documenta 14

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    • Dann war ich also in Kassel der einzige Vertreter unseres Kulturforums. Sagt das doch vorher, dann hätte ich als "offizieller Abgesandter" sicher eine Freikarte bekommen.

      Es hat sich aber auch so gelohnt, was nicht unbedingt vorauszusehen war. Als Museumsgänger neigt man ja dazu, sich an irgendwelchen mehr oder weniger bekannten Künstlern bzw. Werken entlangzuhangeln, gerade auch bei der bisweilen "schwierigen" zeitgenössischen Kunst. Zwei Tage lang sich auf komplett unbekannte Kunst einlassen, lohnt sich das?

      In Kassel ja. Aufgrund der vielen über die Stadt verstreuten Locations ist man von morgens bis abends auf Entdeckungstour. Auch wenn einen vieles kalt lässt, stößt man immer wieder auf bemerkenswerte Arbeiten. Es ist dann auch egal, ob das Werk "relativ gut" oder "groß" ist. Ob es nach ein paar Monaten in einem Archiv vergammelt oder in den Rang eines Jahrhundertwerkes erhoben wird. Ein documenta-Besuch entwickelt ziemlich schnell seine eigene Dynamik.

      Als Eckdaten kann ich empfehlen:
      Nehmt 3 Übernachtungen (bei mir: Airbnb, knapp 20 Euro/Nacht im benachtbarten Vellmar) und kauft eine Zweitageskarte. Die ersten beiden Tage verbringt man überwiegend in den Gebäuden, da hier eine Eintrittskarte verlangt wird. Die beliebtesten Locations möglichst nicht am Wochenende aufsuchen, da die Schlangen extrem lang werden können. Am 3. Tag hat man dann noch einiges zu tun, um die interessantesten Freilicht-Objekte aufzusuchen. Die Abende sollten genutzt werden, um die ganz besondere Stimmung an manchen Orten aufzunehmen, vor allem am Friedrichsplatz.


      Thomas
    • Ein häufig gehörte Kritik lautete: Zu politisch, zu wenig Substanz.

      Das ist einerseits richtig, andererseits falsch.

      Es gab in der Tat auch Schrott, teilweise da politiklastig, teilweise einfach so. Ist halt so, bei mehreren tausend Werken. Andererseits muss man ganz klar sagen: Kunst hat immer einen gewissen Bezug zum Zeitgschehen, zeitgenössische Kunst erst recht. Das ist ja gerade das Wesen von Kunst.

      Hier ein paar Beispiele (manche politisch, manche nicht), die übrigens mittels Google Bildersuche leicht gefunden werden:

      Máret Ánne Sara: Pile o’ Sápmi - Vorhang aus Rentierschädeln
      War recht beeindruckend, vielleicht einen Tick zu effekthascherisch.

      Olu Oguibe: Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument - "Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt."
      Für AfDler natürlich mega-provokant. Aber als Kunstwerk durchaus überzeugend. Das steht nun mal so in der Bibel, Originalton Jesus. Das Werk regt zum Nachdenken an, ob man hinter der Botschaft steht oder nicht.

      Regina José Galindo: El Objetivo (Das Ziel) - Performance in speziell gebautem Raum mit vier G36-Sturmgewehren
      Das war krass. Ich sollte abdrücken, mit einer Besucherin im Visier, aber konnte mich nicht überwinden. Waren denn alle meine Gangster-Rap-Hörübungen für die Katz???

      Kendall Geers: Acropolis Redux (The Director's Cut) - Stacheldraht-Sammlung
      Das war ziemlich beeindruckend. Die fabrikneuen Stacheldraht-Sorten übten einen seltsamen ästhetischen Reiz aus.

      Bill Viola: The Raft - Menschengruppe von Wasser erschlagen
      War natürlich cool. Bill Viola halt.

      Costas Varotsos: Ohne Titel - zerborstenes gläsernes Flaggen-Meer
      Ziemlich gelungene, da wirkungsvolle Assoziation.

      Marta Minujin: Parthenon der Bücher
      War natürlich beeindruckend, insbesondere auch nachts.

      Hiwa K: When We Were Exhaling Images - 20 gestapelte Rohrelemente
      Auch sehr interessant, ob mit oder ohne Flüchtlingsbezug.

      Guillermo Galindo: Fluchtzieleuropahavarieschallkörper - Musik-Instrumente, die in Bootswracks hineingebaut sind
      Für mich ein Highlight. Ich glaube ja eh, dass Dinge eine Seele haben. Also auch Boote. Und dann denkt man nach, wie man sich als Boot so fühlt, während die Jahrzehnte vergehen...

      Antonio Vega Macotela: The Mill of Blood (Blutmühle) - erinnert an das Blut von Sklaven, das in das Holz von Geräten wie diesem gesickert ist
      Das war eher Handwerk, ohne künstlerischen Inhalt.

      Ibrahim Mahama: Check Point Sekondi Loco - Vorhang aus Jutesäcken
      Sah interessant aus, wenn auch von Christo abgekupfert.

      Otobong Nkanga: Carved to Flow - Seife
      Die Seife kostete 20 Euro. Ich kaufte eine, aktuell ist sie in Benutzung. Für mich ein Muss, da ich ja selbst auch Seifenkunst mache (mit Hotel-Seifenstücken). Mein bestes Werk war mal geschätzte 150.000 Euro wert (ist inzwischen verbraucht). Da sind 20 Euro ein echtes Schnäppchen.

      Maria Eichhorn: Unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbene Bücher
      Politische Aktion, künstlerischer Inhalt gleich Null. Da fragt man sich schon, was die Kuratoren da geritten hat. Zumal der Übergang von Büchern aus öffentlichem in privaten Besitz (wie von der "Künstlerin" angestrebt) dem eigentlichen Sinn von Büchern zuwiderläuft.

      Piotr Uklański: Real Nazis - Wand aus Porträts von "Real Nazis"
      Noch so ein Bullshit. Jaja, Nazi geht immer. Die Auswahl der Gesichter war völlig willkürlich. Außer bei ein paar Prominenten war der Nazi-Bezug mehr oder weniger erfunden. Und mit Kunst hatte das schon mal gar nichts zu tun.

      Sergio Zevallos: "A War Machine" (2017) - Schrumpfköpfe
      Ebenfalls Müll. Echte und mutmaßliche Kriminelle neben Leuten wie Ursula von der Leyen, Christine Lagarde oder dem Monsanto-Chef (dessen Firma übrigens zu verdanken ist, dass aktuell knapp 8 Milliarden Menschen nicht verhungern müssen). Da könnte man auch die "Merkel-muss-weg"-Plakate der Pegidisten zur Kunst erklären und ausstellen. Die Plakate mit Merkel am Galgen erst recht. Manchmal fragt man sich echt...

      Hans Eijkelboom: Photo Notes 1992-2017 - schwindelerregende Vielfalt an Bekleidungen fotografisch festgehalten
      Sehr originell. Hat die Besucher auf unterhaltsame Art in den Bann gezogen.

      Mona Hatoum: Fix It - verrottende Fabrik
      Leicht gruselig. Ziemlich gelungen.


      Das war eine kleine Auswahl. In 5 Jahren werde ich wieder hinfahren.


      Thomas