Daniel Barenboim - als Pianist, Dirigent und Institution

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    • Daniel Barenboim - als Pianist, Dirigent und Institution

      Daniel Barenboim wird heute 75 Jahre alt. Ich habe ihm einige großartige und einige weniger großartige Abende in Oper und Konzert zu verdanken. Sicher ist: er verdient einen eigenen Thread (bisher gibt es nur zwei mehr oder weniger periphere, hier und hier).

      Barenboim tritt als Pianist und Dirigent auf. Das tun einige andere auch. Aber Barenboim ist noch viel mehr: Er betätigt sich politisch, er gründet Akademien und Orchester, initiiert einen neuen Berliner Konzertsaal. Wenn es sinnvoll wäre, den einflussreichsten Musiker des internationalen Klassikbetriebs zu benennen, würde die Wahl wohl auf ihn fallen. Barenboim, der mit 11 Jahren Furtwängler vorspielte, hat an fast allen wichtigen Häusern und Orchestern gewirkt, an nicht wenigen als Chef. Dabei kennt er beides: sehr kurze Amtszeiten und 25 Jahre als künstlerischer Leiter der Berliner Staatsoper. Sein Netzwerk ist extrem groß: zahlreiche führende Musiker waren und/oder sind mit ihm befreundet, von Boulez bis Mehta, von Argerich bis Schiff. Sein Repertoire kann man kaum noch überschauen (Menahem Pressler: er hat doch das beste Gedächtnis von uns allen), vor allem das orchestrale, aber auch auf dem Klavier versucht er immer wieder Neues.

      Hier kann alles über Barenboim geschrieben werden: was haltet ihr von ihm als Pianist und Dirigent, wie hat er sich künstlerisch entwickelt oder verändert, wie ist seine Stellung im Musikleben zu bewerten usw. usw.?


      Viele Grüße

      Bernd
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • ich verdanke Barenboim jede Menge fetziger Mitschnitte. Super toll kommen z.B. die Schönbergschen Orchestervariationen mit dem WEDO vom 12.08.08 aus Stockholm rüber: war so was wie Neo-Offenbarung nach geiler Mono-Einspielung unter Rosbaud, die aber soundmäßig vergleichsweise etwas oll ist. .. . Barenboim machte in der Hertha-Stadt, NYC und Wien geile Schönberg-Zyklen mit Staatskapelle und Wienern. Gleichfalls sehr fruchtbar z.B. daraus ein rassiges Violinkonzert mit Barenboim junior als formidablen Saitenquäler (selbiges quälte er auch unter Boulez, Jansons und Gielen).

      Sympathisch kams rüber, als er in NYC am 17.01.10 nach den Schönergschen Orchestervariationen (vorher mit einigen kurzen Verbal-Intros für ein potentiell eher schönberg-unvertrauten Publikum) am Ende dann die Donner- und Blitz-Polka spielte quasi als Zugabe und “Belohnung“ für Geduld bzw. fürs zeitweilig zur Schönbergandacht mutierte Auditorium (mit den Wienern)...

      Er gehörte zu den ganz wenigen Orchesterquälern, die 2015 ein Berg-Jubiläums-Konzert gaben (mit Staatskapelle).

      Auch sein Einsatz für z.B. Carter, Boulez und Czernowin füllt/füllte meine Mitschnitts-Sammlung. Superfetzig Elgars Cello-Konzert mit Weilerstein und den Berlinern vom 01.05.10 aus Oxford. Sowie Elgars Sinfonie Nr. 1 vom 04.09.15 aus Bonn und vom 20.09.15 aus Wien... von seiner Wagnerei mag ich sehr den Mailänder Lohengrin vom 07.12.12 und Walküre 1. Akt aus Ravello vom 11.08.08....

      Herzlichen Glückwunsch und Dankeschön an Daniel Barenboim !!!
      . und jede Menge erfolgreiche und spannende Konzerte mit Gelegenheit zum Mitschnitt...
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Neulich entdeckte ich durch Zufall, dass Barenboim auch eine youtube Seite hat, auf welcher er Fragen die ihm zugeschickt wurden beantwortet. Das ist sehr kurzweilig.

      Ansonsten schätze ich Barenboim besonders als Wagner-Dirigenten. Er hat bisher die Meisten Aufführungen überhaupt in Bayreuth dirigiert (160), und pflegt dieses Repertoire auch in Berlin.
      Als Pianist dürften wohl vor allem seine Aufnahmen der Sonaten von Beethoven, der Klavierkonzerte von Mozart und der Lieder ohne Worte von Mendelssohn bekannt sein. Wer denkt, dass er als Dirigent den Pianisten ernachlässigt, sollte sich seine Aufnahmen der Sonaten von Schubert anhören, die ich soweit ich sie kenne sehr spannend finde. Aber wie schon im Intro geschrieben, er hat ein riesiges Repertoire eingespielt, da müsste man hier weit ausholen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Ich persönlich kann Barenboim nicht viel abgewinnen, weder als Pianist, noch als Interpret von Opern- und Orchesterliteratur. Für mich ist er jemand, den man in Bayern als "Gschaftlhuber" bezeichnen würde. Morgens ein Parsifal in der Staatsoper, nachmittags noch schnell eine weitere Aufnahme der Beethoven-Sonaten aufnehmen und abends schließlich die Berliner Philharmoniker mit bedeutungsschwangerem Dirigat leiten und gleichzeitig am Flügel sitzen und Mozart abnudeln, anders kann man das nämlich nicht bezeichnen bei ihm. Der Mensch, der Interpret, der Musiker Barenboim steht immer im Vordergrund und die Kunst muss sich seinen Ansichten beugen. Klar, ähnliches konnte man L. Bernstein ebenfalls vorwerfen. Aber im Gegensatz zu Barenboim besaß Bernstein eine einmalige Authentizität, die seine tiefe Liebe zur Musik und zu den Menschen glaubhaft machte. Barenboims ästhetischer Ansatz wird dagegen von seinem Machotum durch und durch beeinflusst, was er selbst ja nicht einmal leugnet.

      Das politische und humanistische Engagement Barenboims will ich nicht klein- oder schlechtreden. Sich allerdings bei den BBC Proms (bis auf den letzten Abend grundsätzlich unpolitisch, hier zählt die Musik) auf die Bühne zu stellen und die anwesenden bzw. zuhörenden Briten zu belehren, dass der Brexit falsch sei, ist meiner Meinung nach pure Selbstdarstellung gewesen.

      Ein Genie ist er zweifellos. Vielleicht ist er auch der Typ Musiker, den die heutige Zeit braucht. Mein Typ ist und bleibt er aber nicht.
      „Jeder Mensch hat einen Instinkt dafür, ob etwas echt ist oder vorgetäuscht. Aber ich glaube, Musiker sind durch ihr Training besonders empfindlich in dieser Hinsicht. Das macht sie nicht zu besseren Menschen, aber sie registrieren mehr.“ - Herbert Blomstedt
    • Tichy1988 schrieb:

      Für mich ist er jemand, den man in Bayern als "Gschaftlhuber" bezeichnen würde. Morgens ein Parsifal in der Staatsoper, nachmittags noch schnell eine weitere Aufnahme der Beethoven-Sonaten aufnehmen und abends schließlich die Berliner Philharmoniker mit bedeutungsschwangerem Dirigat leiten und gleichzeitig am Flügel sitzen und Mozart abnudeln
      Dann sag ich es auch mal auf bayerisch: Ich habe selten einen größeren Schmarrn gelesen. Barenboim ist unter Orchestermusikern geradezu gefürchtet für seine extreme Konzentration, seine Detailversessenheit und für die enormen Anforderungen, die er an sich und andere stellt. Bei ihm verbindet sich ein unfassbar treffsicherer musikalischer Instinkt mit dem Willen, dem Können und der Kraft zu genauester Ausarbeitung und Gestaltung. Wie bei allen großen Künstlerpersönlichkeiten kann man auch bei ihm über die Ergebnisse verschiedener Meinung sein, aber ihm die musikalische Seriosität abzusprechen und ihm anzudichten, er würde nur von Termin zu Termin eilen und die Musik "abnudeln" oder "bedeutungsschwanger" runterdirigieren, ist eine gehässige Verunglimpfung.
      Sein Klavierspiel ist mit 75 nicht mehr so brillant wie z.B. bei der bis heute unübertroffenen Einspielung der "Lieder ohne Worte" mit 32, aber er hat immer noch Gewaltiges zu sagen. So ist z.B. seine Neueinspielung der Schubert-Sonaten für mich die einzige gleichwertige (dabei aber ganz verschiedene) Alternative zu Radu Lupu. Bei nicht wenigen seiner Aufnahmen kann ich mir nicht vorstellen, die Werke jemals besser zu hören. Ihn angemessen zu würdigen, würde den Rahmen eines Forumsbeitrags bei weitem sprengen, vor allem wenn man auch noch seine politischen Aktivitäten einbeziehen wollte. Deshalb von mir nur ein Satz: Er ist für mich der größte lebende Musiker.

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Barenboim hat uns so viel Schönes und Bedeutendes geschenkt (subjektiv nenne ich unter meinen diesbezüglichen Favoriten sein "Nußknacker"-Dirigat ),
      daß es nur menschlich und verständlich erscheint, daß da auch einmal weniger Gelungenes dabei ist. Vor seinen politisch-humanistischen Ambitionen habe ich großen Respekt. Es mag schon sein, daß das bei ihm auch mit etwas Eitelkeit durchwirkt ist, aber seien wir ehrlich: solcher Ehrgeiz ist in den allermeisten Fällen ein unentbehrlicher Motor. Insgesamt wäre unsere Zeit ohne Barenboim wohl ein beträchtliches Stück ärmer.

      :wink: Waldi
      ______________________

      Homo sum, ergo inscius.
    • Eusebius schrieb:

      Ansonsten schätze ich Barenboim besonders als Wagner-Dirigenten. Er hat bisher die Meisten Aufführungen überhaupt in Bayreuth dirigiert (160), und pflegt dieses Repertoire auch in Berlin.
      "Pflegen" ist eine leichte Untertreibung ;) . Er dirigiert es ständig, fast keine Spielzeit ohne Wagner-Premiere. Und noch bevor der eine Ring abgespielt ist, wird der nächste schon angekündigt.

      Ich schätze dabei den späten Barenboim mehr als den frühen. Den 80er-Jahre-Ring in Bayreuth fand ich mit teilweise heftig verschleppten Tempi und wüsten Blechattacken etwas befremdlich. Und mit seinen Meistersingern (auch den letzten von 2015) werd ich grundsätzlich nicht warm. Aber Walküre, Siegfried und Parsifal in den letzten Jahren haben mich fasziniert: jeden Effekten und Lautstärkeexzessen abhold, gar nicht exzentrisch, aber ungeheuer farbig. Parsifal (auch 2015) zeichnete sich im ersten und dritten Akt erwartungsgemäß durch ruhige, ja teilweise sehr langsame Grundzeitmaße aus, aber trotzdem weniger durch einen weihevollen Tonfall (wie bei Levine) als durch eine ständige Erregtheit, die in den kurzen schnellen Interpolationen im ersten Akt (Kundry-Episoden, Teile der Amfortasklage) extrem fieberhaft klang. Äußerst beeindruckend. Ich freue mich schon auf seinen Tristan nächtes Jahr.

