Franz Schubert: Streichquartett d-Moll D. 810 ("Der Tod und das Mädchen")

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    • ChKöhn schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Das Schubert Streichquartett Nr 14 „Der Tod und das Mädchen“ stellt ziemlich eindeutig eine „Verhandlung“ zwischen einem Mädchen und dem Tod dar, genau wie das Gedicht und das Lied auch. Diese Verhandlung zieht sich durch alle 4 Sätze
      Das ist ziemlich eindeutig nicht der Fall. Selbst im zweiten Satz des Quartetts wird aus dem Lied nur der Abschnitt "Tod" zitiert. Zu einer "Verhandlung" gehören aber mindestens zwei.

      Behauptet wird viel. Gibt es dafür auch Belege?
      (Es ist ja wohl klar, dass ich hier nicht den Anspruch erhebe God's Truth zu schreiben, sondern meine Meinung, wie Du übrigens auch nur.)

      Es geht hier meiner Meinung nach um ein Selbstgespräch des Mädchens mit dem imaginären Tod während des Sterbens über das Sterben. Ich hatte ja noch mehr geschrieben, als nur den einen Satz und ausserdem das Wort Verhandlung in Anführungszeichen gesetzt, um zu sagen, dass es nur in etwa so gemeint ist.
      Die Basis für dieses Empfinden hat sich aus dem Gedicht und Lied ergeben.

      Dass nur wenig aus dem Lied zitiert wird, ist glaube ich nicht erheblich, denn man hört den Rest aus der Musik. Um die Musik zu verstehen benutzt man seine Ohren und sein musikalisches und künstlerisches Verständnis. Dieses ist natürlich individuell verschieden.

      Im Werk gibt es bezeichnende Gegensätze der Themen, bezeichnende Stimmführung und ausserdem diese Variationen genau im 2. Satz. Diese hören sich sehr nach Gespräch oder Verhandlung an. Der Tod wird immer insistierender mit dem Thema aus dem Lied dargestellt, und die 1. Geige und teils die anderen stellen die wachsende Unruhe und das Flehen des Mädchens dar. Das ist natürlich eine sehr triviale Darstellung, und ist nur so als Denkansatz gemeint.
      Und selbstverständlich stellen nicht alle Variationen in Musik immer ein Gespräch dar, aber im Zusammenhang mit dem Gedicht eben hier schon, oder es liegt zumindest nahe.

      Es ist wohl nicht zu bezweifeln, dass dieses Werk in diesen Thread gehört, deshalb habe ich es nochmal eingebracht, da jemand es bezweifelte. Der Rest ist Detail und individuelles Empfinden, was wohl nicht eigentlich Thema des Threads war.

      Ob Schubert das eigene Sterben wirklich schon vorausgespürt hat, weiss ich nicht. Ich habe aber die Behauptung interessant gefunden und sie als solche gekennzeichnet.
      Deine Bemerkung, dass es viele Behauptungen gibt is really very interesting indeed. 8o

      Gruss
      Maria
    • ChKöhn schrieb:

      Rosamunde schrieb:

      Das Schubert Streichquartett Nr 14 „Der Tod und das Mädchen“ stellt ziemlich eindeutig eine „Verhandlung“ zwischen einem Mädchen und dem Tod dar, genau wie das Gedicht und das Lied auch. Diese Verhandlung zieht sich durch alle 4 Sätze

      Das ist ziemlich eindeutig nicht der Fall. Selbst im zweiten Satz des Quartetts wird aus dem Lied nur der Abschnitt "Tod" zitiert. Zu einer "Verhandlung" gehören aber mindestens zwei.

      dazu ein Zitat im Zitat aus oben verlinkter Diskussion:

      Zwielicht schrieb:

