Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 24.04.1742 - Lt. wikipedia.org und der den hiesigen HISTORISCHEN KALENDER betreuenden Gruppe wird heute in Dublin G. F. Händels Oratorium Messiah uraufgeführt. I. A. gilt der 13.04.1742 als Tag der UA, aber sei's drum :)

      Die 1927er-"Urversion" von Stefan Zweigs "Sternstunden der Menschheit" genannten historischen Miniaturen umfasste lediglich fünf Texte. Postum kamen 1943 sieben Texte hinzu, darunter als Nr. 3 Georg Friedrich Händels Auferstehung. Hier eine short version (ohne Kennzeichnung der Kürzungen), exklusiv für alle Kalenderblattfreunde :)

      Die Zeit ist wider ihn. Der Tod der Königin unterbricht die Aufführungen, dann beginnt der spanische Krieg, auf den öffentlichen Plätzen sammelt sich täglich schreiend und singend die Menge, doch das Theater bleibt leer, und die Schulden türmen sich.

      Im Jahre 1740 fühlt sich Händel neuerdings als besiegter, geschlagener Mann, Schlacke und Asche seines einstigen Ruhmes. Mühsam rafft er noch aus früheren Werken Stücke zusammen, ab und zu schafft er noch kleinere Taten. Aber versiegt ist das große Strömen; zum erstenmal fühlt er den heiligen Strom der Schaffenskraft in sich stocken und versiegen, der schöpferisch seit fünfunddreißig Jahren eine Welt überströmt. Müde seiner selbst irrt Händel in jenen Monaten abends in London herum. Er spät wagt er sich aus dem Haus, denn bei Tag warten die Gläubiger. Manchmal bleibt er stehen vor einer Kirche. Aber er weiß, Worte geben ihm keinen Trost. Manchmal sitzt er in einer Schenke; aber wer den hohen Rausch, den seligen und reinen des Schaffens, gekannt, den ekelt der Fusel des gebrannten Wassers. Und manchmal starrt er von der Brücke der Themse nieder in das nachtschwarze, stumme Strömen, ob es nicht besser wäre, mit einem entschlossenen Ruck alles von sich zu werfen!

      Endlich war er im Zimmer. Er schlug das Feuerzeug an und entflammte die Kerze an dem Schreibpult: ohne zu denken tat er es, mechanisch, wie er es Jahre getan, um sich an die Arbeit zu setzen. Jetzt aber war der Tisch leer. Kein Notenblatt lag dort. Das heilige Mühlrad stand still im erfrorenen Strome. Es gab nichts zu beginnen, nichts zu beenden. Der Tisch lag leer. Doch nein: Ein Brief von Jennens lag zuoberst, dem Dichter, der ihm den Text zu "Saul" und "Israel in Ägypten" geschrieben. Er sende ihm, schrieb er, eine neue Dichtung und hoffe, der hohe Genius der Musik, phoenix musicae, werde sich gnädigst seiner armen Worte erbarmen und sie auf seinen Flügeln dahintragen durch den Äther der Unsterblichkeit. Comfort ye, so begann der geschriebene Text. Comfort ye - wie ein Zauber war es, diese Wort - wie dies klang, wie es aufrüttelte innen die verschüchterte Seele. Thus saith the Lord, war dies nicht ihm gesagt, und ihm allein, war dies nicht dieselbe Hand, die ihn zu Boden geschlagen, die ihn nun selig aufhob von der Erde? And he shall purify - ja, dies war ihm geschehen; weggefegt war mit einemmal die Düsternis aus dem Herzen, Helle war eingebrochen und die kristallische Reinheit des tönenden Lichtes. Wer anders hatte solche aufhebende Wortgewalt diesem armen Jennens, diesem Dichterling in Gopsall, in die Feder gedrängt, wenn nicht Er, der einzig seine Not kannte? That they may offer unto the Lord - ja, eine Opferflamme entzünden aus dem lodernden Herzen, daß sie aufschlage bis in den Himmel. Ausrufen dies, ausrufen mit der Gewalt der dröhnenden Posaunen, des brausenden Chores, mit dem Donner der Orgel, daß noch einmal wie am ersten Tag der heilige Logos die Menschen erwecke, sie alle, die andern, die noch verzweifelt im Dunkel gingen, denn wahrlich Behold, darkness shall cover the earth, noch deckt Dunkel die Erde, noch wissen sie nicht um die Seligkeit der Erlösung, die ihm in dieser Stunde geschehen. Und kaum gelesen, schon brauste er ihm auf, vollgeformt, der Dankruf Wonderful, counsellor, the mighty God - ja, so ihn preisen, den Wundervollen, der Rat wußte und Tat, ihn, der Frieden gab dem verstörten Herzen!

      Nach drei knappen Wochen - unfaßbar noch heute und für alle Ewigkeit! - war das Werk vollendet. Das Wort war Ton geworden, unverwelklich blühte und klang, was eben noch trockene, dürre Rede gewesen. Händel begann leise, halb sprechend, halb singend, die Melodie des Rezitativs Behold, I tell you a mystery. Er spielte die letzten Chöre, die er bisher nur wie im Traum gestaltet; jetzt aber hörte er sie wach zum erstenmal: Oh death where is thy sting, fühlte er innerlich, durchdrungen von der Feurigkeit des Lebens, und weiter, weiter spielte und sang er bis zu dem Amen, Amen, Amen, und fast brach der Raum ein von den Tönen, so stark, so wuchtig warf er seine Kraft in die Musik. Dr. Jenkins stand wie betäubt. Und als Händel sich endlich erhob, sagte er verlegen bewundernd, nur um etwas zu sagen: "Mann, so was habe ich nie gehört. Ihr habt ja den Teufel im Leibe." Aber da verdüsterte sich Händels Gesicht. Auch er war erschrocken über das Werk und die Gnade, die über ihn wie im Schlafe gekommen. Auch er schämte sich.

      Am 7. April 1742 war endlich die letzte Probe angesetzt. Nur wenige Anverwandte der Chorsänger waren als Zuhörer zugelassen, und man hatte, um zu sparen, den Raum der Music Hall in Fishamble Street nur schwach erleuchtet. Vereinzelt und verstreut saß da ein Paar und dort eine Gruppe auf den leeren Bänken, um das neue Opus des Meisters aus London zu vernehmen, dunkel und kalt nebelte die weite Halle. Aber ein Merkwürdiges geschah, kaum daß die Chöre, klingenden Katarakten gleich, niederzubrausen begannen. Unwillkürlich rückten die einzelnen Gruppen zu einem einzigen dunklen Block des Hörens und Staunens, denn jedem war es, als sei die Wucht dieser nie gehörten Musik für ihn, den einzelnen, zuviel. Immer näher drängten sie aneinander, es war, als wollten sie mit einem einzigen Herzen hören, als eine einzige fromme Gemeinde das Wort Zuversicht empfangen, das, immer anders gesagt und geformt, ihnen entgegenbrauste aus den verschlungenen Stimmen. Schwach fühlte sich jeder vor dieser urhaften Stärke und doch selig von ihr gefaßt und getragen. Als das Halleluja zum erstenmal dröhnte, riß es einen empor, und alle wie mit einem Ruck erhoben sich mit ihm; sie fühlten, man konnte nicht an der Erde kleben, angepackt von solcher Gewalt, sie standen auf, um mit ihren Stimmen Gott um einen Zoll näher zu sein und ihm dienend ihre Ehrfurcht zu bieten.

      Wie alle wahren und strengen Künstler rühmte Händel seine eigenen Werke nicht. Aber eines liebte er, den "Messiah", er liebte dieses Werk aus Dankbarkeit, weil es ihn aus dem eigenen Abgrund gerettet, weil er sich in ihm selber erlöst. Jahr für Jahr führte er es in London auf, jedesmal fünfhundert Pfund zum Besten des Hospitals überweisend. Am 6. April 1759, schon schwer erkrankt, ließ sich der Vierundsiebzigjährige noch einmal nach Covent Garden aufs Podium führen. Als bei dem Anruf The trumpet shall sound scharf die Trompeten ansetzten, zuckte er auf und sah mit seinen starren Augen nach oben, als wäre er schon jetzt bereit zum Jüngsten Gericht.

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      (Udo Lindenberg)
    • 25.04.1719 - Daniel Defoes Roman Robinson Crusoe wird erstveröffentlicht...

      Hier einige Passagen aus dem dritten und vierten (v. insg. acht) Kapitel/n . . .

      (Ich kann) nicht umhin zu bemerken, daß, da die Vernunft die Wurzel und der Ursprung der Mathematik ist, Jedermann durch vernünftige Berechnung und Ausmessung der Dinge binnen kurzer Zeit ein Meister in allen mechanischen Künsten zu werden vermag. Ich hatte in meinem früheren Leben niemals Handwerkszeug zwischen den Fingern gehabt, und trotzdem erkannte ich jetzt bald, daß es mir durch Arbeit, Ausdauer und Eifer möglich sein würde, Alles, was ich brauchte, wenn ich nur das nöthige Geräthe gehabt hätte, selbst anzufertigen. Indeß machte ich eine Menge Dinge auch ohne Handwerkszeug. Einige lediglich mit Hobel und Hackbeil, und zwar waren das Gegenstände, die wohl nie früher auf solche Art verfertigt waren. Zum Beispiel, wenn ich ein Brett nöthig hatte, blieb mir Nichts übrig, als einen Baum zu fällen und ihn mit der Axt von beiden Seiten so lange zu behauen, bis er dünn wie ein Brett war, worauf ich ihn dann mit dem Hobel glättete. Freilich konnte ich auf diese Weise aus einem ganzen Baum nur ein einziges Brett erhalten; doch da half Nichts weiter als die Geduld, und wenn auch die Anfertigung eines solchen Gegenstandes mich eine enorme Menge Zeit und Arbeit kostete, so war ja Arbeit und Zeit für mich von geringem Werth, und es kam Nichts darauf an, ob ich sie so oder so verwendete...

      Einige Tage nachdem ich schon Alles vom Schiff geholt hatte, konnte ich es nicht unterlassen, doch wieder einmal die Spitze des kleinen Berges zu ersteigen und auf die See hinauszuschauen, in der Hoffnung, ein Schiff zu erblicken. Wirklich bildete ich mir auch ein, in großer Entfernung ein Segel zu erspähen. Ich täuschte mich lange mit dieser Hoffnung und blickte starr auf das Meer, bis ich fast erblindete. Dann gab ich es auf, setzte mich nieder, weinte wie ein Kind und vergrößerte so durch eigne Thorheit mein Elend.

      Erst nachdem ich diesen Kummer einigermaßen überwunden, meine Niederlassung beendigt und mein Hauswesen eingerichtet hatte, und Alles um mich so hübsch wie möglich geordnet war, begann ich mein Tagebuch. Ich will den kärglichen Inhalt desselben - ich konnte es nämlich nur so lange fortsetzen, bis mir die Tinte ausging - hier mittheilen...

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      Leider fehlte es mir an aller Religion. Was ich durch die vortreffliche Unterweisung meines Vaters davon gelernt hatte, war in dem ununterbrochenen achtjährigen Seeleben und dem beständigen Verkehr mit ebenso gottlosen Menschen, wie ich war, mir abhanden gekommen... Eine gewisse Stumpfheit des Herzens, eine Gleichgültigkeit gegen alles Bessere und eine völlige Bewußtlosigkeit von der Sünde hatte ganz und gar Besitz von meiner Seele genommen. Ich war ein so verhärtetes gedankenloses elendes Geschöpf, als nur eines unter Seeleuten je zu finden war...

      Als...alle meine Schiffsgefährten ertrunken, (ich) mich selbst aber gerettet sah, (hatte ich) eine Art von Entzücken und einige Regungen der Seele empfunden, die unter Gottes gnädigem Beistand zu wirklicher Dankbarkeit sich hätten entwickeln können. Aber das hatte geendet, wie es angefangen, nämlich in einer flüchtigen Freude gewöhnlicher Art... Sogar als ich später aufmerksamer darüber nachgedacht hatte, wie ich...außer dem Bereiche der Menschheit ohne Hoffnung auf Rettung lebe, war doch, sobald sich mir nur die Aussicht am Leben zu bleiben und nicht vor Hunger umzukommen zeigte, all meine Betrübniß verschwunden; ich fing an ganz ruhig zu sein, machte mich sofort an die Arbeit, um mir das Dasein zu fristen, und war weit entfernt von dem Gedanken, daß Gott sein Gericht an mir vollzogen und seine Hand über mich ausgestreckt hatte...

      Nun aber, nachdem ich erkrankt war und sich die Aussicht auf langsame Todesqual mir vor Augen stellte, als mein Lebensmuth unter der Last der schweren Leiden anfing zu sinken..., (wurden) Vorwürfe über meine Vergangenheit, in der ich so offenbar Gottes Gericht über mich herauf beschworen, in mir laut... Die Gewalt des Fiebers und die Gewissensbisse preßten mir einige Worte aus, die wie ein Gebet zu Gott lauteten, wiewohl sie weder Wünsche, noch Hoffnungen aussprachen. Sie waren vielmehr der bloße Ausdruck meiner Furcht und Verzweiflung. Meine Gedankenverwirrung und die Angst, in so elender Lage umkommen zu müssen, veranlaßten Empfindungen in meiner Seele, die sich in allerlei Worten Luft machten, wie etwa: "Gott, welch ein erbärmliches Geschöpf bin ich! Wenn ich krank werde, muß ich sicherlich hülflos verschmachten". Thränen brachen aus meinen Augen, und die Worte meines Vaters kamen mir ins Gedächtniß, insbesondere seine Prophezeihung, daß, wenn ich seinem Rathe nicht folge, Gottes Segen mir fehlen und ich einmal Zeit haben würde, über meine Thorheit nachzudenken, wenn Niemand vorhanden sein werde, mir Beistand zu leisten...

      (Ich stellte eine große Flasche mit Wasser) auf meinen Tisch, so daß ich sie vom Bett aus erreichen konnte. Um die Kälte des Wassers etwas zu vermindern, mischte ich etwa ein Viertelquart Rum hinein; dann holte ich mir ein Stück Ziegenfleisch und röstete es auf Kohlen, konnte aber nur wenig davon essen. Ich machte einen Gang, fühlte mich aber sehr schwach, und das Herz war mir schwer in der Furcht vor der Wiederkehr des Fiebers... Jetzt stiegen allerlei Gedanken in mir auf, z. B. "...Wenn Gott Alles dies geschaffen hat, so regiert er auch Alles, und Nichts in dem weiten Umfang seiner Werke kann seiner Allwissenheit entgehen... So weiß er auch, daß ich hier in dieser schrecklichen Lage bin, und wenn Alles auf seine Anordnung eintritt, so hat er auch Alles dies über mich verhängt... Womit habe ich ein solches Geschick verdient?" Da aber schrak mein Gewissen alsbald wie vor einer Gotteslästerung zurück, und ich glaubte eine Stimme zu hören, die mir zurief: "Elender! Fragst du noch, was du verschuldet hast? Schau zurück auf dein schändlich vergeudetes Leben und frage dich lieber, was du nicht verbrochen hast!..." Diese Gedanken überfielen mich mit einer solchen Gewalt, daß ich wie niedergedonnert in düsterem Sinnen nach meiner Behausung zurückschlich. Ich hatte keine Lust zu schlafen, sondern saß in meinem Stuhl, nachdem ich beim Dunkelwerden meine Lampe angezündet hatte...

      zit. v. literaturnetz.org (dt. v. C.Altmüller; 1833/1880)
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      (Udo Lindenberg)
    • 27.04.1683 - Geburtstag von Johann David Heinichen

      Auf der Thomasschule zu Leipzig...waren die Cantoren Schelle und Kuhnau seine Lehrer. Darnach studirte er in Leipzig Rechtswissenschaft. Obgleich Neigung und Tüchtigkeit zur Musik sich unter den Eindrücken der zu dieser Zeit in Leipzig aufblühenden Oper immer mehr verstärkten, blieb H. einstweilen den Wissenschaften treu und wurde...Advokat in Weißenfels. Nach einigen Jahren lockte ihn ein Antrag des Theaterdirectors Döbrecht nach Leipzig zurück. Er schrieb für dort einige mit Beifall aufgenommene Opern; dieses hatte seinen völligen Uebertritt in das Gebiet der Kunst zur Folge.