      :wink:
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    • Tichy1988 schrieb:

      BBC Proms
      á propos BBC-Proms: auf YT zu findende Mitschnitte der Beethoven-Symphonien mit dem Westöstlichen-Diwan-Orchester sind ein echtes Highlight. Da ist überhaupt nix "runtergenudelt", sondern eine Frische, die selbst nach der Kammerphilharmonie Bremen mit Järvi noch überzeugt, mich jedenfalls.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Zur Stunde läuft in der Berliner Philharmonie ein Konzert aus Anlass seines 75. Geburtstages, bei dem Zubin Mehta die Staatskapelle dirigert und Barenboim als Solist bei einer Uraufführung einer Auftragskomposition von Johannes Boris Borowski und in Beethovens fünftem Klavierkonzert zu hören ist. Der Erlös kommt dem Musikkindergarten Berlin zugute. Wahrscheinlich in den Augen seiner Kritiker nur ein erneuter Beweis für seine Eitelkeit...

      Christian
      Jeder Eindruck, den man macht, schafft Feinde. Um populär zu bleiben, muss man mittelmäßig sein.
      Oscar Wilde
    • Ich halte ihn vor allem im deutschen , romantischen Repertoire inzwischen für den vielleicht mit besten Dirigenten der aktuellen Szene. Auch seine Leitung in Sachen Jugendförderung und der Musik als Weltsprache für den Frieden ist so sicher einmalig.



      Das sind meine zwei Favoriten bei den vielen eingespielten CDs.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Wenn ich so sehe, wie hyperaktiv Daniel Barenboim schon immer gewesen ist, wie breit sein Repertoire ist, wenn ich bedenke, dass er häufig dirigiert und noch immer als Pianist und Kammermusiker auftritt, wenn man berücksichtigt, dass die Leitung von Opernhäusern und politisch-kulturelles Engagement zeitraubend sein müssen, dann sagt eine Stimme in mir, das Resultat kann höchstens Mittelmass sein, manchmal besser, oft weniger. Aber wenn ich versuchen müsste zu sagen, was ich schlecht oder nur mittelmässig finde, dann fällt mir wenig ein. Dagegen könnte ich sofort viele Aufnahmen nennen, die mir viel Freude machen, die mich begeistern und manchmal auch unverzichtbare 'Lebensbegleiter' geworden sind. Beginnen wir mit einer Enttäuschung: Die 'mittlere' Brucknerbox mit den Berliner Philharmonikern, zwischen Chicago (die ich kaum kenne) und der neuen, mit der Staatskapelle, die ich sehr schätze. Irgendwann habe ich auch mal eine frühe Aufnahme mit den Diabellivari ationen gehört, die mir nichts sagte, aber das kann auch an mir gelegen haben, denn die Diabellivariationen (und Musik überhaupt) stellen ja auch Anforderungen an den Hörer. Hiermit endet die Liste meiner Enttäuschungen, wenn ich mir viel Mühe geben würde, könnte sie vielleicht ein klein wenig länger werden, aber nur ein klein wenig.
      Betrachten wir nun die Sache in der anderen Richtung. Ich beginne mit dem, was am wenigsten glaubhaft ist: das Wohltemperierte Klavier 2. Das hat mich selbst überrascht, aber ich wüsste keine Aufnahme, die mir mehr zusagt (und 10 bis 15 andere kenne ich gewiss). Nach diesem Bekenntnis wird so mancher wohl an meinem Urteilsvermögen zweifeln, was mich nicht weiter stört, falls es auf der Kenntnis dieser Aufnahme beruht.
      Bis heute würde ich meine Gesamtaufnahme der Mozart Klavierkonzerte mit Barenboim und dem English Chamber Orchestra gegen keine andere tauschen, trotz Zacharias 2, Perrahia und manchen anderen. Überhaupt ist Barenboim für mich einer der grössten Mozartinterpreten, wenn das Klavier (mit)spielt. Ich hatte vor gar nicht langer Zeit Klaviertrios von Mozart gehört, diese Trios haben mich wenig gereizt, bis ich die Aufnahmen mit Barenboim, Znaijder und (er wird mir verzeihen) dem Cellisten, dessen Namen ich vergessen habe, kennenlernte. Überhaupt ist Barenboim ja auch Kammermusiker. Welche Freude ist es all diese Schätze immer mal wieder zu hören: die Brahms'schen Cellosonaten mit Jacqueline du Pré, überhaupt die Aufnahmen dieser damals jungen Bande (Perlman, Zuckerman, du Pré) durch die ich viele Duos und Trios kennenlernte. Auch die noch immer viel mehr als nur hörenswerten Beethovensonaten aus den Anfangsjahren des Ruhms. (In einem Blindvergleich des NL Radios schnitten sie vorzüglich ab: "Das muss einer der ganz Grossen sein") Die 5 Klavierkonzerte mit Klemperer ...
      Die Brahm'schen Klavierkonzerte, Barenboim hat sie sehr oft gespielt und aufgenommen: ich hänge sehr an seiner Aufnahme mit Barbirolli. Bleiben wir einen Augenblick bei Barbirolli: Barbirolli - DuPré in Elgar, das hat Barenboim nicht übertroffen. Gut bei dem Namen du Pré spielt natürlich auch anderes mit, sie ist ein Mythos wie die Ferrier. Trübt das das Urteil? Mag sein. Na und!
      Der Liedbegleiter, zum Beispiel DiFiDi und Barenboim in Hugo Wolf.
      Der Dirigent, ihn kenne ich vielleicht am wenigsten. Ich erinnere mich an ein Wagnervorspiel, es waren die Meistersinger oder Lohengrin bei einem Europakonzert in Oxford. Das war schlicht und einfach perfekt. Wobei ich das Wort 'perfektion' eigentlich nicht mag, weil es so nach "Glätte" klingt. Auch die erste Brahmssinfonie danach. Dazwischen, vielleicht trügt die Erinnerung, das Elgarkonzert mit Weilerstein. Die Missa Solemnis aus Chicago, auch die beiden Verdi Requiems oder das 'Deutsche' von Brahms, in Paris oder Chicago, nein, nichts ist da Routine, oder nur Durchschnitt.
      Und ohne Barenboim (oder in casu die Barenboims) hätte ich es nie geschafft Schönbergs Violinkonzert von Beginn bis Ende zu hören.
      Kommen wir zu den Opern ....Wagner
      Ach es wird viel zu viel, das alles zu würdigen.
      Hat Barenboim je Rachmaninoff aufgenommen? Ich glaube nicht. Stört mich auch nicht, im Gegenteil. Puccini? Auch nicht, fehlt mir auch nicht. Ist er je mit seiner 2. Ehefrau aufgetreten, die ja professionelle Pianistin ist? Merkwürdig.
      Wenn ich Barenboims Hände sehe und nicht besser wüsste, dann käme ich nie auf die Idee, dass es die Hände eines begnadeten Musikers sind.
      (Alle Urteile beruhen leider nur auf 'Konserven')
    • Hallo zusammen,

      ich kann Abendroth nur absolut zustimmen. Auch seinem Erklärungsansatz, warum viele Musikfreunde B. wohl kritisch sehen mögen, denn Output und Omnipräsenz machen mich in aller Regeln ebenfalls skeptisch. Doch bei der individuellen Würdigung seiner Aufnahmen (ich habe B. bisher nur einmal im Konzert gehört, in Berlin, zusammen mit Vengerov und einem Schumann/Mendelssohn(?)/Schönberg-Programm) gibt es wicklich nur wenige "Ausfälle". Vieles wurde zudem von der Kritik gelobt.

      Vielleicht wird es Zeit und Verklärung (oder sein Ableben :( ) brauchen, um ihn in der Breitenwahrnehmung auf eine Ebene mit Persönlichkeiten wie z. B. Abbado, HvK oder Bernstein zu heben.

