Franz Schubert: Streichquartett d-Moll D. 810 ("Der Tod und das Mädchen")

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    • Khampan schrieb:

      (Christian Köhn mag schon recht haben. Aber erst mal so spielen können...)
      Nur zur Klarstellung: Ich bin wirklich der letzte, der ein solches Können geringschätzen würde. Deshalb hatte ich Dir ja auch ausdrücklich zugestimmt, dass die vier exzellent spielen. Ich finde nur, dass sie - vielleicht ihrem jugendlichen Alter gemäß - mehr Freude an ihrem Können als an der Musik vermitteln, zumindest erwecken sie bei mir diesen Eindruck. Ich muss allerdings dazu sagen, dass ich bei diesem Quartett sowieso verdorben bin, seit ich es im Sommer 1987 mit dem Amadeus-Quartett beim Aldeburgh-Festival gehört habe, zu dem ich damals als Stipendiat eingeladen war. Das war eines der stärksten musikalischen Erlebnisse meines Lebens. Gleich beim ersten Unisono-Einsatz fühlte man sich von dieser Energie buchstäblich in den Sitz gedrückt (unvergesslich ist mir, wie der Bratscher Peter Schidlof dabei mit dem Fuß auf das Podium stampfte), vor allem Norbert Brainin spielte so wunderbar beseelt in den Variationen, dass ich es bis heute noch innerlich zu hören glaube. Und im Finale spielten die vier, als ginge es um ihr Leben, nicht einen einzigen Ton ohne das ganze innere und äußere Drama, es war einfach fantastisch (in der zweiten Hälfte folgte dann noch das g-moll-Klavierquartett von Brahms mit Murray Perahia, der in der Probe von Brainin wie ein Schüler behandelt wurde, aber, obwohl damals immerhin schon 40 Jahre alt, alles ganz brav machte, was von ihm verlangt wurde). Wenige Wochen danach starb Schidlof, und das Quartett löste sich nach 40 Jahren auf. Die beiden Aufnahmen, die das Amadeus-Quartett bei DG von diesem Stück gemacht hat, finde ich gut, aber bei weitem nicht so beeindruckend wie das Konzerterlebnis.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Ich muss gestehen, dass mich diese Aufnahme ziemlich kalt lässt, sie weckt bei mir keinerlei Emotion. Die Tempi, vor allem im Kopfsatz und im 2. Satz liegen für meinen Geschmack etwas zu hoch. Selbst mag ich sehr die Aufnahme mit dem Quartetto Italiano, unter anderem. Im Konzertsaal habe ich das d-moll Quartett leider nie gehört.
    • ChKöhn schrieb:

      zabki schrieb:

      ist das nicht auch eine ein bisschen "einfache Wahrheit"? Ich halte das für zumindest strittig - siehe die entsprechende Diskussion oben
      Das Argument war, dass das Fehlen der Mädchen-Strophe diese "umso schmerzlicher" ins Bewusstsein rücke. Ihr Vorhandensein wäre natürlich erst recht ein Beweis gewesen. Das erinnert mich an mittelalterliche Gottesurteile :D .

      Jetzt muss ich mich in diese alte Diskussion doch verspätet auch noch einschalten: Selbstverständlich kann (!) das Fehlen eines (vom intendierten Publikum) zu erwartenden Zitats auch sinntragend sein. Im gegenständlichen Fall muss man noch einmal nachdrücklich darauf hinweisen, dass das zugrundeliegende Lied schon zur Entstehungszeit des Streichquartetts sehr populär und den Zuhörern sicherlich bekannt war.

      Der Text des Liedes lautet bekanntlich:

      Matthias Claudius schrieb:

      Vorüber! Ach vorüber!Geh wilder Knochenmann!Ich bin noch jung, geh Lieber!Und rühre mich nicht an.



      Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!Bin Freund, und komme nicht, zu strafen:Sei gutes Muts! Ich bin nicht wild,Sollst sanft in meinen Armen schlafen.
      Es handelt sich, wie bekannt, um einen Dialog zwischen dem Mädchen und dem Tod. Der Tod reagiert auf das panische Gestammel des Mädchens. Schubert hat Claudius' Textgestaltung aufgegriffen und die beiden Strophen in entsprechend antithetische Musik gegossen; für den Variationssatz von D.810 hat er sich aus welchen Gründen auch immer entschieden, die zweite Strophe als Thema herzunehmen. Aber mit dieser Entscheidung konnte er gar nicht vermeiden, dass das Publikum auch die Mädchen-Strophe assoziieren würde. Man kann gar nicht von einem bekannten Dialog die Replik zitieren und erwarten, dass sich die Zuhörer nicht mehr an die Frage (oder Bitte, in diesem Fall) erinnern.

