Schumann, Robert: Sonate für Violine und Klavier a-Moll, WoO 2

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    • Schumann, Robert: Sonate für Violine und Klavier a-Moll, WoO 2

      (Beim folgenden Beitrag handelt es sich um einen leicht überarbeiteten Text, den ich vor einiger Zeit in d.r.m.k. geschrieben habe.)

      Robert Schumanns dritte Violinsonate in a-moll, WoO 2, erschien erstmals 1956 zum einhundertsten Todestag des Komponisten. Im Oktober 1853 komponierten aus einer spontanen Laune heraus Robert Schumann, Albert Dietrich und Johannes Brahms gemeinsam eine Sonate für Joseph Joachim, der dann erraten sollte (und es mit Leichtigkeit tat), welcher Satz von welchem der Freunde stammte. Diese sogenannte "F.A.E.-Sonate" (nach Joachims Motto "frei aber einsam", was aber aber nach neuerer Forschung auch eine nachträgliche Bedeutungsgebung sein kann) wird heute noch gelegentlich gespielt, meist allerdings nur das wild-romantische Scherzo von Brahms. Bereits einen Tag nach der privaten Erstaufführung begann Schumann mit der Komposition zweier weiterer Sätze, die an Stelle des Kopfsatzes von Dietrich und des Brahms-Scherzos stehen sollten. Zwei Tage später, am 31. Oktober 1853, schloss er die Komposition ab. Auf Betreiben von Clara Schumann wurde das Werk (wie auch andere Spätwerke) auch nach dem Tod des Komponisten nicht veröffentlicht.
      Wer die zweite Sonate und diese dritte nacheinander hört, wird überrascht, vielleicht auch irritiert einige Ähnlichkeiten und Verwandtschaften feststellen: Die akkordischen Einleitungsthemen der beiden Kopfsätze haben große Ähnlichkeit miteinander, beide sind auch für die folgenden lebhaften Hauptteile konstitutiv. Beide Werke haben denselben, viersätzigen Aufbau und enden mit einer euphorischen Dur-Apotheose usw.. Allerdings fallen die Unterschiede umso mehr auf: Wo in der d-moll-Sonate das Akkord-Motto energisch und rhythmisch prägnant, auch selbstbewusst vorgestellt wurde schleppen sich in der a-moll-Sonate diese Akkorde quasi schmerzvoll und mit großer Mühe weiter, werden nach zwei Takten von stockenden Sechzehntel-Akkorden unterbrochen, während sich die Geigenstimme in großen Intervallen geradezu aufbäumt. Im zweiten Teil dieser Einleitung klingt dasselbe motivisch-thematische Material plötzlich wie ermattet, kraftlos. Der tragische Tonfall dieses Anfangs durchzieht das ganze Stück, selbst die Euphorie am Ende scheint angestrengt, gewollt. Das ganze Werk wirkt wie ein einziger Kampf, das Hauptthema des ersten Satzes springt hin und her durch extreme Intervalle, die allgegegenwärtigen punktierten Rhythmen zucken nervös und hektisch, dazwischen plötzlich lyrische Momente. Die Charaktere wechseln sprunghaft in kürzester Folge, ja man hat bisweilen den Eindruck, als hätte Schumann zwei oder drei Stücke gleichzeitig komponiert und auf ein Notenblatt geschrieben. Beiden Interpreten wird Äußerstes abverlangt, wilde Sprünge, extreme Läufe, virtuose Scherzo-Passagen, alles durcheinander, alles fast gleichzeitig. Am Ende lösen sich die thematischen Strukturen in extrem schnelle (und im Tempo wohl unausführbare) Geigenläufe auf, als würde die Musik verflüssigt. Die Schwierigkeit der Ausführung ist wesentlicher Bestandteil des Ausdrucks. Im ersten Satz lässt die fast atemlose Dauerspannung nicht einmal eine deutliche Trennung der Formteile zu: Ohne es zu bemerken befindet man sich plötzlich in der Durchführung, genauso übergangslos mündet die Reprise in die finster-energische Coda. Es ist eine in jeder Hinsicht extreme Musik, voller Spannung, voller Tragik. Insgesamt macht die Sonate den Eindruck eines konzentrierten Destillats der d-moll-Sonate: Sie ist kürzer, radikaler, finsterer, tragischer und verschlossener.

