Künstler-Presseschlagzeilen, die nicht unmittelbar die künstlerische Tätigkeit betreffen

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    • Mauerblümchen schrieb:

      „Jede Person, die einer Straftat angeklagt ist, gilt bis zum gesetzlichen Beweis ihrer Schuld als unschuldig.“ (Europäische Menschenrechtskonvention)

      Jeder, der mit Levine aus welchen Gründen auch immer anders umgehen möchte, wäge ab, mit wem er sich da auf eine Stufe stellt.
      m.W. gilt die "Unschuldsvermutung" streng nur für die Justiz und Amtsträger, dann spielt sie eine Rolle im Pressecodex. Eine Privatmeinung ist daran nicht gebunden, eine Privatperson kann ja durchaus auch der Meinung sein, das Urteil X eines Gerichtes sei ein Fehlurteil. Auch gibt es krasse Fälle, in denen schon vor dem Urteil kein vernünftiger Zweifel an der Schuld besteht. Es ist aber natürlich dennoch gut, sich etwa in Capriccio-Beiträgen zurückhaltend zu äußern.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Ich habe 1986-1990 in New York gelebt und auch einige Bekannte aus der Gay-Community gehabt, dort waren die sexuellen Präferenzen von James Levine schon damals ein Thema. Ich muss aber auch sagen, dass einige der Dinge, die jetzt hier öffentlich angeprangert werden, doch etwas merkwürdig sind. Da ist ein Mann, der angibt 1968 ("summer of love"), als 17-jähriger sexuellen Kontakt mit dem damals 25-jährigen Levine gehabt zu haben. Also, dass 50 Jahr später als "sexual misconduct" zu charakterisieren, ist ja wohl etwas fragwürdig. Die Episode von 1985 mit einem 40-jährigen Levine und einem 15-Jährigen wiegt - sollte sie sich als richtig herausstellen (und ich bezweifle, dass sich so etwas nach so langer Zeit wirklich beweisen lässt) - natürlich schwerer. Ein "Kinderschänder" - wie im Nachbarforum bezeichnet - ist er deshalb trotzdem noch nicht, den die Kindheit endet gesetzlich mit 14. Und alle bisherigen Vorwürfe kamen von Personen, die damals Jugendliche waren.
    • Es lässt sich sehr selten, schon gar nicht Jahrzehnte später beweisen, was einvernehmlich war und was Mißbrauch. Nicht zuletzt weil in der libertinen Atmosphäre der späten 1960er bis frühen 1980er selbst einer breiteren Öffentlichkeit, ganz sicher aber den entsprechenden meinungsbildenden Kreisen weitgehend das Unrechtsbewusstsein dafür fehlte (zumal wenn es sich um ältere Teenager handelte, aber selbst bei jungen Kindern war man ja eine Zeitlang aus heutiger Sicht erschreckend "offen"). Heute ist es beinahe umgekehrt, da gibt es (vielleicht nicht ganz grundlos) ein überzogenes Bewusstsein für solche Belästigungen. Das soll natürlich kein Freibrief sein.
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • zabki schrieb:

      m.W. gilt die "Unschuldsvermutung" streng nur für die Justiz und Amtsträger, dann spielt sie eine Rolle im Pressecodex. Eine Privatmeinung ist daran nicht gebunden, eine Privatperson kann ja durchaus auch der Meinung sein, das Urteil X eines Gerichtes sei ein Fehlurteil.
      Schon richtig.

      Aber worauf gründet sich die Meinung? Weil irgendjemand schrieb, jemand habe gesagt, er habe mit jemandem gesprochen, der ein Missbrauchsopfer sein könne ...? Sorry, aber das klingt schon nach Erzählungen in anderen sozialen Medien. (Die wie auch immer unterwandert sein mögen, bis zu Beeinflussungen von Wahlkämpfen.)

