Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

      20.02.1745 - Taufe von Johann Peter Salomon*

      Nachdem er* zu Bonn schon seine juristischen Studien begonnen hatte, widmete er sich der Musik und machte sich bald als Geiger einen Namen.
      In Berlin, wo er sich auf einer Kunstreise hören ließ, machte ihn Prinz Heinrich von Preußen zum Concertmeister in seiner Capelle. Hier bildete sich S. zu einem vortrefflichen
      Dirigenten
      aus, während seine kleinen Compositionen auf dem Gebiet der französischen Oper unbedeutend blieben. Von Einfluß auf das Musikleben ward er besonders dadurch,
      daß er im Gegensatz zu der damals herrschenden Graun`schen Richtung für die Haydn`sche Musik, insbesondere für die Quartette und Symphonien eintrat. Es scheint aber,
      daß dies die Ursache ward, weshalb er 1780 den Dienst des Prinzen Heinrich verließ.
      Nach einer Reise durch Deutschland begab er sich 1781 nach London, wo er sich fortan dauernd niederließ. Hier hat er durch seine Betheiligung an Errichtung und Leitung der Concerte
      der Philharmonischen Gesellschaft und sowohl durch Einführung der deutschen, als durch Vorführung der älteren Musik bis zu seinem Tode eine sehr bedeutende Entwicklung auf
      das Musikleben in England geübt. Bekanntlich war auch er es, welcher im J. 1790 in Wien Haydn für das Londoner Professional-Concert engagirte.
      Von seinen Compositionen scheinen nur 6 Violinsolo`s gedruckt zu sein. Sein Tod (zu London am 25. November 1815) erfolgte infolge der Verletzungen, welche er sich durch einen
      Sturz mit dem Pferde im August 1815 zuzog. Seine Leiche ward unter unter großer Betheiligung des Publicums in der Westminsterabtei beigesetzt.

      Wien, d. 1. Juni 1815.
      Mein werther Landsmann !*
      Immer hoffte ich den Wunsch erfüllt zu sehen, Sie einmal selbst in London zu sprechen, allein immer standen mir, diesen Wunsch auszuführen, mancherlei Hindernisse
      entgegen,
      -- und eben deswegen, da ich nun nicht in dem Falle bin, hoffe ich, daß Sie mir meine Bitte nicht abschlagen werden, die darin besteht, daß Sie die Gefälligkeit hätten, mit einem
      dortigen Verleger zu sprechen und ihm folgende Werke von mir anzutragen: °
      Ich habe beiläufig bei einigen Werken das Honorar beigefügt, welches, wie ich glaube, für England recht sein wird, überlasse aber bei diesen wie bei den andern Ihnen selbst, was Sie
      am besten finden, was man dafür giebt. Ich höre zwar, Cramer ist auch Verleger, allein mein Schüler Ries schrieb mir vor kurzem, daß selbiger öffentlich sich gegen meine Compositionen
      erklärt habe, ich hoffe aus keinem andern Grunde als der Kunst zu nützen, und so habe ich gar nichts dagegen einzuwenden. Will jedoch Cramer etwas von diesen schädlichen

      Werken besitzen, so ist er mir so lieb als jeder andere Verleger; ich halte mir blos bevor, daß ich selbige Werke auch einem hiesigen Verleger geben darf, so daß diese Werke
      eigentlich nur in London und Wien herauskommen würden, und zwar zu gleicher Zeit. --
      Vielleicht ist es Ihnen auch möglich mir anzuzeigen, auf welche Art ich vom Prinzen = Regenten die Kopiatur = Kosten für die ihm übermachte Schlacht = Symphonie auf
      Wellington`s Sieg in der Schlacht von Vittoria erhalten kann; denn längst habe ich den Gedanken aufgegeben, auf sonst irgend etwas zu rechnen; nicht einmal einer Antwort bin
      ich
      gewürdigt worden, ob ich dem Printen = Regenten dieses Werk widmen darf; indem ich`s herausgebe, höre ich sogar, das Werk soll schon in London im Clavier=Auszug heraus sein, --
      welch
      Geschick für einen Autor! ! ! Während die englischen und deutschen Zeitungen voll sind von dem Erfolge dieses Werkes im Drurylane=Theater aufgeführt, das Theater selbst ein
      paar
      gute Einnahmen damit gemacht hat, hat der Autor nicht einmal eine freundschaftliche Zeile davon aufzuweisen, nicht einmal den Ersatz der Kopiatur = Kosten, °°
      Denn wenn es wahr ist, daß der Klavier = Auszug wohl bald von irgend einem deutschen Verleger dem Londoner nachgestochen erscheint, so verliere ich Ehre und Honorar. --
      Ihr bekannter edler Charakter läßt mich hoffen daß Sie einigen Antheil nehmen und sich thätig für mich bemühen().
      Mein einziges Verdienst sind meine Compositionen. Könnte ich hierin auf die Abnahme Englands rechnen, so würde das sicher vorheilhaft für mich sein.
      Rechnen Sie auf meine
      unbegrenzte Dankbarkeit, ich hoffe eine balde, sehr baldige Antwort von Ihnen.
      Ihr
      Verehrer
      und Freund
      Ludwig van Beethoven

      Rochus von Liliencron in "Ledebur, Tonkünstler-Lexicon"; zit. auf wikisource.org
      Der Wortlaut des Briefes folgt dem (auf google.de zitierten) Abdruck in der "Zeitschrift f. Musik" (Verantwortl. Redacteur: Dr. R. Schumann. / Verleger: R. Friese, Leipzig) v. 16.01.1843
      ° Lt. Zeitschrift handelt es sich i. F. um die Opera 91 - 93 u. 95 - 97 sowie vermutl. um op. 135 ...
      °° an dieser Stelle die Anmerkung Die lezten Worte sind im Originale schwer zu entziffern.
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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    • 21.02.1841 - Todestag von Dorothea Tieck

      ((Shakespeares)) Macbeth hatte ((der Vater)) Ludwig T. bereits 1819 zu übersetzen begonnen. D. T. beendete die fragmentarische deutsche Version 1833 ((v. wikipedia.org))
      >Im Folgenden sind Beginn u. Ende der 5.Szene des 1.Aufzugs ungekürzt wiedergegeben<

      >Inverness; Zimmer in Macbeth Schloß<
      >Lady Macbeth tritt auf mit einem Brief<

      ((LADY MACBETH liest => )) Sie begegneten mir am Tage des / Sieges; und ich erfuhr aus den sichersten Proben, / daß sie mehr als menschliches Wissen besitzen.
      Als ich vor Verlangen brannte, sie weiter zu befragen, / verschwanden sie und zerflossen in Luft. Indem ich noch,
      von Erstaunen betäubt, da stand, kamen die Abgesandten des / Königs, die mich als Than von Cawdor begrüßten, mit / welchem Titel mich kurz zuvor diese Zauberschwestern
      angeredet
      und mich durch den / Gruß: Heil dir, dem künftigen König, auf die Zukunft / verwiesen hatten. Ich habe es für gut gehalten,
      Dir zu vertrauen, meine geliebteste Teilnehmerin / der Hoheit, auf daß Dein Mitgenuß an der / Freude Dir nicht entzogen werde, wenn Du nicht erfahren
      hättest, welche Hoheit Dir verheißen ist.
      Leg es an / Dein Herz und lebe wohl. (( <= )) --
      Glamis bist du, und Cawdor; und sollst werden, / was dir verheißen!--
      Doch fürcht ich dein Gemüt; / Es ist zu voll von Milch der Menschenliebe,
      Den nächsten Weg zu gehn. Groß möchst du sein, / Bist ohne Ehrgeiz nicht; doch fehlt die Bosheit, / Die ihn begleiten muß. Was recht du möchtest,
      Das möchst du rechtlich; möchtest falsch nicht spielen, / und unrecht doch gewinnen; möchtest gern, / Das haben, großer Glamis, was dir zuruft:
      Dies mußt du tun, wenn du es haben willst!--
      Und was du mehr dich scheust zu tun, als daß / Du ungetan es wünschest Eil hierher, /
      Auf daß ich meinen Mut ins Ohr dir gieße, / Und alles weg mit tapfrer Zunge geißle,
      Was von dem goldnen Zirkel dich zurückdrängt, / Womit das Schicksal dich und Zaubermacht / Im voraus schon gekrönt zu haben scheint -
      . . . .
      Trinkt Galle statt der Milch, ihr Morddämonen, / Wo ihr auch harrt in unsichtbarem Wesen / Auf Unheil der Natur! Komm, schwarze Nacht,
      Umwölk dich mit dem dicksten Dampf der Hölle, / Daß nicht mein scharfes Messer sieht die Wunde, / Die es geschlagen, noch der Himmel

      Durchschauend aus des Dunkels Vorhang rufe: / Halt, halt! --
      ((MACBETH tritt auf)) O großer Glamis! Edler Cawdor! / Größer als beides durch den künftgen Heilruf!
      Dein Brief hat über das armselge Heut / Mich weit verzückt, und ich empfinde nun / Das Künftige im Jetzt.
      ((MACBETH Mein teures Leben, / Duncan kommt heut noch.)) Und wann geht er wieder? ((MACBETH Morgen, so denkt er.))
      Oh, nie soll die Sonne
      den Morgen sehn! Dein Angesicht, mein Than, / Ist wie ein Buch, wo wunderbare Dinge / Geschrieben stehn.--Die Zeit zu täuschen, scheine
      So wie die Zeit: den Willkomm trag im Auge, / In Zung und Hand; blick harmlos wie die Blume, / doch sei die Schlange drunter. Wohl versorgt
      Muß der sein, der uns naht; und meiner Hand / Vertrau das große Werk der Nacht zu enden, / Daß alle künftgen Tag und Nächt uns lohne
      Alleinge Königsmacht und Herrscherkrone / ((MACBETH Wir sprechen noch davon.))
      Blick hell und licht; / Mißtraun erregt verändert Angesicht. / Laß alles andre mir!

      v. gutenberg.org
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    • 26.02.1654 - Taufe von Christopher Marlowe


      ((Der Dichter)) A.C.Swinburne (verst. 1909) nannte ihn den Vater der "englischen Tragödie" und den() Erfinder des englischen Blankverses, der zugleich als() Wegweiser
      für
      Shakespeare
      gesehen werden müsse(). ((Der 1972 verst. Anglizist)) I.Ribner war 1964 davon überzeugt, dass die Neubewertung von M. erst begonnen habe(). / v. wikipedia.org

      ((NOTE: This monologue is reprinted from "Dido Queen of Cathage." C. M. London: Hurst Robinson 1825))
      DIDO Speaks not Aeneas like a conqueror? / O blessed tempests that did drive him in! / O happy sand that made him run aground! / Henceforth you shall be our Cathage gods.
      As, but it may be, he will leave my love, / And seek a foreign land call`d Italy: / O that I had a charm to keep the winds / Within the closure of a golden ball;
      Or that the Tyrrhene sea were in mine arms, / That he might suffer shipwreck on my breast, / As oft as he attempts to hoist up sail! / I must prevent him; wishing will not serve.--
      Go bid my nurse take young Ascanius, / And bear him in the Country to her house; / Aeneas will not go without his son; / Yet, lest he should, for I am full of fear,
      Bring me his oars, his tackling, and his sails.
      What if I sink his ships? O, he will frown! / Better he frown than I should die of grief. / I cannot see him frown; it may not be: / Armies of foes resolv`d to win his town,
      Or impious traitors vow`d to have my life, / Affright me not; only Aeneas frown / Is that which terrifies poor Dido`s heart: / Not bloody spears, appearing in the air,
      Presage the downfall of my empery, / Nor blazing comets threaten Dido`s death; / It is Aeneas` frown that ends my days.
      If he forsake me not; I never die; / For in his looks I see eternity, / And he`ll make me immortal with a kiss.

      ((NOTE: This monologue is reprinted from "Masterpieces of the English Drama." Ed. William Lyon Phelps. New York: American Book Company, 1912))
      FAUSTUS: ()One drop would save my soul, half a drop: ah my Christ!-- / Ah rend not my heart for naming of my Christ! / Yet will I call on him: O, spare me, Lucifer!--
      Where is it now? tis gone: and see, where God / Stretcheth out his arms and bend his ireful brows!
      Mountains and hills, come, come, and fall on me, / And hide me from the heavy wrath of God! / No, no!
      Then will I headlong run into the earth: / Earth, gape! O, no, it will not harbour me! / You stars that reign`d at my nativity, / Whose influence hath alotted death and hell,
      Now draw up Faustus, like a foggy mist, / Into the entrails of yon labouring clouds, / That, when you vomit forth into the air,
      My limbs may issue from your smoky mouths, / So that my soul may but ascend to heaven!
      >The clock strikes the half-hour<
      Ah, half the hour is past! `twill all be past anon. / O God,
      If thou wilt not have mercy on my soul, / Yet for Christ`s sake, whose blood hath ransom`d me / Impose some end to my incessant pain;
      Let Faustus live in hell a thousand years, / A hundred thousand, and at last be sav`d! / O, no end is limited to damned souls!
      Why wert thou not a creature wanting soul? / Or why is this immortal that thou hast?
      Ah, Pythagoras` metempsychosis, were that true, / This soul should fly from me, and I be chang`d / Unto some brutish beast! all beasts are happy,
      For, when they die, / Their souls are soon dissolv`d in elements; / But mine must live still to be plagu`d in hell / Curs`d be the parents that engender`d me!
      No, Faustus, curse thyself, curse Lucifer / That hath depriv`d thee of the joys of heaven.
      >The clock strikes twelve<

      zit. v. monologuearchive.org
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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    • 02.03.1808 - Uraufführung des Lustspiels "Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist

      Der obere
      (hier stark gekürzte!) Text ("Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden...! / An Rühle") entstand lt. zvab.com bereits 1799 -
      es dürfte sich also um eine der frühesten (uns erhalten gebliebenen?) Kleist-Veröffentlichungen handeln!
      Zum (hier c. zur Hälfte zitierten) "Brief eines Dichters an einen anderen" vermerkt R.Steig ("...Kleists Berliner Kämpfe / Berlin, Stuttgart: Spemann 1901"; zit. auf textkritik.de )
      "Ein zweites Schriftstück Kleist`s zur poetischen Selbstvertheidigung: im 4. Abendblatt vom 5. Januar 1811."

      Wir sehen die Großen dieser Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie
      zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wagen, der Kummer spricht aus allen ihren Zügen.
      Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen
      und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinen Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt.
      Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, das sehn sie wohl, mein Freund, ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glücks haben wir Tränen in
      den
      Augen des erstern, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehn.
      Wenn also die Regel des Glückes sich nur so unsicher auf äußere Dinge gründet, wo wird es sich denn sicher und unwandelbar gründen? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch
      nur
      einzig genossen und entbehrt wird, im Innern.
      .... Wenn ich Ihnen mit einigen Zügen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so würde ich nur
      die
      Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders rührt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit,
      Bescheidenheit, Genügsamkeit etc. zusammentragen können; aber, Lieber, ein Gemälde würde das immer nicht werden, ein Rätsel würde es Ihnen, wie mir, bleiben,
      dem immer
      das bedeutungsvolle Wort der Auflösung fehlt.
      Aber, es sei mit diesen wenigen Zügen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, daß wenn wir, bei der möglichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kräfte,
      auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gründen, ich sage, wenn wir bei der Bildung unsers Urteils, bei der Erhöhung unseres Scharfsinns durch
      Erfahrungen
      und Studien aller Art die Grundsätze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der Mäßigkeit, der Genügsamkeit usw.
      unerschütterlich und unauslöschlich in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umständen behaupte ich, daß wir nie unglücklich sein werden. ....

      Mein teurer Freund!
      Jüngsthin, als ich dich bei der Lektüre meiner Gedichte fand, verbreitest du dich, mit außerordentlicher Beredsamkeit, über die Form, und unter beifälligen Rückblicken über
      die
      Schule, nach der ich mich, wie du vorauszusetzen beliebst, gebildet habe; rühmtest du mir auf eine Art, die mich zu beschämen geschickt war, bald den Rhythmus, bald
      den Reiz des
      Wohlklangs und bald die Reinheit und Richtigkeit des Ausdrucks und der Sprache überhaupt. Erlaube mir, dir zu sagen, daß dein Gemüt hier auf Vorzügen
      verweilt,
      die ihren größesten Wert dadurch bewiesen haben würden, daß du sie gar nicht bemerkt hättest.
      .... Nur weil der Gedanke, um zu erscheinen, ()mit etwas Gröberem, Körperlichen, verbunden sein muß: nur darum bediene ich mich, wenn ich mich dir mitteilen will, und
      nur
      darum bedarfst du, um mich zu verstehen, der Rede, Sprache, des Rhythmus, Wohklangs usw. und so reizend diese Dinge auch, insofern sie den Geist einhüllen, sein mögen,
      so sind sie doch ()nichts, als ein wahrer, obschon natürlicher und notwendiger Übelstand; und die Kunst kann, in bezug auf sie, auf nichts gehen, als sie möglichst verschwinden
      zu machen. Ich bemühe mich aus meinen besten Kräften, dem Ausdruck Klarheit, dem Versbau Bedeutung, dem Klang der Worte Anmut und Leben zu geben: aber bloß, damit
      diese
      Dinge gar nicht, vielmehr einzig und allein der Gedanke, den sie einschließen, erscheine.
      Denn das ist die Eigenschaft aller echten Form, daß der Geist augenblicklich und unmittelbar daraus hervortritt, während die mangelhafte ihn, wie ein schlechter Spiegel,
      gebunden
      hält, und uns an nichts erinnert, als an sich selbst. Wenn du mir daher, in dem Moment der ersten Empfängnis, die Form meiner kleinen, anspruchlosen Dichterwerke
      lobst:
      so erweckst du in mir() die Besorgnis, daß darin ganz falsche rhythmische und prosodische Reize enthalten sind, und daß dein Gemüt, durch den Wohlklang oder den Versbau,
      ganz und gar von dem, worauf es mir eigentlich ankam, abgezogen worden ist. ....

      zit. v. zeno.org
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • 03.03.1706 - Todestag von Johann Pachelbel

      .... Der größte dieser in städtischen Diensten stehenden Musiker war Seb. Bach; ihm aber reihen sich viele an, die durch ihre() Kunstübung ()sehr einflußreich wurden.
      Unter den letzteren nimmt P., der ()"bestverdiente" Organist bei St. Sebald in Nürnberg, ein Freund D. Buxtehudes in Lübeck, ()eine ehrenvolle und hervorragende Stelle ein().
      Da (P.) große Lust zur Musik verspüren ließ, (wurde er) von dem damaligen St. Sebalder Schulcollegen, H. Schwemmer (1621-96) ()auf verschiedenen Instrumenten, namentlich
      dem Clavier unterrichtet. Schwemmer zählte zu den geachteten Tonsetzern des 17. Jahrhunderts und war besonders als Lehrer ausgezeichnet, denn außer P. waren ()alle
      bedeutende Nürnberger Musikdirectoren, Organisten, Componisten und Instrumentisten seine Scholaren. Auch das ist bezeichnend für dies reichsstädtische Musikleben, daß man bei

      den Anstellungen fast immer die Stadtkinder bevorzugte, so daß in gewissen Familien die Musikübung sich fortpflanzen und man wirklich von Tonschulen mit bestimmt ausgeprägtem
      Charakter sprechen konnte. Namentlich lagen nach dieser Richtung in Nürnberg die Verhältnisse günstiger als irgend sonst wo. Die altberühmte, weitausgedehnte Reichsstadt zählte
      viele Kirchen und da in allen protestantischer Gottesdienst stattfand, so war für jede derselben ein besonderer Organist und ein Cantor, für die größern auch ein Musikdirector nöthig().
      Bis zu den Tagen Pachelbels können wir eine stattliche Zahl hochangesehener Namen, allen voran die drei Söhne des aus Böhmen eingewanderten Instrumentisten Issac Hassler,
      Hans Leo (1564-1612), Jacob und Caspar (gest. 1618) anführen().
      .... 1675 erhielt (P.) unter sehr annehmbaren Bedingungen einen Ruf als Organist ()nach Eisenach. Doch scheinen sich im Veraufe der nächsten Jahre, insbesondere nach dem
      Hinscheiden des Herz. Bernhard von Jena, die musikalischen Verhältnisse nicht wünschenswerth gestaltet zu haben, weshalb P. nach drei Jahren diese Stellung mit einer ähnlichen
      an der Predigerkirche in Erfurt, in welcher Stadt er nun zwölf Jahre "zu jedermanns Vergnügen löblich waltete", vertauschte().
      Wie in Eisenach entließ man ihn auch in Erfurt nur sehr ungern, als er 1690 einem Rufe der verwitweten Herzogin Magdalena Sybilla von Würtemberg, in deren Diensten einst auch
      der berühmte Froberger gestanden hatte, als Hofmusiker und Organist nach Stuttgart folgte. Man rühmte von Erfurt aus nicht nur sein musikalisches Geschick, sondern auch sein
      "treu-aufrichtiges Gemüte und seine durch Leben und Wandel bethätigte Gottesfurcht, Ehr- und Redlichkeit". Leider war seines Bleibens in Stuttgart nicht lange(). 1692 kehrten
      (die Franzosen) zurück. Was fliehen konnte, floh. Viele der zurückgebliebenen Bewohner wurden von den übermüthigen Siegern verjagt, unter ihnen auch P., der nun mit Frau und
      Kindern und ohne Hilfe und Unterstützung in dem vom Kriege schwerheimgesuchten Lande wochenlang umherirrte. "Doch half ihm Gott bald wieder." ()Am 08. November schon
      wurde er zum Organisten in Gotha ernannt. Unmittelbar darauf() erhielt er auch einen Ruf nach Oxford, der später wiederholt wurde; aber P. lehnte beidemale, seiner zahlreichen
      Familie wegen, ab, ihm zu folgen. Ebensowenig war er zu bewegen, wieder nach Stuttgart, von wo dringende Einladungen zur Rückkehr eintrafen, zurückzukehren.
      Als in Nürnberg
      1695 der Organist bei St. Sebald() starb und man ihm, der sich einen ehrenvollen Künstlerruf in seinen bisherigen Bedienstungen gegründet hatte, diese Stelle
      anbot, übernahm er sie
      freudig, nur um in seiner lieben Vaterstadt wieder leben und wirken zu können().
      P. war einer der ersten Componisten, welche die Schranken der alten Tonlehre, die so lange das Schaffen früherer Meister beengt hatten, durchbrachen. Er bediente sich fast
      ausnahmslos der modernen Dur- und Mollgeschlechte. Seine Thätigkeit und sein Vorgehen erscheinen ferner deswegen so wichtig, weil er die musikalischen Formen erweiterte,
      bedeutsamere, durch innere Geschlossenheit und charakteristische Färbung sich auszeichnende Themen erfand, deren Durchführung er verständig und planmäßig zu gruppiren
      ()und zu
      entwickeln wußte und weil er namentlich seinen Choralvorspielen eine ideellere Bedeutung, als man bisher gewohnt war, zu geben vermochte.
      Seine Chorcompositionen sind bei aller
      Frische und Lieblichkeit doch würdig und nicht selten von großer und glänzender Wirkung().
      Das Erhabene und Kräftige gelingt ihm ebenso, wie das Zarte und Heitere. Durch alle
      seine
      Gesänge weht ein Geist des Wohlwollens, ein Liebreiches; zudem erfüllt sie die amuthendste Mannigfaltigkeit. Das Gesangmäßige offenbart sich selbst in seinen Orgelstücken, die
      nicht wie
      bei andern Tonsetzern, damals vom Orgelmäßigen, heute vom Claviermäßigen beeinflußt wurden und sind().
      Ein beachtenswerthes handschriftliches Werk Pachelbels besitzt die großh. Bibliothek in Weimar: "Tabulaturbuch geistlicher Gesänge D. Martini Lutheri, und anderer gottseliger
      Männer,
      sambt beigefügten Choralfugen, durchs gantze Jahr. Allen Liebhabern des Clavieres componiert." 1704. Von den 274 Melodien dieses Manuscripts sind jedoch nur 160
      von P. selbst bearbeitet().


      H.M.Schletterer in "Allg. Dt. Biographie. Bd. 25, Duncker & Humblot, Leipzig 1887"; zit. aus wikisource.org
      >Quellenangaben zu den von ihm verwendeten Zitaten liefert Herr Schletterer leider nicht...<
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
      Peter Kessen "Disruptor Amazon"

      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki

    • 07.03.1914 - Die Kurzgeschichten - Sammlung Dubliners von James Joyce wird erstveröffentlicht

      Hier einige Passagen aus "Clay" (der 10. der inges. 15 "short stories")

      .... She thought she would have to stand in the Drumcondra tram because none of the young men seemed to notice her but an elderly gentleman made room for her. He was a stout

      gentleman and he wore a brown hard hat; he had a square red face and a greyish moustache. Maria thought he was a colonel-looking gentleman and she reflected how much more
      polite he was than the young man who simply stared straight before them. The gentleman began to chat with her about Hallow Eve and the rainy weather. He supposed the bag was
      full of good things for the little ones and said it was only right that the youngsters should enjoy themselves while they were young. ....
      Everybody said "O, here`s Maria!" when she came to Joe`s house. Joe was there, having come home from business, and all children had their Sunday dresses on. There were two big
      girls in from next door and games were going on. Maria gave the bag of cakes to the eldest boy, Alphy, to divide and Mrs. Donnelly said it was too good for her to bring such a big bag of
      cakes and made all children say:
      "Thanks, Maria."

      But Maria said she had brought something special for papa and mamma, something they would be sure to like, and she began to look for her plumcake. She tried in Downes`s bag and
      then in the pockets of her waterproof and then on the hallstand but nowhere could she find it. Then she asked all the children had any of them eaten it--by mistake, of course--but the
      children all said no and looked as if they did not like to eat cakes if they were to be accused of stealing. Everybody had a solution for the mistery and Mrs. Donnelly said it was plain that
      Maria had left behind her in the tram. Maria, remembering how confused the gentleman with the greyish moustache had made her, coloured with shame and vexation and dissapointment.
      At the thought of the failure of her little surprise and of the two and four-pence she had thrown away for nothing she nearly cried outright.
      But Joe said it didn`t matter and made her sit down by the fire. He was very nice with her. He told her all that went on in his office, repeating for her a smart answer which he had made
      to the manager. Maria did not understand why Joe laughed so much over the answer he had made but she said that the manager must have been a very overbearing person to deal with.
      Joe said he wasn`t so bad when you knew how to take him, that he was a decent sort so long as you didn`t rub him the wrong way. Mrs. Donnelly played the piano for the children and
      they danced and sang. Then the two next-door hirls handed round the nuts. Nobody could find the nut-crakers and Joe was nearly getting cross over it and asked how did they expect
      Maria to crack nuts without a nutcracker. But Maria said she didn`t like nuts and that they weren`t to bother about her. Then Joe asked would she take a bottle of stout and Mrs. Donnelly
      said there was a port wine too in the house if she would prefer that. Maria said she would rather they didn`t ask her to take anything: but Joe insisted. ....
      At last the children grew tired and sleepy and Joe asked Maria would she not sing some little song before she went, one of her old songs. Mrs. Donnelly said "Do, please, Maria!" and
      so Maria had to get up and stand beside the piano. Mrs. Donnelly bade the children be quite and listen to Maria`s song. Then she played the prelude and said "Now, Maria!" and Maria,
      blushing very much, began to sing in a tiny quavering voie. She sang I Dreamt that I Dwelt, and when she came to the second verse she sang again:
      "I dreamt that I dwelt in marble halls / With vassals and serfs at my side / And of all who assembled within those walls / That I was hope and the pride.
      I had riches too great too great to count. could boast / Of a high ancestral name, / But I also dreamt, which pleased me most. / That you loved me still the same."
      But no one tried to show her her mistake; and when she had ended her song Joe was very much moved. He said that there was no time like the Long ago and no Music for him like poor old
      Balfe, whatever other People might say; and his eyes filled up so much with tears that he could not find what he was looking for and in the end he had to ask his wife to tell him where the
      corkscrew was.

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      wird morgen Korrektur gelesen . . .
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    • Ab sofort die Kalenderblätter im (hoffentlich für alle bestens lesbaren) korrigierten Schriftbild, beginnend mit dem Stichtag 1.März . . .

      02.03.1808 - Uraufführung des Lustspiels "Der zerbrochne Krug" von Heinrich von Kleist

      Hier zunächst zwei kurze Passagen aus dem "Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden...!", lt. zvab.com 1799 geschrieben und somit eine der frühesten Kleist - Veröffentlichungen. Dann der c. zur Hälfte zitierte "Brief eines Dichters an einen anderen". Auf textkritik.de findet sich hierzu folgender Vermerk von 1901: "Ein zweites Schriftstück Kleists zur poetischen Selbstvertheidigung: im 4. Abendbalatt vom 5. Januar 1811." (J.Steig)

      Wir sehen die Großen der Erde im Besitze der Güter dieser Welt. Sie leben in Herrlichkeit und Überfluß, die Schätze der Kunst und der Natur scheinen sich um sie und für sie zu versammeln, und darum nennt man sie Günstlinge des Glücks. Aber der Unmut trübt ihre Blicke, der Schmerz bleicht ihre Wangen, der Kummer spricht aus all ihren Zügen. Dagegen sehen wir einen armen Tagelöhner, der im Schweiße seines Angesichts sein Brot erwirbt; Mangel und Armut umgeben ihn, sein ganzes Leben scheint ein ewiges Sorgen und Schaffen und Darben. Aber die Zufriedenheit blickt aus seinen Augen, die Freude lächelt auf seinen Antlitz, Frohsinn und Vergessenheit umschweben die ganze Gestalt. Was die Menschen also Glück und Unglück nennen, ()ist es nicht immer; denn bei allen Begünstigungen des äußern Glücks haben wie Tränen in den Augen des erstern, und bei allen Vernachlässigungen desselben, ein Lächeln auf dem Antlitz des andern gesehn. Wenn also die Regel des Glückes sich nur so unsicher auf äußere Dinge gründet, wo wird es sich denn() unwandelbar gründen? Ich glaube da, mein Freund, wo es auch nur einzig genossen und entbehrt wird, im Innern. ....

      Wenn ich ()mit einigen Zügen die undeutliche Vorstellung bezeichnen soll, die mich als Ideal der Tugend im Bilde eines Weisen umschwebt, so würde ich nur die Eigenschaften, die ich hin und wieder bei einzelnen Menschen zerstreut finde und deren Anblick mich besonders rührt, z.B. Edelmut, Menschenliebe, Standhaftigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit etc. zusammentragen können; aber ()ein Gemälde würde das immer nicht werden, ein Rätsel würde es Ihnen, wie mir, bleiben, dem immer das bedeutungsvolle Wort der Auflösung fehlt. Aber, es sei mit diesen wenigen Zügen genug, ich getraue mich, schon jetzt zu behaupten, daß wenn wir, bei der möglichst vollkommnen Ausbildung aller unser geistigen Kräfte, auch diese benannten Eigenschaften einst fest in unser Innerstes gründen, ich sage, wenn wir bei der Bildung unseres Urteils, bei der Erhöhung unseres Scharfsinns durch Erfahrungen und Studien aller Art die Grundsätze des Edelmuts, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe, der Standhaftigkeit, der Bescheidenheit, der Duldung, der Mäßigung, der Genügsamkeit usw. unerschütterlich ()in unsern Herzen verflochten, unter diesen Umständen behaupte ich, daß wir nie unglücklich sein werden. ....

      Jüngsthin, als ich dich bei der Lektüre meiner Gedichte fand, verbreitetest du dich, mit außerordentlicher Beredsamkeit, über die Form, und unter beifälligen Rückblicken über die Schule, nach der ich mich, wie du vorauszusetzen beliebst, gebildet habe; rühmtest du mir auf eine Art, die mich zu beschämen geschickt war, bald ()den Rhythmus, bald den Reiz des Wohlklangs und bald die Reinheit und Richtigkeit des Ausdrucks und der Sprache(). Erlaube mir, dir zu sagen, daß dein Gemüt hier auf Vorzügen verweilt, die ihren größesten Wert dadurch bewiesen haben würden, daß du sie gar nicht bemerkt hättest. ....

      Nur weil der Gedanke, um zu erscheinen, ()mit etwas Gröberem, Körperlichen, verbunden sein muß: nur darum bediene ich mich, wenn ich mich dir mitteilen will, und nur darum bedarfst du, um mich zu verstehen, der Rede, Sprache, des Rhythmus, Wohlklangs usw. und so reizend diese Ding auch, insofern sie den Geist einhüllen, sein mögen, so sind sie doch ()nichts, als ein wahrer, obschon natürlicher und notwendiger Übelstand; und die Kunst kann, in bezug auf sie, auf nichts gehen, als sie möglichst verschwinden zu machen. Ich bemühe mich aus meinen besten Kräften, dem Ausdruck Klarheit, dem Versbau Bedeutung, dem Klang der Worte Anmut und Leben zu geben: aber bloß, damit diese Dinge gar nicht, vielmehr einzig und allein der Gedanke, den sie einschließen, erscheine. Denn das ist die Eigenschaft aller echten Form, daß der Geist augenblicklich und unmittelbar daraus hervortritt, während die mangelhafte ihn, wie ein schlechter Spiegel, gebunden hält, und uns an nichts erinnert, als an sich selbst. Wenn du mir daher, in dem Moment der ersten Empfängnis, die Form meiner kleinen, anspruchlosen Dichterwerke lobst: so erweckst du in mir ()die Besorgnis, daß darin ganz falsche rhythmische und prosodische Reize enthalten sind, und daß dein Gemüt, durch den Wohlklang oder den Versbau, ganz und gar von dem, worauf es mir eigentlich ankam, abgezogen worden ist. ....

      zit. v. zeno.org
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    • 03.03.1706 - Todestag von Johann Pachelbel

      .. Wie in früherer Zeit Augsburg und Nürnberg durch ihren Kunstsinn hervorragten, so bis in unsere Tage Frankfurt a. M., Hamburg, Bremen. Nun waren es zwar nicht immer die glänzendsten Erscheinungen ihrer Zeit, die hier eine bescheidene .. Existenz fristeten, wol aber waren es sehr häufig solche, die rastlos lehrten, sammelten, sichteten und dadurch nicht selten zu den .. fruchtbringendsten Resultaten und zu einem weithinaus besten Klang behauptenden Namen gelangten. Der größte dieser in städtischen Diensten stehende Musiker war Seb. Bach; ihm aber reihen sich viele an, die durch ihre Werke und ihre Kunstübung hochberühmt und sehr einflußreich wurden. Unter den letzteren nimmt P., der angesehene und "bestverdiente" Organist bei St. Sebald in Nürnberg, ein Freund D. Buxtehudes in Lübeck, .. eine ehrenvolle und hervorragende Stelle ein. Er erhielt eine gründliche wissenschaftliche Erziehung .. und wurde, da er große Lust zur Musik verspüren ließ, von dem damaligen St. Sebalder Schulcollegen, H. Schwemmer (1626-96) .. auf verschiedenen Instrumenten, namentlich dem Clavier unterrichtet. Schwemmer .. war besonders als Lehrer ausgezeichnet, denn .. alle bedeutende Nürnberger Musikdirectoren, Organisten, Componisten und Instrumentisten (waren) seine Scholaren. Auch das ist bezeichnend für dies reichsstädtische Musikleben, daß man bei den Anstellungen fast immer die Stadtkinder bevorzugte, so daß in gewissen Familien die Musikübung sich fortpflanzen und man wirklich von Tonschulen mit bestimmt ausgeprägtem Charakter sprechen konnte. .. Bis zu den Tagen Pachelbels können wir eine stattliche Reihe hochangesehener Namen, allen voran die drei Söhne des aus Böhmen eingewanderten Instrumentisten Isaac Hassler, Hans Leo (1564-1612), Jacob und Caspar (gest. 1618) anführen.

      .... 1675 erhielt (P.) unter sehr annehmbaren Bedingungen einen Ruf als Organist .. nach Eisenach. Doch scheinen sich .. die musikalischen Verhältnisse nicht wünschenswerth gestaltet zu haben, weshalb P. nach drei Jahren diese Stellung mit einer ähnlichen .. in Erfurt, in welcher Stadt er nun zwölf Jahre "zu jedermanns Vergnügen löblich waltete", vertauschte. .. Wie in Eisenach entließ man ihn auch in Erfurt nur sehr ungern, als er 1690 einem Rufe der verwitweten Herz. .. von Würtemberg, in deren Diensten einst auch der berühmte Froberger gestanden hatte, als Hofmusiker und Organist nach Stuttgart folgte. Man rühmte von Erfurt aus nicht nur sein musikalisches Geschick, sondern auch sein "treu-aufrichtiges Gemüte und seine durch Leben und Wandel bethätigte Gottesfurcht, Ehr- und Redlichkeit". Leider war seines Bleibens in Stuttgart nicht lange, .. 1692 kehrten (die Franzosen) zurück. Was fliehen konnte, floh. Viele der zurückgebliebenen Bewohner wurden von den übermüthigen Siegern verjagt, unter ihnen auch P., der nun mir Frau und Kindern und ohne Hilfe und Unterstützung .. wochenlang umherirrte. "Doch half ihm Gott bald wieder." .. Am 08. November schon wurde er zum Organisten in Gotha ernannt. Unmittelbar darauf .. erhielt er auch einen Ruf nach Oxford, der später wiederholt wurde; aber P. lehnte beidemale, seiner zahlreichen Familie wegen, ab, ihm zu folgen. Ebensowenig war er zu bewegen, wieder nach Stuttgart, von wo dringende Einladungen zur Rückkehr eintrafen, zurückzukehren. Als in Nürnberg 1695 der Organist bei St. Sebald .. starb und man ihm, der sich einen ehrenvollen Künstlerruf in seinen bisherigen Bedienstungen gegründet hatte, diese Stelle anbot, übernahm er sie freudig, nur um in seiner lieben Vaterstadt wieder leben und wirken zu können. ....

      P. war einer der ersten Componisten, welche die Schranken der alten Tonlehre, die so lange das Schaffen früherer Meister beengt hatten, durchbrachen. Er bediente sich fast ausnahmslos der modernen Dur- und Mollgeschlechte. Seine Thätigkeit und sein Vorgehen erscheinen ferner deswegen so wichtig, weil er die musikalischen Formen erweiterte, bedeutsamere, durch innere Geschlossenheit und charakteristische Färbung sich auszeichnende Themen erfand, deren Durchführung er verständig und planmäßig zu gruppiren .. und zu entwickeln wußte und weil er namentlich seinen Choralvorspielen eine ideellere Bedeutung, als man bisher gewohnt war, zu geben vermochte. Seine Chorcompositionen sind bei aller Frische und Lieblichkeit doch würdig und nicht selten von großer und glänzender Wirkung. .. Das Erhabene und Kräftige gelingt ihm ebenso, wie das Zarte und Heitere. Durch alle seine Gesänge weht ein Geist des Wohlwollens, ein Liebreiches; zudem erfülllt sie die anmuthendste Mannigfaltigkeit. Das Gesangsmäßige offenbart sich selbst in seinen Orgelstücken, die nicht wie bei andern Tonsetzern, damals vom Orgelmäßigen, heute vom Claviermäßigen beeinflußt wurden und sind ....

      Ein beachtenswerthes handschriftliches Werk Pachelbels besitzt die großh. Bibliothek in Weimar: "Tabulaturbuch geistlicher Gesänge D. Martini Lutheri, und anderer gottseliger Männer, sambt beigefügten Choralfugen, durchs gantze Jahr. Allen Liebhabern des Clavieres componiert." 1704. von den 274 Melodien diese Manuscripts sind jedoch nur 160 von P. selbst bearbeitet. ....

      H.M.Schletterer in "Allg. Dt. Biographie. Bd. 25, Duncker & Humblot, Leipzig 1887" >Die Zitate sind ohne Quellenangaben.< ; zit. v. wikisource.org
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    • 07.03.1914 -- Die Kurzgeschichten - Sammlung Dubliners von James Joyce wird erstveröffentlicht

      Hier einige Passagen aus "Clay", der 10. der insg. 15 "short stories"

      ... She thought she would have to stand in the Drumcondra tram because non of the young men seemed to notice her but an elderly gentleman made room for her. He was a stout gentleman and he wore a brown hard hat; he had a square red face and a greyish moustache. Maria thought he was a colonel-looking gentleman and she reflected how much more polite he was than the young man who simply stared straight before them. The gentleman began to chat with her her about Hallow Eve ant the rainy weather. He supposed the bag was full of good things for the little ones and said it was only right that the youngsters should enjoy themselves while they were young. Maria agreed with him and favoured him with demure nods and hems. ..

      Everybody said "O, here`s Maria!" when she came to Joe`s house. Joe was there, having come home from business, and all the children had their Sunday dresses on. There were two big girls in from next door and games were going on. Maria gave the bag of cakes to the eldest boy, Alphy, to divide and Mrs. Donnelly said it was too good for her to bring such a big bag of cakes and made all children say: "Thanks, Maria." But Maria said he had brought something special for papa and mamma, something they would be sure to like, and she began to look for her plumcake. She tried in Downnes`s bag and then in the pockets of her waterproof and then on the hallstand but nowhere could she find it. Then she asked all the children had any of them eaten it--by mistake, of course--but the children all said no and looked as if they did not like to eat cakes if they were to be accused of stealing. Everybody had a solution for the mistery and Mrs. Donnelly said it was plain that Maria had left behind her in the tram. Maria, remembering how confused the gentleman with the greyish moustache had made her, coloured with shame and vexation and dissapointment. At the thought of the failure of her little surprise and of the two and four-pence she had thrown away for nothing she nearly cried outright.

      But Joe said it didn`t matter and made her sit down by the fire. He was very nice with her. He told her all that went on in his office, repeating for her a smart answer which he made to the manager. Maria did not understand why Joe laughed so much over the answer he had made but she said that the manager must have been a very overbearing person to deal with. Joe said he wasn`t so bad when you knew how to take him, that he was a decent sort so long as you didn`t rub him the wrong way. Mrs. Donnelly played the piano for the children and they danced and sang. Then the two next-door girls handed round the nuts. Nobodys could find the nut-crackers and Joe was nearly getting cross over it and asked how did they expect Maria to crack nuts without a nutcracker. But Maria said she didn`t like nuts and that they weren`t to bother about her. Then Joe asked would she take a bottle of stout and Mrs. Donnelly said there was a port wine too in the house if she would prefer that. Maria said she would rather they didn`t ask her to take anything: but Joe insisted. ....

      At last the children grew tired and sleepy and Joe asked Maria would she not sing some little song before she went, one of the old songs. Mrs. Donnelly said "Do, please, Maria!" and so Maria had to get up and stand beside the piano. Mrs. Donnelly bade the children be quite and listen to Maria`s song. Then she played the prelude and said "Now. Maria!" and Maria, blushing very much, began to sing in a tiny quavering voice. She sang I Dreamt that I Dwelt, and when she came to the second verse she sang again. "I dreamt that I dwelt in marble halls / With vassals and serfs at my side / And of all who assembled within those walls / That I was hope and the pride. / I had riches too great to count, could boast / Of a high ancestral name, / But I also dreamt, which pleased me most. / That you loved me still the same." But no one tried to show her her mistake; and when she had ended her song Joe was very much moved. He said that there was no time like the long ago and no music for him like poor old Balfe, whatever other people might say; and his eyes filled up so much with tears that he could not find what he was looking for and in the end he had to ask his wife to tell him where the corkscrew was.

      zit. v. wikisource.org ("N. Y. - B. W. Huebsch .. Second printing, April, 1917")
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    • 15.03.1830 - Geburtstag von Paul Heyse

      ...aus "Spielmannslegende. Eine mittelalterliche Novelle" =>

      .... Was er spielte, war ein Reigentanz von mäßig bewegtem Gang und Takt, die einzelnen Töne leicht ineinandergeschleift, wie wenn der Wind einen fernen Gesang an das Ohr des Lauschenden trägt. Niemand hatte diese Weise je vernommen; doch schien sie jedem so vertraut und mit seiner eigenen Seele in stillem Einverständnis, als wache ein Ammenlied aus längst verschollener Zeit wieder auf und durchdringe Ohr und Gemüt mit dem süßesten Zauber. Auch währte es nicht lange, so hörte man hie und da ein Echo jener Melodie aus der horchenden Menge auftauchen, dann erhoben sich einige paarweis, faßten sich an den Händen und begannen nach dem schwebenden Takt der Musik sich hin und her zu schwingen, ohne Verabredung oder sichtbare Mühe einen neuen Reigen durchführend, der wie das verkörperte Bild jener Töne von jedem verstanden wurde. Als dies eine Weile gewahrt hatte unter lautloser Stille, bis auf das heimliche Mitsummen der Tanzweise, hörte man plötzlich aus dem Lindenwipfel herab eine tiefe und doch klare Mannesstimme, die nach der Melodie des Reigens, während die Geige mit gedämpften Saiten sie begleitete, folgende Strophe sang: Wie mochte je mir wohler sein? / In Lieb` ergrünt das Herze mein, / Mein Mut sich tut erneuern. / Mein holdes Lieb, das habe Dank / Und nimmer wank / Von herzelichen Treuen! Hierauf erklang das Geigenspiel mit stärkerem Tone wieder eine Weile allein, die einfache Melodie mit allerlei krausen Figuren und fast übermütig jauchzenden Trillern und Läufen umrankend, bis sie sich wieder ihrer eigenen Tanzlust ersättigt zu haben schien und die Menschenstimme in ihrer stilleren Kraft und Innigkeit zu Wort kommen ließ: Ach ich, ich will dir allezeit / In Frühlingslust und Winterleid / In ganzer Treue leben. / Mein holdes Lieb, so nimm mich hin! / Mein Herz und Sinn / Ist einig dir ergeben.

      .. Ein merkwürdiger Gesell sei es, erzählte der Wirt, von dem man nur so viel wisse, daß er im Jahre 1336, als zum zweiten Male das große Sterben die deutschen Lande überfallen, in ein Barfüßerkloster am Rhein eingetreten und dort neun Jahre lang verblieben sei. Wie dann aber die schreckliche Heimsuchung zum dritten Male zurückgekehrt, habe er plötzlich das Kloster verlassen und sich dem Dienst der armen Pestkranken gewidmet, die ja, wie bekannt, von jedermann verlassen, in enge Siechenhäuser zusammengepfercht oder in öde Hütten auf unfruchtbarem Feld verbannt an allem Trost des Lebens und der Seele Mangel gelitten und jämmerlich zugrunde gegangen seien. Denen habe er nun, so gut er konnte, Beistand geleistet in ihrer Schwäche und Qual, die Verschmachtenden gelabt, die Sterbenden mit geistlicher Wegzehrung versehen, und wenn einer oder der andere genas, ihre Gemüter mit freundlichem Gespräch aufgerichtet, so daß sie an das Leben wieder glauben lernten. Schon damals habe er seine Geige mit sich geführt und mitten in allem Elende der entsetzten Krankheit so lieblich ertönen lassen, daß die Gemarterten schier eine Himmelsstimme zu hören glaubten...

      ...nachdem die Pestilenz endlich gewichen und die wenigen, die ihr entronnen, in ihr Haus und zu ihrem Gewerbe zurückgekehrt seien, habe nur er selbst keine Stätte mehr gefunden, wo man ihn hätte aufnehmen und dulden wollen. Wo er sich nur von fern gezeigt, sei ein Geschrei erhoben worden, als ob ein Scheuel und Greuel sich am hellen Tage blicken lasse. Man habe ihm ganz wie einem Aussätzigen die notdürftige Nahrung nur an einem Stecken gereicht oder über den Zaun geworfen, auch nicht gelitten, daß er - selbst in harter Winterszeit - unter einem warmen Dache an einem wirtlichen Herde Rast mache; sondern auf freiem Felde in verlassenen Vogelhütten oder Holzschuppen habe er nächtigen müssen und nicht einmal ferner in der Kutte bleiben dürfen, in der er so vielen seiner Mitbrüder Hilfe gespendet, sondern er habe die Kleidung anlegen müssen, die damals für alle Leprosen vorgeschrieben war: den langen grauen Kittel mit Glöckchen behängt, damit auch ein Blinder schon von weitem erkennen möchte, daß ein Unreiner sich ihm nähere, das Tuch ums Haupt, welches "Sorgentüchlein" genannt wurde, und den langen Stab mit dem Lederbeutel, in welchen die milden Gaben gelegt werden konnten, ohne die Hand des Gemiedenen zu berühren. Hierzu habe er sich wohl entschließen müssen, da auch die Pforten seines Klosters ihm nicht wieder aufgetan wurden.Aber wundersam sei es gewesen, daß dieser Lohn der Welt, den er so bitter zu schmecken bekam, sein Gemüt nicht vergällt habe. Vielmehr habe er sich nun erst recht hervorgetan als ein trefflicher Sänger und Geiger und habe die besten Lieder und Reigen von der Welt gemacht, als ob er das vergnüglichste Leben führte und sich über nichts zu beklagen hätte. Vor allem sei er lange an den schönen Ufern des Mainstroms auf und ab gezogen, von den Leuten zugleich gemieden und gesucht, da alle Lustbarkeit, wenn er aus der Ferne seine Weisen hineinmischte, feiner und anmutiger wurde und weit seltener als sonst selbst die Feste des geringen Volks und der Bauernschaft mit blutigen Köpfen und zerschlagenen Gliedern endeten. ...

      Nun habe er den letzten Winter auf einer unfruchtbaren, versandeten Insel in der Lahn dicht am Stadtringe und doch in großer Verlassenheit zugebracht, und erst seit das junge Jahr angebrochen, sei er wieder hervorgekrochen, um auf den Dörfern rings umher sich ein kümmerliches Geldlein zu ersingen. Die Leute hier in der Gegend seien nicht arm, aber die Überschwemmung habe so arg gehaust, daß jeder das Seinige zu Rate halte und fahrenden Spielleuten nur die schäbigsten Pfennige gönne. ....

      zit. v. spiegel.de (dort der Zusatz "Zuerst 1883 unter dem Titel Siechentrost erschienen".)
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    • 21.03.1839 - Geburtstag von Modest Petrowitsch Mussorgski

      M. erstellt die Urfassung seines "Boris Godunow" ab 1868. Erst zwei Jahre zuvor war das gleichn. Drama von Alexander Puschkin (begonnen 1825, veröffentl. 1831) von den Zensurbehörden zur Aufführung freigegeben worden! Hier ein paar Passagen aus der langen 5. (v. insg. 25) Szene/n . . .

      Zelle im Tschudow-Kloster, 1603. . . . Vater Pimen, Grigori (schlafend) . . . Pimen schreibt bei einer Lampe.

