Daniel Barenboim - als Pianist, Dirigent und Institution

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    • Da sich nun eine Diskussion über Daniel Barenboim entwickelt, wurden dieser und die folgenden Beiträge aus dem Faden "Autoritär oder kollegial ..." hierher kopiert. Braccio für die Moderation

      Gerade a. a. O. gefunden: ein Bericht über Barenboim: van.atavist.com/daniel-barenboim.


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      Es grüßt Gurnemanz
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      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
      Künstler und Schwein gelten erst nach dem Tode etwas.
      Max Reger
    • Felix Meritis schrieb:

      Ich verstehe den Artikel nicht. Weshalb sollte Barenboim unersetzlich sein? Gibt es sonst keine Dirigenten? Ich habe auch nicht den Eindruck, dass er der angesehnste Dirigent der Gegenwart ist.
      Ich denke, dass das auch politisch zu sehen ist. Als "Weltmann" mit einem ziemlich weitem Arm, was seine Beziehungen angeht, ist er für das internationale Berlin vermutlich extrem wichtig geworden die letzten 25 Jahre. Er scheint auch die Gabe zu haben, der Politik die Gelder abzuschwatzen, die man benötigt, um die Oper weiter am Laufen halten zu können.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Das kann ich aber immer noch nicht nachvollziehen, denn eigentlich ist es für einen Musiker ein absolutes Privileg in Berlin, das wohl wichtigste Zentrum für klassische Musik weltweit, wirken zu dürfen. Dieses Duckmäusertum überrascht mich doch etwas. Seine Geldeintreiberqualitäten sind natürlich nicht unwichtig, aber dass Deutschland seine wichtigste Oper untergehen lassen würde, kann ich mir schwer vorstellen.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • :| Der hochinteressante Artikel (gem.dem LINK in Beitrag von Gurnemanz (drei Beitrage höher) über Barenboims Verhalten wirft ein ganz neues Licht auf ihn, das ich so nicht erwartet hätte.
      Ich habe den LINK bereits gestern bei TAMINO vorgefunden.

      ?( Sehr bedenklich, was der Mann an Wutausbrüchen drauf hat !!!
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • 'In mehr als einem Dutzend Interviews mit aktuellen und ehemaligen Mitarbeitern von Barenboim entsteht hingegen das Bild einer Führungskraft, die inspirierend und großzügig, aber auch autoritär, launisch und beängstigend sein kann.'

      Ich glaube, wir sollten mal auf dem Teppich bleiben. Habt ihr denn anderes erwartet? Natürlich hat ein Dirigent in dieser (Macht-)Position auch charakterliche Schattenseiten. Gilt das nicht für alle, die eine gewisse Position erreichen? Wie sagte damals ein alter Prof zu uns: 'Für die erste Million muss man Schwein sein, danach geht es von selbst.' Will sagen, dass alle, wirklich alle Künstler, die an die Spitze gelangt sind, sich charakterlich und moralisch verbogen haben (müssen) und danach wohl in der Art und Weise, wie sie es gelernt haben, weiter gemacht haben. Das ist nicht schön, jedenfalls nicht für uns moralisch so einwandfrei lebende Normalmenschen ^^ , aber das ist wohl die Realität. Wir haben es hier nicht mit Heiligen zu tun, sondern mit Menschen, die einem bestimmten System unterworfen sind und sich dem auch freiwillig unterwerfen. Das mag ihr Kardinalfehler gewesen sein, aber ohne diesen würden wir sie gar nicht kennen und (vielleicht) bejubeln.

      Auch Künstler sind nur Menschen mit all ihren Stärken und Schwächen. Das eine ist absoluter Mist, das andere möglicherweise große Kunst. Nun mag jeder abwägen, was für ihn wichtiger ist.

      Ich weiß nur, wenn ich jeden Künstler/Komponisten von meiner Favoritenliste streichen würde, der irgendeinen Makel, wie groß auch immer, aufweist, wäre diese Liste sehr, sehr kurz. Man kann menschlich ein A...loch sein und künstlerisch ein Genie, ein ganz Großer. Einen Heiligen, der gleichzeitig ein Genie war/ist, werden wir kaum finden.

      :wink: Wolfram
    • Wolfram schrieb:

      Ich weiß nur, wenn ich jeden Künstler/Komponisten von meiner Favoritenliste streichen würde, der irgendeinen Makel, wie groß auch immer, aufweist, wäre diese Liste sehr, sehr kurz. Man kann menschlich ein A...loch sein und künstlerisch ein Genie, ein ganz Großer. Einen Heiligen, der gleichzeitig ein Genie war/ist, werden wir kaum finden.
      Das ist sicher richtig, entschuldigt aber nicht sein Verhalten was er an den Tag legt. Man kann vielleicht ein wenig Verständnis aufbringen, wenn man bedenkt, dass auch auf ihm ein starker Druck liegt, etwas falsch zu machen. Die Bewertungen der Kritiker sind auch nicht gerade immer im Freundschaftsbereich anzusehen. Doch er ist jetzt in einem Alter, wo man nicht von Termin zu Termin hetzen muss, und gerade den jungen Musikern gegenüber vielleicht eine gewisses Verständnis entgegen zu bringen kann so schwer nicht sein.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Sandra schrieb:

      Mir sind die Leistungen, die jemand wie Barenboim erbringt, derart unbegreiflich, dass ich fast beruhigt bin, wenn ich lese, dass er auch ganz normale menschliche Seiten hat.
      Wie bitte? Ich finde es absolut unmöglich, dass er offenbar WISSENTLICH seine Musiker und Mitarbeit mobbt !!! Das kann man nicht mal ansatzweise für gut heißen, und es ist bestimmt KEINE "menschliche Seite", sondern eine absolute Frechheit. Sollte das wirklich stimmen, gehört er fristlos entlassen - aber genau DA kicken alle Speichellecker und Politiker wieder ein. Und dann stellen sie sich hin und rufen zur Zivilcourage auf.....
      "...gehört er fristlos entlassen"? Dann stehen wir in Deutschland aber plötzlich ohne Intendanten und Generalmusikdirektoren da. Der Artikel zeigt bzw. sagt doch ganz deutlich: Der Fehler steckt im System!
      Ich liebe Wagners Musik mehr als irgendeine andre. Sie ist so laut, daß man sich die ganze Zeit unterhalten kann, ohne daß andre Menschen hören, was man sagt. - Oscar Wilde
    • Maurice schrieb:

      Doch er ist jetzt in einem Alter, wo man nicht von Termin zu Termin hetzen muss
      Ich glaube, dass das gerade der Punkt ist, der ihn von "Normalsterblichen" unterscheidet: Er muss es eben doch, egal in welchem Alter. War das nicht Schönberg, der gesagt hat "Kunst kommt nicht von Können sondern von Müssen"? Und dass dieses "Müssen" auch Auswirkungen auf seine Anforderungen an Mitarbeiter und Mit-Musiker hat, ist doch wohl klar. In dem Artikel heißt es doch an einer Stelle sinngemäß, dass die Orchestermusiker mal so richtig locker lassen können, wenn er nicht da ist. Das freut mich für sie, aber welche Konzerte mögen wohl die herausragenden sein: Die, bei denen er von seinen Musikern dasselbe Niveau erwartet wie von sich selbst, oder die, bei denen vorn jemand steht, der zufrieden ist, wenn alle nur schön entspannt sind? Wenn ich überlege, welche Konzerterlebnisse für mich die allergrößten, nachhaltigsten und am tiefsten beeindruckenden waren, dann immer die, bei denen die Musiker auf der Bühne ganz offensichtlich sich gequält und um die künstlerische Wahrheit gekämpft haben. ich fände es sehr unangebracht, wenn ich von ihnen zuerst solche existentielle Einsatzbereitschaft und dann einen völlig unauffälligen, durchschnittlichen Charakter erwarten würde. Es ist ein Unterschied, ob jemand der örtlichen Sparkasse oder einem Weltklasse-Orchester vorsteht (zumal, wenn er es wie in diesem Fall erst zu einem solchen geformt hat). Jedenfalls kann ich mir das als Außenstehende nicht anders vorstellen. Mich fasziniert an großer Kunst gerade, dass sie nicht den "bürgerlichen" Gepflogenheiten, Gesetzen und Zwängen folgt, sondern ihren eigenen, die meist viel extremer und kompromissloser sind als jene.

