Parsifal in Hamburg 2017

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    • Parsifal in Hamburg 2017

      Parsifal


      Neuinszenierung in der Oper Hamburg von Achim Freyer

      Musikalische Leitung Kent Nagano


      Titurel - Tigran Martirossian

      Amfortas - Wolfgang Koch

      Gurnemanz - Kwangchul Youn

      Parsifal - Andreas Schager

      Klingsor - Vladimir Baykov

      Kundry - Claudia Mahnke


      Nach der letzten Inszenierung des Parsifal durch Robert Wilson, die bereits 26 Jahre alt ist und immer mal wieder gezeigt wurde, gab es in diesem Jahr eine Neuinszenierung durch Achim Freyer in Kooperation mit Kent Nagano. Das Ergebnis hinterlässt bei mir einen durchaus zwiespältigen Eindruck. Jedenfalls hat es bei mir zu keinem tieferen Verständnis des Werkes beigetragen. Ich hatte sogar stellenweise einen regelrechten Abscheu auf das ganze pseudoreligiöse Getue der Handlung. Wenn die Musik nicht wäre könnte ich es noch weniger ertragen.


      Freyer kommt ja von der bildenden Kunst, und daher hing ein großes Gemälde von ihm über dem Eingang der Oper, und 2 Objekte standen neben dem Eingang, wodurch das Publikum gleich auf das Kommende eingestimmt wurde. Das Bühnenbild war in der Grundstruktur für alle 3 Aufzüge gleich: im Bühnenhintergrund befand sich eine Wand mit Loggien auf mehreren Ebenen. Ein großer Teil der Handlung spielte sich hier ab. Teilweise wurden die Darsteller sogar gedoubelt um gleichzeitig auf der Bühne und auf den Loggien präsent sein zu können. Vor dem Bühnenraum war ein Gazevorhang gespannt, auf den eine Spirale projiziert wurde, Freyers Symbol für das Zeitmodell aus Pfeil und Speer, welches den Raum (der zur Zeit wird) verkörpern soll. Dazu eine sehr ausgefeilte Lichtregie, die sehr flexibel in das Geschehen eingebunden war. Die Figuren sind zu grotesken Masken geschminkt, Gurnemanz hat noch einen zweiten Kopf auf einer Spirale, Kundry ist in ein Gewebe von Rastlocken eingesponnen, und Klingsor trägt einen überdimensionalen Schlips, der ganz offensichtlich als Phallussymbol gedacht ist (denn als Kundy ihn im 2. Aufzug fragt „bist Du keusch?“ greift sie ihm dabei an die Krawatte). Überhaupt hätte Klingsor auch einen guten Joker im Batman abgegeben. Amfortas hingegen wurde an einem kreuzähnlichen Querbalken herumgetragen. Ein allzu deutliches Symbol für Christus.


      Einige Einfälle waren unfreiwillig komisch. So lief während der Gralsszene im 1. Aufzug eine Kindergestalt mit übergroßem Kopf und grell erleuchtetem Petticoat über die Bühne, welche einen Spielzeughasen in der Hand hielt (wohl eine Anspielung an die Regie von Christoph Schlingensief für Bayreuth). Oder eine gebeugte Gestalt, die einen Kinderwagen über die Bühne schiebt, in dem ein Totenschädel liegt (Frau Ziegler aus „Mord mit Aussicht“ lässt grüßen). Oder als Amfortas sich in der letzten Szene den Verband von der Brust reißt und das Blut als rotes Tuch aus seinem Hemd fällt, welches aber nach der (symbolischen) Berührung mit dem Speer wieder zurückflutscht.

      Man merkt schon das es eine Unmenge Details gab, die man gar nicht alle wiedergeben kann ohne auszuschweifen. Mir war das insgesamt zu stark bebildert, denn ständig passierte etwas. Es wurden Begriffe auf den Gazevorhang projiziert, es hingen bunte Metallscheiben von der Decke, ein großes Metallgestell wurde fortwährend bewegt, in das auch der Speer in Form einer Leuchtstoffröhre eingebaut war. Und zum Schluss sank ein großer Spiegel von der Decke, der in Schräglage den Blick auf Dirigent und Orchester ermöglichte. Ein recht witziger Einfall war, das vor dem Auftreten der Kundry immer eine Art Sternschnuppe seitwärts herunterfuhr, und sich danach Kundry auf die Bühne rollte (Kompliment an Claudia Mahnke).


      Die Personen präsentierten sich vorzugsweise mit Blick ins Publikum, was die ohnehin recht statische Personenregie noch verstärkte. Überhaupt war der überwiegende Eindruck der der Langsamkeit. Dem folgte auch der Dirigent. Stellenweise hatte ich den Eindruck, Nagano wollte einen Langsamkeitsrekord aufstellen. Dadurch wurde es musikalisch mitunter recht zäh. Besonders die 2. Szene im 2. Aufzug litt darunter. Hier hätte ich mir mehr Tempo gewünscht, als die Blumenmädchen aufgescheucht durcheinander singen. Auch die Ritter aus Klingsors Zauberschloss waren rechte Langweiler, die sich ebenfalls in Zeitlupe bewegten. Ach ja die Blumenmädchen. Die hatten Superbusen wie in einem Film von Russ Meyer. Es gab tatsächlich ein paar Zuschauer, die darob den Saal verliessen.Ich fand es eher lustig.

      Kommen wir zu den Sängern. Die machten allesamt einen guten bis sehr guten Eindruck. Allen voran Kwangchul Youn als Gurnemanz. Seine Diktion und Beweglichkeit der Stimme waren wirklich aussergewöhnlich. Auch Andreas Schager als Parsifal und Claudia Mahnke als Kundry konnten überzeugen. Letzterer fehlte für mein Empfinden aber ein wenig das abgründige und wilde in der Stimme, was man für diese Rolle benötigt. Man sollte ja nicht unbedingt Vergleiche anstellen, aber Martha Mödl finde ich in dieser Rolle immer noch unübertroffen. Wolfgang Koch als Amfortas gelang das etwas larmoyante der Figur ganz gut. Vladimir Baykov als Klingsor war mir dagegen etwas zu „zahm“. Er hätte gerne mehr „wüten“ können, denn seine Boshaftigkeit zeigt sich ja recht deutlich.


      Der 3. Aufzug gefiel mir noch am besten. Das liegt zum Teil an der berückenden Musik, die sich hier besonders poetisch zeigt, und auch daran das es hier angebracht war den Fluß der Musik etwas breiter anzulegen. Auch der Stimmungsbogen, vom leisen Schneefall am Anfang über den Karfreitagszauber bis zum mächtigen Grabgesang am Schluß, war sehr eindrucksvoll. Insgesamt also eine Aufführung die nicht immer überzeugen konnte, aber einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Eusebius schrieb:

      Überhaupt war der überwiegende Eindruck der der Langsamkeit. Dem folgte auch der Dirigent. Stellenweise hatte ich den Eindruck, Nagano wollte einen Langsamkeitsrekord aufstellen. Dadurch wurde es musikalisch mitunter recht zäh.
      Kann ich nachvollziehen: Das hätte auch mich sehr gestört.

      Eusebius schrieb:

      Allen voran Kwangchul Youn als Gurnemanz. Seine Diktion und Beweglichkeit der Stimme waren wirklich aussergewöhnlich.
      Kwangchul Youn habe ich in dieser Rolle ebenfalls schon erlebt (bei einer konzertanten Aufführung in Essen mit Th. Hengelbrock. Fand ihn ebenfalls überzeugend!

      Danke für den plastischen Bericht!

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Eusebius schrieb:

      Dadurch wurde es musikalisch mitunter recht zäh. Besonders die 2. Szene im 2. Aufzug litt darunter. Hier hätte ich mir mehr Tempo gewünscht, als die Blumenmädchen aufgescheucht durcheinander singen.

      Gurnemanz schrieb:

      Kann ich nachvollziehen: Das hätte auch mich sehr gestört.
      Die ewige Tempodiskussion im Parsifal... Was die zweite Szene im zweiten Aufzug betrifft: Vorschrift "Leicht bewegt" im 3/4-Takt - und das ändert sich nicht, wenn das sog. Streitmotiv in Achteln in den Vordergrund tritt (ab "Was zankest Du?"). Nicht umsonst hat Wagner in diesem Abschnitt, bei dem gerne mal das Tempo angezogen wird, die Warnung "Nicht eilen!" untergebracht (und Mottls Überlieferung von Wagners Anweisungen vor der Uraufführung plaziert die Anweisung "Nicht eilen!" gleich zu Beginn dieses Abschnitts).

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Ab dem Moment wo Klingsor abtritt steht "Lebhaft". Als die Blumenmädchen auftreten steht in der Regieanweisung: "Von allen Seiten her, zuerst aus dem Garten, dann aus dem Palaste, stürzen wirr durcheinander, einzeln, dann zugleich immer mehr schöne Mädchen ..". Die punktierten Achtel und Sechzehntel vermitteln ausserdem einen unruhigen Charakter. Das darf man nach meiner Auffassung gerne etwas schneller dirigieren als "Leicht bewegt". Diese Anweisung folgt dann erst ab dem Reigen der Damen "Komm holder Knabe". Dort ist es auch angebracht. Aber es sollte zwischen den beiden Episoden schon ein deutlicher Unterschied sein. Den habe ich so gestern nicht vernehmen können. Ausserdem standen die Mädels meistens am Bühnenrand herum und fuchtelten mit den Armen (überhaupt scheint Freyer einen Faible für ausladende Gesten zu haben).

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ah, sorry, ein Missverständnis. Ich dachte, wie gesagt, an den zweiten Teil der Verführungsszene mit dem "Streitmotiv", nicht an den ersten Teil der Blumenmädchenszene nach Klingsors Abgang.

      Grundsätzlich habe ich Nagano von seinen Münchner Parsifal-Dirigaten eher als Mann gemäßigt fließender Tempi in Erinnerung, nicht als einen der Langsamen (oder nur, wenn man auf Tempi wie von Kegel oder Boulez geeicht ist - ich bin's nicht).

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      Grundsätzlich habe ich Nagano von seinen Münchner Parsifal-Dirigaten eher als Mann gemäßigt fließender Tempi in Erinnerung
      Das trifft es wohl auch. Richtig langsam war es freilich nicht.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)