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Lieber Christian,

      ich behaupte jetzt mal Du hast keinen Lieblingskomponisten, würdest Du aber gezwungen werden einen zu nennen, fiele es Dir nicht übermäßig schwer Schumann zu nennen? - Bin begeistert von Deinen Einführungen zu den Violinsonaten und würde Dich um Empfehlungen zu Aufnahmen bitten, die jeweils die Essenz - für Dich - zum Ausdruck bringen; besonderes Interesse habe ich an der letzten Sonate ohne Opus-Zahl. - In meiner Trägheit frage ich Dich, ob Du die Sonaten bereits aufgenommen hast, oder dies zumindest - in absehbarer Zeit - gedenkst zu tun?
      Grüße aus Wien


      Bernhard


      "Alles Syphilis, dachte Des Esseintes, und sein Auge war gebannt, festgehaftet an den entsetzlichen Tigerflecken des Caladiums. Und plötzlich hatte er die Vision einer unablässig vom Gift der vergangenen Zeiten zerfressenen Menschheit."
      Joris-Karl Huysmans
    • Maldoror schrieb:

      ich behaupte jetzt mal Du hast keinen Lieblingskomponisten, würdest Du aber gezwungen werden einen zu nennen, fiele es Dir nicht übermäßig schwer Schumann zu nennen? - Bin begeistert von Deinen Einführungen zu den Violinsonaten und würde Dich um Empfehlungen zu Aufnahmen bitten, die jeweils die Essenz - für Dich - zum Ausdruck bringen; besonderes Interesse habe ich an der letzten Sonate ohne Opus-Zahl. - In meiner Trägheit frage ich Dich, ob Du die Sonaten bereits aufgenommen hast, oder dies zumindest - in absehbarer Zeit - gedenkst zu tun?
      Der Lieblingskomponist wäre, wenn überhaupt, tatsächlich ein ganz anderer: Haydn. Aber Schumann hat mit dieser speziellen Besessenheit tatsächlich immer wieder eine Sogwirkung auf mich...

      Zu den Aufnahmen: Da tue ich mich mit Empfehlungen etwas schwer, weil ich die Stücke fast nur aus eigener Beschäftigung kenne. Ich besitze deshalb auch nur zwei CDs:

      Für die Sonaten 1 und 2 die mit Ilya Kaler und Boris Slutsky,



      und für alle drei Sonaten die mit Isabelle Faust und Silke Avenhaus



      Beide finde ich gut, die Kaler/Slutsky-Aufnahme hat mir vor Jahren den Anstoß gegeben, die d-moll-Sonate einzustudieren.

      Zu Deiner letzten Frage:

      Ich habe die beiden ersten Sonaten vor eineinhalb Jahren mit ausgewählten Violin-Studierenden der HfM Detmold für eine Hochschul-CD eingespielt (zusammen mit Brahms' eigenen Violin-Fassungen der beiden Klarinetten-Sonaten op. 120 und seiner d-moll-Violinsonate op. 108). Die CD ist aus rechtlichen Gründen nicht im Handel, sondern nur über die HfM Detmold erhältlich, den Link schicke ich Dir lieber bei Bedarf per PM.

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Einen absoluten Lieblingskomponisten habe ich nicht, aber Schumann hätte bei mir auf jeden Fall die Chance auf einen der ganz vorderen Plätze. Und meiner Begeisterung speziell für die Sonate, um die es in diesem Thread geht, habe ich schon anderswo kurz Ausdruck verliehen.