      Maurice schrieb:

      gerade den jungen Musikern gegenüber vielleicht eine gewisses Verständnis entgegen zu bringen kann so schwer nicht sein.
      Ich habe erhebliche Zweifel, ob es ihm ohne ein "gewisses Verständnis" für junge Musiker hätte gelingen können, z.B. das Divan-Orchester über viele Jahre hinweg zu Höchstleistungen zu animieren.
    • Sandra schrieb:

      Mich fasziniert an großer Kunst gerade, dass sie nicht den "bürgerlichen" Gepflogenheiten, Gesetzen und Zwängen folgt, sondern ihren eigenen, die meist viel extremer und kompromissloser sind als jene.
      Hm, aber sind autokratisch-patriarchalische Strukturen nicht etwas ziemlich Bürgerliches, das bis vor wenigen Jahrzehnten Standard war und heute bei weitem keine Ausnahme ist? Ich finde da nichts wirklich Besonderes daran und kann das auch nicht als unbedingte Voraussetzung für "große Kunst" gelten lassen. Im Gegenteil finde ich so ein System ziemlich gewöhnlich und langweilig.

      Spannender - für den Orchesterleiter, Sparkassenleiter, welchen Chef auch immer aber sicher viel anstrengender - wäre es aus meiner Sicht, wenn die Vorstellungen vom eigenen Ideal qua ansteckender Begeisterung, Leidenschaft und Überzeugungskraft vermittelt würden (was laut Artikel ja zumindest einen Teil von Barenboims Erfolg ausmacht und was jemand wie Nézet-Séguin anscheinend konsequenter so handhabt). Lerntheoretisch gilt die Arbeit mit Bestrafung und negativer Verstärkung jedenfalls als überholt.
    • Wolfram schrieb:

      Ich weiß nur, wenn ich jeden Künstler/Komponisten von meiner Favoritenliste streichen würde, der irgendeinen Makel, wie groß auch immer, aufweist, wäre diese Liste sehr, sehr kurz. Man kann menschlich ein A...loch sein und künstlerisch ein Genie, ein ganz Großer. Einen Heiligen, der gleichzeitig ein Genie war/ist, werden wir kaum finden.

      Wolfram
      schon richtig. aber daß es auch für Genies im Umgang mit anderen Menschen Grenzen gibt, über die man nicht gehen sollte, ist doch hoffentlich nicht strittig?

      Sandra schrieb:

      ich fände es sehr unangebracht, wenn ich von ihnen zuerst solche existentielle Einsatzbereitschaft und dann einen völlig unauffälligen, durchschnittlichen Charakter erwarten würde
      soso, die Abwesenheit von Arschlochhaftigkeit ist "unauffällig" und "durchschnittlich". da wäre ich so nicht drauf gekommen.

      Sandra schrieb:

      Ich habe erhebliche Zweifel, ob es ihm ohne ein "gewisses Verständnis" für junge Musiker hätte gelingen können, z.B. das Divan-Orchester über viele Jahre hinweg zu Höchstleistungen zu animieren.
      das denke ich allrdings auch.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Hallo zusammen,

      das, was im verlinkten Artikel beschrieben wird, ist sozusagen das autoritäre Standardprogramm in der Ausprägung Barenboim. Ich will das nicht beschönigen: ich könnte in so einer druckvollen Atmosphäre keine musikalischen Spitzenleistungen vollbringen (ob ich dazu überhaupt in der Lage wäre, steht auf einem ganz anderen Blatt :-). Ich bin musikalisch auch nie ein Barenboim-Anhänger gewesen, obwohl er mich mit vielem, was ich vor knapp zwanzig Jahren in Berlin erlebt habe, außerordentlich überzeugt hat.

      Aber wie schon im Dirigenten-Faden 'Autoritär ...' beschrieben, kenne ich das Programm auch als Laien-Chorsänger zur Genüge und weiß, dass es Kulturmenschen gibt, die so arbeiten und aus Ihrer Lebenserfahrung mitgenommen haben, dass Druck hilft, um einem Kollektiv seinen Willen aufzudrängen (= Interpretation).

      So naiv kann doch eigentlich kein aufgeschlossener Zeitgenosse sein, dass die ständig erwartete Weltklasse, die wir als Rezipienten einfordern, nicht auch etwas mit den Machern macht. Aber auf den Stress-Faden hat es im Forum wenig feedback gegeben. Da steht dann offensichtlich die gleiche Einstellung dahinter, die sich wundert und total überrascht tut, dass Radfahrer z.B. auf der Tour de France in den vergangenen Jahren gedoped waren. Leistung will ich haben, aber wie der ausführende Mensch dahin kommt, interessiert mich nicht: da erwarte ich Reinheit und Keuschheit.

      Ich finde es v.a. interessant, dass der Artikel just wenige Tage nach einer Aufführung (die im Artikel genannte Elektra an der Staatsoper, Ende Januar) erscheint, in der Barenboim anscheinend eklatante Fehler gemacht hat. Da wird einem bisher als unangreifbar erscheinendem Menschen, kaum hat er Zeichen großer Schwäche erwiesen, hinterher getreten. Das finde ich schäbig.

      Gruß Benno
    • Wolfram schrieb:

      Habt ihr denn anderes erwartet?
      schon ein bißchen. nachdem ich die Aufnahmen mit dem Diwan-Orchestr gehört hatte, hätte ich eher gedacht, daß er zur neueren, weniger autokratischen Schule gehört, etwa im Sinne von:

      Braccio schrieb:

      Hm, aber sind autokratisch-patriarchalische Strukturen nicht etwas ziemlich Bürgerliches, das bis vor wenigen Jahrzehnten Standard war und heute bei weitem keine Ausnahme ist? Ich finde da nichts wirklich Besonderes daran und kann das auch nicht als unbedingte Voraussetzung für "große Kunst" gelten lassen. Im Gegenteil finde ich so ein System ziemlich gewöhnlich und langweilig.

      Spannender - für den Orchesterleiter, Sparkassenleiter, welchen Chef auch immer aber sicher viel anstrengender - wäre es aus meiner Sicht, wenn die Vorstellungen vom eigenen Ideal qua ansteckender Begeisterung, Leidenschaft und Überzeugungskraft vermittelt würden (was laut Artikel ja zumindest einen Teil von Barenboims Erfolg ausmacht und was jemand wie Nézet-Séguin anscheinend konsequenter so handhabt). Lerntheoretisch gilt die Arbeit mit Bestrafung und negativer Verstärkung jedenfalls als überholt.
      das unterschreibe ich voll und ganz.
      daß Kunst auf diesem Niveau "Höchstleistung" bedeutet, ist ja nicht zu bestreiten. Ob sie aber nur unter den Prämissen "autokratisch-patriarchalische(r) Strukturen" und der entsprechenden Verhaltensweisen zu haben ist, finde ich fraglich, zumindest befragenswert.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Da steht dann offensichtlich die gleiche Einstellung dahinter, die sich wundert und total überrascht tut, dass Radfahrer z.B. auf der Tour de France in den vergangenen Jahren gedoped waren. Leistung will ich haben, aber wie der ausführende Mensch dahin kommt, interessiert mich nicht: da erwarte ich Reinheit und Keuschheit
      d´accord... das ist die Doppelmoral in der "heiligen Kunst". Aber grundlegende menschliche Fähigkeiten haben ja nichts mit "Reinheit und Keuschheit" zu tun.