      Werner Aderhold, der Verfasser des Vorworts zum entsprechenden Band der neuen Schubert-Ausgabe (1989), meint zur Bedeutung des Lieds für das Quartett im Vergleich zum Rosamunde-Zitat im a-moll-Quartett: "Strikter noch [...] hat Schubert dem d-moll-Quartett das Lied Der Tod und das Mädchen zugrundegelegt, indem er aus diesem nicht nur die entsprechenden Takte (Klaviervorspiel und die Takte 30-37 des zweiten Teils) für das Thema der Variationen übernahm, sondern das Lied als ganzes, für alle Sätze: motivausschöpfend, gestisch, [...] die dialogische Struktur des Liedes übertragend in die dialektischen Spannungsfelder des Quartetts, stimmlich wie in der Polarisierung durch die einzelnen Teile, Sätze."
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).
    • Rosamunde schrieb:

      Es geht hier meiner Meinung nach um ein Selbstgespräch des Mädchens mit dem imaginären Tod während des Sterbens über das Sterben. Ich hatte ja noch mehr geschrieben, als nur den einen Satz und ausserdem das Wort Verhandlung in Anführungszeichen gesetzt, um zu sagen, dass es nur in etwa so gemeint ist.
      Die Basis für dieses Empfinden hat sich aus dem Gedicht und Lied ergeben.

      Rosamunde schrieb:

      Ob Schubert das eigene Sterben wirklich schon vorausgespürt hat, weiss ich nicht.

      Bernstein wurde mal gefragt, ob Tschaikowsky in Selbstmordstimmung gewesen sei, als er seine 6. Sinfonie komponierte, und ob das ins Werk eingeflossen sei.

      Bernstein antwortete, ohne wörtlich zu sagen, dass er die Frage für großen Schwachsinn hielt, dass, wenn er selbst (Bernstein) in Selbstmordstimmung wäre, er vermutlich nicht einmal seinen eigenen Namen schreiben könne, geschweige denn, dass er sich hinsetzte und eine große Sinfonie aufschriebe ...

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Rosamunde schrieb:

      Dass nur wenig aus dem Lied zitiert wird, ist glaube ich nicht erheblich, denn man hört den Rest aus der Musik. Um die Musik zu verstehen benutzt man seine Ohren und sein musikalisches und künstlerisches Verständnis. Dieses ist natürlich individuell verschieden.
      Für eine "Verhandlung" zwischen dem Tod und dem Mädchen ist ist es unerheblich, dass letzteres gar nicht dabei ist? Originelle Ansicht. Man kann in der ersten Variation eine gewisse Ähnlichkeit zum Gestus des Mädchen-Themas hören, aber das ist dann auch schon alles. Und selbst dabei sind die Unterschiede, z.B. in der rhythmischen Struktur, bei der Verwendung von Pausen, im melodischen Spannngsaufbau usw. größer als die Gemeinsamkeiten. Das bemerkt man sofort, wenn man zum Verständnis von Musik auch seinen Kopf verwendet. Das ist natürlich individuell verschieden.

      Rosamunde schrieb:

      Ob Schubert das eigene Sterben wirklich schon vorausgespürt hat, weiss ich nicht.
      Danke für die Klarstellung.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • zabki schrieb:

      dazu ein Zitat im Zitat aus oben verlinkter Diskussion:
      Dass die strukturelle Funktion des Liedes im Quartett über das Zitat von ein paar Takten hinausgeht, bestreitet niemand (auch wenn es besser anhand der Partitur als mit einem letzten Endes nichtssagenden Vorwort zu belegen wäre). Die Behauptung hier war aber eine andere.

      Mauerblümchen schrieb:

      Bernstein antwortete, ohne wörtlich zu sagen, dass er die Frage für großen Schwachsinn hielt
      Zum Glück hat er das nicht in Capriccio geschrieben, sonst hätte die Moderation ihn verwarnt. Recht hatte er trotzdem.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Nun ja, als nachträgliches Gerinnen eines früher erlebten Seelenzustandes zu Musik ist es natürlich denkbar. Was allerdings voraussetzt, dass die Todesgedanken nicht so übermächtig geworden sind, dass der Suizid stattgefunden hat.

      Gruß
      MB

      :wink:
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    • Mauerblümchen schrieb:

      als nachträgliches Gerinnen eines früher erlebten Seelenzustandes zu Musik ist es natürlich denkbar.
      Sicherlich, vermutlich gehen alle erlebten Seelenzustände irgendwie in die Musik ein. Aber wenn man zeigen will, welche Spuren sie da auf welche Art hinterlassen haben, reicht die Behauptung "Das klingt so" nicht aus.

