Le Nozze di Figaro, Nationaltheater München, Premiere 26.10.2017

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    • Le Nozze di Figaro, Nationaltheater München, Premiere 26.10.2017

      Hallo zusammen,

      als Abrundung meines Probenwochenendes zur h-moll-Messe habe ich mir gestern Abend (also 28.10.) noch die zweite Aufführung der Neuinszenierung des Mozart'schen Figaro im Nationaltheater München angeschaut. Ich hatte noch recht kurzfristig Stehplatzkarten im Zweiten Rang kaufen können.

      Musikalische Leitung Constantinos Carydis
      Inszenierung Christof Loy
      Bühne Johannes Leiacker
      Kostüme Klaus Bruns
      Licht Franck Evin
      Dramaturgie Daniel Menne
      Chor Stellario Fagone
      Puppenbauer Axel Bahro

      Graf Almaviva Christian Gerhaher
      Gräfin Almaviva Federica Lombardi
      Figaro Alex Esposito
      Basilio Manuel Günther
      Don Curzio Dean Power
      Mädchen Paula Iancic, Niamh O’Sullivan
      Susanna Olga Kulchynska
      Cherubino Solenn' Lavanant-Linke
      Marcellina Anne Sofie von Otter
      Bartolo Paolo Bordogna
      Barbarina Anna El-Khashem
      Antonio Milan Siljanov
      Puppenspieler Axel Bahro, Thomas Schwendemann
      Bayerisches Staatsorchester
      Chor der Bayerischen Staatsoper

      Eventuell hat ja die eine oder der andere die Aufführung in staatsoper.tv angesehen, dort ist sie, wie gerade feststelle, leider nicht mehr anzuschauen.

      Der Mozart'sche Figaro ist in meinen ersten Jahren als Klassikhörer (und ich habe recht früh angefangen) DIE Oper schlechthin für mich gewesen, die Musik und über weite Strecken auch der Text ist mir also sehr gut bekannt. Im Gegensatz zu manch anderem, das ich in den vergangenen Jahren in der Staatsoper gehört habe, kann ich behaupten, das Stück recht gut zu kennen.

      Vieles der musikalischen Lösungen war außerordentlich gelungen, es war ein recht moderner, also HIP-inspirierter Mozart, der da geboten worden ist, die Pauke wurde immer mit dem harten Schlegel traktiert, mindestens die Blechbläser benutzten historisches Instrumentarium. Ich mag das sehr und halte es für diese Musik für angemessen, wie der Leser des einen oder anderen meiner Beiträge hier im Forum gelesen hat: das gilt aber nur, wenn HIP gut gemacht wird. Dem Bayerischen Staatsorchester und dem Chor attestiere ich ein 'gut gemacht'. Ziemlich unzufrieden bin ich mit der dirigentischen Leistung durch Carydis, die in meinen Ohren schlicht nicht besonders viel zum Stück zu sagen hatte. Weder sprühte die Ouvertüre vor Witz, Irrsinn und Unruhe, noch waren die im Figaro besonders wichtigen Ensemble-Stücke irgendwie in ihrer Eigenart getroffen, vieles wirkte auf mich sehr summarisch. In den Arien haben mich viele Temposchwankungen irritiert, an manchen Stellen blickte man auf die Uhr, weil man sich fragte, wann es weitergeht: keine der zahllosen Stellen, wo die turbulente Handlung des Stücks und damit auch die ebensolche Musik innehält, war inspiriert und magisch gestaltet. Ich fand das sehr bedauerlich. Ganz besonders schlimm direkt vor dem 'Contessa perdono' des Grafen im Finale des Vierten Akts: aus Gründen der Lieblosigkeit, anders kann ich es mir nicht erklären, musste diese Stelle auf dem Bauch liegend mehr oder minder zum Bühnenboden gesungen werden.