      Giovanni di Tolon schrieb:

      Ich finde es v.a. interessant, dass der Artikel just wenige Tage nach einer Aufführung (die im Artikel genannte Elektra an der Staatsoper, Ende Januar) erscheint, in der Barenboim anscheinend eklatante Fehler gemacht hat. Da wird einem bisher als unangreifbar erscheinendem Menschen, kaum hat er Zeichen großer Schwäche erwiesen, hinterher getreten. Das finde ich schäbig.
      der Kontext mag da nochmal ein anderes Licht drauf werfen. das zeigt ja aber nur, wie sich in so einem System von Sprachlosigkeit die gefühlt "Unterdrückten" erst trauen, was zu sagen, wenn der Chef Schwächen zeigt. nicht wirklich überraschend.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Giovanni di Tolon schrieb:

      Da wird einem bisher als unangreifbar erscheinendem Menschen, kaum hat er Zeichen großer Schwäche erwiesen, hinterher getreten. Das finde ich schäbig.
      Dieses Nachtreten ist aber leider auch etwas "ganz normal Menschliches", oder nicht? Und vielleicht provoziert ein Diktator ein solches Verhalten auch eher als Leitungspersonen mit einem anderen Führungsstil.
    • Ähnliches kann man doch dann bei jedem sagen! Es soll auch Neurochirurgen mit normalem Sozialverhalten geben, obwohl die unter noch viel größerem Leistungsdruck stehen als Barenboim. Es ist auch nicht jeder Dirigent so ein mieser Charakter. Der von Barenboim so gerne unterschätzte Mendelsohn z.B. war ein genialer Komponist, begnadeter Dirigent und Pianist UND ein netter Chef. Das beeindruckt mich wesentlich mehr als ein Pseudohumanist, der seine Mitmenschen wie Dreck behandelt.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Sandra schrieb:

      Und dass dieses "Müssen" auch Auswirkungen auf seine Anforderungen an Mitarbeiter und Mit-Musiker hat, ist doch wohl klar. In dem Artikel heißt es doch an einer Stelle sinngemäß, dass die Orchestermusiker mal so richtig locker lassen können, wenn er nicht da ist. Das freut mich für sie, aber welche Konzerte mögen wohl die herausragenden sein: Die, bei denen er von seinen Musikern dasselbe Niveau erwartet wie von sich selbst, oder die, bei denen vorn jemand steht, der zufrieden ist, wenn alle nur schön entspannt sind?
      Hast Du jemals in Deinem Leben mit einem Orchester über eine gewisse Zeit musiziert? Hast Du eine Ahnung, wie sich Musiker fühlen, wenn sie, die grundsätzlich unter Dauerdruck stehen, gerade auf dem Niveau, wenn man dann auch noch so einen Despoten vor sich stehen hat? Vermutlich nicht. Ich kann Dir sagen, dass ist ein total beschissenes Gefühl. Wenn man sich fast in die Hose scheißt (Entschuldigung), bei jedem Ton die Luft anhalten muss, auch wenn man seinen Part eigentlich beherrscht, nur um keinen Anschiss zu bekommen?

      Übrigens war es unter Benny Goodman im Jazz nicht anders. Der Mann konnte einen bereits auf der Bühne töten, nur mit seinem berühmten "Goodman-Ray", den Goodman-Blick. Anschließend konntest Du gehen, so wie es auch bei Barenboim der Fall zu sein scheint. Ich kenne übrigens einen der Musiker aus dem Orchestervorstand von früher her. Wir haben eine Zeit lang bei der Bundeswehr zusammen gespielt. Leider haben wir keinen Kontakt mehr, sonst hätte ich mal versucht was raus zu bekommen aus ihm.


