Franz Schubert: Streichquartett d-Moll D. 810 ("Der Tod und das Mädchen")

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    • Tyras schrieb:

      Aber ein Kunstwerk ist doch kein tatsächlicher Vorgang in der real world oder auch nur ein Bericht darüber.
      Ich schrieb ja auch vorsichtigerweise "für mich"! Es ist natürlich kein tatsächlicher Vorgang, aber eben ein gewisser dramaturgischer Bogen, der für mich Sinn ergibt. Andere, wie etwa Zwielicht, empfinden da anders. Ich finde es aber schon interessant, dass bei Schubert - du sprichst es ja bei der kleinen a-Moll an - der Einwand öfter kommt. Ist es wirklich eine Verbeugung vor der Tradition, oder steckt anderes dahinter?
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Tyras schrieb:

      Oder zumindest ist ein Streichquartett kein Drama, mit dem Anspruch, eine lineare Handlung darzustellen. Dann wären Inkonsistenzen ein notwendiges k.o.-Kriterium.
      Schönberg stellt in seinem Streichsextett "Verklärte Nacht" eine lineare Handlung dar. - Ein Streichquartett ist halt das, was der Komponist schafft, nicht, was man davon erwarten mag,

      philmus schrieb:

      Das Werk muss ja vor Allem musikalisch funktionieren.
      Jo.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Zwielicht schrieb:

      wobei aber eben die grausamen und nicht-transzendenten Aspekte des Themas die Oberhand behalten.
      Ja, tatsächlich! Den Eindruck hatte ich wieder gestern sehr stark, als ich mir den langsamen Satz angehört habe. Die vierte Variation ist ja eigentlich eine Verklärung. Aber das Stück endet nicht damit, sondern endet so traurig, wie es begonnen hat.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      In Zukunft werde ich mir die ersten beiden und letzten beiden Sätze getrennt anhören.
      Du kannst Dir auch gerne die Mona Lisa ohne den Hintergrund anschauen (Photoshop macht's möglich). Deine Auffassungsgabe hat bereits Shakespeare im Sommernachtstraum besser als ich's je machen könnte kommentiert

      Nun etwas über meine Vorstellung, welche Gedanken man sich über D810 machen kann. Dies selbstverständlich ganz subjektiv und ohne jemanden überzeugen zu wollen.

      Daß die Idee des Todes im ganzen Werk präsent ist, läßt sich schon anhand der thematischen Beziehungen nachvollziehen.
      Auch die Elemente, die nicht in direktem Bezug zum Lied sind, sind inhaltlich damit verwandt (das Fierrabras-Zitat in der Coda des ersten Satzes, die Erlkönig-Einspielung im vierten, dazu kann man auch den passus duriusculus im Baß im Scherzo hinzufügen).
      Das Werk ist zyklisch komponiert. Die vier Sätze sind aufeinander bezogen und das Finale, das Elemente aus den vorhergegangenen Sätzen übernimmt und erweitert, hat einen abschließenden Charakter. Auf die Verwandtschaft der Themen und den zyklischen Charakter hat bereits Einstein hingewiesen.

      Ich halte ehrlich gesagt nichts von den sog. Deutungen Schubertscher Instrumentalwerke (oder selbstverständlich anderer Komponisten ) als Ausflug in die Berge, Familentragödie oder was auch immer. Oder als Ermordung eines Mädchens.
      Zwar ist es nicht so unmittelbar auffaßbar und wohl für viele zu abstrakt, aber ich würde eher die Betrachtungsweise der Schlegelschen Ästhetik bemühen. Wenigstens ist belegt, daß Schubert und Friedrich Schlegel dieselben Kreise besucht haben (es ist sogar in einem Dokument von "Schlegel-Schubert" Abenden die Rede). Er soll auch die Vorlesungen A.W. von Schlegels gekannt haben.
      In diesem Sinne hat Dichtung als Kunstform ihre Besonderheit darin, daß ihr Gegenstand schon ein Artefakt, nämlich die Sprache ist. Ein Gedicht ist nämlich kein Protokoll, sondern der Dichter benutzt die Sprache, deren Rhythmus, deren Farben, deren Melodie, deren Klänge, um über den Inhalt der Wörter hinaus Gefühle, Gedanken zu vermitteln, die eine Reflexion über das Gesagte bilden und den Anlaß zu "potenzirten Reflexionen" bilden. Mit der Komposition eines Liedes erreicht Schubert die erste Stufe der "potenzirten Reflexionen", indem er die Dichtung als zweite Abstraktionsstufe über die Sprache selber als Gegenstand eines Kunstwerks nimmt.
      Mit einem Werk wie D810 erreicht er eine weitere Abstraktionsstufe. Er nimmt nämlich Bezug auf das Lied Der Tod und das Mädchen, aber auch, mittelbar oder unmittelbar, auf andere Kunstwerke: Claudius' Gedicht selber in erster Linie, aber auch eigene Werke wie Fierrabras oder Erlkönig, Werke der bildenden Kunst, der Tanzmusik ... die alles um das Thema "Tod" kreisen.