      Jedem sei seine Meinung gegönnt - klar. Ich kann nur appellieren, sich der Grundlage in Fällen wie diesen bewusst zu werden.

      zabki schrieb:

      Es ist aber natürlich dennoch gut, sich etwa in Capriccio-Beiträgen zurückhaltend zu äußern.
      Ebent.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • m.E. gibt es bedenkliche Strömungen, die die Meinungsfreiheit bedrohen (natürlich nicht von dir! ;) ). Daher wollte ich die Sache mit der "Unschuldsvermutung" differenzieren.
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


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      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Mauerblümchen schrieb:

      Das Gegenteil von "Vorverurteilung" ist erst einmal eine "Nicht-Vorverurteilung", was dem Sinne nach in etlichen grundlegenden Ordnungen unseres Zusammenlebens niedergeschrieben ist.
      Das war natürlich ein cleverer Kniff, um meine eigentliche Aussage ad absurdum zu führen. Ist das Gegenteil einer grünen Ampel im normalen Sprachgebrauch eine nicht-grüne Ampel oder eine rote? Natürlich ärgere ich mich nicht über Nicht-Vorverurteilungen, sondern über voreilige Freisprüche mit eher fadenscheinigen Begründungen. Andris Nelsons hat sich zu dem Thema wohl gerade auch um Kopf und Kragen geredet (wohl in die Richtung: "Musik macht den Menschen besser, da kann nichts böses passieren"). Sicher gut gemeint, aber streckenweise vielleicht etwas naiv. In diese Richtung gehen mir zu viele Aussagen, die genauso unbegründet sind wie Vorverurteilungen. Und wenn auch nur die Option besteht, dass Biographien schwer geschädigt wurden, getrauert aber um den Verlust von guten Klassikaufnahmen wird, ist das für mich immer daneben, ganz ohne Vorverurteilung.
    • El Duderino schrieb:

      Ist das Gegenteil einer grünen Ampel im normalen Sprachgebrauch eine nicht-grüne Ampel oder eine rote?
      Nach meinem Dafürhalten eine rote Ampel.

      Für meinen Teil freue ich mich aber gerne über Menschen, welche die Welt nicht in schwarz und weiß (bzw. mit Vorliebe umgekehrt) einteilen, sondern alle Grautöne und die vielen Farben in ihrem Weltbild zulassen.

      Auch eine gelbe Ampel ist eben nicht grün. - Aber lass es mich so fragen: Was ist denn Deiner Meinung nach das Gegenteil einer gelben Ampel?

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • El Duderino schrieb:

      Natürlich ärgere ich mich nicht über Nicht-Vorverurteilungen, sondern über voreilige Freisprüche mit eher fadenscheinigen Begründungen. ..... In diese Richtung gehen mir zu viele Aussagen, die genauso unbegründet sind wie Vorverurteilungen.
      Völlig verzerrte Darstellung, denn überwiegender Anteil der Gazetten tendiert in Richtung Vorverurteilung z.B. mäßig schlau in Fragen camoufliert durch Brug

      El Duderino schrieb:

      Und wenn auch nur die Option besteht, dass Biographien schwer geschädigt wurden, getrauert aber um den Verlust von guten Klassikaufnahmen wird, ist das für mich immer daneben, ganz ohne Vorverurteilung.
      Option. Was für ein netter Euphemismus ! Konkret an dieser ganzen Chose ist bisher einzig die Beschädigung der Biographie eines Menschen, verbunden mit Ausfall (dein Wort „Trauer“ kommt dafür allzu inflationär rüber) fetziger Mucken-Wiedergaben..

      Für Jimmy gilt weiterhin Unschuldsvermutung wie im Falle von Stefan Arzberger (Leipziger Streichquartett).