      Viele Grüße
      Frank
      :cincinbier:
      "it's hard to find your way through the darkness / and it's hard to know what to believe
      but if you live by your heart and value the love you find / then you have all you need"
      - H. W. M.
    • Abendroth schrieb:

      Hat Barenboim je Rachmaninoff aufgenommen? Ich glaube nicht. Stört mich auch nicht, im Gegenteil. Puccini? Auch nicht, fehlt mir auch nicht.
      Aufgenommen nicht, aber er dirigiert z.Zt. einen Zyklus mit den Rachmaninoff-Klavierkonzerten (m.W. ursprünglich mit Lang Lang, seitdem der erkrankt ist, mit Kuzhukin).

      An der Berliner Staatsoper hat er 2014 Tosca dirigiert - das war wohl sein erster Puccini.

      Lange Zeit hat Barenboim interessanterweise keine (oder kaum) Mahler-Sinfonien dirigiert. Er habe zunächst keinen Zugang gefunden, so Barenboim vor gut zehn Jahren. Das hat sich m.W. erst mit dem großen Zyklus aller Mahler-Sinfonien geändert, der 2007 von der Staatskapelle in der Berliner Philharmonie gespielt wurde. Den Löwenanteil der Dirigate hatte damals Boulez übernommen, Barenboim dirigierte nur zwei oder drei Sinfonien (darunter die Siebte und die Neunte).

      Bruckner dagegen gehörte immer zu seinem Kernrepertoire. Allein (wie oben von Abendroth schon erwähnt) drei Zyklen auf Tonträgern und unzählige Konzerte.

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Zwielicht schrieb:

      Bruckner dagegen gehörte immer zu seinem Kernrepertoire. Allein (wie oben von Abendroth schon erwähnt) drei Zyklen auf Tonträgern und unzählige Konzerte.
      Ich würde gerne einen dieser Zyklen erwerben, und neige zum letzten. Kann jemand einen Vergleich zwischen den Aufnahmen ziehen, oder von Hörerfahrungen berichten?

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Zwielicht schrieb:

      Lange Zeit hat Barenboim interessanterweise keine (oder kaum) Mahler-Sinfonien dirigiert. Er habe zunächst keinen Zugang gefunden, so Barenboim vor gut zehn Jahren.
      Die Fünfte hatte er damals mit dem Chicago Symphony Orchestra eingespielt und ging damit später sogar auf Europa-Tournee 1997.

      youtube.com/watch?v=OxS5zeeA53I



      Die Live-Einspielung entstand sogar mit dem WDR zusammen in Deutschland....
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Maurice schrieb:

      Die Fünfte hatte er damals mit dem Chicago Symphony Orchestra eingespielt und ging damit später sogar auf Europa-Tournee 1997.
      Ja. Und er hat spätestens 2001 auch Mahlers Erste und Siebte aufgeführt.

      2001 schrieb Barenboim zudem einen bemerkenswerten Essay, der im Guardian veröffentlicht wurde. Hier berichtet er über seinen steinigen Weg zu Mahler und macht darüber hinaus interessante Bemerkungen zu seiner Vorstellung von Musik:

      theguardian.com/education/2001/aug/31/arts.highereducation

      :wink:
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    • Zwielicht schrieb:

      2001 schrieb Barenboim zudem einen bemerkenswerten Essay, der im Guardian veröffentlicht wurde. Hier berichtet er über seinen steinigen Weg zu Mahler und macht darüber hinaus interessante Bemerkungen zu seiner Vorstellung von Musik:

      theguardian.com/education/2001/aug/31/arts.highereducation
      sehr schön, danke fürs verlinken!
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Abendroth schrieb:

      Wenn ich so sehe, wie hyperaktiv Daniel Barenboim schon immer gewesen ist, wie breit sein Repertoire ist, wenn ich bedenke, dass er häufig dirigiert und noch immer als Pianist und Kammermusiker auftritt, wenn man berücksichtigt, dass die Leitung von Opernhäusern und politisch-kulturelles Engagement zeitraubend sein müssen, dann sagt eine Stimme in mir, das Resultat kann höchstens Mittelmass sein
      Eine merkwürdige Ansicht, denn diese Beschreibung könnte auch auf Georg Friedrich Händel passen, dem höchstens Ignoranten Mittelmäßigkeit attestieren würden. Und was ist mit den vielbeschäftigten Komponisten wie Bach, Telemann, Mozart, Schubert oder Reger? Mendelssohn hat sich ja bekanntlich regelrecht zu Tode gearbeitet. Aber bedeutet dies, dass all diese Musiker deswegen nur Mittelmass produzieren konnten. Oder hegen wir ein Vorurteil denen gegenüber, die extrem produktiv sind, und deren Output demzufolge verwässert sein muß? Barenboim ist zweifellos ein sehr umtriebiger Musiker, aber man ist nicht 25 Jahre GMD der Berliner Staatsoper wenn man nichts kann. Ebensowenig würden ihn renommierte Orchester immer wieder einladen zu dirigieren, wenn sie nicht von seiner Klasse überzeugt wären. Und als Pianist hat er trotz allem immer noch Überraschungen zu bieten.

      Ich hatte leider erst ein Mal das Vergnügen ihn live zu erleben, nämlich 1999 in Bayreuth mit dem Tristan (die letzte Aufführung mit Waltraud Meier und Siegfried Jerusalem). Es gehört mit zu meinen stärksten Opernerlebnissen.

      Peter
      "Sie haben mich gerade beleidigt. Nehmen Sie das eventuell zurück?" "Nein" "Na gut, dann ist der Fall für mich erledigt" (Groucho Marx)
    • Tichy1988 schrieb:

      Klar, ähnliches konnte man L. Bernstein ebenfalls vorwerfen. Aber im Gegensatz zu Barenboim besaß Bernstein eine einmalige Authentizität, die seine tiefe Liebe zur Musik und zu den Menschen glaubhaft machte. Barenboims ästhetischer Ansatz wird dagegen von seinem Machotum durch und durch beeinflusst, was er selbst ja nicht einmal leugnet.

      Das politische und humanistische Engagement Barenboims will ich nicht klein- oder schlechtreden. Sich allerdings bei den BBC Proms (bis auf den letzten Abend grundsätzlich unpolitisch, hier zählt die Musik) auf die Bühne zu stellen und die anwesenden bzw. zuhörenden Briten zu belehren, dass der Brexit falsch sei, ist meiner Meinung nach pure Selbstdarstellung gewesen.

      Ein Genie ist er zweifellos. Vielleicht ist er auch der Typ Musiker, den die heutige Zeit braucht. Mein Typ ist und bleibt er aber nicht.
      Würde ich ähnlich sehen. Allerdings seinen Aufnahmen, die er mit Perlman(Mozart, Brahms und Beethoven) und Du Pré(Elgar und Schubert im Quintett) gemacht hat, kann ich einiges abgewinnen. Das war ein wunderbare Zusammenarbeit.

      Moosdorf und Levit positionieren sich ja auch politisch. Barenboim hat es diesbezüglich leider übertrieben.
      Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.

      Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!
    • Abendroth schrieb:

      Der Liedbegleiter, zum Beispiel DiFiDi und Barenboim in Hugo Wolf.
      Da kann ich nur zustimmen! Eine sehr gute Kombination ... die Liederbücher mit DFD/Schwarzkopf/Moore können mir gestohlen sein, aber von beiden Sängern sind die anderen Wolf-Sammlungen fantastisch, und von DFD besonders diejenigen mit Barenboim.

      Nicht zu vergessen die Gesamtaufnahme von Brahms' Sololiedern mit DFD/Jessye Norman und Barenboim. Dem Amazon-Kommentatoren zum Trotz finde ich sie sehr gelungen.
      Alles, wie immer, IMHO.