      Nur ein Ereignis noch, es ist das letzte; / Und dann ist meine Chronik abgeschlossen, / Erfüllt die Pflicht, die Gott mir auferlegt, / Mir Sünder. Nicht umsonst hat ja der Herr / Zum Zeugen vieler Jahre mich gemacht / Und mich die Kunst des Schreibens lernen lassen. / Es wird dereinst ein arbeitsamer Mönch / Die treue, namenlose Chronik finden - / Er zündet dann, wie ich, die Lampe an; / Vom Pergament den Staub der Zeiten schüttelnd, / Verzeichnet er die wahrhaften Berichte, / Auf daß der Gläub`gen Enkel innewerden / Des Heimatlandes früheres Geschick, / Daß sie gedenken ihrer großen Zaren / Und ihres weisen, ruhmerfüllten Waltens - / Doch für ihr Unrecht, ihre dunkeln Taten / Demütig zum Erlöser beten mögen. .. (Grigori erwachend . . .)

      Die großen Zaren faß ins Auge, Sohn: / Wer steht wohl höher? Gott nur. Wer erhebt / Sich gegen sie? / Niemand! Und doch - wie oft / Hat sie der goldne Reif zu schwer gedrückt, / Und sie vertauschten ihn mit der Kapuze. / So nahm auch Zar Iwan, nach Frieden suchend, / Der Mönche stilles Wirken sich zum Vorbild. / Sein Schloß, von stolzen Günstlingen erfüllt, / Nahm eines Klosters Ansehn plötzlich an: / Der Leibtrabant erschien als frommer Mönch / Mit Kappe und im härenen Gewand, / Der grimme Zar als gottesfürcht`ger Abt. / Hier sah ich ihn, in dieser selben Zelle / (Kyrill bewohnte damals sie, der Dulder, / Ein heil`ger Mann - Gott hatte zu der Zeit / Auch mich bereits die Eitelkeit der Welt / Erkennen lassen) - hier sah ich den Zaren, / Von Zorngedanken und vom Strafen müde. / So saß bei uns der Schreckliche, still sinnend, / Wir standen vor ihm, ohne uns zu rühren - / Und leis und milde klangen seine Worte. / Also sprach er zum Abt und zu den Brüdern: / "Ihr Väter, meiner Wünsche Tag wird kommen, / Erscheinen wird` ich hier, nach Rettung dürstend. / .." / So redete der hochgewalt`ge Herrscher, / Und lieblich floß das Wort von seinen Lippen, / Und weinen sahn wir ihn und flehten heiß / Zum Herrn in Tränen, daß er niedersende / Frieden und Liebe der gequälten Seele.

      ..In das ferne Uglitsch / Ward ich zu klösterlichem Dienst gesandt. / Nachts langt` ich an. Frühmorgens um die Messe / Zieht plötzlich man die Glocke - Sturmgeläut, / Geschrei und Lärm. Man rennt zum Hof der Zarin. / Ich laufe mit. Schon ist die ganze Stadt / Versammelt - hingemeuchelt liegt Dimitri, / Ohnmächtig über ihm die Zarin-Mutter, / Verzweifelnd Klaggeschrei erhebt die Amme, / Her schleppt in wilder Raserei das Volk / Die ruchlose Verräterin, die Wartfrau. / Da zeigt sich plötzlich grimmig, bleich vor Wut, / In ihrer Mitte Judas-Bitiagowski. / Ein Zorngeheul bricht aus: "Das ist der Frevler!" / Im Nu ist er zerrissen. Und das Volk / Stürzt den entflohenen drei Mördern nach. / Aus dem Versteck reißt man die Bösewichter / Und stellt sie an des Knaben warme Leiche. / Und wunderbar - es zitterte der Tote. / "Bekennet!" tönt des Volkes Donnerstimme, / Die Beile drohn, Angst packt die Bösewichter, / Sie beichteten und nannten - den Boris. ..

      Mit dieser Trauerkunde will ich denn / Auch meine Chronik schließen; seit der Zeit / Vernahm ich wenig von der Welt. - Hör, Bruder, / Durch Lesen und durch Schreiben ist dein Geist / Geweckt - ich übergebe die mein Werk. / In Stunden, wo die fromme Übung ruht, / Da schreibe nieder, schlicht und ohne Klügeln, / All das, wovon du Zeuge wirst im Leben, / So Krieg als Frieden und der Herrscher Walten, / Geweihter Männer heil´ge Segenswunder, / Des Himmels Zeichen, voll von Vorbedeutung. / Für mich ist`s Zeit, ist`s hohe Zeit, zu ruhn, / Zu löschen meine Lampe. ..

      Grigori.

      Boris, Boris! Es zittert vor dir alles, / Und niemand wagt es, dich an das Geschick / Des unglücksel`gen Kindes zu erinnern. / Inzwischen aber schreibt in dunkler Zelle / Der Mönch die schwere Klagschrift gegen dich, / Und du entrinnst dem weltlichen Gerichte / So wenig als dem göttlichen Gericht.

      zit. v. spiegel.de (ohne Nennung des dt. Übersetzers :| :| - ich tippe mal auf Friedr. Ferd. Löwe >1808-89<, den z. B. zvab.com ausdrücklich als Puschkin-Übersetzer erwähnt)
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    • 23.03.1834 - Geburtstag von Julius Reubke

      (R.) kam zunächst zu Liszt, um sein Clavierspiel noch weiter auszubilden, in dem er schon einen bedeutenden Grad der Vollkommenheit erreicht hatte. Sein Spiel war ein so durchgeistigtes und freies, echt künstlerisch selbständiges, dass Liszt von der ersten Stunde an ihm seine vollste Aufmerksamkeit widmete. Durch den steten Umgang mit seinem Meister angeregt und erhoben, entfaltete sich aber (sein) Compositionsberuf in so überraschender Weise, dass seine virtuosen Leistungen neben denen seiner Schöpferkraft zurücktraten. Mit Begeisterung versenkte er sich in die Werke von Wagner und Liszt, aber er reproducirte nicht, sondern er schuf aus dem Ganzen und Vollen, und bald stand ein junger Meister vor uns.

      Wenn R., seine ((Klavier-))Sonate uns vorspielend, in der ihm eigenthümlichen, gebogenen Haltung am Flügel sass, und in seine Schöpfung versenkt, Alles um sich her vergass, und wir blickten dann in sein bleiches Angesicht, in seine mit übernatürlichem Glanze leuchtenden Augen, hörten seine schweren Athemzüge und gewahrten, wie nach solchen Stunden der Aufregung wortlose Erschöpfung ihn momentan überwältigte - da ahnten wir wol, dass er uns nicht lange erhalten bleiben würde. Aber an ein so schnelles Ende ((verst. am 03.06.1858 !!)) dachte keiner! R. war brustleidend, und nervöse Affectionen des Kopfes quälten ihn oft wochenlang. ....

      J. R. war eine von jenen reinen und edlen Naturen, die, auf selbstbewusster Geisteskraft harmonisch ruhend, mehr nach Innen als nach Außen leben; denen jede Engherzigkeit, jede kleinliche Leidenschaft, jede unruhige Hast und Haltungslosigkeit ebenso fremd, als zuwider war. Als "Zukunftsmusiker" nicht minder als jeder Gleichstrebende hineingezogen, sinnlosen Angriffen und böswilligen Verdächtigungen ausgesetzt - war ihm doch jede Polemik verhasst, jeder Wortkampf zu viel. "Meinen künstlerischen Glauben kann mir niemand antasten oder rauben", sagte er einmal zu mir, "aber ihn gegen jedermann auszusprechen oder wol gar gegen Angriffe der Gegner zu vertheidigen, fühle ich gar kein Bedürfniss. Wozu auch? Wir werden jene so wenig überzeugen, als sie uns besiegen werden! Als Componist und Virtuos wirke ich im Geist unserer Richtung so viel ich vermag; aber nur durch Werke will ich sprechen. Den Commentar dazu mögen Andere geben. Die Hauptsache ist, dass man Werke schafft, die keinen Angriff, keine Probe zu scheuen haben". - In diesem Ausspruche liegt die ganze Bedeutendheit seines echten Künstlerthums. Aus ihm erkennen wir aber auch, was unsere Kunst an ihm verloren!

      R. hatte einen eisernen Fleiss. Sein Studirzimmer verliess er selten. Gesellschaften mied er, wo er konnte, aber Besuche von Freunden und Gesinnungsgenossen sah er gern bei sich. Immer fand man ihn entweder am Clavier, in technische Studien oder freie Phantasien versenkt; oder am Schreibtisch componirend, oder über Partituren studirend - niemals unbeschäftigt, niemals erschlafft, wenn seine Schmerzen ihm den Gebrauch seiner Geisteskräfte nur allenfalls gestatten mochten. .. Seine sich immer gleich bleibende, ruhige, harmonische Stimmung machte ihn zum angenehmsten Gesellschafter, zum liebenswürdigsten Freund. R. hatte nicht einen Feind; er erregte allenthalben nur Sympathie. ...

      aus "R. Pohl: J. R. zum Gedächtniss . . . (18.06.1858)"; zit. auf bernhardruchti.com
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    • 24.03.1739 - Geburtstag von Chistian Friedrich Daniel Schubart

      Seine "Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst", posthum 1806 erstmals erschienen, war Fragment geblieben... C. 70 Komponisten werden dort mit kurzen bis halblangen "Lexikonartikeln" (d. h. c. 10 - 30 Zeilen) einzeln abgehandelt... Die folgende kleine Auswahl ist chronologisch geordnet, beginnend mit dem Geburtsjahr 1697 (Quantz), endend mit 1731 (Cannabich)...

      .... (Der) Fleiß (von Johann Joachim Quanz) war erstaunenswürdig; der König besaß über drey hundert ungedruckte Concerte von ihm, ohne die unzähligen .. Stücke, die er für ihn aufgesetzt hatte. .... Aber damit ist sein Verdienst noch nicht vollendet .. Wer Ohr, Nachdenken und Fleiß hat, kann aus (seiner) Schrift ("Anleitung, die Flöte zu spielen") die Flöte ohne Anführer selbst lernen. .. Aber auch andern Musikern ist dieß Werk sehr zu empfehlen. Man findet darin herrliche WInke und practische Vorschläge zur Errichtung eines Orchesters. .. Quanz behauptete: Je tiefer der Musiker ins Ganze blicke, desto trefflicher werde er auf seinem einzelnen Instrumente seyn. Daher waren ihm Virtuosen ohne Theorie nichts weiter, als Naturalisten und Leyermänner, die nicht verstehen, was sie vortragen. ..

      .. (Johann Adolf) Hasse ((geb. 1699)) vereinigte die Zartheit und Anmuth des welschen Gesanges mit der Gründlichkeit des deutschen Satzes; studierte seinen Dichter mit mehr als gewöhnlichen Tiefsinn; liebte die Einfalt; gab den Instrumenten wenig zu thun, um dem Sang aufzuhelfen; war einfach in seinen Modulationen, und äußerst rein in seinen Harmonien. Seine melodischen Gänge sind ganz neu, oft höchst frapant. Seine Einbildungskraft war sehr reich, und ließ sich durch eine große Anzahl von Opern, in Deutschland und Welschland verfertiget durch viele Messen und Kammerstücke nicht erschöpfen. Alle Höfe schätzten diesen Mann und überhäuften ihn mit Geschenken. Friedrich der Große both ihm oft seine Dienste an, die er aber aus Liebe zum sächsischen damahls königl. pohlnischen Hofe ausschlug.

      .... (Carl Heinrich Graun (geb. 1704)) componirte viele Opern im vortrefflichsten Geschmacke. Weil er selbst sehr gut sang, so setzte er auch alle Arien so sangbar, daß sie noch heute mit dem Gemeinsinn aller Welt sympathisiren. Zartheit in Gefühlen, reine Phantasie, .. jugendlicher Geist, und ein Herz jeder guten Empfindung offen, zeigt sich in (seinen) Partituren. Der Hauptzug in seinem musikalischen Charakter war dieser: alles dem Gesang, und nur wenig den Instrumenten anzuvertrauen. .... An Gründlichkeit kam ihm kaum ein Setzer der Welt bey; in allen musikalischen Spielen zeigte er sich als Meister. Seine Kirchenstücke haben eine Lieblichheit und Feyerlichkeit, mit der sich wenig vergleichen lässt. .... Sein Tod Jesu wird von aller Welt angestaunt, ob man gleich sagen könnte, und mit vollem Recht, daß noch zu viel weltliche Miene darin herrscht. Allein Graun that dieß aus tiefen Gründen: der Engel nimmt Pilgersgestalt an, um mit Staubbewohnern reden zu können. ..

      .. Der Natur der Orgel hat er sich ganz bemächtiget; sein Registerverständniß hat ihm noch niemand nachgemacht. .. Contrapunct, Ligaturen, neue ungewöhnliche Ausweichungen, herrliche Harmonien und äußerst schwere Sätze, die er mit der größten Reinigkeit und Richtigkeit herausbringt, herzerhebendes Pathos, und himmlische Anmuth, - all dieß vereinigt Zauberer (Friedmann) Bach ((geb. 1710)) in sich, und erregt dadurch das Erstaunen der Welt. Ist die Orgel gut und vollständig, so verlangt man keine Instrumentenbegleitung mehr, wenn Bach spielt: .. Außer seinem großen Vater, hat noch niemand das Pedal mit dieser Allgewalt regiert, wie er. ..

      .. Seine Stücke haben ein ganz eigenthümliches Gepräge- dunkel, finster, ungewöhnlich modulirt .. und unbeugsam gegen den Modegeschmack seiner Zeitgenossen. Aber eben dieß originelle Gepräge seines Geistes verdient es, daß ihn der Clavierist studiere, und sich dadurch an Mannigfaltigkeit desVortrags gewöhne. (Johann Gottfried) Müthel selbst ((geb. 1728)) ist ein vortrefflicher Spieler, dem selbst Burney volle Gerechtigkeit wiederfahren ließ, und der verdiente, in der musikalischen Welt bekannter zu seyn, als er es wirklich ist. Allein er hüllt sich in seine Verborgenheit ein, und liefert uns nur von Zeit zu Zeit Concerte, Sonaten und andere Clavierstücke, welche mein Urtheil rechtfertigen.

      .. Man kann die Pflicht des Ripienisten nicht vollkommener verstehen, als (Christian) Cannabich. Sein Strich ist ganz original. Er hat eine ganz neue Bogenlenkung erfunden, und besitzt die Gabe, mit dem bloßen Nicken des Kopfes, und Zucken des Ellenbogens, das größte Orchester in Ordnung zu erhalten. .... So zwanglos als sich nur denken läßt, führt er den Bogen, und bringt Tiefen und Höhen, Stärke und Schwäche, auch die feinsten Nebenschattirungen mit Vollgewalt heraus. So groß er als Concertmeister ist, so groß ist er auch im Unterricht. Die ersten Sologeiger, und die vortrefflichsten Ripienisten gingen aus seiner Schule hervor. Seine originelle Art mit dem Bögen zu mahlen hat eine neue Violinsecte hervorgebracht. In der Anführung eines Orchesters, und in der Bildung von Künstlern besteht sein vorzüglichstes Verdienst.

      zit. v. koelnklavier.de
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    • 25.03.1871 - Geburtstag von Hermann Abert

      Seine Abhandlung über Robert Schumann, erstgedruckt in Berlin 1903, enthält neben Widmung, Vorwort und zwei Anhängen zehn Kapitel. Hier einige Sätze aus den Kapiteln drei ("Davidsbund. Der Kampf um Clara") und sechs ("Klavierkomponist und Kritiker") . . .

      .. Wir sind schon mehrere Male der D a v i d s b ü n d l e r i d e e begegnet. Sie ging Hand in Hand mit der Begründung der ("Neuen Zeitschrift für Musik", deren erste Nummer am 3. April (1834) erschien.) (Diese Idee) kennzeichnet sich als eine echte Schöpfung der an Jean Paul grossgezogenen Dichterphantasie Schumanns, der seine Gedanken gerne in ein mystisches, mit allerlei geheimnisvollen Anspielungen durchwobenes Gewand einkleidete. .. Florestan und Eusebius verkörpern die Beiden in Schumanns Brust wohnenden Seelen. Der Gedanke liegt sehr nahe, dass die erste Anregung zu dieser Idee von dem Brüderpaar Walt und Vuit in Jean Pauls "Flegeljahren" ausging. Hinter Florestan verbirgt sich die kraftvoll vorwärtsstürmende, männliche, hinter Eusebius die mehr innerliche, weibliche Seite seiner Künstlernatur. Meister Raro endlich, hinter dem man wohl nicht mir Unrecht einige Züge Fr. Wiecks vermuthet, sollte die Verschmelzung beider zu einer höheren Einheit darstellen. Dieser phantastischen Zergliederung von Schumanns eigenem Ich entsprach nun auch die weitere Ausgestaltung der Davidsbündleridee. .. Der Hauptsache nach .. war der ganze Davidsbund seine ureigenste Schöpfung, er "existirte nur in dem Kopf seines Stifters.">*< Die Idee stand geraume Zeit im Mittelpunkte seines gesamten Denkens. Sie ist wirksam in seiner kompositorischen Thätigkeit, sie offenbart sich in dem eine Zeit lang gehegten Plane eines Romans "Die Davidsbündler" ....

      Von den Musikern brachte er zuerst .. Franz S c h u b e r t seine besondere Sympathie entgegen, "meinem einzigen Schubert, zumal da er Alles mit einem einzigen Jean Paul gemein hat; wenn ich Sch. spiele, so ist mir`s als läs` ich einen komponirten Roman Jean Pauls.">**< Auf Schubert .. mag denn auch Schumanns schon von Anfang an deutlich hervortretende Vorliebe für die idealisirte Tanzweise zurückgehen. Allerdings ist dabei nicht zu vergessen, dass im Jahre 1819 W e b e r s "Aufforderung zum Tanz" entstanden war, jenes epochemachende Werk, das mit einem Schlage die halb naiven, halb barocken Tänze weit überholte und mit seiner bunten Reihenfolge dramatischer Szenen, durchglüht von dem echt Weber`schen Allegro con fuoco, das typische Vorbild für die gesamte spätere Tanzmusik geworden ist. .. Bald nach Schubert trat .. ein noch Gewaltigerer in Schumanns Ideenkreis ein: Joh. Seb. B a c h . Der alte Meister ist wohl von Niemand in edleren und wärmeren Worten gepriesen worden, als gerade von Schumann .. Bach war es denn auch, der Schumann von dem Zustand des "blinden Naturalisten">***< losriss und ihm zugleich den mangelnden theoretischen Unterricht ersetzte.

      .... Die "Papillons" ((op.2)) sind das Symbol der poetisch-musikalischen Gedanken, die sich aus dem Innern des schaffenden Künstlers losringen, gleichwie der junge Schmetterling aus der Puppe - eine Vorstellung, die sich bei Jean Paul sehr häufig und auch bei Schumann nicht selten findet. Auch inhaltlich fusst das Werk auf Jean Paul, insofern als dem Ganzen der "Larventanz" aus dem vorletzten Kapitel der "Flegeljahre" zu Grunde liegt.>**< Schon hier treffen wir also Schumann auf den Pfaden der Programm-Musik. Und schon hier nimmt er alsbald Gelegenheit, seinen Standpunkt in dieser Frage unzweideutig zu präzisiren durch die Erklärung, dass er den Text der Musik untergelegt habe, nicht umgekehrt; "sonst scheint es mir ein thöricht Beginnen.">***< Noch deutlicher spricht er sich einmal später aus: "Die Hauptsache bleibt, ob die Musik ohne Text und Erläuterung an sich etwas ist, und vorzüglich, ob ihr Geist innewohnt.">*< .... ..... Inhaltlich wie der Einkleidung nach gehört der Carneval ((op.9)) zu Schumanns originellsten Kompositionen. Ueber Idee und Form des Ganzen schwebt wiederum der Geist Jean Pauls, dem wir ausser Schumanns bekannter Hinneigung zu mystisch-symbolischer Spielerei auch das reizvolle Hin- und Herschwanken zwischen humoristischer Laune und phantastischem Traumleben verdanken. .. Die kleinen Genrestücke, die zu Mendelssohn`s Liedern ohne Worte die Parallele bilden, erhalten hier unter Schumanns Händen ein ganz verändertes Aussehen; sie nähern sich wieder mehr den Allegro-con-fuoco-Sätzen Webers. Statt der fortgesponnenen Stücke Mendelssohns treffen wir hier eine Fülle abrupter, unerwarteter Wendungen voll Geist und Originalität ....

      Der Sturm der inneren und äusseren Wirrsal scheint (in den "Kinderszenen" op. 15) auf eine Zeit lang beschwichtigt zu sein. Träume aus der Jugendzeit sind es, die den nunmehr ins Mannesalter eintretenden Jüngling umgaukeln .. Es ist im Hinblick auf alles Vorangegangene bewundernswerth, mit welchem Maass künstlerischer Selbstzucht der junge Künstler für seine Gedanken und Empfindungen die angemessene anspruchslose Form wählt. Die Ueberschriften sind auch hier wieder später entstanden und "eigentlich nichts weiter als feinere Fingerzeige für Vortrag und Auffassung.">***< Die Kritik konnte sich seltsamer Weise gerade mit diesen Stücken lange nicht befreunden: selbst Moritz Hauptmann vermisste an ihnen die "rechte Mitte". .... .... Die "Nachtstücke" (op. 23) .... sind das erste Erzeugniss jenes überreizten, hart ans Pathologische streifenden Seelenzustandes, der in späteren Jahren immer mehr Macht über Schumanns Gemüth gewann. Er war bei der Komposition so angegriffen, dass ihm die Thränen kamen; Leichenzüge, Särge, unglückliche, verzweifelte Menschen waren das Bild, das ihm vorschwebte. ....

      zit. v. zeno.org (Der Sperrdruck ist original) ... bezogen auf die obigen Ausschnitte verweist H.Abert auf folgende Quellen:
      >*< R.Schumann. Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, 4. Aufl. m. Erläuterungen v. F. G. Jansen, Leipzig, Breitkopf und Härtel 1891
      >**< R.Schumanns Briefe. Neue Folge. F. G. Jansen (Hg.). Leipzig, B. u. H. 1886
      >***< Jugendbriefe v. R.Schumann n. d. Originalen mitgetheilt v. Cl.Schumann, Leipzig, B. u. H. 1886
      ((detailliertere Quellenangaben werden auf Wunsch nachgetragen - so machbar: wo genau dieses seltsame Urteil üb. op.15 zu finden ist, verrät uns Abert leider nicht!)
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    • 07.04.1875 - Todestag von Georg Herwegh

      1839 u. 1840 veröffentlicht er c. 20 (jeweils relativ kurze) literaturtheoretische Schriften, darunter den Text "Der Verschollene"... Konkret über Hölderlin handelt freilich nur die zweite Hälfte dieses Textes; aus diesem sind i. F. c. Vierfünftel zitiert ... ... Gleichfalls um 1840 entsteht Bettina v. Arnims "Briefroman" Die Günderode - eigtl. eher ein ausufernder (u. offensichtlich niemals mehr editierter, dazu nahezu absatzloser!) "kreativer Schreibprozess"! >>Ich möchte mal wissen, wie viele Tausend (die nicht aus beruflichen Gründen sich damit befassen mussten) diesen in den letzten 180 Jahren überhaupt mal vollständig gelesen haben!<< Bettina v. Arnims Äußerungen zu Hölderlin sind i. F. zu etwa einem Viertel wiedergegeben . . . .

      *.. heute (will ich) einen Schatten, einen edlen Schatten heraufbeschwören, den wir unverantwortlicherweise beinahe ganz vergessen haben. .. Hölderlin, der eigentlichste Dichter der Jugend, dem Deutschland eine große Schuld anzutragen hat, weil er an Deutschland zugrunde gegangen ist. Aus unsern jämmerlichen Zuständen, ehe noch unsere Schmach voll wurde, hat er sich in die heilige Nacht des Wahnsinns gerettet, er, der berufen war, uns voranzuschreiten, und uns ein Schlachtlied zu singen. Ach! er hat sich umsonst gewünscht zu fallen am Opferhügel, zu bluten des Herzens Blut fürs Vaterland! Tatlos schmachtet er hin an den Ufern des heimatlichen Stromes, den er so oft verherrlicht; während ich mich berausche in seinen Liedern, hat er vielleicht vergessen, daß er jemals eines gedichtet. Es ist rührend mit anzusehen, welche Anhänglichkeit die akademische Jugend dem wahnsinnigen Dichter in Tübingen bewahrt hat; mehr als Neugierde mag es sein, wenn sie zu dem 70jährigen Greise wallfahrt, der ihr nichts mehr bieten kann, als einige übelgegriffene Akkorde auf einem elenden Klaviere.
      "Was die Jugend glaubt, ist ewig," sagt einmal Börne, und dieser Ausspruch findet seine Wahrheit an Hölderlin. (Hölderlin wußte, wie groß die Welt einst war, und konnte es nicht verschmerzen, daß sie so klein geworden sei. Es war ihm ringsum zu wild, zu bange, es trümmerte und wankte, wohin er blickte.) Obgleich bald vier Dezennien vorübergerauscht sind, seit der Verfasser des "Hyperion" sein letztes Lied gedichtet, zünden die großen Worte desselben noch so mächtig in den jugendlichen Gemütern, als ob sie erst gestern gesprochen worden wären. Wenig dichterische Köpfe sind in Schwaben, die Hölderlin nicht ein paar Strophen geweiht, oder in seiner Nähe ein paar Stunden verlebt hätten.

      Er hat auch wohl für die mit dem Altertum sich beschäftigende Jugend mehr Wert, als der größte Philolog. Er wollte uns das Schönste aus jenen klassischen Zeiten erobern, den freien, großen Sinn. Mit solch unbequemen Anforderungen fand er natürlich im Anfange diese Jahrhunderts keinen großen Anklang. Was Wunder, wenn er denn zürnend ausruft: "Es ist herzzerreißend, wenn man euere Künstler, euere Dichter sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und pflegen! Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause; sie sind so recht wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landstreicher gebracht?" Oder an einer andern Stelle: "Voll Lieb` und Geist wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volke heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln wie die Schatten, still und kalt, sind wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäet, daß er nimmer einen Grashalm treibt, und wenn sie sprechen, wehe dem! der sie versteht, der in der stürmenden Titanenkraft .. den Verzweiflungskampf nur sieht, den ihr zerstörter schöner Geist mit den Barbaren kämpft.." ..

      ** ..(Ach, einem solchen wie Hölderlin, der im labyrinthischen Suchen leidenschaftlich hingerissen ist, dem müssen wir irgendwie begegnen, wenn auch wir das Göttliche verfolgen mit so reinem Heroismus wie er. - Mir sind seine Sprüche wie Orakelsprüche, die er als der Priester des Gottes im Wahnsinn ausruft, und gewiß ist alles Weltleben ihm gegenüber wahnsinnig, denn es begreift ihn nicht. Und wie ist doch das Geisteswesen jener beschaffen, die nicht wahnsinnig sich deuchten? - Ist es nicht Wahnsinn auch, aber an dem kein Gott Anteil hat? - Wahnsinn, merk ich, nennt man das, was was keinen Widerhall hat im Geist des andern, aber in mir hat dies alles Widerhall, und ich fühle in noch tieferen Tiefen des Geistes Antwort darauf hallen als bloß im Begriff)..

      Gewiß ist mir doch bei diesem Hölderlin, als müsse eine göttliche Gewalt wie mit Fluten ihn überströmt haben, und zwar die Sprache, in übergewaltigem raschen Sturz seine Sinne überflutend und diese darin ertränkend; und als die Strömungen verlaufen sich hatten, da waren die Sinne geschwächt und die Gewalt des Geistes überwältigt und ertötet. - Und St. Clair sagt: ja, so ist`s - und er sagt noch dazu: aber ihm zuhören sei grade, als wenn man es dem Tosen des Windes vergleiche, denn er brause immer in Hymnen dahin, die abbrechen, wie wenn der Wind sich dreht - und dann ergreife ihn wie ein tieferes Wissen, wobei einem die Idee, daß er wahnsinnig sei, ganz verschwinde, und daß sich anhöre, was er über die Verse und über die Sprache sage, wie wenn er nah dran sei, das göttliche Geheimnis der Sprache zu erleuchten, und dann verschwinde ihm wieder alles im Dunkel, und dann ermatte er in Verwirrung und meine, es werde ihm nicht gelingen, begreiflich sich zu machen; und die Sprache bilde alles Denken, denn sie sei größer wie der Menschengeist, der sei ein Sklave nur der Sprache, und so lange sei der Geist im Menschen noch nicht der vollkommne, als die Sprache ihn nicht alleinig hervorrufe.

      .. jedes Kunstwerk sei ein Rhythmus nur, wo die Zäsur einen Moment des Besinnens gebe, des Widerstemmens im Geist, und dann schnell vom Göttlichen dahingerissen sich zum End schwinge. So offenbare sich der dichtende Gott. Die Zäsur sei eben jener lebendige Schwebepunkt des Menschengeistes, auf dem der göttliche Strahl ruhe. - Die Begeisterung, welche durch Berührung mit dem Strahl entstehe, bewege ihn, bringe ihn ins Schwanken; und das sei die Poesie, die aus dem Urlicht schöpfe und hinabströme den ganzen Rhythmus in Übermacht über den Geist der Zeit und Natur, der ihm das Sinnliche - den Gegenstand - entgegentrage ..

      So könnt ich Dir noch Bogen voll schreiben aus dem, was sich St. Clair in den acht Tagen aus den Reden des Hölderlin sich aufgeschrieben hat in abgebrochnen Sätzen...

      * aus: Herwegs Werke in drei Teilen. Bd. 2, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart ((vermutl.)) 1909; zit. auf zeno.org
      ** aus Bettine von Arnim - Die Günderode (Erstdruck 1840, Nachdruck v. 1983: Insel Verl., Frankfurt a. M.); zit. auf spiegel.de >>die Sperrdrucke in beiden Zitaten sind original!<<
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    • 12.04.1930 - Die Oper Aus einem Totenhaus von Leos Janacek wird posthum in Brünn uraufgeführt

      Die Oper ist eine Bearbeitung der "Aufzeichnungen aus einem toten Hause", die Fjodor M. Dostojewski von 1861 bis 62 erstveröffentlicht hat. "Darin (schildert er) präzise .. das Leben in einem sibirischen Gefängnislager anhand eigener Erfahrungen während der Zeit seiner Verbannung von 1849 bis 1853." (v. wikipedia.org) ... Dostojewskis "Aufzeichnungen" bestehen aus einer c. 5seitigen Einleitung und aus 21 sehr unterschiedlich langen Kapiteln (c. 5 - 20 Seiten); hier ein zusammenhängender ungekürzter Ausschnitt aus dem 16. Kapitel "Die Sommerzeit" . . .

      .... zudem beginnt um die Frühlingszeit, zugleich mit dem ersten Lerchengesang, in ganz Sibirien und in ganz Rußland die Landstreicherei: die Menschen Gottes fliehen aus den Zuchthäusern und retten sich in die Wälder. Nach dem schwülen Loch, nach den Gerichtsverhandlungen, Fesseln und Spießruten wandern sie nach ihrem freien Willen, wo sie nur wollen, wo es ihnen schöner und freier erscheint; sie trinken und essen was sich gerade trifft, was ihnen Gott schickt, und schlafen nachts friedlich irgendwo im Walde, ohne große Sorgen, ohne die Schwermut des Zuchthauses, wie die Vögel des Waldes, vor dem Einschlafen unter dem Auge Gottes nur den Sternen des Himmels gute Nacht sagend. Wer wird es bestreiten: manchmal ist dieser "Dienst beim General Kuckuck" schwer, hungrig und erschöpfend. Manchmal bekommt man tagelang kein Stück Brot zu sehen; man muß sich vor allem in acht nehmen und verstecken, man muß auch stehlen und rauben, zuweilen auch morden.

      "Ein Ansiedler ist wie ein kleines Kind: was er auch sieht, muß er sofort haben," sagt man in Sibirien von den Ansiedlern. Dieses Sprichwort kann in seinem ganzen Umfange und sogar in noch höherem Grade auf die Landstreicher angewandt werden. Der Landstreicher ist nur in seltenen Fällen kein Räuber und fast immer ein Dieb, natürlich mehr aus Not als aus Beruf. Es gibt eingefleischte Landstreicher. Manche werden es sogar nach der Absolvierung der Zwangsarbeit, nachdem sie aus dem Zuchthause entlassen worden und Ansiedler geworden sind. Man sollte doch meinen, der Mensch könne als Ansiedler froh sein und sich versorgt fühlen. Aber nein! Etwas lockt ihn immer irgendwohin. Das Leben in den Wäldern, dieses dürftige, schreckliche, aber freie und an Abenteuern reiche Leben hat etwas Verführerisches und übt einen geheimnisvollen Zauber auf alle aus, die es schon einmal gekostet haben. So flieht manchmal ein bescheidener, zuverlässiger Mensch, der ein guter seßhafter Ansiedler und ein tüchtiger Landwirt zu werden versprach, und wird Landstreicher. Mancher hat sogar geheiratet und Kinder gezeugt, hat schon fünf Jahre an einem Platze gelebt und ist plötzlich an einem schönen Morgen verschwunden, zum Erstaunen seiner Frau und seiner Kinder und der ganzen Landgemeinde, der er zugeteilt ist.

      Man zeigte mir bei uns im Zuchthause einmal so einen eingefleischten Ausreißer. Er hatte keinerlei besondere Verbrechen begangen, man hatte jedenfalls nichts davon gehört, floh aber immerzu und verbrachte sein ganzes Leben auf der Flucht. Er war schon an der Südrussischen Grenze jenseits der Donau gewesen, in der Kirgisischen Steppe, in Ostsibirien, im Kaukasus, überall. Wer weiß, vielleicht wäre aus ihm unter anderen Umständen ein zweiter Robinson Crusoe geworden. Dies alles habe ich übrigens von anderen gehört, er selbst sprach im Zuchthause nur wenig und nur das Allernotwendigste. Er war ein kleines Männchen, schon an die fünfzig Jahre alt, außerordentlich friedlich mit einem ungewöhnlich ruhigen, sogar stumpfen Gesichtsausdruck, dessen Ruhe schon an Idiotie grenzte. Im Sommer saß er gern in der Sonne und summte dabei irgendein Liedchen vor sich hin, doch so leise, daß man es fünf Schritte weit nicht mehr hörte. Seine Gesichtszüge waren irgendwie starr; er aß wenig, hauptsächlich Brot; noch niemals hatte er sich eine Semmel oder ein Gläschen Branntwein gekauft, er besaß wohl auch kaum jemals Geld, ich bezweifele sogar, ob er zu zählen verstand. Er nahm alles vollkommen gleichgültig hin. Die Zuchthaushunde fütterte er manchmal aus eigener Hand, was bei uns sonst niemand tat. Wie auch der Russe überhaupt nicht gern Hunde füttert. Man erzählte sich, er sei verheiratet gewesen, sogar zweimal, und habe irgendwo Kinder . . . Aus welchem Grunde er ins Zuchthaus geraten war, ist mir gänzlich unbekannt. Wir alle erwarteten, daß er aus dem Hospital durchbrennen würde, aber entweder war seine Zeit noch nicht gekommen, oder er war schon zu alt dazu geworden; er lebte friedlich dahin und nahm die ganze seltsame Umgebung beschaulich auf. Garantieren konnte man für ihn übrigens nicht, obwohl man meinen sollte, daß er keinen Grund zum Durchbrennen hätte und er auch keinen Vorteil davon haben würde.

      Im großen Ganzen ist aber das Landstreicherleben im Walde ein Paradies im Vergleich zum Zuchthausleben. Das ist ja sehr begreiflich, und ein Vergleich ist überhaupt nicht möglich. Das Landstreicherleben ist schwer, aber frei. Darum überkommt jeden Arrestanten in Rußland, wo er auch sitzen mag, im Frühjahr, zugleich mit den ersten freundlichen Strahlen der Frühlingssonne eine eigentümliche Unruhe. Obwohl bei weitem nicht jeder Fluchtabsichten hat: man darf positiv behaupten, daß dazu sich infolge der großen Schauerigkeiten und des Risikos nur einer von hundert Arrestanten entschließt; dafür geben sich aber die übrigen neunundneunzig wenigstens Träumen darüber hin, wie und wohin sie fliehen könnten, und verschafften sich durch den bloßen Wunsch, durch die bloße Vorstellung der Flucht einen gewissen Trost. ....

      dt. v. A.Eliasberg, 1923; zit. v. spiegel.de ((wird morgen Korrektur gelesen))
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    • 15.04.1843 - Geburtstag von Henry James

      The Turn of the Screw - von Jan. bis April 1898 zunächst in Fortsetzungen in einem Wochenmagazin erschienen - gehört zu den späten seiner insgesamt über einhundert Novellen. Hier eine zusammenhängende Passage aus dem vierten (von insgesamt vierundzwanzig) Kapitel . . .

      .... I remember feeling with Miles in especial as if he had had, as it were, no history. We expect of a small child a scant one, but there was in this beautiful little boy something extraordinarily sensitive, yet extraordinarily happy, that, more than in any creature of his age I have seen, struck me as beginning anew each day. He had never for a second suffered. I took this as a direct disproof af his having really been chastised. If he had been wicked he would have "caught" it, and I should have caught it by the rebound--I should have found the trace. I found nothing at all, and he was therefore an angel. He never spoke of his school, never mentioned a comrade or a master; and I, for my part, was quite too much disgusted to allude to them. Of course I was under the spell, and the wonderful part is that, even at the time, I perfectly knew I was. But I gave myself up to it; it was an antidote to any pain, and I had more pains that one. I was in receipt in these days of disturbing letters from home, where things were not going well. But with my children, what things in the world mattered? That was the question I used to put to my scrappy retirements. I was dazzled by their loveliness.

      There was a Sunday--to get on--when it rained with such force and for so many hours that there could be no procession to church; in consequence of which, as the day declined, I had arranged with Mrs. Grose that, should the evening show improvement, we would attend together the late service. The rain happily stopped, and I prepared for our walk, which, through the park and by the good road to the village, would be a matter of twenty minutes. Coming downstairs to meet my colleague in the hall, I remembered a pair of gloves that had required three stitches and that had received them--with a publicity perhaps not edifying--while I sat with the children at their tea, served on Sundays, by exception, in that cold, clean temple of mahagany and brass, the "grown-up" dining room. The gloves had been dropped there, and I turned to recover them. The day was gray enough, but the afternoon light still lingered, and it enabled me, on crossing the threshold, not only to recognize, on a chair near the wide window, then closed, the articles I wanted, but to become aware of a person on the other side of the window and looking straight in.

      One step into the room had sufficed; my vision was instantaneous; it was all there. The person looking straight in was the person who had already appeared to me. He appeared thus again with I won`t say greater distinctness, for that was impossible, but with a nearness that represented a forward stride in our intercourse and made me, as I met him, catch my breath and turn cold. He was the same--he was the same, and seen, this time, as he had seen before, from the waist up, the window, though the dining room was on the ground floor, not going down to the terrace on which he stood. His face was close to the glass, yet the effect of this better view was, strangely, only to show me how intense the former had been. He remained but a few seconds--long enough to convince me he also saw and recognized; but it was as if I had been looking at him for years and had known him always. Something, however, happened this time that had not happened before; his stare into my face, through the glass and across the room, was a deep and hard as then, but it quitted me for a moment during which I could still watch it, see it fix successively several other things. On the spot there came to me the added shock of a certitude that it was not for me he had come there. He had come for someone else.

      The flash of this knowledge--for it was knowledge in the midst of dread--produced in me the most extraordinary effect, started as I stood there, a sudden vibration of duty and courage. I say courage because I was beyond all doubt already far gone. I bounded straight out of the door again, reached that of the house, got, in an instant, upon the drive, and, passing along the terrace as fast as I could rush, turned a corner and came full in sight. But it was in sight of nothing now--my visitor had vanished. I stopped, I almost dropped, with the real relief of this; but I took in the whole scene--I gave him time to reappear. I call it time, but how long was it? I can`t speak to the purpose today of the duration of these things. ....

      v. wikisource.org (wird morgen Korrektur gelesen...)
      Alexa: Was ist ein gerechter Lohn? - Das weiß ich leider nicht!
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      Hollywood ist ein Witz - nicht hassenswert...
      Aki Kaurismäki
    • 25.04.1876 - Heinrich von Kleists Trauerspiel "Penthesilea" wird in Berlin uraufgeführt

      .... >Penthesilea< Sie ist mir nicht, / Die Kunst vergönnt, die sanftere, der Frauen! / Nicht bei dem Fest, wie deines Landes Töchter, / Wenn zu wetteifernd frohen Übungen / Die ganze Jugendpracht zusammenströmt, / Darf ich mir den Geliebten ausersehn; / Nicht mit dem Strauß, so oder so gestellt, / Und dem verschämten Blick, ihn zu mir locken; / Nicht in dem Nachtigall-durchschmetterten / Granatwald, wenn der Morgen glüht, ihm sagen, / An seine Brust gesunken, daß er`s sei. / Im blut`gen Feld der Schlacht muß ich ihn suchen, / Den Jüngling, den mein Herz sich auserkohr, / Und ihn mit ehrnen Armen mir ergreifen, / Den diese weiche Brust empfangen soll. / >Achilles< Und woher quillt, von wannen ein Gesetz, / Unweiblich, du vergiebst mir, unnatürlich, / Dem übrigen Geschlecht der Menschen fremd? / Fern aus der Urne alles Heiligen, / O Jüngling: von der Zeiten Gipfeln nieder, / Den unbetretnen, die der Himmel ewig / In Wolkenduft geheimnisvoll verhüllt. ..

      Als Vexoris, der Aethioper König, / An seinem Fuß erschien, die Männer rasch, / Die kampfverbundnen, vor sich niederwarf, / Sich durch die Thäler goß, und Greis` und Knaben, / Wo sein gezückter Stahl sie traf, erschlug: / Das ganze Prachtgeschlecht der Welt gieng aus. / Die Sieger bürgerten, barbarenartig, / In unsre Hütten frech sich ein, ernährten / Von unsrer reichen Felder Früchten sich, / Und voll der Schande Maas uns zuzumessen, / Ertrotzten sie der Liebe Gruß sich noch: / Sie rissen von den Gräbern ihrer Männer / Die Fraun zu ihren schnöden Betten hin. ..

      Durch ganze Nächte lagen, still und heimlich, / Die Frau`n im Tempel Mars, und höhlten weinend / Die Stufen mit Gebet um Rettung aus. / Die Betten füllten, die entweihten, sich / Mit blankgeschliff`nen Dolchen an, gekeilt, / Aus Schmuckgeräthen, bei des Herdes Flamme, / Aus Senkeln, Ringen, Spangen: nur die Hochzeit / Ward, des Aethopier Königs Vexoris / Mit Tanais, der Königin, erharrt, / Der Gäste Brust zusammt damit zu küssen. / Und als das Hochzeitsfest erschienen war, / Stieß ihm die Kön`ginn ihren in das Herz; / Mars, an des Schnöden Statt, vollzog die Ehe, / Und das gesammte Mordgeschlecht, mit Dolchen, / In einer Nacht, ward es zu Tod gekitzelt. ..

      Und dies jetzt ward im Rath des Volks beschlossen: / Frei, wie der WInd auf offnem Blachfeld, sind / Die Frau`n, die solche Heldenthat vollbracht, / Und dem Geschlecht der Männer nicht mehr dienstbar. / Ein Staat, ein mündiger, sei aufgestellt, / Ein Frauenstaat, den fürder keine andre / Herrschsücht`ge Männerstimme mehr durchtrotzt, / Der das Gesetz sich würdig selber gebe, / Sich selbst gehorche, selber auch beschütze: / Und Tanais sei seine Königinn. / Der Mann, deß` Auge diesen Staat erschaut / Der soll das Auge gleich auf ewig schließen; / Und wo ein Knabe noch gebohren wird, / Von der Tyrannen Kuß, da folg` er gleich / Zum Orkus noch den wilden Vätern nach ..

      So oft, nach jährlichen Berechnungen, / Die Königinn, was ihr der Tod entrafft, / Dem Staat ersetzen will, ruft sie die blüh`ndsten / Der Fraun, von allen Enden ihres Reichs, / Nach Themiscyra hin, und fleht, im Tempel der Artemis, auf ihre jungen Schöße / Den Seegen keuscher Marsbefruchtung nieder ..

      Der frohe Tag der Reise wird bestimmt, / Gedämpfter Tuben Klang ertönt, es schwingt / Die Schaar der Mädchen flüsternd sich zu Pferd, / Und still und heimlich, wie auf woll`nen Sohlen, / Geht`s in der Nächte Glanz, durch Thal und Wald, / Zum Lager fern der Auserwählten hin. / Das Land erreicht, ruhn wir, an seiner Pforte, / Uns noch zwei Tage, Thier` und Menschen, aus: / Und wie die feuerrothe Windsbraut brechen / Wir plötzlich in den Wald der Männer ein, / Und wehn die Reifsten derer, die da fallen, / Wie Saamen, wenn die Wipfel sich zerschlagen, / In unsre heimathlichen Fluren hin. / Hier pflegen wir, im Tempel Diana`s, ihrer / Durch heil`ger Feste Reih`n, von denen mir / Bekannt nichts, als der Name: Rosenfest-- / Und denen sich, bei Todesstrafe, niemand, / Als nur die Schaar der Bräute nahen darf-- / Bis uns die Saat selbst blühend aufgegangen; / Beschenken sie, wie Könige zusammt; / Und schicken sie, am Fest der reifen Mütter, / Auf stolzen Prachtgeschirren wieder heim. ....

      v. digbib.org
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    • 30.04.1895 - Oskar Panizza wird wegen Blasphemie zu 1 Jahr Einzelhaft verurteilt.

      Es soll sich um die höchste Strafe handeln, die überhaupt zwischen 1871 und 1914 im dt. Kaiserreich gegen einen Schriftsteller verhängt worden ist . . .

      Er selbst lebt in Franken in einem Irrenhaus. Dahin brachte man im Jahre 1904 den Dr. O. P., der wohl, als er noch bei Verstande war, der frechste und kühnste, der geistvollste und revolutionärste Prophet seines Landes gewesen ist. Einer, gegen den Heine eine matte Zitronenlimonade genannt werden kann und einer, der in seinem Kampf gegen Kirche und Staat, und vor allem gegen diese Kirche und gegen diesen Staat, bis zu Ende gegangen ist. .... Von dem, was er .. 1896 .. über sein Land und über sein Volk geschrieben hat, ist uns einiges aufbewahrt. ..

      "Gehen Sie nach Berlin! Was sehen Sie dort? Ist es nicht der asiatische Ton, der dort herrscht? Der Ton des Väterchens? Die Kniebeugung vor dem Mufti? Muckte Berlin jemals auf vor seinem Fürsten? Was ist das Höchste, das Berlin leistet? Eine Zote oder ein schmutziges Bonmot über ihn. Das ist immer so: Wem die Hände gefesselt sind, dem schlägt sich die Wut ins Gehirn. In Berlin werden täglich 40000 Majestätsbeleidigungen begangen - im Flüsterton. Erscheint er aber, dann regt sich in ihnen das asiatische Gemüt, und sie stürzen zu Boden und küssen des Rosses Hufe. .."

      ** Es hat, meine Herren, zu allen Zeiten und bei allen Völkern nicht an Versuchen gefehlt, das Göttliche in den Bereich der Kunst zu ziehen und es darzustellen. Und da wir .. immer auf die täglichen Bilder unserer Umgebung angewiesen sind - da wir doch über unsere Erfahrung nicht hinaus können -, so haben alle Maler und Dichter und Bildhauer stets die Modelle für ihre Darstellung des Göttlichen auf Erden gesucht. Dürer hat aus seinen Madonnen deutsche Blondinen gemacht und Murillo feurige Spanierinnen. Dante hat in seinem großen erhabenen Epos seine transzendentalen Reiche ebenso mit Italienern gefüllt, wie die französischen Mysterienspiele ihre Teufel mit gallischem Temperament begabten. ..

      Nun aber, meine Herren, werden Sie mir nicht widersprechen, wenn ich sage: Die Satire ist eine ebenso berechtigte Kunstform wie jede andere. .. Und wenn jemand eine göttliche Satire, eine göttliche Komödie schreiben will, so .. muß (er eben) die kleinen grotesken Züge, die er an Menschen beobachtet, auf das Göttliche übertragen. .. Nun werden sie mir, meine Herren, vielleicht entgegnen: Die Darstellung des Erhabenen im Göttlichen ist eben erlaubt, die Darstellung des Komischen im Göttlichen verboten. Das geb` ich zu. Aber Sie, meine Herren, werden mir andrerseits zugeben, daß das kein Standpunkt für einen Künstler ist. Wenn dieser Standpunkt stets eingehalten worden wäre, dann wäre überhaupt nie eine Satire geschrieben worden. Denn die Satiren auf Menschen wurden meist noch viel empfindlicher bestraft als die auf Götter. Die "Göttergespräche" des Lucian wären dann ebensowenig geschrieben worden wie die Lustspiele des Aristophanes. Der Engländer Wright hätte dann seine "Geschichte der Karikatur" so wenig abfassen können wie der Deutsche Flögel seine "Geschichte des Groteskkomischen". Nun ist aber die Satire und die vis comica stets eines der mächtigsten Förderungsmittel auf geistigem Gebiet gewesen. Ich erinnere Sie nur an den weittragenden Einfluß Rabelais` im Zeitalter der Reformation, dessen witzige Allüren geradezu den heutigen geistigen Charakter der Franzosen vorgebildet haben und dessen unglaublich rücksichtslose Angriffe auf das Göttliche sogar mit königlichem Privileg gedruckt wurden. ..

      Die christliche Religion hat wiederholt Zeiten der äußersten Skepsis und des tiefsten Unglaubens durchgemacht. Und besonders dann, wenn von kirchlicher Seite die übertriebendsten Ansprüche an die Herzen und Geldbeutel der Menschen gestellt wurden, regte sich in den Reihen der Gebildeten der Widerspruch und die Satire. Eine solche Zeit war z. B. .. in England zur Zeit der Gründung der Methodistengemeinden. Und der Künstler, der diese Zeit mit der rücksichtslosesten Satire verfolgte, war der englische Karikaturist William Hogarth. Ich zeige Ihnen hier einen seiner berühmtesten Kupferstiche, die unter dem Titel Credulity, superstition and fanaticism erschien. Die Szene stellt das Innere einer Kirche dar. Es ist gerade Gottesdienst. .. Unser Lichtenberg (sagt) in seinen berühmten Erklärungen der Hogarthschen Kupferstiche: "Der Anblick weckt Schauder und Entsetzen. Und doch ist hier alles wahr". .. Meine Herren, es ist mir nicht bekannt, daß jemals ein Hogarthscher Kupferstich konfisziert worden wäre.

      * Kurt Tucholsky (unter dem Pseudonym Ignaz Wrobel) am 11.07.1920; zit. v. textlog.de
      ** aus Panizzas Schlusswort vor Gericht; zit. v. zeno.org
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