      Mauerblümchen schrieb:

      Was allerdings voraussetzt, dass die Todesgedanken nicht so übermächtig geworden sind, dass der Suizid stattgefunden hat.
      Das wäre von Vorteil.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Sicherlich, vermutlich gehen alle erlebten Seelenzustände irgendwie in die Musik ein. Aber wenn man zeigen will, welche Spuren sie da auf welche Art hinterlassen haben, reicht die Behauptung "Das klingt so" nicht aus.
      Genau, das ist der entscheidende Punkt ... es reicht nicht, zu schreiben, dass die Musik mich selbst an Tod und Sterben erinnert, man muss schon zeigen, welche Verbindung beim Komponisten vorlag.

      Ein möglicher Lackmustest für jede Theorie einer semantischen Interpretation abstrakter Musik ist die Arie des Orfeo aus Glucks "Orfeo ed Euridice" (Ich habe sie verloren/Che farò senza Euridice/J’ai perdu mon Eurydice") - reines, ungebrochenes, heiteres C-Dur. - Wo ist der Schmerz ....? Wer würde beim Hören der Musik auf den richtigen Text und Kontext tippen?

      Sind solche frappierenden (Schein-?)Querstände auch in umgekehrter Richtung denkbar?

      Gruß
      MB

      :wink:
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    • Philbert schrieb:

      Der erste Satz läßt eher an die Strophe des Mädchens aus dem Lied denken. Das eröffnende rhythmische Motiv kommt aus der Klavierbegleitung dieser Strophe. In der Coda zitiert Schubert eine harmonische Passage aus seiner Oper Fierrabras: sie befindet sich dort im Quartett n. 19, wurde auch in die Ouvertüre übernommen und steht unter den Worten der Heldin Emma: "Mich fassen die bleichen Gestalten der Nacht".

      Philbert schrieb:

      Nach dem zweiten Satz verdichten sich die Geschehnisse. Im dritten Satz wechseln noch Mädchen und Tod (Scherzo/Trio), wobei es schon als ein "Requiem für das Mädchen" interpretiert wurde,
      Darf ich leise Skepsis anmelden? Das eröffnende rhythmische Motiv im Quartett ist triolisch, prägt darin nicht nur den Kopfsatz sondern auch das Finale - und kommt so im Lied gar nicht vor (ganz abgesehen davon, dass es schwer fallen dürfte, das Fortissimo-Unisono aller vier Instrumente mit der schüchtern-ängstlichen Mädchen-Strophe in Verbindung zu bringen). Die harmonische Passage in "Fierrabras" ist kaum mehr als eine einfache Trugschlusswendung, die es so oder so ähnlich zigfach gibt. Der Kontrast dramatisch-lyrisch (oder mit früherer Terminologie "männlich-weiblich") zwischen Scherzo und Trio gehört einfach zum Satztyp. Das vermeintliche Erlkönig-Zitat hat zwar eine gewisse atmosphärische Ähnlichkeit und einen vergleichbar stabilen Grundton, unterscheidet sich aber in Melodieführung und Rhythmus (und ein wörtliches Zitat wäre ohne weiteres möglich gewesen; warum hat Schubert es also nicht geschrieben?). Nicht einmal die Charakterisierung des Finals als "Totentanz" würde ich unhinterfragt akzeptieren: Das kraftvolle Seitenthema tanzt bei seinem Eintritt nicht. Und ob man den Schluss nur so spielen bzw. hören kann, dass "das Blut spritzt", möchte ich ebenfalls bezweifeln: Er kann auch als kraftvolles, entschlossenes und auf eigene Art lebendiges Stretta-Finale verstanden werden.