      Ganz anders wäre es, wenn Schubert die erste Strophe als Thema genommen hätte. Dann könnte man sagen, dass die Antwort innerhalb des Satzes oder des Quartetts eben keine Rolle spiele. Aber so wird mit dem Einsatz des Themas auch die Mädchenstrophe im Kopf des Zuhörers grundsätzlich assoziativ verfügbar gemacht; deswegen lassen sich auch die Violinfiguren der ersten Variation (wie ich meine, richtig) als Reflex der Angst des Mädchens deuten. In den übrigen Sätzen wäre ich da freilich sehr vorsichtig; klar kann sich Schubert grundsätzlich vom Thema Tod inspirieren haben lassen, aber er konnte von linearen Zuhörern sicherlich nicht erwarten, bereits im ersten Satz arkane Anklänge an die Mädchen-Musik herauszuhören.

      Die Grundtonart d-moll und der Charakter des 1. und 3. Satzes sprechen freilich dafür, dass das Quartett grundsätzlich als tragisch-existentiell intendiert war und Assoziationsmöglichkeiten zum Thema Tod auch sonst nicht peinlich vermied; das einst kirchlich-seriöse d-moll hat spätestens mit dem großen Erfolg des Mozart-Requiems (und des Don Giovanni) in der öffentlichen Wahrnehmung wohl doch Konnotationen einer Trauertonart/Todestonart/Jenseitstonart erhalten. Beleg dafür ist etwa Mozarts d-moll Streichquartett KV 421, dem zu Beginn des 19. Jh. nachträglich (und sicher fälschlich!) außermusikalische Schmerz-Affekte unterschoben wurden, weil das bei d-moll halt so zu sein hatte. Der französische Musiktheoretiker Jérôme-Joseph de Momigny unterlegte Violin- und Cellostimme des ersten Satzes mit einem selbstgedichteten Text von Didos Abschiedsdialog mit Aeneas, um den emotional-psychologischen Gehalt der Komposition zu verdeutlichen; Constanze Mozart erfand die vollkommen absurde Anekdote, dass Mozart in diesem Streichquartett ihre Wehen und Schmerzensschreie bei der Entbindung musikalisch umgesetzt habe. Wir sind hier in Schuberts Lebenszeit; so naiv kann er nicht gewesen sein - gerade bei einem Werk, das aufs große Publikum zielte -, nicht zu wissen, dass Tonart und Liedzitat für seine Zuhörer semantisch aufgeladen sein würden.

      Liebe Grüße,
      Areios
      "Wenn [...] mehrere abweichende Forschungsmeinungen angegeben werden, müssen Sie Stellung nehmen, warum Sie A und nicht B folgen („Reichlich spekulativ die Behauptung von Mumpitz, Dinosaurier im alten Rom, S. 11, dass der Brand Roms 64 n. Chr. durch den hyperventilierenden Hausdrachen des Kaisers ausgelöst worden sei. Dieser war – wie der Grabstein AE 2024,234 zeigt – schon im Jahr zuvor verschieden.“)."
      Andreas Hartmann, Tutorium Quercopolitanum, S. 163.
    • Areios schrieb:

      Constanze Mozart erfand die vollkommen absurde Anekdote, dass Mozart in diesem Streichquartett ihre Wehen und Schmerzensschreie bei der Entbindung musikalisch umgesetzt habe.
      da gehts dann aber schon mehr um Leben als um Tod?
      Die englischen Stimmen ermuntern die Sinnen
      daß Alles für Freuden erwacht
    • Dass d-moll, zumal außerhalb von Kirchenmusik, semantisch so klar "Tod" bedeuten soll, bezweifle ich. Ich habe das Werk in den letzten paar Wochen mehrfach gehört und ich kann die angeblichen Bezüge zum Tod generell oder erst recht zu dem eher mild-resignativen Gestus des Liedes immer weniger nachvollziehen... ;) Die drei schnellen Sätze sind dafür alle zu kraftvoll, stellenweise ekstatisch. Und auch der Variationensatz ist stellenweise zu dramatisch, ingesamt zu abwechslungsreich (und der endet eben auch verklärend-mild, nicht tragisch).
      Tout le malheur des hommes vient d'une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos dans une chambre.
      (B. Pascal)
    • Areios schrieb:

      Die Grundtonart d-moll und der Charakter des 1. und 3. Satzes sprechen freilich dafür, dass das Quartett grundsätzlich als tragisch-existentiell intendiert war und Assoziationsmöglichkeiten zum Thema Tod auch sonst nicht peinlich vermied; das einst kirchlich-seriöse d-moll hat spätestens mit dem großen Erfolg des Mozart-Requiems (und des Don Giovanni) in der öffentlichen Wahrnehmung wohl doch Konnotationen einer Trauertonart/Todestonart/Jenseitstonart erhalten. Beleg dafür ist etwa Mozarts d-moll Streichquartett KV 421, dem zu Beginn des 19. Jh. nachträglich (und sicher fälschlich!) außermusikalische Schmerz-Affekte unterschoben wurden, weil das bei d-moll halt so zu sein hatte. Der französische Musiktheoretiker Jérôme-Joseph de Momigny unterlegte Violin- und Cellostimme des ersten Satzes mit einem selbstgedichteten Text von Didos Abschiedsdialog mit Aeneas, um den emotional-psychologischen Gehalt der Komposition zu verdeutlichen; Constanze Mozart erfand die vollkommen absurde Anekdote, dass Mozart in diesem Streichquartett ihre Wehen und Schmerzensschreie bei der Entbindung musikalisch umgesetzt habe. Wir sind hier in Schuberts Lebenszeit; so naiv kann er nicht gewesen sein - gerade bei einem Werk, das aufs große Publikum zielte -, nicht zu wissen, dass Tonart und Liedzitat für seine Zuhörer semantisch aufgeladen sein würden.
      Diese schöne Theorie hat leider einen entscheidenden Haken: Ausgerechnet der Variationssatz mit dem "Todesthema" steht nicht in d-moll sondern in g-moll. Aber wahrscheinlich soll die "falsche" Tonart hier das Fehlen der "richtigen" einfach nur "umso schmerzhafter ins Bewusstsein rücken" :D .