      Den gebrochenen, tragischen Charakter der Komposition hat Christian in außerordentlich treffenden Formulierungen herausgestellt. Trotzdem handelt es sich unter den Schumannschen Violinsonaten um diejenige, die mich im Hinblick auf ihre melodisch-motivischen Einfälle am unmittelbarsten anspricht.

      Ich sehe hier ein letztes, alle Kräfte versammelndes, die Zeichen des Untergangs ebenso wie die Zeichen einer nach wie vor grenzenlosen Phantasie und Imaginationskraft tragendes Aufbäumen. Alle vier Sätze faszinieren mich, aber besonders das Finale reißt mich immer wieder an den Rand des emotional überhaupt noch Erträglichen.

      Der tragische Tonfall dieses Anfangs durchzieht das ganze Stück, selbst die Euphorie am Ende scheint angestrengt, gewollt.


      Ja, auch in meinen Ohren handelt es sich am Ende zweifelsohne um die Euphorie des Fiebers. Als durchweg gesund kann man diesen alle technischen Grenzen überschreitenden Taumel sicherlich nicht ansehen. Trotzdem werde ich bei jedem Hören unwillkürlich fortgerissen, befinde mich plötzlich mitten im Strudel. Im wahrsten Sinn des Wortes "zwingendere" Musik kenne ich kaum.

      Dieses Finale erinnert mich immer wieder an die auch ganz irrationale, fiebervisionäre, in der Bläserbegleitung utopische Höhen erreichende Florestan-Arie im Fidelio. Da ist die Luft ähnlich dünn, wobei Beethoven danach recht schnell wieder (auf den sicherlich nicht zu banalen) Boden der Tatsachen zurückfindet.

      Die Sonate gehört zu meinen absoluten Lieblingswerken, wobei mich die mir auf CD vorliegende Aufnahme mit Alban Beikircher und Bingerade Zufaulzumnachgucken nicht restlos überzeugt. Eine alte LP mit Irene Wilhelmi an der Geige und Binschon Wiederzufaul am Flügel nimmt mich deutlich stärker mit - eventuell wäre dann doch mal eine Neuanschaffung fällig.... :schaem:

      Viele Grüße

      Bernd
    • Gestern habe ich im Radio das Finale der posthumen a-moll-Sonate (allerdings als Schlußsatz der F-A-E-Sonate, die als Ausnahmephänomen sicherlich einen eigenen Thread verdienen würde) im Radio mit Ida Bieler als Geigerin und Karl Engel am Klavier gehört.

      Das war meine Erstbegegnung mit einem deutlich zurückgeschraubten Tempo in den halsbrecherischen Violinpassagen am Schluss des Satzes. Und ich fand diese zunächst einmal etwas ungewohnte "Entdeckung der Langsamkeit" durchaus spannend; sie ermöglichte auf jeden Fall einen klareren, weniger fieberhitzigen Blick auf das fraglos immer noch emotional sehr aufgeladene Geschehen. Auch in dieser scheinbar entspannteren Form sind das alle andere als *harmlose* Klänge.

      Mir fällt es schwer, zu entscheiden, ob mir eine geschwindigkeitstaumelnde (wie etwa die mir auf LP vorliegende mit Irene Wilhelmi und Philipp Moll) oder eine dann doch noch die Bremse einlegende Version am Ende lieber ist...auf jeden Fall handelt es sich um Musik, die mich beim Hören immer wieder und wieder im Inneren zutiefst bewegt.

      Viele Grüße

      Bernd
    • Ich mag von der a-Moll-Sonate vor allem das Intermezzo, dass mir in aller Zerklüftung ein Lichtblick, wenn auch ein melancholischer, zu sein scheint. Der Satz stammt noch aus der hier bereits erwähnten FAE-Sonate, dort steht er an zweiter Stelle. Was mich wundert ist, dass dieser zweite Satz in der vollständigen Schumann-Sonate nun zum dritten Satz geworden ist. Jedenfalls ist das bei dieser großartigen Aufnahme mit Widmann und Várjon so:



      Bei meiner anderen Aufnahme wird das Intermezzo allerdings als zweiter Satz gespielt, wie schon in der FAE-Sonate - offenbar gibt es da Unklarheiten?