      Allgemein zu diesem Quartett: Ich bestreite nicht, dass es ein vorwiegend ernstes, stellenweise auch todernstes Stück ist, auch nicht, dass das Lied-Zitat im zweiten Satz sein emotionales Zentrum bildet. Aber man macht meines Erachtens einen Fehler, wenn man in jedem Themenkontrast (der prägendes Strukturprinzip von Sonatensätzen ist) einen Bezug zur Dualität des Liedes zu finden glaubt und damit, gewollt oder ungewollt, so tut, als wäre das Quartett so etwas wie eine gigantische Vergrößerung derselben Idee. Das wäre eine Banalisierung dieses gewaltigen Stückes durch seine gewaltsame Reduzierung auf eine einzige Kernidee. Noch allgemeiner: Aus Gründen, die ich nicht kenne, geschweige denn verstehe, verleitet die Musik mancher Komponisten offenbar dazu, in ihr eine Art verschlüsselter Botschaft zu sehen, die sich mit dem angeblich richtigen Schlüssel ganz leicht und auf die vermeintlich einzig richtige Art lesen und verstehen lässt (das ist eine gewisse Parallele zu den berühmt-berüchtigten Gedicht-Interpretationen in der Schule, bei der die gequälten Schüler "lernen", die im Grunde verachtete Oberfläche des Textes in Einzelteile zu zerlegen und dann stückweise zu "übersetzen"; um so den angeblich gemeinten eigentlichen Text freizulegen; dazu empfehle ich "Against Interpretation" von Susan Sontag). Zu diesen Komponisten gehören neben Schubert z.B. offenbar Schostakowitsch und Mahler, bei denen bevorzugt erklärt wird, wie man sie gefälligst zu verstehen hat (das ist zwar auch bei einzelnen Werken von Beethoven oder Mozart so, vor allem aus deren Spätwerk, allerdings gesteht man ihnen gemeinhin insgesamt doch eine universellere "Botschaft" zu). So etwas:

      Rosamunde schrieb:

      Man kann es eigentlich schwerlich anders empfinden.
      ist nicht nur eine Anmaßung, sondern es verkleinert die Musik auf eine einzige Möglichkeit, wo doch deren Größe gerade darin besteht, keine Grenzen zu kennen. Gerade Schuberts große Instrumentalwerke sind nicht einfach zu "verstehen" oder zu "übersetzen". Stücke wie die große C-Dur-Symphonie, die Violin-Fantasie oder das G-Dur-Quartett können beim Hörer erschütternde und tiefe emotionale Erlebnisse auslösen, ihr Ausdruck ist geradezu schmerzhaft direkt - und sie sind doch gleichzeitig in ihrer Aussage abstrakt. Ich finde, dass das nicht das kleinste aller Wunder ist.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • ChKöhn schrieb:

      Stücke wie die große C-Dur-Symphonie, die Violin-Fantasie oder das G-Dur-Quartett können beim Hörer erschütternde und tiefe emotionale Erlebnisse auslösen, ihr Ausdruck ist geradezu schmerzhaft direkt - und sie sind doch gleichzeitig in ihrer Aussage abstrakt.
      Ich bin mit Dir in dieser Hinsicht völlig einverstanden.

      ChKöhn schrieb:

      Aus Gründen, die ich nicht kenne, geschweige denn verstehe, verleitet die Musik mancher Komponisten offenbar dazu, in ihr eine Art verschlüsselter Botschaft zu sehen, die sich mit dem angeblich richtigen Schlüssel ganz leicht und auf die vermeintlich einzig richtige Art lesen und verstehen lässt (das ist eine gewisse Parallele zu den berühmt-berüchtigten Gedicht-Interpretationen in der Schule, bei der die gequälten Schüler "lernen", die im Grunde verachtete Oberfläche des Textes in Einzelteile zu zerlegen und dann stückweise zu "übersetzen"; um so den angeblich gemeinten eigentlichen Text freizulegen
      Dies erinnert mich auch an meine Auffassung der Interpretationen Fischer-Dieskaus in der DFD-Moore Sammlung (wie schon gesagt, in live-Aufnahmen ist es anders): ICH zeige Euch, was in diesem Lied zu verstehen ist. Dadurch, daß diese Art von Interpretation mir wenig zuspricht, kann ich auch nur mit Dir einverstanden sein.

