Mozart: Missa solemnis C-Dur KV 337: Salzburger Vollendung

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    • Mozart: Missa solemnis C-Dur KV 337: Salzburger Vollendung

      Die letzte der Salzburger Messen, die aufnahmegeschichtlich immer im Schatten der Krönungsmesse stand und vermutlich steht, habe ich recht spät entdeckt, mit Harnoncourt, und war fasziniert, welche Fülle an musikalischen Varianten der immer gleiche Messetext dem frühgereiften Genie Mozart entlockt hat.
      Ich gestehe, daß ich die strengen Vorgaben, was die Kürze betrifft, für sehr effektiv halte: das ist mal eine "Missa solemnis" von nicht mal einer halben Stunde Dauer, und den flockigen Stil mit Wechseln von Soli und Chören in durchgehendem Schwung habe ich ja schon anderorts gepriesen.
      Der verhaltene Anfang des Kyrie, sich gleichwohl zu Pauken und Trompeten steigernd, ist eine schöne Alternative zum pompösen Anfang der Krönungsmesse.
      Das Gloria kommt hier im 4/4-Takt daher und wird recht flott durchgezogen. Eine sehr schöne Stelle für mich der Solo-Chor-Wechsel bei "Domine Deus rex coelestis". Die ständigen Wechsel zwischen violinbegleiteten Solopassagen und mit Posaunen daherkommenden Chorpartien finde ich sehr wirkungsvoll.
      Das Credo im 3/4-Takt erinnert am Anfang an die "Pachelbel-Kanon-Harmonien", es bekommt durch den Stufenreichtum etwas Barockes (freilich im flotten Salzburger Mozart-Stil aufgelöst).
      "et incarnatus est" ein schönes Sopranarioso mit Oboen-Antworten, auf Crucifixus ein einstimmig seufzender Chor mit imitierenden Bläsern, auf "etiam pro nobis" ein feierlicher Choreinsatz - absolute Gänsehautstelle.
      Auffällig schön auch "qui locotus est" vom Sopran, kurz vor Schluß sehr schöne barockisierende Sequenzen, den Stufenreichtum des Anfangs aufgreifend.
      Das "Sanctus" in mozarttypischer Steifheit - ganz interessanter Klangeffekt die Gleichzeitigkeit des Chores und der chromatisch vorgehaltenen Streicher: das ist tatsächlich im ersten Sekundenbruchteil eine Dissonanz.
      Die geheimnisvolle Art, wie man später das Sanctus komponieren wird, ist tatsächlich noch nicht Mozarts Sache, deshalb sind seine Sanctus-Sätze für mich keine Highlights.
      Was mich dann aber überrascht hat, ist das fugierte Benedictus in Moll - soll ja keiner behaupten, Mozart hätte Fugen erst in Wien gelernt.
      Überhaupt manches am späten salzburger Mozart finde ich schon sehr genial, erinnere nur mal an die sehr im Schatten der späteren stehenden Symphonien Nr.33 und 34...
      Das Agnus Dei beginnt dann mit schönem Spiel von Oboe, Fagott und Orgel und ist eine dieser schönen Sopranarien, mich nicht ganz so berührend wie das der krönungsmesse..
      Aber wenn der Chor einsetzt mit sanftem "Agnus Dei", geht mir wieder das Herz auf.
      den Beginn "Dona nobis pacem" hörte ich als Variante des Kyrie, aber im 3/4-Takt, mit immer wieder stockenden Halten auf erst fremden Harmonien, dann ein paar mal auf der Dominante - sehr wirkungsvoll.

      Meine Aufnahme ist enthalten in der Box mit der gesamten Kirchenmusik von Mozart mit Harnoncourt, die ich überhaupt für einen meiner glücklichsten Käufe halte.

      An den Klang mit recht präsenten Posaunen muss man sich gewöhnen, aber das präzise und frische, vibratoarme Orchester (und Chor) überzeugt mich sehr, während mir die Solisten teilweise zu sehr vibrieren.
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Obwohl ich seit Jahrzehnten viel Mozart höre, ist für mich seine Sakralmusik (mit den Ausnahmen Requiem, c-moll-Messe, d-moll-Kyrie, Ave verum, Exsultate) eher ein weißer Fleck. Das gilt vor allem für die Salzburger Kirchenmusik, bei der ich immer noch das Vorurteil der Pflichtübungen des lustlosen, in seiner Vaterstadt eingesperrten Komponisten mit mir herumtrage (stammt wahrscheinlich von den lang zurückliegenden Lektüren des grässlichen Paumgartner und/oder des empfehlenswerten Einstein).