      Kater Murr schrieb:

      Ich habe das Werk in den letzten paar Wochen mehrfach gehört und ich kann die angeblichen Bezüge zum Tod generell oder erst recht zu dem eher mild-resignativen Gestus des Liedes immer weniger nachvollziehen... Die drei schnellen Sätze sind dafür alle zu kraftvoll, stellenweise ekstatisch. Und auch der Variationensatz ist stellenweise zu dramatisch, ingesamt zu abwechslungsreich (und der endet eben auch verklärend-mild, nicht tragisch).
      Ja, genauso höre ich das auch.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • Übrigens, auch das hier basiert auf einer falschen Voraussetzung:

      Areios schrieb:

      Schubert hat Claudius' Textgestaltung aufgegriffen und die beiden Strophen in entsprechend antithetische Musik gegossen; für den Variationssatz von D.810 hat er sich aus welchen Gründen auch immer entschieden, die zweite Strophe als Thema herzunehmen. Aber mit dieser Entscheidung konnte er gar nicht vermeiden, dass das Publikum auch die Mädchen-Strophe assoziieren würde. Man kann gar nicht von einem bekannten Dialog die Replik zitieren und erwarten, dass sich die Zuhörer nicht mehr an die Frage (oder Bitte, in diesem Fall) erinnern.
      Schubert hat nicht die "zweite Strophe" als Thema genommen sondern vor allem das textlose Klaviervorspiel. Dieses bildet den ersten Teil des Themas und wird im zweiten in einer Weise entwickelt, die es so im Lied nicht gibt. Erst danach zitiert er dann ein paar Takte aus dem Lied ("Sei gutes Muths"). (Ergänzung: Auch dieses Zitat stammt wieder nur aus dem Klavierpart, die darüberliegenden Repetitionen der Gesangsstimme fehlen.) Zusammengenommen ist das ein Thema, welches zwar eindeutig auf dem Lied basiert, sich aber zugleich formal von dessen gesungenem Teil und damit vom Text entfernt hat. Das Fehlen des ganzen Mädchen-Abschnitts unterstreicht das nur noch. Da die Voraussetzung also nicht stimmt, ist auch die Schlussfolgerung unzulässig.
      "Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung."
      "Mir nicht."
      (Theodor W. Adorno)
    • "Tod & Mädchen" vom Vision String Quartet ist übrigens vollständig in der Tube.
      Allerdings gestückelt, und springt automatisch immer wo anders hin, aber nicht zur Fortsetzung. Daher hier zusammengestellt. Den 3. Satz fand ich am schwierigsten zu finden.
      In der Tat eigenwillig, aber hat was!

      I: "https://www.youtube.com/watch?v=ZW8Vuu28hSQ&list=RDkrlTxNUX0EM&index=17"
      II-1: "https://www.youtube.com/watch?v=4xLFXblJQLo&list=RDkrlTxNUX0EM&index=13"
      II-2: "https://www.youtube.com/watch?v=krlTxNUX0EM&list=RDkrlTxNUX0EM&index=1"
      II-3: "https://www.youtube.com/watch?v=0noW-DWieFE&list=RDkrlTxNUX0EM&index=2"
      II-4: "https://www.youtube.com/watch?v=wPHC8N7Zb30&list=RDkrlTxNUX0EM&index=11"
      II-5: "https://www.youtube.com/watch?v=0p2qcmNvzT4&list=RDkrlTxNUX0EM&index=5"
      II-6: "https://www.youtube.com/watch?v=IteKduVHJho&list=RDkrlTxNUX0EM&index=10"
      III: "https://www.youtube.com/watch?v=bH4f5WebxuU"
      IV: "https://www.youtube.com/watch?v=ueqnX9aM94o&list=RDkrlTxNUX0EM&index=8"

      :wink:

      amamusica
      Ein Blümchen an einem wilden Wegrain, die Schale einer kleinen Muschel am Strand, die Feder eines Vogels -
      all das verkündet dir, daß der Schöpfer ein Künstler ist. (Tertullian)

      ...und immer wieder schaffen es die Menschen auch, Künstler zu sein.
      Nicht zuletzt mit so mancher Musik. Die muß gar nicht immer "große Kunst" sein, um das Herz zu berühren...