      Um 1711 begab er sich...nach Italien..., machte hier im Frühjahr 1712 die Bekanntschaft des musikliebenden Prinzen Leopold von Anhalt-Cöthen, mit welchem er am 6. Juni Rom verließ, um ihn zunächst nach Florenz zu begleiten. Der Prinz kehrte im Frühjahr 1713 nach Cöthen zurück; H. blieb in Venedig...und schrieb zum Carneval 1713 für das Teatro St. Angelo zwei Opern. Angioletta Bianchi..., als Sängerin und Clavierspielerin ausgezeichnet, bildete damals einen Mittelpunkt der Kunstwelt Venedigs. Sie fand an Heinichen's Musik, besonders an seinen Kammercantaten Gefallen; durch sie wurde dessen Bekanntschaft mit dem Churprinzen von Sachsen vermittelt, der sich...bis zum Herbst 1717 in Venedig aufhielt... (Dieser) veranlaßte, daß (H.) am 1. Januar 1717 zum königlich polnischen und churfürstlich sächsischen Capellmeister ernannt wurde. Als solcher wirkte H. in Dresden zwölf Jahre. Er starb am 16. Juli 1729 an der Schwindsucht.

      Nur in der ersten Zeit seines Dresdener Wirkens fand H. noch Gelegenheit, sich als Operncomponist zu zeigen. Hernach war er ausschließlich mit Kirchen- und Kammermusik beschäftigt... Von der günstigsten Seite zeigen ihn zwei Bände Kammercantaten. Eine derselben: "La dove in grembo al colle", welche mit brillanter obligater Cembalo-Begleitung ausgestattet...ist, dürfte aus Heinichen's venetianischer Zeit stammen und für Angioletta Bianchi komponiert sein... Obwol (H.) den theatralischen Stil der Italiener...nachahmte und zur Nachahmung empfahl, so bewahrte ihn seine Sinnesart doch vor Verflachung... Seine Opposition gegen die Contrapunktisten galt zumeist derjenigen Art von deutschen Art von deutschen Musikern, welche ihre...engherzig gehandhabten Satzkünste zum Deckmantel der mangelnden lebendigen Erfindung machten. Gegenüber der todten Schulrichtigkeit eines Musikstücks betonte er dessen unmittelbaren Eindruck, und wollte als oberster Richter...nur das Gehör gelten lassen. Er strebte nach richtigerer Würdigung des melodischen Elementes in der Musik..., Uebereinstimmung von Poesie und Musik und mannigfaltigem, beweglichen Ausdruck...

      H. (verfaßte) gegen Ende seines Lebens ein Werk "Der General-Baß in der Composition" und gab es 1728 im Selbstverlage heraus. Es ist dieses das umfangreichste Lehrbuch über die Kunst des Generalbaß-Spiels, welches wir besitzen... Auch hier bestrebt er sich, ...zum lebendigen Quell der Kunst vorzudringen. Allen todten und überflüssigen Regelkram...möglichst abzustreifen, das Angemessene, Wohllautende und Rührende als das einzige Ziel im Auge zu behalten, darauf läuft auch im wesentlichen seine...Generalbaß-Lehre hinaus... Als ein zum Lesen bestimmtes Buch erscheint es...weitschweifig; in sein rechtes Licht rückt es erst dann, wenn man sich den Inhalt gleichsam vom Lehrer mündlich geäußert vorstellt... (Das Lehrbuch) fand zu seiner Zeit reichlichen Beifall, weite Verbreitung und hat sicherlich viel Nutzen geschafft.

      Ph. Spitta in "Neue Dt. Biographie. Bd. 8, Duncker & Humblot: Leipzig 1880"; zit. v. wiisource.org

      Im Beiheft zur CD cpo 777 115--2 (J. D. H. Concertos & Sonaten; Verf. K. Böhmer) finden sich keine Angaben, die den obigen widersprechen. Historisch gesichert scheint inzwischen, dass H. ab 1704 einige Zeit im (1701 von G. Ph. Telemann gegründeten) Leipziger Collegium musicum spielte. Telemann war es auch, der sich nach 1717 (als H. die dortige Hofkapelle leitete, J. G. Pisendel und >der 1728 verstorbene< J.-B. Volumier als deren Konzertmeister fungierten) von der Kunst der Dresdner Oboisten (Chef-Oboist F. le Riche soll gar ein Ministergehalt bezogen haben!) auf unaussprechliche Arth gerührt zeigte. Nicht nur er, auch J. J. Quantz, J. L. Fasch und G. F. Händel komponierten für sie. Sonaten von H. selbst gelangten durch Abschriften auch an den Darmstädter Hof, was lt. Booklet-Text v. a. C. Graupner zu verdanken ist.

      Das wohl allgemein hohe Niveau der Dresdner Hofkapelle führt Böhmer v. a. darauf zurück, dass deren Mitglieder (sehr anders offenbar als an diversen anderen Höfen!) sich aufgrund ihres (jedenfalls vergleichsweise) großzügigen Gehalts auf das Spielen eines Instrumentes konzentrieren konnten. Die Sonaten ihres Kapellmeister prägen lt. Booklet-Text das modische Affetuoso des galanten Stils ebenso wie der tief empfundene Dialog der Instrumente. Recht konsequent vermieden würden Doppelfugen-Experimente() und ausladende() Chromatik.
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      (Udo Lindenberg)
    • 29.04.1841 - Todestag von Aloysius Bertrand

      Wenigstens die Ravel-Freunde werden diesen Namen ab und an zur Kenntnis nehmen. Ravels Trois poemes pour piano ("Gaspard de la nuit"; 1908) gehen expressis verbis auf Bertrand zurück: die drei Teile sind überschrieben mit Ondine - Le gibet (Der Galgen) - Scarbo...

      Harlem, dies wundervolle groteske Gemälde, welches die ganze flämische Schule darstellt, Harlem, von Jan Breughel und Peter Neef und Davis Teniers und Paul Rembrandt gemalt. -- Mit seinen Wasserläufen, wo blaue Wellen zittern, und der Kirche mit den goldig gleißenden Glasfenstern...und den Dächern, die grün sind von Hopfen. -- Mit seinen Störchen, die flügelschlagend um den Glockenturm streichen und den Hals in den hohen Aether recken, um Regentropfen in den Schnäbeln aufzufangen. -- Und dem behäbigen Burgermeister, der sein Doppelkinn mit dem Daumen streicht, und seinem vernarrten Blumenzüchter, der, auf eine Tulpe niederschauend, hohlwangig wird. -- Und der Zigeunerin, welche über ihrer Mandoline eine Ohnmacht ankommt, und dem Greise, der den Rummelpott spielt, und dem Kinde, das eine Blase aufpustet. Mit seinen Trinkern, die in der verräucherten Schenke ihr Tonpfeifchen schmauchen, und der Gasthofsmagd, die einen gerupften Fasan ans Fensterkreuz hängt.

      "Wenn du stirbst, ob von Sünden losgesprochen oder verdammt," flüsterte Scarbo heute nacht in mein Ohr, "sollst du ein Leichentuch aus Spinnwebe haben, und ich will die Spinne mit dir verscharren!" -- "Ach ! wenn ich wenigstens ein Espenblatt als Leichentuch hätte, in dem mich das Plätschern des Sees einwiegen würde", antwortete ich ihn mit Augen, die von so viel Weinen rot. -- "Nein!", hohnlachte der spöttische Zwerg, "du würdest Futter für den Stützkäfer sein, welcher abends auf kleine Fliegen jagt, die nach Sonnenuntergang ganz blind sind!" -- "Siehst du es denn lieber," antwortete ich ihm immer klagend, "siehst du es denn lieber, daß ich von dem langen Rüssel einer Tarantel ausgesogen werde?" -- "Nun wohl," fügte er hinzu, "tröste dich, du sollst die goldbefleckten Ringeln einer Schlangenhaut als Leichentuch haben, in welche ich dich wie eine Mumie einhüllen will. Und von der düsteren Krypte des heiligen Benignus aus, wo ich dich aufrecht an der Mauer bestatten werde, sollst du zu deiner Muße die kleinen Kinder in der Vorhölle weinen hören."

      Kaum hatte der Kapellmeister die surrende Viola da Gamba mit dem Bogen gefragt, als sie ihm mit einem schlechten Witz (und) durch ein komisches Knurren...antwortete, wie wenn sie sich an der italienischen Komödie den Magen übernommen hätte. -- Da war zuerst Donna Barbara, die den einfältigen Pierrot ausschalt, den Tölpel, weil er die Schachtel mit Monsieur Cassanders Perücke hatte fallen lassen, daß aller Puder über den Boden wirbelte. Und Monsieur Cassander hebt betrübt seine Perücke auf, und Harlekin gibt dem Schafskopf einen Tritt in den Hintern, und Columbine wischt eine Träne ab von dem tollen Lachen, und Pierrot zieht seine mehlbestreute Fratze bis an die Ohren. Aber bald, im Mondenscheine, bat Harlekin, dessen Kerze erloschen war, seinen Freund Pierrot, ihm den Riegel zu öffnen, um sie wieder anzuzünden; doch der Bösewicht nahm zugleich das junge Mädel und den Geldsack des Alten mit. --- "Zum Teufel mit...dem Lautenspieler, der mir die Saite verhandelt hat!" rief der Kapellmeister und schob die staubige Viola in ihre staubige Hülle. Die Saite war gesprungen.

      Ach, ist, was ich höre, der stöhnende nächtliche Nordwind, oder der Gehängte an der Gabel des Galgen, welcher einen Seufzer ausstößt? -- Ist es eine Grille, die im Moose singt oder im unfruchtbaren Efeu kauernd, mit dem sich der Wald aus Mitleid bekleidet? -- Ist es eine Fliege auf der Jagd und summt um jene Ohren herum, die taub sind gegen den Tusch des Hallali? -- Ist es ein Stutzkäfer, welcher auf seinem Zickzackfluge ein blutiges Haar von seinem kahlen Schädel zupft? -- Oder ist es vielleicht eine Spinne, die eine halbe Elle Nesseltuchs als Halsbinde um diesen erdrosselten Hals wirkt? -- Es ist die Glocke, welche man in den Mauern einer Stadt hinter dem Gesichtskreise läutet, und das Gerippe eines Gehängten, das die untergehende Sonne rötet.

      aus "Junker Roland. Phantasien in der Art von Rembrandt und Callot... 1911: München bei G.Müller"
      => aus dem Nachwort des (1936 verstorbenen) Übersetzers =>

      Es waren Stücke aus dem Junker Roland, an dem er zeit seines Lebens arbeitete. Bertrand konnte sich nie entschließen, etwas Dichterisches zu einem Bande zu vereinigen; unzufrieden mit sich selber...feilte er fortwährend an seinen Dichtungen... Seine Freunde erwarteten einen historischen Roman von ihm, der in Burgund spielen sollte. Aber träumerisch, wie er war, genügte ein Nichts, um ihn von seiner Arbeit abzulenken. Bald konnte man ihn im Schatten einsamer Straßen versonnen einhergehen, bald ihn...lange Stunden über, die Ellenbogen auf die Fensterbrüstung einer Mansarde gestützt, mit einer blassen Dachlevkoje plaudern sehen. Von dem wenigen, was er mit Zeitungsschreiberei verdiente, lebte er ein anspruchsloses Leben... Als er ((1933 >d. h. 25jährig< nach Paris) zurückkehrte, brachte er...als einzigen Besitz eine große Kiste voll Manuskripte mit, die nach seinem Tode verschwunden sind. (Seine) Verhältnisse schienen sich zu bessern; für den Junker Roland fand sich ein Verleger, und die Stelle eines Privatsekretärs bei einem Baron...schützte ihn vor äußerer Not. Doch plötzlich verschwand er, man sollte erst wieder nach seinem Tode etwas von ihm hören. Ein Brustleiden zwang ihn, in eine Spital zu gehen; seine Bescheidenheit...veranlaßte() ihn, seinen Aufenthalt dort zu verheimlichen...

      Obwohl sich die Besten ihrer Zeit, wie Viktor Hugo und Theophil Gautier, kräftig für (den Junker Roland)…verwendeten..., verschwand (es) so vollständig, daß es bald eine literarische Seltenheit wurde... Möchte dieses Buch, …dem wir in Deutschland nur wenig Ebenbürtiges an die Seite stellen können, in der Übersetzung einige Leser finden. / Weimar, August 1910. Paul Hansmann

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      (Udo Lindenberg)
    • 30.04.1883 - Todestag von Edouard Manet

      …. Manet war ein kühner Operateur. Er verbannte alles Zugedeckte und die träumerischen dunstigen Töne, ließ den Farben ihr Recht und stellte sie ungebrochen nebeneinander. Ein sehr einfaches und billiges und damals nicht einmal durchaus neues Verfahren, sobald...ein die Erscheinung begrenzendes Stilisieren zum Ziel wurde, sobald an die Stelle freier Schöpfung die Dekoration trat. Dergleichen lag damals in der Luft, eine Dekoration auf Grund der Farbe im Gegensatz zu den archaistischen Spekulationen der in England blühenden Präraffaeliten, die von Italien Linien importierten. Es gab dafür neue...Vorbilder. Man hatte soeben Japan entdeckt, die Schwarz-Weiß-Holzschnitte der Primitiven und die farbigen Drucke... Die Japaner...ergänzten mancherlei in (Manets) Ideen vom Farbigen, die ihm die Spanier und (Frans) Hals gebracht hatten... Der kühne Operateur hätte den letzten Schnitt zwischen sich und der Vergangenheit wagen und Frankreich eine exotische Flächendekoration von Japans Gnaden schenken können... Kühner war es, diesem billigen Drang zu widerstehen. Manet verstand seine Aufgabe tiefer... ….

      Der Realismus hatte sich bisher nur selten getraut, mit Farben zu wirtschaften. Die Achtzehnhundertdreißiger folgten darin im wesentlichen Constable, der die starke Farbe, ein wenig Rot, ein verstohlenes Blau nur allenfalls als Schmuckstück seiner braunen Landschaften benutzt hatte. Die leuchtende Farbe galt als Besitz der Romantiker... Manet erkannte, was der Realismus eines Velasquez der Farbe verdankte, welche Fülle von Möglichkeiten, die Natur zu übertragen und ihr sehr nahe zu bleiben, bei Verwendung starker Kontraste zu gewinnen war. Merkwürdigerweise ist die Farbe, die ihn zu den Spaniern zog, gleichzeitig die Welt, die ihn von ihnen scheidet. Ich meine mit Farbe nicht die Palette. Der Unterschied zwischen Manet und Velasquez könnte nichtig sein, wenn er nur auf einer anderen Farbenwahl beruhte. Hinter Manets Farben steht eine vollkommen andere Anschauung. Velasquez kam es auf Realitäten an. Er benutzte die Farben, um die Illusion der Erscheinung zu vergrößern und um seinen Bildern dekorativen Reiz zu geben... Die Schönheit der Farben...bleibt sensueller Reiz, führt nicht...zu der Übertragung des Objekts in eine vom Maler selbst geschaffene Sphäre, nicht zu dem Schöpferischen, das dem sensuellen Aufwand geistige Werte verleiht. Dagegen hat Velasquez viele Möglichkeiten zur Steigerung der Wahrscheinlichkeit erbracht und an manches Mittel, das dem Modernen nützlich werden konnte, gerührt. Viele dieser Mittel stammten von Greco, der sie souverän beherrschte; aber Velasquez brachte sie in einer einem Manet zugänglicheren Form zur Geltung. Kein Wunder, daß dem Spanier ein neuer Jünger erwuchs...

      Der "Liseur" von 1864 kommt der Art des Spaniers sehr nahe. Eine große Rolle in der Koloristik spielt das berühmte Grau. Aber während Velasquez seine Lieblingsfarbe rein dekorativ verwendet, durch Kombination mit seinem Rosa usw. und die Bewegung innerhalb des Graus, innerhalb des Rosas vernachlässigt, organisiert Manet das Pigment und gewinnt aus einer und derselben Farbe Differenzen, die wie Kontraste wirken. Nicht nur das Grau durchläuft von dem silbrigen Haar bis zu dem Grauschwarz des Rockes eine große Skala, auch in dem Weiß wirken die Differenzen der Tonwerte. Bei dem Grauweiß des Buches denkt man an die kostbaren Folianten, die zuweilen Grecos Heilige lesen. Die ungemein fein abgewogene Abtönung der Farbe kommt mit breiten fetten Strichen zustande. Daher das vibrierende Leben der Flächen, während Velasquez auch da, wo er sich einer viel reicheren Palette bedient, saucig wirkt und seine Flächen immer nur Farbe bleiben. Dieser Unterschied, der sich bei jedem Vergleich technisch feststellen läßt, erschöpft sich nicht mit der Technik, sondern weist auf den Unterschied der Empfindungen. Manets Flächen sind in jedem Punkt lebendig, weil er mit jedem Strich empfindet und weil wir das in jedem Strich nachempfinden...

      Manet gibt mit dem Strich, mit dem er die Erscheinung begrenzt, gleichzeitig ihren Inhalt und ihre räumliche Bedeutung. Der Strich...sitzt so richtig da, wo er hingehört, und schildert außerdem mit solcher Gewalt die Materie, das Fleisch, das Haar, den Stoff, daß wir die Suggestion, die er andeutet, unfehlbar in der gewünschten Richtung ergänzen. Unser Auge vollführt die Modulierung. Es wird gewissermaßen von der Wucht des Flächigen zu einer Ausdeutung der Tiefe getrieben. Manet modelliert den Strich, mit dem andere den Körper modellierten. Eine Tonkunst sondergleichen erglänzt. Manet weiß genau, wie eine Helligkeit vorn, wie sie weiter hinten aussieht, und er braucht nicht mit allmählicher Erhöhung oder Vertiefung des Schattens von vorne nach hinten zu gelangen. Er springt über die Differenzen. In einer der vielen halb im Spiel gemachten Skizzen nach kostümierten Frauen malt ein heller Strich das Bein, ein Strich von anderer Helligkeit den Arm, die Hand mit dem Fächer, ein Strich mit ein paar Punkten das Gesicht dahinter. Und mit einem Hinwischen wird der andere Arm, der unter dem Schwarz hervorkommt, gemacht. Warum wirkt dieses Nichts von Andeutung so stark? Weil das Nötige...fabelhaft getroffen wird. Wenig, sagt sich Manet, so wenig wie möglich, aber das wenige so, daß nicht ein Punkt daran verrückt werden kann! ….

      aus J.Meier-Graefe "Edouard Manet" R. Piper & Co., Verlag: München 1912; zit. v. archive.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 07.05.1861 - Geburtstag von Rabindranath Tagore

      Der mittellange Aufsatz Was ist Kunst? des ersten asiatischen Nobelpreisträgers (Literatur, 1913) findet sich im Band "R. T. Persönlichkeit. Kurt Wolff Verlag: München 1921"

      …. Man hat sich lange um das Wort L'art pour l'art gestritten, das bei einem Teil der abendländischen Kritiker in Mißkredit gekommen ist. Es ist ein Zeichen, daß das asketische Ideal des puritanischen Zeitalters wiederkehrt, wo Genuß als Selbstzweck für sündhaft gehalten wurde. Aber jeder Puritanismus ist eine Reaktion. Er kann die Wahrheit nicht mit unbefangenem Auge...sehen. Wenn der Genuß die unmittelbare Berührung mit dem Leben verliert und in der Welt seiner...mühsam ausgearbeiteten Konventionen immer wählerischer...wird, dann kommt der Ruf nach Entsagung... Ich will mich nicht auf die Geschichte der modernen Kunst einlassen..., doch ich kann als allgemeine Wahrheit behaupten: wenn der Mensch seinen Trieb nach Freude zu unterdrücken sucht und ihn in einen bloßen Trieb nach Erkenntnis oder Wohltun umwandelt, so muß der Grund darin liegen, daß seine Freudefähigkeit ihre natürliche Frische...verloren hat.

      Die Ästhetiker im alten Indien trugen kein Bedenken zu sagen, daß...selbstlose Freude die Seele der Dichtkunst sei. Aber das Wort Freude muß richtig verstanden werden. Wenn wir es analysieren, so zeigt uns sein Spektrum eine unendliche Reihe von Streifen, deren Farbe und Intensität je nach den verschiedenen Welten unendlich verschieden ist. Die Welt der Kunst enthält Elemente, die ganz offenbar nur ihr angehören und Strahlen aussenden, die ihre besondere Leuchtkraft und Eigentümlichkeit haben. Es ist unsere Pflicht, sie zu unterscheiden und ihrem Ursprung und Wachstum nachzugehen...

      Bloße Mitteilung von Tatsachen ist nicht Literatur... Wenn man uns immer...wiederholte, daß die Sonne rund, das Wasser durchsichtig und das Feuer heiß ist, so wäre dies unerträglich. Aber eine Schilderung...des Sonnenaufgangs verliert nie ihr Interesse für uns, denn hier ist es...das Erlebnis des Sonnenaufgangs, was der Gegenstand unsres dauernden Interesses ist. Die Upanischaden lehren, daß wir den Reichtum lieben nicht um des Reichtums willen, sondern um unsrer selbst willen. Das heißt: wir fühlen uns selbst in unserm Reichtum, und daher lieben wir ihn. Die Dinge, die unsre Gefühle erregen, erregen unser Selbst-Gefühl. Es ist, wie wenn wir die Harfenseite berühren: ist die Berührung zu schwach, so spüren wir nichts anderes als die Berührung selbst; aber wenn sie stark ist, so kehrt sie in Tönen zu uns zurück und erhöht unser Bewußtsein...

      Was ein Künstler zu sagen hat, kann er nicht einfach durch lehrhafte Auseinandersetzung ausdrücken. Um zu sagen, was ich von der Rose weiß, genügt die einfachste Sprache, aber ganz anders ist es, wenn ich sagen will, was ich bei der Rose empfinde. Dies hat nichts mit äußeren Tatsachen oder Naturgesetzen zu tun, sondern ist eine Sache des Schönheitssinnes, der nur durch den Schönheitssinn wahrgenommen werden kann. Daher sagen unsre alten Meister, daß der Dichter Worte brauchen muß, die ihren eigenen Duft und ihre eigene Farbe haben, die nicht nur reden, sondern malen und singen...

      Wir müssen allerdings zugeben, daß der Mensch auch in der Kunst des Nützlichen seine Persönlichkeit offenbart. Aber hier ist Selbstoffenbarung nicht sein...wesentlicher Zweck. Im Alltagsleben, wo wir zumeist durch unsre Gewohnheiten bestimmt werden, sind wir sparsam damit, denn dort ist unser Seelenbewußtsein im Zustand der Ebbe; es hat eben Fülle genug, um in den Rinnen seiner Gewohnheit dahinzugleiten. Aber wenn unser Herz in Liebe oder in einem andern großen Gefühl voll erwacht, dann hat unsre Persönlichkeit ihre Flutzeit. Dann möchte sie ihr innerstes Wesen offenbaren, - nur um der Offenbarung willen. Dann kommt die Kunst, und wir vergessen...die Vorteile der Nützlichkeit, - dann suchen die Türme unsres Tempels die Sterne zu küssen und die Töne unsrer Musik die Tiefe des Unaussprechlichen zu ergründen...

      Auf dem Wege der Analyse werden wir das wahre Wesen der Kunst nie entdecken. Denn das wahre Prinzip der Kunst ist das Prinzip der Einheit. Wenn wir den Nährwert gewisser Speisen wissen wollen, so müssen wir die Bestandteile...untersuchen; aber ihr Geschmackswert besteht in ihrer Einheit und läßt sich nicht analysieren. Sowohl Stoff wie Form sind Abstraktionen, die wir vornehmen; der Stoff...fällt der naturwissenschaftlichen Betrachtung zu, die Form...fällt unter die Gesetze der Ästhetik. Aber wenn sie unlösbar eins sind, finden sie die Gesetze ihrer Harmonie in unsrer Persönlichkeit, die ein organischer Komplex von Stoff und Form, Gedanken und Dingen, Motiven und Handlungen ist.

      Daher sehen wir, daß alle abstrakten Ideen in der wahren Kunst nicht am Platze sind; um Zutritt zu gewinnen, müssen sie persönliche Gestalt annehmen. So kommt es, daß die Dichtkunst Worte zu wählen sucht, die voll von Leben sind, Worte, die nicht...durch beständigen Gebrauch abgegriffen sind, sondern in unsrem Herzen Heimatrecht haben. Zum Beispiel ist das deutsche Wort Bewußtsein noch nicht aus seinem scholastischen Verpuppungszustand zum Schmetterlingsdasein vorgedrungen, daher kommt es in der Poesie selten vor, während das ihm entsprechende Wort cetana lebendige Kraft hat und in der Dichtung ganz heimisch ist. Dagegen ist das deutsche Wort Gefühl von Leben durchblutet, aber das bengalische anubhuti findet in der Dichtung keinen Zutritt, weil es nur SInn, aber keinen Duft hat... ….

      v. archive.org (dt. v. H.Meyer-Franck >1869/1945<)
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      (Udo Lindenberg)
    • 08.05.1903 - Todestag von Paul Gauguin

      => a. d. Band "P. G. Noa Noa. Verlag von Bruno Cassirer: Berlin 1908" =>

      …. Ich esse und kleide mich wie (meine Nachbarn). Wenn ich nicht arbeite, teile ich ihr Leben der Einfalt und der Freude, die sich zuweilen jäh in Ernst umwandelt. Abends versammelt man sich...am Fuße der buschigen Sträucher, die die zerzausten Wipfel der Kokosnußbäume überragen... Die einen stammen aus Tahiti, andere von den Tongas- und wieder andere von den Marquesas-Inseln. Die matten Töne ihrer Körper stimmen harmonisch zu dem Sammet des Laubes, und aus ihrer kupfernen Brust steigen zitternd Melodien, die von den rauhen Stämmen der Kokosnußbäume gedämpft zurückgeworfen werden... Eine Frau beginnt, ihre Stimme erhebt sich gleich einem Vogel im Fluge...bis zum höchsten der Tonleiter, steigt und sinkt in starken Modulationen und schwebt schließlich über den Stimmen der übrigen Frauen, die...sie getreulich begleiten. Mit einem einzigen gutturalen, barbarischen Schrei schließen zuletzt alle Männer einstimmig den Gesang...

      Mit einem Gebet wird begonnen, ein Greis spricht es gewissenhaft vor, und alle Anwesenden wiederholen es. Dann...werden lustige Geschichten erzählt. Der Inhalt dieser Erzählungen ist sehr zart, kaum greifbar... Seltener gibt man sich mit der Erörterung ernster Fragen oder weiser Vorschläge ab. Eines Abends wurde folgender gemacht, den ich nicht ohne Staunen hörte: In unserm Dorf...sieht man hier und dort...geborstene Mauern und morsche halboffene Dächer, durch die Nässe dringt, wenn es zufällig einmal regnet. Warum? Jedermann hat das Recht, vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Es fehlt weder an Holz noch an Laub zur Herstellung der Dächer. Ich schlage vor, gemeinschaftlich geräumige solide Hütten...zu bauen. Wir wollen alle der Reihe nach Hand anlegen...

      Der Antrag des Greises wurde einstimmig angenommen... Aber am folgenden Tage, als ich mich nach dem Beginn der gestern verabredeten Arbeit erkundigte, merkte ich, daß niemand mehr daran dachte. Das tägliche Leben nahm wieder seinen Gang, und die von dem weisen Ratgeber bezeichneten Häuser blieben zerfallen wie zuvor. Auf meine Fragen erhielt ich nur ein ausweichendes Lächeln zur Antwort... Ich zog mich...mit dem Gefühl zurück, eine tüchtige Lektion von meinen Wilden erhalten zu haben. Sie taten wahrlich recht, dem Vorschlag des Greises beizustimmen. Vielleicht hatten sie auch recht, dem gefaßten Enschluß nicht weiter Folge zu leisten... ….

      Vom Wegrand aus könnte man die fast ganz von Guavabäumen verdeckte Grotte einfach für einen Felsenvorsprung oder eine etwas tiefere Spalte halten. Aber biegt man die Zweige zurück und leitet man einen Meter weiter hinunter, so ist keine Sonne mehr sichtbar, man befindet sich in einer Art Höhle, deren Grund an eine kleine Bühne mit hochroter...Decke erinnert. Hie und da an den Wänden glaubt man riesige Schlangen sich langsam dehnen zu sehen, um an der Oberfläche des inneren Sees zu trinken. Aber es sind Wurzeln, die sich einen Weg durch die Felsspalten bahnen... Kommst du mit mir, frage ich Tehura und zeige auf den Grund. Bist du toll? Da hinunter, so weit! Und die Aale? Da hinunter wagt man sich nie! Und anmutig schwang sie sich leicht auf das Ufer, wie einer, der stolz ist, so gut schwimmen zu können. Aber ich bin auch ein guter Schwimmer, und obwohl ich mich nicht gern allein so weit fort wagte, steuerte ich auf den Grund zu. Durch welch seltsames Phänomen der Luftspiegelung mochte er sich aber immer mehr von mir entfernen, je angestrengter ich mich bemühte, ihn zu erreichen? Ich drang immer weiter vorwärts, und von allen Seiten blickten die großen Schlangen mich spöttisch an. Einen Augenblick glaubte ich eine große Schildkröte schwimmen zu sehen, ihr Kopf ragte aus dem Wasser, und ich unterschied zwei starre, glänzende Augen, die mich argwöhnisch anschauten. - Torheit! dachte ich: die Meerschildkröten leben nicht in süßem Wasser. Dennoch - bin ich denn wirklich ein Maorie geworden? - kommen mir Zweifel, und es fehlt wenig, daß mir schaudert... ….

      Mitten am Tische thronte...die Frau des Häuptlings von Punaauia. Ihr auffallendes, phantastisches Kleid von orangefarbenem Samt gab ihr ungefähr das Aussehen einer Jahrmarktsheldin. Aber...das Bewußtsein ihres Ranges verlieh ihrem Flitter eine unbeschreibliche Größe. Die Gegenwart dieser majestätischen Frau von sehr reinem Typus gab diesem Fest eine stärkere Würze als alles andere...Neben ihr saß eine hundertjährige Greisin, deren Hinfälligkeit durch eine voll erhaltene Doppelreihe Menschenfresserzähne abschreckend war. Sie nahm wenig teil an dem, was um sie herum geschah... Aber eine Tätowierung auf ihrer Wange, ein dunkles, in seiner Form unbestimmtes Zeichen, das an einen lateinischen Buchstaben erinnerte, sprach in meinen Augen für sie und erzählte mir ihre Geschichte. Die Tätowierung glich in nichts der der Wilden: sie stammte sicherlich von europäischer Hand. Ich erkundigte mich darnach. Ehemals, sagte man mir, als die Missionare gegen die Fleischeslust eiferten, zeichneten sie "gewisse Frauen" mit dem Stempel der Ehrlosigkeit, dem "Höllensiegel" - dessen sie sich schämten, aber nicht etwa wegen der begangenen Sünden, sondern wegen der Lächerlichkeit und der Schande einer solchen "Auszeichnung".

      An jenem Tage verstand ich besser denn je das Mißtrauen der Maories den Europäern gegenüber, ein Mißtrauen, das heute noch besteht, so milde es sich bei der großmütigen und gastfreundlichen Natur der australischen Seele auch zeigen mag. -- Wieviele Jahre lagen zwischen der von dem Priester gezeichneten Greisin und dem von dem Priester verheirateten jungen Mädchen: Das Zeichen bleibt unauslöschlich und zeugt von dem Niedergang der Rasse, die sich ihm unterwarf, und von der Niedrigkeit jener, die es ihr aufzwang... ….

      zit. v. archive.org >dt. v. L.Wolf, 1860/1942<
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      (Udo Lindenberg)
    • 10.05.1893 - In Bonn wird das Beethoven-Haus eröffnet

      "Von den 1770 bekannten Privat- und Geschäftsbriefen Beethovens befinden sich über 700 in der Sammlung des Beethoven-Hauses. Sie werden im Digitalen Archiv originalgetreu...präsentiert" (v. beethoven.de)

      (an J.v.Schaden in Augsburg, 15.09.1787) ...ich will mich nicht eher entschuldigen, bis ich die ursachen angezeigt habe, wodurch ich hoffen darf, daß meine entschuldigungen angenommen werden. ich muß ihnen bekennen: daß, seitdem ich von augspurg hinweg bin, meine freude und mit ihr meine gesundheit begann aufzu hören; je näher ich meiner vaterstadt kam, je mehr briefe erhielte ich von meinem vater, geschwinder zu reisen... das verlangen meine kranke mutter noch einmal sehen zu können, sezte alle hinderniße bey mir hinweg, und half mir die gröste beschwerniße überwinden. ich traf meine mutter noch an...; sie hatte die schwindsucht und starb endlich ungefähr vor sieben wochen, nach vielen überstandenen schmerzen und leiden. sie war mir...meine beste freundin; o! wer war glüklicher als ich, da ich noch den süßen namen mutter aussprechen konnte..., und wem kann ich ihn jezt sagen?...

      so lange ich hier bin, habe ich noch wenige vergnügte stunden genoßen; die ganze zeit hindurch bin ich mit der engbrüstigkeit behaftet gewesen, und ich muß fürchten, daß gar eine schwindsucht daraus entstehet; dazu kömmt noch melankolie, welche für mich ein fast eben so großes übel, als meine krankheit selbst ist. denken sie sich jezt in meine lage, und ich hoffe vergebung, für mein langes stillschweigen...

      (an C.Amenda in Wirben, 01.07.1801) …womit soll ich deine Treue deine Anhänglichkeit an mich vergleichen, o das ist recht schön... du bist kein Wiener-Freund, nein du bist einer von denen wie sie mein Vaterländischer Boden hervorzubringen pflegt, wie oft wünschte ich dich bey mir, denn dein B. lebt sehr unglücklich, im streit mit Natur und schöpfer, schon mehrmals fluchte ich lezterm, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesezt, so daß oft die schönste Blüthe dadurch zernichtet und zerknikt wird, wisse, daß...mein Gehör sehr abgenommen hat, schon damals als du noch bey mir warst, fühlte ich davon spuren, und ich verschwieg's, nun ist es immer ärger geworden..., es soll von den Umständen meines Unterleibs herrühren, was nun den betrift, so bin ich fast ganz hergestellt, ob nun auch das Gehör besser wird werden, das hoffe ich zwar aber schwerlich, solche Krankheiten sind die unheilbarsten... meine schönsten Jahre werden dahin fliegen, ohne alles das zu wirken, was mir mein Talent und meine Kraft geheißen hätten - traurige resignation zu der ich meine Zuflucht nehmen muß, ich habe mir Freylich vorgenommen mich über alles das hinaus zu sezen, aber wie wird es möglich seyn?...

      und dann unter so elenden Ego istischen Menschen wie die Zmeskal, Schuppanzig etc., ich kann sagen unter allen ist mir der Lichnowski der erprobteste, er hat mir seit vorigem Jahr 600 fl. ausgeworfen, das und der gute Abgang meiner Werke sezt mich im stand ohne Nahrungssorgen zu leben... jezt ist zu meinem Trost wieder ein Mensch hergekommen mit dem ich das Vergnügen...der uneigennützigen Freundschaft theilen kann, er ist einer meiner JugendFreunde..., auch ihm kann der Z. nicht gefallen, er ist und bleibt zu schwach zur Freundschaft, ich betrachte ihn und S. als bloße Instrumente, worauf ich, wenn's mir gefällt, spiele, aber nie können sie edle Werkzeuge meiner innern und aüßern Thätigkeit (werden)...

      die Sache meine Gehörs bitte ich dich als ein großes Geheimniß aufzubewahren, und niemanden, wer er auch sey, anzuvertrauen...

      (an F.G.Wegeler in Bonn, 16.11.1801) ...das sausen und brausen ist etwas schwächer als sonst..., aber mein Gehör ist gewiß um nichts noch gebessert... mit meinem unterleib gehts besser, besonders wenn ich einige Täge das lauwarme Bad brauche, befinde ich mich 8 auch 10 Täge ziemlich wohl; sehr selten einmal etwas stärkendes für den Magen, mit den Kraütern auf den Bauch fange ich jezt auch nach deinem Rath an... etwas angenehmer lebe ich jezt wieder, indem ich mich mehr unter menschen gemacht, du kannst es kaum glauben, wie öde, wie traurig ich mein Leben seit 2 Jahren zugebracht, wie ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen... ich muß mich nun noch wacker herumtummeln, wäre mein Gehör nicht, ich wäre nun schon lang die halbe Welt durchgereißt, und das muß ich - für mich gibts kein größeres Vergnügen als meine Kunst zu treiben und zu zeigen...

      meine Jugend - ja ich fühle es, sie fängt erst jezt an, war ich nicht immer ein siecher Mensch, meine körperliche Kraft - nimmt seit einiger Zeit mehr als jemals zu, und so meine Geisteskräfte jeden tag gelange ich ich mehr zu dem Ziel, was ich fühle, aber nicht beschreiben kann, nur hierin kann dein B. leben... als vollendeter, reifer Mann komme ich zu euch erneure die alten FreundschaftsGefühle, so glücklich als es mir hinieden beschieden ist, sollt ihr mich sehen... ich will dem schicksal in den rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht - o es ist so schön das Leben tausendmal leben - für ein stilles - Leben, nein ich fühl's, ich bin nicht mehr dafür gemacht...

      (an F.G.Wegener in Koblenz, 02.05.1810) …obschon du keine schriftliche Beweise hast, bist du doch noch immer bey mir im lebhaftesten Andenken - Unter meine Manusc-ripten ist selbst schon lange Eins, was dir zugedacht ist, und was du gewiß noch diesen Sommer erhälst - seit ein 2 Jahren hörte ein stilleres ruhigeres Leben bey mir auf, und ich ward mit gewalt in das Weltleben gezogen... - doch auf wen mußten nicht auch die Stürme von außen Wirken? Doch ich wäre glüklich, vielleicht einer der Glüklichsten Menschen, wenn nicht der Dämon in meinen Ohren seinen Aufenthalt aufgeschlagen - hätte ich nicht irgendwo gelesen, der Mensch dörfe nicht freywillig scheiden von seinem Leben, so lange er noch eine gute That verrichten kann, längst wär ich nicht mehr - und zwar durch mich selbst - o so schön ist das Leben, aber bey mir ist es für immer vergiftet...
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      (Udo Lindenberg)
    • 13.05.1833 - In der Philharmonic Society in London wird Felix Mendelssohns 4. Sinfonie (gen. die Italienische) uraufgeführt

      (M.)...brach im Mai (1830)...nach Italien auf. Die Reiseroute führte über Venedig, Florenz, Rom, Neapel, Pompeji, Genua und Mailand. Als...Reiseführer diente Goethes Italienische Reise (v. wikipedia.org)

      Neapel, den 27. April 1831 … (Pompeji) ist halb wie eine Brandstätte, halb wie eine eben verlassene Wohnung. Für mich, dem beides immer etwas Rührendes hat, war der Eindruck eigentlich der traurigste, den ich bis jetzt in Italien gehabt. Als seien die Menschen eben ausgegangen, ist es; doch zeigt wiederum fast Alles auf eine andere Religion, anderes Leben, kurz auf 1700 vergangene Jahre hin; und dazu klettern denn Franzosen und Engländer munter drauf umher; zeichnen es auch wohl gar ab, - es ist wieder das alte Trauerspiel von Vergangenheit und Gegenwart, über das ich in meinem Leben nicht wegkomme.

      Das lustige Neapel macht sich darauf freilich ganz gut, aber die übertriebene Masse von elenden Bettlern, die Einen auf allen Wegen und Stegen verfolgen, den Wagen im Haufen einschließen, sobald man anhält; namentlich die weißhaarigen alten Leute, die man darunter sieht, thun mir wehe, denn eine solche Masse von Elend kann man sich gar nicht denken... Das Theater ist jetzt für mehrere Wochen geschlossen, weil das Blut des heiligen Januarius ehester Tage fließen soll. Was ich vorher dort gehört, war der Mühe des Hingehens nicht werth… Um italienische Oper zu hören, muß man jetzt nach Paris oder London gehen. Ich bitte Gott, daß es nur nicht mit der deutschen Musik ebenso werden möge!...

      Neapel, den 17. Mai 1831 … Es war ungefähr ein Jahr, daß ich mit Vater nach Dessau und Leipzig abgereist war... Ich habe das Jahr für mich benutzt, - bin an Eindrücken und Erfahrungen sehr viel reicher; war auch fleißig in Rom und hier; aber Äußerliches ist nichts geschehn, und...so lange ich in Italien bin, wird es auch wohl dabei bleiben. Darum ist mir aber doch die Zeit nicht weniger lieb, als andere, wo ich äußerlich und in der Meinung der Leute vorwärts kam... Nur da ist jetzt die Kunst von Italien - da, und in Monumenten; aber da bleibt sie auch ewig, und da wird Unsereins zu lernen und zu bewundern finden, so lange der Vesuv stehen bleibt, und so lange die milde Luft und das Meer und die Bäume nicht vergehen...

      Die Zeit wo jeder Italiener geborener Musiker war, ist, wenn sie jemals gewesen, lange vorbei. Sie behandeln es, wie jeden Modeartikel, kalt, gleichgültig, kaum mit dem Interesse des äußerlichen Anstandes, und da ist es nicht zu verwundern, wenn jedes einzelne Talent, wie es aufkommt, gleich in die Fremde zieht, wo es...Gelegenheit findet etwas Ordentliches, Herzstärkendes zu hören und zu lernen...

      Neapel, den 28. Mai 1831 … Im einzigen Wirtshaus (Ischias) war Alles besetzt, so daß wir uns entschlossen, noch bis zu Don Tomasso zu gehen... Das Ding (wäre) langweilig geworden, hätte Don Tomasso nicht den niedlichsten Hühnerhof, den es in Europa geben kann. Vorne an der Thür steht ein gewaltiger schattiger Orangenbaum..., unter dessen Ästen die Treppe nach der Wohnung hinaufführt... Der Flur oben besteht aus einer weiten offenen Halle, wo man aus einem Bogen heraus den ganzen Hof mit Orangenbaum, Treppe, den Strohdächern, Weinfässern und Krügen, den Eseln und Pfauen übersehen kann. Damit es am Vorgrunde nicht fehle, steht unter dem gemauerten Bogen ein indischer Feigenbaum, so üppig, daß man ihn mit Stricken an der Mauer hat festbinden müssen... Unter dem Bogen...zeichneten (wir) den ganzen lieben Tag lang uns den Hof ab, so zierlich es gehen wollte. Ich habe mich überhaupt nicht genirt, sondern immer mitgezeichnet und glaube auch, etwas profitirt zu haben...

      Vor allem muß ich aber von der blauen Grotte (von Capri) erzählen, denn die kennt nicht ein Jeder... Das Meer füllt also den ganzen Boden der Höhle aus, und...nur ein kleines Stück der Öffnung ragt über dem Wasser hervor, und durch dies kleine Stück fährt man nun mit einem schmalen Kahn, auf dessen Boden man sich ausstrecken muß, hinein. Ist man einmal drin, so liegt die ganze ungeheure Höhle...über Einem, und man kann frei, wie unter einem Dome, darin umherrudern. Das Sonnenlicht fällt nun aber durch die Öffnung unter dem Wasser hinein, wird durch das grüne Meerwasser gebrochen und gedämpft, und daher kommen die zauberischen Erscheinungen. Die ganzen hohen Felsen sind himmelblau und grünlich im Dämmerlicht, etwa wie im Mondschein; doch sieht man alle Ecken und Vertiefungen deutlich; das Meer aber ist durch und durch von Sonnenlicht beleuchtet und erhellt, sodaß der schwarze Kahn auf einer hellen glänzenden Fläche schwebt; die Farbe ist das blendendste Blau, das ich je gesehen habe...

      Rom, den 6. Juni 1831 ... Es ist, als wolle Einen die Luft (in Neapel) nicht zum Nachdenken kommen lassen; wenigstens ist es mir nur sehr selten gelungen, mich dort zu sammeln. Jetzt bin ich aber kaum ein Paar Stunden wieder hier, und das alte römische Behagen und die heitere Ernsthaftigkeit...haben sich schon wieder ganz über mich ausgebreitet. Ich kann nicht sagen, wie ungleich mehr ich Rom liebe... Die Leute sagen, Rom sei monoton, einfarbig, traurig und einsam; es ist auch wahr, daß Neapel...lebendiger, verschiedenartiger, kosmopolitischer (ist). Ich sage Euch ((Eltern)) aber im Vertrauen, daß ich nach und nach auf das Kosmopolitische einen ganz besonderen Haß bekomme; - ich mag es nicht, wie ich überhaupt Vielseitigkeit nicht recht mag, oder eigentlich nicht recht daran glaube. Was eigenthümlich und schön und groß sein soll, das muß einseitig sein; wenn diese eine Seite nur zur größten Vollkommenheit ausgebildet ist, - und das kann kein Mensch Rom abstreiten...

      Florenz, den 25. Juni 1831 … Das Glück einer großen Sammlung der ersten Kunstwerke ist mir recht vor Augen getreten... Es war hier ein Festtag gestern, und so war heute der Palast degli Uffizii voll Leuten, die nach der Stadt gekommen waren, um's Pferderennen zu sehen und nun auch die berühmte Gallerie sehen wollten; meist Bauern und Bäuerinnen in der Landtracht. Alle Gemächer waren offen, und ich, der ich sie mir zum letztenmale betrachtete, konnte mich so ganz still durch alle die Leute schleichen und recht einsam sein, weil ich gewiß keinen Bekannten darunter hatte...

      zit. v. gutenberg.spiegel.de (Felixens inflationären Gebrauch von Kommata habe ich mir erlaubt, etwas einzudämmen :) )
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      (Udo Lindenberg)
    • 15.05.1832 - Todestag von Carl Friedrich Zelter

      … Der sonst so wilde Bube...fühlte sich beim Anhören von Musik...ergriffen und gebunden. Daß die erste Oper, die er...hörte, Graun's "Phaeton" war, ist bezeichnend..., denn der Geist der Graun'schen Kunstrichtung...schlug schon den Knaben in Bande, in denen er bis zu gewissem Grade zeitlebens blieb... Mit dem Lernen wollte es indessen nicht recht fortgehen und da er 1774 das nöthige Alter erreicht hatte..., besuchte (er) die Kunstakademie, um sich in Geometrie und Zeichnen zu vervollkommnen und trat dann...in kindlichem Gehorsam gegen den Vater als Maurerlehrling ein... Heimlich setzte er daneben aber auch...sein Musiktreiben fort...

      Da ihn Kirnberger, der damals in Berlin den Ruhm des vornehmsten theoretischen Lehrers genoß, abwies, wandte er sich an Fasch, der neben jenem die erste Stelle einnahm... Als (1786) Friedrich der Große gestorben war, componirte Z. eine Trauerkantate..., die in der Garnisonkirche zur Aufführung kam. Sie wirkte...tief ergreifend und fand auch bei den Künstlern große Anerkennung. Der Vater war zugegen ohne den Componisten zu kennen. Als er...die Sache erfuhr, überkam ihn das besorgliche Gefühl, den Sohn in eine verkehrte Bahn geführt zu haben und er gab ihm jetzt völlige Freiheit. Z. aber war ein viel zu braver Sohn um den Vater plötzlich im Stich zu lassen: er baute rüstig weiter, betrieb aber nun seine Musik...nach Lust und Zeit. Besonders widmete er sich der Liedcomposition, gab auch Musikunterricht...

      Fasch hatte bekanntlich 1790 einen Gesangverein von Dilettanten gegründet... Als die Zahl zu groß wurde für private Räume wurde...ein Saal der Akademie gewährt; darüber kam im Volksmund der Name "Singakademie" auf... Es ist Zelters Verdienst, das Ganze in ernstere Bahnen gelenkt zu haben. Er richtete...mit einzelnen der Sänger einen Uebungsabend ein, in dem er nach und nach...zu schwereren Aufgaben überging. Als...1800 Fasch gestorben war, übernahm Z....die Leitung..., ward auch in dieser Stellung von allen Seiten unbedingt anerkannt. Es verdient übrigens bemerkt zu werden, daß er, der äußerlich keineswegs in glänzender Lage war, die...Thätigkeit an der Singakademie ohne jede Vergütung leistete... ((Erst im Juni 1809 wird Zelter "mit festem Gehalte angestellt"; wesW))

      Dieser merkwürdige Briefwechsel (mit Goethe)...ist eine überaus schätzbare Quelle sowol für die Auffassung Goethe's in musikalischen Dingen, als für die Geschichte des Berliner Musiklebens und Zelter's Stellung dazu... Es war Zelter's kerniges, thatkräftiges, gerades und von scharfem Berliner Witz gefärbtes Wesen, an dem der Dichter ein in den Briefen überall hervorleuchtendes Gefallen fand... Es kommt aber ein zweites hinzu. Goethes Sinn für Musik war wenig entwickelt und er fühlte sich in seinem Verständniß unsicher... Daher war ihm der tüchtige Techniker..., dessen Urtheil er richtig trauen zu dürfen glaubte, eine willkommene Ergänzung des eigenen Mangels.

      Hierin lag freilich eine thatsächliche Täuschung, weil Zelter's Urtheil beschränkt und enge war. (Es ist...bezeichnend, daß in dem von 1796--1832 dauernden Briefwechsel die Namen Zumsteeg, Löwe und Franz Schubert nicht zu finden sind.) Ueber die...Begeisterung, mit der Berlin 1821 den "Freischütz" aufnahm, schreibt er spöttelnd und nennt ihn ein "colossales Werk ex nihilo", der ihn geschaffen sei eben ein "Kränkling". Auch in seiner Anerkennung der "Euryanthe" >1824< ist er recht zurückhaltend... Am allerschlimmsten aber erging es dem genialen Berlioz. Dieser hatte Goethe 1823 seine Composition zu Theilen des Faust...übersandt und Goethe schickte sie Z. zur Beurtheilung: Er möchte, schreibt er dabei, im Anschauen so wunderlicher Notenfiguren beruhigt werden. Zelter's Urtheil faßt sich dahin zusammen: Es sei eine Abgeburt aus greulichem Incest entstanden. Das wird dann wol der Grund sein, weshalb der arme Berlioz von Goethe nicht einmal eine Antwort erhielt...

      (Zelter entwickelte) auf allen Gebieten des Wissens einen unermüdlichen Drang nach Belehrung. Vor allem waren es aber die Kunststudien seines großen Freundes in Weimar, die in ihm den lernbegierigsten Jünger fanden. Das bezeugt eine Menge von...Aufsätzen aus allen Kunstgebieten, die sich in seinem Nachlass vorfanden. Als Componist...blieb er ein Kind seiner Jugendzeit... Seine Declamation ist trefflich und der Ausdruck dringt oft auch tiefer in den Sinn des Gedichtes ein, immer aber spürt man noch etwas von jener Steifheit...wie er sie mit seinen norddeutschen Zeitgenossen theilte, und es blieb erst seinem Schüler...Mendelssohn vorbehalten, mit dieser Tradition im freien Herzenserguß zu brechen. (Zelter's letzte Lebensjahre sind durch letzteren erhellt und erwärmt worden. Zwölfjährig trat jener in die Singakademie ein und Z....überwachte ihn mit treuester Hingebung und erkannte...mit ebenso richtigem Verständniß als inniger Freude, wie jener...mehr und mehr zu einer selbständigen musikalischen Persönlichkeit emporwuchs)...

      (Ab 1806/07 schuf Zelter sich) die Mittel zur Aufführung von Oratorien, Messen und andern größeren Gesangswerken... (Die Singakademie) veranstaltete um diese Zeit...ein Concert im Opernhause, welches dadurch besonders...Erfolg hatte, daß darin nur Gesänge a capella vorgetragen wurden. Solcher Gesang war...völlig verloren gegangen und erfüllte die Zuhörerschaft mit...Bewunderung. Ans Ende des Jahres 1808 fällt dann auch die Gründung der Liedertafel, in der der mehrstimmige Männergesang gepflegt werden sollte. Ihr Meister war Z. und blieb es bis an sein Ende. Solcher mehrstimmiger Männergesang war etwas ebenso unbekanntes, wie der Gesang a capella, und beide haben sich dann von Berlin aus...über ganz Deutschland verbreitet...

      R.Eitner in "Allg. Dt. Biographie. Bd. 45, Duncker & Humblot: Leipzig 1900"; zit. v. wikisource.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 21.05.1471 - Geburtstag von Albrecht Dürer

      …. Eine tiefe Erregung hatte sich am Schlusse des XV. Jahrhunderts der Gemüther in Deutschland bemächtigt. Mit ungeahnter Kraft erhob sich der oft so zurückgedrängte Volksgeist gegen die veraltete hierarchische Weltordnung, wie sie im Papstthume und im Römischen Kaiserthume gipfelte. In diesen beiden Spitzen...war nämlich gerade damals ein Personenwechsel eingetreten, der wohl geeignet war die schlummernde Opposition theils zu neuen Hoffnungen zu erwecken, theils zur Verzweiflung aufzuregen... 1492 bestieg der sittenlose Alexander VI. aus der spanischen Familie der Borgia den päpstlichen Stuhl, und (1493) trat Maximilian I., ein...ritterlicher und geistreicher König, an die Spitze des Römischen Reiches deutscher Nation... (Alsbald schaarten sich) die Stände und Fürsten um das neue Reichsoberhaupt, eifrig bemüht um die endliche Aufrichtung eines ewigen Landfriedens, um die Herstellung einer Reichsverfassung... Als man 1495 einen Reichsrath zu errichten gedachte, besprach man sogleich dessen Verpflichtung, die Beschwerden der Nation gegen den Römischen Stuhl in Betracht zu ziehen. Und womit antwortete der Papst? Er trat...1496 gegen das Lesen und Verbreiten ketzerischer Schriften auf und schärfte den Buchdruckern unter Androhung des Bannstrahles ein, kein Buch zu drucken, bevor der Bischof ihrer Diöcese es nicht begutachtet und die Erlaubniß...gegeben hätte. Und als...1500 das neue Reichsregiment doch zu Stande gekommen war und dasselbe...eine Gesandtschaft an den Papst schickte mit der ernstlichen Bitte um Abstellung der Eingriffe und Ungesetzlichkeiten, da erließ Alexander VI. die Bulle von 1501, durch welche die geistliche Büchercensur förmlich in Deutschland eingeführt wurde...

      1496 warf (Michel Wolgemut >geb. 1434 - Dürer lernte und arbeitete 1486-90 bei ihm; wesW< ) einen kleinen Kupferstich auf den Markt, der eine arge Lästerung des päpstlichen Stuhles darstellte. Er führt in vollkommenen Reniassancebuchstaben die Aufschrift: ROMA CAPVT MVNDI, Rom das Haupt der Welt. Man sieht darauf links im Grunde die Engelsburg, überragt von einer mit den Schlüsseln Petri gezierten Fahne, rechts die mittelalterliche Torre die Nona…, und zwischen beiden hindurch fließt der Tiber. Mitten inne aber steht ein weibliches Ungeheuer...auf einem Bockfuß und einer Geierklaue..., zwischen den Schultern aber ein Eselskopf, weshalb man das Blatt auch später kurzweg den "Papstesel" genannt hat... Und da konnte es Wolgemut wagen, sein Monogramm...darunter zu setzen; eine Kühnheit, wie sie...1496 wohl nirgends möglich war, als unter dem aufgeklärten und milden Stadtregiment der Patrizier von Nürnberg. Es liegt auf der Hand, daß wir es hier mit einem mittelbaren Producte der humanistischen Aufklärung zu thun haben...

      Die Idee, "Rom das Haupt der Welt" als ein weibliches Ungethüm darzustellen, erinnert unwillkürlich an die "große Babylon", die man damals so gerne zum Vergleiche heranzog; ihr Ursprung ist das 17. Capitel der Apokalypse, das mit den Worten schließt: "Und das Weib, das du gesehen hast, ist jene große Stadt, die Gewalt hat über die Könige der Erde". Wo immer der christliche Volksgeist irre wurde an den bestehenden Einrichtungen, das beschäftigte er sich gerne mit der Offenbarung Johannis... Selbst ein Buch mit sieben Siegeln, gab die Apokalypse dem grübelndem Frager freilich...keinen irdischen Trost. Es geht nur ein dämonischer Zug der Vernichtung durch das ganze Buch, und an ihrem Schrecken weidete sich die Phantasie der Verzweifelten...

      Zur selben Zeit, da Wolgemut sein Pamphlet über die sündige Roma veröffentlichte, arbeitete der junge Dürer in einem Hause nebenan an seiner Offenbarung Johannis. Ein Jahr zuvor 1495 entwarf auch er das Bild der babylonischen Hure für das vorletzte Blatt seiner Holzschnittfolge. Die Zeichnung in der Albertina ist zugleich das früheste mir vorgekommene Studium Dürers zu einem seiner bekannten Werke. Und was zeigt uns das Blatt? Nichts als die aufrechte Gestalt einer Dame der Zeit..., beladen mit Schmuck und Putz, mit der Rechten das Obergewand schürzend; im Hintergrund daneben die Skizze desselben Modells von rückwärts gesehen. Dasselbe üppige Weib...erscheint gegensinnig im Holzschnitte, sitzend auf dem siebenköpfigen Thiere - es bedeutet die sieben Hügel - in der Rechten emporhaltend den "gebuckelten Becher voll Greuel und Unsauberkeit". Und vor ihr steht eine Gruppe, die wenig Ehrfurcht vor der ganzen Erscheinung an den Tag legt. Ein König deutet nach ihr hin wie im Gespräche mit den Uebrigen, unter denen blos ein feister Bauer mit dem Filzhut über'm Ohr mit einigem Entsetzen sie anblickt, ein Landsknecht und eine Frau schielen blos schmunzelnd hinüber; in ihrer Mitte aber steht ein Mann in kurzem Rock, dessen Schlitzärmel tief herabfallen, wie der Zipfel seiner Kappe; er hat den Arm entschlossen in die Hüfte gestützt und schaut finster prüfend nach dem Ungethüm hinüber...

      Dürer dachte bei dem Weibe auf dem siebenköpfigen Thier, bei "der großen Stadt, die bekleidet war mit Seiden und Purpur...und übergoldet war mit...Edelsteinen und Perlen" nicht wie der Verfasser der Apokalypse an die alte Stadt auf den sieben Hügeln, sondern an das päpstliche Rom seiner Tage. Unter dieser nothwendigen Annahme klingt allerdings der apokalyptische Text wie ein geistliches Revolutionslied, und es wird begreiflich, wie die Bildwerke Dürers daneben einschlugen, gleich einem Ungewitter... ….

      <= aus M.Thausing. Dürer. Geschichte seines Lebens und seiner Kunst. II. Aufl. I. Bd. Verl. F. A. Seemann: Leipzig 1884; zit. v. archive.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 22.05.1885 - Todestag von Victor Hugo

      November. Sobald der Herbst die Tage verkürzt, die er verschlinget, / Den Abend und den Morgen um ihre Gluthen bringet,
      Wenn des Novembers Nebel am blauen Himmel weilt,
      Wenn es im Walde braust, wie Schnee die Blätter fallen, / Dann ziehst du Muse dich zurück in mir, vor Allen,
      Wie ein erstarrtes Kind, das zu dem Feuer eilt. (i)

      Denn vor dem düstern Winter, der zu Paris nun summet, / Erlischt dein Sonnenschein des Orients, verstummet
      Dein Traum von Asien, und du erblickest nur
      Vor dir die Straße mit dem wohlbekannten Lärmen, / Und Nebelstreifen, die um deine Fenster schwärmen,
      Und an den spitzen Dächern des Rauches schwarze Spur (ii)

      Die weißen Elephanten, die braune Frauen tragen, / Städte mit hohen Kuppeln, wo gold'ne Monde ragen,
      Magier, Baals Priester, Imans des Mahomed,
      Das Alles flieht, verschwindet, kein Harem mehr im Blühen / Und kein Gomorrha mehr, des hellen Scheines Glühen
      Auf's dunkle Babel wirft, kein maurisch Minaret. - (iv)

      Das ist Paris, der Winter. - Deinen verirrten Liedern / Verweigert Alles sich, es wird sie Nichts erwiedern;
      Paris, das weite, ist dem Klephten viel zu klein;
      Es würde dort der Nil die Ufer übersteigen, / Bengalens Rosen frören, wo selbst die Grillen schweigen;
      In diesem Nebel würden erstarrt die Peri's sein. (v)

      Dann, unbefang'ne Muse, den Orient beklagend, / Kommst du zu mir, fast nackt, die Augen niederschlagend.
      " - Hast Du nicht, sagst du mir, im Herzen, das noch glüht,
      Etwas zu singen, Freund! es langweilt mich vor Allen, / Seh' ich von deinem Fenster den dichten Regen fallen,
      Da mich vor Kurzem noch der Sonne Glanz durchglüht." (vi)

      Dann nimmst du meine Hände mit deinen beiden Händen, / Wir setzen, wo sich nicht Profane zu uns wenden,
      Uns hin, die süßeste Erinn'rung biet' ich dir,
      Von meiner Jugend, von den Spielen der Genossen, / Der Jungfrau Reden, die so oftmals mich verdrossen,
      Jetzt eines Andern Weib, beglückte Mutter hier. (vii)

      Dann siehst du mit dem Fuß mich auch die Schaukel schwingen, / Von der die Stricke knarrend am alten Baume hingen,
      Fort! daß es uns'rer Mutter stets große Angst gemacht;
      Dann nenn' ich dir darauf der span'schen Freunde Namen, / Madrid, wo ärgerlich wir in die Schule kamen,
      Und für den großen Kaiser der Kinder Kampf und Schlacht; (ix)

      Den guten Vater noch, und manche Jungfrau, scheidend / Mit fünfzehn Jahren, Blumen, den frühen Tod erleidend
      Allein die erste Liebe ist dir vor Allem werth,
      Der frische Schmetterling, deß Flügel, kaum berühret, / Den Glanz verliert, der fliehend ein neues Dasein führet,
      Und der nur einen Tag in unsern Tagen währt. (x. u. Ende)

      An ein Weib. Wär' ich ein König, o so gäb' ich gleich / Mein Volk, zu Füßen kniend mir,
      Und meine gold'ne Krone und mein Reich, / Den hehren Scepter, meinen Thron, so reich,
      Für einen Blick von Dir. -
      Wär' ich ein Gott, so gäb' ich Erd' und Fluthen, / Engel, Dämonen, tief gebeugt vor mir,
      Die Schätze, die in Meeresschlünden ruhten, / Raum, Ewigkeit, der goldnen Sonne Gluthen,
      Für einen Kuß von Dir.

      v. wikisource.org (dt. v. O.L.B.Wolff; 1799/1851)
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      (Udo Lindenberg)
    • 24.05.1918 - In Budapest wird Bela Bartoks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" uraufgeführt

      …. Peter war nun Herr von seiner Burg, die Verwandten...zogen sich in ihre eigenen Ländereien zurück; sie lebten seit dieser Zeit in einem sehr freundschaftlichen Umgange, ja sie würden ohne Zweifel auch Briefe gewechselt haben, wenn Peter die edle Kunst des Schreibens und Lesens inne gehabt hätte. Da er aber ein ungebildeter Naturmensch war, besuchten sie sich nur zuweilen, und schmausten mit einander. Der junge Rittersmann...hatte seine jugendliche Liebe...bald vergessen, er brachte seine Zeit entweder im Waffensaale, oder im Walde auf der Jagd zu.

      Er hatte sich an einem Tage...verirrt..., als ihm plötzlich aus einem Busche ein alter Mann entgegentrat. Der Alte ging ohne Umstände auf ihn zu... Ich heiße Bernard. Wenn auch, ich kenne Euch nicht. Bernard erzählte nun..., daß er...ihn schon in seiner Kindheit gekannt und beschützt habe... Peter betrachtete seinen Beschützer genau und war nicht ganz mit seiner Gestalt zufrieden. Der Alte hatte mehr Lächerliches als Ehrwürdiges in seinem Aueßern, und Peter konnte ihm daher unmöglich vielen Verstand oder viele Macht zutrauen.

      Als sie an einen freien Platz gekommen waren..., sagte der Alte: Ritter, Ihr müßt nicht glauben, daß ich mich Eurer ohne Noth so sehr annehme; tausend Gefahren stehen Euch bevor, und Ihr werdet Ihnen ohne meine Beihülfe unterliegen. Ihr seyd unter einem ungünstigen Gestirn geboren, und es wird viel Kraft kosten, den unglücklichen Einfluß unschädlich zu machen... (Jetzt) ist ein wichtiger Augenblick für Euch, Euer ganzes Leben steht still, und alle Gestirne machen halt, um dann bald eine neue Epoche anzufangen. Alles Glück der Welt wird ein Mensch niemals...vereinigen können, und der ist schon selig zu preisen, dem so wie Euch die Wahl gelassen wird. Auf welche Art wünscht Ihr also glücklich zu seyn? Wollt Ihr Reichthum, Ehre, Glück gegen den Feind, Liebe?...

      Nun, weil es denn seyn muß, sagte Peter, so gebt mir nur Glück gegen meine Feinde, und alles Uebrige mag zum Henker gehen. Es ist Euch gewährt, sagte Bernard feierlich; aber Ihr müßt wissen, daß sich nun das übrige Glück zusammenzieht, um diesem Platz zu machen und Euer Unglück durch zu lassen. Ihr habt auch hier zu wählen... (So) wählt unter den drei Uebeln: Schande, Unglück mit Euren Weibern, oder Kindischseyn im Alter. Halt! sagte Peter, ich nehme das Unglück mit Weibern an... Erstlich liegt in den Worten der Prophezeiung, daß ich mehrere Weiber haben werde, welches mir nicht unlieb ist, zweitens kann man mit diesen schwachen Geschöpfen noch immer am ersten fertig werden... Ich hätte Euch, antwortete Bernard, zu dem Kindischseyn gerathen; ein Unglück, daß so unbedeutend ist, daß es die meisten Menschen für Glück achten; indessen Ihr habt einmal gewählt, und dabei muß es also sein Bewenden haben. Ich mag Eure Wahl nicht zu sehr mißbilligen, um Euch den Handel nicht zu verleiden, aber ich wette, daß Euch diese Worte noch gereuen... ….

      aus - Die sieben Weiber des Blaubart. Eine wahre Familiengeschichte herausgegen von (Ludwig Tieck) >Erstdr. 1797< Verl. G. Reimer: Berlin 1828; zit. v. gutenberg.spiegel.de

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      …. Blaubart aber kannte die Weiber und die Mittel, ihnen die Köpfe zu verdrehen. Er lud die Mutter und die Töchter samt einigen ihrer Freundinnen und mehrere junge Männer auf eines seiner Schlösser, wo man sich durch acht Tage aufs angenehmste unterhielt. Da ging es hoch und lustig her; nichts als Landpartien, Bälle, Mahlzeiten, Gesellschaftsspiele, Neckereien, dazu wohlangebrachte Geschenke an die Mädchen wie an die Mutter und an die Freundinnen, die auf die Schwestern am meisten Einfluß hatten...

      Nach Verlauf des Honigmondes sagte Blaubart zu seiner Frau: "Ich muß in sehr wichtiger Angelegenheit eine längere Reise machen, die mich wohl sechs Wochen lang von dir, mein Engel, und von meinem jungen Glücke trennen wird. Betrübe dich darum nicht allzusehr; im Gegenteil, lasse deine Freundinnen kommen und unterhalte dich während meiner Abwesenheit so gut als möglich. Hier übergebe ich dir die Schlüssel zu meinen Vorrats- und Schatzkammern, denn was mir gehört, gehört dir, und schalte und walte du damit nach Belieben. Dieser Schlüssel führt zum Saal der Gold- und Silbergeschirrre, die man nicht täglich braucht, dieser zu meinen Kassen voll Gold und Silber, dieser zu den Kisten, in denen ich meine Diamanten aufbewahre, und dieser hier ist der Hauptschlüssel, der alle Türen öffnet. Was nun dieses kleine Schlüsselchen betrifft, so führt es in das kleine Gemach am Ende der großen Galerie. Gehst du überall hin, wohin es dir beliebt, öffne alle Türen, wie du willst, aber ich verbiete dir auf strengste, in jenes kleine Kabinett einzutreten..."

      Er umarmte sie zärtlich, stieg zu Roß und ritt davon. Die Nachbarinnen, Gevatterinnen und Freundinnen warteten nicht, bis man sie abholte. Kaum war Blaubart abgeritten, als sie schon herbeikamen..., während sie bisher nicht gewagt hatten, sie zu besuchen, aus Furcht vor dem blauen Barte. Da liefen sie nun voll Neugierde durch Zimmer und Zimmerchen, durch Säle und Sälchen und Schatzkammern und konnten sich nicht genug verwundern, und manche beneidete die glückliche Blaubärtin. Diese Tapisserien, diese Sofas, diese Lehnstühle, diese ausgelegten Tische -- es war alles über alle Beschreibung reich und schön, jedes Kabinettchen eine Grünes Gewölbe. Am schönsten aber waren die großen Spiegel mit den prächtigen Rahmen, in denen das häßlichste Frauenzimmer reizend aussah. Sie waren alle wie berauscht von den schönen Sachen, und manche bedauerten, daß es nicht noch viele solche Blaubärte in der Welt gab.

      Am wenigsten unterhielt sich bei all dem die Beneidete, die Frau des Hauses selbst. Sie war zerstreut, sie konnte es nicht erwarten, hinabzusteigen in die Galerien und das kleine Kabinett zu öffnen. Die Neugierde verzehrte sie...

      aus - Ch. Perrault: Blaubart >Erstdruck 1697< ...nach P neu erzählt von M. Hartmann >1821/1872< Europ. Literaturverl.: Berlin 2018; zit. v. books.google.de
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      (Udo Lindenberg)
    • 28.05.1779 - Geburtstag von Thomas Moore

      Die junge Rose Dir geb' ich die Rose voll thauiger Pracht, / Geliebt vom melodischen Sänger der Nacht,
      Der oft ihr Erröthen im Mondschein umschwebt, / Vor dessen Gesang sie in Wonne gelebt.

      O nimm Du die blühende Rose vom Strauch, / Verläng're ihr Dasein mit lieblichem Hauch!
      Umtönt ihre Blüte Dein holder Gesang, / So wähnt sie, noch sei es der Nachtigall Klang.
      (dt. v. L.v.Ploennies >1803/1872<; zit. v. deutsche-liebeslyrik.de)

      WHEN through the Piazzetta / Night breathes her cool air, / Then, dearest Ninetta, / I`ll come to thee there.
      Beneath thy mask shrouded, / I`ll know thee afar, / As Love knows, though clouded, / His own Evening Star.

      In garb, then, resembling / Some gay gondolier, / I`ll whisper thee, trembling, / "Our bark, love, is near:
      Now, now, while there hover, / Those clouds o`er the moon, / `T will waft thee safe over / Yon silent Lagoon." (zit. v. bartleby.com)

      (Venetian Air.) FAREWELL, Theresa ! yon cloud that over / Heaven's pale night-star gath'ring we see,
      Will scarce from that pure orb have pass'd, ere thy lover / Swift o' er the wide wave shall wander from thee.

      Long, like that dim cloud, I've hung around thee, / Dark'ning thy prospects, sadd'ning thy brow ;
      With gay heart, Theresa, and bright cheek I found thee ; / Oh, think how chang'd, love, how chang'd art thou now !

      But here I free thee : like one awaking / From fearful slumber, thou break'st the spell ;
      'Tis over--the moon, too, her bondage is breaking--/ Past are the dark clouds; / Theresa, farewell ! (zit. v. books.google.de)

      O, sieh' mich nicht so lächelnd an, / Lass ruhn mein Herz einmal: / Die Lieb' ist todt, der Jugend Wahn, / Der Hoffnung Glück und Qual.
      Kannst du, wenn ruht des Sommers Tanz / Und Eis den Quell umwebt, / Dem Blatt erneuern Duft und Glanz, / Das dürr im Winde bebt?

      O, sieh' mich nicht so lächelnd an, / Lass ruhn mein Herz einmal: / Die Lieb' ist todt, der Jugend Wahn, / Der Hoffnung Glück und Qual.
      O, wär' in meiner Jugendzeit / Tief in mein Herz dein Blick / Gefallen pries' ich gottgeweiht / Mein seliges Geschick.

      Doch jetzt bricht es durch meine Nacht, / Wie Sommersonnenstrahl / Das Wrack bescheint im Wogenschacht, / Und schärft des Elends Qual.
      O, sieh' mich nicht so lächelnd an, / Lass ruhn mein Herz einmal: / Die Lieb' ist todt, der Jugend Wahn, / Der Hoffnung Glück und Qual.
      (dt. v. L.v.Arentsschild >1807/1883<; zit. v. deutsche-liebeslyrik.de)

      Oh Ye Dead! Oh, ye Dead!* whom we know by the lights you give / From your cold gleaming eyes, / Tho' you move like men who live,
      Why leave you thus your graves, / In far off seas and waves, / Where the worm and the seabird only know your bed.
      To haunt this spot, where all / Those eyes that wept your fall, / And the hearts that wailed you like your own, lie dead!

      It is true, It is true, We are shadows cold and wan; / And the fair, and the brave whom we loved on earth are gone,
      But still thus in ev'n in death, / So sweet the living breath / Of the fields and the flow'rs in our youth we wander'd o'er,
      That ere, condemn'd, we go, / To freeze 'mid Hecla's snow / We would taste it awhile, and think we live once more! (zit. v. james-joyce-music.com)

      * Paul Zealand mentions that there is a mountain in some part of Ireland, where the ghosts of persons who have died in foreign lands walk about and converse with those they meet, like living people. If asked why they do not return to their homes, they say they are obliged to go to Mount Hecla, and dissapear immediately.
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      (Udo Lindenberg)
    • 30.05.1962 - in der neugebauten Kathedrale von Coventry wird Benjamin Brittens War Requiem op. 66 uraufgeführt

      Die oratoriumsartig angelegte Komposition verbindet den lateinischen Text der Missa pro Defunctis mit...Gedichten von Wilfred Owen >1893/1918< .... Owens Gesamtwerk erschien in der ungekürzten Originalfassung erst 1994 / v. wikipedia.org

      ARMS AND THE BOY

      Let the boy try along this bayonet-blade / How cold steel is, and keen with hunger of blood;
      Blue with all malice, like a madman's flash; / And thinly drawn with famishing for flesh.

      Lend him to stroke these blind, blunt bullet-leads, / Which long to nuzzle in the hearts of lads,
      Or give him cartridges whose fine zinc teeth, / Are sharp with sharpness of grief and death.

      For his teeth seem for laughing round an apple. / There lurk no claws behind his fingers supple;
      And God will grow no talons at his heels, / Nor antlers through the thickness of his curls.

      CONSCIOUS

      His fingers wake, and flutter up the bed.
      His eyes come open with a pull of will, / Helped by the yellow may-flowers by his head. / The blind-cord drawls across the window-sill . . .
      How smooth the floor of the ward is! what a rug! / Who's that talking, somewhere out of sight?
      Why are they laughing? What's inside that jug? / "Nurse! Doctor!" "Yes; all right, all right."

      But sudden dusk bewilders all the air - / There seems no time to want a drink of water.
      Nurse looks so far away. And everywhere / Music and roses burst through crimson slaughter.
      Cold; cold; he's cold; and yet so hot:
      And there's no light to see the voices by - / No time to dream, and ask - he know not what.

      HAPPINESS

      Ever again to breathe pure happiness, / So happy that we gave away our toy?
      We smiled at nothings, needing no caress? / Have we not laughed too often since with Joy?
      Have we not stolen too strange and sorrowful wrongs / For her hands' pardoning? The sun may cleanse,
      And time, and starlight. Life will sing great songs, / And gods will show us pleasures more than men's.

      Yet heaven looks smaller than the old doll's-home, / No nestling place is left in bluebell bloom, / And the wide arms of trees have lost their scope.
      The former happiness is unreturning: / Boys' griefs are not so grievous as our yearning, / Boys have no sadness sadder than our hope.

      HOSPITAL BARGE

      Budging the sluggard ripples of the Somme, / A barge round old Cerisy slowly slewed. / Softly her engines down the current screwed,
      And chuckled softly with contented hum,
      Till fairy tinklings struck their croonings dumb. / The waters rumpling at the stern subdued; / The look-gate took her bulging amplitude;
      Gently from out the gurgling lock she swum.

      One reading by that calm bank shaded eyes / To watch her lessening westward quietly. / Then, as she neared the bend, her funnel screamed.
      And that long lamentation made him wise / How unto Avalon, in agony, / Kings passed in the dark barge, which Merlin dreamed.

      zit. v. wikisource.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 31.05.1594 - Todestag von Jacopo Tintoretto

      Tiefer als alle Leidenschaften und alle Wechselfälle des Lebens haben die Venezianer die Harmonie empfunden, die über dem Leben schwebt. Auch Tintoretto ist hierin echter Venezianer gewesen... Welch außerordentliche Bedeutung haben in (seinen) Bildern - zum erstenmal in der italienischen Kunst - die Hintergründe, die hellbeleuchteten Fernen, der von Wolken erfüllte Himmel. Zum erstenmal scheint hier der Kosmos in all seiner Unendlichkeit in die Bilderscheinung hineingetragen...

      Kein Maler der älteren Zeit hat so wie Tintoretto seine Figuren in eine entfernte Welt gerückt - man sieht ihre Augen kaum, nur ihre Bewegungen und Umrisse werden recht sichtbar... Die Menschen in seinen Bildern sind nicht Schemen, nicht Erscheinungen, die, wie bei Greco, nur für Momente menschliche Formen angenommen haben, und sind doch nicht Menschen unseres Schlages... Über das eigentlich Irdische gehen Tintorettos Gestalten weit hinaus >aus diesem Grunde, nicht aus irgendeinem derb-volkstümlichen "Naturalismus", vermeidet der Künstler das modisch-elegante Kostüm< im Gegensatz zur Renaissance, die, wie die Antike, ihr Ideal...in der höchsten Veredelung...des Menschen gefunden hat...

      Der Barock (ist) eine Kunst des Gefühls. In diesem Sinne ist Tintoretto kein echter Barockkünstler gewesen.... Von einer religiösen oder sinnlichen Ekstase, wie sie dem Barock doch so unentbehrlich scheint, (ist) nichts zu bemerken. Auch die Farbengebung...unterscheidet sich vollkommen von dem Kolorismus des 17. Jahrhunderts, der dem Grau, dem Schwarz und Braun eine ganz andere Stelle einräumt. Der schlechte Erhaltungszustand, in dem so viele Bilder des Meisters sich befinden, verführt hier vielfach zu einem falschen Urteil; guterhaltene Werke...lassen in aller Deutlichkeit erkennen, wie nahe dieser Stil noch der schönfarbigen, gleichmäßig füllenden Art der venezianischen Hochrenaissance verwandt ist - mag in manchem anderen, wie der Loslösung der Farbe vom Gegenstand, auch()die neue Zeit sich ankündigen...

      Das Unbefriedigtsein mit...allem irdischen Dasein hatte seine Wurzeln in dem tief religiösen Gefühl des Meisters, das ihn...zu demjenigen Maler werden ließ, in dem...die Gegenreformation()sich künstlerisch hat aussprechen können. Wenn Riegl* darauf hinweist, daß die...Zeit der strengsten Gegenreformation...sich mit der leersten und äußerlichsten Kunstauffassung begnügt hat..., so gilt dies mit Recht doch nur von Florenz und Rom - die Kunst Tintorettos in Venedig darf sehr wohl als bewußter Ausdruck gegenreformatorischen Geistes bezeichnet werden, so vorsichtig man...auch in derartigen Urteilen sein muß. Unterscheidet sich doch die Kunst unseres Meisters in ihrem oft geradezu düsteren Ernst vollkommen von der seiner Zeitgenossen >man denke nur an Veronese<, und wenn wir von Tintoretto hören, er habe lange Gespräche mit gelehrten Petres gepflogen - was sicherlich für einen Maler dieser Zeit nichts Gewöhnliches ist -, so dient auch dies nur zur Bestätigung unserer Auffassung...

      Die außerordentliche Verinnerlichung...hat ebenso wie die artifiziellen Tendenzen erst in der späten Zeit seines Schaffens ihren vollen Ausdruck gefunden; die früheren Werke zeigen noch viel Gewaltsamkeit, Äußerliches, ja gelegentlich fast Brutales. Es ist ein merkwürdiges Schicksal, daß die Bilder der frühen Epoche sehr viel bekannter geworden sind..., erklärlich dadurch, daß die großen italienischen Galerien...gerade die charakteristischsten Werke seiner frühen und mittleren Schaffenszeit enthalten, während die großartigen Schöpfungen der Spätzeit...oft an kaum sichtbaren Stellen verborgen sind...

      Alle anderen Künstler seiner Zeit hat Tintoretto in der hinreißenden Gewalt des Ausdrucks übertroffen - nur ein einziger anderer Italiener kann dem großen venezianischen Meister hierin an die Seite gestellt werden: Michelangelo. Welcher der beiden hatte die größere Leidenschaftlichkeit, welcher die fortreißendere Phantasie, wessen Einbildungskraft hat sich des Stoffes mit größerer Gewalt bemächtigt? War Tintoretto, wie Taine** glaubt, weniger gefaßt als Michelangelo, weniger Herr seiner selbst und weniger befähigt, zwischen seinen Gedanken zu wählen?... Es (ist) nicht richtig, daß Tintoretto...gewissermaßen ohne Überlegung, "improvisiert, seine Werke geschaffen habe. Schon die große Zahl von Vorstudien, die wir zu einzelnen Bildern besitzen..., widerlegt diese Anschauung... Tintorettos Phantasie hat sich fast jedes Stoffes bemächtigt und steht darum...in einem höheren Grade, als dies von Michelangelo gesagt werden darf, über dem Stoff... Auch wird in einer Schöpfung des Michelangelo die Seele des Künstlers viel rückhaltloser offenbart: eine Aktzeichnung Michelangelos spricht das innere Wesen...des Künstlers...erschöpfender aus als eine Aktfigur Tintorettos, was freilich auch darin seinen Grund hat, daß für Tintoretto nicht so sehr wie für Michelangelo der Mensch selbst in seiner "schmerzvollen Rauheit", in seiner "aufrührerischen Verzweiflung" >Taine< der Hauptgegenstand des Schaffens war...

      >*A.Riegl, Die Entstehung der Barockkunst in Rom, Wien 1908... **H.Taine, Voyage en Italie, Paris 1874...<

      aus "E.v.d.Bercken u. A.L.Mayer. J. T. Erster Bd. Verl. v. R.Piper & Co: München 1923" >zit. ist lediglich aus der 16seitigen Einleitung<; zit. v. archive.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 04.06.1942 - Der jüdisch-polnische Dichter und Komponist Mordechaj Gebirtig wird im Ghetto Krakau erschossen.

      'Ss brent, Brider, 'ss brent / Oj, unser orem Schtetl nebech brent!
      Bejse Windn mit Irgosn / Rajssn, brechn un zeblosn, / Schtarker noch di wilde Flamn,
      Alz arum schojn brent!
      'Ss hobn schojn di Fajerzungen / Doss ganze Schtetl ajngeschlungen, / Un di bejse Windn huschn,
      'Ss ganze Schtetl brent!
      Un ir schtejt un kukt asoj sich mit farlejgte Hent, un ir schtejt un kukt asoj sich,
      Unser Schtetl brent!

      'Ss brent, Brider, 'ss brent! / Oj es kon, cholile kumn der Moment:
      Unser Schtot mit uns zusamn / Sol ojf Asch awek in Flamn, / Blajbn sol, wi noch a Schlacht
      Nor pusste, schwarze Went!
      'Ss brent, Brider, 'ss brent! / Di Hilf is nor in ajch alejn gewent!
      Ojb doss Schtetl is aich tajer, / Nimt di Kejlim, lescht doss Fajer, / Lescht mit ajer ejgen Blut,
      Bawajst, as ir doss ken!
      Schtejt nit, Brider, ot asoj sich mit farlejgte Hend, schtejt nit, Brider, lescht doss Fajer,
      Unser Schtetl brent!

      - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

      Dos Kelbl (ab und an auch Donna Donna o. ä. gen.) dürfte - jedenfalls in der westlichen Welt - bis weit in die 90er Jahre hinein das allgemein bekannteste jüdische Lied gewesen sein - Joan Baez Donavan und das Folk-Duo "Zupfgeigenhansel" hatten es u. a. im Repertoire. Nach den Recherchen einer 1988 gegründeten "Frankfurter AG gegen den Antisemitismus" heißt dessen Verfasser (offensichtl. v. Text und Melodie) Itschak Katsenelson, ermordet 1944 in Auschwitz...

      Dos Kelbl Ojfn Farel ligt a Kelbl, / Ligt gebundn mit a Schtrik, / Hojch in Himel fligt a Fojgl, / Fligt un drejt sich hin un ts'rik.

      Schrejt dos Kelbl, sogt der Pojer / Wer-ssche hejst dich sajn a Kalb? / Wolst gekent doch sajn a fojgl, / Wolst gekent doch sajn a Schwalb.

      Bidne Kelblech tut men bindn, / Un men schlept sej un men schlecht, / Wer's hot fligl, flig arojf tsu, / Is bej kejnem nischt kejn Knecht.

      Lacht der Wind in Korn, lacht un lacht un lacht; / Lacht er op a Tag, a gantsn un a halbe Nacht.
      II: Donaj, donaj, donaj, donaj, donaj, donaj, donaj, donajdaj :II

      Wiederum lt. obiger Recherche ist der folgende Text 1943 im Wilnaer Ghetto entstanden. Der Verfasser Lejb Rosenthal stirbt später im KZ Kloga.
      v. uni-frankfurt.de

      Mir lebn ejbig / Ess brent a Welt / Mir lebn eibig / on a Groschn Geld
      Un ojf zu pikeness di ale Ssonim / Woss wein uns farschwarzn unser / Ponim
      Mir lebn ejbig / mir sajnen do / Mir lebri ejbig in jeder Scho
      Mir weln lebn un derlebn / schlechte Zejtn ariber lebn
      Mir lebn eibig / Mir sajnen do!
      v. hagalil.com

      ...habe mir erlaubt, den Liedern eine mir passend erscheinende äußere Form zu geben und (in diesem Zusammenhang) 'Ss brent sehr sachte zu kürzen!
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      (Udo Lindenberg)
    • 05.06.1722 - Todestag von Johann Kuhnau

      … (Der Dresdener Capellmeister Vicenzo Albrici) verschaffte ihm Zutritt zu den Proben der kurfürstlichen Capelle und gestattete ihm einen Einblick in seine eigene Compositionstätigkeit. Vermöge eines außergewöhnlichen Sprachtalents verschaffte sich K....eine vollkommene Herrschaft über die italienische Sprache. Ebenso lernte er...aus eigenem Antriebe Französisch... Eine zur (Zittauer) Rathswahl von ihm komponirte doppelchörige Mottete fand so großen Beifall, daß man ihm die interimistische Verwaltung des vacanten Cantorats bis zum Amtsantritte Johann Krieger's übertrug... Schon 1862 ((d. h. 14 od.15jährig)) bezog er die Universität Leipzig. Er studirte Rechtswissenschaft, vervollkommnete sich dabei aber so...auffällig in der Musik, daß er 1864 Organist an der Thomaskirche wurde... Diese Doppelthätigkeit genügte ihm noch nicht. Er...war als Übersetzer französischer und italienischer Bücher thätig und versuchte sich auch als Originalschriftsteller. Sein satirischer Roman "Der musikalische Quacksalber" erschien 1700... (Im Folgejahr) ernannte ihn der städtische Rath zum Cantor der Thomasschule..., jedoch unter der Bedingung, daß er die bisherige Rechtspraxis aufgäbe. Er legte sich nun ausschließlicher auf die Musik...

      Es nahm aber (diese) unter den Lehrgegenständen (der Thomasschule) einen so hohen Rang ein, daß...mehr tüchtige Künstler als Gelehrte auf derselben gebildet wurden. Dem Cantor war...ein weiteres Feld der Thätigkeit geöffnet, als an anderen Schulen. K. hat sich als Lehrer wohl bewährt. Seine hervorragendsten Schüler waren Heinichen und Graupner, die beide mit der Zeit zu...wohlverdienter Berühmtheit kamen... Sein Amtsantritt fiel noch in eine Zeit, da die Kirche der einzige Ort war, wo in Deutschland größere Musikwerke vornehmer Gattung öffentlich aufgeführt wurden. Aber es dauerte nur wenige Jahre, so traten in Leipzig die ersten Ansätze zu einem von der Kirche unabhängigen öffentlichen Concertwesen hervor... Den ersten Anstoß gab Telemann, der 1704 als Student...ein Collegium musicum unter seinen Comilitonen gründete. Dasselbe hielt seine regelmäßigen Uebungsabende, zu denen auch Zuhörer zugelassen wurden, und gelangte durch die Frische (und) Exactheit...seiner Leistungen bald zu großem Ruf... 40 Jahre hindurch (lag) der Schwerpunkt des Leipziger Musikwesens in der Studentenschaft. Dann nahm die Bürgerschaft sich der Kunstpflege energisch...an. K. konnte es mit seinem Schülerchor und dem hauptsächlich aus Stadtmusikern bestehenden Orchester freilich mit den freien Musikvereinen nicht aufnehmen... Da er nun außerdem einen weichen...Charakter besaß, die musikalischen Kräfte nicht...anzuregen verstand, so war es bald mit seinen Kirchenaufführungen übel bestellt...

      Weit günstigeres...ist über K. den Componisten zu sagen... Seine Zeit rechnete (ihn) zu den größten Kirchenkomponisten. In der That war er mit der Technik des polyphonen Vocalsatzes vertrauter, als der Durchschnitt der damaligen deutschen Musiker... Aus den Mitteln der älteren Kirchenmusik und der modernen Opernmusik sucht er seinen Kirchenstil zusammen zu stellen, wesentlich in derselben Weise wie seine Zeitgenossen, mit denen er auch die weiche...und anmuthige Grundempfindung theilt… Gegen Ende seines Lebens >1721< (hat er) die madrigalische Passionsmusik in den Leipziger Gottesdienst eingeführt...; bis dahin kannte man im Cultus der Leipziger Kirchen nur die choralische Passionsabsingung.

      Kuhnau's eigentliche Stärke aber ruht in der Claviermusik. (Sie ist...reich an Erfindung und Geist, und von großer Gewandtheit in der technischen Gestaltung. In der Clavierfuge blieb er auch dann noch ein Muster, als Seb. Bach diese Form zur höchsten Vollendung gebracht hatte. Kuhnau's mehr...auf das Zierliche, Mild-heitere gerichteter Charakter gestattet, ihm noch einen Platz neben Bach einzuräumen, den er freilich an Ideenfülle...bei weitem nicht erreicht.) Unter dem Titel "Clavier-Uebung" gab er...zwei Sammlungen von je 7 Claviersuiten heraus; die zweite...enthält außerdem eine Sonate in B-Dur, den ersten Versuch, diese bisher nur für Streichinstrumente übliche Form auf das Clavier zu übertragen... 1696 erfolgte eine Sammlung von sieben...und endlich 1700 eine Sammlung von sechs Claviersonaten… Jede Sonate ((dieser zweiten Sammlung)) zerfällt in eine Anzahl Theile, die...Ueberschriften haben, auch ist jeder eine...ausgeschmückte Erzählung ((einer bestimmten )) biblischen Begebenheit vorausgeschickt. Daß dieses Unternehmen, durch Instrumentalmusik ganze Geschichten darzustellen, ein gewagtes sei, wußte Kuhnau recht gut...

      Das Glück seines Familienlebens wurde dem mild...gesinnten Manne durch zahlreiche Todesfälle getrübt. Von 1717 bis 1719 starben ihm...zwei Söhne mit 14 und 15 und zwei Töchter mit 16 und 22 Jahren. Die letztere...war die Braut des Stadtgerichtsnotars..., der sich ihren Tod so zu Herzen gehen ließ, daß er ihr kaum zwei Monate später in den Tod folgte. K. selbst starb den 5. Juni 1722; sein Amtsnachfolger wurde Sebastian Bach...

      Ph. Spitta in "Allg. Dt. Biographie. Bd. 17, Duncker & Humblot: Leipzig 1883"; zit. v. wikisource.org
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      (Udo Lindenberg)
    • 06.06.1912 - Todestag von Giulio Ricordi

      Franz Werfels Verdi. Roman der Oper (1924 erschienen), besteht aus einem kurzen Vorbericht, zehn ausgreifenden Kapiteln und einem (gleichfalls eher kurzen, dreiteiligen) Nachspiel. Aus dem mittleren Teil des Nachspiels hier c. die Hälfte des Textes . . .

      … In Sant Agata war Besuch. Die Nächsten nur: Boito und Giulio Ricordi. Man hatte auf der Terrasse gespeist und den schwarzen Kaffee genommen. Da es gegen sieben Uhr ging, wurden die beiden Herren unruhig. Sie mußten in zwei Stunden...in den Mailänder Zug()steigen. Ihr Urlaub war zu Ende. Der Maestro hatte im stillen längst dafür gesorgt, daß angespannt werde. Er wollte selbst eine kleine Strecke weit die Freunde begleiten...

      Niemand sprach mehr. Aus der herrschaftlichen Pappelallee gelangte man in die nüchterne Landschaft der lombardischen Ebene. Das Maisgetreide stand schön und gut. In knorrigen Formen krampften sich die beschnittenen Ulmen empor. Auf den hundert Wasserrinnen des fruchttragenden Bodens lag der beginnende Sonnenuntergang. Stumm deutete der Maestro immer wieder auf ein Gehöft, den Schlot einer Faktorei, auf einen Wassergraben. Das alles gehörte zu Sant Agata, war seine Schöpfung...

      Ricordi lehnte seinen Kopf zurück, der nichts von einem Kaufmann verriet, sondern die gebrechliche Mischung aus einem Grafen- und einem Gelehrtentypus vorstellte. Giulio war Erbe der Eroberer. Nach einer Weile wandte er sich an Boito: "Bist du ihm jemals ganz nahe gekommen?" Während Boito Antwort gab, veränderte er seine strenge Engländerphysiognomie um keinen Schatten: "Nahe gekommen? Das ist unwichtig! Er ist der Mensch, den ich auf der Welt am meisten liebe." "Du hast recht, Boito. Aber warum lieben wir ihn so sehr? Er ist verschlossen, streng, abweisend bis zur Grobheit, zeigt kein tieferes Interesse am anderen, oder verbirgt es --- Und man liebt ihn doch wie keinen sonst auf der Welt." "Vielleicht ist es das Geheimnis der Reinheit." "Was nennst du denn Reinheit?" "Die Unschuld, die Absichtslosigkeit, das unverderbte Kind in einer Seele."

      Ricordi schien nicht befriedigt. Er stützte sein Kinn auf den Spazierstock: "Ich habe als Verleger den absurden Beruf, mit großen Männern verkehren zu müssen. Sie sind meist sehr höflich, diese Berühmtheiten, geben steif-distanziertes Lob von sich. Aber ich sage dir, wie oft fühle ich mich da verringert und beleidigt. Verdi, der alte Hartschädel, erhöht mich. In seiner Nähe habe ich mein bestes Selbstbewußtsein." "Ich will" - Boito lachte - "eine Einteilung der großen Männer improvisieren. Also! Es gibt prophetische und homerische Genies. Vor den Propheten hüte dich. Sie sind Menschenfresser..., Reklamehelden und Tyrannen --- "Ist der Maestro kein Tyrann?" "Niemals für sich und seine Sache. Er ist ein Gerechtigkeitsnarr!" "Also gehört er auf die Homerseite?" "Auch das nicht. Am ersten Beispiel schon geht meine schöne Einteilung zum Teufel. Weißt du, warum Verdi so schamhaft ist? Er verbirgt etwas... Niemand soll es ahnen. Was das ist? Worte gibts nicht dafür. Nenn' es eine höhere, transzendentale Mütterlichkeit. Pfui, das klingt abgeschmackt wie eine philosophische Abhandlung...

      Was ist ein Kunstwerk? Wann ist es gut oder schlecht? Wir haben schließlich alle eine Melodie darzubringen. Doch ob sie angenommen wird, nur darauf kommt es an... Welch ein Geheimnis ist der Ruhm! Die Menschen ergreifen einen Gesang, ein Werk, einen Namen. Sie genießen ihn und wie in ein Gefäß versenken sie ihre eigenen Visionen und Träume darein. Eine mystische Mitwirkung, ein gegenseitiges Nehmen und Geben entsteht. Es ist nicht nur Genie und Schicksal, es ist eine unerklärliche Kraft im Spiel, wenn ein Mensch oder eine Tat zum Märchen wird."

      Giulio fühlte sich bei dieser Philosophie des Ruhms unbehaglich. Er wußte, daß der Mystizismus eine alte Gefahr für den Freund war. Boito sagte noch etwas vom theologischen Begriff der Gnade, der einen Zusammenhang mit dieser Frage haben müsse. Dann ging man zu einem alltäglichen Gegenstand über. Aber sie waren mit dem Maestro nicht fertig. Das Gespräch glitt zurück. Boito bekannte. "Mit Verdi ist es mir sonderbar ergangen. Ich bin sein Paulus. Es gab eine Zeit, wo ich ihn gehaßt und verfolgt, seine Musik abscheulich gefunden habe. Ich war damals von Wagner gänzlich verblendet --- " Ricordi unterbrach: "Wagner! Was muß er durch ihn gelitten haben?! Hat er jemals eine Andeutung darüber gemacht?" "Nie! Du weißt es ja selbst. Er hat manchmal von Wagner gesprochen. Ehedem seltener und jetzt recht oft. Aber immer sachlich, nüchtern, wie er über alles spricht. Vielleicht hat er gar nicht an ihm gelitten!"

      "Ist es nicht ein großes Unglück, daß diese beiden einander niemals gesehen und gesprochen haben? Welch eine Begegnung! Das ist eine Lieblingsphantasie von mir." Boito war anderer Meinung. "Ist es wirklich ein Unglück? Solche Zusammenkünfte enden meist mit einem höflichen Mißverständnis." Die Rede kam auf >Otello<. Giulio Ricordi erkundigte sich: "Findest du auch nur eine Spur von Wagner in der Partitur?" "Wer das behauptet, hat keine Ohren im Kopf. >Otello< ist die reinste Konsequenz des >Rigoletto<". … ….

      Boito kramte in seinen Taschen. Es war die gewohnte Jagd nach der Fahrkarte. Plötzlich zog er einen unförmigen Handschuh hervor, einen Wollhandschuh, wie man ihn bei der Gartenarbeit verwendet. Ricordi sah es: "Was ist das für ein Monstrum? Dein Handschuh?" "Nein! Das ist Verdis Handschuh!" "Hast du ihn eingesteckt?" "Gestohlen hab ich ihn!" "Was heißt das?" "Ich habe ihn gestohlen. Ja, gestohlen als Andenken, als Autogramm, als Gott weiß was. Ein plötzliches Muß! Eine Leidenschaft! Ohne Scherz! Ich konnte mir nicht helfen. So! Und jetzt darst du lachen!" Giulio Ricordi lachte wirklich. Aber es war durchaus kein höhnisches Lachen: "Seht hier den weltberühmten Komponisten des >Mefistofele<, seht den großen Dichter! Ecco il leone!" ...

      v. gutenberg.spiegel.de
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      (Udo Lindenberg)
    • 08.06.1929 - Uraufführung von Paul Hindemiths "lustige/r Oper" Neues vom Tage (nach einem Libretto von Marcellus Schiffer >1892/1932<)

      Es war einmal eine Wald-, Feld- und Wiesen-Tanzfee, die konnte nur Fußspitzele tanzen. Und so flink war sie! Och! "Hipp-Hipp" war sie schon wieder fort, ehe sie überhaupt erst dagewesen war. Besonders die Nixe Mixpickel ärgerte sich darüber, weil sie in der Branche überhaupt nichts konnte. "Kitsch", sagte sie neidisch...

      Und dann erzählte sie (der Hexe Fidusi) alles. "Gemacht", sagte die Hexe, die für Stänkereien immer zu haben war, "die Fee soll mir kennen lernen!" Falsches Deutsch sprach das Scheusal auch noch zuweilen.

      Und schon am nächsten Vormittag desselben Tages war es bei unsrer Fee total aus von wegen Fußspitze und so und sie...war ganz voll Unglück und es hatte bei ihr geschnappt mit allen Engagements nach Amerika. Sie setzte sich mitten zwischen die Preiselbeeren und weinte dicke Tränen vor die Säue.

      Ei, kam doch da just des Weges einher ein flotter Musikus...und setzte() die Fidel aufs Kinn und spielte ihr einen Flotten auf. So recht flott. Und, ach siehe da: da kam unsre Fee plötzlich wieder auf ihre Fußspitzen und sie umtanzte ihn, was das Zeug hielt! "Na, da ist ja reine wie doll," meinte der Musikus und nahm sie glatt mit sich mit. Die Nixe Mixpickel war schöne wütend und glitschte den beiden nach.

      Der flotte Musikus saß in seiner Dachmansarde, ganz versardet, und spielte Melodeien auf seiner Fidel und die Fee umtanzte ihn in allen Posen und warf einen Schleier nach dem anderen ab und immer noch einen und noch einen - daß es nur so gleißete! Während aber die beiden hold beisammen schliefen, kam heimlich die Nixe Mixpickel angeschlichen und klaute die Violine. Da war das Unglück da. "Du bist ein ganz falsches Biest," sagte der flotte Musikus zu der Fee. "Du hast mir meine Fidel geklaut. Raus! Aber flott!"

      Da wendelte die arme Fee die Hintertreppe hinunter, aber auf der untersten Stufe bückte sie sich und hob etwas auf, was so ganz silbrig schimmerte. "Aha, soso," sagte sie, denn sie hatte eine Silberschuppe gefunden, die die Nixe in der Eile aus ihrem Schwanz verloren hatte... Da tat die Silberschuppe plötzlich ihre Schnauze auf und sprach: "Schuppe, Schuppe, eins, zwei, drei, / wünsch dir husch was, Waldesfei!" "Ach, wenn ich doch wieder tanzen könnte," wünschte sich die Fee gleich, und eins, zwei, drei konnte sie auch schon wieder Spitze tanzen, selbst in den dreckigen Latschen, die sie grad anhatte.

      Und als die Nixe Mixpickel davon hörte, da kochte sie gleich vor Wut wie ein Bratofen und schwor Gift, Galle und Sauce! Und in selbiger Nacht beim Halbmondschein ausgerechnet - sägte sie der Tanzfee die Beine ab mit einer Laubsäge und mit Hilfe der Hexe Fidusi und dann schraubte sie der Tanzfee noch dazu welche aus Nußbaumholz an. Matt poliert. Sie selber aber übernahm die tanzenden Beine der Fee und gab der scheußlichen Hexe Fidusi solange ihren Schwanz zum Einkampfern.

      Und als der Abend reinbrach, merkte die Fee alles und konnte nicht mehr tanzen. Aus war es schon wieder... Und sie wurde immer trauriger und trauriger, und es wurde ihr so mieß von allem, daß sie ganz von plötzlich wieder zu tanzen anhub. Aber diesmal hub sie ganz anders als sonst früher: Sie stampfte! Denn es war nur ihre Seele, die tanzte. Die Beine waren dabei ganz piepo und sie brauchte dazu keine Fußspitze und rein gar nichts und nur lauter Seele immerfort. Und so trieb sie es denn seelisch.

      Und weil sie gar nicht mehr tanzen konnte, tanzte sie nur noch auf rhythmisch mit Seele und eröffnete eine Tanzschule mit jungen Mädchen, die sich auch rhythmisch veranlagt fühlten und eine Schülerin von ihr hieß Mary Wigman. Und alle stampften sie nur und tanzten mit Seele. Es war wirklich scheußlich.

      Und so wurde das die große Mode in der Saison und in der übernächsten auch und kein Aas wollte mehr was wissen von der Nixe mit ihrer doofen Fußspitze. Alles wollte immer nur stampfen. Da platzte die Nixe beinahe vor Neid und heimlich wechselte sie wieder alles um und nahm sich die Holzbeine und gab der Fee wieder die andern. Aber bei der Nixe war es Essig damit. Denn die wußte nichts mit anzufangen, weil sie doch keine Seele nicht hatte und sie bekam faule Eier an den Kopp!

      Dahingegen aber unsre Fei! Die war jetzt erst ganz perfekt geworden! Die konnte jetzt tanzen und stampfen und was sie wollte: alt und modern und überhaupt und sie heiratete den Musikus und gab Vortragsabende in der Provinz und er tanzte auch und sie geigte auch und sie tanzten auch zusammen und selbst ihre Schülerin Mary Wigman wurde grün vor Ärger, weil sie nur stampfen konnte mit ihrer ollen Seele...

      v. wikisource.org
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      (Udo Lindenberg)