      Schaumann spielt auf einer Stradivari-Violine mit Darmsaiten, der Pianist benutzt ein Hammerklavier von 1836. Obwohl ich ja für "HIP" immer zu haben bin, ziehe ich in diesem Fall die Aufnahme mit Widmann/Várjon klar vor. Schaumann spielt mir viel zu zurückhaltend, bei Widmann und Várjon geht es richtig zur Sache, wild und radikal bis zum Letzten. Und auch der langsame FAE-Satz klingt bei Carolin Widmann viel wärmer und berührender.

      Die komplette FAE-Sonate mit dem ersten Satz von Dietrich und dem dritten von Brahms kann man übrigens hier hören:



      aber im Vergleich zur überwältigenden Intensität von Widmann/Várjon wirkt auch diese Aufnahme mit dem Clara Wieck-Trio reichlich blass.

      Gruß, Carola
    • Hallo Carola,

      Carola schrieb:

      Bei meiner anderen Aufnahme wird das Intermezzo allerdings als zweiter Satz gespielt, wie schon in der FAE-Sonate - offenbar gibt es da Unklarheiten?
      ja, die gibt es: Es gibt kein vollständiges Autograph, so dass die Reihenfolge der Sätze nicht mit letzter Sicherheit zu klären ist. In der 1956 erschienenen Erstausgabe steht das Scherzo an zweiter Stelle, weil es "im Manuskript unmittelbar auf den ersten Satz folgt". Ich glaube aber, dass das allein daran liegt, dass Schumann eben diese beiden Sätze nachkomponiert hat. Clara schrieb jedenfalls an Joseph Joachim:
      "Robert ist fleißig - er hat zu der bewußten Sonate noch einen ersten und dritten Satz componiert".

      Nach Schumanns Tod schrieb sie außerdem an den Verleger Julius Schuberth:
      "Ebenso entschließe ich mich auch nicht zur Herausgabe der Sonate, sondern nur des 2ten und 3ten Satzes (...), jedoch behalt ich mir den Titel noch vor, entweder 'zwei Fantasiestücke" oder, 'Andante und Scherzo aus einer noch unvollendeten Sonate".

      Das deutet also doch sehr auf das Intermezzo an zweiter und das Scherzo an dritter Stelle hin. In der 2007 erschienenen kritischen Urtextausgabe der Wiener Urtextedition wurde deshalb auch diese Reihenfolge gewählt, ohne jedoch "eine definitive Zuordnung (zu) treffen". Bis dahin gab es nur besagte Erstausgabe von 1956, deren Reihenfolge von den meisten Musikern einfach übernommen wurde.

      Viele Grüße,

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Auf yt soeben auf eine Aufnahme der 3. Violinsonate von Schumann gestoßen, die mir spontan sehr zusagt:

      youtube.com/watch?v=k974Q8XMjmA

      Ausführende:
      Ara Malikian, violin and Serouj Kradjian, piano


      vor allem gefiel mir das Verständnis für den in der ganzen Sonate so wichtigen gebremsten "markiert"-Charakter, den die Interpreten auch im Intermezzo nicht ganz vergessen und diesem dadurch zu ungewohnter Prägnanz verhelfen. Und vor allem treffen sie ihn im Finale sehr gut, auch an Stellen, die sonst leicht eher "hüpfend" und verharmlosend genommen werden. Insbesondere die Coda des Finales bekam eine ungewohnte Gewalt, da das Verhältnis von Geige und Klavier bestens realisiert war - kein Zurücktreten des Klaviers, das vielmehr den Hauptanteil am strengen Fortschreiten hat. Den ersten Satz könnte ich mir eine Spur gebremster vorstellen.

      Beim ersten Satz kann man im Video Schumanns Ms. mitlesen.
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).