieb:

      Dann erhebt sich unmittelbar die Frage, warum dazu diese ganze alte Musik verwenden.
      Für mich erhebt sich immer wieder die Frage, warum es Internetforen gibt, wenn die Beteiligten doch grundsätzlich nicht lesen, was dort geschrieben wird. Ich habe in einiger Ausführlichkeit dargelegt, dass diese Frage unangemessen ist. Das Theater kann verwenden, was es will und für angemessen erachtet. Alte Musik, neue Musik, gar keine Musik, es ist egal. Es ist nie dazu da, irgendetwas Altes auszuführen. Woher kommt nur diese Harthörigkeit, die ja auch dazu führt, dass die Anbeter der Worte des Meisters einfach nicht zur Kenntnis nehmen, dass er den Begriff »Musikdrama« als idiotisch verworfen und für seine Werke kategorisch abgelehnt hat? Ich begreife es nicht.

      Übrigens mal nebenbei und ganz allgemein: Theater ist kein Museum, sonst hieße es ja »Museum« und nicht »Theater«. Vom Theater zu verlangen, dass es ein Museum sei, ist ebenso unsinnig, wie von einem Brot zu verlangen, dass es ein Schuh sei. Das sind einfach verschiedene Dinge. Wer einen Schuh will, geht zum Schuster, wer ein Brot will, zum Bäcker. Wer ins Museum will, sollte ins Museum gehen, wer ins Theater geht, muss darauf vorbereitet sein, dass er im Theater sein wird.
      Aber der Vergleich ist auch insofern unpassend, als ich in einem Museum für antike Kunst als Mensch von heute unterwegs bin und nicht als Mensch der Antike. Ich sehe also diese Kunstwerke mit den Augen eines Menschen von heute und kann gar nicht anders, das heißt ich sehe nicht, was die Zeitgenossen des Künstlers gesehen haben, und schon gar nicht, was der Künstler selbst gesehen hat (das hat außer ihm niemand gesehen). Das heißt, der Unterschied ist nicht weiter von Bedeutung. Selbst wenn sich das Theater dazu bereitfinden würde, längst veraltete künstlerische Mittel zu benutzen, wäre es heute, wo diese Mittel verwendet werden, und eben nicht 1876. Und wenn heute die künstlerischen Mitteln von 1876 verwendet werden, ist das etwas vollkommen anderes als 1876. Von irgendeiner Treue irgendeinem angeblichen Original kann dabei gar keine Rede sein, denn eine heutige originalgetreue Rekonstruktion einer Aufführung von 1876 (die ganz und gar unmöglich ist), würde sehr alt und sehr veraltet aussehen, wäre also von dem, was diese Aufführung damals war, nämlich avantgardistisches Theater Lichtjahre entfernt. Es hilft nichts: Die Argumentation stimmt einfach hinten und vorn nicht.
    • Argonaut schrieb:

      Glückwunsch! Das ist wirklich eine große Leistung. Mit anderen Worten: Wir wissen zwar nicht, wovon wir sprechen, aber das macht nichts, wir reden einfach drauflos, es kommt nicht darauf an, ob es Sinn hat oder nicht, was wir reden. Ich bin beeindruckt.

      Argonaut schrieb:

      jeder, der mal ernstlich darüber nachgedacht hat, muss wissen, dass das Unsinn ist. Das, was dieser Begriff bezeichnen will, gibt es einfach nicht. Und außerdem ist er schon deshalb ungeeignet, weil die wichtigste Funktion eines Begriffes die Abgrenzung ist. Das heißt, ein Begriff kann nur dann sinnvoll sein, wenn sich sinnvoll ein Bereich formulieren lässt, den er nicht umfasst. Welcher ist das? Theater ohne Regie? Oder wie? Eben Es gibt keinen Gegenbegriff, darum ist er sinnlos.
      Damit stellst du dich jetzt aber gegen die gesamte Musik-, Theater und Literaturwissenschaft der letzten Jahrzehnte: Es gibt vom altehrwürdigen Carl Dahlhaus einen Aufsatz über das Regietheater, es gibt einen Eintrag in der MGG, in jedem neueren Hand- und Lehrbuch der Theaterwissenschaft, der Dramendidaktik u. ä. gibt es ein Kapitel über das Regietheater, darüber, was es ist und in welchen historischen Kontext es gehört. Man kann den Begriff für unsinnig halten, man kann sich noch so vehement dagegen wehren, dass es ein etablierter Terminus technicus ist - alllein verschwinden tut er davon nicht wieder aus den Handbüchern.

