Leonard Bernstein: Serenade für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug nach Platons “Symposion”

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    • Leonard Bernstein: Serenade für Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug nach Platons “Symposion”

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      Deutschlandfunk Kultur sendete am 3.2.2018 eine sendereigene Studioproduktion aus dem Jahr 2016. Geboten wurde Leonard Bernsteins "Serenade" nach Platons "Symposion" für Violine, Streicher, Harfe und Schlagzeug mit Erez Ofer (Violine) und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Omer Meir Wellber. In dieser Besetzung wird das Werk auch live am 15.4.2018 im Konzerthaus Berlin zu hören sein.

      Die Rundfunkaufnahme nehme ich zum Anlass, für einen neuen Capriccio Thread (gewidmet teleton ;) ) tiefer ins Werk einzutauchen und die mir zur Verfügung stehenden Aufnahmen des Werks auch endlich einmal konzentriert durchzuhören.

      Ofer erklärt zum Werk am Beginn der Sendung, es gehe um fünf griechische Philosophen und ihren Bezug zur Liebe, vor allem aber sei es Bernstein pur. Die Herausforderung bestehe darin, den Charakter jedes Satzes herauszufinden. Das Werk sei schwer zu spielen, für den Solisten wie fürs Orchester. Ofer betrachtet es durchaus als Violinkonzert.

      Am 30.6.1951 erhielt Leonard Bernstein einen Auftrag der Koussevitzky-Stiftung für ein Orchesterwerk. Angeregt durch Platons „Symposion“ entstand das Werk schließlich zwischen Herbst 1953 und Sommer 1954, wo Bernstein es in einem Haus auf der Insel Martha´s Vineyard vor der Küste von Massachusetts, in das er sich zusammen mit seiner Frau Felicia zurückgezogen hatte, fertig komponierte. Das Werk ist dem Ehepaar Koussevitzky im Gedenken gewidmet. Es wurde am 12.9.1954 im Teatro La Fenice in Venedig von Isaac Stern und dem Israel Philharmonic Orchestra unter Leonard Bernsteins Leitung uraufgeführt. Isaac Stern spielte auch die amerikanische Erstaufführung am 15.4.1955 mit dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von Charles Münch. Eine von Herbert Ross choreografierte Ballettversion hatte im Juli 1959 in Spoleto (Italien) Premiere.

      Komponistenkollege Marc Blitzstein nannte die Serenade Bernsteins „bestes Werk“, und Humphrey Burton schreibt in seiner Bernstein-Biographie: „Der vierte Satz des Konzerts, der Agathon gewidmet ist, weist mit die schönste Musik auf, die im zwanzigsten Jahrhundert komponiert wurde.“

      Platons „Symposion“ enthält bei einem Gastmahl gehaltene erfundene Reden miteinander befreundeter griechischer Philosophen zum Thema Liebe. Bernstein hat für sein fünfsätziges Werk, bei dem jeder Satz mit Namen von Philosophen (erster und letzter Satz zwei, Rest jeweils einer) betitelt ist, die Reden-Reihenfolge und die Charaktere teilweise gegenüber Platons Vorlage abgeändert. Bei Platon liegt der Schwerpunkt auf der Sokrates-Rede, bei Bernstein bei Agathon. Bernstein selbst betont in seiner Einführung zur LP-Erstveröffentlichung, die verschiedentlich bei weiteren Veröffentlichungen nachgedruckt wurde, dass sich jeder Satz aus Elementen des vorigen entwickelt.

      Man kann dieses verkappte Violinkonzert einfach als Instrumentalkonzert ohne inhaltlichen Bezug zu Platons Vorlage hören, mit Klavierauszug oder Studienpartitur (beides bei Boosey & Hawkes verfügbar) oder im Konzert selbstverständlich auch, man kann Bernsteins Erläuterungen dazu heranziehen oder auch die Satzcharaktere, die Bernsteins Biograf Humphrey Burton (sich auf den Komponisten beziehend) vorschlägt, mitdenken. Den Titel Serenade leitet Bernstein von der „Abendmusik“ (ital. Sera) her, vom Liebeslied der Männer unter dem Balkon für die schönen Frauen. Instrumentiert ins Werk eingebaut hat Bernstein auch einige zuvor komponierte Widmungsklavierstücke (Anniversaries). Den Reiz macht vor allem auch die Klangmischung aus – die Solovioline, quasi der Erzähler jedes Satzes, dazu das Streichorchester und das bunt bis filigran eingesetzte Schlagwerk.

      1. Phaedrus; Pausanias (Lento – Allegro marcato)
      Phaedrus beginnt mit einem schwärmerischen Hymnus, ein langsames Fugato setzt sich damit in Gang, von der Violine eröffnet – mit einem ganz markanten Motiv. Pausanias´ Rede über die Dualität von Lieben und Geliebtwerden, direkt an die Einleitung wieder mit dem markanten Motiv beginnend anschließend, ist als Sonatensatz angelegt. Burtons Bernstein-Deutung für diesen Satz: Der Großmütig-Erhabene.

      2. Aristophanes (Allegretto)
      Bernstein macht aus dem Spaßmacher Aristophanes bewusst einen Gutenachtgeschichtenerzähler, der das Märchenhafte, das Mythische der Liebe betont. Burton: Der kindliche Bernstein.

      3. Eryximathus (Presto)
      Mit dem sehr kurzen Fugato-Scherzo streicht der Arzt Eryximathus die körperliche Harmonie in der Liebe heraus, zwischen Rätsel und Humor. Burton: Der ausgelassene und verspielte Bernstein.

      4. Agathon (Adagio)
      Agathon erzählt von der allumfassenden Liebe, ihrem Anreiz, ihrer Wirkung, in dreiteiliger Liedform ausgebreitet, Anfang und Ende (wieder das markante Motiv, wieder charakterlich verändert!) beseelt lyrisch, im Mittelteil eine Steigerung, die in eine Kadenz der Solovioline mündet. Burton: Bernstein hier ruhig und gelassen.

      5. Socrates; Alcibiades (Molto tenuto – Allegro molto vivace)
      Sokrates spricht eindringlich von den Dämonen, die mit der Liebe verbunden sein können. Das ist die gewichtige, dramatisch aufgeladene Einleitung zum 5. Satz (entwickelt aus dem Mittelteil des Agathon-Satzes), mündend in ein Zwiegespräch zwischen Violine und Cello. Alcibiades platzt mit seinen Saufkumpanen herein, und damit geht ein Rondo-Fest los, auch jazzoid durchsetzt. Burton: Bernstein als mahnender Prophet sowie als jazziger Bilderstürmer.



      Am 19.4.1956 entstand in New York die erste Tonträgeraufnahme von Bernsteins Serenade. Der Komponist dirigierte The Symphony of the Air und es spielte der Solist der Uraufführung, Isaac Stern (CD Sony SMK 60558). Ich finde diese späte Monoaufnahme toll, halte sie nicht nur der Namen wegen für hochauthentisch und musikalisch unübertroffen. Stern spielt leidenschaftlich und intensiv, und das Orchester macht vollblütig klangsatt aufgedreht mit.



      Die erste Stereoaufnahme des Werks entstand am 22.7.1965 im Manhattan Center in New York City mit Zino Francescatti und dem New York Philharmonic Orchestra, wieder unter Bernsteins Leitung (CD Sony SMK 60559, im Booklet fehlt hier im deutschsprachigen Teil Bernsteins Einführung zum Agathon-Satz). In den Konzerten in dieser Besetzung ein paar Tage zuvor, am 15. und 16.7.1965 in der Philharmonic Hall, gab es neben der Serenade die Uraufführung von Bernsteins Chichester Psalms mit John Bogart (Knabensopran) und den Camerata Singers sowie Bernsteins 2. Symphonie „The Age of Anxiety“ mit Philippe Entremont am Klavier. (Auch diese Werke wurden im Umfeld der Konzerte für Platten aufgenommen.) Francescatti beginnt eine Spur flehentlicher als Stern. Ein schöner offener Stereosound gibt dem wie bei vielen Aufnahmen dieser Zeit typischen eher nicht so geschliffenen, erdigen Klang der New Yorker besondere Fülle. Nach 3:45 Minuten und dann nach 5:25 Minuten hört man ja im 1. Satz ein Seitenthema, das ein wenig an Richard Strauss´ Rosenkavalier erinnert. Das höre ich in Sterns Aufnahme „wienerischer“. Das New Yorker Orchester swingt aber insgesamt großartig, man sieht förmlich Bernstein dazu wippen. Insgesamt wieder eine leidenschaftliche, vollblütige, saftige Aufnahme, und Bernstein ist zu Francescattis persönlichem, beseeltem Solo in seinem Element zwischen Sentiment, Swing und Drive.

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      Für die DGG entstand im Oktober 1979 live im Frederic R. Mann Auditorium in Tel Aviv die dritte von Bernstein selbst dirigierte Aufnahme, diesmal mit Gidon Kremer und dem Israel Philharmonic Orchestra (LP DGG 2531 196, CD DGG 423 583-2, gehört allerdings aus der 12 CD Box Bernstein conducts Bernstein DGG 447 950-2, aus der darin enthaltenen CD DGG 447 957-2). Im Ohr noch die Aufnahmen mit Stern und Francescatti, fällt Gidon Kremers geradlinigerer Ton auf. Das Orchester ergänzt hier filigraner und klanglich trockener. Bernsteins Swing bleibt erhalten, aber die Aufnahme wirkt auf mich insgesamt distanzierter, akademischer, technischer, zu akribisch, weniger urmusikantisch.



      Fürs Fernsehen entstand eine weitere Liveaufnahme mit Gidon Kremer und Bernstein am 6.5.1986 im Barbican Centre in London mit dem London Symphony Orchestra (DVD DGG 00440 073 4514). Auf der DVD die diese Aufnahme enthält sind als Bonus auch einige Aussagen Bernsteins zum Werk enthalten. Er hätte es lieber Symposion genannt, er habe es in seinen Flitterwochen komponiert (Anmerkung: Bernstein bezieht sich hier auf den Herbst 1951, als ihn Platons Worte dazu inspirierten), er hoffe, es funktioniert auch ohne Platon (Anmerkung: Dass es das tut, betont übrigens explizit Bernsteins Tochter Jamie in ihrem Begleittext zur Joshua Bell-Aufnahme der Serenade), aber Platon zu lesen sei gut. Bei der Konzertaufzeichnung selbst sind Bernsteins kurze Texterläuterungen zu jedem Satz jeweils am Beginn schriftlich eingeblendet. Es fällt einiges zusammen, diese Aufnahme wieder leidenschaftlicher zu empfinden als die aus Tel Aviv: Dass man die „Arbeit“ aller, den Einsatz fürs Werk, die Hingabe hier auch sehen kann, dass der Sound wieder voller ist, dass Kremers Spiel zwar weiter geradlinig brilliert, dabei aber doch inniger, unmittelbarer wirkt, und einmal mehr, dass Bernstein seine Musik halt wieder unwiderstehlich ausswingt, akustisch wie hier auch optisch.

      Ähnlich Friedrich Guldas Cellokonzert sammelten sich nach dem Tod des Komponisten einige Tonträgerveröffentlichungen mit Neuaufnahmen des Werks an.

      Zwei aufstrebende US-amerikanische Violin-Jungstars nahmen das Werk um die Jahrtausendwende auf, beide für Sony, beide mit dem Dirigenten David Zinman – die 1979 geborene Hilary Hahn und der 1967 geborene Joshua Bell.



      Eine schöne Überraschung ist für mich die mit Beethovens Violinkonzert gekoppelte, am 15.2. und am 8.6.1998 in der Joseph Meyerhoff Symphony Hall in Baltimore entstandene Aufnahme mit der in Baltimore aufgewachsenen Hilary Hahn und dem Baltimore Symphony Orchestra unter der Leitung von David Zinman (CD Sony SK 60584, 2012 auch in der KulturSpiegel Edition veröffentlicht). Hahn beginnt vibratolos rein, wie ein unbefangenes Kind, und das Orchester erscheint dann dazu wie die Menschenwelt rundum in seiner ganzen Vielschichtigkeit. Alles ist hier sensibel aufeinander abgestimmt, das „unschuldig schöne“ Violinsolo mit dem differenziert klangschön aufgefächerten Orchester. Vieles kommt poetisch-behutsam. Der Agathon-Satz, den ich längst besonders liebgewonnen habe, erklingt hier am Anfang und am Ende berückend zart. Im Februar und März 2018 ist Hilary Hahn mit der Serenade auf USA- und Europatournee unterwegs, zusammen mit dem Houston Symphony Orchestra unter der Leitung von Andrés Orozco-Estrada.