      Man kann also das Quartett als den Ausdruck "potenzierter Reflexionen" über das Thema "Tod" interpretieren. Aber, wie in einem Gedicht, ist auch die Form Teil des Ausdrucks. Es ist in dem Fall ein viersätziges Streichquartett.
      Anders gesagt, es geht nicht darum, linear eine Story zu erzählen, sondern ein Kunstwerk zu erschaffen, das "Reflexionen" vermittelt und Gefühle, Gedanken, weitere Reflexionen erweckt.
      Daß es nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt ist, läßt sich anhand einer détaillierten Analyse nachvollziehen (und über D810 sind schon ganze Bücher geschrieben worden).
      Aber, und jetzt sind wir wieder bei der Schlegelschen Romantik, Schubert hat's geschafft, ein Werk zu schaffen, das den Zuhörer gefühlsmäßig stark - und unmittelbar - mitnimmt.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ich kann mir kaum vorstellen, dass Schubert 1823/24 das 1816 publizierte f-moll-Quartett Beethovens nicht gekannt haben sollte.
      Ich sehe habe übrigens, ohne jemals das Lied oder den Tod explizit als Leitidee für das gesamte Werk genommen zu haben, nie ein Problem mit den Sätzen 3 und 4 gehabt, wenn überhaupt finde ich die vielleicht sogar gelungener als die vorhergehenden. Jedenfalls kommt mir das gesamte Werk so einheitlich und geschlossen vor, dass ich nie Bedarf gesehen habe, diesen naiven Eindruck zu hinterfragen.
      Während ich bei etlichen anderen Werken Schuberts, besonders einigen Klaviersonaten manchmal deutlich den Eindruck habe, dass Menuett/Scherzo und/oder Finale als eine Art "Pflichtübung" geschrieben wurden, oder jedenfalls mit dem "poetischen Gehalt" und der Ernsthaftgkeit der vorhergehenden Sätze kaum mithalten können.
      D.h. mal abgesehen von ihrem Verhältnis zu den Sätzen 1 und 2 in D 810, also nur als Exemplare von Scherzo und Finale betrachtet, gehören diese Sätze für mich vermutlich zu den je drei gelungensten dieser Art in Schuberts instrumentalem Werk
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Noch mal zur Klarstellung:
      Glaube ich, dass Schubert etwas "falsch" gemacht hat? Nein.
      Zweifle ich an der Kunstfertigkeit der beiden letzten Sätze? Ebenso wenig.
      Ich halte Zwielichts und philberts Interpretation für wahrscheinlich zutreffend. Nur ist das ein abstraktes Konzept, während die ersten beiden Sätze nun einmal zum unmittelbar ergreifendsten gehören, was jemals komponiert wurde. In diesem Sinne kommt es bei mir zu einer Enttäuschung der Erwartungen, welches kein intellektuelles, sondern emotionales Hindernis darstellt. Ob die ersten beiden Sätze als Programmmusik intendiert sind oder nicht, so kommen sie bei mir an - und zwar nicht weniger als in Smetanas e-Moll SQ.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Mauerblümchen schrieb:

      Tyras schrieb:

      Oder zumindest ist ein Streichquartett kein Drama, mit dem Anspruch, eine lineare Handlung darzustellen. Dann wären Inkonsistenzen ein notwendiges k.o.-Kriterium.
      Schönberg stellt in seinem Streichsextett "Verklärte Nacht" eine lineare Handlung dar. - Ein Streichquartett ist halt das, was der Komponist schafft, nicht, was man davon erwarten mag,
      Gut, prinzipiell ausgeschlossen ist so etwas wie eine lineare Handlung nicht. Ein weiteres Beispiel wäre wohl das zweite Streichquartett von Charles Ives. Aber zwingend ist es eben auch nicht.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)


    • Neben der CD-Aufnahme des Hagen Quartetts aus dem Jahr 1990 liegt auch eine Fernsehaufnahme des Werks mit dem Hagen Quartett vor, aufgenommen ohne Publikum von 26.6. bis 2.7.1987 in der barocken Stiftsbibliothek in Vorau im Rahmen der styriarte, noch in der Besetzung mit Annette Bik statt Rainer Schmidt an der 2. Violine (DVD medici arts 2072338).