      Mein Herangehen ans Quartett D810 ist leicht unterschiedlich. Wie ich es irgendwo früher erwähnt habe, ist es für mich eine Art "potenzirte (sic) Reflexion" in der Ästhetik A.W. von Schlegels, dh das Lied wäre der Ausgangspunkt einer Reihe von Gedanken, Empfindungen, usw... , die in dem Quartett vermittelt werden.
      Ich habe mich auch gegen die "Deutung" Schubertscher (und anderer) Werke als ... Wanderung in den Bergen, Familienstreit ... was auch immer .. gestellt.

      Das Abstrakte, u.a. die Form, ist wesentlicher Teil der Aussage und ich bin auch mir Vladimir Feltsman einverstanden, wenn er sagt, der Komponist benütze die Musik als Sprache und jede "Deutung" in einer anderen Sprache (dh in einer "konkreten" Sprache) wäre eine Reduzierung, eine Annäherung durch Übersetzung (kein wörtliches Zitat Feltsmans hier, die Interview mit ihm kann man auf der Tube finden).

      Schubert ist für mich einer der größten Story teller der Musikgeschichte, einer, der sich aber der Musik als Sprache bedient, und jede "Deutung" - ganz spezielle jede lineare Deutung Satz pro Satz Takt pro Takt - ist eine Reduzierung.

      Das, was ich angeboten habe, sind Elemente, die man berücksichtigen kann, wenn man etwas tiefer in die Komposition einsteigen will - oder auch nicht. Oder man kann sie relativieren, umdeuten ...

      Im Booklet der vor kurzem erschienenen Aufnahme durch das Fitzwilliam String Quartet findet man:

      Brian Newbould schrieb:

      Schubert would have spoken of his "D minor Quartet", for there is no firm evidence that the wonderfully stern stuff of the outer movements is infected by the topic of death. [...] Nicknames added by generations later than the composer tend to focus on what may be a tangential feature of the music.
      Nun, Brian Newbould hat sich wie wenige andere mit Schubert und seiner Musik befaßt.

      ChKöhn schrieb:

      Ich finde, dass das nicht das kleinste aller Wunder ist
      wenn ich unter "das" die Stärke des Ausdrucks, der auf musikalischen Mitteln beruht, und direkt - ohne nötigen Umweg über eine "Deutung" in Worten - den Zuhörer befällt, dann glaube ich sind wir einer Meinung.

      Allerdings kann man nach Elementen der Analyse suchen - die nie und nimmer die einzige seligmachende "Erklärung" bringen werden.
      Alles, wie immer, IMHO.
    • Philbert schrieb:

      wenn ich unter "das" die Stärke des Ausdrucks, der auf musikalischen Mitteln beruht, und direkt - ohne nötigen Umweg über eine "Deutung" in Worten - den Zuhörer befällt, dann glaube ich sind wir einer Meinung.
      Ich bezweifle stark, dass es so etwas gibt. Es gibt ja nicht mal die Welt ohne die Wörter, von denen wir glauben, sie würden sie beschreiben (während sie sie in Wahrheit konstruieren). Aber natürlich gibt es solche ganz subjektiven Empfindungen, und es ist gar nichts gegen sie zu sagen. Kurios wird es nur, wenn diese dann absolut gesetzt und behauptet wird, niemand könne das anders empfinden als die jeweilige ganz zufällige Person es zufällig in diesem zufälligen Augenblick empfindet. Um zu einer Aussage zu kommen, die eine gewisse allgemeine Verbindlichkeit hat, muss man schon etwas tiefer in die Analyse einsteigen. Was übrigens – ganz im Gegensatz zu dem, was viele glauben – dem emotionalen Erlebnis gar keinen Abbruch tun muss. Bei wirklich großer Musik ist sogar so gut wie immer das Gegenteil der Fall.
    • Philbert schrieb:

      jede "Deutung" - ganz spezielle jede lineare Deutung Satz pro Satz Takt pro Takt - ist eine Reduzierung.

      Ich stimme eigentlich in allen Punkten zu, vor allem dem oben Zitierten.