      Sängerisch gibt es an einigen Stellen sehr gutes zu berichten, ich war insbesondere von der Leistung der mir bisher unbekannten Federica Lombardi als Gräfin sehr angetan. Ihre Auftrittsarie am Beginn des Zweiten Akts begann ganz groß, leider waren einige Stellen in der MItte der Arie nicht besonders gut intoniert, aber von der emotionalen Gestaltung war ich doch sehr angetan. Auch Anne Sofie von Otter als Marcellina und Christian Gerhaher als Graf haben eigentlich alles richtig gemacht und das will bei der Rolle des Grafen schon sehr viel heißen. Die Arie der Marcellina im Vierten Akt war durch ein Klavierbegleitetes Kunstlied (auf Deutsch! im ansonsten durchgehend in Originalsprache gesungenen Figaro) - ich habe es leider nicht erkannt - ersetzt worden, den Sinn davon hat mir noch niemand erklären können. Sicher ist die Arie der Marcellina nicht das beste Stück der Oper, aber überzeugend fand ich die gewählte Lösung nicht.

      Alex Esposito in der Titelrolle war sehr präsent, sängerisch wie schauspielerisch habe ich wenig auszusetzen, aber wirklich überzeugend fand ich ihn leider auch nicht. Die größten Ausfälle waren in meinen Ohren Olga Kulchynska als Susanna, die ich schlicht uninspiriert fand, und die Sängerin des Cherubino, Solenn' Lavanant-Linke. Beide hatten zu Beginn der Aufführung noch mit einer recht belegten Stimme zu kämpfen, als sich das Problem erledigt hatte, war ich aber nicht stärker angetan. Irgendwie bieten diese Rollen mehr als das gestern Abend gebotene. Weder die beiden Arien des Cherubino noch die berühmte Rosenarie der Susanna im Vierten Akt haben nur im Entferntesten an gute Aufführungen dieser Stücke herangereicht.

      Nicht-störend, aber letztlich am Stück uninteressiert empfand ich die Inszenierung durch Christof Loy. Natürlich ist der Figaro ein Stück, das dem Regisseur nicht viele Freiheiten bietet, dafür ist der vertonte Komödienstoff zu stark mit der Mozart'schen Musik verwoben, d.h. eine Szene wie die im Ersten Akt mit Cherubino und dem Grafen, die nacheinander Susanna bedrängen und sich dann voreinander und vor Basilio verstecken müssen, kommt nicht ohne Sessel und Decke aus. So war das auch hier, aber letztlich wirkte die Inszenierung sehr herz- und gesichtslos. Warum auf einer hellbeleuchteten Bühne, ich spreche nun von der Rosenarie im Vierten Akt, Figaro am vorderen Bühnenrand liegt und von Susanna mit den Blüten fast zugedeckt wird, aber beide so tun, als würden sie sich nicht erkennen: für mich hat diese Lösung nicht funktioniert. Und das gilt dann letztlich für die Mehrzahl der Lösungen der Regie. Zum Ende der Ouvertüre wurde einmal eine kleine Puppenbühne eingebunden, sie war immer wieder zu sehen, aber nicht weiter genutzt: auf mich wirkte das Ganze leider nicht zu Ende gedacht .... In meinen Augen ist der neue Figaro sicher kein Fortschritt gegenüber dem deutlich spielfreudigeren Dorn'schen, den er nun ablöst.

      Gruß, Benno
    • Lieber Benno,

      danke für die interessante Schilderung. Leider habe ich nicht selbst vor Ort sein können, hoffe aber, dass irgendwann eine Übertragung kommt.

      Aufmerksam wurde ich durch eine Kritik in der Münchner "Abendzeitung", worin die Sängerinnen und Sänger sehr deutlich in Schutz genommen wurden angesichts eines - so dort geschildert - übereiliger Tempi des Dirigats. Du sprichst von irritierenden Tempowechseln in den Arien.

      Beides klingt jedenfalls nach "Kampfsituation" für die Sänger/innen. Hast du das "Grundtempo im Zusammenhang mit der Sängerentfaltung auch so wahrgenommen wie der Kritiker?