      Also habe ich jetzt KV 337 vermutlich zum erstenmal gehört, auch unter Harnoncourt (und zwar aus dieser Quelle: youtube.com/watch?v=r8DyWU6IbuM). So eine gut 20minütige Messkomposition hat schon ihre Vorteile - das weiß man auch retrospektiv als katholisch Erzogener mit damals regelmäßigem sonntäglichen Kirchbesuch nebst ungeduldigem Warten auf das Ende der Messe zu schätzen...

      KV 337 hat mich jetzt nicht vom Hocker gerissen, aber das wäre wohl auch die falsche Erwartung. Die Gedrängtheit der Komposition hat nach meiner Beobachtung zwei Konsequenzen: einmal eine größere Einheitlichkeit der Sätze, von der sich kontrastierende Abschnitte (wie z.B. Incarnatus/Crucifixus im Credo) zwar absetzen, aber eben ohne zu stark aus dem Zusammenhang zu fallen. Und zweitens die Möglichkeit, auf engem Raum eine Vielfalt musikalischer Gesten unterzubringen, auch überraschende Momente wie das einsame a-capella-Jesu Christe vor dem Cum sancto spiritu des Gloria oder das von Dir schon erwähnte, ungewöhnlich individuell ausgestaltete Qui locutus est im Credo.

      Besonders mag ich das nach dem insgesamt recht konzilianten Tonfall des Satzes etwas überraschend leise und stockend verklingende Ende des Kyrie, außerdem das nur angedeutet expressive, aber trotzdem intensive Crucifixus und - wie Du - den Einsatz des Chores mit dem Agnus Dei. In der Tat überraschend (gerade auch an dieser Stelle) die vergleichsweise lange und elaborierte Benedictus-Fuge. Komisch, dass man überhaupt auf den Gedanken gekommen ist, dass in der Kirchenmusik der Ära Colloredo ein Fugenverbot geherrscht habe - dazu sagt hier Bustopher im Thread zur Krönungsmesse einiges.

      Danke für die Anregung! :verbeugung2:

      :wink:
      Details are always welcome. (Vladimir Nabokov)
    • Dank auch von mir für die Anregung, sich diese Messe anzuhören und für das Aufmerksammachen auf die besonders interessanten Stellen!



      Ich habe auch diese Aufnahme.

      Mir hat es beim Durchhören allerdings sofort das wie schon von philmus so schön beschrieben von Oboe, Fagott und Orgel so wunderbar mitgetragene Sopransolo des Agnus Dei besonders angetan. Das ist für mich eines dieser Mozart Wunder schlechthin. Im Booklet zur Harnoncourt-Aufnahme verweist Hans-Günter Ottenberg auf die Ähnlichkeit dieses Solos mit der später komponierten Cavatina der Gräfin in „Le Nozze di Figaro“ „Porgi, amor, qualche ristoro“. (Die habe ich mir dann auch gleich aus der Aufnahme mit Cheryl Studer, dirigiert von Claudio Abbado, wieder einmal nur zu gerne angehört.) Auch die anderen hier bereits genannten heraushebenswerten Passagen - Mozart halt! Gleich der „von unten kommende“ Kyrie Beginn...
      Die "hohen Säulen" zum Sanctus Beginn stören mich nicht so. Aber sicher, es gibt noch viele andere, bemerkenswertere Sanctus-Vertonungen.

      Mit der Nikolaus Harnoncourt Aufnahme, die im Juli 1992 in der Pfarrkirche Stainz entstand (CD Teldec 4509-90494-2), bin ich auf jeden Fall gerne dabei in dieser geistlichen späten Salzburger Mozart-Welt. Harnoncourt setzt ja wie immer auf die Klangrede, er schärft die dramatischen Akzente und gestaltet die Musik damit sehr unmittelbar. Philmus´ Einschätzung der Aufnahme, auch was die Solisten betrifft, teile ich gerne.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • AlexanderK schrieb:

      Die "hohen Säulen" zum Sanctus Beginn stören mich nicht so.
      das ist halt ein bißchen typisch Mozart, daß es im Sanctus nicht mystisch zugeht wie bei Beethoven oder Schubert.

      AlexanderK schrieb:

      Gleich der „von unten kommende“ Kyrie Beginn...
      genau. schöner Kontrast im Vergleich zur Krönungsmesse.
      Ich finde den Reichtum an verschiedenen Formungen bei diesen vielen Messen wirklich faszinierend.
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