Felix Mendelssohn, Violinkonzert Nr. 2 in e-Moll, op. 64 - "Das Herzjuwel"

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    • Ich kann leider sowieso keine Aufnahme der Urversion finden. Wenn aber das Autograph im Netz ansieht, kann man erkennen, dass der Sopran von Akkord zu Akkord in Halbtonschritten herabsteigt. Dass erinnert stark an den barocken Passus duriusculus, wie er eben auch bei Bach vorkommt. In der überarbeiteten Version höre ich das nicht so stark raus.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Der Anstieg der Basslinie von g auf h ab Takt 106 der Chaconne und das darauffolgene Absinken kommt auch in Mendelssohns Kadenz vor, nur dass M. noch ein c einschiebt.
      Das ist bei Bach eine ganz normale Kadenzformel, wie sie so oder so ähnlich hundertfach vorkommt. Subdominante g-moll, dann mit Terz im Bass und hinzugefügter Sext (Sixte ajoutée), gefolgt von der Dominante A-Dur. Bei Mendelssohn ist noch ein Doppel-D7 mit tiefalterierter Quint im Bass eingeschoben (also Fis-Dur mit Septim e über dem Basston c), der allerdings so charakteristisch ist, dass er allein schon die These vom Zitat widerlegen würde. Das mag Dich ja trotzdem an die Chaconne erinnern, liegt aber ganz sicher an den Arpeggien und nicht an dem harmonischen Gang. Arpeggierte Akkorde scheinen mir aber wie gesagt als Beleg für die These vom Zitat nicht ausreichend zu sein.

      Felix Meritis schrieb:

      Arpeggien über vier Saiten gibt es übrigens schon in Mendelssohns Violinsonate aus 1838.
      Ja und? Paganinis Capricen enstanden zwischen 1802 und 1817.

      Felix Meritis schrieb:

      Weil sich Mendelssohn in seinen Briefen durchgängig negativ über Paganinis Musik äußerte.
      Das muss man schon differenzierter betrachten: Es geht ja nicht darum, dass Mendelssohn ein Konzert im Stil der Paganini-Konzerte hätte schreiben wollen, sondern um die Verwendung technischer Mittel wie z.B. des springenden Bogens über vier Saiten. Ohne Paganinis technische Errungenschaften wäre Mendelssohns Violinkonzert (und nicht nur seins) völlig undenkbar. An vielen Stellen kann man ganz konkret Verbindungen zu den Paganini-Capricen zeigen.

      Christian
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Arpeggierte Akkorde scheinen mir aber wie gesagt als Beleg für die These vom Zitat nicht ausreichend zu sein.
      Ich habe gerade vorher die in Halbtonschritten absteigende Linie im Sopran ins Feld geführt. Das ist nun einmal in der Chaconne x-mal zu sehen und in der Caprice von Paganini gar nicht.



      ChKöhn schrieb:

      Ja und? Paganinis Capricen enstanden zwischen 1802 und 1817.
      Mein Einwurf belegt lediglich, dass Mendelssohn Ferdinand Davids Ezzes nicht brauchte, um Arpeggien über vier Saiten laufen zu lassen.

      ChKöhn schrieb:

      Das muss man schon differenzierter betrachten: Es geht ja nicht darum, dass Mendelssohn ein Konzert im Stil der Paganini-Konzerte hätte schreiben wollen, sondern um die Verwendung technischer Mittel wie z.B. des springenden Bogens über vier Saiten. Ohne Paganinis technische Errungenschaften wäre Mendelssohns Violinkonzert (und nicht nur seins) völlig undenkbar. An vielen Stellen kann man ganz konkret Verbindungen zu den Paganini-Capricen zeigen.
      Da hast Du wohl recht. Darüber habe ich noch nie gelesen oder nachgedacht. Interessanter Aspekt für diesen Thread!
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      Ich habe gerade vorher die in Halbtonschritten absteigende Linie im Sopran ins Feld geführt. Das ist nun einmal in der Chaconne x-mal zu sehen und in der Caprice von Paganini gar nicht.
      Du hattest von einer chromatischen Basslinie geschrieben, darauf hatte ich mich bezogen. Die Sopranlinie ist logischerweise eher von melodischer als harmonischer Bedeutung. Wenn man den harmonischen Gang in Mendelssohns Kadenz betrachtet, stellt man fest, dass das einfach etwas völlig anderes ist als in der Chaconne: Die Kadenz beginnt nicht wie üblich auf einem Vorhalts-Quartsextakkord sondern auf einem D7, also dort, wo üblicherweise Kadenzen enden! Da dieser Akkord natürlich nicht einfach aufgelöst werden kann (dann wäre es eine reichlich kurze Kadenz), geht Mendelssohn in der Urfassung eine kleine Abwärts-Sequenz von E-Dur über D-Dur nach C-Dur und von da aus dann schließlich über den Quartsextakkord zur Dominante und weiter zur Tonika. Das ist immer noch nicht viel mehr als ein übliches und weit verbreitetes harmonisches Schema, was wohl mit ein Grund dafür sein dürfte, dass Ferdinand David die Kadenz erheblich erweitert hat, und es ist deshalb auch keinerlei Beleg für ein Zitat irgendeines konkreten Werks.

      Christian
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      (Theodor W. Adorno)
    • Ich bitte um Verständnis, dass ich als Nichtmusiker länger brauche, um meine Eindrücke zu objektivieren. Da kann es zu Unschärfen kommen. In meinen Ohren, und im Manuskript der Urfassung auch in meinen Augen, ist das der Chaconne im Ausdruck einfach sehr ähnlich. Es muss ja kein direktes Zitat sein, um eine Anspielung zu sein. Vielleicht gibt es ja ein anderes Vorbild, das plausibler ist als die Chaconne - ich kenne es nur nicht. Ich empfinde dieses Arpeggio als barockisierend - v.a. in der Urfassung.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Wenn ich mir eine Korrektur des Eröffnungspostings erlauben darf:

      Felix Meritis schrieb:

      seit seiner Erstaufführung in 1844

      Felix Meritis schrieb:

      Die Uraufführung erfolgte durch Mendelssohns Freund und Konzertmeister Ferdinand David in 1844.
      Die Uraufführung erfolgte nicht 1844, sondern am 13. März 1845 in Leipzig mit Ferdinand David, dem Gewandhausorchester Leipzig und - erstaunlicherweise - nicht Mendelssohn als Dirigent, sondern Niels Wilhelm Gade. Erst die zweite Aufführung dieses neuen Werks in Leipzig wurde von Mendelssohn selbst dirigiert.


      b-major schrieb:

      Wie ich eben der von musiclover angeführten Liste bei Prestoclassical entnehme,erscheint Ende dieses Monats
      Alfredo Campoli: The Bel Canto Violin - Volume 2
      mit u.a. beiden Aufnahmes des Mendelssohn-Konzerts bei Eloquence Australia .
      Beide Campoli-Aufnahmen des Werks sind auch in dieser bereits erhältlichen 10 CD-Box enthalten:
    • music lover schrieb:

      Die Uraufführung erfolgte nicht 1844, sondern am 13. März 1845 in Leipzig mit Ferdinand David, dem Gewandhausorchester Leipzig und - erstaunlicherweise - nicht Mendelssohn als Dirigent, sondern Niels Wilhelm Gade. Erst die zweite Aufführung dieses neuen Werks in Leipzig wurde von Mendelssohn selbst dirigiert.
      Das ist natürlich richtig! Eine dementsprechende Korrektur als Fußnote habe ich jetzt im Eröffnungsbeitrag hinzugefügt. Mendelssohn musste noch in 1845 mehrere Wochen im Dienste Friedrich Wilhelms IV. in Berlin verbringen. Wahrscheinlich war das der Grund für seine Abwesenheit.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.