      Eine reine Bernstein CD, die Serenade mit anderen Bernstein Werken koppelnd (diese in speziellen Arrangements für Violine und Orchester), spielte Joshua Bell von 18. bis 20.12.2000 in den Air Studios (Lyndhurst Hall, London) mit dem Philharmonia Orchestra unter Zinmans Leitung ein (CD Sony SK 89358). Bell beginnt mit einschmeichelndem Tonfall, selbstbewusst, da weiß einer, wo er hinwill. Insgesamt wirkt Bells Aufnahme auf mich bewusster, bestimmter, offensiver, forcierter, konzertanter, auch äußerlicher, auf die möglichen Effekte hin gepolter als Hahns Aufnahme. Zinman zieht hier, sensibel auf den Solisten eingehend, mit. Wenn etwa im 2. Satz das Orchester charmant beginnt und sich die Solovioline dazuschmiegt, lässt das schon speziell aufhorchen. Insgesamt steht mir Hahns zurückhaltendere Aufnahme musikalisch näher.



      Anne-Sophie Mutter und das London Symphony Orchestra unter der Leitung von André Previn, Abbey Road Studios, London Juli 2003 (CD DGG 474 500-2, die Serenade hier gekoppelt mit Previns eigenem Violinkonzert) – das ist so wie ich es höre großes Kino, Hollywood pur. Anne-Sophie Mutter beginnt mit lieblichem Ton und spielt sich dann die Seele aus dem Leib, und das Orchester ergänzt bunt-schillernd und klangüppig, wie ein großes Filmorchester. Die großen Gefühle, Ingrid Bergman oder Grace Kelly, Sentimentalität (das „Rosenkavalier“ Motiv!), eine Cinemascopesequenz nach der anderen, der Agathon-Satz die ganz große Liebesszene, und gleich danach schlägt das Schicksal zu, aber das Ende ist ein prachtvolles Fest – nur: „Spielt“ die Serenade in Hollywood?



      Differenzierter, wieder zurückhaltender, dabei stets sensibel-akribisch, immer etwas Distanz wahrend, sowohl interpretatorisch (trotz stringent angenehm klarem Geigenton) als auch vom Klangbild her, so höre ich die zusammen mit Bernsteins Facsimile und Divertimento am 12. und 13.1.2005 im Lighthouse in Poole (UK) in der dortigen Concert Hall eingespielte Aufnahme mit Philippe Quint (Violine) und dem von Marin Alsop geleiteten Bournemouth Symphony Orchestra (CD Naxos 8.559245). Mir fehlt da etwas Bernsteins Charme und eine fesselndere Unmittelbarkeit.



      Ganz anders wieder der Ansatz des Amerikaners Brian Lewis (Violine) mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung von Hugh Wolff (CD Delos DE 3357, Veröffentlichung 2006, Aufnahme September 2004, Abbey Road Studios London, gekoppelt mit „Elements“ von Michael McLean). Man spürt sofort mit den ersten Tönen: Lewis taucht ganz tief ein in die Atmosphäre dieser Musik, und das Orchester gesellt sich gefühlvoll dazu. Es entwickelt sich eine atmosphärisch eher zurückhaltende, besonders fein modellierte Interpretation mit sensibler, behutsam schattierter Abstimmung zwischen Solist und Orchester, bei einem offenen, schön aufgefächerten, räumlichen Klangbild. Die Innenspannung lebt hier von einer durchgehaltenen schwebenden Leichtigkeit, Entspanntheit. Der Agathon-Satz, das intime Herzstück des Werks, entfaltet bei dieser Aufnahme einen ganz eigenen Zauber in den Rahmenteilen, um sich im Mittelteil stringent zur Kadenz hin zu steigern, die den Bogen zurück zur ganz zauberischen Atmosphäre des Anfangs spannt.

      Nun noch einige persönliche Gedanken zu zwei 2017 erschienenen Aufnahmen.



      Auch Renaud Capuçon ist Bernsteins Serenade ein ganz persönliches Anliegen, die Hingabe meine ich vom ersten Ton an als besonders eindringlich und beseelt zu spüren. Bei Capuçons am 25. und 26.2.2010 im Linzer Brucknerhaus entstandener, aber erst 2017 zusammen mit dem 1. Violinkonzert von Philipp Glass veröffentlichter Aufnahme (CD Orange Mountain Music D1124) überzeugt einmal mehr die feine Abstimmung zwischen Solist und Orchester im hier beeindruckend offenen räumlichen Klangbild. Vor allem aber das Bruckner Orchester Linz unter der Leitung von Dennis Russell Davies gibt der Interpretation etwas zu aufdringlich Verdeutlichendes, Effektvolles, Knalliges, eine bewusste Plakativität, die die Musik mehr ausstellt als in sie einzutauchen. Capuçon fängt das mit seinem intensiven Spiel gleichwohl etwas auf.



      Anders eigen gibt sich die am 13., 14. und 18.7.2016 im Kulturforum Saline in Offenau zusammen mit Joseph Haydns 1. Violinkonzert C-Dur entstandene Aufnahme der Serenade mit dem ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und des Lucerne Festival Orchestra Kolja Blacher in Personalunion als Dirigent und Solist des Württembergischen Kammerorchesters Heilbronn. Mit souveränem Geigenton forciert Blacher jedes Tempo und peitscht das Werk grimmig mitten durchs Geschehen, ohne nach links oder rechts zu schauen, ohne jedes „Verweile doch, du bist so schön“. Streng und unerbittlich wird´s durchgezogen, ab durch die Mitte. Mit 5:50 Minuten findet sich hier auch der schnellste Agathon-Satz, der sonst meist sieben bis acht Minuten dauert.

      Besonders ins Herz geschlossen habe ich nun Bernsteins erste beide Aufnahmen mit Stern und Francescatti sowie Bernsteins Fernsehaufzeichnung mit Kremer und was neuere Aufnahmen betrifft jene mit Hilary Hahn und Brian Lewis wegen ihrer Musikalität und Differenziertheit.

      Zum Abschluss dieses Vergleichs höre ich noch einmal die zu Beginn erwähnte von Omer Meir Wellber dirigierte Berliner Radioaufnahme aus dem Jahr 2016 mit Erez Ofer. Ich finde sie auch beeindruckend – mit festem und gleichwohl intensiv-sensiblem Geigenton steuert der Solist souverän durch die ihm zugedachten Soli, und das Orchester strahlt genauso eine Selbstverständlichkeit aus, diese vielschichtige und vielfach auch charmante Musik facettenreich interpretieren zu können. Die Buntheit der Partitur offenbart sich da genauso wie die Innenspannung und irisierende Atmosphäre zumal des Agathon-Satzes.

      Literatur:
      Peter Gradenwitz: Leonard Bernstein – Eine Biografie, Atlantis Musikbuch, Zürich 1992.
      Humphrey Burton: Leonard Bernstein – Die Biographie, Albrecht Knaus, München 1994.
      Andreas Eichhorn (Hrsg.): Leonard Bernstein und seine Zeit, Laaber, Laaber 2017.
      leonardbernstein.com/works/vie…de-after-platos-symposium
      kammermusikfuehrer.de/werke/234

      Herzlich willkommen im Capriccio Thread zu Leonard Bernsteins Serenade!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Itzhak Perlmann / Boston SO / Seiji Ozawa

      :cincinsekt: Dem Dank an Alexander möchte ich mich anschliessen.
      Das ist so komplett, dass man dazu inhaltlich fast nichts mehr beisteuern kann und braucht.

      Für mich stand eigentlich fest, das ich nach den beiden Bernstein-Aufnahmen (SONY, 1965 mit Francescatti) und die in der Tat etwas Trocknere aber auch sehr schöne und ebenfalls referenzwürdige Aufnahme (DG, 1979 mit Kremer) keine weiteren Aufnahmen der Serenade mehr benötige.
      Zufällig durch eine Violinkonzerte-Edition mit Hilary Hahn (SONY) und anderen Kopplungen auch ASM/Previn (DG) auch diese Beiden, die mir bei weitem nicht so gut gefallen und weder den rhythmischen Drive noch die Aussagekraft haben, wie Bernsteins eigene Aufnahmen.

      Eine Weitere, die ich mit wegen dem Barber - Violinkonzert gekauft hatte, ist die abgebildete mit Itzhak Perlmann / Boston SO / Seiji Ozawa, die nach bernsteins Tod im Jahre 1994 aufgenommen wurde.
      Diese Interpretation von Perlman und Ozawa hat Leidenschaft, Swing in den schnellen Sätzen und kann sich in die Klasse der herausragenden Aufnahmen der Serenade einreihen.
      Klanglich in komplexen Passagen orchestral nicht ganz detailreich, etwas dick, aber sonst auf gutem bis sehr gutem Niveau von Digitalaufnahmen ... ;) eben EMI.

      - heutzutage hat Warner die EMI-CD übernommen -
      ...
      EMI, 1995, DDD

      Ist übrigens insgesamt eine tolle CD auch wegen dem anderen amerikanischen Programm - von Barber und Foss (hier mal voll geniessbar !)
      ______________

      Gruß aus Bonn

      Wolfgang
    • Danke Euch für die Repliken!
      Und ja mit der Bernstein IPO Aufnahme war ich etwas hart, stimmt. Das war der unmittelbare Vergleich, da hat mich der tolle Eindruck der ersten beiden Aufnahmen halt "festgelegt". Habe mir gestern noch einmal den Agathon Satz in der IPO Aufnahme angehört, der ist da schon auch sehr schön.
      Bei Hilary Hahn haben wir einen anderen Geschmack, ist doch OK, wäre fad, wenn alle immer nur dasselbe bevorzugen.
      Perlman/Ozawa habe ich soeben auch bestellt, danke für die Covers! :top:
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Man sollte auch die relativ unbekannten Aufnahmen von Andrew Litton nicht vergessen zu erwähnen, denn sie sind exzellent. Die günstige Virgin-CD lässt sich leider nicht vernünftig posten.
      Viele Grüße sendet Maurice

      Musik bedeutet, jemandem seine Geschichte zu erzählen und ist etwas ganz Persönliches. Daher ist es auch so schwierig, sie zu reproduzieren. Niemand kann ihr am Ende näher stehen als derjenige, der/die sie komponiert hat. Alle, die nach dem Komponisten kommen, können sie nur noch in verfälschter Form darbieten, denn sie erzählen am Ende wiederum ihre eigene Geschichte der Geschichte. (ist von mir)
    • Auf dieser Litton-Aufnahme befindet sich aber nicht die Serenade, sondern die Candide-Ouvertüre, The Age of Anxiety (Sinfonie Nr. 2) und Fancy Free.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • Danke an Alexander für diesen Thread. Bernsteins Serenade steht mir mit diesen beiden Aufnahmen zur Verfügung, die ich mir eben wieder anhörte:


      (AD: 22. & 23. November 2017, BASF-Feierabendhaus, Ludwigshafen [Korngold*] & 09. & 13. Juni 2017, Musis, Arnhem, NL [Bernstein**], beides live)
      Spielzeiten: I 07:02 / II 04:25 / III 01:30 / IV 07:18 / V 10:59

      Liza Ferschtman, Violine
      Prague Symphony Orchestra*
      Jiří Malát
      *
      Het Gelders Orkest**
      Christian Vásquez
      **

      &


      (AD: Juli 2007, Sala São Paulo)
      Spielzeiten: I 06:31 / II 04:37 / III 01:27 / IV 07:01 / V 10:48

      Vadim Gluzman, Violine
      São Paulo Symphony Orchestra
      John Neschling


      Das sind meiner Meinung nach zwei hervorragende Aufnahmen, die sich relativ ähnlich sind. Ferschtman betont etwas mehr den lyrischen Charakter der Serenade aber das rhythmische Element kommt in ihrer Interpretation keinesfalls zu kurz. Sehr schöner, schlanker Geigenton mit zurückhaltenden Vibratoeinsatz. Sehr gut gefällt mir auch Gluzman, der einen dunkleren Klang mit minimal mehr Vibrato hat. Tolles Gespür für die sensiblen Momente.
      In beiden Aufnahmen überzeugen auch die Orchester, die sich als gleichberechtigte Partner mit dem Solisten erweisen, die klanglich nicht vor dem Orchester stehen, sondern gut in den Gesamtklang integriert sind. Überhaupt ist die Klangqualität dieser beiden Aufnahmen schlicht brillant.

      Die weiteren Werke auf diesen Aufnahmen lassen für mich keine Wünsche offen und passen auch gut zueinander.
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)
    • teleton schrieb:

      Eine Weitere, die ich mit wegen dem Barber - Violinkonzert gekauft hatte, ist die abgebildete mit Itzhak Perlmann / Boston SO / Seiji Ozawa, die nach bernsteins Tod im Jahre 1994 aufgenommen wurde.
      Diese Interpretation von Perlman und Ozawa hat Leidenschaft, Swing in den schnellen Sätzen und kann sich in die Klasse der herausragenden Aufnahmen der Serenade einreihen.
      Klanglich in komplexen Passagen orchestral nicht ganz detailreich, etwas dick, aber sonst auf gutem bis sehr gutem Niveau von Digitalaufnahmen ... ;) eben EMI.

      - heutzutage hat Warner die EMI-CD übernommen -
      ...
      EMI, 1995, DDD

      Ist übrigens insgesamt eine tolle CD auch wegen dem anderen amerikanischen Programm - von Barber und Foss (hier mal voll geniessbar !)
      Bei mir ist die CD gestern eingetroffen (die EMI Erstauflage), danke teleton für den Tipp! Mein Eindruck deckt sich mit Deinem: Perlman setzt mit festem, klarem Ton an. Das hat etwas von „Ärmel aufkrempeln und beherzt ans Werk gehen“. Akustisch steht die Violine bei dieser Aufnahme bei insgesamt schön offenem Stereosound deutlich vor dem an sich klangsatten Orchester, mehr jedenfalls als in anderen Einspielungen von Bernsteins Serenade. Das merkt man etwa im letzten Satz, wenn Violine und Cello miteinander korrespondieren, besonders stark. Insgesamt ist es für mich eine vor allem musikantisch ansprechende Aufnahme, zupackend präsent, auch mit besonders natürlich wirkendem Jazz-Swing-Feeling.

      Auf die Ferschtman- und Gluzman-Aufnahmen bin ich auch schon sehr gespannt, eine davon sollte ich heute oder morgen von jpc erhalten, die andere auch bald.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Dank auch hier speziell an Lionel! :top:


      Mein Eindruck:

      Ein anrührender Geigenton von Beginn an – die niederländische Geigerin Liza Ferschtman präsentiert sich mit ihrer zusammen mit dem Het Geldens Orkest unter der Leitung von Christian Vásquez am 9. und 13.6.2017 in Arnhelm (NL, Musis) mitgeschnittenen Liveaufnahme der Bernstein-Serenade als persönliche Erzählerin, die den Hörer für das Werk einnehmend auf die Reise durch dieses mitzunehmen vermag (CD Challenge Classics CC72755). Das Dialogische mit dem Orchester erscheint hier besonders fein abgestimmt, bei offenem, räumlichem Klangbild. Eine durchgehend erzählerisch starke Aufnahme, jedem Satz seinen speziellen Charakter besonders intensiv gebend, der Agathon-Satz zart und sensibel wie sonst kaum. Eine echte Überraschung, diese Neuaufnahme der Serenade zum Bernstein-Jahr 2018, genauso wie die auf dieser CD enthaltene Neuaufnahme des Korngold-Violinkonzerts!
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Seit gestern hab´ ich nun auch die hier schon von Lionel vorgestellte Gluzman-Aufnahme. Wieder eine sehr schöne diskografische Bereicherung zum Werk, ja!

      Mein Höreindruck:

      Vadim Gluzman fällt gleich mit seinem geschmeidigen Geigenton und Spielansatz auf. Das Orchester ist vollblütig bis kammermusikalisch klangschön dabei, mit weichem Orchesterklang, optimal im Zusammenspiel mit dem Solisten, und das alles im wirklich herausragend großartig weiträumigen Klangbild der Aufnahme. Eine musikalisch wie musikantisch und vor allem auch akustisch ausgezeichnete Aufnahme! Mein Lieblingssatz des Werks, der Agathon-Satz, erklingt hier wieder einmal besonders sensibel.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, diese Aufnahme zu hören:

      [IMG:https://images-eu.ssl-images-amazon.com/images/I/41rD4ANDFoL._SS500.jpg] bzw. auch hier enthalten:
      (AD: 28. Oktober 2010, Opéra de Dijon [Bernstein], 07. Januar 2011, Cité de la musique - Philharmonie de Paris [Concerto Grosso Nr. 1] & 02. Dezember 2014, Opéra de Dijon [Moz-art á la Haydn], alles live)

      Spielzeiten der Serenade: I 06:55 / II 04:39 / III 01:34 / IV 06:44 / V 11:11

      Eine sehr leidenschaftliche und temperamentvolle Aufnahme. Besonders die Live-Atmosphäre finde ich hier sehr gut eingefangen, weil man spürt, das mit Verve, fast wie ohne Netz und doppelten Boden gespielt wird.Die lyrischen Momente, insbesondere im 4. Satz kommen aber auch sehr gut zur Geltung obwohl dieser Satz (Agaton) in dieser Aufnahme geringfügig schneller gespielt wird. Sehr gute Transparenz und Balance zwischen Solist und Kammerorchester.

      Fantastisch sind übrigens auch die Interpretationen der beiden Schnittke-Werke: Kraftvolles und kompromissloses Spielen. Insgesamt ist das eine sehr empfehlenswerte Aufnahme.

      David Grimal, Violine
      Hans-Peter Hofmann, Violine* (Schnittke)
      Les Dissonances

      Das Ensemble "Les Dissonances" wurde 2004 durch den Geiger David Grimal gegründet und der Name ist eine Hommage an Mozarts "Dissonanzenquartett". Ziel des Ensembles ist eine konstruktive Abweichung von Denkgewohnheiten. Es besteht aus MusikerInnen aus verschiedenen französischen und internationalen Orchestern, Kammermusikensembles, die teilweise noch am Beginn ihrer Karriere stehen. Des weiteren spielt das Ensemble in wechselnden Besetzungen Werke bis einschließlich des sinfonischen Repertoires des 19. und 20. Jahrhunderts und immer ohne Dirigenten. Heimstätte von Les Dissonances ist das Opernhaus in Dijon.

      Armin
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)


    • Das ist so wie ich es höre ein wunderschöner Geigenton, mit dem Régis Pasquier sich in seine Aufnahme von Leonard Bernsteins Serenade begibt, ein angenehmer, warmer Ton, rein und rund, und die ganze Aufnahme entwickelt sich eher weich und anschmiegsam, geschmeidig statt kantig, dabei nicht nur im Jazzigen auch luftig transparent, in sehr schönem offenem Stereosound. Dirigent Edmon Colomer passt das Orchestre de Picardie dem Geigenton des Solisten optimal an. Eine Wohlfühlaufnahme des Werks. Die Aufnahme entstand im April 2003 im Théâtre impérial de Compiègne, zusammen mit Kurt Weills Violinkonzert op. 12 (CD Calliope CAL 93929).
      Herzliche Grüße
      AlexanderK


    • Eine wie ich meine besonders gut durchblutete, ungemein lebendige, aus intensivem gemeinsamem Atem heraus erstehende Liveaufnahme von Leonard Bernsteins Serenade entstand am 28.10.2010 in der Opéra de Dijon mit dem 2004 gegründeten Künstlerkollektiv Les Dissonances unter der Leitung seines auch das Solo spielenden Leiters David Grimal (3 CD Box und Buch Dissonances Records LD 008). Das ist gelebte Musik pur, intensiv musiziert, erfühlt, ganz unmittelbar, auch klanglich vollblütig und offen. Den Agathon-Satz höre ich innerlich langsamer und verhaltener, so glutvoll wie er hier allerdings gebracht wird überzeugt er auch und gerade so ganz und gar.
      Herzliche Grüße
      AlexanderK
    • Hier gibt es einen interessanten Ausschnitt einer Aufführung der Serenade beim Tanglewood Festival 1986 mit der damals 14jährigen Midori und dem Boston Symphony Orchestra dirigiert von Leonard Bernstein. Im Finalsatz zerreißt Midori zweimal die E-Saite und sie muss sich die Instrumente der 1. und 2. Konzertmeister nehmen.

      Video
      "Musik ist für mich ein schönes Mosaik, das Gott zusammengestellt hat. Er nimmt alle Stücke in die Hand, wirft sie auf die Welt, und wir müssen das Bild zusammensetzen." (Jean Sibelius)