      Mein Eindruck:

      Stille vor Beginn, Stille nach dem Ende, die Fernsehregie möchte diese Momente des Innehaltens am Anfang wie des inneren Nachklingens am Ende nicht mit Äußerlichkeiten brechen. Mit dieser Aufnahme konnte ich das Werk einmal mehr ganz frisch, wie neu miterleben. Das Hagen Quartett spielt in dem wunderschönen Ambiente sehr geschlossen, bis in Details feinst aufeinander abgestimmt, kontrolliert-hochkonzentriert leidenschaftlich, mit schönem, reinem Streicherklang. Die Exposition im 1. Satz mit seinen so aufwühlenden Stimmungswechseln wird (im Gegensatz zur später entstandenen CD-Aufnahme) nicht wiederholt. Und einmal mehr kann man da durch die vielfältigen Variationen des 2. Satzes mitgehen, bis zu den großen dramatischen Verdichtungen, die erneut in Abgründe führen, wie beim 1. Satz und wie dann auch beim energischen dritten, und das Finale kommt für mich wie ein fliegender Todesritt über spiegelglattem See daher. Die DVD-Aufnahme wirkt auf mich herzlicher, „unschuldig beseelter“ als die strengere, noch unerbittlichere CD-Aufnahme.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK

    • Wieland schrieb:

      Eine wirklich herausragende Aufnahme auf dem vielbestellten Feld.

      Khampan schrieb:

      Beim Chiaroscuro-Quartett stört mich eine postmoderne spieltechnische Masche, die aus den Hörbeispielen schon sehr deutlich wird: möglichst alles auftaktig spielen, auch wenn es anders herum gedacht ist.
      Wegen der kleinen Diskussion aus dem tgl. Streichquartett heute gehört.

      Ich kenne die von Khampan empfohlene Terpsycordes-Aufnahme nicht. Ohne diesen Vergleich schließe ich mich momentan der positiven Empfehlung von Wieland an. Auffallend sind die schnellen Tempi in allen Sätzen. Der Gemütshörer in mir hätte sich beim Seitenthema des Kopfsatzes und auch bei mancher Variation in Satz 2 schon mehr Atem und Raum für Gesanglichkeit gewünscht. Andererseits wird in so einer Interpretation wie hier dann klar, dass es sich eben nicht um gemütliche Musik handelt. Bemerkenswert auch, wie stark der Kontrast zwischen Haupt- und Seitensatz im Kopfsatz wirkt, obwohl das Grundmetrum weitgehend durchgehalten wird. Sehr positiv fand ich die Balance zwischen den Stimmen. Man hat es hier nicht mit einem auf die Primaria ausgerichteten Ensemble zu tun, die Verteilung der Schwerpunkte wirkte auf mich beim ersten Hören durchwegs stimmig. Klanglich auch erste Liga. Die von Khampan gerügte auf den Effekt gebürstete Auftaktagogik habe ich nicht als störend empfunden, sie wäre mir im zweiten Satz ohne den Hinweis wohl gar nicht aufgefallen. Jedenfalls spannend. Mich würde die Sicht dieses Quartetts auf Rosamunde besonders interessieren. Kommt ja bestimmt.
    • Braccio schrieb:

      Kennt übrigens jemand diese "HIP"-Aufnahme?

      ... hatte ich gefragt. Khampan hat nun im tgl. SQ-Thread auf diese Aufnahme aufmerksam gemacht, Es handelt sich wohl um die erste "HIP"-Version des Werkes.

      Beim ersten Hören fand ich die Auslegung der Terpsycordes im besten Sinne unspektakulär, was ich nicht abwertend meine. Es müssen ja nicht immer neue Rekorde und Sensationen sein. Im Wesentlichen unterscheidet sich die Aufnahme von vielen anderen guten durch den etwas - aber für mich nicht sehr auffallend - anderen Klang der Instrumente, durch den sparsamen Umgang mit Vibrato und durch die Beachtung aller Wiederholungen, wobei neuere nicht HIP orientierte Aufnahmen häufig auch alle Wiederholungen enthalten. Die Tempi sind hingegen nicht sonderlich auffällig. Das Chiaroscuro Quartett ist da (gefühlt: deutlich) zügiger unterwegs. Besonders bemerkbar macht sich das in der Sechzehntelpassage nach dem Seitenthema im Kopfsatz, vor allem aber im Andante. Für den, der Chiaroscuro hier als gehetzt oder ruppig empfindet, bietet Terpsycordes eine gesanglichere Alternative. Im Scherzo haben die Chiaroscuro-Leute für mein Empfinden mehr an angemessenem Biss zu bieten. Alles in allem für mich eine schöne Ergänzung, aber nichts für mein persönliches Siegertreppchen.
    • Ich finde die Darbietung auf der Terpsycordes CD geradezu fantastisch. Das Einzige was mich an der CD stört, ist der hallige Charakter der Aufnahme. Normalerweise landen solche CDs auf dem Flohmarkt. Aber diese gebe ich nicht weg. Einfach toll gespielt.
    • said schrieb:

      Ich finde die Darbietung auf der Terpsycordes CD geradezu fantastisch. Das Einzige was mich an der CD stört, ist der hallige Charakter der Aufnahme

      Das Problem des Nachhalls bei Aufnahmen ist prinzipiell, dass er dann stört, wenn der Hörer nicht bereit ist bzw. es sich nicht erlauben kann, die Abhörlautstärke nähe Originalläutstärke einzustellen.
      Bei geringer Abhörlautstärke ist der Direktschallanteil zu gering, die Musiker klingen zu entfernt. Idealerweise sollten solche Aufnahme so laut abgehört werden, dass der Direktschallanteil in etwa der realen Situation im Konzertsaal am idealen Platz entspricht. Das ist lauter als die meisten Hörer (nach meiner Erfahrung) gewohnt und bereit sind.

      Umgekehrt: Bei einer direkten Mikrofonierung mit wenig Nachhall klingt es bestenfalls so, als würden die Musiker im Hörraum sitzen. Der Vorteil ist, dass es dann relativ egal ist, wie laut/leise man hört. Nachteil ist, dass es keine Konzertsaalatmosphäre gibt, und dass eine Tiefenstaffellung nur sehr eingeschränkt wirksam ist (man hängt mit den Ohren an allen Instrumenten gleichzeitig, der typische Effekt der DG-Aufnahmen, mir herzlich zuwider. Bei einer Streichquartettaufnahme freilich kein Problem: eine virtuelle Hörposition in ca 2 m Entfernung ist zwar nicht konzertgemäß aber durchaus reizvoll; bei größeren Ensembles aber schon etwas seltsam).

      Zwischen diesen beiden Extremen (direkt vs Konzertsaalsound) versucht jeder Toningenieur sein Glück. Und sitzt dabei zwischen den Stühlen, denn die Musiker bevorzugen meistens den Konzertsaalklang mit viel Nachhall, der Toning weiß aber, dass er in Konkurrenz mit dem DG-Sound als Maß aller Dinge steht, versucht irgendwie das beste daraus zu machen und noch möglichst seinem eigenen Klangideal nahezukommen.

      Als fauler Kompromiss hat es sich eingebürgert, die Dynamik einzuengen. Die leisen bis mittellauten Stellen sind im derzeitigen Mittel schätzungsweise 10 dB angehoben, dadurch scheinen diese Stellen trotz Nachhall nicht zu entfernt zu klingen. Dass die lauten Stellen dann plötzlich zurückgedreht wirken, stört komischerweise niemanden (sonst wären sie ja zu laut und man müsste schnell zum Lautstärkeregler greifen um die Nachbarn nicht zu stören...).

      Gottlob ist dieser Unfug bei Streichquartettaufnahmen noch nicht so verbreitet.
      Deshalb gibt es glücklicherweise so toll klingenden Aufnahmen, wie die des Takacs Quartet, des Sorrel Quartet, des Quatuor Terpsychordes, mit einer für mich idealen Balance zwischen Direktschall und Nachhall. Laut aufdrehen und genießen.