      Mir scheint. mancher detailsuchender und detailerläuternder Exeget hege die Vorstellung, es gäbe eine dem Lied, dem Quartett, der Sinfonie präexistente, grundsätzlich verbal kommunizierbare Botschaft, die mit musikalischen Mitteln ausgedrückt wird und die man darum ziemlich eindeutig "zurückübersetzen" könne, um die präexistente Botschaft offenzulegen.

      Das scheint mir in der Voraussetzung schlicht falsch zu sein. Es mag Kompositionen geben, denen ein außermusikalischer Vorwurf zugrundeliegt (klar: oberflächlich betrachtet jede Programmmusik à la "Die Moldau"), aber dies gilt wohl nicht für alle musikalischen Werke.

      Insofern ist der Versuch, aus einem Musikwerk eine verbal kommunizierbare Semantik herauszudestillieren, in vielen Fällen schon im Ansatz fehlgeleitet.

      Wobei Musik mit Wörtern, Oper, Lied, Oratorium, Kantate, Moritat, Melodram usw. sicher nochmal eine besondere Rolle spielt - verdoppelt die Musik, was der Text ohnehin sagt (Schumann op. 39 - stellenweise?), ergänzt und vertieft sie, gibt die Musik Zusatzinformationen (Wagner), konterkariert die Musik den Text, ist es manchmal nur ein Kombinationsspiel von Lauten und Klängen (Schnebel), scheint sich die Musik manchmal geradezu absichtlich des Kommentars zu enthalten (Strawinsky, Psalmensinfonie), ... wenn man schon eine Botschaft suchte, wäre die Funktion der Musik erst einmal nachzuweisen.

      Wenn man sagt, die Musik in D810 gäbe ein außermusikalisches Erleben wieder - wessen Erleben? Das des Todes, das des Mädchens, das eines außenstehenden Betrachters? Alle drei gleichzeitig? Nacheinander?

      Philbert schrieb:

      Allerdings kann man nach Elementen der Analyse suchen - die nie und nimmer die einzige seligmachende "Erklärung" bringen werden.

      Ja. Bösartig gesagt: Bisweilen geben die Analyseversuche darüber Aufschluss, wie viel von der Musik in den Kopf des Analysierenden hineinpasste. Wer eine rosarote Brille trägt, wird die Welt als rosarot beschreiben, halt, nein, falsch, genauso, wie wir Luft als durchsichtig und farblos beschreiben (was sie für Alpha-Strahlung bspw. keineswegs ist), wird er bestimmte Blautöne gar nicht wahrnehmen, weil die ihm weggefiltert werden.

      Und dennoch ... ist es nicht so, dass eine kluge Analyse uns sehr bereichern kann - um die Analyse wieder zu vergessen und das Stück beim nächsten Mal eventuell wieder "naiv" hören zu können - oder doch mit eingeschalteten Analysator?

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • Philbert schrieb:

      Ist es nur mein Harmoniebedürfnis oder sind wir 100% einverstanden?
      Nein, so stark ist mein Harmoniebedürfnis nicht. Ergo ...
      Wenn man die verschiedenen, notwendigerweise voneinander abweichenden, und sei es in der Tiede der Durchdringung des Gemeinten - analysierte und mit Worten beschriebe - was, wie oben erkannt, eine Reduktion wäre - , würde man aufgrund des verbalen Destillats eventuell eine gewisse Kongruenz auf der "eigentlichen" Ebene vermuten, was aber, wie gesagt nur eine Vermutung wäre, sein könne ... ;)

      Gruß
      MB

      :wink:
      "Ich will keine leidenschaftslose Gehirnarbeit, sondern ein durchlebtes Kunstwerk mit einer Aussage." - Karl Amadeus Hartmann, aus seinem Artikel "Von meiner Arbeit" (1962)
    • ein paar Detailsaspekte:

      es dürfte kaum strittig sein, daß Schuberts Quartett nicht nur keine Programmusik ist, sondern auch ohne jeden Hinweis auf den Liedbezug als Musik in sicht völlig verständlich und nachvollziehbar ist.

      die Art des Bezuges auf das Lied scheint mir durch Philberts "Reflexion" sehr gut bezeichnet zu sein, was impliziert, daß Momente des Liedes auch verwandelt wiederkehren.