      Sollten sich nämlich deine „Optionen“ letztlich bloß als fiese Rohrkrepierer erweisen, dann wären auch tatsächliche Missbrauchsopfer durch Glaubwürdigkeitsverlust zusätzlich geschädigt und erneut verletzt. Nur scheint das aber kaum jemanden zu interessieren, der gleichzeitig indirekt Opfer-Empathie scheinheilig einfordert, indem er den Ärger über entgangene Mitschnitte kritisiert .
      Die Journaille hätte im Unschuldsfall erheblichen Anteil an Zerstörung der Spätkarriere eines bedeutenden Musikers.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Amfortas09 schrieb:

      Völlig verzerrte Darstellung, denn überwiegender Anteil der Gazetten tendiert in Richtung Vorverurteilung z.B. mäßig schlau in Fragen camoufliert durch Brug
      besonders schlimm an dem verlinkten Text finde ich, daß wieder einmal von "Kindesmißbrauch" die Rede ist, was einfach ein ganz anderes Kaliber ist als die tatsächlich im Raum stehenden Beschuldigungen.
      ---
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    • Das ist doch alles recht absonderlich...

      Diese Vorwürfe gegen Levine tauchen nach Jahren auf, und zwar - wenn ich den Brug-Artikel richtig verstehe - nach der Verjährung der fraglichen Taten. Somit besteht für die Behörden eigentlich kein Anlass zu ermitteln, was aber auch bedeutet, dass eine Überprüfung der Vorwürfe im rechtsstaatlichen Sinne nicht mehr stattfinden kann.

      Ich frage mich in einem solchen Fall schon, ob das mutmaßliche Opfer nicht eher hätte reden sollen oder gar müssen. Das Problem einer solchen Überlegung ist immer die drohende Täter-Opfer-Umkehr, bei der man beginnt, dem Opfer Aspekte einer Mitschuld zu geben. Dies ist strikt abzulehnen, aber irgendwie haben solche sehr spät geäußerten Vorwürfe m. E. trotzdem einen schalen Beigeschmack - weil man die Vorfälle kaum wird rekonstruieren können, so dass es bei einer vagen Vorwurfs-Lage bleibt.

      Wenn es so gewesen sein sollte wie geschildert, und wenn tatsächlich viele Leute von Levines sexuellen Präferenzen in Richtung minderjähriger Jungs wussten, so frage ich mich schon, wieso so viele Weltstars freiwillig mit ihm musiziert haben. Hätte hier nicht mal eher jemand die Notbremse ziehen müssen?

      An den Reaktionen in unserem Forum finde ich zwei Dinge bemerkenswert. Erstens wird mal eben schnell die Unschuldsvermutung damit kleingeredet, dass diese ja nur für behördliche Verfahren gelten würde - als wäre dies keine geistige, sondern eine rein bürokratische Errungenschaft des Rechtsstaats. Zweitens fehlt bisher - wenn ich es richtig sehe - jeglicher Hinweis darauf, dass sowohl im Fall Levine als auch im Fall Spacey eines der ältesten homophoben Klischees zum Tragen kommt, nämlich die angebliche Häufung pädophiler Neigungen bei männlichen Homosexuellen. Dieses Klischee ist so persistent, dass es in Russland bis heute als Vorwand für die Diskriminierung von Homosexuellen herhält. Wohlgemerkt: sollten Spacey und/oder Levine Minderjährige missbraucht haben, so dürfte das Wissen um dieses homophobe Klischee ihre Bestrafung keinesfalls verhindern.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Symbol schrieb:

      Dieses Klischee ist so persistent, dass es in Russland bis heute als Vorwand für die Diskriminierung von Homosexuellen herhält. Wohlgemerkt: sollten Spacey und/oder Levine Minderjährige missbraucht haben, so dürfte das Wissen um dieses homophobe Klischee ihre Bestrafung keinesfalls verhindern. Dass in einem Kulturforum - angesichts des relativ hohen Anteils von homosexuell veranlagten Menschen im kulturellen Bereich - für diesen Aspekt keine Sensibilität vorzuliegen scheint, finde ich merkwürdig
      es könnte m.E. sogar im gewissen Sinne nachvollziehbar sein: möglicherweise Zeichen gestiegener aber grässlich ängstlicher, gesellschaftlich reproduzierter Sensibilität bis Abwehr...

      Früher (bis in die Gegenwart hinein ?( ) war folgendes Klischee im Falle weiblicher Mißbrauchsopfer - vor allem auch bei Frauen - virulent: "Die hat es selber herausgefordert durch z.B. anzügliche Klamotten.." Angst davor selbst in die Situation eines Misßbrauchopfers abzuschmieren und diese Chose mit dieser Art Verbal-Abwehr mental wegzublenden (etwa: "mir wird das keinesfallls passieren") ..

      Reaktionen im Falle Jimmys könnten auf vergleichbare Ursachen verweisen. Hinzu käme Furcht/Angst vor Einbrennen des Stigmas bzw. Verdachts selbst Täter zu sein, also vor Verlust jeglicher Reputation... von ökonomischen Folgen mal ganz zu schweigen..
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann
    • Das Gerücht um Levine machte doch schon vor Jahrzehnten die Runde. Jedenfalls "kenne" ich es schon lange, möglicherweise im Kontext des Artikels im Spiegel vor 20 Jahren. Hat die MET nicht selbst gerade erklärt, dies schon länger zu wissen? Ist schon merkwürdig, dass jetzt, nach der Verjährung, sowas (wieder) hochkommt. Und warum hat die MET denn nicht vorher reagiert?

      Ob diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen, weiss ich nicht. Es wird aber wohl jeder insgeheim zumindestens einräumen, dass es wahr sein könnte. Und dieses Gefühl bleibt dann wohl auch, selbst wenn es irgendwann mal widerlegt werden sollte. Und der Beschuldigte ist dann für immer stigmatisiert. So wie auch Woody Allen in diesem Kontext neulich wieder genannt wurde (in einem hysterischen SPON-Artikel), obwohl er damals gerichtlich nie für schuldig befunden wurde.

      Dieser Fall ist ja nun eine Ergänzung zu der MeToo Debatte. Ich sehe diese ganze sehr skeptisch. Insbesondere die Art, wie sie betrieben wird. Da behauptet eine damalige Jungschauspielerin in der Öffentlichkeit, einer der ganz großen Schauspieler hätte ihr vor Jahrzehnten ein paar mal an den "Hintern" gefasst. Nach Jahrzehnten. Und vermutlich wurde dies zu jener Zeit gesellschaftlich nicht dermaßen dramatisch gesehen. Dieser Schauspieler scheint ja nun mit einer Entschuldigung davon gekommen zu sein. Jedenfalls habe ich nicht gehört, dass seine Filme nicht mehr oder nur noch ohne ihn (rausgeschnitten) gezeigt werden dürfen. Ganz so glimpflich ist Spacey nicht davon gekommen. Seine Karriere ist ja wohl beendet, ja geradezu ausradiert. Einfach weil Personen etwas behaupten. Sollte nicht ein Gericht darüber befinden? Warum melden sich die Personen erst jetzt? Zudem steckt häufig eine Doppelmoral dahinter. Nicht selten wurde dies als "Preis" für die eigene Karriere "bezahlt". Das war natürlich eine verachtenswerte "Kultur", es ist gut, dass sich daran etwas ändert, aber diese persönliche, öffentliche Anprangerung nach Jahrzehnten geht m. E. so nicht.

      Ich verteidige in keinster Weise die mutmaßlichen Taten, wenn sie denn wahr sein sollten. Ist nicht einmal so, dass ich sie persönlich in jedem Fall per se anzweifele. Aber eine öffentliche Abrechnung auf diese Art und Weise ist absolut unzivilisiert und eines Rechtstaats nicht würdig. Und die "politisch korrekten" verantwortlichen Entscheider machen sich zum Handlanger dieser widerlichen Kampagne.

      Diese derzeitige hysterische Stimmung hat mich neulich zum ersten mal spontan veranlasst, die Bürotür bei einer Besprechung mit Studentinnen offen zu lassen, wie es in den USA schon seit Jahrzehnten üblich ist. Diese Hysterie habe ich immer abgelehnt, und mich ärgert, dass ich nun selbst zu solchen "Vorsichtsmaßnahmen" greife.

      maticus
      Social media is the toilet of the internet. --- Lady Gaga
      Und wer Herr Reichelt ist, weiß ich auch erst seit Montag. --- Prof. Dr. Christian Drosten
    • Symbol schrieb:

      Erstens wird mal eben schnell die Unschuldsvermutung damit kleingeredet, dass diese ja nur für behördliche Verfahren gelten würde - als wäre dies keine geistige, sondern eine rein bürokratische Errungenschaft des Rechtsstaats.
      ok, mag eine Obsession von mir sein, überall die Meinungsfreiheit verteidigen zu wollen. Ich habe aber ja auch den Pressecodex erwähnt, und im übrigen mich für Zurückhaltung im vorliegenden Fall ausgesprochen.

      Jedenfalls gilt nach "Fischer im Recht":
      Für Private untereinander gilt die Unschuldsvermutung übrigens nicht ohne Weiteres: Jeder kann jeden für so schuldig halten wie er will. Freilich darf er dieser Überzeugung nicht stets und in jeder Form Ausdruck verleihen. Das Persönlichkeitsrecht jedes Menschen schützt ihn nämlich davor, unberechtigt als "schuldiger" Straftäter beschimpft oder verleumdet zu werden. Auf diese vermittelte Weise gelangt die Unschuldsvermutung auch an die Presse, die bekanntlich ein diffiziles, spannungsgeladenes und konfliktreiches Verhältnis zu diesem Institut hat: Berichtsrecht und -pflicht einerseits, Persönlichkeitsschutz andererseits. Thema für unendliche Debatten, Erwägungen, Sonntagsreden und Alltagshandeln.

      zeit.de/gesellschaft/2017-01/s…-fischer-im-recht/seite-6
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      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • zabki schrieb:

      Symbol schrieb:

      Erstens wird mal eben schnell die Unschuldsvermutung damit kleingeredet, dass diese ja nur für behördliche Verfahren gelten würde - als wäre dies keine geistige, sondern eine rein bürokratische Errungenschaft des Rechtsstaats.
      ok, mag eine Obsession von mir sein, überall die Meinungsfreiheit verteidigen zu wollen.

      Du musst die Meinungsfreiheit nicht verteidigen, weil sie durch niemanden angegriffen worden ist.

      Vernachlässigen wir mal, dass Capriccio als Plattform überhaupt nicht verpflichtet ist, alle durch die grundgesetzlich garantierte Meinungsfreiheit gedeckten Äußerungen zu ermöglichen - die Forenregeln schränken die möglichen Themen bekanntlich ein.

      Dann bleibt immer noch lediglich die Erinnerung von Diskutanten daran, dass für Levine die Unschuldsvermutung gelten sollte. Damit wird nicht darüber bestimmt, was Du denkst, sondern lediglich (jenseits der Juristerei) ein gewisser Rahmen eingefordert, wie man mit den Vorwürfen gegen Levine umgehen sollte. Es ist Dir überlassen, was Du daraus machst. Das von Dir zitierte Zitat von Fischer sagt ja eigentlich alles, was zu dem Thema zu sagen wäre.