      Sorry, das musste ich mal loswerden.
      Gruß,
      Khampan
    • Lieber Khampan, Deine Erläuterungen finde ich hochinteressant! Da sie den Rahmen des Themas hier sprengen, war ich so kühn, einen neuen Thread daraus zu basteln: Direktschall oder Nachhall - Probleme der Aufnahmetechnik heute ;)

      :wink:
      Es grüßt Gurnemanz
      ---
      Der Kunstschaffende hat nichts zu sagen - sondern er hat: zu schaffen. Und das Geschaffene wird mehr sagen, als der Schaffende ahnt.
      Helmut Lachenmann
    • Gestern D. 810, die Neuerwerbung mit dem Cuarteto Casals als Download von Neurecords

      Ein Manko für manchen Interessenten dürfte sein, dass das CC in der Live-Aufführung die Expositionswiederholung des Kopfsatzes weglässt (bei der CD-Aufnahme von D. 887 von 2012 haben sie alle Wiederholungen beachtet, die aktuelle D. 887-Aufzeichnung habe ich noch nicht gesehen). Mich hat das nicht gestört. Bei D. 810 komme ich gut ohne diese Wiederholung aus, da die Exposition schon ziemlich lang ist und beriets hier viel an "Durchführungsarbeit" geschieht. Aus dramaturgischen Gesichtspunkten finde ich dann sehr gut vertretbar, gleich mit der Durchführung weiterzumachen.

      Auch ansonsten finde ich, dass die vier das ganz hervorragend machen. Viel Leidenschaft, eher höheres Tempo, sparsames (aber nicht fehlendes) Vibrato, schön ausgesungene Passagen, tolle (natürlich im Video noch besser nachvollziehbare) Interaktion zwischen den Quartettmitgliedern, v. a. Primaria und Cellist. Ich hatte bezüglich Tempi und auch Artikulation fast mit noch mehr Extremen gerechnet, bin aber nicht enttäuscht, dass die Auffassung für das CC vergleichsweise traditionell geraten ist.

      Der Klang der Aufzeichnung aus dem Konzertsaal in Barcelona ist üppig, aber gut durchhörbar. Insgesamt eine lohnende Anschaffung. Ich bin auf die anderen Quartette gespannt.
    • Die folgende Diskussion entstand im Thread "Und doch ist nie der Tod ..." und wurde thematisch passender hierher verlagert. Braccio


      Kater Murr schrieb:

      Das Lied heißt "Der Tod und das Mädchen". Ob das Quartett nun den Tod eines Mädchens beschreibt?, glaube ich eher nicht.
      Das Schubert Streichquartett Nr 14 „Der Tod und das Mädchen“ stellt ziemlich eindeutig eine „Verhandlung“ zwischen einem Mädchen und dem Tod dar, genau wie das Gedicht und das Lied auch. Diese Verhandlung zieht sich durch alle 4 Sätze und vertont die Facetten der Emotionen und geistigen Prozesse, die ein Sterbender vermutlich durchgehen kann oder wird. Es beschreibt demnach das Sterben. Man kann es eigentlich schwerlich anders empfinden.
      Reminiszensen, Regrets, Sehnsüchte, Verzweiflung, Terror, Hast, seelisches Heil, Resignation, Todesangst: alles kommt vor. Es wird behauptet, dass Schubert zur Zeit der Komposition schon seinen eigenen Tod vorausgespürt hat. Er hat seine eigene Vertonung des gleichnamigen Lieds für den 2. Satz des Quartetts verwendet.

      Für mich ist dieses Streichquartett eine der schönsten und perfektesten Kompositionen, die ich kenne. Ich habe es selber oft gespielt, was den Eindruck, den ein Stück hinterlässt, sehr prägt.

      Ich empfehle die Aufnahme des Hagen Quartetts.

    • Rosamunde schrieb:

      Das Schubert Streichquartett Nr 14 „Der Tod und das Mädchen“ stellt ziemlich eindeutig eine „Verhandlung“ zwischen einem Mädchen und dem Tod dar, genau wie das Gedicht und das Lied auch. Diese Verhandlung zieht sich durch alle 4 Sätze
      Das ist ziemlich eindeutig nicht der Fall. Selbst im zweiten Satz des Quartetts wird aus dem Lied nur der Abschnitt "Tod" zitiert. Zu einer "Verhandlung" gehören aber mindestens zwei.

      Rosamunde schrieb:

      Es wird behauptet, dass Schubert zur Zeit der Komposition schon seinen eigenen Tod vorausgespürt hat.
      Behauptet wird viel. Gibt es dafür auch Belege?
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)