      Argonaut schrieb:

      Aber der Vergleich ist auch insofern unpassend, als ich in einem Museum für antike Kunst als Mensch von heute unterwegs bin und nicht als Mensch der Antike. Ich sehe also diese Kunstwerke mit den Augen eines Menschen von heute und kann gar nicht anders, das heißt ich sehe nicht, was die Zeitgenossen des Künstlers gesehen haben, und schon gar nicht, was der Künstler selbst gesehen hat (das hat außer ihm niemand gesehen). Das heißt, der Unterschied ist nicht weiter von Bedeutung.
      Welcher Unterschied? Wenn ich ins Theater oder in die Oper gehe und gerade keine Uraufführung läuft, dann sehe ich dort Kunstwerke aus einer vergangenen Zeit mit den Augen eines Menschen von heute (ganz konkret: mit meinen eigenen Augen ganz persönlich). Und ich finde das eine Erfahrung, die mein Leben, Denken und Fühlen ungeheuer bereichert und auf die ich nicht verzichten möchte.
      Ich würde jetzt eigentlich gerne damit weitermachen, zu schreiben worin auf dieser Grundlage aus meiner Sicht die Aufgabe eines (Opern-)Regisseurs besteht - aber wenn ich diese Diskussion hier so lese, tue ich mir das lieber nicht an... ape01
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Damit stellst du dich jetzt aber gegen die gesamte Musik-, Theater und Literaturwissenschaft der letzten Jahrzehnte:
      Es ist einigermaßen kühn, eine Aussage über die gesamte Musik-, Theater und Literaturwissenschaft (was hat die eigentlich hier zu suchen?) zu treffen. Glaubst Du, dass Du dafür über die nötogen Wissensbasis verfügst? Ich sage Dir, dass Du Dich irrst. Ich kenne mehr als genug Wissenschaftler (ich bin einer von ihnen), die diese Auffassung teilen. Und mir ist bisher keiner begegnet, der mir die Gegenposition hätte plausibel machen können. Im Übrigen sind Autoritätsbeweise wirkungslos. Wenn Du meinst, zeigen zu können, dass meine Position fehlerhaft ist, solltest Du das zeigen. Der Hinweis, dass irgendjemand anders eine andere Position vertreten hat, reicht nicht aus, weil es keinen Grund gibt, die zitierte Autorität anzuerkennen.

      Cherubino schrieb:

      Welcher Unterschied? Wenn ich ins Theater oder in die Oper gehe und gerade keine Uraufführung läuft, dann sehe ich dort Kunstwerke aus einer vergangenen Zeit
      Nein. Es hat zwar offensichtlich keinen Sinn, weil allem Anschein nach niemand liest, worauf er antwortet, aber ein letztes Mal: Was man im Theater sieht, ist kein altes Wer, denn es gibt kein altes Theater. Theater ist immer gegenwärtig, weil, das Werk, das im Theater produziert wird (die Diskussion, ob man etwas so Flüchtiges als Werk bezeichnen kann, spielt hier keine Rolle) im Augenblick der Produktion verschwindet. Man kann also im Theater kein Werk einer vergangenen Zeit sehen. Man kann allerdings ein Werk sehen, dass Werke anderer Zeiten in sich aufgenommen hat, aber das ist ein erheblicher Unterschied. Wenn ich ein Steak esse, liegt auf meinem Teller schließlich kein Gras.