      Sandra schrieb:

      Ich habe erhebliche Zweifel, ob es ihm ohne ein "gewisses Verständnis" für junge Musiker hätte gelingen können, z.B. das Divan-Orchester über viele Jahre hinweg zu Höchstleistungen zu animieren.
      Hier sollte man bedenken, dass diese Musiker vielleicht froh sind, wenn sie raus aus ihrem Trott sind, und mit Barenboim die Welt erkunden können, die sie sonst vielleicht sehen und kennen lernen würden. Er scheint ja durchaus nicht durch die Bank so zu agieren. Vielleicht ist es in diesem Orchester nicht so extrem wie in Berlin?


      Giovanni di Tolon schrieb:

      Ich finde es v.a. interessant, dass der Artikel just wenige Tage nach einer Aufführung (die im Artikel genannte Elektra an der Staatsoper, Ende Januar) erscheint, in der Barenboim anscheinend eklatante Fehler gemacht hat. Da wird einem bisher als unangreifbar erscheinendem Menschen, kaum hat er Zeichen großer Schwäche erwiesen, hinterher getreten. Das finde ich schäbig.
      Nein, das ist nicht schäbig. Wer selbst sich für unantastbar hält, aber in einigen Punkten eben DOCH Angriffsfläche bietet, muss erst recht mir Gegenwind rechnen. Der st dann auch dringend notwendig, damit eben solche "Götter mit Taktstock" mal vom hohen Ross runterkommen. Und er hat auch genügend Durchschnitt abgeliefert, der Herr B., sei es in Paris, Chicago oder Berlin.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Braccio schrieb:

      Sandra schrieb:

      Mich fasziniert an großer Kunst gerade, dass sie nicht den "bürgerlichen" Gepflogenheiten, Gesetzen und Zwängen folgt, sondern ihren eigenen, die meist viel extremer und kompromissloser sind als jene.
      Hm, aber sind autokratisch-patriarchalische Strukturen nicht etwas ziemlich Bürgerliches, das bis vor wenigen Jahrzehnten Standard war und heute bei weitem keine Ausnahme ist? Ich finde da nichts wirklich Besonderes daran und kann das auch nicht als unbedingte Voraussetzung für "große Kunst" gelten lassen. Im Gegenteil finde ich so ein System ziemlich gewöhnlich und langweilig.

      Spannender - für den Orchesterleiter, Sparkassenleiter, welchen Chef auch immer aber sicher viel anstrengender - wäre es aus meiner Sicht, wenn die Vorstellungen vom eigenen Ideal qua ansteckender Begeisterung, Leidenschaft und Überzeugungskraft vermittelt würden (was laut Artikel ja zumindest einen Teil von Barenboims Erfolg ausmacht
      Autokratisch-patriarchalisch ist insofern nicht (spezifisch) bürgerlich, weil es schon tausend Jahre vor irgendeiner Bürgerlichkeit "Standard" war (die Idee, dass ein "Genie" typischerweise einen zwischen Melancholie und Hyperaktivität oszillierenden Chararakter habe, stammt aus der Antike, vermutlich von dem Aristoteles-Schüler Theophrast) und vermutlich auch bleiben oder wiederkehren wird, wenn die letzten Reste von Bürgerlichkeit in dem, was auch immer danach kommen mag, aufgegangen sind.
      Und es besteht auch kein Widerspruch zwischen atavistischen Ausrastern und "ansteckender Begeisterung, Leidenschaft und Überzeugungskraft". Im Gegenteil, das Klischeebild eines "irre-genialen Künstlers" umfasst typischerweise beides.

      Die Frage ist halt nur, wie viel man einem Ausnahmekünstler durchgehen lassen will und wo die Grenzen für die Mitmenschen und Mitarbeiter erreicht sind. Und natürlich gibt es auch tyrannische Choleriker, die überhaupt nicht genial sind. Denen sollte man noch weniger durchgehen lassen. ;)
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)