      Es ist klar, daß es immer was Heikles hat, solchen semantischen Bezügen nachzugehen, aber ich würde mir das deshalb nicht verbieten, davon hat man dann auch wieder nichts.

      ChKöhn schrieb:

      Das eröffnende rhythmische Motiv im Quartett ist triolisch, prägt darin nicht nur den Kopfsatz sondern auch das Finale - und kommt so im Lied gar nicht vor (ganz abgesehen davon, dass es schwer fallen dürfte, das Fortissimo-Unisono aller vier Instrumente mit der schüchtern-ängstlichen Mädchen-Strophe in Verbindung zu bringen)
      obwohl es im Lied keine Triolen sind, sind diese schon für sich leicht als rhythmische Variante der Triolen des Quartetts zu verstehen, Und die Verwandschaft umfaßt weitere Aspekte:

      die Quartettriolen werden gleich in T. 1 in doppelter Form exponiert - als die fast wie ein Messerstich zufahrende Sekundfolge, sowie als Repetitionen. Letzteres genau wie im Lied. Auch die vielfache Kettenbildung qua Alternieren im Quartett hat seine Entsprechung im Lied. Schließlich erscheinen die Triolen zwar nicht zu Anfang, aber später oft genug in einer Form, die dem "ängstlichen" Ausdruck im Lied nahekommt.

      ChKöhn schrieb:

      Der Kontrast dramatisch-lyrisch (oder mit früherer Terminologie "männlich-weiblich") zwischen Scherzo und Trio gehört einfach zum Satztyp.
      richtig, aber im Gesamtkontext des Quartetts legt es sich nunmal nahe, auch hier die zusätzlichen Bezüge zu sehen.

      ChKöhn schrieb:

      Das vermeintliche Erlkönig-Zitat hat zwar eine gewisse atmosphärische Ähnlichkeit und einen vergleichbar stabilen Grundton, unterscheidet sich aber in Melodieführung und Rhythmus (und ein wörtliches Zitat wäre ohne weiteres möglich gewesen; warum hat Schubert es also nicht geschrieben
      also mir ist das Erlkönigzitat auch ohne "Fremdhinweis" aufgefallen. Dann wird sie dem Komponisten selbst auch schon 1000x aufgefallen sein. Daß solche Zitate oder Anspielungen abgewandelt sind, dürfte keineswegs etwas besonderes sein.

      ChKöhn schrieb:

      Und ob man den Schluss nur so spielen bzw. hören kann, dass "das Blut spritzt", möchte ich ebenfalls bezweifeln: Er kann auch als kraftvolles, entschlossenes und auf eigene Art lebendiges Stretta-Finale verstanden werden.
      nun, das ist genau die Paradoxie des Totentanzes, der ja eben gerade keine Totenstarre ist, sondern Tod in u.Umständen äußerst gesteigertem Scheinleben.

      an folgendem liegt mir noch:

      würde man die "Todesmusik" im Lied mal in dem von Schubert genau bezeichneten Tempo hören und nicht so furchtbar verschleppt wie gewöhnlich, dann wäre es vielleicht deutlicher, daß schon im Lied Schuberts Komposition durchaus vielschichtig ist. Schubert vertont nicht nur den "Tröster Tod", sondern ebenso den unerbittlich und entschieden herankommenden, ja auch sogar einen fast leichtfüßigen, in dem man das Tänzerische schon ahnen kann.

      Das würde das Lied gleich noch näher an die im Quartett entfalteten Ausdrucksdimensionen heranrücken.

      ---

      Frage an die Literaurkenner:

      wo gibts sonst Quartette, bei denen alle vier Sätze in Moll stehen?
      ---
      Es wäre lächerlich anzunehmen, daß das, was alle, die die Sache kennen, daran sehen, von dem Künstler allein nicht gesehen worden wäre.
      (J. Chr. Lobe, Fliegende Blätter für Musik, 1855, Bd. 1, S. 24).


      Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Partituren als mit Virtuosen.
      (Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln).