Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 15.04.1907 - Todestag von Adolf Stern

      Der 1835 in Leipzig geborene Dichter und Literaturhistoriker war mit Peter Cornelius und Felix Dräseke persönlich, mit Friedrich Hebbel brieflich bekannt. Seine zweite Ehefrau Margarete Herr (kurzzeitig Schülerin von Clara Schumann) konzertierte u. a. mit Julius Klengel und Adolph Brodsky. Nach ihrem Tod 1899 schrieb Stern über sie eine Biographie... Seine knapp 30seitige Studie über Tolstoi, aus dem hier einige Passagen zitiert sind, findet sich im (1895 erstmals erschienen) Band "Studien zur Literatur der Gegenwart".....

      Krieg und Frieden gehört ohne Frage zu den...in seiner Eigenart schwerverständlichsten Büchern. Die Kompositionsweise wird erst klar, wenn man die Grundanschauung des Dichters erfaßt hat, daß die ganze große Zahl der in dem Romane...mitwirkenden Menschen alle nur unter dem Zwange eines gewaltigen Gesetzes, einer Vorsehung, eines unnennbaren, die Welt durchdringenden Hauches, unbewußte Mitwirkende der großen Vorgänge des Jahres 1812 geworden sind... Gerade so, infolge ihrer persönlichen Eigenheiten, Gewohnheiten, Bedingungen und Zwecke wirkten alle jene unzähligen Personen als Teilnehmer am Krieg. Sie fürchteten, prahlten, jubelten, zankten, stritten in der Annahme, daß sie wußten, was sie taten und daß sie es taten, jedoch waren sie alle unfreiwillige Werkzeuge der Geschichte... Die Vorsehung hat alle diese Menschen in ihrem Trachten nach Erreichung persönlicher Zwecke, zur Erreichung eines gewaltigen Zieles mitzuwirken genötigt, von dem weder Napoleon, noch Alexander, noch irgendeiner von den Teilnehmern des Krieges auch nur die geringste Ahnung gehabt hatte.

      Bei dieser Auffassung handelt es sich für Tolstoi darum, die ganze ungeheure Macht des Unbewußten und die Lenkung der verschiedenartigen bewußten Gestalten durch dies Unbewußte in seiner Erzählung zu verkörpern. Ganz Rußland, von den am kaiserlichen Hofe einflußreichen und einander eifersüchtig...befehdenden Großen des Reiches bis hinab zu den Bauernscharen, die ehrlich=gläubig dem Dorfpopen folgen, der ihnen verkündet hat, daß der fremde Feind als Brut des Teufels ins heilige Rußland eindringt, von den Feldherren, die unausführbare Pläne entwerfen, bis zum letzten Trainsoldaten und den Landstürmern, die nichts Besseres wissen, als sich auf der Stelle...erschlagen zu lassen, muß in die Darstellung einbezogen werden. Darum setzt der historische Roman in außerordentlicher Breite ein, beginnt...1905 in den Petersburger Hofkreisen, spielt sich nach Moskau hinüber und, mit der Darstellung des Lebens und Hofhaltes des Fürsten Nikolai Andrejewitsch Bolkonski..., in die Kreise des gegen Kaiser Alexander frondierenden Landadels hinein. Der Feldzug von 1805 dient nicht nur dazu, die persönlichen Schicksale des jungen Fürsten Andrei Bolkonski und des jugendlichen Grafen Rostow weiterzuführen, sondern auch das Bild der gesamten russischen Armee vor Augen zu stellen. Und wie Tolstoi in der Mannigfaltigkeit dieser bunten Szenen überall auf den Kern der Empfindungen, auf die unbedingte Wahrheit des Augenblickes dringt, so stellt er schon hier im Eingang des Romanes die Abneigung des in Kutusow verkörperten Altrussentumes dar, für das Ausland und die Politik des Kaisers Alexander zu kämpfen.

      Aber alle diese historische Momente sind der Wirklichkeitswiedergabe untergeordnet. Alle diese russischen Offiziere sind wohl auch tapfer, pflichttreu und sogar in einem heldischen Rausch, solange nicht die Wahrheit des Todes in ihr Bewußtsein tritt. Geschieht dies, so taucht, wie ein fester Punkt aus farbigen, auf- und abwogenden Nebeln, die wahre Empfindung aller einzelnen vor uns auf. Als Graf Rostow verwundet liegt, gehen lauter wirre Fragen, wer sind Sie? was wollen Sie? wann hört das alles auf? durch seinen Sinn. Unbezwingbar beugte ihn der Schlaf, rote Kreise tanzten in den Augen, und der Eindruck dieser Stimmen, dieser Schatten und das Gefühl der Verlassenheit und Hilflosigkeit, verschmolzen mit dem Gefühl des Schmerzes. Und als Fürst Andrei Bolkonski...verwundet und gefangen vor Napoleon geführt wird, geht ihm das wahre Leben auf, er fühlt, daß etwas Geheimnisvolles und Beglückendes zwischen seiner Seele und dem hohen endlosen Himmel mit den treibenden Wolken waltet, schweigend heftet er seine Augen auf den französischen Kaiser. So gering erschienen ihm jetzt alle Napoleon beschäftigenden Interessen, so kleinlich er selbst mit dieser kleinlichen Eitelkeit und Siegesfreude, im Vergleich mit dem hohen,gerechten und guten Himmel, den er sah und verstand, daß er ihm nicht zu antworten vermochte.

      Was solchergestalt auf dem Schlachtfelde beginnt, setzt sich durch den ganzen Roman entscheidend fort. Der tiefdringende unbeirrbare Wirklichkeitssinn des Dichters läßt alle seine Gestalten die geheimsten innersten Vorgänge des Lebens erkennen. In Schmerz und Erschütterung, zum größeren Teil wider Willen, erfahren sie all das Furchtbare, nie Enträtselte, die tausend unerklärlichen Leidensmomente, die das Leben, fest und groß angesehen, in sich birgt... ....

      Die Novelle Die Kreutzersonate...stellt uns überwältigend vor Augen, daß wir es hier mit einem durchaus subjektiven Werke zu tun haben, einem Werke, in dem Tolstoi eine letzte Konsequenz seiner schwer erkämpften Anschauungen zieht, einer Erfindung voll Herbheit und äußerstem Weltekel. Der Vernichter aller individualistischen Mannigfaltigkeit, der Urchrist, der nicht mehr einräumen will, daß die Mannigfaltigkeit der Menschennaturen, der Bildungen, der Neigungen auch nur den Schatten eines Rechts hätte, nimmt für sich, freilich im Munde eines halbzerbrochenen Menschen, der in rasender Eifersucht der Mörder seiner Frau geworden ist, das ungeheure Recht in Anspruch, die ganze Menschheit zu richten...und der Liebe zwischen Mann und Weib jede sittliche Berechtigung abzusprechen. Wer die "Kreutzersonate" mit dem inneren Anteil liest, den die gewaltige Persönlichkeit Tolstois einflößt, empfindet bald, daß der Dichter hier mit der Unmöglichkeit kämpft, seine persönlichsten Forderungen in ein Gesetz zu verwandeln. Die Anschauung des Dichters ringt hier nicht nur gegen den Widerstand der entarteten, sondern der ganzen Welt, ja sie ringt, z. B. in dem ingrimmigen Ausfall gegen die...pflegende Sorgfalt der Frauen für das leibliche Gedeihen ihrer Kinder, in der leidenschaftlichen Verdammung der Musik, gegen die Bildung und das eigene frühere Leben Tolstois.

      Überhaupt ist die Musik etwas Schreckliches! Was ist die Musik? Was bewirkt sie? Und wozu bringt sie hervor, was sie bewirkt? Sie wirkt schrecklich, aber nicht erhebend. -- Die Musik versetzt mich unmittelbar in jenen Seelenzustand, in dem sich derjenige befand, der sie komponierte, meine Seele vereinigt sich mit der seinigen und gemeinsam mit ihr schwebt sie aus der einen Stimmung in die andere. Darf man zulassen, daß jeder, dem es einfällt, andere hypnotisiert und dann mit ihnen macht, was er will, und vor allem, daß der erste beste sittenlose Mensch als solcher Hypnotiseur auftritt?

      Wieder beschleicht uns das...Gefühl, daß hier Eindrücke und Überlieferungen mitwirken, die ganz und gar dem Vaterlande Tolstois angehören. Auch wenn er noch siegesgewisser sich auf die Übereinstimmungen seiner Überzeugungen...mit Christi Gebot beriefe, dies Gebot hat die slawische Färbung angenommen, wir spüren in den Erörterungen, den Wutausbrüchen des erzählenden Helden dieser Novelle, den finstern Fanatismus der Skopzen und ähnlicher Sekten, wir empfinden, daß hier ein Despotismus das Haupt emporrichten will, gegen den aller zarische Despotismus ein Kinderspiel ist...

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      (Udo Lindenberg)
    • 16.04.1859 - Todestag von Alexis de Tocqueville

      Aktueller könnten seine Thesen kaum sein... (Er) versuchte, die Demokratie "zu erziehen" - und sagte die Herrschaft der Ökonomie voraus. / W.Lepenies am 15.04.2009 auf welt.de

      Tocqueville gehört zu den Autoren, die ich - jedenfalls mit meinem derzeitigen Wissensstand - regelmäßig zu Rate zöge, wäre ich ein sehr politisch motivierter Opernregisseur! Die folgenden Abschnitte entstammen seiner Schrift "Der alte Staat und die Revolution", hier zitiert aus der Ausgabe des Verlags Otto Wigand, Leipzig 1867......

      Vorwort. ... Das Mittelalter, die (Renaissance) sind Gegenstand...sehr gründlicher Forschungen gewesen, die uns...mit den Gesetzen, den Gebräuchen, dem Geiste der Regierung und der Nation in jenen verschiedenen Zeitaltern bekannt gemacht haben. Bis jetzt hat sich noch niemand die Mühe gegeben, das achtzehnte Jahrhundert in solcher...Nähe zu betrachten. Wir glauben die französische Gesellschaft jener Zeit sehr genau zu kennen, weil wir...die ausführliche Geschichte der berühmtesten Personen, die damals gelebt haben, besitzen... Verworren und oft sachlich falsch sind jedoch unsere Vorstellungen von der Art und Weise, wie damals die Geschäfte geleitet, wie die Staatseinrichtungen gehandhabt wurden, ...vom Zustande und von den Gesinnungen derjenigen Volksschichten, die sich noch nicht bemerklich machten, und überhaupt vom eigentlichen Wesen der Meinungen und Sitten... ....

      Drittes Kapitel. Wie die französische Revolution...nach Art der religiösen Revolutionen verfuhr und warum. ... Schiller bemerkt mit Recht in seiner Geschichte des dreißigjährigen Kriegs, daß in Folge der großen Reformation...Völker, die sich kaum gekannt hatten, einander genähert...wurden. Man sah damals...Franzosen gegen Franzosen kämpfen, während Engländer ihnen zu Hilfe kamen; an den Nordgestaden der Ostsee geborene Männer drangen bis ins Herz von Deutschland, um Deutsche zu beschützen, von denen sie bis dahin kaum reden gehört hatten... Die alten Interessen jeder Nation wurden über neuen Interessen vergessen; den Fragen des Länderbesitzes machten Prinzipienfragen Platz. Zum höchlichen Staunen und zum großen Schmerze aller Politiker jener Zeit fanden sich alle Regeln der Diplomatie vermischt und verworren.

      Ganz das Nämliche geschah in Europa nach dem Jahre 1789. Die französische Revolution ist...nach der Weise einer religiösen Revolution zu Werke gegangen... Man bemerke, durch welche... charakteristische Züge sie dieser letzteren vollends ähnlich wird: sie breitet sich nicht nur gleich derselben in der Ferne aus, sondern bricht sich auch ebenso Bahn durch Predigt und Propaganda. Eine politische Revolution, ...die man mit demselben Feuereifer den Fremden predigt, womit man sie daheim bewerkstelligte: welch ein neues Schauspiel!

      Religionen sind ihrem Wesen nach gewohnt, den Menschen nur als solchen zu betrachten, ohne zu berücksichtigen, wiefern die Gesetze...und Traditionen eines Landes das Allgemeinmenschliche...modificirt haben mögen. Ihr Hauptwerk ist, die allgemeinen Bezehungen des Menschen mit Gott, die allgemeinen Rechte und Pflichten des Menschen unter einander, ohne Rücksicht auf die Form der Gesellschaften zu ordnen... Daher kommt es, daß die religiösen Revolutionen...sich selten...auf das Gebiet eines einzigen Volkes oder selbst einer Menschenrasse beschränkt haben. Und bei noch näherer Betrachtung dieses Gegenstandes wird man finden, daß die Religionen sich...um so mehr ausgebreitet haben, jemehr sie den angedeuteten abstracten und allgemeinen Charakter hatten...

      Viertes Kapitel. Wie beinahe ganz Europa die nämlichen Institutionen gehabt hatte, und wie dieselben allenthalben in Trümmer fielen. ... Ich habe...die politischen Einrichtungen des Mittelalters in Frankreich, England und Deutschland (studirt) und während ich in dieser Arbeit vorschritt..., (sah ich mit Bewunderung), wie so verschiedene und so wenig mit einander gemischte Völker sich so ähnliche Gesetze hatten geben können. Freilich weichen sie...fast ins Unendliche je nach der Oertlichkeit von einander ab; aber im Wesentlichen sind sie überall die nämlichen. Entdeckte ich in der alten deutschen Gesetzgebung eine politische Einrichtung, eine gesetzliche Bestimmung, eine Behörde, so wußt' ich im Voraus, daß ich bei aufmerksamer Nachforschung etwas...ganz Aehnliches in Frankreich und in England finden würde... Die Stadtverfassungen sind einander ähnlich; das platte Land wird in derselben Weise regiert... Von den äußersten Gränzen Polens bis zum irlandischen Meere glich Alles einender: Die Lehnsherrlichkeit..., das Lehnsgut, die zu leistenden Dienste, die Feudalrechte, die Innungen... Ich glaube. man darf behaupten, daß im vierzehnten Jahrhundert die gesellschaftlichen, politischen, administrativen, richterlichen, ökonomischen und wissenschaftlichen Zustände Europas vielleicht mehr Aehnlichkeit unter einander hatten, als selbst in unsern Tagen...

      Es liegt mir hier nicht ob, zu berichten, wie diese alte Verfassung Europa's nach und nach...hinfällig geworden war; ich beschränke mich auf die Bemerkung, daß sie im achtzehnten Jahrhundert überall halb in Trümmern lag... Dieser allmähliche Verfall...läßt sich in (den) Archiven verfolgen. Man weiß, daß jede Herrschaft Land=Register besaß, Flurbücher genannt, worin man...die zu leistenden Dienste, die auf Herkommen beruhenden Rechte verzeichnete. Ich habe Flurbücher des vierzehnten Jahrhunderts gesehen, die, was...Genauigkeit und Einsicht anlangt, wahre Meisterstücke sind. Trotz des allgemeinen Fortschrittes der Aufklärung werden sie nach und nach...unvollständiger un verworrener... Die politische Gesellschaft scheint gleichzeitig in Barbarei zu versinken, während die bürgerliche Gesellschaft ihre Bildung vervollständigt...

      Die städtischen Institutionen, die im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert die ansehnlichsten deutschen Städte zu ebenso reichen als gebildeten kleinen Republiken gemacht hatten ( - in Deutschland hatte die alte Verfassung Europa's ihre ursprünglichen Züge besser bewahrt, als in Frankreich -), existiren noch im achtzehnten, aber sie bieten nur noch leere Scheinbilder dar...; die Obrigkeiten...führen die nämlichen Namen und scheinen die nämlichen Dinge zu thun; aber die...Energie, der Patriotismus, die...fruchtbaren Tugenden...sind verschwunden. Diese alten Institutionen sind gleichsam abgestorben, ohne ihre Form veroren zu haben... Es ist das Königthum, welches nichts mehr mit dem Königthum des Mittelalters gemein hat, andere Vorrechte besitzt, eine andre Stellung einnimmt, einen anderen Geist hat, andere Gesinnungen einflößt; es ist die Staatsverwaltung, die sich überall über die Trümmer der alten Autoritäten ausdehnt; es ist das Beamtenthum, welches mehr und mehr die Regierung des Adels verdrängt. Alle diese Autoritäten verfahren nach Regeln, befolgen Grundsätze, welche die Männer des Mittelalters nicht gekannt oder verworfen haben und die sich allerdings auf einen gesellschaftlichen Zustand beziehen, von dem (diese) nicht einmal einen Begriff hatten...

      Fünftes Kapitel. Das eigentliche Werk der französischen Revolution. ... Betrachtet man (diese) gesondert von allen Nebenumständen..., so sieht man deutlich, daß (sie) nur die Wirkung gehabt hat, jene poitischen Institutionen, die...man gewöhnlich unter dem Namen Feudalwesen zusammenfaßt, abzuschaffen, um an deren Stelle eine gleichförmigere soziale politische Ordnung einzuführen... Abgesehen davon, daß jene alten Einrichtungen mit fast allen religiösen und politischen Gesetzen Europa's gleichsam verflochten waren, hatten sie überdies eine Menge (mit ihnen innig verwachsene) Ideen, Gefühle, Gewohnheiten und Sitten erzeugt. Es bedurfte einer furchtbaren Convulsion, plötzlich aus dem Gesellschaftskörper einen Theil herauszuziehen und zu vernichten, der solchergestalt an allen seinen Organen haftete. Dies ließ die Revolution noch größer erscheinen, als sie es war... Wie radical auch (diese) gewesen sein mag, so hat sie doch weit weniger Neuerungen gemacht, als man gewöhnlich annimmt; ich werde dies später nachweisen... .... ((dt.v.Th.Oelckers; 1816/1869))

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      (Udo Lindenberg)
    • 23.04.1775 - Geburtstag von William Turner

      => aus "The Life of J. M. W. Turner, R.A. founded on Letters and Papers furnished by his Friends and Fellow Academicians. By Walter Thornbury ((1828/1876))... Vol. I. Hurst and Blackett, Publishers, Successors to Henry Colburn: London 1862" =>

      .... Let us consider the nature of the art he taught, and the various improvements he introduced into that art.

      On the interesting question of Turner's method of water-colour painting, our greatest authority, Mr. Ruskin ((1819/1900)), says:-- "The large early drawings of Turner were sponged without friction, or were finished piece by piece on white paper; as he advanced he laid the chief masses first in broad tints, never effacing anything, but working the details over these broad tints. While still wet, he brought out the soft lights with the point of a brush; the brighter ones with the end of a stick, often, too, driving the wet colour in a darker line to the edge of the light, in order to represent the outlines of hills.

      His touches were all clear, firm, and unalterable, one over the other: friction he used only now and then, to represent the grit of stone or the fretted pile of moss; the finer lights he often left from the first, even the minutest light, working round and up to them, not taking them out as weaker men would have done. He would draw the dark outlines by putting more water to wet brushes, and driving the colour to the edge to dry there, firm and dark. He would draw the broken edges of clouds with a quiver of the brush, then round the vapour by laying on a little more colour into parts not wet, and lastly dash in warm touches of light when dry on the outside edges.

      In his advanced stage, and in finishing drawings, he no doubt damped and soaked and pumped on his paper, so as to e able to work with a wooden point. The superfluous colour he would remove, but he never stifled or muddled one tint with another; nor would he use friction so as to destroy the edge and purity of a colour. His finer vignettes are on smooth cardboard, his coarser ones on sheets of his thin drawing-paper; and in some of his sketches he would colour on both sides, so that the paper could never have neen soaked. There is no doubt, too, besides his work on wet paper with wooden point, and his wonderful method of taking out high lights with bread, he had many secrets of manipulation, as, for instance, in imitating the dark boven edges of waves...

      The 'Crossing the Brook', and such other elaborate and large compositions, are actually painted in nothing but grey, brown, and blue, with a point or two of severe local colour in the figures; but in the minor drawings, tender passages of complicated colour occur not unfrequently in easy places; and even before the year 1800 he begins to introduce it with evident joyfulness and longing in his rude and simple studies, just as a child, if it could be supposed to govern itself by a fully developed intellect, would cautiously, but with infinite pleasure, add now and then a tiny dish of fruit or other dangerous luxury to the simple order of its daily fare. Thus in the foregrounds of his most severe drawings, we not unfrequently find him indulging in the luxury of a peacock; and it is impossible to express the joyfulness with which he seems to design its graceful form, and deepen with soft pencilling the bloom of its blue after he has worked through the stern detail of his almost colourless drawing...

      What general feeling, it may be asked incredulously, can possibly pervade all this? This, the greatest of all feelings--an utter forgetfulness of self. Throughout the whole period with which we are at present concerned, Turner appears as a man of sympathy absolutely infinite--a sympathy so all-embracing that I know nothing but that of Shakspeare ((sic!!)) comparable with it... Nothing can possible be so mean as that it will not interest his whole mind and carry away his whole heart; nothing so great or solemn but that he can raise himself into harmony with it; and it is impossible to prophesy of him at any moment whether the next he will be in laughter or in tears."

      Speaking of Turner's rapidity, Mr. Ruskin tells the following interesting story:--

      There is a drawing in Mr. Fawkes's ((1769/1825)) collection...about sixteen inches by eleven... There are two ships of the line in the middle distance drawn with equal precision, a noble breezy sea dancing against their broad bows, full of delicate drawing in its waves; a store-ship beneath the hull of the larger vessel, and several other boats, and a complicated cloudy sky. It might appear no small exertion of mind to draw the detail of all this shipping, down to the smallest ropes, from memory, in the drawingroom of a mansion in the middle of Yorkshire, even if considerable time had been given for the effort. But Mr. Fawkes sat beside the painter from the first stroke to the last. Turner took a piece of blank paper one morning after breakfast, outlined his ships, (and) finished the drawing in three hours..."

      Describing the conventionalism of Turner's young days, and the daring and originality that he must have possessed to have been able to escape from its paralyzing atmosphere, Mr. Ruskin says:--

      "Turner's drawing is even better than a model of the ground, because it gives the aeriel perspective, and is better than a photograph of the ground, because it exaggerates no shadow, while it unites the veracities both of model and photograph." .... ....

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      (Udo Lindenberg)
    • 24.04.1870 - Geburtstag von Otto Reutter

      Seht den Künstler im Theater, wie er täglich lacht und singt, / und durch seine tollen Späße jedermann zum Lachen bringt.
      Doch wenn er nach Haus gekommen, ist's mit allen Scherzen aus, / denn es zog mit leisen Schritten Sorge in sein stilles Haus.
      Seine Frau liegt krank darnieder, die Not lindern kann er nicht, / denn in's Theater muß er wieder und singen, wenn sein Herz auch bricht.
      Und er singt, die Lippen beben, und sein Herz zerspringt vor Pein: Ach wie herrlich ist das Leben, kann die Welt noch schöner sein?

      Reiche Herren, Lebenmänner, die schon bis zum Überfluß / jede Freud' des Lebens kennen, sitzen schweigend voll Verdruß.
      Haben Wein in Goldpokalen, aber niemand rührt ihn an. / Mürrisch geh'n sie auseinander - da naht fremd ein Wandersmann!
      Frosterstarrt sind seine Glieder, müde wankt er bis vor's Haus, / und jenen Wein, den sie nicht trinken, trinkt der Bettler hastig aus.
      Und berauscht vom Saft der Reben singt er und schläft selig ein: Ach wie herrlich...

      Ein alter Krieger, der...einst im Kriege gekämpft, gesiegt f. unser Vaterland, / mit 'nem Stellfuß kehrt er heim v. Siege ...einz'ger Reichtum ist sein Ordensband.
      Als einst in D alle Herzen pochten, als(die)Heimat durch den Krieg bedroht, /..hat er kühn für's Vaterland gefochten - heute fechtet er für's liebe Brot.
      Auf Unterstützung wartet er vergebens - Leierkasten spielt der alte Held / und singt dazu...Freut euch des Lebens! s'ist alles nur Komödie auf der Welt!

      Man spielt sehr oft Komödie froh u. heiter-..mancher wünscht 'nem and'ren: guten Tag! /..fragt "wie geht's", kümmert sich nicht weiter, wie es(jenem)auch ergehen mag.
      Komödie war's, als vor ein'gen Jahren die Friedenskonferenz berief der Zar. / Im Burenkriege hat man bald erfahren, wie weit der Friede schon gediehen war.
      Den armen Bur'n ist nicht geholfen worden, obwohl sich Volk auf ihre Seite stellt - / und mancher General kriegt einen Orden - s'ist alles...

      Auf manchen Menschen wird heut' geschimpft - unbedacht wird auf die Nase rümpft. / Eh' ich zum Vorwurf öffne den Mund, geh' ich der Sache erst auf den Grund.
      Mancher zum Beispiel sagt vorwurfsvoll: "Gott, sind die Leut' heut' vergnügungstoll! / Gehn ins Theater, ins Variete, sitzen beim Weine im Separee." - -
      Warum denn soll'n wir uns nicht zerstreu'n? Worüber soll'n wir uns sonst...noch freu'n? / Schafft uns Freude: Das wäre gescheit - wir brauchen sie in dieser traurigen Zeit.
      Da sie zu schaffen ihr's nicht versteht, zerstreu'n wir uns selbst, so gut's halt geht. / Ich will's nicht etwa entschuld'gen - nein, aber alles verstehen. heißt alles verzeih'n.

      Wo man heut' hinschaut, liest man "Tanz". Ist denn die Jugend verdorben ganz? / Mancher schimpft auf die Jugend von heut', doch ich verteid'ge die jungen Leut'.
      War'n vielleicht sechzehn bei Kriegsbeginn, lebten fünf Jahre in Trauer dahin, / haben von Tanz, von Liebe geträumt - hab'n die fünf herrlichsten Jahre versäumt.
      Denkt euch doch bitte mal hinein, in so'n Mädchenherz, so'n Mädchenbein. / Fünf Jahr' nicht getanzt - sie wurden nicht satt. Was sich da aufgetapelt hat!
      All die Walzer von Johann Strauß sitzen da drin und nun müssen sie raus. / Ich will's nicht etwa entschuld'gen - nein, aber...

      Herr Harden aus der Zukunft ist jetzt riesig populär. / Und Doktor Magnus Hirschfeld ist sein Sachverständiger.
      Ein jeder weiss, Herr Hirschfeld hat in vielen Punkten recht. / Jedoch mir scheint beinah' - er glaubt, die ganze Welt sei schlecht.
      Er wittert überall Skandal. Er hält fast keinen für normal. / Drum sieht man täglich in Berlin Herrn Hirschfeld durch die Straßen zieh'n.
      Und jeder kriegt 'nen Schreck: kommt Hirschfeld um die Eck'.
      Der Hirschfeld kommt! Der Hirschfeld kommt! Dann rücken alle aus. / Der holt Verdachtsmomente aus allen Dingen raus.
      Der Hirschfeld sagt "Selbst die Natur blamiert sich kolossal, / denkt an den letzten Sommer nur, auch der war nicht normal".

      Wer heut nicht jedes Mädchen küsst, der kommt gleich in Verdacht, / bleibt heut' 'ne Ehe kinderlos, dann wird er ausgelacht.
      Wer heutzutag' 'nen Buckel hat, wer etwas lang und schmal, / wer so gebaut ist, als wie ich, der ist schon nicht normal.
      Mein'm kleinen Neffen Friederich, den traf ich heut', dem schenkte ich, / 'ne Zuckertüte, welche Pracht - doch grad', als er sie aufgemacht -
      in dem Moment - o Schreck, kommt Hirschfeld um die Eck.
      Der Hirschfeld... ... Steck' schnell die Tüte ein! / Das Süße in der Tüte könnt' sehr verdächtig sein.
      Friß ganze Zuckerhüte auf, das ist ihm ganz egal, / doch tu's nicht in die Tüte, sonst bist Du nicht normal.

      'ne alte Jungfer sitzt vergnügt auf einer Bank im Frei'n, / hat auf dem Schosse ihren Mops, der schaut phlegmatisch drein,
      er ist gesättigt und gepflegt, das Asthma plagt ihn sehr, / was sonst ein Hundeherz bewegt, das rührt ihn gar nicht mehr.
      Zwei Hunde stell'n sich zu ihm ran, doch er schaut nur die Herrin an. / Als wollte sagen er zu ihr: "Sei unbesorgt, ich bleib' bei dir."
      Im dem Moment - o Schreck,kommt Hirschfeld um die Eck.
      Der Hirschfeld... ... Nun springt der Mops vom Schoß. / Jetzt läuft er wie der Teufel gleich auf beide Hunde los.
      Den einen, den erwischt er bald an 'nem Laternenpfahl - / Sonst schreibt ihn Hirschfeld auf und sagt. "Der Mops ist nicht normal!" :D :D

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      (Udo Lindenberg)
    • 26.04.1925 - Erscheinung der Erstausgabe von Franz Kafkas Romanfragment Der Prozess, herausgegeben von Max Brod

      Alle interessierten Leser seien hiermit freundlich gebeten, sich bei Bedarf einige Erläuterungen selber zu besorgen...den Kalendermann hat der Heuschnupfen erwischt :huh:

      ... Man machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen nun regelmäßig...einander folgen würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch zu Ende zu führen, anderseits aber müßten die Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich sein und doch wegen der damit verbundenen Anstrengung niemals allzulange dauern... Man setze voraus, daß er (mit der Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag) einverstanden sei, wollte er einen andern Termin wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen. Die Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber da sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K. nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß er bestimmt erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst aufmerksam machen... ....

      "Sie haben schöne dunkle Augen," sagte sie, nachdem sie sich gesetzt hatten... "Sie waren auch der Grund, warum ich dann später hierher ins Verhandlungszimmer ging, was ich sonst niemals tue und was mir sogar gewissermaßen verboten ist." 'Das ist also alles,' dachte K., sie bietet sich mir an, sie ist verdorben wie alle hier rings herum, sie hat die Gerichtsbeamten satt, was ja begreiflich ist, und begrüßt deshalb jeden beliebigen Fremden mit einem Kompliment wegen seiner Augen.' Und K. stand stillschweigend auf, als hätte er seine Gedanken laut ausgesprochen und dadurch der Frau sein Verhalten erklärt. "Ich glaube nicht, daß Sie mir helfen können," sagte er, "um mir wirklich zu helfen, müßte man Beziehungen zu hohen Beamten haben. Sie aber kennen gewiß nur die niedrigen Angestellten, die sich hier in Mengen herumtreiben... Führen Sie ihr bisheriges Leben zu diesen Leuten weiter, es scheint mir nämlich, daß es Ihnen unentbehrlich ist. Ich sage das nicht ohne Bedauern, denn, um Ihr Kompliment doch auch irgendwie zu erwidern, auch Sie gefallen mir gut, besonders wenn Sie mich wie jetzt so traurig ansehn, wozu übrigens für Sie gar kein Grund ist...

      Wenn Ihnen wirklich daran liegt, daß ich hierbleibe, bleibe ich gern, ich habe ja Zeit, ich kam doch in der Erwartung her, daß heute eine Verhandlung sein werde... ...daß es überhaupt zu einem wirklichen Abschluß des Prozesses kommt, (bezweifle ich sehr). Ich glaube vielmehr, daß das Verfahren infolge Faulheit oder Vergeßlichkeit oder vielleicht sogar infolge Angst der Beamtenschaft schon abgebrochen ist oder in der nächsten Zeit abgebrochen werden wird. Möglich ist allerdings auch, daß man in Hoffnung auf irgendeine größere Bestechung den Prozeß scheinbar weiterführen wird, ganz vergeblich, wie ich heute schon sagen kann, denn ich besteche niemanden. Es wäre immerhin eine Gefälligkeit, die Sie mir leisten könnten, wenn Sie dem Untersuchungsrichter oder irgend jemandem sonst, der wichtige Nachrichten gern verbreitet, mitteilen würden, daß ich niemals und durch keine Kunststücke, an denen die Herren wohl reich sind, zu einer Bestechung zu bewegen sein werde...

      Kennen Sie eigentlich den Untersuchungsrichter?" "Natürlich," sagte die Frau, "an den dachte ich sogar zuerst, als ich Ihnen Hilfe anbot. Ich wußte nicht, daß er nur ein niedriger Beamter ist, aber da Sie es sagen, wird es wahrscheinlich richtig sein. Trotzdem glaube ich, daß der Bericht, den er nach oben liefert, immerhin einigen Einfluß hat. Und er schreibt soviel Berichte... Letzten Sonntag z. B. dauerte die Sitzung bis gegen Abend. Alle Leute gingen weg, der Untersuchungsrichter aber blieb ihm Saal, ich mußte ihm eine Lampe bringen... Plötzlich in der Nacht...wache ich auf... Ich war so erschrocken, daß ich fast geschrien hätte, aber der Untersuchungsrichter war sehr freundlich, ermahnte mich zur Vorsicht, flüsterte mir zu, daß er bis jetzt geschrieben habe, daß er mir jetzt die Lampe zurückbringe und daß er niemals den Anblick vergessen werde, wie er mich schlafend gefunden habe. Mit dem allen wollte ich Ihnen nur sagen, daß der Untersuchungsrichter tatsächlich viele Berichte schreibt, insbesondere über Sie, denn Ihre Einvernahme war gewiß einer der Hauptgegenstände der zweitägigen Sitzung. Solche langen Berichte können aber doch nicht ganz bedeutungslos sein. Außerdem aber können Sie doch auch aus dem Vorfall sehn, daß sich der Untersuchungsrichter um mich bewirbt und daß ich gerade jetzt in der ersten Zeit...großen Einfluß auf ihn haben kann. Daß ihm viel an mir liegt, dafür habe ich jetzt auch noch andere Beweise... ....

      "(Erna) hat ja keinen Verkehr mit dir(," sagte der Onkel, ")du kümmerst dich leider nicht viel um sie, trotzdem hat sie es erfahren. Heute habe ich den Brief bekommen und bin natürlich sofort hergefahren. Aus keinem andern Grund, aber es scheint ein genügender Grund zu sein... Sie schreibt: Josef habe ich schon lange nicht gesehn, vorige Woche war ich einmal in der Bank, aber Josef war so beschäftigt, daß ich nicht vorgelassen wurde... Nachdem ich eine Zeitlang ruhig gewartet hatte, fragte ich einen Diener, ob die Verhandlung noch lange dauern werde. Er sagte, das dürfte wohl sein, denn es handle sich wahrscheinlich um den Prozeß, der gegen den Herrn Prokuristen geführt werde. Ich fragte, was denn das für ein Prozeß sei, ob er sich nicht irre, er aber sagte, er irre sich nicht, es sei ein Prozeß, und zwar ein schwerer Prozeß, mehr aber wisse er nicht. Er selbst möchte dem Herrn Prokuristen gerne helfen, denn dieser sei ein guter und gerechter Herr, aber er wisse nicht, wie er es anfangen sollte, und er möchte nur wünschen, daß sich einflußreiche Herren seiner annehmen würden. Dies werde auch sicher geschehn und es werde schließlich ein gutes Ende nehmen, vorläufig aber stehe es, wie er aus der Laune des Prokuristen entnehmen könne, gar nicht gut...

      Wie ist es aber geschehn?" fragte endlich der Onkel, so plötzlich stehen bleibend, daß die hinter ihm gehenden Leute erschreckt auswichen. "Solche Dinge kommen doch nicht plötzlich, sie bereiten sich seit langem vor, es müssen Anzeichen gewesen sein, warum hast du mir nicht geschrieben. Du weißt, daß ich für dich alles tue, ich bin ja gewissermaßen noch dein Vormund und war bis heute stolz darauf. Ich werde dir natürlich auch jetzt noch helfen, nur ist es jetzt, wenn der Prozeß schon im Gange ist, sehr schwer. Am besten wäre jedenfalls, wenn du die jetzt einen kleinen Urlaub nimmst und zu uns aufs Land kommst. Du bist auch ein wenig abgemagert, jetzt merke ich es. Auf dem Land wirst du dich kräftigen, das wird gut sein, es stehen dir ja gewiß Anstrengungen bevor... Willst du denn den Prozeß verlieren? Weißt du, was das bedeutet? Das bedeutet, daß du einfach gestrichen wirst. Und daß die ganze Verwandtschaft mitgerissen oder wenigstens bis auf den Boden gedemütigt wird. Josef, nimm dich doch zusammen. Deine Gleichgültigkeit bringt mich um den Verstand..." "Lieber Onkel," sagte K., "die Aufregung ist so unnütz, sie ist es auf deiner Seite und wäre es auch auf meiner. Mit Aufregung gewinnt man die Prozesse nicht, laß auch meine praktischen Erfahrungen ein wenig gelten, so wie ich deine, selbst wenn sie mich überraschen, immer und auch jetzt sehr achte. Da du sagst, daß auch die Familie durch den Prozeß in Mitleidenschaft gezogen würde, -- was ich für meinen Teil durchaus nicht begreifen kann, das ist aber Nebensache -- so will ich dir gerne in allem folgen. Nur den Landaufenthalt halte ich selbst in deinem Sinn nicht für vorteilhaft, denn das würde Flucht und Schuldbewußtsein bedeuten... ....

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      (Udo Lindenberg)
    • 28.04.1874 - Geburtstag von Karl Kraus wird morgn früh ergänzt

      ... (Nestroy) verfährt anders als der bekanntere zeitgenössische Umdichter Hofmannsthal, der ehrwürdigen Kadavern das Fell abzieht, um fragwürdige Leichen darin zu bestatten, und der sich...gegen einen Vergleich mit einem Possendichter wohl verwahren würde. Wie alle besseren Leser reduziert Herr v. Hofmannsthal das Werk auf den Stoff. Nestroy bezieht den Stoff von dort, wo er kaum mehr als Stoff war, erfindet das Gefundene, und seine Leistung wäre auch dann noch erheblich, wenn sie nur im Neubau der Handlung und im Wirbel der nachgeschaffenen Situationen bestünde... Der höhere Nestroy aber...ist einer..., dem die Rolle nur eine Ausrede ist, um sich auszureden, und dem jedes Wort zu einer Fülle erwächst, die die Gestalten schlägt... Nicht der Schauspieler Nestroy, sondern der...Exekutor seiner Anschläge, der Wortführer seiner eigenen Beredsamkeit, mag jene geheimnisvolle...Wirkung ausgeübt haben, die uns als der Mittelpunkt einer heroischen Theaterzeit überliefert ist. Mit Nestroys Leib mußte die Theaterform seines Geistes absterben, und die Schablone seiner Beweglichkeit, die wir noch da und dort in virtuoser Haltung auftauchen sehen, ist ein angemaßtes Kostüm. In seinen Possen bleibt die Hauptrolle unbesetzt, solange nicht dem Adepten seiner Schminke auch das Erbe seines satirischen Geistes zufällt...

      In Nestroy ist so viel Literatur, daß sich das Theater sträubt, und er muß für den Schauspieler einspringen. Er kann es, denn es ist geschriebene Schauspielkunst. In dieser Stellvertretung für den Schauspieler...lebt ihm heute eine Verwandtschaft, die schon in den geistigen Umrissen seiner Persönlichkeit hin und wieder erkennbar wird: Frank Wedekind. Auch hier ist ein Überproduktives... Der Schauspieler hat eine Rolle für einen Dichter geschrieben, die der Dichter einem Schauspieler nicht anvertrauen würde. In Wedekind stellt sich...ein Monologist vor uns, dem gleichfalls eine scheinbare...Beiläufigkeit der szenischen Form genügt, um das wahrhaft Neue und Wesentliche an ihr vorbeizusprechen und vorbeizusingen. Auf die Analogie im Tonfall witzig eingestellter Erkenntnisse hat einmal der verstorbene Kritiker Wilheim hingewiesen. Der Tonfall ist jene Äußerlichkeit, auf die es dem Gedanken hauptsächlich ankommt, und es muß irgendwo einen gemeinsamen Standpunkt der Weltbetrachtung geben, wenn Sätze gesprochen werden, die Nestroy so gut gesprochen haben konnte wie Wedekind. Sie steht jetzt im zwanzigsten Jahr, war dreimal verheiratet, hat eine kolossale Menge Liebhaber befriedigt, da melden sich auch schließlich die Herzensbedürfnisse.

      Eine solche biographische Anmerkung würde, wie sie ist, auch von einem der Nestroyschen Gedankenträger gemacht werden, wenn er sich mit dem gleichen Schwung der Antithese über das Vorleben seiner Geliebten hinwegsetzen könnte. Und im "Erdgeist" könnte einer ungefähr wieder den wundervollen Satz sprechen, der bei Nestroy vorkommt: Ich hab' einmal einen alten Isabellenschimmel an ein' Ziegelwagen g'seh'n. Seitdem bring ich die Zukunft gar nicht mehr aus'm Sinn. Vielleicht aber ist hier das absolut Shakespearische solche blitzhafter Erhellung einer seelischen Landschaft über jeden modernen Vergleich erhaben. Es ist ein Satz, an dem man dem verirrten Auge...wieder vorstellen möchte, was Lyrik ist: ein Drinnnen von einem Draußen geholt, eine volle Einheit. Die angeschaute Realität ins Gefühl aufgenommen, nicht befühlt, bis sie zum Gefühl passe... ...

      Nestroys Witz hat immer die Gravität, die noch die besseren Zeiten des Pathos gekannt hat... Der Raisonneur Nestroy ist der raisonnierende Katalog aller Weltgefühle. Der vertriebene Hanswurst, der im Abschied von der Bühne noch hinter der tragischen Figur seine Spässe machte, scheint für ein Zeitalter mit ihr verschmolzen, und lebt sich in einem Stil aus, der sich ins eigene Herz greift und in einem eigentümlichen Schwebeton...den Scherz hält, der da mit Entsetzen getrieben wird. Frau von Cypressenburg: Ist sein Vater auch Jäger? Titus: Nein, er betreibt ein stilles, abgeschiedenes Geschäft, bei dem die Ruhe seine einzige Arbeit ist; er...ist()frei und unabhängig, denn er ist Verweser seiner selbst -- er ist tot. -- Frau von Cypressenburg (für sich): Wie verschwenderisch er mit zwanzig erhabenen Worten das sagt, was man mit einer Silbe sagen kann. Der Mensch hat offenbar Anlagen zum Literaten. Und es ist die erhabendste und noch immer knappste Paraphrase für einen einsilbigen Zustand, wie hier das Wort um den Tod spielt.

      Dieses verflossene Pathos, das in die unscheinbarste Zwischenbemerkung einer Nestroyschen Person einfließt, hat die Literaturhistoriker glauben machen, dieser Witz habe es auf ihre edlen Regungen abgesehen. In Wahrheit hat er es nur auf ihre Phrasen abgesehehen. Nestroy ist der erste deutsche Satiriker, in dem sich die Sprache Gedanken macht über die Dinge. Er erlöst die Sprache vom Starrkrampf, und sie wirft ihm für jede Redensart einen Gedanken ab. Bezeichnend dafür sind Wendungen wie: Wann ich mir meinen Verdruß net versaufet, ich müßt' mich g'rad aus Verzweiflung dem Trunke ergeben. Oder: Da g'hören die Ruben her! An keine Ordnung g'wöhnt sich das Volk. Kraut und Ruben werfeten s'untereinand', als wie Kraut und Ruben.

      Hier lacht sich die Sprache selbst aus. Die Phrase wird bis in die heuchlerische Konvention zurückgetrieben, die sie erschaffen hat: "Also heraus mit dem Entschluß, meine Holde!" "Aber Herr v. Lips, ich muß ja doch erst..." "Ich versteh', vom Neinsagen keine Rede, aber zum Jasagen finden sie eine Bedenkzeit schicklich." Die Phrase dreht sich zur Wahrheit um: Ich hab die Not mit Ihnen geteilt, es ist jetzt meine heiligste Pflicht, auch in die guten Tag' Sie nicht zu verlassen! Oder entartet zu Neubildungen, durch die im Munde der Ungebildeten de Sprache der höheren Stände karikiert wird: Da kommt auf einmal eine verspätete Sternin erster Größe zur Gesellschaft als glanzpunktischer Umundauf der ambulanten Enterprise...

      Wie für solche Absicht die bloße Veränderung des Tempus genügt, zeigt ein geniales Beispiel, wo das "sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist" sich selbst berichtigt. Ein Ineinander von Problem und Inhalt: Fordere kühn, sprich ohne Scheu, wie dir der Schnabel wuchs! Nestroys Leute reden geschwollen, wenn der Witz das Klischee zersetzen oder das demokratische Pathos widerrufen will: O, ich will euch ein furchtbarer Hauskecht sein! Jeden Domestiken läßt er Schillersätze sprechen, um das Gefühlsleben der Prinzipale zu ernüchtern. ....

      zit. v. archive.org
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      (Udo Lindenberg)
    • Die oben nicht rechtzeitig vorgenommene Ergänzung muß nochmals mit Heuschnupfen entschuldigt werden. Der (c. 80- seitige) Aufsatz über Nestroy ist 1912 (Verl. Jahoda & Siegel: Wien u. Leipzig) als Einzelband veröffentlicht worden ("N. u. die Nachwelt. Zum 50.Todestage..."). Welchen Stücken die verwendeten Zitate entnommen sind, verrät uns Herr Kraus (resp. sein Verleger) leider nicht...

      03.05.1761 - Geburtstag von August von Kotzebue

      (Er) war kein politischer Dichter..., trotzdem hatte er ein Gespür für aktuelle Themen... Noch immer (wird) über seinen Platz im Spannungsfeld zwischen Klassik und Romantik gestritten. Wer jedoch das literarische Leben um 1800 kennenlernen will, kommt an (ihm) nicht vorbei. / M.Orlick im Apr. 2019 auf literaturkritik.de

      Die folgenden Passagen entstammen dem Band "Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804...: Carlsruhe 1804"; zit. v. books.google.de

      Flüchtige Reisebemerkungen als Einleitung.

      Man hat das Leben so oft mit einer Reise verglichen; alle Gleichnisse hinken, auch dieses... Der Reisende weiß doch gewöhnlich, daß und wohin er reisen will, der arme Lebende aber wird nicht gefragt, ob und warum er leben will. Könnten diese Fragen vor seinem Eintritt in die Welt ihm vorgelegt werden, wahrlich er würde die erste oft verneinend beantworten; denn wer gibt ihm genügende Auskunft über die letztere? ...

      Wohl dem Kummervollen, der reisen darf! Fremde Berge und Thäler, ach! und mehr noch fremde Gesichter, die nichts von...dem ahnen, was in ihm vorgeht, die muß er suchen, wenn er seines Lebens drückende Erinnerungen, eine nach der andern, von sich wälzen will. Wem das Feuer sein Haus zerstörte, thäte thöricht, den rauchenden Trümmern gegenüber sitzen zu bleiben. Wohl mir! Ich entferne mich von ihnen!

      .... Frankfurt am Mayn. ... Auf dem Römer sind ringsumher alle Kaiser, die seit Anbeginn des heil. Römischen Reichs gekrönt worden, in schmalen Nischen abkonterfeit; aber so schmal auch die Nischen sind >denn wirklich hat hier kein gemalter Kaiser so viel Platz, als eine Schildwache in ihrem Häuslein<, so ist dennoch für einen künftigen Cäsar kein Plätzchen mehr übrig; welcher Umstand dem Großprahler **Cüstine, als er hier war, die Prophezeiyung inspirirt haben soll, der jetzige Kaiser werde der letzte sein... ...Vom Frankfurter Theater lassen Sie mich schweigen... Man hat seit kurzem neue Hoffnungen...erregt, indem man einen verdienstvollen Mann >Herr von Mayer, Verfasser eines bekannten Gedichtes Tobias< zum Intendanten...ernannt hat; aber -- er darf, ohne Zuziehung des Comittee, weder gute Schauspieler annehmen, noch schlechte verabschieden, und folglich laborirt die neue Organisation abermahls an einem Grundübel. -- ((**Graf v. Cüstine, ein frz. General, der...durch Großsprechereien, wozu ihm sein militärisches Glück zu berechtigen schien, weit und breit alles in Bewegung setzte. Sein Charakter war aus einem sonderbaren Gemisch aus Popularität und Despotie zusammengesetzt. / aus "Brockh. Conversat.-Lexikon. Bd. 1: Amsterdam 1809"; zit. v. zeno.org))

      Die fremde und einheimische schöne Meßwelt hat hier einen weit angenehmeren "point de reunion", als in Leipzig, nehmlich keine offene, jeder Witterung ausgesetzte Straße, wie in Auerbachs Hof, sondern ein sehr geräumiges Gebäude, in welchem alle Waaren des Luxus ein großes Viereck füllen, dessen bunter Schmuck fast zu jeder Tageszeit durch eine noch buntere Menge belebt wird...

      In der Bergstraße. Zum ersten Mahl bin ich durch diesen Garten von Deutschland gefahren, in dem gleichsam die Vergangenheit auf den Hügeln weilt und der schönen Gegenwart zusieht, wie sie ihr fruchtbares Wesen treibt. Wie sich doch Alles in der Welt ändert! Die Raubschlösser, die vormahls durch ihren Anblick dem Wanderer nur Schrecken einjagten, ergötzen ihn jetzt durch ihre mahlerischen Ruinen. O, dacht' ich, möchte unsern Enkeln...die Ruhe wieder lächeln, wie die schöne Natur dem heutigen Pilger in der Bergstraße: möchten dann die Greuel der Revolutionen nur noch wie jene Ruinen von umnebelten Bergen ihnen schimmern... Sie sehen, geliebte Freundin, ich dachte, wo ich nur fühlen sollte: ein Beweis, das selbst diese Zauber der Natur, von welchen der Reisende einen ganzen Tag lang umweht wird, mir noch keinen reinen Genuß gewährten.

      Ach! was ist Genuß ohne Mittheilung! ... Der gute, gebildete Mensch kann nicht allein genießen. Alles, worauf ich in meinem Leben mich am meisten gefreuet habe, Alles was in meinem Leben mir die meiste Freude gemacht hat, ging immer von Andern aus, oder zu Andern über. In dem Auge eines geliebten Gegenstandes Vergnügen schaffen, ist ja wohl wahrhaftig ein göttliches Vergnügen; denn, der uns schuf, kannte kein anderes. -- Ich, der nichts mehr habe als die Erinnerung, der ich noch obendrein alle Augenblicke die Vernunft mit Ketten nachsenden muß -- ich verließ die schöne Bergstraße wie ein Tauber ein Concert.

      Heidelberg. ... Das famose Heidelberger Faß ist eine elende Merkwürdigkeit, die nicht einmahl durch ihr Alterthum interessirt; denn das alte Faß ist auseinander gefallen, und Kurfürst Karl Theodor hat sich durch Erbauung eines neuen -- nicht verewigt. Indessen rathe ich doch jedem Reisenden, in den Keller zu gehen; denn er findet etwas, das er nicht sucht, und das ihn wie mich ergetzen wird. Es ist nehmlich die hölzerne Bildsäule eines ehemaligen Hofnarren, Clemens genannt. Ja, das ist eine wahre Hofnarren = Physiognomie: in diesem Individuum erkennt man auf den ersten Blick die Gattung... In dem Munde diese Wohlgenährten wird Alles zum Scherz, wohl zum treffenden, aber nie zum bittern Scherz. Ja wahrhaftig, ich möchte einen solchen Narren um mich haben, und ich verdenke es allen gekrönten Häuptern, daß sie die nützliche Mode haben abkommen lassen. Die Bildsäule des ehrlichen Clemens scheint ihrem Untergang ziemlich nahe. Es wäre...Schade darum. Mir hat seine bloße Physiognomie einen heitern Augenblick gewährt...

      Wenn Sie. liebe Freundin, jemahls nach Heidelberg kommen, so werden sie vielleicht nach dem Wolfsbrunnen fragen, der so berühmt und so lieblich war... Damahls wölbten sich noch dreyhundertjährige Linden zu einem Tempel über den Brunnen zusammen, und ihre Zweige waren so dicht in einander verwachsen, daß man sich ihrer wie des Fußbodens zum Gehen bedienen, daß man Tische und Stühle darauf setzen und in der grünen Dämmerung ein fröhliches Wesen treiben konnte... ...in der kühlen Nacht wurde Kaffee und Thee gekocht; die Quelle murmelte heimlich und unsichtbar hinter der grünen duftenden Wand. Nach alle dem dürfen Sie jetzt nicht mehr fragen. Sie finden nichts als ein viereckiges Bassin von Baumstrünken umgeben. Alle die prächtigen Linden sind vor wenigen Wochen abgehauen worden...

      O, es ist nicht die einzige Sünde, welche der kameralistische Geist...hier auf sich geladen, oder wenigstens auf sich laden wollen. Die herrlichen Ruinen des Rittersaales hat man wollen abbrechen lassen, um die Steine zu verkaufen. Den Garten zu Schwetzingen hat man zu Kartoffelländereyen verpachten wollen, weil er zu viel zu unterhalten kostet. Das heißt einen Dichter zum Rechenmeister machen. Zum Glück ist gegen beydes wirksam protestirt worden. Mit dem Rittersaal würde man das alte Schloß seiner schönsten Zierde berauben; und wenn Schwetzingen viele Kosten verursacht, so lockt es hingegen auch eine Menge verzehrender Fremden... ....

      Die hier schräg gesetzten Worte sind im Original gesperrt gedruckt. Vermeintliche Recht-(resp. Abschreib-)fehler sind keine :) .

      Beethovens 'Festspiel op.113' ("Die Ruinen von Athen") geht, zusammen mit dem 'Vorspiel op.117' ("König Stephan") ebenso auf eine literarische Vorlage von Kotzebue zurück wie Albert Lortzings Oper "Der Wildschütz". Als "Der Spiegelritter" (D 11) resp. "Des Teufels Lustschloss" (D 84) vertonte Schubert zwei seiner Libretti.
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      (Udo Lindenberg)
    • 04.05.1938 - Todestag von Carl von Ossietzky

      Hagemanns hamburger Zeit (1913) Nur noch wenige Tage und Carl Hagemann verläßt nach knapp dreijähriger Wirksamkeit seinen Posten als Leiter des Deutschen Schauspielhauses. Was ließe sich abschließendes sagen? Daß es in Deutschland kaum einen ernsthaftern und phrasenloseren Regisseur gibt, keinen, der zäher mit den Problemen ringt. Unter Verzicht auf allzu bereitwillige journalistische Tubenbläser. Er hat nichts von vorüberhastender Sensation. Ernst wie er ist, will er zu ernster Beschäftigung anspornen. Doch dem Ringenden fehlt die leichte Phantasie, fehlen die Schwingen. Ihm fehlt das Sublime. Man vermißt manchmal die Heiterkeit des Geistes. Ich denke an Inszenierungen Shakespear'scher Lustspiele. Hier gab er die kräftigen Linien farbiger Holzschnitte anstelle einer Farbensymphonie.

      Unbestritten war seine Leistung auf dem Gebiet moderner Konversations- und Thesenstücke. Wo es sich darum handelt, energische Konturen zu zeichnen, Licht und Schatten zu verteilen, ist seine scharfe, diesseitige Intelligenz recht an seinem Platze. Was er hier leisten konnte, hat er noch kürzlich in der Inszenierung des "Professor Bernhardi" gezeigt. Glänzend arrangiert waren die langen Diskussionen, von feinster Beobachtung zeugte die Wiedergabe der tumultarisch verlaufenden Konferenz. Alles war so ungezwungen, so selbstverständlich, daß sich nicht ein Augenblick der Ermüdung einschlich...

      Shaw und Wedekind (1915) ... (Shaw) ist ein genialer dramatischer Publicist. Wedekind ist ein Dichter der Leidenschaften. (Wedekind) ist nicht der Beherrscher der Form wie Shaw, dessen Stücke geschliffen sind wie edle Kristalle. Nichts ist elegant bei ihm, alles unstät. Seine Form ist willkürlich, seine Technik zerfahren. Er ist ganz Impressionist, der nur das bringt, was ihm wesentlich erscheint. Alles andere wird flüchtig abgetan. - Shaw ist immer gut versteckt. Aus welcher Person spricht er? Bei Wedekind fühlen wir sogleich, daß er aus allen spricht. Er scheint seine Seele zerissen und seinen Geschöpfen gegeben zu haben. Deshalb ist der Eindruck seiner STücke ein so dämonischer. Wir hören den Dichter von seinen Irrungen, Leiden und Kämpfen reden. Er gibt sein geheimstes, intimstes Ich preis.

      In dem Ironiker Shaw finden sich Aristophanes und Voltaire wieder. In dem grotesken Wedekind kämpft Shakespeare mit Swift. Keiner behält dauernd die Oberhand. Aber weil er so zwiespältig ist, gibt er ein großartiges Bild von allen Kämpfen und Nöten der Zeit. Shaws kultivierte Form bändigt alle Leidenschaften. Mit ruhiger Gleichmäßigkeit spielen sich bei ihm die absurdsten Dinge ab. Der Ironiker liebt keine starken Ausdrücke. Alle Accorde sind decent und gedämpft...

      Lichtenberg (1915) ... Nietzsche, der Unzugängliche, pries ihn, und Schopenhauer zählte ihn zu den wenigen wahrhaft originellen Denkern - eine Ehre, die er selbst einem Herder nicht zubilligte. Lichtenberg schuf geradezu Musterbeispiele absurder Komik. Am liebsten allerdings rieb er sich an ihm verhaßte Tendenzen. Die Kraftmeierei des Sturm und Drang mußte das Urteil dieses stillen, unerbittlichen Richters ebenso spüren wie gelehrte Pedanterie. Eine Bemerkung wie "sie hatten ein Oktavbändchen nach Göttingen geschickt und an Leib und Seele einen Quartanten wiederbekommen" könnte ganz gut von dem späteren Göttinger Musensohn Heine stammen.

      Es ist kein Wunder, daß der kleine verwachsene Mann - er litt an einer Rückratsverkrümmung, der Folge eines Unfalls in der Kinderzeit - wenig aus Göttingen herausgekommen ist, von zwei Reisen nach England abgesehn. Die wissenschaftliche Arbeit nahm den größten Teil seiner Zeit in Anspruch, und die wenigen Freistunden, die er für seine geliebte Schriftstellerei ausnutzen konnte, vergällte ihm sein Leiden. Oft namenlos bitter, aber nie verzweifelnd, wehrt er die Umklammerungen der Hypochondrie von sich ab und bringt es häufig genug fertig, ganz krankheitserfüllte Stimmungen humoristisch aufzulösen.

      Er ist nicht über das Aphoristische und Essayistische herausgekommen. Wir haben von ihm nur glänzende Verheißungen, die uns wie das Material zu einer Comedie humaine anmuten. Er kritisierte die Menschen unbarmherzig, aber nie war sein Maßstab kleinlich. Die Reise in das freiere England hat ihn vielleicht vor dem Schicksal mancher Zeitgenossen bewahrt, in der Spießbürgerlichkeit seiner Umgebung unterzugehn...

      Kräfte der Vergangenheit (25.12.1920) Am 15. Dezember 1520 verbrannte Martin Luther die päpstliche Bulle, die den Bann aussprach über den Ketzer. Damit endete die erste Phase der Reformation. Luther hatte der höchsten Autorität der Christenheit getrotzt, und dem geschriebenen Wort, das gestützt wurde von der dauerhaftesten Organisation, die die Welt gekannt hat, das Recht der freien Persönlichkeit entgegengestellt. Fast alles, was damals die Geister erregte, ist für uns Geschichte geworden. Und wir sehen in Luther auch den unheilvoll irrenden Menschen, der, selbstgerecht geworden, den edlen Zwingli von sich wies, der die hungernden und versklavten Bauern dem Racheschwerte der Fürsten preisgab. Anbeginn der nationalen Zersplitterung, der Kleinstaaterei, der Duodeztyrannei, fühlbar bis zum heutigen Tag. Aber für uns wird das klein neben der einzigen Tat dieses Mannes: sich nicht zu beugen vor irgendeiner Autorität. Und immer, wenn in Deutschland Götzen Altäre errichtet werden, dann möge sich der gute, alte Luther-Zorn regen.

      Feiern wir Beethoven - gewiß einer, den kein Magus zu beschwören braucht -, so gewiß nicht in dem Sinne, daß hier eine schuldige Devotion abgestattet wird. Nein, wir taten es in dem Bewußtsein, hier einen großen Tröster zu haben. Wir Deutschen sind heute zwiespältiger und zersplitteter als jemals und suchen wie im Traume die Macht, die, hinwegführend über des Alltags Zänkereien, im Geiste uns eint. Wir suchen nicht nach einem Charlatan ((sic!)), der Trugbilder kommender nationaler Herrlichkeit betörten Augen vorgauckelt. In Beethoven, den mitten im Kriege giftigster Chauvinismus nicht anzutasten wagte, lebt die Sehnsucht nach der Menschheit. Und indem wir uns in ihn versenken, bejahen wir seine Sehnsucht nach dem großen Vaterland Erde...

      Der Fall D'Annunzio * Das Ende einer Komödie (30.12.1920) ... Der Mann ist seit dreißig Jahren ein Dichter von internationalem Ruf. Um seine Bedeutung braucht nicht gestritten zu werden. Kein Künstler, der Neuland erschließt, jedoch ein ungemein aparter Nachempfinder, der den Reichtum aller romanischen Kulturen in sich aufgenommen hat. Ein raffinierter Artist, kein Schöpfer. Im übrigen Luxusgeschöpf, Pyjamaexistenz. Unbedenklicher Trompeter seines dichterischen Ruhms und seiner Erfolge bei schönen und berühmten Frauen. Als er aufhörte, jung zu sein, betrat er die politische Arena.

      Was er während des Krieges tat, ist zur Genüge bekannt. Er hat gegen die anfängliche Neutralitätspolitik alle chauvinistischen Leidenschaften mobil gemacht. Als "Engel der Verkündigung" segnete er in hysterischer Ekstase den Willen zum imperialistischen Raubzug und entwarf gauklerische Bilder von der Herrlichkeit des siegreichen Italien. Nun ist Italien siegreich geblieben, aber die Herrlichkeit blieb fern. Und während das Land langsam der Genesung entgegengeht, gibt der unpopulär gewordene von neuem das Signal zur Raserei, und da die Massen nicht folgen, richtet er die Geschütze gegen das eigene Volk. Der Fall D'Annunzio ist die Apotheose des Kriegsdichters.

      zit. v. projekt-gutenberg.org (Obige Artikel sind sämtlich erheblich gekürzt; die Auslassungen und Umstellungen sind nicht gekennzeichnet); die letzten beiden Artikel sind in der Berliner Volks-Zeitung, der Essay über Lichtenberg in der Wochenzeitschrift "Die Weltbühne" erschienen; die Ausführungen über Carl Hegemann fanden sich im Nachlass der Ossietzky-Witwe Maud v. Ossietzky , bzgl. "Shaw und Wedekind" zeigt sich anlässlich der "kryptischen" Quellenangabe auch Mr. Google ratlos...

      Die Internat. Liga für Menschenrechte verleiht seit 1962 die Carl von Ossietzky Medaille; zu den letzten Preisträgern gehören die franz./dt. Seenotrettungsorganisation SOS Mediteranee und die ehem. kurdische Kommunalpolitikerin Leyla Imret...
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      (Udo Lindenberg)
    • 10.05.1760 - Todestag von Christoph Graupner

      Nagel, Willibald (gest. 1929 Stuttgart)...studierte in Berlin Germanistik u. Musikwissenschaft bei H. Bellermann u. P. Spitta. 1888 erfolgte die Habilitation für Musikgeschichte in Zürich...von 1913 bis 1917 betätigte er sich als Musikschriftsteller in Zürich u. 1917 bis 1921 als Redakteur der "Neuen Musikzeitung". / v. darmstadt-stadtlexikon.de < = < = Seinen (nicht sehr langen) Essay "C.Graupner als Sinfoniker" (v. 1912) habe ich i. F. auf eine "Kalenderblatt"-übliche Länge gekürzt. Auslassungen u. "dezente" Änderungen im Satzbau sind nicht gekennzeichnet.

      ... (Seine) Kompositionen haben bislang noch keine eingehende Würdigung erfahren. Es kann das bei dem Gange der modernen Musikgeschichtsschreibung nicht weiter auffallen: zuerst galt es, das Wirken der führenden Geister darzustellen; darauf folgten die Gruppen, die sich um diese gebildet hatten. Je weiter der forschende Blick vordrang, um so mehr ließ sich erkennen: daß vieles, was man als Eigentümlichkeit des Stiles eines großen Künstlers erkannt hatte, von seinen Vorgängern bereits angebahnt worden war. Dadurch hat sich z. B. Haydns Bild in den letzten Jahren verschoben. Die Erkenntnis, daß die Mannheimer Sinfoniker den jungen Haydn als Instrumentalkomponisten hier und da überragen, hat freilich Haydns Ruhm nicht zu schmälern vermocht - wir erkennen nur jetzt die Grenzen seines Schaffens klarer.

      Mag auch H. Riemann noch so nachhaltig für die Mannheimer Tonschule eintreten - während die Wiener Geschichtsschreibung dem G. M. Monn**, der mt Stamitz gleichaltrig war, den Ruhm beilegt, den persönlichen Stil des 18. Jh. begründet zu haben -: allmählich dringt das Verständnis doch in immer weitere Kreise, daß (sie) Vorabeiter hatte, die in der Zeit begründet lagen. Auch Graupner muß zu den Vorläufern der ars nova des 18. Jh. gerechnet werden, und es wird Zeit, ausführlicher auf ihn hinzuweisen, der als eine beachtenswerte, wenn auch nicht ganz harmonische Erscheinung in einer Umgebung stand, die neue künstlerische Werte erwachsen sah. Er beherrschte vollauf das Rüstzeug seiner Kunst, trat auch seinerseits in ehrlichem - freilich durch mancherlei Beschränkungen behindertem - Ringen für das aufdämmernde Ideal ein. ((**Matthias G. Monn >1717/1750< ... Onkel Wiki stellt ihn in eine Linie mit Georg C. Wagenseil u. Leop. Mozart ... N. N. auf jpc.de bemerkt eine "originelle, sprunghafte Harmonik, die seine(n ursprüngl. über 20 Sinfonien) ein hohes Maß an Ausdruckskraft verleiht."))

      Es war das tragische Moment in seinem Leben, daß ihm die Fähigkeit, einen den Wechsel der Zeiten überdauernden Eigenton zu finden, versagt blieb. Das mag mit seinem Lebensgange zusammenhängen: der Schüler Kuhnaus kommt nach Hamburg, gerät in den leichtlebig-genialen Keiserschen Opernkreis, wird nach Darmstadt berufen, aber seine Hoffnung, hier die Oper erblühen zu sehen, verblaßt schon in den ersten Jahren, und es treten ganz andere Aufgaben an ihn heran, deren Bewältigung seinen künstlerischen Ehrgeiz nicht vollauf befriedigt. Die Zeitgenossen erkannten freilich das Neue in seiner Kunst in hohem Maße - und wenn Fasch nach Darmstadt zog, um von ihm zu lernen, so bewies er eben damit, das Graupner die kleine hessische Residenzstadt zu einem Mittelpunkte der beginnenden neuen Musikkultur gemacht hatte.

      Graupners erste SInfoniesätze sind in der Hauptsache sozusagen aus dem Ärmel geschüttelt. Wohl enthalten alle diese Sätze, in denen das oft öde Figuren- und Floskelunwesen zuweilen wahrhafte Orgien feiert, auch gegensätzliche Abschnitte, in denen sich das Bestreben nach harmonischer Vertiefung, nach sinnfälligem Ausdrucke erkennen läßt - größere Bedeutung für die Ökonomie des Baus gewinnen sie aber nur ganz selten, weil sie als fertiges erscheinen, ohne daß (Graupner) thematisch etwas aus ihnen entwickelt. Das schließt nicht aus, daß sich gewisse Formtypen ausgebildet hätten - Graupners Formenbildung ist sogar ungemein reich. Aber die Entwicklung, in der er zum Begriffe des Sonatensatzes, wie wir ihn kennen, gelangten, läßt sich beweiskräftig nicht nachzeichnen. Der Begriff des 2. Themas zeigt sich nur äußerst selten scharf angesprochen.

      Das Sammelsurium von stereotypischen Wendungen,von rauschenden Akkordpassagen und Skalengängen, konnte ihn - kontrapunktisch vortrefflich geschult, einen gesunden Sinn für volkstümliche Melodik (mitbringend), der in Hamburg durch Keiser neue Nahrung erhalten hatte - auf die Dauer nicht befriedigen. Was konnte ihn an dem rauschenden Einerlei solchen Passagenfeuerwerks reizen? Die höfischen Feste, für die die Sinfonien geschrieben wurden, verlangten für den Beginn etwas festlich-wirkendes. Das war nun einmal die Losung, unter der der Tonsetzer zu schaffen hatte. So fiel Graupner immer wieder in den alten Ton zurück, bis ihn EInflüsse d'Abacos** und vielleicht auch solche der Mannheimer trafen. Inmitten des Einerleis seiner Floskelgänge kamen ihm auch allerlei melodische Einfälle, die er wohl in ein tonales, nicht aber in ein innerliches Verhältnis zu jenen zu stellen vermochte, und zwar deshalb nicht, weil aus Phrase und Floskel schlechterdings nichts anderes als Phrase und Floskel zu gewinnen war, und ein faßbarer Gedanke mit ihnen keine andere als eine äußerliche Verbindung eingehen konnte. ((**Evaristo F. Dall'Abaco >1675/1742< ... zeitweise Mitglied d. Münchener Hofkapelle ... "Die Einflüsse Vivaldis...sind...zwar deutlich zu erkennen, dennoch bestechen seine Werke durch eine eigenständige komposit. Finesse"; N. N. auf jpc.de))

      Manche der ersten Sätze von Graupners Sinfonien muten wie Studien in der "Durchführungs"-Technik an: wir begegnen fortgesetzten Transpositionen von führenden Phrasen und Zerlegungen thematischer Gebilde; derartiges läßt solche Sätze doch immerhin als organisch empfinden. Vielfach überstrecken sich die Sätze, der Gehalt verzettelt sich in Unbedeutendheiten und Wiederholungen. Unter den langsamen Sätzen finden sich einige von nicht unbedeutendem Stimmungsgehalte, Sätze auch, in denen eine gewisse Kunst der Instrumentierung durch gruppenweise Gegenüberstellung der Instrumente zu bemerken ist - andere sind dann wieder charakterisiert durch verschnörkeltes Figurenwesen, das hübsche melodische Einfälle bald nach dem Beginne ablöst.

      Der Gesamteindruck, den die SInfonien im Partiturspieler erwecken, ist ein wenig erfreulicher. Bei der Niederschrift ist eben doch wohl nicht der ganze innere Mensch beteiligt gewesen. Das ist psychologisch nicht eben schwer zu begreifen. In Darmstadt erfuhr sin Wünschen an der harten Grenze des materiellen Vermögens seines Fürsten Widerspruch und Ablehnung. Hätte er eine Empfindungsweise besessen, wie Bach ihn sein eigen nannte, hätte er sein Lebenswerk in eigener, größerer Weise auszubauen vermocht. So wurde ihm die Komposition in wesentlichen Zügen zum Ausdruck seiner dienstlichen Funktionen.

      Wer den Meister nach einigen besonders flüchtig hingeworfenen Sinfonien beurteilen wollte, möchte vielleicht sagen, er sei nicht einmal ein guter Musiker gewesen. Daß Graupner das aber in einem über den Durchschnitt hinausragendem Maße war, wissen wir aus manchem kontrapunktischen Werke seiner Feder, aus Trios, Konzerten, einzelnen Kantaten und seinen zum Teil hübschen Klavierstücken. ...

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      (Udo Lindenberg)
    • 12.05.1664 - Uraufführung >! u. anschließendes Verbot !< von Jean-Baptiste Molieres Komödie Tartuffe in Versailles

      Dem König war Molieres Attacke auf die...Fömmler zunächst sehr recht gewesen, unter dem Druck des 'alten Hofes' hielt er es aber doch für geraten, das Stück zu verbieten. / zit. v. wikipedia.org

      Molieres Vorrede zum ersten Druck des Tartüffe ist i. F. etwa zu einem Drittel wiedergegeben - ohne jede Kennzeichnung der Kürzungen (dt. v. Ed.Duller; erschienen im Verl. Jacob A. Mayer: Aachen u. Leipzig 1837).

      Hier ist ein Lustspiel, welches lange Zeit verfolgt wurde; die Leute, welches es darstellt, fanden es seltsam, daß ich so kühn war, ihre scheinheiligen Gesichter nachzumachen, und eine Beschäftigung, mit welcher sich so viele honnette Leute abgeben, in Mißkredit zu bringen. Dies war ein Verbrechen, wofür bei ihnen keine Verzeihung denkbar seyn konnte; mit furchtbarer Wuth griffen sie sammt und sonders gegen mein Lustspiel zu den Waffen. Sie bezeichneten den T a r t ü f f e als ein die Gottesfurcht beeinträchtigendes Stück, in welchem man keine Stelle finde, die nicht verbrannt zu werden verdiene; worin jede Silbe gottlos, und sogar die Mimik verbrecherisch sey.

      Wenn man sich die Mühe nimmt, mein Stück vorurtheilsfrei zu prüfen, so wird man ohne Zweifel einsehen, daß meine Absicht dabei durchaus unschuldig ist, und daß das Stück in keiner Weise Gegenstände gerechter Verehrung lächerlich zu machen bezweckt; daß ich es ferner mit aller jener Vorsicht, welche der delikate Stoff in Anspruch nahm, ausführte, und alle mögliche Kunst und Sorgfalt verwendete, um den Karakter eines Heuchlers von jenem eines wahrhaft Frommen scharf abzuscheiden. Zwei ganze Akte mußten mir dazu dienen, um das Erscheinen meines Bösewichts vorzubereiten; dieser läßt den Zuhörer wohl in keinem Moment in Ungewißheit; sein Gepräge macht sich von vornherein kenntlich, und von Anfang bis zu Ende spricht er kein Wort, begeht er keine Handlung, wodurch sich vor dem Publikum nicht der Karakter eines Nichtswürdigen entfaltete, so daß der Kontrast eines wirklich Tugendhaften erst recht kräftig hervortreten muß.

      Ich weiß ganz gut, daß jene Herren zu beweisen suchen: die Bühne sey für Verhandlungen über solche Gegenstände nicht der geeignete Ort, -- doch ich erlaube mir, sie zu fragen, worauf sie diese schöne Maxime stützen, deren Gültigkeit sie voraussetzen mögen, deren Wahrheit sie aber auf keine Weise darthun können. Es würde gewiß nicht schwer sein, ihnen nachzuweisen, daß das Schauspiel bei den Alten aus der Religion entsprang und einen Theil ihrer Mysterien ausmachte; daß unsere Nachbarn, die Spanier, nicht leicht ein Fest begehen, in welches das Schauspiel nicht hineingezogen wird.

      Die schönsten Sentenzen einer ernsten Moral vermögen sehr oft bedeutend weniger, als die Pfeile der Satyre, und nichts bringt die meisten Menschen mächtiger zur Umkehr von ihren eigenen Fehlern, als ein Gemälde derselben. Man kann das Laster nicht wirksamer angreifen, als wenn man es vor aller Welt lächerlich macht; denn kaltblütig läßt sich wohl ein Tadel, nicht so eine Verspottung hinnehmen; man macht sich wenig daraus, ein Bösewicht zu seyn, aber lächerlich seyn will Niemand.

      Man wirft mir vor, daß ich meinem Betrüger Redensarten der Frömmigkeit in den Mund legte. Wie! konnte ich mich dessen erhalten, wenn ich den Karakter eines Heuchlers richtig darstellen wollte? Es genügt wohl, wenn ich die verbrecherischen Beweggründe seiner Redeweise entwickelte, wenn ich die heiligen Ausdrücke milderte, deren Mißbrauch man nur mit Entrüstung gehört haben würde. -- "Doch, er kramt ja im vierten Aufzuge eine gefährliche Moral aus!" wird man mir einwenden, -- Ey, bestürmt denn diese Moral nicht längst alle Ohren? Predigt sie in meinem Lustspiel irgend etwas Neues? Darf man wohl mit Grund befürchten, daß Gegenstände eines allgemeinen Abscheues irgend einen Eindruck auf die Gemüther hervorbringen, aber daß ich, da ich sie auf die Bühne bringe, sie erst gefährlich mache?

      Ich weiß, daß es zartfühlende Seelen gibt, welche das Schauspiel schlechterdings nicht dulden mögen, welche die anständigsten Stücke für die gefährlichsten erklären, indem die Leidenschaften, welche man darin darstelle, die Gemüther durch eine um so mächtigere Rührung erweichten, je inniger jene Leidenschaften mit der Tugend zusammenhingen. Welch ein Verbrechen nun darin liege, sich durch eine tugendhafte Leidenschaft rühren zu lassen, sehe ich nicht ein; -- es mag wohl allerdings eine hohe Potenz von Tugend seyn, diese völlige Fühllosigkeit, bis zu welcher man unsere Seele emporschrauben will; doch zweifle ich, ob eine so hohe Vollendung menschlicher Kräften zu erreichen möglich ist, -- ob es nicht besser sey, auf Regelung, Läuterung und Veredelung der menschlichen Leidenschaften, als auf völlige Ausmerzung derselben hinzuwirken.

      Ich gestehe gern, daß es Ort gibt, welche man häufiger besuchen muß, als das Theater; wenn man alles tadeln will, was nicht in unmittelbarer Beziehung zu Gott und unserm Seelenheile steht, so gehört gewiß auch das Schauspiel in diese Kathegorie, und ich finde es ganz in der Ordnung, daß es mit allem Andern verdammt werde. Angenommen aber, - wie dies wirklich der Fall ist - daß die Übungen der Fömmigkeit auch Pausen haben dürfen, und daß der Mensch auch Erholung nöthig hat, -- behaupte ich, daß man so leicht keine unschuldigere als das Schauspiel finden kann.

      Doch ich habe mich bereits zu weitläuftig ausgesprochen. Schließen wir mit den Worten eines großen Prinzen über das Lustspiel: T a r t ü f f e. Eine Woche, nachdem es verboten worden war, wurde vor dem Hofe ein Stück: "Scaramouche als Eremit," aufgeführt. Als der König den Saal verließ, sprach er zu dem erhabenen Prinzen, den ich meine: "Ich möchte wohl wissen, weshalb die Leute, die an Moliere's Lustspiel ein so großes Ärgernis finden, kein Wort über den 'Scaramouche' verlieren?" Der Prinz versetzte. "Aus folgendem Grunde: Das Lustspiel 'Scaramouche' bespöttelt den Himmel und die Religion, um welche jene Herren sich nicht kümmern; Moliere's Stück aber nimmt diese letzern selbst vor; und d a s ist's was sie nicht vertragen können!"

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      (Udo Lindenberg)
    • 24.05.1886 - Todestag von Franz Xaver Schönwerth wird morgn Früh korrigiert u.ergänzt

      §.11 Das Element des Feuers. Das Beßte ist Feuer, sagt die Edda. Doch ist es auch fürchterlich und gefürchtet, so es losgebunden der Ohnmacht der Menschen spottet. Es liegt dann dämonische Gewalt in ihm, auf das Verderben der Menschen gerichtet, gleich um sich zu rächen dafür, daß der Mensch es gewagt hat, Fesseln ihm anzulegen. Nur gezwungen leistet es seine wohlthätigen Dienste; und immer muß der Mensch, der seiner bedarf, Acht haben, daß er Meister bleibe gegen den feindseligen Trieb des Elementes, durchzubrechen und verzehren, was in sein Bereich fällt. Und wie den Menschen ergeht es den Göttern: auch sie haben dasselbe feindselige Element in ihre Mitte aufgenommen, in der Person des Locki, der ihnen einstigen Untergang bereiten wird. Locki ist das zerstörende Feuer... und wenn er sich rührt, schüttelt er die Erde, daß sie bebt. Daher auch die feurigen Nattern, welche besonders an Sümpfen aus der Erde gleich Leuchtern herausfahren. Und das Volk weiß, daß einst Alles im Feuer sein Ende nehmen wird, und dieses ist das böse Feuer. Der Donnergott als himmlischer Feuergott...tritt in Beziehung mit den vielfachen abergläubischen Gebräuchen, welche jetzt noch dem Volke gelten, um der Feuergefahr zu begegnen oder ausgebrochenes Feuer zu bemeistern. Nicht zu übersehen ist hiebey, daß diejenigen, so den Feuerbann ausüben, sey es mit Gebet oder Opfer, welche sie in ihrer Weise darbringen, von den Flammen verfolgt werden...

      Harmloser sind jene Menschen, welchen die Eigenschaft innewohnt, zum voraus das Gesicht einer künftigen Feuersbrunst zu haben, besonders Nachtwächter und Sinntagskinder... (Zu Tiefenbach waren) einmal mehrere Bursche in einem Hause beym Spiele versammelt: da tanzten plötzlich die Eymer in der Stube. Kaum sahen sich die Spieler erschrocken an, so läutete die Sturmglocke schon. Auch manche Thiere zeigen das Feuer an, so der Hase, wenn er in's Dorf gelaufen kommt, der Hund, wenn er aufwärts heult, Störche, wenn sie um den Thurm flattern...

      §. 17 Sagen von feurigen Männern. 1. Der Vetter der Erzählerin zu Lixentöfering fand, wenn er vom Wirtshause heimgehen wollte, stets den feurigen Mann auf dem Wege, um ihm heimzuleuchten. Er nahm nichts dafür, nur Einmal mußte der Vetter vor der Hausthüre nießen. Der feurige Mann sagte 'Helf Gott!' der Vetter hinwieder 'Gelts Gott!' Da sprach der feurige Mann: 'Nun bin ich erlöst und leuchte dir fürder nicht mehr.'

      2. Dort sah auch eine Dirn den feurigen Mann vom Hause aus. Uebermütig und sich recht sicher fühlend, rief sie ihm zu: 'Geltenscheisser!' (Gelte ist eine kleine 'Schopfa', ein Schöpfgefäß von Holz mit aufrechtstehenden Griffe, für Milch und Wasser dienend.) Sogleich war er da, lehnte sich an das Haus, schüttelte die Funken von sich und war nicht eher zum fortbringen, bis er ein Stück Brod erhielt.

      4. Einer ließ sich vom feurigen Manne heimleuchten, gab ihm aber nichts. Da lehnte er sich an die Wand des Hauses und rief hinein: 'Meine drey Pfenning, / Oder eine schwarze Henne, / Oder ich zünde das Haus an.' Da gaben sie ihm die schwarze Henne zum Fenster hinaus.

      9. An heiligen Zeiten kam der feurige Mann zu (dem Kohlenbrenner) hin, und schüttelte sich, daß die Funken davon flogen. Dann redete ihn ((dieser)) an: 'Wie, geh' her und zünde mir!' und warf ihm drey Heller - denn es muß eine ungerade Zahl sein - vor die Füßen, worauf der Geist ihm den ganzen Weg entlang zündete. Manchmal erlaubte sich der Mann einen Scherz und schalt den Geist: Geltenscheisser, oder: Blecharsch! Da rugelte er ihm auf und er mußte ihn tragen, so lange der Weg dauerte, und so schwer, daß er vermeynte, Himmel und Erde liege auf ihm. Doch konnte er ihn vertreiben, wenn er die heiligen Namen aussprach.

      §. 18 Landsknechte. 1. So heissen die feurigen Männer in gewissen Gegenden, vorzüglich oben am Böhmerwalde... Sie zeigen sich in finsteren Nächten und halten sich neben den Wäldern auf; sowie ein Wanderer des Weges einherkommt, sind sie etliche Schritt hinterb ihm, und leuchten ihm nach Hause, bald groß, bald kleiner werdend. Man darf dabey aber...nicht fluchen und schimpfen, sonst verschwinden sie. Für das Heimleuchten zahlt man sie mit drey Brodbröseln, Pfenningen oder Hellern...

      3. Zu Bergnersreut sehen sie aus wie eine Fachtl ((= Fackel)). Will man, daß sie Einem leuchten, so spricht man: 'He Landsmann, ...bist bal durt, bald dau, leucht ma ham, kryägst a Knödl oder an Silberpfenning.' - Nach dem Leuchten wartet er am Fenster - in's Haus hinein darf er nicht - seines Lohnes, und wird dieser ihm verweigert, so zündet er das Haus an...

      §. 19. Irrlichter...(1.)sind im Kleinen, was die feurigen Männer im Grossen... Das Ziel ihres Wanderns bildet gewöhnlich das Wasser, weil sie über das Wasser nicht dürfen, wiewohl sie vom Wasser angezogen werden, oder ein Marterl... - oder ein Kreuzweg. (Jene Seelen aber, welchen in der Allerseelenzeit die Gläubigen...Wachslichtchen brennen, sind an diesen Tagen von der Strafe des Wanderns und Hupfens frey.) Nicht selten vertheilen sie sich...in mehrere Lichtlein, und dann scheint es, als wären es ihre Bekannte, die sie abgeholt, um mit ihnen zu gehen; auf dem Rückwege...verschwinden dann die Gefährten und das erste muß wieder allein wandern. Wenn ihrer mehrere sind..., kommen sie (oft) dem Wanderer unter die Füße, daß er über sie schreiten muß, bald marschieren sie in gleichen Abständen hintereinander, gehen auf dem Kreuzwege auseinander..., und eilen dann, wieder zusammenzukommen. Ihre Bewegung ist überhaupt...von einem Knistern und Zischen begleitet, gleich dem des übergehenden Wassers auf heisser Platte. Ihr Weg ist oft ein weiter, meist im Frühling. (Wer sie sieht, darf sie nicht beschreyen, sonst wird er irre geführt, noch weniger verhöhnen.)

      2. Von Rötz nach Kulz ist eine ungeheure Trad ((= Viehweide)), auf der man um heilige Zeiten eine Menge von Lichtchen herummarschieren sieht, welche sich auf einen nahen Weiher zurückziehen, dort auf dem Wasser spielen und dann verschwinden. Viele Leute sind da verführt worden oder gar ertrunken...

      3. Eine ging von der Musik heim. Kaum war sie aus dem Orte, so hüpfte ein Lichtlein heran und ging immer mit ihr, bis sie zu Hause war. Da sagte die Dirn: 'So, jetzt kannst du schon weiter gehen, ich brauche kein Licht mehr.' Aber sie bekam auf dieses eine Ohrfeige, daß sie nicht mehr wußte, wo sie sich befand, krank wurde und starb. ... ....

      zit. v. zeno.org
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      (Udo Lindenberg)
    • :huh: in letzter Zeit mit ganz anderen virtuellen Projekten beschäftigt, hatte ich die für oben angekündigte Ergänzung u. Korrektur glatt verschwitzt :huh:

      Dass sich auch außerhalb der Nibelungensaga Vorstellungen von Feuergott, Weltenbrand u. ä. finden, wird niemanden überraschen - dennoch wollte ich es mit obigem Eintrag einmal dokumentiert haben (zumal mich mit dem dortigen 'Schauplatz' - der Oberpfalz - manches biographisch verbindet!)

      09.06.1870 - Todestag von Charles Dickens

      Seine Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben erschienen in der hier zitierten dt. Übersetzung erstmals 1842 im 'Verlag v. Adolph Krabbe (Stuttgart: 1842)'. Sie bestehen aus dem langen Mittelstück Scenen sowie den beiden Unterabschnitten Sieben Skizzen aus unserem Kirchspiel resp. Charaktere. Aus letzterem hier ein paar Passagen aus den Kapiteln I. u. VI. (Betrachtungen über gewisse Menschenklassen resp. Der Spital-Patient.)

      ... Es war eine hochgewachsene, magere, blasse Person, in...knappen grauen Beinkleidern, kleinen dürftigen Gamaschen und braunen Kastorhandschuhen. Der Mann trug einen Regenschirm in der Hand - nicht zum Gebrauche, denn der Tag war schön, sondern augenscheinlich nur deßhalb, weil er ihn jeden Morgen...mitzunehmen pflegte; der Mann ging vor dem kleinen Grasplatze auf und ab, auf welchem die zu vermiethenden Stühle standen, nicht als ob er es zu seinem Vergnügen...gethan hätte, sondern vielmehr als ob es eine Art von Zwang...wäre, gerade so, wie er jeden Morgen von seinem Hinterstübchen in Islington nach seinem Comptoir geht. Es war...der Ostermontag; er war für vierundzwanzig Stunden dem Dienste des Schreibpultes entronnen, und...wir waren sehr geneigt zu glauben, daß er nie zuvor einen Feiertag gehabt, und daß er jetzt nicht genau wußte, was er mit sich selbst anfangen sollte...

      (In) seinem ganzen Aussehen lag irgend etwas, was uns...sein ganzes Leben oder eigentlich seinen ganzen Tag darstellte, denn ein Mensch dieser Gattung kennt keinen Wechsel. Wir glaubten fast, das kleine finstere Comptoir im Hinterhause zu sehen, zu dem er jeden Morgen hinschlich... Da sitzt er nun bis fünf Uhr Abends - blos seinen Kopf erhebend wenn irgend Jemand in das Comptoir tritt, oder wenn er in der Mitte irgend einer schwierigen Berechnung an die Decke hinaufblickt, als ob ihm...von dem dort angebrachten Luftloche mit seinen runden Scheiben...die Inspiration kommen solle, und arbeitet den ganzen Tag über gerade so regelmäßig wie die Uhr auf dem Kamingesimse, deren lautes Picken fast ebenso einförmig ist, als seine eigene Existenz... (Auf dem gewohnten Wege verfügt er sich) nach Hause, in sein kleines Hinterstübchen in Islington, wo er seinen Thee trinkt, und sich vielleicht an der Unterhaltung mit dem kleinen Knaben seiner Hauswirtin ergötzt, den er zuweilen mit einem Penny für die Lösung des Problems eines einfachen Additionsexempels belohnt. Zuweilen hat er auch seinem Geschäftsvorstande...ein Paar Briefe zu bringen. Hört sodann der reiche Mann den Namen eines Schreibers, so ruft er: ''kommen Sie herein, Herr Smith;'' worauf Herr Smith seinen Hut unter einen Stuhl im Vorzimmer stellt und schüchtern eintritt; man fordert ihn herablassend zum Sitzen auf, er...bleibt in respektvoller Entfernung von dem Tische sitzen, trinkt das Glas Xeres, welches ihm der älteste Knabe einschenkt, aus, und schleicht dann, sich verbeugend, rückwärts wie ein Krebs aus dem Zimmer; aus dem Zustand heftigster Aufregung, in welchen ihn diese Tour versetzt hat, erholt er sich nicht eher wieder, bis er...sich wieder in der Islingtonstraße befindet...

      Man trifft dergleichen Menschen überall; auf dem Kaffehause erkennt man sie an ihren mißvergnügten Aeußerungen und dem luxuriösen Mittagessen, im Theater daran, daß sie stets auf derselben Stelle sitzen und mit neidischen Augen auf alle jungen Leute in ihrer Nähe blicken; in der Kirche an...dem lauten Tone, mit dem sie die Liturgie nachsprechen; in Gesellschaften an ihrem Zanken beim Whistspielen und an ihrem Haß gegen Musik.... Zuweilen wird er von einem armen Verwandten - vielleicht einem verheiratheten Neffen - um eine kleine Aushülfe angegangen; dann...prediget (er) über die Nutzlosigkeit der Weiber, den Uebermuth, Familie haben zu wollen, gegen die Abscheulichkeit, mit hundert und fünfundzwanzig Pfund jährlich sich in Schulden zu stürzen, und andere unverzeihliche Verbrechen mehr, wobei er nicht verfehlt, seine Ermahnungen mit einer selbstgefälligen Erwähnung seiner eigenen Aufführung und einer zarten Anspielung auf die Unterstützung des Kirchspieles zu schließen... ....

      Vor ungefähr einem Jahre, als wir gerade durch Covent Garden strichen, wurden wir durch ein sehr interessantes Schauspiel angezogen: ein aufgegriffener Taschendieb wollte sich nicht die Mühe nehmen nach dem Polizeiamte zu Fuß zu gehen, weil er überhaupt nicht dorthin zu gehen im Sinne hatte, und wurde deshalb zum großen Ergötzen der Menge, aber sichtbarlich nicht sehr zu seinem eigenen Vergnügen auf einem Schiebkarren fortgeschafft. Unter solchen Umständen konnten wir nicht leicht der Neigung widerstehen, uns unter die Menge zu mischen; wir kehrten also mit dem Haufen um und gingen mit auf die Polizei...

      Ein starker, schlecht aussehender Bursche stand gerade hinter den Schranken und wurde wegen so häufig vorkommenden Anklagen verhört: er hatte nämlich...eine Weibsperson, welche mit ihm in einer nahen Gasse zusammen wohnte, mißhandelt. - Verschiedene Zeugen bestätigten sein grobes, unmenschliches Benehmen; auch wurde eine Bescheinigung von dem Arzte des benachbarten Hospitals über den Zustand der Mißhandelten verlesen... Es schien sich einiger Zweifel über die Identität des Verhafteten erhoben zu haben; denn als für gut befunden wurde, daß zwei Beamte...sich nach dem Spital begeben und dort die Angabe der Verwundeten aufnehmen sollten, ward beschlossen, den Angeklagten ebenfalls dorthin bringen zu lassen. Eine tödtliche Blässe überzog sein Gesicht, als der Befehl dazu gegeben wurde, und seine Hand faßte krankhaft das Gitter. Er wurde unmittelbar abgeführt und sprach kein Wort.

      Wir fühlten eine unwiderstehliche Neugierde, Zeuge der Zusammenkunft zu sein, obgleich wir in dem jetzigen Augenblicke kaum sagen können, warum, denn wir wußten wohl, daß es einen sehr peinlichen Auftritt geben würde... - Der Verhaftete und der Polizeidiener, welcher ihn bewachte, waren schon in dem Spitale als wir hinkamen, und erwarteten in einem kleinen Gemache neben der Treppe die Ankunft der Beamten. Der Mann hatte Handschellen an und sein Hut bedeckte die Augen. Das stete Zucken der Muskeln seines schwarzgelben blassen Gesichts bezeugte übrigens deutlich, daß es ihm auf das bange war, was kommen würde. Nach kurzer Zeit wurden die Beamten und ein Schreiber von dem Hausarzt herein becomplimentirt, nebst ein paar jungen Männern, welche sehr stark nach Tabak rochen - diese wurden als Unterärzte vorgesttellt; - nachdem sich der eine Beamte bitter über die Kälte, der andere über den Mangel an Neuigkeiten in den Abendblättern beklagt hatte, wurde gemeldet, daß die Patientin bereit sei; man führte uns nach ihrem Schmerzenslager.

      Das düstere Licht, welches in dem weiten Saale brannte, diente eher dazu, das Grausige des Anblicks der in zwei langen Reihen...in ihren Betten liegenden unglücklichen Geschöpfe wo möglich noch zu steigern. In dem einen Bette lag ein in Binden eingewickeltes halbverbranntes Kind; in dem anderen eine Weibsperson, welche, durch irgend einen unglücklichen Zufall scheußlich zugerichtet, in ihrer Schmerzensqual mit geballter Faust fortwährend wild auf die Bettkante schlug; in einem dritten lag ein junges Mädchen, offenbar in der dumpfen Betäubung, welche gewöhnlich die Vorläuferin des Todes ist: ihr Gesicht war mit Blut befleckt, Brust und Arme mit leinenen Bändern umwickelt. Zwei oder drei Betten waren leer, die jüngsten Inhaber saßen daneben, aber mit so bleichen Gesichtern und so starren und glasigen Augen, daß es schrecklich war, ihren Blicken zu begegnen... ((dt. v. Dr.c.Kolb; 1823/1899))

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      (Udo Lindenberg)
    • 13.06.1934 - Todestag von Theodor Däubler wird

      Sein - ''Aufforderung zur Sonne'' überschriebener - autobiographischer Essay (aus dem hier c. 20% wiedergegeben sind) ist 1926 für die ''Gesellschaft der Bücherfreunde zu Chemnitz'' geschrieben worden ...

      In meiner Familie ist man sehr freisinnig gewesen: die Großeltern mütterlicherseits haben sich viel mit Naturwissenschaften befaßt, die Behauptungen des Darwinismus sind ihnen, da die Lehre kaum aufgekommen war, als große Erleuchtungen des menschlichen Geistes erschienen. Auch meine Großmutter besuchten, nach ihres Mannes Tod, noch oft Gelehrte, die über Triest nach Osten reisten oder von dort kamen. Ich bin noch recht klein gewesen, als mir, bei einem Gespräche über Ägypten, einige Worte, in denen der Name des Sonnengottes Na vorkam, viel Eindruck gemacht haben mochten. Als ich beim Verfassen des ''Weltbruchs'' im ''Nordlicht'' mich einmal, an der Küste der Normandie bummelnd, nach dem Urruf befragte, flog ein ungeheurer Seevogel vor mir grade zwischen Klippen auf und krächzte mir abermals ''Na'' ins Gedächtnis. Bald darauf sollte ich das ''Na-Drama'' schreiben: dabei fand ich, ohne daß ich mich mit dem Gegenstand jemals beschäftigt hätte, in mir wäre alles schon zu dieser Arbeit gereifter vorgekommen, als sonst jemals im Leben. ((Einen Lektor scheint sich die HP, der dieser Text entnommen ist, nicht mehr leisten zu wollen - Re od. Ra ist der altägyptische Sonnengott!))

      Zur Schule bin ich erst im Alter von neun Jahren geschickt worden: ich mußte der unachtsamste Schüler jeder Klasse bleiben. Nach einigen Jahren entschlossen sich die Eltern, mir bloß Hausunterricht erteilen zu lassen. Aber auch da ging es schlecht weiter. Außer für Physik, Geschichte und Geographie zeigte ich keine Vorliebe. Doch wagte ich es gelegentlich, Gespräche über Philosophie und Religion zu führen. Bald merkte ich, daß Erwachsene, mit denen ich mich darüber unterhalten hatte, gern wieder eine Unterredung herbeiführten. Am häufigsten hörte ich den Namen Schopenhauer: eines Tages kaufte ich mir seine Werke. Mit Begeisterung las ich darin: doch setzte ich dem 'Willen' die irdische Rückkehr zur Sonne als Daseinsgehalt entgegen. Somit waren 'Die Welt als Wille und Vorstellung', bald darauf *'Parerga und Paralipomena'* meine Erzieher geworden. ((** = Schopenh.'s 2bändige Sammlung 'kl. philosoph. Schriften', ersch. 1851.))

      Bei Schopenhauer habe ich viel über andere Philosophen gelesen: besonders zu Giordano Bruno fühlte ich mich gelenkt. Nicht nur seines Sonnenbekenntnisses wegen, sondern weil er, wie die Vorsokratiker, den Kristall im Vers gefunden hat: bloß Lucretius ist dann noch ein großes Sinngedicht der Erkenntnis zugekommen, doch nur wenig hat mich dieser antike Römer zu sich bestimmt. Im Gegenteil, in mir war es kristallklar geworden, daß wie nicht - wie Lucretius** verlangt - zur Wissenschaft, von der Religion weg, sondern im Gegenteil zu ihr zurückgewiesen sind. ((**röm. Philosoph, Anhänger Epikurs))

      Weil ich zu keinem Lernen imstande, mußte ich als Schiffsjunge aufs Meer. Auch zum Seedienst werde ich nicht taugen: das konnte ich gar bald einsehen! Mich gingen nur Sturm oder Sonne, die Delphine und Thunfische im Meer, Wolken am Himmel etwas an: nach vielen Wochen Reise hatte ich von meinem Dienst noch nichts zu verstehen vermocht. Man hat mich auf dem Schiff nicht übel behandelt, weil man meinen Vater kannte, vielleicht fürchtete, doch zu dem künftigen Seemann schüttelte jeder den Kopf. Auf dem Meer um mein Italien fahrend, ist in mir die Hoffnung lebhaft geworden, ich könnte ein Maler, ein Schriftsteller, vielleicht wie ich es als Kind gewünscht hatte, ein Baukünstler werden. Neapel, besonders sein Straßengetriebe, liebte ich sehr: dorthin hat es mich dann immer getrieben.

      Nun schaffte ich mir Farben, Leinwand an. Möglicherweise wäre ich zur Malerei nicht ganz unfähig gewesen: einige Bildchen, die ich zustande gebracht habe, gefielen mir selbst und Verwandten und Freunden ebenfalls recht gut. Doch eines Tages habe ich meinen Eltern eine große Freude bereitet: ich erklärte mich bereit, wieder Hausunterricht zu nehmen, mich anstrengen zu wollen, um das Gymnasium in zwei Jahren erledigen zu können, dann nach Neapel zu ziehen, um dort Philosophie zu studieren.

      Ich habe zwei Lehrer bekommen. Der eine hieß Martino Mareowitz, stammte aus Galizien, doch seine Mutter, eine Triesterin, hat ihn italienisch erzogen. Recht lieb sind mir seine italienischen Sprachstunden gewesen: wir lasen Dante, Manzoni. Zwei meiner Aufsätze sind ihm als vielversprechend vorgekommen. Einer behandelte das Thema 'Athen und Sparta', der andere sollte die Beschreibung einer Polarnacht sein. Von meinen Grübeleien habe ich ihm niemals etwas kund getan. Er hat oft für Zeitungen Theaterkritiken geschrieben, hoffte etwas dazu tun zu können, daß über Triest nordische Einflüsse in Italien eindrängen. Darum strengte er sich besonders an, Ibsen durchzusetzen. Auch mir hat er oft Theaterkritiken geschenkt, damit ich mich an des Norwegers Gestalten erbauen könnte.

      In den klassischen Sprachen hat mir Umberto Gerin, ein begeisteter Irrendentist, Unterricht erteilt. Für ihn war der größte Dichter seit Jahrhunderten, trotz Leopardi, Giosue Carducci ((1835/1907)): in seinem Namen haßte er den moralisierenden Halbkatholiken Manzoni - auch ein Grund, weshalb er Herrn Mareowitz wenig freundlich gesinnt war. Umberto Gerin ist der einzige Lehrer gewesen, der mir wirklich etwas Lebendiges mitgeteilt hat. Drum habe ich ihm auch meine Gedankengänge >von denen ich bis dahin selten etwas gehalten hatte< mitgeteilt. Als wir einmal Homer lasen, meinte ich lachend: ''Nun will ich Ihnen meine Illias vortragen!" Als ich in wenigen Sätzen ausgesprochen hatte, was ich mir zurechtzulegen im stande gewesen war, sagte er mir: ''Werde ein moderner Giordano Bruno! Was du gedacht hast, ist echt, ist neu." Von nun an sprachen wir viel über Philosophie, Politik miteinander.

      Außer Carducci lasen wir auf gemeinsamen Spaziergängen auch den jungen d'Annunzio und andere italienische Patrioten. Die Irredenta ((ital.-national. Bewegung)) fußte besonders auf der Schule: ''Was ihr lernt, soll euch fördern und nützen, doch vergeßt nicht das Vaterland. Trachte jeder, daß unsere geliebte Heimat wiederrum das herrlichste Land der Welt werde!'' Auch Umberto Gerin konnte sich übermäßig für sein Vaterland ereifern: nicht selten bin ich erschrocken, wenn er so hingerissen sprach.

      Ein andermal forderte er mich geradezu auf: ''Beweisen wir im Geiste Brunos, daß die Schöpfung urgelungen ist, ihre Brüchigkeit dem Menschen zu liebe besteht. Glaube mir, Platon und Bruno sind die ersten Gestalten, die vermocht haben, das All im Kristall zu verewigen. Gewiß ist die Sonne zur Erruhigung aus dem Urlicht da. Halte dich an sie.''

      Zum Soldaten bin ich ungeeignet gewesen, schon nach sechs Monaten war meine Gesundheit dahin: man hat mich aus dem Heere entlassen. Plötzlich ist in den Eltern der Entschluß entstanden, nach Wien zu übersiedeln. Ich sollte sie begleiten, mich nach wenigen Monaten jedoch nach Neapel begeben, um dort mein ''Impero del Sole'' zu schreiben. Wien hat mir etwas Unerhörtes offenbart: Musik. Was ich erleben konnte, ist für mich von großer Entscheidungskraft geworden. Zum erstenmal hat mich die IX. Symphonie von Beethoven gebannt und erschüttert. Dann bin ich zweimal von Wagners Siegfried bezaubert worden. Von nun an konnte ich nur noch in Versen grübeln, schließlich denken: Wahngebilde hat Musik in mir zu Gestalten vereinfacht. Die deutsche Sprache ist abermals meine Muttersprache gworden.

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    • 14.06.1800 - Friedrich Schillers Trauerspiel Maria Stuart wird im Weimarer Hoftheater uraufgeführt

      Maria. Ich habe drauf geharret -- Jahre lang * Mich drauf bereitet, alles hab' ich mir
      Gesagt und ins Gedaechtniß eingeschrieben, * Wie ich Sie ruehren wollte und bewegen!
      Vergessen ploetzlich, ausgeloescht ist alles, * Nichts lebt in mir in diesem Augenblick, * Als meiner Leiden brennendes Gefuehl.
      In blut'gen Haß gewendet wider sie * Ist mir das Herz, es fliehen alle guten * Gedanken, und die Schlangenhaare schuettelnd
      Umstehen mich die finstern Hoellengeister.
      Schrewsbury. Gebietet eurem wild empoerten Blut, * Bezwingt des Herzens Bitterkeit! Es bringt * Nicht gute Frucht, wenn Haß dem Haß begegnet.
      Wie sehr auch euer Innres widerstrebe, * Gehorcht der Zeit und dem Gesetz der Stunde! * Sie ist die Maechtige -- demuethigt euch!
      Maria. Vor ihr! Ich kann es nimmermehr.
      Schrewsbury. Thuts dennoch! Sprecht ehrerbietig, mit Gelassenheit! * Ruft ihre Großmuth an, trotz nicht, jetzt nicht * Auf euer Recht, jetzo ist nicht die Stunde.
      Maria. Ach mein Verderben hab' ich mir erfleht, * Und mir zum Fluche wird mein Flehn erhoert!
      Daraus kann nimmer, nimmer gutes kommen!
      Eh moegen Feu'r und Wasser sich in Liebe * Begegnen und das Lamm den Tiger kuessen --
      ich bin zu schwer verletzt -- sie hat zu schwer * Beleidigt -- Nie ist zwischen und Versoehnung!
      Schrewsbury. Seht sie nur erst von Angesicht!
      Ich sah es ja, wie sie von eurem Brief * Erschuettert war, ihr AUge schwamm in Thraenen. * Nein, sie ist nicht gefuehllos, hegt ihr selbst
      Nur besseres Vertrauen -- Darum eben * Bin ich voraus geeilt, damit ich euch * In Fassung setzen und ermahnen moechte...

      - - - - - - - - - -

      Elisabeth. Wie, Milords? * Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte * Mir angekuendigt? Eine Stolze find' ich, * Vom Unglueck keineswegs geschmeidigt...
      Maria. Steht nicht da, schroff und unzugaenglich, wie * Die Felsenklippe, die der Strandende * Vergeblich ringen zu erfasswn strebt.
      Mein Alles haengt, mein Leben, mein Geschick, * An meiner Worte, meiner Thraenen Kraft, * Laßt mir das Herz, daß ich das eure ruehre!
      Wenn ihr mich anschaut mit dem Eisesblick,
      Schließt sich das Herz mir schaudernd zu, der Strom * Der Thraenen stockt, und kaltes Grausen fesselt * Die Flehensworte mir im Busen an
      Elisabeth. Was habt ihr mir zu sagen, Lady Stuart?
      Ihr habt mich sprechen wollen. Ich vergesse * Die Koenigin, die schwer beleidigte, * Die fromme Pflicht der Schwester zu erfuellen,
      Und meines Anblicks Trost gewaehr ich euch. * Dem Trieb der Großmuth folg' ich, setze mich * Gerechtem Tadel aus, daß ich so weit
      Herunter steige -- den ihr wißt, * Daß ihr mich habt ermorden lassen wollen.

      Maria. Womit soll ich den Anfang machen, wie * Die Worte klueglich stellen, daß sie euch * Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen!
      O Gott, gieb meiner Rede Kraft, und nimm * Ihr jeden Stachel, der verwunden koennte!
      Kann ich doch fuer mich selbst nicht sprechen, ohne euch * Schwer zu verklagen, und das will ich nicht.
      -- Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist, * Denn ich bin eine Koenigin wie ihr, * Und ihr habt als Gefangne mich gehalten,
      Ich kam zu euch als eine Bittende, * Und ihr, des Gastrechts heilige Gesetze, * Der Voelker heilig Recht in mir verhoehnend,
      Schloßt mich in Kerkermauern ein, die Freunde, * Die Diener wurden grausam mir entrissen,
      Unwuerd'gen Mangel werd' ich preiß gegeben, * Man stellt mich vor ein schimpfliches Gericht --
      Nichts mehr davon! Ein ewiges Vergessen * Bedecke, was ich grausames erlitt.

      -- Seht! Ich will alles eine Schickung nennen, * Ihr seid nicht schuldig, ich bin auch nicht schuldig,
      Ein boeser Geist stieg aus dem Abgrund auf, * Den Haß in unsern Herzen zu entzuenden, * Der unsre Jugend schon entzweyt.
      Er wuchs mit uns, und boese Menschen fachten * Der ungluecksel'gen Flamme Athem zu.
      Wahnsinn'ge Eiferer bewaffneten * Mit Schwerdt und Dolch die unberufne Hand --
      Das ist das Fluchtgeschick der Koenige, * Daß sie, entzweyt, die Welt in Haß zerreißen, * Und jeder Zwietracht Furien entfesseln.
      -- Jetzt ist kein fremder Mund mehr zwischen uns * Wir stehn einander selbst nun gegenueber.
      Jetzt Schwester redet! Nennt mir meine Schuld, * Ich will euch voellige Genuegen leisten.
      Ach, daß ihr damals mir Gehoer geschenkt, * Als ich so dringend euer Auge suchte!
      Es waere nie so weit gekommen, nicht * An diesem traur'gen Ort geschaehe jetzt * Die unglueckselig traurige Begegnung... ....

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    • 16.06.1313 - Geburtstag von Giovanni Boccaccio wird morgnFrüh' korrigiert u. ergänzt

      Sein Vater, ein florentinischer Kaufmann >seine Mutter war eine Pariserin<, nahm ihn schon in früher Jugend aus der Schule, um ihn zu Handlungsgeschäften anzuführen, obgleich er sich schon damals lieber den Studien gewidmet hätte, und er mußte sich bis in sein achtundzwanzigstes Jahr mit kaufmännischen Geschäften und Reisen befassen. Wie er sich auf einer dieser Reisen in Neapel befand, und auf einem Spaziergange das Grabmal Virgil's erblickte, ergriff ihn plötzlich ein unwiderstehlicher Trieb zur Dichtkunst, so daß er sich von Stund' an allen andern Geschäften entzog. Nachdem sein Vater sich vergeblich bemüht hatte, ihn von seinem Vorsatze wieder abzubringen, gab er endlich seine Einwilligung, unter der Bedingung, daß sein Sohn sich ein Brodstudium wählen sollte, um dreinst zu einem Amte gelangen zu können. Er studirte auch wirklich sechs Jahre die Rechte, machte aber keine großen Fortchritte darin, und gab sie am Ende wieder auf, um sich ganz der Dichtkunst und der Philologie zu überlassen.

      Nach dem Tode seines Vaters folgte er gänzlich diesem Gange. Unter der Anführung des Leontius Pilatus, eines gelehrten Griechen, erlernte er die griechische Sprache, und da die schönen Wissenschaften sich in seinem Vaterlande noch nicht wieder aus dem Staube erhoben hatten, so reisete er umher, um die Werke der griechischen Schriftsteller zu sammeln, die er aber wegen seiner eben nicht blühenden Vermögensverhältnisse größtentheils abschreiben mußte; uns so gelang es ihm mit vieler Mühe und Kosten, einer der ersten Wiederhersteller der Wissenschaften zu werden.

      Durch seinen anhaltenden Fleiß ward er einer der gründlichsten Gelehrten seiner Zeit und nützte seinen Zeitgenossen nicht wenig durch seine Schriften mythologischen, historischen und geographischen Inhalts, die noch jetzt vorhanden sind und doch gewiß für die damaligen Zeiten sehr unterrichtend waren. An der andern Seite bildeten ihn seine innige Freundschaft mit dem Petrarca >mit welchem er beständig im Briefwechsel stand< und sein unermüdetes Studium der Alten zu einem der geschmackvollsten Schriftsteller. Als Dichter hat er zwar nie geglänzt, sondern steht gegen Petrarca sehr im Schatten. Um desto berühmter ist er als prosaischer Schriftsteller, und besonders sein Dekameron ist in mehr als einer Hinsicht merkwürdig. Es ist kaum glaublich, daß Boccaccio >wie Einige von ihm behaupten< dieses Werk >das Einzige, durch welches er sich berühmt gemacht hat< am wenigsten geschätzt haben sollte. Die beiden Vorreden, die er zu dem ersten und zweiten Theile geschrieben hat, und seine Nachschrift am Ende des Werkes scheinen mir keineswegs eine solche Gleichgültigkeit gegen dasselbe zu verrathen, sondern vielmehr von einer gewissen Vorliebe zu zeugen, die es auch wirklich verdient.

      Das Dekameron hat der italienischen Sprache >ein Paar veraltete Wörter und einige wenige Formen ausgenommen< diejenige bestimmte Gestalt gegeben, die ihr noch jetzt eigenthümlich ist, und die Akademie della Crusca stützt sich auf dasselbe in ihrem Wörterbuche als auf eine ihrer besten Autoritäten. Boummattei, Tiraboschi und andere gelehrte Italiener sind unerschöpflich in den Lobeserhebungen, womit sie es überhäufen und dem B. das verdiente Zeugniß geben, daß die italienische Prosa ihm nicht weniger zu verdanken habe als die Poesie dem Petrarca. Tiraboschi nennt das Dekemeron wegen der Zierlichkeit der Schreibart, wegen der sorgfältigen Wahl der Ausdrücke, wegen des leichten und gefälligen Vortrags, und wegen des fließenden Dialogs der redenden Personen eines der vollkommensten Muster des ausgebildten italienischen Styls. Auch Montaigne giebt ihm einen vorzüglichen Platz unter den wenigen Werken dieser Art, von denen er sagt, daß sie ihm wahres Vergnügen gewährten. In der That ist es ein Werk voll von Geist, Witz und fröhlicher Laune, halb mit ernster Moral und echter Lebensweisheit verwebt, halb mit beißender Satire gewürzt. Freilich fehlt es darin auch nicht an leichtfertigen und schlüpfrigen Schwänken; bisweilen stößt man auch wohl auf eine Erzählung, in welcher man das Salz des Witzes wohl gar vergeblich sucht.

      Wer dem B. seinen muthwilligen, oft auch wohl ziemlich derben Ton zum Vorwurf macht, der sollte bedenken, daß man im vierzehnten Jahrhundert von manchen Dingen in Gegenwart der Weiber und Mädchen reden konnte, ohne wider die Sitten zu verstoßen, wovon man heutigen Tages nicht einmal vor Männern sprechen würde: und wer es ihm übel nimmt, daß nicht alle seine Erzählungen gleich geistreich sind, der vergißt, daß kein Mensch immer bei gleicher Laune sein kann; wenn man auch nicht annehmen will, daß B. vorsätzlich manche trockene Legende mit einer geistreichen Erzählung, so wie manche rührende Geschichte mit einem leichtfertigen Schwanke abwechseln ließ, um das eine durch das andere zu heben.

      Viele von den Erzählungen sind merkwürdig wegen der Freimüthigkeit, womit B. die Misbräuche und Laster der Mönche und Pfaffen, und den dummen Aberglauben, welcher damals die Religion entstellte und verfinsterte, gerügt hat. Bei jeder Gelegenheit läßt er sie die Geisel seiner Satyre ohne Barmherzigkeit fühlen, und >sonderbar genug< es scheint eben nicht, daß ihn irgend jemand angefochten habe, obgleich er fast alles sagte, wofür fünfzig Jahre später Johann Hus verbrannt ward und was erst nach hundertfünfzig Jahren Luther mit glücklicherm Erfolg zur Sprache brachte.

      B. giebt seinem Dekameron >das griechische Wort bedeutet einen Zeitraum von zehn Tagen: seine hundert Erzählungen läßt er von einer Gesellschaft von zehn Personen in zehn Tagen erzählen< noch den Beinamen 'Principe Galeotto'. Da die Italiener 'Galeotto' >ein Galeerensklave und im weitläuftigern Verstande ein jeder Spitzbube< eben auch im scherzhaften Sinne gebrauchen, so glaube ich B. keine Gewalt zu thun, wenn ich voraussetze, daß er in diesem Sinne sein Dekameron wegen seiner muthwilligen Schwänke einen Erzschelm >oder 'Schalk aller Schälke'< genannt hat.

      B. hat nie ein öffentliches Amt bekleidet, doch hat er gelegentlich in Staatsgeschäften >und besonders in Gesandtschaften seiner Republik< nützliche Dienste geleistet. So ward er 1351 >nachdem er in demselben Jahre seinem Freunde Petrarca das Schreiben der florentinischen Regierung nach Padua überbracht hatte, in welchem er eingeladen ward, in sein Vaterland zurückzukehren< an Ludwig, Markgrafen von Brandenburg geschickt, um ihn zu bitten, den Florentinern gegen die Herren von Mailand beizustehen. In den Jahren 1353 und 1365 ging er als Gesandter seiner Republik an den päpstlichen Hof nach Avignon. Im Jahre 1373 >er starb 1373< ward er zu Florenz mit einem Jahrgehalte von hundert Gulden angestellt, um über die Divina Comedie des Dante Vorlesungen zu halten.

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