      LG
      Ulrica
      :wink: :wink:
      Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren (Bert Brecht)
    • Liebe Ulrica,

      ich fand viele der Tempi in der von mir besuchten Vorstellung am Sa Abend nicht so entsetzlich schnell. Vieles war sicher auf der zügigen Seite genommen, aber das ist ja bei einer so spritzigen Komödie durchaus angemessen. Als ich gestern meinen Mitsängern meine Beobachtungen mündlich mitteilte, berichteten sie vom Anhören der donnerstäglichen Premiere im BR ebenfalls von kaum singbaren Tempi. Vielleicht hat sich Carydis bei der von mir besuchten Vorstellung gegenüber der Premiere etwas gezügelt.

      (Ich kenne das auch von Chordirigenten, dass sie in einer außerordentlichen Situation plötzlich, weil der eigene Grundpuls viel schneller ist als gewohnt, deutlich zu schnelle Tempi anschlagen. Ich könnte mir vorstellen, dass hier in Bezug auf die Premiere der Hase im Pfeffer liegt. Meine traumatischste Erfahrung war die Kyrie-Fuge im Mozart Requiem, die in einem überhaupt nicht geprobten Tempo ziemlich daneben ging. Das halten meine Mitsänger und ich unserem Chorleiter noch zehn Jahre später gerne vor ... )

      Aber viel mehr als das haben mich beim Figaro am Samstag die uninspirierten Momente des Innehaltens in den Arien gestört, das war so uninteressant wie nur denkbar gestaltet ... Ich könnte mich darauf einigen zu sagen, dass ich Carydis nicht gerade als Sänger-freundlichen Dirigenten erlebt habe ..

      In anderen Rezensionen wurde das von Anne Sofie von Otter anstatt der Marcellina-Arie gesungene Lied übrigens identifiziert: es war die Mozart'sche 'Abendempfindung an Laura' KV 523. Ich habe meine Mozart-Lieder offensichtlich zu lange nicht mehr gehört ...

      Gruß Benno
    • Hallo zusammen,

      ich war in der Premiere - dort waren die Tempi vor allem im ersten Akt ziemlich schnell. Insbesondere die erste Arie des Cherubino war ziemlich atemlos und gehetzt, da hat mir die Sängerin wirklich leid getan. Ab dem zweiten Akt wurde es aber besser - vielleicht stimmt Bennos Einschätzung ja und der Grundpuls von Carydis hat sich etwas gelegt. Die Tempowechsel, langen Generalpausen oder teilweise recht abrupten Akzente fand ich auch eher störend. Wunderbar aber, wie Carydis die Holzbläser in Szene gesetzt hat - die habe ich oft sehr viel deutlicher gehört, als ich das gewohnt war. Und bei den Bläsern lohnt sich das :)

      Die Sängerin der Gräfin fand ich sehr gut, auch Susanna hat mir gut gefallen. Mit Cherubino hatte ich auch etwas mehr Probleme. Allerdings fand ich, daß das ganze Ensamble ziemlich gut funktioniert hat.

      Die beiden männlichen Hauptrollen haben mir auch gut gefallen, vor allem der Graf.

      Bei der Inszenierung bin ich mir nicht ganz schlüssig. Während ich den ersten Teil eher belanglos fand, waren der dritte und vierte Akt doch deutlich stärker. Die Verstimmung zwischen Graf und Gräfin am Ende des Dritten Akts, aber auch das Verhältnis zwischen Susanna und Figaro im vierten waren schon recht erbarmungslos. So habe ich auch das von Benno unten geschilderte Bild verstanden. Alle träumen noch von Versöhnung - aber die Gräben zwischen den beiden Paaren sind schon längst viel zu weit aufgegangen.

      Den Stream konnte ich leider nicht sehen - wahrscheinlich hätten sich einige Eindrücke verstärkt oder andere wären korrigiert worden. Im großen und ganzen habe ich die Aufführung aber schon genossen - auch wenn es vielleicht nicht der große Wurf war (die perfekte Aufführung gibt es bei Mozarts Da Ponte Opern wahrscheinlich auch gar nicht).

      Viele Grüße,

      Melanie
      With music I know happiness (Kurtág)