      Und noch einmal, weil es so schön ist: Wenn meine Auffassung fehlerhaft oder unzureichend begründet sein sollte, sollte der, der das herausfindet, dies zeigen und begründen. Wenn er einfach darauf besteht, dass es anders ist, ist wieder nichts gesagt. (Allerdings muss dafür doch eine Voraussetzung erfüllt sein: Meine Position muss bekannt sein. Und das ist natürlich nicht leicht, wenn man meine Darstellung dieser Position nicht zur Kenntnis nimmt.)
    • Argonaut schrieb:

      Literaturwissenschaft (was hat die eigentlich hier zu suchen?)
      Wir schreiben hier unter anderem auch über Texte.

      Argonaut schrieb:

      Glaubst Du, dass Du dafür über die nötogen Wissensbasis verfügst?
      Ja.

      Argonaut schrieb:

      Wenn Du meinst, zeigen zu können, dass meine Position fehlerhaft ist, solltest Du das zeigen.
      Ich meine nicht, das deine Position fehlerhaft ist, ich wollte lediglich eine fehlerhafte Behauptung aus deinem Text richtig stellen.
      Das hat übrigens nichts mit Autoritätsargumenten zu tun, sondern damit, dass eine Verständigung aus meiner Sicht nur gelingen kann, wenn man sich auf die in den betreffenden Disziplinen üblichen Termini technici einigt. Auch über Epochenbezeichnungen etwa kann man sich mit guten Argumenten ärgern, aber man braucht sie dann doch wieder irgendwie, um verstanden zu werden.

      Argonaut schrieb:

      Nein. Es hat zwar offensichtlich keinen Sinn, weil allem Anschein nach niemand liest, worauf er antwortet, aber ein letztes Mal: Was man im Theater sieht, ist kein altes Wer, denn es gibt kein altes Theater. Theater ist immer gegenwärtig, weil, das Werk, das im Theater produziert wird (die Diskussion, ob man etwas so Flüchtiges als Werk bezeichnen kann, spielt hier keine Rolle) im Augenblick der Produktion verschwindet. Man kann also im Theater kein Werk einer vergangenen Zeit sehen. Man kann allerdings ein Werk sehen, dass Werke anderer Zeiten in sich aufgenommen hat, aber das ist ein erheblicher Unterschied.
      Wir können meinetwegen den allgemeinen Begriff "Werk" durch den in diesem Fall konkreteren Begriff "Text" ersetzen, dann wäre allerdings der direkte Bezug auf den Text, auf den ich erwidert habe, nicht mehr so klar gewesen. Dann sind wir allerdings doch in der von dir in einer Parenthese angedeuteten Diskussion darüber, was ein "Werk" ist und die hier vor längerer Zeit schonmal an anderer Stelle geführt wurde.
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Cherubino schrieb:

      Wir schreiben hier unter anderem auch über Texte.
      In erster Linie schreiben wir über Theater, und das geht die Literaturwissenschaft nichts an.


      Argonaut schrieb:

      Wenn Du meinst, zeigen zu können, dass meine Position fehlerhaft ist, solltest Du das zeigen.
      Ich meine nicht, das deine Position fehlerhaft ist, ich wollte lediglich eine fehlerhafte Behauptung aus deinem Text richtig stellen.[/quote]Das ist Dir nicht gelungen, weil Du auf die Behauptung nicht eingegangen bist. Du hast lediglich erklärt, dass es auch andere Auffassungen gibt, was schon deshalb keine Widerlegung sein kann, weil sonst die Auffassung, die Du bringst, widerlegt wäre, weil es andere gibt.

      Argonaut schrieb:

      Das hat übrigens nichts mit Autoritätsargumenten zu tun, sondern damit, dass eine Verständigung aus meiner Sicht nur gelingen kann, wenn man sich auf die in den betreffenden Disziplinen üblichen Termini technici einigt.
      Ein sinnloser und sprachlich falsch gebildeter Begriff ist kein Terminus technicus, auf den ich mich einigen kann. Tut mir leid. Es sei denn, mir zeigt jemand, dass dieser Begriff sinnvoll ist. Mit ist nicht bekannt, dass das jemand gezeigt hätte.

      Argonaut schrieb:

      Wir können meinetwegen den allgemeinen Begriff "Werk" durch den in diesem Fall konkreteren Begriff "Text" ersetzen,
      Und was haben wir dann gewonnen? Ich glaube nicht, dass der Begriff »Werk« zu dem Begriff »Text« im Verhältnis des Allgemeinen zum Besonderen steht. Ein Text kann ein Werk sein, nicht jedes Werk aber ist ein Text (ein Sinfonie ist keiner, ein Gemälde auch nicht usw.) Ich fürchte, solche Manöver führen keinen Schritt weiter. Es bleibt erst einmal dabei: Was im Theatre präsentiert wird, ist das Theaterkunstwerk, das andere Kunstwerke in sich aufnehmen kann (Texte, seien sie poetisch oder prosaisch, Musik, Werke der bildenden Kunst usw, usf.) aber nicht muss, weil es für seine Existenz nicht auf diese Werke angewiesen ist. Wenn das nicht stimmt, widerlege es. Aber veranlasse mich nicht, endlos dasselbe zu wiederholen. Ein weiteres Mal werde ich es nicht tun.
    • Argonaut schrieb:

      Das ist Dir nicht gelungen, weil Du auf die Behauptung nicht eingegangen bist.
      Das stimmt schlichtweg nicht und wird auch durch Wiederholung nicht richtiger.

      Argonaut schrieb:

      Du hast lediglich erklärt, dass es auch andere Auffassungen gibt, was schon deshalb keine Widerlegung sein kann, weil sonst die Auffassung, die Du bringst, widerlegt wäre, weil es andere gibt.

      Argonaut schrieb:

      Ein sinnloser und sprachlich falsch gebildeter Begriff ist kein Terminus technicus, auf den ich mich einigen kann. Tut mir leid. Es sei denn, mir zeigt jemand, dass dieser Begriff sinnvoll ist. Mit ist nicht bekannt, dass das jemand gezeigt hätte.
      Das mag ja alles sein und es ist auch dein gutes Recht - wer wollte dir das absprechen. Aber dann sei doch so ehrlich zu sagen: "Diese Begriffe mögen ja gängiges Handbuchwissen sein, ich finde sie trotzdem blöd und will sie nicht benutzen". Damit können doch dann alle zufrieden sein.

      Argonaut schrieb:

      Und was haben wir dann gewonnen? Ich glaube nicht, dass der Begriff »Werk« zu dem Begriff »Text« im Verhältnis des Allgemeinen zum Besonderen steht. Ein Text kann ein Werk sein, nicht jedes Werk aber ist ein Text (ein Sinfonie ist keiner, ein Gemälde auch nicht usw.)
      Herrgott, jetzt geht aber alles durcheinander: Über Symphonien und Gemälde schreiben wir hier noch viel weniger als über Texte. Da bist du hier im falschen Thread gelandet. Ob eine Symphonie oder eine Sonate ein "Werk" seien, darüber wurde übrigens, das nur als kurzer Einschub, wie geschrieben vor längerer Zeit hier im Forum auch schonmal erbittert gestritten.
      Was den Bereich angeht, der hier Thema ist, so hast du einfach nur meine zitierten Sätze in eigenen Worten wiederholt und bestätigt.

      Argonaut schrieb:

      Es bleibt erst einmal dabei: Was im Theatre präsentiert wird, ist das Theaterkunstwerk, das andere Kunstwerke in sich aufnehmen kann (Texte, seien sie poetisch oder prosaisch, Musik, Werke der bildenden Kunst usw, usf.) aber nicht muss, weil es für seine Existenz nicht auf diese Werke angewiesen ist.
      Das ist eine mögliche Begriffsbestimmung von Theater, eine mögliche Beschreibung dessen, was Theater sein kann/sollte. Dass du für eine solche Sicht auf Theater eintrittst, dürfte jetzt jeder kapiert haben. Viel interessanter finde ich die Frage nach dem Warum: Warum findest du sie besonders überzeugend, was hat diese Bestimmung von Theater aus deiner persönlichen Sicht anderen Bestimmungen voraus?
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Ich hatte schon gesagt, dass ich mich nicht weiter zu endlosen Wiederholungen provozieren lasse. Wenn Du auf meine Argumente eingehen möchtest, antworte ich gern auf Deine Einwände, falls die Antwort nicht schon gegeben ist, ansonsten schlage ich vor Du liest, was ich schrieb.

      Also nur zur letzten Frage, weil die neu ist, zwei Dinge:

      1. Sie ist irrelevant. Es handelt sich nur um eine persönliche Vorliebe, sondern um eine Beschreibung des Theaterkunstwerks, die von mir vollkommen unabhängig ist. (Und übrigens keineswegs meine Erfindung.) Welche Motivation ich habe, sie sinnvoll zu finden, hat für ihre Gültigkeit überhaupt keine Bedeutung.

      2. Darum wirst Du, wenn Du sie angreifen willst, schon Substanzielles dagegen sagen müssen. Dass es andere Auffassungen gibt, ist – wie schon gesagt – kein Einwand, weil diese Aussage nichts als ein Autoritätsbeweis ist, der nicht gilt, wenn nicht beide Seiten dieselbe Autorität anerkennen, was nicht der Fall sein kann, wenn die eine Seite eben die Auffassung dieser Autorität angreift. Nun denn: Hic Rhodos, hic salta! Zeige, dass meine Darlegung der Eigenschaften des Theaterkunstwerks fehlerhaft ist, und zeige an welcher Stelle. Um Dir noch etwas Material zu geben, demonstriere ich noch kurz (zum hundertsten Mal, aber vielleicht liest ja doch mal jemand was) den Weg dorthin: Es handelt sich um eine einfache Reduktion. Um herauszubekommen, was für ein bestimmtes Phänomen (welcher Art auch immer) konstitutiv ist, muss man herausbekommen, was man nicht weglassen kann, ohne dass es verschwindet. Betrachten wir das Theater und fragen wir, woraus es verzichten kann: Zunächst ist klar, ein spezielles Haus wird nicht benötigt. Bühnenbild und Kostüme kann man weglassen, ohne dass das Theater aufhört, Theater zu sein. Ein Text ist nicht notwendig (es gibt textlose Formen des Theaters). Musik, Beleuchtung und was dergleichen mehr ist, kann wegfallen, ohne dass das Theater aufhört, Theater zu sein. Ein vorgefertigtes Werk ist nicht erforderlich, nicht einmal ein vorher ausgearbeitetes Szenarium muss es geben, Brechts »Straßenszene« zeigt das sehr schön (und bringt einen Ansatz, der zwar immer mal wieder ohne Begründung als unzureichend bezeichnet wird, aber bisher nicht erfolgreich widerlegt worden ist). Wenn wir so fortfahren, bleiben am Ende genau zwei Elemente (und kein einziges mehr), ohne die das Theater nicht existieren kann: Ein Darsteller und ein Zuschauer. Mehr ist es nicht. Alles andere ist fakultativ und gehört nicht zum Kern der Sache. – Das war’s schon. Nun zeige, dass dieser Schluss defekt ist, und wo der Defekt liegt, dann können wir weiterreden. (Und bitte, komm mir nicht mit dem abgegriffenen Einwand, man könne den »Ring des Nibelungen« nicht mit einem Darsteller aufführen. Den kenne ich seit 40 Jahren, und er ist so dumm wie eh und je.)