Franz Schubert: Streichquartett d-Moll D. 810 ("Der Tod und das Mädchen")

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    • Tyras schrieb:

      Aber ein Kunstwerk ist doch kein tatsächlicher Vorgang in der real world oder auch nur ein Bericht darüber.
      Ich schrieb ja auch vorsichtigerweise "für mich"! Es ist natürlich kein tatsächlicher Vorgang, aber eben ein gewisser dramaturgischer Bogen, der für mich Sinn ergibt. Andere, wie etwa Zwielicht, empfinden da anders. Ich finde es aber schon interessant, dass bei Schubert - du sprichst es ja bei der kleinen a-Moll an - der Einwand öfter kommt. Ist es wirklich eine Verbeugung vor der Tradition, oder steckt anderes dahinter?
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Tyras schrieb:

      Oder zumindest ist ein Streichquartett kein Drama, mit dem Anspruch, eine lineare Handlung darzustellen. Dann wären Inkonsistenzen ein notwendiges k.o.-Kriterium.
      Schönberg stellt in seinem Streichsextett "Verklärte Nacht" eine lineare Handlung dar. - Ein Streichquartett ist halt das, was der Komponist schafft, nicht, was man davon erwarten mag,

      philmus schrieb:

      Das Werk muss ja vor Allem musikalisch funktionieren.
      Jo.

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!" (Paul Watzlawick)
    • Zwielicht schrieb:

      wobei aber eben die grausamen und nicht-transzendenten Aspekte des Themas die Oberhand behalten.
      Ja, tatsächlich! Den Eindruck hatte ich wieder gestern sehr stark, als ich mir den langsamen Satz angehört habe. Die vierte Variation ist ja eigentlich eine Verklärung. Aber das Stück endet nicht damit, sondern endet so traurig, wie es begonnen hat.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Felix Meritis schrieb:

      In Zukunft werde ich mir die ersten beiden und letzten beiden Sätze getrennt anhören.
      Du kannst Dir auch gerne die Mona Lisa ohne den Hintergrund anschauen (Photoshop macht's möglich). Deine Auffassungsgabe hat bereits Shakespeare im Sommernachtstraum besser als ich's je machen könnte kommentiert

      Nun etwas über meine Vorstellung, welche Gedanken man sich über D810 machen kann. Dies selbstverständlich ganz subjektiv und ohne jemanden überzeugen zu wollen.

      Daß die Idee des Todes im ganzen Werk präsent ist, läßt sich schon anhand der thematischen Beziehungen nachvollziehen.
      Auch die Elemente, die nicht in direktem Bezug zum Lied sind, sind inhaltlich damit verwandt (das Fierrabras-Zitat in der Coda des ersten Satzes, die Erlkönig-Einspielung im vierten, dazu kann man auch den passus duriusculus im Baß im Scherzo hinzufügen).
      Das Werk ist zyklisch komponiert. Die vier Sätze sind aufeinander bezogen und das Finale, das Elemente aus den vorhergegangenen Sätzen übernimmt und erweitert, hat einen abschließenden Charakter. Auf die Verwandtschaft der Themen und den zyklischen Charakter hat bereits Einstein hingewiesen.

      Ich halte ehrlich gesagt nichts von den sog. Deutungen Schubertscher Instrumentalwerke (oder selbstverständlich anderer Komponisten ) als Ausflug in die Berge, Familentragödie oder was auch immer. Oder als Ermordung eines Mädchens.
      Zwar ist es nicht so unmittelbar auffaßbar und wohl für viele zu abstrakt, aber ich würde eher die Betrachtungsweise der Schlegelschen Ästhetik bemühen. Wenigstens ist belegt, daß Schubert und Friedrich Schlegel dieselben Kreise besucht haben (es ist sogar in einem Dokument von "Schlegel-Schubert" Abenden die Rede). Er soll auch die Vorlesungen A.W. von Schlegels gekannt haben.
      In diesem Sinne hat Dichtung als Kunstform ihre Besonderheit darin, daß ihr Gegenstand schon ein Artefakt, nämlich die Sprache ist. Ein Gedicht ist nämlich kein Protokoll, sondern der Dichter benutzt die Sprache, deren Rhythmus, deren Farben, deren Melodie, deren Klänge, um über den Inhalt der Wörter hinaus Gefühle, Gedanken zu vermitteln, die eine Reflexion über das Gesagte bilden und den Anlaß zu "potenzirten Reflexionen" bilden. Mit der Komposition eines Liedes erreicht Schubert die erste Stufe der "potenzirten Reflexionen", indem er die Dichtung als zweite Abstraktionsstufe über die Sprache selber als Gegenstand eines Kunstwerks nimmt.
      Mit einem Werk wie D810 erreicht er eine weitere Abstraktionsstufe. Er nimmt nämlich Bezug auf das Lied Der Tod und das Mädchen, aber auch, mittelbar oder unmittelbar, auf andere Kunstwerke: Claudius' Gedicht selber in erster Linie, aber auch eigene Werke wie Fierrabras oder Erlkönig, Werke der bildenden Kunst, der Tanzmusik ... die alles um das Thema "Tod" kreisen.

      Man kann also das Quartett als den Ausdruck "potenzierter Reflexionen" über das Thema "Tod" interpretieren. Aber, wie in einem Gedicht, ist auch die Form Teil des Ausdrucks. Es ist in dem Fall ein viersätziges Streichquartett.
      Anders gesagt, es geht nicht darum, linear eine Story zu erzählen, sondern ein Kunstwerk zu erschaffen, das "Reflexionen" vermittelt und Gefühle, Gedanken, weitere Reflexionen erweckt.
      Daß es nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt ist, läßt sich anhand einer détaillierten Analyse nachvollziehen (und über D810 sind schon ganze Bücher geschrieben worden).
      Aber, und jetzt sind wir wieder bei der Schlegelschen Romantik, Schubert hat's geschafft, ein Werk zu schaffen, das den Zuhörer gefühlsmäßig stark - und unmittelbar - mitnimmt.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Ich kann mir kaum vorstellen, dass Schubert 1823/24 das 1816 publizierte f-moll-Quartett Beethovens nicht gekannt haben sollte.
      Ich sehe habe übrigens, ohne jemals das Lied oder den Tod explizit als Leitidee für das gesamte Werk genommen zu haben, nie ein Problem mit den Sätzen 3 und 4 gehabt, wenn überhaupt finde ich die vielleicht sogar gelungener als die vorhergehenden. Jedenfalls kommt mir das gesamte Werk so einheitlich und geschlossen vor, dass ich nie Bedarf gesehen habe, diesen naiven Eindruck zu hinterfragen.
      Während ich bei etlichen anderen Werken Schuberts, besonders einigen Klaviersonaten manchmal deutlich den Eindruck habe, dass Menuett/Scherzo und/oder Finale als eine Art "Pflichtübung" geschrieben wurden, oder jedenfalls mit dem "poetischen Gehalt" und der Ernsthaftgkeit der vorhergehenden Sätze kaum mithalten können.
      D.h. mal abgesehen von ihrem Verhältnis zu den Sätzen 1 und 2 in D 810, also nur als Exemplare von Scherzo und Finale betrachtet, gehören diese Sätze für mich vermutlich zu den je drei gelungensten dieser Art in Schuberts instrumentalem Werk
      ...a man who refuses to have his own philosophy will not even have the advantages of a brute beast, and be left to his own instincts. He will only have the used-up scraps of somebody else’s philosophy; which the beasts do not have to inherit; hence their happiness. Men have always one of two things: either a complete and conscious philosophy or the unconscious acceptance of the broken bits of some incomplete and shattered and often discredited philosophy. (G. K. Chesterton)
    • Noch mal zur Klarstellung:
      Glaube ich, dass Schubert etwas "falsch" gemacht hat? Nein.
      Zweifle ich an der Kunstfertigkeit der beiden letzten Sätze? Ebenso wenig.
      Ich halte Zwielichts und philberts Interpretation für wahrscheinlich zutreffend. Nur ist das ein abstraktes Konzept, während die ersten beiden Sätze nun einmal zum unmittelbar ergreifendsten gehören, was jemals komponiert wurde. In diesem Sinne kommt es bei mir zu einer Enttäuschung der Erwartungen, welches kein intellektuelles, sondern emotionales Hindernis darstellt. Ob die ersten beiden Sätze als Programmmusik intendiert sind oder nicht, so kommen sie bei mir an - und zwar nicht weniger als in Smetanas e-Moll SQ.
      Im Zweifelsfall immer Haydn.
    • Mauerblümchen schrieb:

      Tyras schrieb:

      Oder zumindest ist ein Streichquartett kein Drama, mit dem Anspruch, eine lineare Handlung darzustellen. Dann wären Inkonsistenzen ein notwendiges k.o.-Kriterium.
      Schönberg stellt in seinem Streichsextett "Verklärte Nacht" eine lineare Handlung dar. - Ein Streichquartett ist halt das, was der Komponist schafft, nicht, was man davon erwarten mag,
      Gut, prinzipiell ausgeschlossen ist so etwas wie eine lineare Handlung nicht. Ein weiteres Beispiel wäre wohl das zweite Streichquartett von Charles Ives. Aber zwingend ist es eben auch nicht.
      Nur weil etwas viel Arbeit war und Schweiß gekostet hat, ist es nicht besser oder wichtiger als etwas, das Spaß gemacht hat. (Helge Schneider)


    • Neben der CD-Aufnahme des Hagen Quartetts aus dem Jahr 1990 liegt auch eine Fernsehaufnahme des Werks mit dem Hagen Quartett vor, aufgenommen ohne Publikum von 26.6. bis 2.7.1987 in der barocken Stiftsbibliothek in Vorau im Rahmen der styriarte, noch in der Besetzung mit Annette Bik statt Rainer Schmidt an der 2. Violine (DVD medici arts 2072338).

      Mein Eindruck:

      Stille vor Beginn, Stille nach dem Ende, die Fernsehregie möchte diese Momente des Innehaltens am Anfang wie des inneren Nachklingens am Ende nicht mit Äußerlichkeiten brechen. Mit dieser Aufnahme konnte ich das Werk einmal mehr ganz frisch, wie neu miterleben. Das Hagen Quartett spielt in dem wunderschönen Ambiente sehr geschlossen, bis in Details feinst aufeinander abgestimmt, kontrolliert-hochkonzentriert leidenschaftlich, mit schönem, reinem Streicherklang. Die Exposition im 1. Satz mit seinen so aufwühlenden Stimmungswechseln wird (im Gegensatz zur später entstandenen CD-Aufnahme) nicht wiederholt. Und einmal mehr kann man da durch die vielfältigen Variationen des 2. Satzes mitgehen, bis zu den großen dramatischen Verdichtungen, die erneut in Abgründe führen, wie beim 1. Satz und wie dann auch beim energischen dritten, und das Finale kommt für mich wie ein fliegender Todesritt über spiegelglattem See daher. Die DVD-Aufnahme wirkt auf mich herzlicher, „unschuldig beseelter“ als die strengere, noch unerbittlichere CD-Aufnahme.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK