Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • . . . etwas zur Unzeit ... bin aber evtl. ab heute Mittag bis einschl. SO ohne Internet-Anschluss (gibt`s!)

      04.05.1948 - Bert Brechts Theaterstück "Der kaukasische Kreidekreis" wird uraufgeführt

      Alexander von Zemlinskys (1933 uraufgeführte) "Kreidekreis"-Oper hat allerdings das "Kreidekreis"-Drama von Klabund** (v. 1925) als Vorlage! <= Daraus** einige Sätze aus dem zweiten und fünften Aufzug . . .

      TSCHANG-LING Ich laufe durch die Welt, wie elend, wie schwelend mein Herz! Flamme unter der Asche! Rauch und Ruß überall. Tags saß ich in hohlen Baumstämmen und schlief. Nachts machte ich mich auf den Weg und lief da- und dorthin. Schwirrte wie eine Fledermaus; die Dunkelheit tat mir wohl. .. Wohin sind meine eleganten Kleider? Die trunkenen Abende in den Schenken? In Fetzen hängen mir einige Lumpen am Leibe. Mein Magen ist eine gedörrte Pflaume. .. Weh uns, daß Männer ihre Seele, Mütter ihre Töchter verkaufen müssen, um des nackten, dürftigen Lebens willen. Vater Himmel und Mutter Erde haben nie und nimmer Tausenden ein Recht gegeben, das Eigentum Ihrer Millionen Brüder zur Befriedigung ihrer Üppigkeit zu verschlingen. ..

      Ein solch verruchtes Unkraut, das den Blumen und nützlichen Pflanzen die Erde wegnimmt, ist der Besitzer dieses Hauses. Er hat meinen Vater in den Tod, mich in das Elend getrieben und meine Schwester gezwungen, sich ihm zu verkaufen. Sein Name ist in der Liste der Bruderschaft längst mit einem Kreidekreis umgeben. Das bedeutet seine Trennung von der Welt. Sein Urteil ist gesprochen.

      - - - - - - - - - - - - - - - - -

      KAISER. Gerechtigkeit - so heißt des Kaisers oberstes Gesetz und aller Tugenden Tugend. Ich habe darum für heute alle Verbrecher, die .. seit meiner Thronbesteigung zum Tode verurteilt wurden, samt ihren Richtern hierher in meinen Palast entboten, um Gerichtstag zu halten.

      Ich richte auch die Richter. Wer Beschwerde / Gegen sie hat, erhebe sie. Der gelbe Saal / Hat tausend Augen, alles zu durchschaun, / und tausend Hände, die das Richterschwert schwingen. / Hier auf den Stufen meines Tribunals steht / Ti-sching gemalt: Sprich leise, handle leise, denke leise! / Ein jeder gehe mit sich selbst zu Rat. ..

      Warum bist du im Block, und was ist dein Verbrechen? / Was bleibst du stehn, und fällst nicht in die Knie? / TSCHANG-LING Gäb es Gerechtigkeit in diesem Land, / ich stünde nicht im Block vor dir. / Wer so viel litt wie ich, der kniet / vor keinem Menschen mehr .. KAISER Was verbrach der Mann? .. TSCHU Er beschmutzte mit dem Unflat seiner Flüche den hohen Gerichtsaal von Tscheu-kong. KAISER Die Worte TSCHU Untertänigst zu melden: - kaum wag ich, sie zu äußern, die Zähne weigern sich, sie freizulassen - der neue Kaiser wird auch nicht besser sein als der alte.

      TSCHANG-LING Und diese noch dazu: Wir Armen werden unter seinem Banner / Rechtlos am Straßenrand verrecken wie bisher. / Denn Recht hat nur, wer Macht hat, Geld, ein Amt. / Die Möglichkeit, den Richter zu bestechen / Mit Talerchen, mit einer schönen Frau, / Der eigenen vielleicht, was tut`s? / Der Kaiser sitzt in Peking auf dem Thron - / Peking ist weit - des Kaisers Sonn so tief / Mit hoher Politik beschäftigt. Recht? / In China gäb es Recht! Daß ich nicht lache! .. KAISER Du weinst; weinst du um dein Geschick? TSCHANG-LING Ich wein um China KAISER Nehmt ihm den Halsblock ab! Er sei befreit! / Wer solche Tränen weint, ist kein Verbrecher. / Sie netzen / Die Blume seines Herzens / Wie Tau. / Daß er mich lästerte, verzeih` ich ihm. / Er lästerte aus edlem Willen, / Die schlechte Welt zu bessern.

      v. zeno.org
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    • 16.05.1788 - Geburtstag von Friedrich Rückert

      Als Kindertodtenlieder bezeichnete ... F. R. die 428 Gedichte, die er unter dem EIndruck des Todes seiner Kinder Luise und Ernst 1833/34 schrieb. .. Hans Wollschläger nannte (sie) "die größte Totenklage der Weltliteratur". (v. wikipedia.org) --- Hier eine sehr kleine Auswahl . . .

      Ärzte wissen nach den Regeln / Aus der Welt kein Kind zu schaffen, / Ohne mit abscheul`chen Egeln / Die Naturkraft hinzuraffen // Nie mehr werd` ich mich in Quellen / Unbefangen spiegeln; / Immer werd` ich in den Wellen / Schauder vor Blutigeln,

      Die das Leben mit dem Blute / Meines Kinds entsogen; / So mißhandelt ist das gute / Seelchen, ach, entflogen. // Aber nicht aus reinen Quellen, / Sondern styg`schem Sumpfe / Holt man diese Blutgesellen / Zu des Tods Triumphe.

      Immer that ich ihren Willen / Meiner Dichtung, und sie meinen; / Herzbedürfnisse zu stillen, Seh ich immer sie erscheinen. / Und so kommt sie nun, zu weinen / Mit mir um zwei theure Schatten; / sollten wir`s uns nicht gestatten?

      Die von mir das Leben hatten, / Haben es zu früh verloren; / Soll die Mutter ihrem Gatten / Haben Sie umsonst geboren? / Nein, ich hab es mir geschworen, / Euer Leben fort zu dichten, / Daß mir nichts es kann vernichten.

      Von Freuden floß um mich vorzeiten / Ein Überfluß; / Und wie ich schöpfte, blieb beizeiten / Ein Überschuß. // Wie dacht` ich, daß versiegen könnte / Der Überschwang? / Ergossen war nach allen Welten / Der Überguß.

      Wohin verlaufen hat das Wasser / Sich über Nacht? / Es eilt wohl, um mir zu bereiten / Nicht Überdruß! // Vorüber eilt des Glückes Fülle, / Und rauscht von fern / Mir einen noch und keinen zweiten / Vorübergruß.

      Ihr Augen, wollt Ersatz ihr weinen? / So weinet nur! / Und mich durchs Leben soll begleiten / Ein trüber Fluß. // Wo ich am Strom der Wehmuth lausche / Im Hauch der Nacht, / Weht her von jenseit goldner Saiten / Herübergruß.

      Am Ufer pflanz` ich dunkle Lieder, / Ihr Duft weht hin, / Bis ich geflügelt selber schreiten / Hinüber muß.

      Ihr habet nicht umsonst gelebt; / Was kann man mehr von Menschen sagen? / Ihr habt am Baum nicht Frucht getragen, / Und seid als Blüten früh entschwebt, / Doch lieblich klagen / Die Lüfte, die zu Grab euch tragen: / Ihr habet nicht umsonst gelebt.

      In unser Leben tief verweht, / Hat Wurzeln euer Tod geschlagen / Von süßem Leid und Wohlbehagen / Ins Herz, aus dem ihr euch erhebt / Im Frühlingstagen / Als Blütenwald von LIebesklagen; / Ihr habet nicht umsonst gelebt.

      O die ihr sanften Schmerz und gebt / Statt eure an der Brust zu tragen, / Euch werden fremde Herzen schlagen / Von Menschenmitgefühl durchbebt / Bei unsern Klagen; / Was kann man mehr von Menschen sagen? / Ihr habet nicht umsonst gelebt!

      v. spiegel.de

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    • 05.06.1898 - Geburtstag von Frederico Garcia Lorca

      Im Rahmen seiner - auf BR.Alpha - ausgestrahlten Sendereihe "Klassiker der Weltliteratur" behandelte ihn Tilmann Spengler am 29.07.2011 (Wiederh. am 26.08.2013) . . . . Hier eine "Nacherzählung" . . .

      Es gab in Spanien - zumindest in den letzten c. 20 Jahren vor Beginn der Franco - Diktatur - modernistische Kunstströmungen, die es verdienen dürften, solchen in Italien, Frankreich und Deutschland an die Seite gestellt zu werden: F. G. L. darf hier eben so sicher genannt werden wie z. B. Salvador Dali, Luis Bunuel und Manuel da Falla . . .

      Garcia Lorca sen. scheint einer der führenden "andalusischen Zuckerbarone" der damaligen Zeit gewesen zu sein - die Mutter, eine offenbar mehr als durchschnittlich begabte (Beethoven und Chopin favorisierende) Pianistin, hat den heranwachsenden Frederico wohl derart inspiriert, dass dieser, kurzzeitig wenigstens, eine klavieristische Laufbahn ernsthaft erwogen haben soll . . . Der 11jährige war mit den Eltern vom Land nach Granada gezogen, damals möglicherweise die "Multikulti - Metropole" im gesamten südwesteuropäischen Raum: Römische Invasoren, christliche Missionare, Juden und Araber hatten sie seit Jahrhunderten geprägt, wobei sich Perioden des friedlichen Zusammen - (oder jedenfalls Nebeneinander - )Lebens mit bürgerkriegsähnlichen Zeiten - einschließlich gelegentlicher Bücherverbrennungen u. ä. - abgewechselt hatten. Kurzum: eine Sozialisation in Granada war für einen wachen Geist wie den jungen Frederico nichts weniger als "angewandter Geschichtsunterricht" . . .

      Der 24jährige, inzwischen mit dem bereits erwähnten da Falla befreundet, unterstützte diesen bei der Vorbereitung eines Flamenco-Wettbewerbs. Wir Mitteleuropäer (wesW eingeschlossen ;) ) halten besagten "Flamenco" vermutlich mit Masse für etwas originär Spanisches - ein grandioser Irrtum: wie haben es hier mit einem (einzigartigen!) Konglomerat aus (v. a.) nordafrikanischen, indischen und byzanthinischen Einflüssen zu tun! Garcia Lorca beeindruckten diese von steter Schwermut durchsetzten Klänge tief und nachhaltig: man geht wohl nicht fehl, urteilt man über seine "späte" Trilogie des bäuerlichen Lebens (bestehend aus den Stücken "Yerma", "Bodas de Sangre / Bluthochzeit" und "La Casa de Bernarda Alba"), das in ihnen "der Geist des Flamenco" stecke: immer ist von Individuen die Rede, denen ein Ausbrechen aus den ihnen gesellschaftlich zugewiesenen Rollen nicht möglich ist, immer ist die Grundstimme mindestens schwermütig, nicht selten düster . . .

      Bereits der 30jährige war (1928 - im selben Jahr hatte er auch ein Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft abgeschlossen) mit einem (dt. "Zigeunerballaden" genannten) Gedichtband zu dem andalusischen Nationaldichter geworden - allerdings würde man seinem Oevre nicht gerecht, würde man es strikt in Lyrik und Dramatik unterteilen, meinte Garcia Lorca doch (sinngemäß), dass eine jede Dramatik "nichts wert" sei, die nicht als "in Worte, Handlung und Gesten übersetzte Lyrik" gelesen u./od. gehört werden könne . . . 1931 tourte er, im Auftrag der provisorischen republikanischen Regierung, mit einer, überwiegend aus Studenten bestehenden, Schauspieltruppe durch entlegene, oft noch stark von Analphabetismus geprägte, spanische Provinzen . . .

      Eine derart großherzige Persönlichkeit war Francos Schergen natürlich früh ein Dorn im Auge - bereits Wochen nach Bürgerkriegsbeginn ist Frederico Garcia Lorca standrechtlich erschossen worden: ein Faktum, dass immer mal wieder angezweifelt worden ist, denn sein Leichnam wurde niemals gefunden . . .

      Glaubt man dem Wikipedia - Eintrag zu "Yerma", dann hat sich Tilmann Spengler bzgl. der "Trilogie des bäuerlichen Lebens" geirrt, da "La Casa de Bernarda Alba" mitnichten dessen Bestandteil ist... Zwar plante F G L. in der Tat eine solche Folge von Dramen: zur Niederschrift eines dritten Teils (nach "Yerma" und "Bodas de Sangre") kam es allerdings nicht mehr . . .

      Frederico Garcia Lorca hat viele Komponisten zu sehr unterschiedlichen Werken inspiriert: hier seien nur Francis Poulenc genannt (der seine 1943 geschriebene, 1949 revidierte - und der früh verstorbenen Ginette Neveu gewidmete - Violinsonate "zum Gedenken an F. G. L." geschrieben hat) sowie Luigi Nono (die UA seiner Tre Epitaffi per F. G. L. dirigierte Bruno Maderna 1952 in Darmstadt) und Dmitri Shostakovich (dessen vorletzte Sinfonie mit zwei G. L. - Vertonungen beginnt). Udo Zimmermanns (für Schwetzingen 1982 komponierte) wundersame Schustersfrau soll hier als einzige Oper nach G. L. genannt werden - natürlich zusammen mit Wolfgang Fortners Bluthochzeit: Lt. Giselher Klebe (zit. v. musikwanderer am 18.10.2011 im T.-Forum!) sei letzterer nach längerer Beschäftigung mit Lorcas "Bodas de Sangre" zur Ansicht gelangt, dass hier die Schauspielkunst nicht mehr ausreicht, um ... die Tragödie zu Ende zu singen . . .
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    • 07.06.1843 - Todestag von Friedrich Hölderlin

      (Der Roman) Hyperion oder der Eremit in Griechenland erschien in zwei Bänden 1797 und 1799. Es ist ein lyrischer Briefroman, dessen äußere Handlung .. nur untergeordnete Bedeutung hat. .. Hyperion (berichtet) rückschauend seinem deutschen Freund Bellarmin von seinem Leben / v. wikipedia.org

      Beide Bände enthalten jeweils zwei "Bücher". Das zweite Buch besteht aus insg. 19 (jeweils Hyperion an Bellarmin überschriebenen) "Briefen" - wobei der letzte Brief etwa das letzte Drittel dieses Buches umfasst. Im Folgenden (ungekürzt) Beginn und Ende des zweiten "Briefes" . . .

      Mir ist lange nicht gewesen, wie jetzt. / Wie Jupiters Adler dem Gesange der Musen, lausch ich dem wunderbaren unendlichen Wohllaut in mir. Unangefochten an Sinn und Seele, stark und fröhlich, mit lächelndem Ernste, spiel ich im Geiste mit dem Schicksal und den drei Schwestern, den heiligen Parzen. Voll göttlicher Jugend frohlockt mein ganzes Wesen über sich selbst, über Alles. Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt.

      Ich habe lange gewartet auf solche Festzeit, um dir wieder einmal zu schreiben. Nun bin ich stark genug; nun laß mich dir erzählen. / Mitten in meinen finstern Tagen lud ein Bekannter von Kalaurea herüber mich ein. Ich sollt in seine Gebirge kommen, schrieb er mir; man lebe hier freier als sonstwo, und auch da blüheten, mitten unter den Fichtenwäldern und reißenden Wassern, Limonenhaine und Palmen und liebliche Kräuter und Myrten und die heilige Rebe. Einen Garten habe er hoch am Gebirge gebaut und ein Haus; dem beschatteten dichte Bäume den Rücken, und kühlende Lüfte umspielten es leise in den brennenden Sommertagen; wie in Vogel vom Gipfel der Ceder, blicke man in die Tiefen hinab, zu den Dörfern und grünen Hügeln, und zufriedenen Herden der Insel, die alle, wie Kinder, umherlägen um den herrlichen Berg und sich nährten von seinen schäumenden Bächen.

      Das weckte mich dann doch ein wenig. Es war ein heiterer blauer Apriltag, an dem ich hinüberschiffte. Das Meer war ungewöhnlich schön und rein, und leicht die Luft, wie in höheren Regionen. Man ließ im schwebenden Schiffe die Erde hinter sich liegen, wie eine köstliche Speise, wenn der heilige Wein gereicht wird. / Dem Einflusse des Meers und der Luft widerstrebt der finstere Sinn umsonst. Ich gab mich hin, fragte nichts nach mir und andern, suchte nichts, sann auf nichts, ließ vom Boote mich halb in Schlummer wiegen, und bildete mir ein, ich läge in Charons Nachen. O es ist süß, so aus der Schale der Vergessenheit zu trinken. / Mein fröhlicher Schiffer hätte gerne mit mir gesprochen, aber ich war sehr einsilbig. / Er deutete mit dem Finger und wies mir rechts und links das blaue Eiland, aber ich sah nicht lange hin. und war im nächsten Augenblicke wieder in meinen eignen lieben Träumen. / Endlich, da er mir die stillen Gipfel in der Ferne wies und sagte und sagte, daß wir bald in Kalaurea wären, merkt ich mehr auf, und mein ganzes Wesen öffnete sich der wunderbaren Gewalt, die auf Einmal süß und still und unerklärlich mit mir spielte. Mit großem Auge, staunend und freudig sah ich hinaus in die Geheimnisse der Ferne, leicht zitterte mein Herz, und die Hand entwischte mir und faßte freundlichhastig meinen Schiffer an . . . .

      . . . . Daß die Menschen manchmal sagen möchten, sie freueten sich! O glaubt, ihr habt von Freude noch nichts geahnet! Euch ist der Schatten ihres Schattens noch nicht erschienen! O geht, und sprecht vom blauen Aether nicht, ihr Blinden! / Daß man werden kann, wie die Kinder, daß noch die goldne Zeit der Unschuld wiederkehrt, die Zeit des Friedens und der Freiheit, daß doch Eine Freude ist, Eine Ruhestätte auf Erden! / Ist der Mensch nicht veraltert, verwelkt, ist er nicht, ist er nicht, wie ein abgefallen Blatt, das seinen Stamm nicht wieder findet und nun umhergescheucht wird von den Winden, bis es der Sand begräbt? / Und dennoch kehrt sein Frühling wieder! / Weint nicht, wenn das Trefflichste verblüht! bald wird es sich verjüngen! Trauert nicht, wenn eures Herzens Melodie verstummt! bald findet eine Hand sich wieder, es zu stimmen!

      Wie war denn ich? war ich nicht wie ein zerrissen Saitenspiel? Ein wenig tönt ich noch, aber es waren Todestöne. Ich hatte mir ein düster Schwanenlied gesungen! Einen Sterbekranz hätt ich gern mir gewunden, aber ich hatte nur Winterblumen. / Und wo war sie denn nun, die Totenstille, die Nacht und Öde meines Lebens? die ganze dürftige Sterblichkeit?

      Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten, wie der Diamant im Schacht. Wir fragen umsonst, wie wir herabgekommen, um wieder den Weg hinauf zu finden. / Wir sind, wie Feuer, das im dürren Aste oder im Kiesel schläft; und ringen und suchen in jedem Moment das Ende der engen Gefangenschaft. Aber sie kommen, sie wägen Äonen des Kampfes auf, die Augenblicke der Befreiung, wo das Göttliche den Kerker sprengt, wo die Flamme vom Holze sich löst und siegend emporwallt über der Asche, ha! wo uns ist, als kehrte der entfesselte Geist, vergessen der Leiden, der Knechtsgestalt, im Triumphe zurück in die Hallen der Sonne. / v. zeno.org

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    • 13.06.1810 - Todestag von Johann Gottfried Seume

      Sein "Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802" beschreibt ((auf neuartige Art und)) Weise ein ((eigenes)) Reiseerlebnis: subjektiv, .. politisch .. alltagsnah. / v. wikipedia.org

      .... Was ich hier in meiner Reiseerzählung gebe, wirst Du, lieber Leser, schon zu sichten wissen. Ich stehe für alles, was ich gesehen habe, insofern ich meinen Ansichten und Einsichten trauen darf; und ich habe nichts vorgetragen, was ich nicht von ziemlich glaubwürdigen Männern wiederholt gehört hätte. Wenn ich über politische Dinge etwas freimütig und warm gewesen bin, so glaube ich, daß diese Freimütigkeit und Wärme dem Manne ziemt, sie mag nun einigen gefallen oder nicht. Ich bin übrigens ein so ruhiger Bürger, als man vielleicht in dem ganz meißnischen Kreise kaum einen Torschreiber hat. Manches ist jetzt weiter gediehen und gekommen, wie es wohl zu sehen war, ohne eben besser geworden zu sein. Mache ich die Runde jetzt, ich würde wahrscheinlich mehr zu erzählen haben und Belege zu meinen vorigen Meinungen geben können. Freilich möchte ich gern ein Buch gemacht haben, das auch ästhetischen Wert zeigte; aber Charakteristik und Wahrheit würden durch ängstliche Glättung zu sehr leiden. ....

      Von dem Wiener Theaterwesen kann ich Dir nicht viel Erbauliches sagen. Die Gesellschaft des Nationaltheaters ist abwechselnd in der Burg und am Kärntner Tore und spielt, so gut sie kann. .. Die Italiener sind verhältnismäßig nicht besser. Man trillerte sehr viel und singt sehr wenig. Der Kastrat Marchesi kombabusiert einen Helden so unbarmherzig in seine eigene verstümmelte Natur hinein, daß es für die Ohren eines Mannes ein Jammer ist; und ich begreife nicht, wie man mit solcher Unmenschlichkeit so traurige Mißgriffe in die Ästhetik hat tun können. Das mögen die Italiener, wie vielen andern Unsinn, bei der gesunden Vernunft verantworten, wenn sie können. Ich, meines Teils, will keine Helden, die uns, entmannt und kaum noch mädchenhaft, sogleich den Mangel ihrer Kraft, im ersten Tone quieckend melden, und ihre lächerliche Wut im Schwindel durch die Fistelhöhen von ihrem Brett herunter krähen, wie Meister Hahns gekappte Brut. Wenn ich des Hämmlings Singsang nicht wir die Taranteltänze hasse, / So setze mich des Himmels Strafgericht mit ihm in eine Klasse! Schikaneder treibt sein Wesen in der Vorstadt an der Wien, wo er sich ein gar stattliches Haus gebaut hat, dessen Einrichtung mancher Schauspieldirektor mit Nutzen besuchen könnte und sollte. Der Mensch kennt sein Publikum und weiß ihm zu geben, was ihm schmeckt. Sein großer Vorzug ist Lokalität, derer er sich oft mit einer Freimütigkeit bedient, die ihm selbst und der Wiener Duldsamkeit Ehre macht. Ich habe auf seinem Theater über die Nationalnarrheiten der Wiener Reichen und Höflinge Dinge gehört, die man in Dresden nicht dürfte laut werden lassen, ohne sich von höherem Orte eine strenge Weisung über Vermessenheit zuzuziehen. Mehrere seiner Stücke scheint er im eigentlichsten Sinne nur für sich selbst gemacht zu haben; und ich muß bekennen, daß mir seine barocke Personalität als Tiroler Wastel ungemeines Vergnügen gemacht hat. Es ist den Wienern von feinem Ton und Geschmack gar nicht übel zu nehmen, daß sie zuweilen zu ihm und Kasperle herausfahren und das Nationaltheater und die Italiener leer lassen. ....

      Das Traurigste ist in Venedig die Armut und Bettelei. Man kann nicht zehn Schritte gehen, ohne in den schneidendsten Ausdrücken um Mitleid angefleht zu werden; und der Anblick des Elends unterstützt das Notgeschrei des Jammers. Um alles in der Welt möchte ich jetzt nicht Beherrscher von Venedig sein; ich würde unter der Last meiner Gefühle erliegen. Schon Küttner hat viele Beispiele erzählt, und ich habe die Bestätigung davon stündlich gesehen. Die niederschlagendste Empfindung ist mir gewesen, Frauen von guter Familie in tiefen, schwarzen, undurchdringlichen Schleiern kniend vor den Kirchtüren zu finden, wie sie, die Hände gefaltet auf die Brust gelegt, ein kleines hölzernes Gefäß vor sich stehen haben, in welches die Vorübergehenden einige Soldi werfen. Wenn ich länger in Venedig bliebe, müßte ich notwendig mit meiner Börse oder mit meiner Empfindung Bankerott machen.

      Drollig genug sind die gewöhnlichen Improvisatoren und Deklamatoren auf dem Markusplatze und am Hafen, die einen Kreis um sich her schließen lassen und für eine Kleinigkeit über irgendeine berühmte Stelle sprechen, oder auch aus dem Stegreife über ein gegebenes Thema teils in Prosa, teils in Versen sogleich mit solchem Feuer reden, daß man sie wirklich einigemal mit großen Vergnügen hört. Du kannst Dir vorstellen, wie geringe die Summe und wie erniedrigend das Handwerk sein muß. Eine Menge Leute von allen Kalibern, Lumpige und Wohlgekleidete, saßen auf Stühlen und auf der Erde rund herum und warteten auf den Anfang, und eine Art von buntscheckigen Bedienten, der seinem Prinzipal das Geld sammelte, rief und wiederholte mit lauter Stimme: "Mancan ancora cinque soldi; ancora cinque soldi!" Jeder warf seinen Soldo hin, und man machte gewaltige Augen, als ich einigemal mit einem schlechten Zwölfkreuzerstück der Forderung ein Ende machte und die Arbeit beschleunigte. Welch ein Abstand von diesen Improvisatoren bis zu den römischen, von denen wir zuweilen in unsern deutschen Blättern lesen!

      v. zeno.org
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    • 25.06.1822 - Todestag von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann

      Die (lt. Onkel Wiki) "romantische Künstlernovelle" Don Juan gehört zu den (insg. neun >darunter auch "Kreisleriana"<) "Fantasiestücke(n) in * Callot`s Manier", die in zwei Bänden 1814 u. 15 erschienen sind...

      .... In dem Andante ergriffen mich die Schauer des furchtbaren, unterirdischen regno all pianto; grausenerregende Ahnungen des Entsetzlichen erfüllten mein Gemüt. Wie ein jauchzender Frevel klang mir die jubelnde Fanfare im siebenten Takte des Allegro; ich sah aus tiefer Nacht feurige Dämonen ihre glühenden Krallen ausstrecken - nach dem Leben froher Menschen, die auf des bodenlosen Abgrunds dünner Decke lustig tanzten. Der Konflikt der menschlichen Natur mit den unbekannten, gräßlichen Mächten, die ihn, sein Verderben erlauernd, umfangen, trat klar vor meines Geistes Augen. Endlich beruhigt sich der Sturm; der Vorhang fliegt auf. Frostig und unmutvoll in seinen Mantel gehüllt, schreitet Leporello in finstrer Nacht vor dem Pavillon einher "Notte e giorno faticar". - Also italienisch? - Hier am deutschen Orte italienisch? Ah che piacere! Ich werde alle Rezitative, alles so hören, wie es der große Meister in seinem Gemüt empfing und dachte! ....

      Don Juan wickelt sich aus dem Mantel und steht da in rotem, gerissenen Sammet mit silberner Stickerei, prächtig gekleidet. Eine kräftige, herrliche Gestalt. das Gesicht ist männlich schön; eine erhabene Nase, durchbohrende Augen, weichgeformte Lippen; das sonderbare Spiel eines Stirnmuskels über den Augenbrauen bringt sekundenlang etwas von Mephistopheles in die Physiognomie, das, ohne dem Gesicht die Schönheit zu rauben, einen unwillkürlichen Schauer erregt. Es ist, als könne er die magische Kunst der Klapperschlange üben; es ist, als könnten die Weiber, von ihm angeblickt, nicht mehr von ihm lassen und müßten, von der unheimlichen Gewalt gepackt, selbst ihr Verderben vollenden. - Lang und dürr, in rot- und weißgestreifter Weste, kleinem roten Mantel, weißem Hut mit roter Feder, trippelt Leporello um ihn her. Die Züge seines Gesichts mischen sich seltsam zu dem Ausdruck von Gutherzigkeit, Schelmerei, Lüsternheit und ironisierender Frechheit; gegen das grauliche Kopf- und Barthaar stechen seltsam die schwarzen Augenbrauen ab. Man merkt es, der alte Bursche verdient, Don Juans helfender Diener zu sein. - Glücklich sind sie über die Mauern geflüchtet. - Fackeln - Donna Anna und Don Ottavio erscheinen: ein zierliches, geputztes, gelecktes Männlein von einundzwanzig Jahren höchstens. Als Annas Bräutigam wohnte er, da man ihn so schnell herbeirufen konnte, wahrscheinlich im Hause; auf den ersten Lärm, den er gewiß hörte, hätte er herbeieilen und den Vater retten können: er mußte sich aber erst putzen und mochte überhaupt nachts nicht gern sich herauswagen. - "Ma qual mai s`offre, o dei, spettacolo funesto agli occhi miei!" Mehr als Verzweiflung über den grausamsten Frevel liegt in den entsetzlichen, herzzerschneidenden Tönen dieses Rezitativs und Duetts.

      …. Es war ein kurzes Zimmer mit einem großen gotischen Fenster im Hintergrunde, durch das man in die Nacht hinaussah. Schon während Elvira den Ungetreuen an alle Schwüre erinnert, sah man es oft durch das Fenster blitzen und hörte das dumpfe Murmeln des herannahenden Gewitters. Endlich das gewaltige Pochen. Elvira, die Mädchen entfliehen, und unter den entsetzlichen Akkorden der unterirdischen Geisterwelt tritt der gewaltige Marmorkoloß, gegen den Don Juan pygmäisch dasteht, ein. Der Boden erbebt unter des Riesen donnerndem Fußtritt. - Don Juan ruft durch den Sturm, durch den Donner, durch das Geheul der Dämonen sein fürchterliches: "No!" die Stunde des Untergangs ist da. Die Statue verschwindet, dicker Qualm erfüllt das Zimmer, aus ihm entwickeln sich fürchterliche Larven. In Qualen der Hölle windet sich Don Juan, den man dann und wann unter den Dämonen erblickt. Eine Explosion, wie wenn tausend Blitze einschlügen -: Don Juan, die Dämonen, sind verschwunden, man weiß nicht wie! Leporello liegt ohnmächtig in der Ecke des Zimmers. - Wie wohltätig wirkt nun die Erscheinung der übrigen Personen, die den Juan, der von unterirdischen Mächten irdischer Rache entzogen, vergebens suchten. Es ist, als wäre man nun erst dem furchtbaren Kreise der höllischen Geister entronnen. - Donna Anna erschien ganz verändert: eine Totenblässe überzog ihr Gesicht, das Auge war erloschen, die Stimme zitternd und ungleich, aber eben dadurch in dem kleinen Duett mit dem süßen Bräutigam, der nun, nachdem ihn der Himmel des gefährlichen Rächeramts glücklich überhoben hat, gleich Hochzeit machen will, von herzzerreißender Wirkung.

      Das fugierte Chor hatte das Werk herrlich zu einem Ganzen geründet, und ich eilte in der exaltiertesten Stimmung, in der ich mich je befunden, in mein Zimmer. Der Kellner rief mich zur Wirtstafel, und ich folgte ganz mechanisch. - Die Gesellschaft war der Messe wegen glänzend und die heutige Darstellung des Don Juan der Gegenstand des Gesprächs. Man pries im allgemeinen die Italiener und das Eingreifende ihres Spiels; doch zeigten kleine Bemerkungen, die hier und da ganz schalkhaft hingeworfen wurden, daß wohl keiner die tiefere Bedeutung der Oper aller Opern auch nur ahnte. ….

      v. spiegel.de

      * In der Vorrede zu den Fantasiestücken() macht H. deutlich, warum er sich an Callot ((1592 - 1635)) orientiert: es geht um eine poetologische Grundkonzeption(). H. bezeichnet die Kupferstiche Callots ()als "überreiche, aus den heterogensten Elementen geschaffene Kompositionen". / zit. v. goethezeitportal.de
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    • 09.07.1677 - Todestag von Angelus Silesius (eigtl. Johannes Scheffler)

      Die "Sinnliche Beschreibung Der Vier Letzten Dinge" gehört zu seinen letzten Werken. Deren dritter (vorletzter Teil) heißt "Die ewigen Peinen der Verdammten" und besteht aus 72 Strophen. Ihm ist folgendes Bibelzitat vorangestellt: Die Hölle ist von gestern her zugerichtet, sie ist auch dem Könige bereit, tief und weit genug; ihre Wohnung ist Feuer und Holz die Menge: der Atem des Herrn zündet sie an wie ein Schwefelstrom (Jes. 30, 33.) --- --- Hier eine kleine Auswahl . . .

      Weh denen Menschen, die sogar die Ewigkeit vergessen / Und die erschreckliche Gefahr keinmal bei sich ermessen!
      Weh, weh, sie wandeln auf dem Mund der aufgesperrten Höllen, / Die sie zuletzt in ihren Schlund verschlucken wird und fällen. (2)

      Man bankettiert und lebet wohl, man folget seinen Lüsten, / Man frißt und säuft sich toll und voll, läßt Sünd und Schand einnisten.
      Und man gedenkt nicht an die Zeit, die unaufhörlich währet / Die alle Freud in Traurigkeit und ewge Pein verkehret. (3)

      Der Ort ist schrecklich, rauh und kalt und doch voll Glut und Hitze, / Schwarz, finster, grausam, ungestalt, ein Unflat, eine Pfütze.
      Der Schwefel strömt wie eine Bach, von Pech sind große Seen. / Geschmolzen Blei fällt von dem Dach und von den jähen Höhen. (8)

      Die Pestilenz, die plaget sie mit Eiterbeuln und Schlieren, / Carbunkel, Sprenkeln und was nie auf Erden war zu spüren.
      Die Gicht, das Zahnweh und der Stein, das Nagen in dem Herzen / Sind gegen ihrer andern Pein noch gar geringe Schmerzen. (12)

      Unsäglich ists, was sie alldar vom Ungeziefer leiden, / Die sich an der Verfluchten Schar ersättigen und weiden.
      Die Frösch und Kröten setzen sich ganz frei auf ihr Gesichte / Und machens ihnen ewiglich zuschanden und zunichte. (13)

      Der Läus ist ein unzählig Heer, ingleichen auch der Wanzen, / Die nach der Läng und nach der Quer auf ihrer Haut rumtanzen.
      Die Mücken kühlen ihren Mut, die Bremsen sind ergötzet, / Wenn sie die Hunde bis aufs Blut gestochen und verletzet. (15)

      Sie haben weder Ruh noch Rast von allen diesen Plagen, / Es kränkt sie ewig diese Last, die Pein und dieses Nagen.
      Das Fleisch, das ihnen hat die Zahl der Ratten ausgefressen, / Wächst stracks aufs neu und hegt die Qual unendlich, ungemessen. (20)

      Das Ärgst ist, daß kein Gras noch Kraut noch Arznei da zu finden, / Kein Arzt, der die versehrte Haut kann salben und verbinden.
      Kein Trost, kein Labsal in der Qual, kein Öle für die Schmerzen, / Kein Trank, kein Wasser überall für die ermatten Herzen. (22)

      Der Hunger plaget sie auch sehr, sie heulen wie die Hunde, / Nach Wasser lechzen sie noch mehr mit aufgesperrtem Munde.
      Und doch wird ihnen nichts zuteil, die Hoffnung ist verschlissen, / Sie müssen so die ganze Weil ihr Bankettieren büßen. (24)

      Anstatt der Musik hören sie das teuflische Geschreie, / Welchs sie erschrecket je und je ohn Ordnung, ohne Reihe.
      Sie hören ihren Hohn und Spott, wie sie verlachet werden, / Daß sie den Teufeln mehr als Gott gefolget auf der Erden. (26)

      Die Zung ist noch dazu verwundt, sie können sie kaum rühren, / Verschlossen ist der Hals und Mund mit schmerzlichen Geschwüren.
      Und so noch eins in dieser Pein kann einen Fluch erzwingen, / Dem dreht man einen Knebel ein, daß Mund und Schlund zerspringen. (29)

      Zu diesem sind sie so verstalt, zerstümmelt und zerhauen, / Daß man sie beide, jung und alt, nicht kann ohn Schrecken schauen.
      Kohlpechschwarz ist ihr Angesicht, voll Blasen, voller Grinde, / Der Leib so hart und runzelicht als Bast und eichne Rinde. (32)

      Viel sehn dem Ungeziefer gleich, den Kröten und den Schlangen, / Dieweil sie auf dem Erdenreich voll Gifts und Hasses gangen.
      Der Hund ist eine große Zahl, der Säu und Böck ingleichen, / Viel Neid, Fraß, Unzucht überall bei Armen herrscht und Reichen. (35)

      Dies ist des Abgrunds Eigenschaft, dies ist des Teufels Friede. / Mit solcher Liebe sind behaft die ewgen Höllenriede.
      Weh euch, die ihr Krieg, Zank und Streit, Haß, Hader, Zwietracht liebet, / Ihr müsset darauf in Ewigkeit mit Zietracht sein betrübet. (38)

      zit. v. zeno.org
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    • 12.07.1817 - Geburtstag von Henry David Thoreau

      In ("Walden; or, Life in the Woods") beschreibt T. sein (2jähriges, sehr zurückgezogenes) Leben in einer Blockhütte. .. Das 1854 veröffentlichte Buch .. (ist) eine Zusammenfassung und Ausformung seiner Tagebucheinträge. / v. wikipedia.org ----- ----- I. F. einige Passagen aus dessem letzten Kapitel . . . (Die Sperrdrucke sind original!)

      Charles Ives betitelt den letzten Satz seiner 2.Klaviersonate "Thoreau, Starting slowly and quietly".

      Jeder Mensch ist der Herrscher eines Reiches, neben welchem das Reich des Zaren nur ein kleines Ländchen, ein Erdhügel ist, den das Eis zurückließ. Und doch gibt es Patrioten, die keinen Selbstrespekt haben und das Größere dem Kleineren opfern. Sie lieben die Erde, in die ihr Grab gegraben werden wird, und haben keine Sympathien für den Geist, der vielleicht ihren Ton noch zu beleben vermag. Patriotismus ist eine Grille in ihrem Hirn. Was bedeutet die Südsee-Erforschungs-Expedition mit all ihrem Brimborium und all ihren Kosten anderes, als .. daß es leichter ist, viele tausend Meilen weit durch Schnee und Eis, durch Sturm und Kannibalen auf einem Regierungsschiffe, von fünfhundert hilfsbereiten Männern und Jünglingen begleitet, zu segeln, als das eigene Meer zu erforschen - den Atlantischen oder Stillen Ozean der eigenen Einsamkeit . . .

      …. Es ist merkwürdig, wie leicht und unmerklich wir einen bestimmten Weg einschlagen und einen ausgetretenen Pfad für uns selbst daraus machen. Ich wohnte noch nicht eine Woche lang am Walden, da hatten meine Füße schon einen Weg von meiner Tür zum Teichufer ausgetreten. Und jetzt, wo schon fünf oder sechs Jahre über meine Fußstapfen dahingezogen sind, ist er noch ganz deutlich sichtbar. Ich fürchte indessen, andere haben ihn nach mir benutzt und dadurch zu seiner Erhaltung beigetragen. Die Oberfläche der Erde ist weich und nimmt leicht den Eindruck der Menschenfüße an. Das gilt auch von den Pfaden, auf denen der Geist dahinwandert. Wie abgenutzt und verstaubt müssen mithin die Landstraßen der Welt sein, wie tief die Geleise der Überlieferung und Einförmigkeit! Ich wollte nicht als Kajütenpassagier reisen. Lieber war es mir, vor dem Mast und auf dem Deck der Welt zu stehen. Ich will auch jetzt nicht unter Deck gehen.

      Das eine wenigstens lernte ich durch mein Experiment, daß, wenn der Mensch vertrauensvoll in der Richtung seiner Träume fortschreitet, wenn er sich bemüht, das Leben zu leben, welches die Phantasie ihm ausmalt, Erfolge von ihm erzielt werden können, von denen er sich in Alltagsstunden nicht träumen ließ. Manche Dinge wird er aufgeben, eine unsichtbare Grenze wird er überschreiten. Neue, universelle und freiere Gesetze werden in ihm und um ihn herum Wurzel fassen. Oder die alten Gesetze werden umfassender, zu seinen Gunsten im freieren Sinne gedeutet werden, und es wird ihm vergönnt sein, unter Geschöpfen höherer Ordnung zu leben. Je mehr er sein Leben vereinfacht, desto weniger schwierig werden die Gesetze des Kosmos ihm erscheinen. Einsamkeit wird nicht Einsamkeit, Armut nicht Armut und Schwäche nicht Schwäche sein. Hast Du Schlösser in die Luft gebaut, so war diese Arbeit nicht notwendigerweise vergeblich. Gerade dort sollen sie sich befinden! Jetzt gib ihnen ein Fundament. ….

      Ich befürchte hauptsächlich, daß meine Ausdrücke nicht ausschweifend genug sind, nicht weit genug über die engen Grenzen meiner täglichen Erfahrung hinaus reichen, um der Wahrheit zu entsprechen, von der ich überzeugt bin. Hinausschweifen - ja, da hängt davon ab, in was für einen Viehhof man eingesperrt ist. Der wandernde Büffel, der in anderen Breiten neue Weiden sucht, ist nicht so aus-schweifend, wie die Kuh, die den Eimer umwirft, durch den Zaun bricht und zur Melkzeit hinter ihrem Kalbe herläuft. Ich möchte so gut wie möglich ohne Umschweife reden, wie der Mensch in einem wachen Augenblick zu seinen Mitmenschen in ihren wachen Augenblicken. Denn ich fühle, daß ich gar nicht genug übertreiben kann, um nur das Fundament eines wahren Ausdrucks zu legen. ..

      Manchmal lassen wir uns verleiten, die mit anderthalb Portionen Verstand Begabten mit den Halbverständigen zusammenzuwerfen, weil wir nur den dritten Teil ihres Verstandes zu würdigen wissen. Es gibt Leute, die am Morgenrot herumnörgeln würden, wenn sie einmal in ihrem Leben so früh aufgestanden wären. Wie ich höre, "sollen die Verse des Kabir einen vierfach verschiedenen Gehalt besitzen: Phantasie, Geist, Intellekt, und die exotischen Lehren der Veden." Will nicht jemand, während England sich bemüht, die Kartoffelfäule auszurotten, die Hirnfäule auszurotten versuchen, die so viel weiter verbreitet und so viel gefährlicher ist?

      .... Es gibt einige Menschen, die uns in die Ohren schreien, wir Amerikaner und die modernen Menschen im allgemeinen seien geistige Zwerge im Vergleich zum antiken und selbst zum Menschen der Zeit Elisabeths. Was heißt das? Ein lebendiger Hund ist besser als ein toter Löwe. Soll ein Mensch sich schämen, weil er zu einem Zwergengeschlecht gehört, anstatt der große Zwerg zu sein, der er sein kann? …. ((dt. v. Wilhelm Nobbe, veröffentl. 1922))

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    • 12.07.1868 - Geburtstag von Stefan (Anton) George

      "Blätter für die Kunst" war eine Literaturzeitschrift, die 1892 von S. G. gegründet .. wurde. .. Die Blätter erschienen bis 1919 .. in unregelmäßigen Abständen. (v. wikipedia.org) Für einzelne Nummern verfasste G. so genannte "Einleitungen und Merksprüche", aus denen i. F. einige kürzere Einlassungen zitiert sind . . .

      (o) Zwischen ÄLTERER UND HEUTIGER KUNST gibt es allerdings einige unterschiede: (1) Wir wollen keine erfindung von geschichten sondern wiedergabe von stimmungen keine betrachtung sondern darstellung keine unterhaltung sondern eindruck. (2) Die älteren dichter schufen der mehrzahl nach ihre werke oder wollten sie wenigstens angesehen haben als stütze einer meinung: einer weltanschauung - wir sehen in jedem ereignis jedem zeitalter nur ein mittel künstlerischer erregung. auch die freisten der freien konnten ohne den sittlichen deckmantel nicht auskommen (man denke an die begriffe von schuld usw.) der uns ganz wertlos geworden ist. (3) Drittens die kürze - rein ellenmässig - die kürze. ((entnommen der "Zweiten Folge" des zweiten Heftes / Jahrgang 1894))**

      (1) Das GEDICHT ist der höchste der endgültige ausdruck eines geschehens: nicht wiedergabe eines gedankens sondern einer stimmung. was in der malerei wirkt ist verteilung linie und farbe, in der dichtung: auswahl maass und klang. (2) Viele die über ein zweck-gemälde oder ein zweck-tonstück lächeln würden glauben trotz ihres leugnens an die zweck-dichtung. auf der einen seite haben sie erkannt dass das stoffliche bedeutungslos ist, auf der andern suchen sie es beständig und fremd ist ihnen eine dichtung zu GENIESSEN. ((II. 2 / 1894))**

      Der >naturalismus< hat nur verhässlicht wo man früher verschönte aber strenggenommen nie die wirklichkeit wiedergegeben. dem Franzosen ist er das absichtliche zusammen- tragen von in wahrheit nie sich folgenden begebnissen, dem Norweger ist er das ausschweifendste spiel mit möglichkeiten, dem Russen der beständige alpdruck. ((III. 2 / 1896))

      Praerafaeliten und ähnliche: das gewollte hervortretenlassen gewisser wesentlicher eigentümlichkeiten für beschauer die das genaue sehen verlernt und für die man schon sehr stark auftragen muss um bemerkt zu werden. (III. 2 / 1896))

      Jungen dichtern: ihr tut euch unrecht eure werke zu früh zu veröffentlichen. denn ganz bald werdet ihr bereuen dass ihr eure liebsten gedanken wie ihr sie vielleicht nie grösser fassen werdet in einer ungenügenden form bereits verraten habt. ((III. 2 / 1896))

      Die einen zu uns: eure haltung ist uns denn doch zu kalt und ruhig und zu wenig der jugend angemessen. wir zu denen: seid ihr noch nicht vom gedanken überfallen worden dass in diesen glatten und zarten seiten vielleicht mehr aufruhr enthalten ist als in all euren donnernden und zerstörenden kampfreden? (III. 4 / 1896))

      Eine ganze niedergehende welt war bei allen ihren einrichtungen aufs ängstlichste bedacht den armen im geiste gerecht zu werden: möchte eine aufgehende sich vornehmen der reichen im geiste zu gedenken. ((IV. 1 u. 2 / 1897))

      NUR-KUNST Immer wieder muss es sich die Kunst gefallen lassen auf werte geprüft zu werden, die ausserhalb ihres lebensbereiches liegen. wie auch die tageslosungen lauten: Heimatkunst Anwendekunst Urlautkunst - alle verlangen was von keinem menschlichen tun sonst gefordert wird: noch ein anderes zu leisten als in sich vollkommen zu werden. ((VII. / 1904))

      VOLK UND KUNST (1) >Alle Kunst hat ihren ursprung im volke< ist entweder eine selbstverständlichkeit (plattheit) oder eine längst überführte lüge. Kunst ist der höchste ausdruck eines volkes. (2) Kunst ist weder für hungrige leiber noch für fette seelen. (3) VOLK: Seine aufgabe ist die ausbildung gewisser ursprünglicher fähigkeiten handgrifflicher fertigkeiten u.s.w. (4) VOLKSLIED: Lieder des 16. und 17. jahrhunderts (von anderen völkern richtig old songs vieilles chansons genannt) bei den Deutschen ein verworrener sammelbegriff. Entweder versteht man darunter gassenhauer die damals nicht anders entstanden sein werden als heute oder gedichte bekannter und unbekannter verfasser die oft durch leichte kompositionen in schwang kamen oder endlich solche lieder die ihren reiz aus der lückenhaftigkeit der überlieferung ziehen und dadurch ihre augenscheinliche plattheit verdecken. (VII. / 1904))**

      DRAMA Das drama ist nicht notwendiger weise die höchste erfüllung denn es gibt ganze völker mit blütezeiten der kultur die es nicht ausgebildet haben. Das ganze weltbild gibt die büste wie die riesengruppe ein rahmengemälde oder eine palastwand die sophokleische tragödie wie das kleine lied der Sappho. ((VII. / 1904))

      zit. v. zeno.org / Georges eigensinnige Orthographie habe ich mir an zwei Stellen etwas zu "normalisieren" erlaubt ;) . . . Bei den mit ** gekennzeichneten "Sprüchen" entspricht, computertechnisch bedingt, die vom Kalenderblätterer gewählte äußere Form nicht der Darstellung Georges!
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    • 15.07.1857 - Todestag von Carl Czerny

      .. des Vaters Haus ()(war) ein Sammelplatz der vorzüglichsten Musiker jener Zeit, u. z. .. des Tonsetzers Wanhall, des Orgelspielers Raphael, des Violinisten Krumpholz und selbst Beethovens; .. Im J. 1805 - im Alter von 14 Jahren - fing er schon an, Unterricht zu geben und die Zahl seiner Schüler vermehrte sich bald so, daß er den größten Theil des Tages seinen Lectionen widmen mußte. .. Im J. 1827 erlitt C. zwei schmerzliche Verluste, am 26. März den seines hochverehrten Lehrers Beethoven, bald darauf den seiner Mutter und 5 Jahre später seines Vaters .. von (1835 an) übernahm er nur selten und dann nur solche Schüler, deren Talent Bedeutendes versprach.*

      Daß der Werth (seiner) Compositionen bei der großen Menge derselben (24 Messen, 4 Requiems, gegen 300 Graduale und Offertorien, Symphonien, Concerte, Quartette, Quintette und Trios) nicht gleich sei, versteht sich von selbst; doch ist das Urtheil im Artikel "Die bedeutendsten Componisten der neueren Zeit" "Er ist ein ausschließlicher Verehrer des großen Beethoven, was man jedoch aus seinen Arbeiten nicht vermuthen sollte" gelinde gesagt hart und unbegründet. .. Als Mensch war C., den man mit Recht den Rossini der Clavierspieler nennen könnte, anspruchslos, bescheiden, zuvorkommend; Musikus mit Leib und Seele, war er nie verletzend in seinem Urtheile über andere Künstler, aber gegenüber den Bewunderern in hohem Maße gefaßt. Bezeichnend ist folgender Zug aus seinem Leben. Als Paganini sein erstes Concert gab, wendete sich ein von Paganini`s dämonischem Spiel leidenschaftlich Aufgeregter zu dem zufällig neben ihm sitzenden Czerny. Dieser seine Dose öffnend und eine Prise nehmend, erwiederte ganz gelassen: "Sehr rein gespielt".*

      Krumpholz, ein leidenschaftlicher Verehrer Beethovens, weckte in seinem kleinen Freunde die gleiche Begeisterung für den Meister und führte ihn endlich selbst in Begleitung des Vaters bei demselben ein. .. Nachdem ihn Beethoven spielen gehört hatte, sagte er zum Vater: "Der Knabe hat Talent, ich selber .. nehme ihn als meinen Schüler an. Schicken Sie in wöchentlich einigemal zu mir. Vor allem aber verschaffen Sie ihm Emanuel Bach`s Lehrbuch über die wahre Art das Clavier zu spielen, das er schon das nächste Mal mitbringen muß." So wurde C. Beethovens Schüler und dieser hing mit ganzer Seele an seinen Lehrer. Beethoven`s Werke bildeten nun die Grundlage seines Studiums; alles was dieser componirte, wußte er sofort auswendig zu spielen, wodurch er sich nun auch den Fürsten Lichnowsky, Beethoven`s Gönner, zum Freunde machte. Als nun nach längerer Unterbrechung des Unterrichts Beethoven seinen Schüler beim Fürsten wieder spielen hörte, sprach er seine Zufriedenheit aus über dessen Fortschritte. "Ich habe es ja gleich gesagt, daß der Junge Talent habe, aber (setzte er lächelnd hinzu) sein Vater war gegen ihn nicht strenge genug." "Ach Herr von Beethoven (versetzte Czernys Vater guthmütig), es ist eben unser einziges Kind".**

      Mit Interesse verfolgt man, was C., der doch bis dahin Lichnowsky, Wolfl, Beethoven spielen gehört, von dem Eindruck sagt, den Hummel`s Vortrag auf ihn machte, der ihm in "längst bekannten Stücken eine neue Welt erschloß". Auch die Bekanntschaft mit Andreas Streicher, Musiklehrer und Clavierfabrikant, war C. von Nutzen. Wichtiger noch wurde für ihn die öftere Begegnung mit Clementi - 1810 - ,dessen Lehrmethode er in einem befreundeten Hause Gelegenheit hatte, kennen zu lernen. C. hatte schon damals zahlreiche Schüler, während er .. dabei aber auch auf seine vielseitige geistige Ausbildung bedacht war: In Erlernung der Weltsprachen, in historischer und wissenschaftlicher Lecture waren jene arme Studirende seine Lehrer die hierdurch den Clavierunterricht bei Czerny`s Vater vergüteten. .. - Czerny`s Claviercompositionen lassen sich in 3 Classen eintheilen: in die zur Ausbildung bestimmten, in brillante der Mode huldigende und in solche, in denen auf ernsteren Stil Rücksicht genommen ist. Die im Druck erschienenen Hefte belaufen sich auf nahezu 1000 Opuszahlen, von denen aber manche wiederum aus 50 bis 90 Heften bestehen. Unzählig sind seine Arrangemenzs .. man (muß) staunen, wie der scheinbar schmächtige Mann im Stande war, so viel und vielerlei zu schreiben; gleichzeitig muß man aber auch bedauern, daß ein ursprüngliches Talent bei solchen Gebahren nothwendig verflachen mußte. Die besseren Werke früherer Jahre mit inbegriffen hat C. die Quintessenz seines Könnens und Wissens in jene Werke hinübergerettet, in denen man stets den ausgezeichneten Pädagogen anerkennen wird.**

      * aus - C.v.Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 3. Teil: Wien 1858 (die Sperrdrucke sind original.)
      ** aus - C.F.Pohl üb. C.C. in: Allg. Dt. Biographie. Bd. 4: Leipzig 1876
      beides zit. v. wikisource.org
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    • 19.07.1374 - Todestag von Francesco Petrarca.

      Canzon V. Zur Zeit, wann schnell der Himmel niedergleitet / Gen Westen, und der Tag zu Menschen fliehet, / Die dort vielleicht erwarten seine Helle, -
      Wenn da in fernem Land` allein sich siehet / Ein altes pilgernd Mütterchen, so schreitet / Behend sie vorwärts mit zwiefacher Schnelle,
      Und dann gelangt zur Stelle, / An ihrer Tagfahrt Ende, / Wird ihr des Trostes Spende /
      In kurzer Rast, wo so Fahr als Mühen / Des langen Wegs ihr aus dem Sinn entfliehen.
      Mir aber, weh! - Des Tages herbe Qualen, / Sie wachsen nur, entziehen
      Sich mir des ew`gen Lichtes goldne Strahlen.

      Wann niederwärts der Sonne Räder kreisen / Die flammenden, um Platz der Nacht zu schaffen, / Und größre Schatten von den Bergen wallen,
      Erhebt der karge Pflüger seine Waffen, / Im Zwiegespräch, bey ländlich rauhen Weisen / Fühlt jede Last er von dem Herzen fallen,
      Und dünkt sich reich vor Allen / Bey karggefüllter Schale / Gleich jenem Eichelmahle,
      Das keiner mag und alle hoch erheben. / Es freue sich, wem Freude ward gegeben!
      Nur kann ich keine frohe Stund` ersiegen, / Ja keine still durchleben,
      Nicht durch des Himmels noch der Sterne Fügen.

      Der Hirt auch, wann sie sinkt, die Strahlenhelle / Des großen Sterns zu ihrem Ruhebette / Und fern in Ost der Dämm`rung Schleyer hängen,
      Macht er sich mit dem Stab` auf von der Stätte, / Indem er Gras und Buchen läßt und Quellen, / Treibt` seine Heerd` er aus des Thales Engen.
      Fern von der Menschen Drängen / In Hüttchen oder Klüften / In grünen Laubes Düften
      Dehnt er sich dann und schlummert ohne Thränen. - / Du, böser Amor, lehrst mich andres Sehnen,
      Dem Wilde nachzuspähn, das mich vernichtet, / Dem Tritt, der Spur, den Tönen,
      Und bindest`s nicht, wann es sich birgt und flüchtet.

      Piloten auch, die sichre Bucht begrüßten, / Ausstrecken sie am Abend ihre Glieder, / Auf rauhen Matten süßen Schlaf zu finden;
      Mir aber, ach! - wohl taucht sie tiefer nieder / In`s Meer, bis hinter ihr Hispania`s Küsten, / Marokko, Granada, die Säulen schwinden:
      Die Menschen all` verwinden, / Das Thier so als die Erde, / Wohl jegliche Beschwerde; -
      Mir aber ward ein dauernd Leid bescheeret / Das - weinend seh` ich`s - jeder Tag vermehret,
      Seit wachsend mich wohl bald im zehnten Jahre / Der Sehnsucht Gram verzehret,
      Und ich nicht weiß, wer mich davor bewahre.

      Und - weil durch Red` Erleicht`rung mir gekommen - / Ich seh` die led`gen Stier` am Abend kehren / Vom Felde heim und umgepflügten Lehnen;
      Warum kann i c h des Leids mich nicht erwehren? / Warum wird m i r das Joch nicht abgenommen? / Warum schwimmt Tag und Nacht mein Aug` in Thränen?
      Was mocht` ich Armer wähnen, / Als ich zuerst so nahe / In`s schöne Antlitz sahe,
      Um es im Geiste theilweis zu gestalten, / Aus dem es nicht durch List noch durch Gewalten
      Gerissen wird, bis Er, der alles störet, / Zur Beute mich erhalten.
      Und weiß ich, was alsdann mir widerfähret?

      Canzone, hat mein Wesen / Der Tag, da du verweilet / Bey mir, dir mithgeteilet,
      Wirst du dich nicht an jedem Orte zeigen, / Noch lüstern dich nach fremdem Lobe neigen;
      Genug, singst du von Berg zu Bergesspitze, / Wie mich des lebensreichen
      Gesteines Gluth verzehrt, so meine Stütze.

      v. zeno.org ("Berliner Ausgabe, 2013 … übers. v. Carl Förster, Wien: … 1827")
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    • 21.07.1893 - Geburtstag von Hans Fallada (eigtl. Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen)

      ((Die Geschehnisse dieses Buches >Jeder stirbt für sich allein< folgen in großen Zügen Akten der Gestapo über die illegale Tätigkeit eines Berliner Arbeiterehepaares während der Jahre 1940 bis 1942. .. Etwa ein gutes Drittel dieses Buches spielt in Gefängnissen und Irrenhäusern, und auch in ihnen war das Sterben sehr im Schwange. Es hat dem Verfasser oft nicht gefallen, ein so düsteres Gemälde zu entwerfen, aber mehr Helligkeit hätte Lüge bedeutet. / Berlin, im Oktober 1946 H. F.))

      …. Er aber, der Werkmeister Otto Quangel, war für Gerechtigkeit. Jeder Mensch war ihm ein Mensch, und ob er in der Partei drin war, das hatte damit gar nichts zu tun. Wenn er in der Werkstatt immer wieder erleben mußte, daß dem einen ein kleiner Fehler am Werkstück schwer angekreidet wurde und daß der andere Pfusch über Pfusch abliefern durfte, so empörte ihn das stets von neuem. Er setzte die Zähne auf die Unterlippe und nagte wütend an ihr - wenn er`s gekonnt hätte, er wäre auch diese Pöstchen in der DAF längst los gewesen! Die Anna wußte das gut, darum hätte sie das nie sagen dürfen, dies Wort: Du und dein Führer! Die Anna hatte nicht gemußt wie er. Gott ja, er verstand ihre Einfachheit, ihre Demut und wie sie nun so plötzlich anders geworden war. Zeit ihres Lebens war sie Dienstmädchen gewesen, erst auf dem Lande, dann hier in der Stadt, zeit ihres Lebens hatte sie Trab laufen müssen und war kommandiert worden. In ihrer Ehe hatte sie auch nicht viel zu sagen gehabt, nicht etwa, weil er sie viel kommandiert hätte, sondern weil sich um ihn, den Geldverdiener, nun einmal alles drehen mußte.

      Aber nun ist der Tod von Ottochen gekommen, und mit Beunruhigung spürt Otto Quangel, wie tief sie davon aufgewühlt ist. Er sieht ihr krankes, gelblichweißes Gesicht vor sich, wieder hört er ihre Anklage, er ist jetzt zu einer ganz ungewohnten Stunde unterwegs, diesen Borkhausen an der Seite, heute abend ist die Trudel bei ihnen, es wird Tränen geben, endloses Gerede - und er, Otto Quangel, liebt doch so sehr das Gleichmaß des Lebens, den immer gleichen Arbeitstag, der möglichst gar kein besonderes Ereignis bringt. Schon der Sonntag ist ihm fast eine Störung. Und nun soll alles eine Weile durcheinandergehen, und wahrscheinlich wird die Anna nie wieder die sein, die sie einst war.

      Er muß sich das alles noch einmal ganz genau überlegen, nur der Borkhausen hindert ihn daran. Jetzt sagt dieser Mann doch: .. "Aber weil soundsoviel den Heldentod gestorben sind, darum hat Frankreich sich doch so rasch ergeben. Darum bleiben so viele Millionen nun am Leben. Auf so`n Opfer muß man stolz sein als Vater!" Quangel fragt: "Ihre sind alle noch zu klein, um ins Feld zu gehen, Nachbar?" Fast gekränkt mein Borkhausen: "Das wissen sie doch, Quangel! Aber wenn sie alle auf einmal stürben, durch `ne Bombe oder was, da wäre ich nur stolz drauf. Glauben Sie mir das nicht, Quangel?" Aber der Werkmeister beantwortet diese Frage nicht, sondern denkt: Wenn ich schon kein rechter Vater bin und den Otto nicht so liebgehabt habe, wie ich mußte - dir sind deine Gören einfach eine Last. Das glaube ich, daß du froh wärst, die durch eine Bombe alle auf einmal loszuwerden, unbesehen glaube ich dir das!

      " .. Ich bin traurig, weil mein Sohn Otto gefallen ist, und weil meine Frau nun vielen Kummer hat. Das können Sie melden, wenn sie wollen, und wenn sie wollen, dann tun Sie`s! Ich geh gleich mit und unterschreibe, daß ich das gesagt hab!" Während Quangel aber so ungewohnt wortreich daherredet, denkt er innerlich: Ich will `nen Besen fressen, wenn dieser Borkhausen nicht ein Spitzel ist! Wieder einer, vor dem man sich in acht nehmen muß! Vor wem muß man sich nicht in acht nehmen? Wie`s mit der Anna werden wird, weiß ich auch nicht ---

      Unterdes sind sie am Fabriktor angekommen. Wieder streckt Quangel dem Borkhausen nicht die Hand hin. Er sagt: "Na denn!" und will hineingehen. Aber Borkhausen hält ihn an der Joppe fest und flüstert: "Nachbar, was gewesen ist, darüber wollen wir nicht mehr sprechen. Ich bin kein Spitzel und will keinen ins Unglück bringen. Aber nun tu mit auch einen Gefallen: ich muß meiner Frau ein bißchen Geld für Lebensmittel geben und habe keinen Pfennig in der Tasche. Die Kinder haben heut noch nischt gegessen. Leih mir zehn Mark - am nächsten Freitag bekommst du sie bestimmt wieder - heilg wahr!" Der Quangel macht sich wieder wie vorhin von dem Griff des andern frei. Er denkt: Also so einer bist du, so verdienst du dein Geld! Und: Ich werde ihm nicht eine Mark geben, sonst denkt er, ich habe Angst vor ihm, und läßt mich nie wieder aus der Zange. Laut sagt er: "Ich bringe nur dreißig Mark die Woche nach Haus und brauche jede Mark davon alleine. Ich kann die kein Geld geben." Damit geht er ohne ein weiteres Wort oder einen Blick in den Torhof der Fabrik hinein. Der Pförtner dort kennt ihn und läßt ihn ohne weitere Fragen durch.

      Der Borkhausen aber steht auf der Straße, starrt ihm nach und überlegt, was er nun tun soll. Am liebsten ginge er zur Gestapo und machte Meldung gegen den Quangel, ein paar Zigaretten fielen dabei schon ab. Aber besser, er tut`s nicht. Er ist heute früh zu vorschnell gewesen, er hätte den Quangel sich frei ausquatschen lassen sollen; nach dem Tode des Sohnes war der Mann in der Verfassung dazu. Aber er hat den Quangel falsch eingeschätzt, der läßt sich nicht bluffen. .. er wird den Mann aufgeben, vielleicht läßt sich in den nächsten Tagen mit der Frau was machen, ne Frau schmeißt der Tod vom einzigen Jungen noch ganz anders um! Dann fangen so`ne Weiber an zu plappern. ….

      v. gutenberg.spiegel.de
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    • 24.07.1864 - Geburtstag von Frank Wedekind

      ** Dr.Schön Lulu Mörder werden oder im Schmutz ertrinken; mich einschiffen wie ein entlassener Sträfling oder mich über dem Morast aufhängen. Du Freude meines Alters! Du Henkerstrick! (kaltblütig) Schweig doch und bring mich um! Ich habe dir Hab und Gut verschrieben und nichts gefordert als die Achtung, die meinem Haus jeder Dienstbote zollt. Dein Kredit ist erschöpft! Ich kann noch auf Jahre für meine Rechnung einstehen. Du haftest mir als unheilbare Seuche an, an der ich bis an mein Grab meine Lebenszüge verächzen soll. (ihr den Revolver aufdrängend) Das ist dein Spezifikum. - Brich nicht in die Knie! - Du oder ich, wir messen uns. Das geht ja nicht los. Weißt du noch, wie ich dich der Korrektionspolizei aus den Krallen riß? Du hast viel Zutrauen… Weil ich eine Dirne nicht fürchte? (knallt einen Schuß gegen den Plafond) Sie mich an! Ich bezahle meinen Kutscher. Sieh mich an! Vergönne ich meinem Kutscher was, wenn ich den infamen Stallgeruch nicht verschnupfen kann? Laß anspannen. Bitte. Wir fahren in die Oper. Wir fahren zum Teufel! Jetzt kutschiere ich. (den Revolver in ihrer Hand auf ihre Brust setzend) Glaubst du, man läßt sich mißhandeln, wie du mich mißhandelst, und besinnt sich zwischen einer Galeerenschande von Lebensabend und dem Verdienst, die Welt von d i r zu befreien? Drück los! Es soll mir die glücklichste Erinnerung meines Lebens sein. - Du kannst dich scheiden lassen. Das wagt sich dir über die Lippen? Was ich von meinem Leben in dich hineingelebt, soll ich wilden Tieren vorgeworfen sehen? (reißt sich von ihm los, den Revolver niederhaltend, in entschiedenem selbstbewußten Ton) Du willst mich dazu zwingen, mir eine Kugel ins Herz zu jagen. Ich bin keine sechzehn Jahre mehr, aber um mir eine Kugel ins Herz zu jagen, dafür bin ich mir doch noch zu jung! ((a. d. Tragödie "Erdgeist" (1895) - a. d. letzten Szene))

      ** Rodrigo Ich komme immer noch früh genug über die Grenze. Hoffentlich legt sie sich derweil auch noch etwas Embonpoint zu. Dann wird geheiratet, vorausgesetzt, daß ich sie vor einem anständigen Publikum produzieren kann. Ich liebe an einer Frau das Praktische; welche Theorien sich die Weiber machen, ist mir vollkommen egal. - Ich hätte meine Person gar nicht in das Komplott verwickelt, wenn sie mir nicht vor ihrer Verurteilung schon immer die Plautze gekitzelt hätte. Wenn sie sich im Ausland nur nicht gleich wieder zuviel Bewegung macht! Am liebsten nähme ich sie auf ein halbes Jahr mit nach London und ließe sie Plumkakes futtern. In London geht man schon alleine durch die Seeluft auf. Außerdem fühlt man in London auch nicht bei jedem Schluck Bier immer gleich die Schicksalshand an der Gurgel. - Ich muß hier auch meine Requisiten noch aus dem Pfandleihhaus auslösen; sechshundert Kilo vom besten Eisen. Der Transport kostet mich immer dreimal mehr als meine eigene Fahrkarte. Dabei ist die ganze Ausrüstung keinen Hosenknopf wert. Als ich schweißtriefend damit ins Pfandhaus ankam, fragten sie mich, ob die Sachen auch echt seien. - Die Kostüme hätte ich mir eigentlich richtiger im Ausland anfertigen lassen sollen. Der Pariser zum Beispiel merkt auf den ersten Blick, wo man seine Vorzüge hat. Da dekolletiert er tapfer drauflos. Aber das lernt sich nicht mit untergeschlagenen Beinen; das will an klassisch gebildeten Menschen studiert sein. Hier haben sie eine Angst vor der bloßen Haut wie im Auslande vor den Dynamitbomben. Vor zwei Jahren wurde ich im Alhambra-Theater zu fünfzig Mark Strafe verknallt, wie man sah, daß ich ein paar Haare auf der Brust habe, nicht so viel wie zu einer anständigen Zahnbürste nötig sind. Aber der Kultusminister meinte, die kleinen Schulmädchen könnten darüber die Freude am Strümpfestricken verlieren. ((a. d. Tragödie "Die Büchse der Pandora" (1902) - a. d. Ersten Aufzug))

      Die Geschwitz Die Menschen kennen sich nicht - sie wissen nicht, wie sie sind. Nur wer selber kein Mensch ist, der kennt sie. Jedes Wort, das sie sagen, ist unwahr, erlogen. Das wissen sie nicht, denn sie sind heute so und morgen so, je nachdem ob sie gegessen, getrunken und geliebt haben oder nicht. Nur der Körper bleibt auf einige Zeit, was er ist, und nur die Kinder haben Vernunft. Die Großen sind wie die Tiere; keines weiß, was es tut. Wenn sie am glücklichsten sind, dann jammern sie, dann stöhnen sie und im tiefsten Elend freuen sie sich jedes winzigen Happens. Es ist sonderbar, wie der Hunger den Menschen die Kraft zum Unglück nimmt. Wenn sie sich aber gesättigt haben, dann machen sie sich die Welt zur Folterkammer, dann werfen sie ihr Leben für die Befriedigung einer Laune weg. - Ob es wohl einmal Menschen gegeben hat, die durch Liebe glücklich geworden sind? Was ist denn ihr Glück anders, als daß sie besser schlafen und alles vergessen können? - Herr Gott, ich danke dir, daß du mich nicht geschaffen hast wie diese. - Ich bin nicht Mensch, mein Leib hat nichts gemeines mir Menschenleibern. Habe ich eine Menschenseele! Zerquälte Menschen tragen ein kleines enges Herz in sich; ich aber weiß, daß es nicht mein Verdienst ist, wenn ich alles hingebe, alles opfre... ((a. d. Tragödie "Die Büchse der Pandora" (1902) - a. d. Dritten Aufzug))

      ** aus Szenen, die auch Alban Berg in seine "Lulu"-Oper übernommen hat - allerdings >mit einer kleinen Ausnahme< keine von Berg verwendete Sätze!
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    • 28.07.1850 - In Weimar leitet Franz Liszt die Uraufführung von Richard Wagners "Romantischer Oper" Lohengrin

      In seinem 1880 erschienenen (aus fünfzig mittellangen Chapters bestehenden) Buch A Tramp Abroad schildert Mark Twain Erlebnisse während einer Europareise. Hier zwei Ausschnitte aus den Kapiteln IX und X . . . (Der Sperrdruck ist original!)

      …. Another time, we went to Mannheim and attended a shivaree - otherwise an opera - the one called "Lohengrin." The banging and slamming and booming and crashing were something beyond belief. The racking and pitiless pain of it remains stored up in my memory alongside the memory of the time I had my teeth fixed.

      There were circumstances which made it necessary for me to stay through the four hours to the end, and I stayed; but the recollection of that long, dragging, relentless season of suffering is indestructible. To have to endure it in silence, and sitting still, made it all the harder. I was in a railed compartment with eight or ten strangers, of the two sexes, and this compelled repression; yet at times the pain was so exquisite that I could hardly keep the tears back.

      At those times, as the howlings and wailings and shrieking of the singers, and the ragings and roarings and explosions of the vast orchestra rose higher and higher, and wilder and wilder, and fiercer and fiercer, I could have cried if I had been alone. Those strangers would not have been surprised to see a man do such a thing who was being gradually skinned, but they would have marveled at it here, and made remarks about it no doubt, whereas there was nothing in the present case which was an advantage over being skinned.

      There was a wait of half an hour at the end of the first act, and I could have gone out and rested during that time, but I could not trust myself to do it, for I felt that I should desert to stay out. There was another wait of half an hour toward nine o`clock, but I had gone through so much by that time that I had no spirit left, and so had no desire but to be let alone.

      I do not wish to suggest that the rest of the people there were like me, for, indeed, they were not. Whether it was that they naturally liked that noise, or whether it was that they have learned to like it by getting used to it, I did not at the time know; but they did like it - this was plain enough. While it was going on they sat and looked as rapt and grateful as cats do when one strokes their backs; and whenever the curtain fell they rose to their feet, in one solid mighty multitude, and the air was snowed thick with waving handkerchiefs, and hurricanes of applause swept the place. This was not comprehensible to me. Of course, there were many people there who were not under compulsion to stay; yet the tiers were as full at the close as they had been at the beginning. This showed that the people like it.

      It was a curious sort of a play. In the manner of customes and scenery it was fine and showy enough; but there was not much action. That is to say, there was not much really done, it was only talked about; and always violently. It was what one might call a narrative play. Everybody had a narrative and a grievance, and none were reasonable about it, but all in an offensive and ungovernable state. There was little of that sort of customary thing where the tenor and the soprano stand down by the footlights, warbling, with blended voices, and keep holding out their arms toward each other and drawing them back and spreading both hands over first one breast and then the other with a shake and a pressure - no, it was every rioter for himself and no blending. Each sang his indicate narrative in turn, accompanied by the whole orchestra of sixty instruments, and when this had continued for some time, and one was hoping they might come to an understanding and modify the noise, a great chorus composed entirely of maniacs would suddenly break forth, and then during two minutes, and sometime three, I lived over again all that I suffered the time the orphan asylum burned down ..

      A German lady in Munich told me that a person could not like Wagner`s music at first, but must go through the deliberate process of learning to like it - then he would have his sure reward; for when he had learned to like it he would hunger for it and never be able to get enough of it. She said that six hours of Wagner was by no means too much. She said that this composer had made a complete revolution in music and was burying the old masters one by one. And the said that Wagner`s operas differed from all others in one notable respect, and that was they were not merely spotted with music here and there, but were all music, from the first strain to the last. This surprised me. I said I had attended one of his insurrections, and found hardly any music in it except the Wedding Chorus. She said "Lohengrin" was noisier than Wagner`s other opera, but that if I would keep on going to see it I would find by and by that it was all music, and therefore would then enjoy it. I could have said, "But would you advise a person to deliberately practice having a toothache in the pit of his stomach for a couple of years in order that he might then come to enjoy it?" But I reserved that remark. ….

      v. gutenberg.org
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    • 29.07.1874 - Geburtstag von August Stramm

      Warten Helle Rosen liebt sie und die schwarze Vase. Abtönung! ich werde sie entblättern. der Duft! toll! ein Mädchen auf meinem Zimmer! das hätt ich nicht von ihr gedacht. sie ist so fein. aber wer nicht nimmt. ich bin immer zu zach gewesen. damals die Rote. ich will auch genießen. die Rosen vor ihren Platz. herrlich. hier auf dem Sofa soll sie sitzen. ich setze mich neben. ich kann sie umfassen. ich fühle ihre Brust. nein! nichts vorwegnehmen. überhaupt. ich werde mich umwerben lassen. ganz kühl werde ich sein. sie ist auf meinem zimmer. auf mein Zimmer gekommen. überhaupt wenn ich kühl bin. ich werde sie zerreißen. die Kleider reiß ich ihr vom Leibe. nackt soll sie stehen hier. vor mir liegen. die Haare wühl ich ihr auf. Unsinn! wo ist der Wein? schwerer echter! Burgunder! ja aufziehn. das stört nachher. zwei Flaschen. das genügt. ausziehn. aufziehn. entkorken. meine Haut ist mir zu eng! ein schöner Kerl! ja! Körper. Wuchs. im Spiegel sogar. eigentlich? ich habe nicht viel Glück gehabt bei den Weibern. zu zach! zu zach! zu zach! jawohl. heute nachholen! heute. das Bett aufdecken. ach was! wir gehn ja gar nicht zu Bett. rauschen will ich! rauschen! ein Glas trink ich vor. Flammen. Blut! Lodern! alles vergessen. richtig! Gebäck. Weihnachten. Ja. meine Mutter. hahaha! wenn sie ahnte, was ich damit ködere. ahnt nicht, sicher nicht. schlechter Kerl. schlecht? ich. nein. ich tus wohl lieber nicht. lieber nicht. wenn sie kommt. sie ist ein anständiges Mädchen. sicher, ohne Zweifel. das zeigt ihr Blick. sie tuts nur. sie liebt mich. ich bin der Verführer. pfui Teufel! Verführer! ich will leben. leben. leben. Ja. ich will. und wenn sie dran glauben will. sie soll dran glauben. sie muß dran glauben. der Teufel holt sie. ich fetze sie auseinander. die weiche Haut streichen will ich. alle Geheimnisse. ein Glas noch. wild. wild. wild. ein Stier. ich renne die Wand ein. hier soll sie sein. säß sie da. Ja. wenn sie jetzt da säße. du du du! verrückt! ich küsse das dreckige Sofa. alles zittert. Arme. Beine. die Adern sind gequollen. ich halte nicht mehr aus. sie käm. wenn sie nur kommt? wenn sie nun nicht kommt? nicht kommt? sicher nicht. kommt nicht! Satan! ich hole sie. ich hole sie aus dem eigenen Hause. ich schlage. ich schlage sie auf der offenen Straße. ich werfe sie in den Rinnstein. in den Rinnstein. …. >aus "Zwei Skizzen (1914)" <= hier c. die ersten zwei Drittel des zweiten Textes<

      Von seinem (damals sehr neuartigen!) Stil sind noch Arno Schmidt und Ernst Jandl deutlich beeinflusst! …. …. A. S. fällt am 01.09.1915 im heutigen Weißrussland. Wesentlicher Bestandteil seiner letzten Schaffensphase (die lt. Onkel Wiki auch als seine produktivste gilt) sind die 1919 erstmals erschienenen "Kriegsgedichte" . . .

      Gefallen Der Himmel flaumt das Auge / Die Erde krallt die Hand / Die Lüfte sumsen / Weinen / Und / Schnüren / Frauenklage / Durch / Das strähne Haar.

      Wunde Die Erde blutet unterm Helmkopf / Sterne fallen / Der Weltraum tastet. / Schauder brausen / Wirbeln / Einsamkeiten. / Nebel / Weinen / Ferne / Deinen Blick.

      Urtod Raum / Zeit / Raum / Wegen / Regen / Richten / Raum / Zeit / Raum / Dehnen / Einen / Mehren / Raum / Zeit / Raum / Kehren / Wehren / Recken / Raum / Zeit / Raum / Ringen / Werfen / Würgen / Raum / Zeit / Raum / Fallen / Sinken / Stürzen / Raum / Zeit / Raum / Wirbeln / Raum / Zeit / Raum / Wirren / Raum / Zeit / Raum / Flirren / Raum / Zeit / Raum / Irren / Nichts.

      Angststurm Grausen / Ich und Ich und Ich und Ich / Grausen Brausen Rauschen Grausen / Träumen Splittern Branden Blenden / Sterneblenden Brausen Grausen / Rauschen / Grausen / Ich.

      Schrapnell Der Himmel wirft Wolken / Und knattert zu Rauch. / Spitzen blitzen. / Augen kichern in die Wirre / Und / Zergehren.

      Patrouille Die Steine feinden / Fenster grinst Verrat / Äste würgen / Berge Sträucher blättern raschlig / Gellen / Tod.

      v. gutenberg.spiegel.de
      >August Stramms "dramatische Szene" Ein Gesang der Mainacht (1913) ist die Grundlage für Paul Hindemiths (1922 in Frankfurt uraufgeführten) Einakter Sancta Susanna<
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    • 30.07.1818 - Geburtstag von Emily Bronte (alias Ellis Bell)

      Die einzelnen Kritiken und Analysen (über ihren 1847 veröffentl. Roman Wuthering Heights) verfallen bis heute in Extrempositionen: (Der Roman) gilt den einen als ein Meisterwerk und Kulturgut des Viktorianischen Zeitalters, den anderen als überschätztes Kuriosum... (**v. wikipedia.org)
      >> Hier die Einführung der Hauptperson << . . . Heathcliff wurde als Byronscher Held betrachtet, aber Kritiker weisen darauf hin, dass er sich an verschiedenen Stellen neu erfindet, was es schwer macht, seinen Charakter einem bestimmten Typ zuzuordenen. (**)

      .... gegen elf Uhr öffnete sich die Tür, und herein trat der Herr. Er lachte und stöhnte und warf sich in einen Stuhl und bat sie alle, ihm nicht nahe zu kommen, denn er sei halbtot vor Erschöpfung - er möchte um alles in der Welt nicht noch einmal solchen Weg machen. Dabei öffnete er seinen großen Mantel, den er wie ein Bündel in den Armen trug. "Sieh hier, Frau", sagte er. "Nie in meinem Leben hab ich mich mit einer Sache so abrackern müssen; aber du mußt es doch als eine Gabe Gottes hinnehmen, wenn es auch fast so schwarz ist, als käme es vom Teufel." Wir drängten dazu, und über Miß Cathys Kopf hinweg gewahrte ich ein schmutziges, zerlumptes, schwarzhaariges Kind, das groß genug war, um gehen und sprechen zu können. Wirklich, sein Gesicht sah älter aus, als das Catherines. Doch als es auf den Füßen stand, starrte es nur umher und wiederholte wieder und wieder ein Kauderwelsch, das niemand verstehen konnte. Ich empfand eine Abscheu vor dem Kind, und Mrs. Earnshaw schien nicht übel Lust zu haben, es aus dem Haus zu werfen. Sie sprang auf und fragte ihren Mann, wie er es fertig bringen könne, diese Zigeunerbrut ins Haus zu bringen, da sie doch ihre eigenen Kinder zu hüten und zu nähren hätten? Was er denn mit ihm zu beginnen gedächte, und ob er etwa toll geworden sei. ...

      Hindley und Cathy hatten sich, bis der Friede wieder hergestellt war, darauf beschränkt, zuzuhören und den Neuankömmling anzustarren. Jetzt begannen beide in des Vaters Taschen nach den versprochenen Geschenken zu suchen. Hindley war ein Knabe von vierzehn Jahren, als er aber aus seines Vaters Mantel nur die Trümmer einer Geige herausfischte, heulte er laut, und als Cathy erfuhr (sie war kaum sechs Jahre alt, aber sie konnte jedes unserer Pferde reiten), der Vater habe in der Fürsorge für den kleinen Findling ihre Peitsche verloren, schnitt sie dem dummen kleinen Kerl Grimassen und spuckte ihn zornig an - was ihr neben ihrem Kummer noch eine schallende Ohrfeige einbrachte. Die Kinder weigerten sich einmütig, den Buben bei sich im Bett oder überhaupt nur im Zimmer zu haben; und ich war auch nicht vernünftiger. Also setzte ich ihn auf den Treppenflur, in der geheimen Hoffnung, daß er am anderen Morgen fort sein würde. Durch Zufall oder durch den bekannten Klang seiner Stimme angezogen, kroch er zu Mr. Earnshaws Tür, und da fand ich der Herr, als er am anderen Tag sein Zimmer verließ. Nachforschungen wurden angestellt, ich mußte bekennen, und als Vergeltung für meine Feigheit und Unmenschlichkeit wurde ich aus dem Hause gewiesen.

      Das war Heathcliffs Aufnahme in die Familie. Als ich ein paar Tage später wiederkehrte - denn ich betrachtete meine Verbannung nicht als dauernd - fand ich, daß sie ihn Heathcliff getauft hatten. Dies war der Name eines Sohnes, der ihnen gestorben war, und jener Name dient dem Findling bis heute sowohl als Tauf- wie als Familienname. Miß Cathy und er waren nun dicke Freunde, aber Hindley haßte ihn, und - ich muß es gestehen - ich tat ebenso. Wir quälten ihn, wo wir nur konnten und behandelten ihn schändlich, denn ich war nicht vernünftig genug, meine Ungerechtigkeit einzusehen, und die Herrin sagte nie ein Wort, wenn sie sah, daß ihm ein Unrecht geschah. Er schien ein verschlossenes, doch geduldiges Kind, vielleicht war er auch an schlechte Behandlung gewöhnt. Er hielt Hindleys Püffen stand, ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Träne zu vergießen, und meine Schläge und Kniffe brachten ihn nur dazu, daß er tief Atem holte und die Augen aufriß, als habe er sich selbst zufälligerweise wehgetan, und ein anderer habe keine Schuld. Als der alte Earnshaw entdeckte, wie sein Sohn das arme, vaterlose Kind - wie er es nannte - mißhandelte, wurde er ganz rasend vor Zorn. Er fühlte eine außerordentliche Zuneigung zu Heathcliff, glaubte alles, was er sagte (übrigens sagte er wenig genug und meist die Wahrheit) und verhätschelte ihn weit mehr als sein Töchterchen, das dafür zu wild und launenhaft war.

      So stiftete Heathcliff von Anbeginn Unfrieden im Hause, und nach dem Tode Mrs. Earnshaws, der nicht ganz zwei Jahre später eintrat, betrachtete der junge Herr seinen Vater eher als Bedrücker denn als Freund, und Heathcliff als einen, der ihm die Zuneigung des Vaters gestohlen hatte und die Rechte eines Sohnes dazu. Diese Ungerechtigkeit erbitterte ihn, und ich teilte seine Empfindungen. Als aber die Kinder an den Masern erkrankten und ich sie zu pflegen hatte und auf einmal die Sorgen einer Mutter auf mich nehmen mußte, änderte ich meine Ansicht. Heathcliff war gefährlich krank, und als es am schlimmsten um ihn stand, wollte er mich beständig an seinem Lager haben. Ich glaube, er fühlte, daß ich ziemlich viel für ihn tat, und er hatte nicht Verstand genug, zu merken, daß es ja nur meine Pflich war, die ich erfüllte. Er war das bravste Kind, das je von einer Wärterin gepflegt wurde; und der Unterschied zwischen ihm und den anderen zwang mich, weniger parteiisch zu sein. Cathy und ihr Bruder plagten mich schrecklich; er dagegen war so geduldig wie ein Lamm, wenngleich nicht aus Entgegenkommen, sondern aus Verschlossenheit.

      Er überstand seine Krankheit, und der Arzt versicherte, das sei zum großen Teil mir zu verdanken, und er lobte mich wegen meiner treuen Fürsorge. Sein Lob machte mich sehr stolz und stimmte mich dem Wesen gegenüber, dem ich es verdankte, milde; und so verlor Hindley seinen letzten Verbündeten. Dennoch konnte ich nicht in Heathcliff vernarrt sein, und ich wunderte mich oft, was meinen Herrn an dem mürrischen Jungen so entzückte, der, soweit ich mich erinnere, seine Liebe durch kein Zeichen der Dankbarkeit belohnte. ....

      v. gutenberg.spiegel.de (dt. von G.Etzel, 1908)
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    • 31.07.1886 - Todestag von Franz (od. Ferenc) Liszt

      *An Heinrich Heine . . . . Venedig, den 15. April 1838

      …. Offen gesagt, ich sehe die Veröffentlichung der Gedanken und Gefühle unseres inneren Lebens durch die Presse als eines der Übel unserer Zeit an. Unter uns Künstlern herrscht der große Mißgriff, daß einer den andern nicht nur in seinen Werken, sondern auch in seiner Persönlichkeit beurtheilt. Indem wir uns gegenseitig vor dem Publikum seciren, führen wir es hierdurch oft ziemlich brutal, meist aber unrichtig in einen Theil unserer Existenz ein, der wenigstens zu unseren Lebzeiten von aller Fragelust verschont bleiben sollte. Diese Art, aus der Eitelkeit des Einzelnen anatomisch-psychologische Vorträge zum Besten der öffentlichen Neugierde zu halten, ist bei uns zur Gewohnheit geworden. Niemand hat mehr das Recht sich zu beklagen; denn niemand schont mehr. Und überdies läßt sich nicht verhehlen, daß die Meisten unter uns einer Veröffentlichung, sei sie lobend oder bekrittelnd, nicht böse sind - sie sehen ihren Namen wenigstens für ein paar Tage in Umlauf gesetzt. Zu diesen, muß ich erklären, gehöre ich nicht. Wenn sich die Kritik an mich, den Künstler, wendet, so stimme ich ihr bei oder verwerfe sie - keinesfalls wird sie mich verwunden; will sie jedoch mich, den Menschen, beurtheilen, so bemächtigt sich meiner bei jedem ihrer Worte eine höchst gereizte Empfindlichkeit. Ich bin noch zu jung und die Schläge meines Herzens sind noch zu heftig, als daß ich geduldig die Hand ertragen könnte, die sich darauf legt, um sie zu zählen. Was ich bewundere, was ich hasse, was ich hoffe - das hat seine Wurzeln so tief in meiner Seele, das es schwer sein dürfte es bloßzulegen. ….

      Sind Sie jemals in Venedig gewesen? Sind Sie jemals in dunkler Gondel über die schlafenden Gewässer des Canalazzo, an den Ufern der Guideca dahingeglitten? Haben Sie das Gewicht der Jahrhunderte bis zum Erdrücken auf Ihrer Einbildungskraft liegen gefühlt? Haben Sie die schwere, dichte Luft geathmet, die sie beengt und in ein unbegreifliches Dahinschmachten versenkt? Haben Sie die blassen Mondstrahlen fahle Lichter auf die Kuppel von Sankt-Markus werfen sehen? Und hat ihr Ohr, aufgeregt von der Todesstille, nach einem Geräusch, so wie das Auge nach Licht in der Finsterniß eines Kerkers gesucht? - Ja - ohne Zweifel: dann werden Sie die höchste Poesie der Verlassenheit der Welt begreifen. - Aber ich fürchte in die Ausdrucksweise eines sentimentalen Touristen zu fallen, was weder Ihre noch meine Sache ist. Überdies ruft die Glocke der Kapuziner eben zur Mitternachtsmesse. ….

      Franz Liszt

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      **…. In der That, mit Ausnahme dieses Einzigen (des Chopin, des Raphaels des Fortepiano) sind alle andern Klavierspieler, die wir dieses Jahr in unzähligen Concerten hörten, eben nur Klavierspieler, sie glänzen durch die Fertigkeit, womit sie das besaitete Holz handhaben, bey Liszt hingegen denkt man nicht mehr an überwundene Schwierigkeit, das Clavier verschwindet und es offenbart sich die Musik. In dieser Beziehung hat Liszt, seit wir ihn zum letztenmale hörten, den wunderbarsten Fortschritt gemacht. Mit diesem Vorzug verbindet er eine Ruhe, die wir früher an ihm vermißten. Wenn er z. B. damals auf dem Pianoforte ein Gewitter spielte, sahen wir die Blitze über sein eignes Gesicht dahinzucken, wie von Sturmwind schlotterten seine Glieder, und seine langen Haarzöpfe träuften gleichsam vom dargestellten Platzregen. Wenn er jetzt auch das stärkste Donnerwetter spielt, so ragt er doch selber darüber empor, wie der Reisende, der auf der Spitze einer Alpe steht, während es im Thale gewittert: die Wolken lagern tief unter ihm, die Blitze ringeln wie Schlangen zu seinen Füßen, das Haupt erhebt er lächelnd in den reinen Aether.

      Trotz seiner Genialität begegnet Liszt einer Opposizion hier in Paris, die meistens aus ernstlichen Musikern besteht und seinem Nebenbuhler, dem kaiserlichen Thalberg, den Lorbeer reicht. - Liszt hat bereits zwey Concerte gegeben, worin er, gegen allen Gebrauch, ohne Mitwirkung anderer Künstler, ganz allein spielte. Er bereitet jetzt ein drittes Concert zum Besten des Monumentes von Beethoven. Dieser Componist muß in der That dem Geschmack eines Liszt am meisten zusagen. Namentlich Beethoven treibt die spiritualistische Kunst bis zu jener tönenden Agonie der Erscheinungswelt, bis zu jener Vernichtung der Natur, die mich mit einem Grauen erfüllt, die ich nicht verhehlen mag, obgleich meine Freunde darüber den Kopf schütteln. Für mich ist es ein sehr bedeutungsvoller Umstand, daß Beethoven am Ende seiner Tage taub ward, und sogar die unsichtbare Tonwelt keine klingende Realität mehr für ihn hatte. Seine Töne waren nur noch Erinnerungen eines Tones, Gespenster verschollener Klänge, und seine letzten Produkzionen tragen an der Stirne ein unheimliches Todtenmal. ….

      ** Heinrich Heine … aus "Lutezia. Berichte über Politik, Kunst und Volksleben": XXXIII. >20.04.1841<
      * u. ** zit. v. uni-trier.de
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    • 03.08.1816 - Uraufführung der Oper "Undine" von E. T. A. Hoffmann

      Friedrich (Baron) de la Motte Fouque (1777 - 1843) arbeitet hierfür seine gleichnamige (1811 zunächst als "Frühlingsheft" der "Vierteljahrsschrift für romantische Dichtungen" erschienene) Erzählung in ein Libretto um . . . Diese bestand aus neunzehn Kapiteln - hier (ungekürzt) das Ende des Ersten . . .

      …. Vom Walde, nach welchem sich der Ritter einige Male erkundigte, wollte der alte Mann freilich nicht viel wissen; am wenigsten, meinte er, passe sich das Reden davon jetzt in der einbrechenden Nacht; aber von ihrer Wirthschaft und sonstigem Treiben erzaehlten die beiden Eheleute desto mehr, und hoerten auch gerne zu, als ihnen der Rittersmann von seinen Reisen vorsprach, und daß er eine Burg an den Quellen der Donau habe, und Herr Huldbrand von Ringstetten geheißen sei.

      Mitten durch das Gespraech hatte der Fremde schon bisweilen ein Plaetschern am niedrigen Fensterlein vernommen, als spruetze Jemand Wasser dagegen. Der Alte runzelte bei diesem Geraeusche jedesmal unzufrieden die Stirn; als aber endlich ein ganzer Guß gegen die Scheiben flog, und durch den schlechtverwahrten Rahmen in die Stube herein sprudelte, stand er unwillig auf, und rief drohend nach dem Fenster hin: Undine! Wirst Du endlich einmal die Kindereien lassen. Und ist noch obenein Heut ein fremder Herr bei uns in der Huette. - Es ward auch draußen stille, nur ein leises Gekicher ließ sich noch vernehmen, und der Fischer sagte, zurueck kommend: das mueßt Ihr nun schon zu Gute halten, mein ehrenwerther Gast, und vielleicht noch manche Ungezogenheiten mehr, aber Sie meint es nicht boese. Es ist naemlich unsere Pflegetochter Undine, die sich das kindische Wesen gar nicht abgewoehnen will, ob sie gleich bereits in ihr achtzehentes Jahr gehen mag. Aber wie gesagt, im Grunde ist sie doch von ganzem Herzen gut. - Du kannst wohl sprechen! entgegnete kopfschuettelnd die Alte. Wenn Du so von Fischfang heimkommst oder von der Reise, da mag es mit ihren Schaekereien ganz was Artiges sein. Aber sie den ganzen Tag lang auf dem Halse haben, und kein kluges Wort hoeren, und statt bei wachsendem Alter Huelfe im Haushalte zu finden, immer nur dafuer sorgen muessen, daß uns ihre Thorheiten nicht vollends zu Grunde richten, - da ist es gar ein Andres, und die heilige Geduld selbsten wuerd` es am Ende satt. - Nun, nun, laechelte der Hausherr, Du hast es mit Undinen, und ich mit dem See. Reißt mir der doch auch oftmals meine Daemme und Netze durch, aber ich hab` ihn dennoch gern, und Du mit allem Kreuz und Elend das zierliche Kindlein auch. Nicht wahr? - Ganz boese kann man ihr eben nicht werden, sagte die Alte und laechelte beifaellig.

      Da flog die Thuere auf, und ein wunderschoenes Blondchen schluepfte lachend herein, und sagte: Ihr habt mich nur gefoppt, Vater; wo ist denn nun Euer Gast? - Selben Augenblicks aber ward sie auch den Ritter gewahr, und blieb staunend vor dem schoenen Juenglinge stehn. Huldbrand ergoetzte sich an der holden Gestalt, und wollte sich die lieblichen Zuege recht achtsam einpraegen, weil er meinte, nur ihre Ueberraschung laße ihm Zeit dazu, und sie werde sich bald nachher in zwiefacher Bloedigkeit vor seinen Blicken abwenden. Es kam aber ganz anders. Denn als sie ihn nun recht lange angesehn hatte, trat sie zutraulich naeher, kniete vor ihm nieder, und sagte, mit einem goldnen Schaupfennige, den er an einer reichen Kette auf der Brust trug, spielend: ei Du schoener, Du freundlicher Gast, wie bist Du denn endlich in unsre arme Huette gekommen? Mußtest Du denn Jahre lang in der Welt herumstreifen, bevor Du dich auch einmal zu uns fandest? Kommst Du aus dem wuesten Walde, Du schoener Freund? - Die scheltende Alte ließ ihm zur Antwort keine Zeit. Sie ermahnte das Maedchen, fein sittig aufzustehn, und sich an ihre Arbeit zu begeben. Undine aber zog, ohne zu antworten, eine kleine Fußbank neben Huldbrands Stuhl, setzte sich mit ihrem Gewebe darauf nieder, und sagte freundlich: hier will ich arbeiten.

      Der alte Mann that, wie Aeltern mit verzognen Kindern zu thun pflegen. Er stellte sich, als merke er von Undinens Unart nichts, und wollte von etwas Anderm anfangen. Aber das Meadchen ließ ihn nicht dazu. Sie sagte: woher unser holder Gast kommt, habe ich ihn gefragt, und er hat mir noch nicht geantwortet. - Aus dem Walde komme ich, Du schoenes Bildchen, entgegnete Huldbrand, und sie sprach weiter: so mußt Du mir erzaehlen, wie Du da hineinkamst, denn die Menschen scheuen ihn sonst, und was fuer wunderliche Abentheuer Du darinnen erlebt hast, weil es doch ohne dergleichen dorten nicht abgehn soll. - Huldbrand empfand einen kleinen Schauer bei dieser Erinnerung, und blickte unwillkuerlich nach dem Fenster, weil es ihm zu Muthe war, als muesse eine von den seltsamlichen Gestalten, die ihm im Forste begegnet waren, von dort hereingrinzen; er sah nichts, als die tiefe, schwarze Nacht, die nun bereits draußen vor den Scheiben lag. Da nahm er sich zusammen, und wollte eben seine Geschichte anfangen, als ihn der Alte mit den Worten unterbrach: nicht also, Herr Ritter; zu dergleichen ist es jetzund keine gute Zeit.

      Undine aber sprang zornmuethig von ihrem Baenkchen auf, setzte die die schoenen Arme in die Seiten, und rief, sich dicht vor den Fischer hinstellend: er soll nicht erzaehlen, Vater? Er soll nicht? Ich aber will`s; er soll! Er soll doch! - Und damit trat das zierliche Fueßchen heftig gegen den Boden, aber das Alles mit solch einem drollig anmuthigen Anstande, daß Huldbrand jetzt in ihrem Zorn fast weniger noch die Augen von ihr wegbringen konnte, als vorher in ihrer Freundlichkeit. Bei dem Alten hingegen brach der zurueckgehaltene Unwillen in volle Flammen aus. Er schalt heftig auf Undines Ungehorsam und unsittiges Betragen gegen den Fremden, und die gute alte Frau stimmte mit ein. Da sagte Undine: wenn ihr zanken wollt, und nicht thun, was ich haben will, so schlaft allein in Eurer alten raeuchrigen Huette! - Und wie ein Pfeil war sie aus der Thuer, und fluechtigen Laufes in die finstere Nacht hinaus.

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    • => wetterbedingt etwas verspätet =>

      04.08.1822 - Todestag von Percy Bysshe Shelley

      Im Jahr vor seinem Unfalltod schreibt er sein (c. 20seitiges) Essay A Defence of Poetry. Der folgende kurze Ausschnitt (zwei Passagen vom Beginn, eine aus der Mitte des Textes) entstammt dem Erstdruck von 1840 . . .

      …. In the youth of the world, men dance and sing and imitate natural objekts, observing in These actions, as in all others, a certain rhythmm or order. And, although all men observe a similar, they observe not the same order, in the motions of the dance, in the melody of the song, in the combinations of language, in the series of their imitations of natural objekts. For there is a certain order or rhythm belonging to each of these classes of mimetic representation, from which the hearer and the spectator receive an intenser and purer pleasure than from any other; the sense of an approximation to this order has been called taste by modern writers. Every man in the infancy of art, observe an order which approximates more or less closely to that from which this highest delight results: but the diversity is not sufficiently marked, as that ist graduations should be sensible, except in those instances where the predominance of this faculty of approximation to the beautiful - for so we may be permitted to name the relation between this highest pleasure and ist cause - is very great. Those in whom we exists to excess are poets, in the most universal sense of the word; and the plaesure resulting from the manner in which they express the influence of society or nature upon their own minds, communicates itself to others, and gathers a sort of reduplication from the community.

      …. But poets, or those who imagine and express this indestructible order, are not only the authors of language and of music, of the dance, and architecture, and statuary, and painting; they are the institutors of laws and the founders of civil society, and the inventors of the arts of life, and the teachers, who draw into a certain propinquity with the beautiful and the true, that partial apprehension of the agencies of the invisible world which is called religion. Hence all original religions are allegorical or susceptible of allegory, and, like Janus, have a doube face of false and true. Poets, according to the circumstances of the age and nation in which they appeared, were called,in the earlier epochs of the world, legislators or prophets: a poet essentially comprises and unites both these characters. For he not only beholds intensely the present things ought to be ordered, but he beholds the future in the present, and his thoughts are the germs of the flower and the fruit of latest time. Not that I assert poets to be prophets in the gross sense of the word, or that they can foretell the form as surely as they foreknow the spirit of events: such is the pretence of superstition, which would make poetry an attribute of phophecy, rather than prophecy an attribute of poetry. A poet participates in the eternal, the infinite, and the one; as far as relates to his conceptions, time and place and number are not. The grammatical forms which express the moods of time, and the difference of persons, and the distinction of place, are convertible with respect to to the highest poetry without injuring it as poetry; and the choruses of Aeschylus, and … Dante`s Paradise would afford, more than other writings, examples of this fact, if the limits of this essay did not forbid citation. The creations of sculpture, painting, and music, are illustrations still more decisive. ….

      Homer was the first and Dante the second epic poet: that is, the second poet, the series of whose creations bore a defined and intelligible relation to the knowledge and sentiment and religion of the age in which he lived, and of the ages which followed it: developing itself in correspondence with their development. For Lucretius had limed the wings of his swift spirit in the dregs of the sensible world; and Virgil, with a modesty that ill became his genius, had affected the fame of an imitator, even whilst he created anew all he copied; and none among the flock of mock-birds, though their notes are sweet, Apollonius Rhodius, Quintus Calaber, Smyrnaeus, Nonnus, Lucan, Statius, or Claudian, have sought even to fulfil a single condition of epic truth. Milton was the third epic poet. For if the title of epic in its highest sense be refused to the Aeneid, still less can it be conceded to the Orlando Furioso, the Gerusalemme Liberata, the Lusiad, or the Fairy Queene.

      Dante and Milton were both deeply penetrated with the ancient religion of the civilized world; and ist spirits exists in their poetry probably in the same proportion as its forms survived in the unreformed worship of modern Europe. The one preceded and the other followed the Reformation at almost equal intervals. Dante was the first religious reformer, and Luther surpassed him rather in the rudeness and acrimony, than in the boldness of his censures, of papal usurpation. Dante was the first awakener of entranced Europe; he created a language, in itself music and persuasion, out of a chaos of inharmonious barbarisms. He was the congregator of those great spirits who presided over the resurrection of learning; The Lucifer of that starry flock which in the thirteenth century shone from republican Italy, as from a heaven, into the darkness of the benighted world. His very words are instinct with spirit; each is as a spark, a burning atom of inextinguishable thought; and many yet lie covered in the ashes of their birth, and pregnant with a lightning which has yet found no conductor. ….

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    • 08.08.1897 - Todestag von Jacob Burckhardt

      Hier ein (fast!) zusammenhängender Ausschnitt aus seiner Schrift "Die Cultur der Renaissance in Italien. Ein Versuch. Basel, 1860" . . .

      Wenn man aus der ganzen abendländischen Hof- und Ritterdichtung ((des XII. und XIII. Jahrhunderts)) die Perlen zusammensucht, so wird eine Summe von herrlichen Ahnungen und Einzelbildern von Seelenbewegungen zum Vorschein kommen, welche den Italienern auf den ersten Blick den Preis streitig zu machen scheint. Selbst abgesehen von der ganzen Lyrik giebt schon der einzige Gottfried von Straßburg mit "Tristan und Isolde" ein Bild der Leidenschaft, welches unvergängliche Züge hat. Allein diese Perlen liegen zerstreut in einem Meere des Conventionellen und Künstlichen, und ihr Inhalt bleibt noch immer weit entfernt von einer vollständigen Objectivmachung des innern Menschen und seines geistigen Reichthums.

      Auch Italien hatte...seinen Antheil an der Hof- und Ritterdichtung durch seine Trovatoren. Von ihnen stammt wesentlich die Canzone her, die sie so künstlich und schwierig bauen als irgend ein nordischer Minnesänger sein Lied; Inhalt und Gedankengang sogar ist der conventionell höfische, mag der Dichter auch bürgerlichen oder gelehrten Standes sein.

      Aber schon offenbaren sich zwei Auswege, die auf eine neue, der italienischen Poesie eigene Zukunft hindeuten und die man nicht für unwichtig halten darf wenn es sich schon nur um Formelles handelt.

      Von demselben Brunetto Latini (dem Lehrer des Dante), welcher in der Canzonendichtung die gewöhnliche Manier der Trovatoren vertritt, stammen die frühsten bekannten Versi sciolti,...und in dieser scheinbaren Formlosigkeit äußert sich auf einmal eine wahre, erlebte Leidenschaft. Es ist eine ähnliche bewußte Beschränkung der äußern Mittel im Vertrauen auf die Kraft des Inhaltes, wie sie sich einige Jahrzehnde später in der Frescomalerei und noch später sogar in der Tafelmalerei zeigt, indem auf die Farben verzichtet und bloß in einem hellern oder dunklern Ton gemalt wird. Für jene Zeit, welche sonst auf das Künstliche in der Poesie so große Stücke hielt, sind diese Verse des Brunetto der Anfang einer neuen Richtung.

      Daneben aber, ja noch in der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts, bildet sich eine von den vielen strenggemessenen Strophenformen, die das Abendland damals hervorbrachte, für Italien zu einer herrschenden Durchschnittsform aus: das Sonett. Die Reimstellung und sogar die Zahl der Verse schwankt noch hundert Jahre lang, bis Petrarca die bleibende Normalgestalt durchsetzte. In diese Form wird Anfangs jeder höhere und contemplative, später jeder mögliche Inhalt gegossen, so daß…selbst die Canzonen daneben nur eine untergeordnete Stelle einnehmen. Spätere Italiener haben selber bald scherzend bald mißmuthig geklagt über diese unvermeidliche Schablone, dieses vierzehnzeilige Procrustesbett der Gefühle und Gedanken. Andere waren und sind gerade mit dieser Form sehr zufrieden und brauchen sie viel tausendmal um darin Reminiscenzen und müßigen Singsang ohne allen tiefern Ernst und ohne Nothwendigkeit niederzulegen. Deßhalb giebt es sehr viel mehr unbedeutende und schlechte Sonette als gute.

      Nichtsdestoweniger erscheint uns das Sonett als ein ungeheurer Segen für die italienische Poesie. Die Klarheit und Schönheit seines Baues, die Aufforderung zur Steigerung des Inhaltes in der lebhafter gegliederten zweiten Hälfte, dann die Leichtigkeit des Auswendiglernens, mußten es auch den größten Meistern immer von Neuem lieb und werth machen. Oder meint man im Ernst, dieselben hätten es bis auf unser Jahrhundert beibehalten, wenn sie nicht von seinem hohen Werthe wären durchdrungen gewesen? Nun hätten allerdings diese Meister ersten Ranges auch in andern Formen der verschiedensten Art dieselbe Macht äußern können. Allein weil sie das Sonett zur lyrischen Hauptform erhoben, wurden auch sehr viele Andere von hoher, wenn auch nur bedingter Begabung, die sonst in einer weitläufigen Lyrik untergegangen wären, genöthigt ihre Empfindungen zu concentriren. Das Sonett wurde ein allgemeingültiger Condensator der Gedanken und Empfindungen wie ihn die Poesie keines andern modernen Volkes besitzt.

      So tritt uns nun die italienische Gefühlswelt in einer Menge von höchst entschiedenen, gedrängten und in ihrer Kürze höchst wirksamen Bildern entgegen. Hätten andere Völker eine conventionelle Form von dieser Gattung besessen, so wüßten wir vielleicht auch mehr von ihrem Seelenleben; wir besäßen möglicherweise auch eine Reihe abgeschlossener Darstellungen äußerer und innerer Situationen oder Spiegelbilder des Gemüthes und wären nicht auf eine vorgebliche Lyrik des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts verwiesen....

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