      LG :wink:
      "Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist Eure Bequemlichkeit und Schlamperei." Gustav Mahler
    • Amfortas09 schrieb:

      ... seine Bedeutung als Musiker wird es nicht ankratzen .....
      Der Satz ist eine offenkundige Selbstverständlichkeit, und es hat deshalb meines Wissens auch niemand sein Gegenteil behauptet. Wenn dieser Satz also trotzdem in der Debatte (nicht nur hier) Verwendung findet, geht es offenbar nicht um seinen ohnehin unstrittigen Inhalt sondern um eine Art Aufrechnung künsterischer Leistungen gegen moralisches Versagen. Und auch wenn das Gerede von der "sich gern so hehr und heilig gebenden Sphäre der klassischen Musik" Blödsinn ist: DIese Art der Aufrechnung hat dort spätestens seit den Nachkriegsdebatten über Wagners Antisemitismus ohne Zweifel eine gewisse Tradition, die vielleicht im gegenwärtigen Klima zu einer übertriebenen Gegenbewegung beiträgt.

      Amfortas09 schrieb:

      Peinlich wird es vor allem dann, falls sich diese ganzen Anschuldigungen juristisch bloß als heiße Luft, als Rohrkrepierer entpuppen
      Nein, das wäre nicht peinlich sondern ein ganz normaler juristischer Vorgang: Anschuldigungen werden erhoben, juristisch überprüft und dann unter Umständen eben auch fallengelassen.

      maticus schrieb:

      Zudem steckt häufig eine Doppelmoral dahinter. Nicht selten wurde dies als "Preis" für die eigene Karriere "bezahlt". Das war natürlich eine verachtenswerte "Kultur", es ist gut, dass sich daran etwas ändert, aber diese persönliche, öffentliche Anprangerung nach Jahrzehnten geht m. E. so nicht.
      Einen Preis bezahlt, wer sich freiwillig für die Annahme eines Angebotes entscheidet, alles andere wäre Erpressung oder Nötigung. Deren Opfer der "Doppelmoral" zu bezichtigen macht sie vom Opfer zum MIttäter. Von Freiwilligkeit kann in den hier diskutierten Fällen angesichts eines eklatanten Machtgefälles zwischen Tätern und Opfern ebensowenig die Rede sein wie davon, dass Levines mutmaßliche Opfer als Jugendliche eine "Karriere" im Blick gehabt hätten.

      maticus schrieb:

      Ich verteidige in keinster Weise die mutmaßlichen Taten, wenn sie denn wahr sein sollten. Ist nicht einmal so, dass ich sie persönlich in jedem Fall per se anzweifele. Aber eine öffentliche Abrechnung auf diese Art und Weise ist absolut unzivilisiert und eines Rechtstaats nicht würdig. Und die "politisch korrekten" verantwortlichen Entscheider machen sich zum Handlanger dieser widerlichen Kampagne.
      Diese "Kampagne" ist glaube ich nur zu verstehen als heftiges Ausschwingen eines Pendels, welches sich zuvor ebenso widerlich in die entgegengesetzte Richtung bewegte. Man muss nur den mittlerweile berühmt-berüchtigten Leserbrief von Hans Magnus Enzensberger zum Fall Mauser oder den menschenverachtenden Kommentar eines Wiener Forenbetreibers lesen, um einen Schluss ganz sicher zu ziehen: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Außerdem bekommt man bei beiden Autoren angesichts ihres Alters eine Ahnung, in welchem gesellschaftlichen Klima sie sich noch immer wähnen, und unter welchem Schweigedruck sich diejenigen befunden haben, die vor Jahrzehnten zum Opfer wurden. Könnte das nicht eine plausible Antwort auf die Frage sein "Warum erst jetzt"?

      maticus schrieb:

      Diese derzeitige hysterische Stimmung hat mich neulich zum ersten mal spontan veranlasst, die Bürotür bei einer Besprechung mit Studentinnen offen zu lassen, wie es in den USA schon seit Jahrzehnten üblich ist. Diese Hysterie habe ich immer abgelehnt, und mich ärgert, dass ich nun selbst zu solchen "Vorsichtsmaßnahmen" greife.
      Ja, kann ich verstehen (ich habe eine solche Möglichkeit leider nicht, obwohl ich im Zweifelsfall wegen grundsätzlichen Einzelunterrichts extrem angreifbar wäre). Aber die ganze Debatte finde ich dennoch nötig.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • maticus schrieb:

      Das Gerücht um Levine machte doch schon vor Jahrzehnten die Runde. Jedenfalls "kenne" ich es schon lange, möglicherweise im Kontext des Artikels im Spiegel vor 20 Jahren. Hat die MET nicht selbst gerade erklärt, dies schon länger zu wissen? Ist schon merkwürdig, dass jetzt, nach der Verjährung, sowas (wieder) hochkommt. Und warum hat die MET denn nicht vorher reagiert?

      Ob diese Gerüchte der Wahrheit entsprechen, weiss ich nicht. Es wird aber wohl jeder insgeheim zumindestens einräumen, dass es wahr sein könnte. Und dieses Gefühl bleibt dann wohl auch, selbst wenn es irgendwann mal widerlegt werden sollte. Und der Beschuldigte ist dann für immer stigmatisiert. So wie auch Woody Allen in diesem Kontext neulich wieder genannt wurde (in einem hysterischen SPON-Artikel), obwohl er damals gerichtlich nie für schuldig befunden wurde.



      Ich verteidige in keinster Weise die mutmaßlichen Taten, wenn sie denn wahr sein sollten. Ist nicht einmal so, dass ich sie persönlich in jedem Fall per se anzweifele. Aber eine öffentliche Abrechnung auf diese Art und Weise ist absolut unzivilisiert und eines Rechtstaats nicht würdig. Und die "politisch korrekten" verantwortlichen Entscheider machen sich zum Handlanger dieser widerlichen Kampagne.

      Diese derzeitige hysterische Stimmung hat mich neulich zum ersten mal spontan veranlasst, die Bürotür bei einer Besprechung mit Studentinnen offen zu lassen, wie es in den USA schon seit Jahrzehnten üblich ist. Diese Hysterie habe ich immer abgelehnt, und mich ärgert, dass ich nun selbst zu solchen "Vorsichtsmaßnahmen" greife.

      maticus
      Diese Hysterie ist doch auf beiden Seiten täterabhängig und wird somit stets assymetrisch geführt.

      Eigentlich sollten die Professoren in Übersee und hier auf den Tisch hauen und erklären, wofür Universitäten eigentlich errichtet worden sind.
      Gib dich nicht der Traurigkeit hin, und plage dich nicht selbst mit deinen eignen Gedanken. Denn ein fröhliches Herz ist des Menschen Leben, und seine Freude verlängert sein Leben.

      Parsifal ohne Knappertsbusch ist möglich, aber sinnlos!
    • ChKöhn schrieb:

      Wenn dieser Satz also trotzdem in der Debatte (nicht nur hier) Verwendung findet, geht es offenbar nicht um seinen ohnehin unstrittigen Inhalt sondern um eine Art Aufrechnung künsterischer Leistungen gegen moralisches Versagen.
      Nein. Es geht keinesfalls um so eine blödsinnige Aufrechnung. Das ist eine bloße Unterstellung. In C. ist das auch keine offenkundige Selbstverständlichkeit ....

      ChKöhn schrieb:

      Nein, das wäre nicht peinlich sondern ein ganz normaler juristischer Vorgang: Anschuldigungen werden erhoben, juristisch überprüft und dann unter Umständen eben auch fallengelassen.

      Das ist zweifellos ein üblicher juristischer Vorgang. Nur wenn die Anschuldigungen gegen Jimmy als sich haltlos erweisen, bleibt seine Biographie/Reputation dennoch beschädigt. Und das wäre peinlich, zumal er selbst dann für diese Beschädigungen nicht verantwortlich.
      „Ein Komponist, der weiß, was er will, will doch nur was er weiß...“ Helmut Lachenmann