Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 11.08.1922 - Reichspräsident Friedrich Ebert bestimmt das (ausdrücklich auf eine Melodie von Joseph Haydn getextete) "Lied der Deutschen" von A. H. Hoffmann von Fallersleben°° zur offiziellen dt. Nationalhymne

      >>Schlagartig vorbei ist es mit der Karriere, als (er°°) 1840 seine Gedichtsammlung Unpolitische Lieder** veröffentlicht...(Die preußische Regierung) enthebt ihn 1842 pensionslos seiner Professur und entzieht ihm im Folgejahr die preußische Staatsbürgerschaft. (N. N. am 20.08.2016 auf ndr.de)<<
      **Daraus hier eine kleine Auswahl . . .

      Die orthodoxen Royalisten Was, Erdensöhne, wollt ihr doch von Gottessohne? / Ihr setzt ihn auf und setzt ihn ab von seinem Throne.
      Er läßt euch ruhig schreiben, disputiern und schrei`n, / Ihr wisset wohl, Er füht euch nicht zur Frohnfest` ein.
      Und vor den Erdenherrschern kriechet ihr im Staube! / Wie unerschütterlich ist da doch euer Glaube!
      Ihr macht von jedem Zweifel eure Herzen frei, / Sobald ihr wittert nur Censur und Polizei.

      Klagelied Wann einst die Flaschen größer werden, / Wann einst wohlfeiler wird der Wein, / Dann findet sich vielleicht auf Erden / Die goldne Zeit noch einmal ein.
      Doch nicht für uns! uns ist geboten / In allen Dingen Nüchternheit - / Die goldne Zeit gehört den Todten, / Und uns nur die papierne Zeit.
      Ach! kleiner werden unsere Flaschen, / Und täglich theurer wird der Wein, / Und leerer wird`s in unsern Taschen - / Gar keine Zeit wird bald mehr sein.

      Staatsinquisition Wie heißt die schrecklichste der Listen, / Die ärger ist als Feindeslist, / Und auch sogar den span`schen Christen / Noch unbekannt geblieben ist?
      Ich will dir deine Neugier stillen: / Conduitenliste heißt die List, / Worin du durch Behördenbrillen / Schon abdaguerrotypet bist. -
      O wär ich dann ein Troglodyte, / Der Berg` und Wälder wilder Sohn! / Doch leider bin ich von Conduite, / Ein einzig Wort verfehmt mich schon.

      Der deutsche Zollverein Schwefelhölzer, Fenchel, Bricken, / Kühe, Käse, Krapp, Papier, / Schinken, Scheeren, Stiefel, Wicken, / Wolle, Seife, Garn und Bier;
      Pfefferkuchen, Lumpen, Trichter, / Nüsse, Tabak, Gläser, Flachs, / Leder, Salz, Schmalz, Puppen, Lichter, / Rettig, Rips, Raps, Schnaps, Lachs, Wachs!
      Und ihr andern deutschen Sachen, / Tausend Dank sei euch gebracht! / Was kein Geist je konnte machen, / Ei, das habet ihr gemacht:
      Denn ihr habt ein Band gewunden / Um das deutsche Vaterland, / Und die Herzen hat verbunden / Mehr als unser Bund dies Band.

      Walhalla Sei gegrüßt, du hehre Halle / Deutscher Größ` und Herrlichkeit! / Seid gegrüßt, ihr Helden alle / Aus der alt` und neuen Zeit!
      O ihr Helden in der Halle, / Könntet ihr lebendig sein! / Nein, ein König hat euch alle / Lieber doch in Erz und Stein.

      Statistische Glückseligkeit Unsers ganzen Wohlstands Quellen / Siehst du alle hell und klar / Uebersichtlich in Tabellen / Jahr für Jahr und bis auf`s Haar.
      Hier zehn Schafe mehr geschoren, / Dort ein neues Lagerbier, / Dort drei Ochsen mehr geboren, / Und ein Drittel Seele hier.
      Welch ein Wachsthum zum Entzücken! / Lauter höhere Cultur, / Lauter Streben zum Beglücken! / Und wir sind das Glückskind nur.

      Blitzableiter Wilder Geist wie Wetterwolke / Ueber uns zusammenzieht: / Ach, wie hilft man unserm Volke, / Daß ihm nicht ein Leid geschieht?
      Wetterschäden zu verhüten / Giebt es ja ein Mittel jetzt; / Für des wilden Geistes Wüthen / Giebt`s ein Mittel auch zuletzt.
      Hänget an die Blitzableiter / Titel, Würden, Orden, Geld, / Und das Wetter wird gleich heiter, / Und beruhigt ist die Welt.

      zit. v. zeno.org
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 16.08.1876 - In Bayreuth leitet Hans Richter die Uraufführung von "Siegfried"

      Einzelheiten zur Ursprungs- und Editionsgeschichte des Nibelungenliedes erspare ich dem freundlich Interessenten (und mir selbst) an dieser Stelle. Im Folgenden ist der Beginn des Siegfrieds Tod schildernden Kapitels ungekürzt wiedergegeben. Der Wortlaut folgt der Ausgabe v. Friedrich Zarncke (Verl. Georg Wiegand`s: Leipzig 1871 >4.Aufl.<).

      XVI AVENTIURE Wie Sivrit Ermort Wart.

      Gunther und Hagene, die recken vil balt, / lobten mit untriuwen ein pirsen in den walt :
      mit ir scharpfen geren si wolden jagn swin, / pern unt wisende. waz mohte küeners gesin ?

      Da mite reit ouch Sivrit in vroelichem site : / herrenliche spise die fuorte man in mite.
      zeinem kalten brunnen namens in den lip : / daz het geraten Prünhilt, des künec Gunthers wip.

      Do gie der degen küene da er Kriemhilde vant / ez was nu uf gesoumet sin edel pirsgewant
      unt ander der gesellen : si wolden über Rin. / done dorfte Kriemhilde leider nimmer gesin.

      Die sinen triutinne die kuster an den munt : / ´got laze mich dich, frouwe, gesehn noch gesunt,
      unt mich diu dinen ougen. mit holden magen din / soltu kurzewilen : ine mac hie heime niht gesin.`

      Do gedahtes an diu maere - sine torst ir niht gesagen -, / da von si Hagen e vragte : do begunde klagen
      diu edele küneginne daz si ie gewan den lip. / do weinte ane maze des küenen Sivrides wip.

      Si sprach zuo dem recken ´lat iwer jagen sin. / mir troumte hinte leide, wie iuch zwei wildiu swin
      jagten über heide : da wurden bluomen rot. / daz ich so sere weine, daz tout mir armen wibe not.

      Ja fürhte ich, herre Sivrit, eteslichen rat, / ob man der derheinen missedienet hat,
      die und gefüegen künnen eteslichen haz. / belibet, herre Sivrit, mit triwen rate ich iu daz.`

      Er sprach ´liebiu frouwe, ich kum in kurzen tagn / ine weiz hie niht der vinde, die uns iht hazzes tragen.
      alle dine mage sint mir gemeine holt : / ouch enhan ich an den degenen hie niht anders verscholt.`

      ´Neina, herre Sivrit, ja vürht ich dinen val. / mir troumte hinte leide, wie ob dir ze tal
      vielen zwene berge : ich ensach dich nimmer me. / wiltu nu von mir scheiden, daz tuot mir inneclichen we.`

      Er umbe vie mit armen daz tugende riche wip : / mit minneclichen küssen trut er ir schoenen lip ;
      mit urloube er dannen schiet in kurzer stunt. / sine gesach in leider dar nach nimmer mer gesunt.

      Do riten si von dannen in einen tiefen walt / durch kurzewile willen : vil manec degen balt
      riten mit dem wirte, man fuort ouch mit in dan / vil der edeln spise, die di helede solden han.

      . . . .

      v. gasl.org
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    • 21.08.1838 - Todestag von Adelbert von Chamisso

      Auf uni-karlsruhe.de sind sieben "Schriften" aufgelistet. Die beiden Aufzeichnungen über seine Teilnahme an der "Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition … 1815-18" sind darunter sicherlich die bekanntesten. Zwei weitere Abhandlungen (entstanden 1828 und 34) haben die (literarische) Zensur zum Thema - der spätere Text ("Über Zensur und Preßfreiheit") hat die Abschnitte "1828" und "um 1834". Daraus ist hier c. die Hälfte von Abschnitt I wiedergegeben . . .

      …. Noch müht sich der Leser, das in der "Kartenlegerin" enthaltene Gift zu entdecken, und müht sich umsonst: wir müssen ihm zu Hülfe kommen. Die Stellen, denen das Imprimatur verweigert wurde, sind: die Zeile des Titels: "Nach Beranger" und die letzte Strophe des Gedichtes:
      Kommt das grämliche Gesicht, / kommt die Alte da mit Keuchen, / Lieb und Lust mir zu verscheuchen, / eh die Jugend mir gebricht? -
      Ach, die Mutter ist`s, die aufwacht, - / und den Mund zu schelten aufmacht. - / Nein, die Karten lügen nicht!

      Wir können zur Not einen Sinn darin finden, daß der volkstümliche Liederdichter Frankreichs, den seine Stellung als Vorfechter der Opposition den Ministern des Königs unbequem und verhaßt macht; daß der übermütige Liebling der Musen und des Volkes, den neuerdings noch ein Richterspruch straffällig befunden hat, in Preußen überhaupt nicht genannt werden dürfe. Der verehrte Zensor mochte befürchten: jede ihm erwiesene, auch eine literarische Ehre, könne von der französischen Regierung mißfällig bemerkt werden und dem Staate, wo solches geduldet werde, in verdrießliche Händel verwickeln. Wie aber finden wir in andern gleichzeitigen Berlinischen Zeit- und Flugschriften den Namen Beranger und andere Lieder von ihm übersetzt und abgedruckt? Nun - es gibt mehrere Zensoren, und die Einsicht jeglichen ist das Maß, nach welchem er die Macht ausübt, womit er vom Staate bekleidet worden ist.

      Was die Zeilen des Liedes selbst anbetrifft, wir gestehen, daß, die ihnen widerfahrene Ehre und ein Rätsel ist, zu welchem, nachdem wir uns vergeblich mit literarischen und illiterarischen, rechtskundigen und gottesgelahrten Freunden darüber beraten haben, wir einen Schlüssel zu finden nicht vermocht haben, und wir legen es unentziffert unseren Lesern vor. Aber dieses Rätsel ist nicht das einzige in seiner Art, das uns die Berliner Zensur zu raten gibt; wir führen beispielsweise ein anderes an: hört! In einem literarischen Aufsatz geschah von einer Weinstube Erwähnung, von einer wirklichen Weinstube, die, wie in Berlin alle Weinschenken, sich selbst in ausgehängtem Schilde Weinstube nennt. Der wachsame Zensor strich aus eigener Machtvollkommenheit das staatsbefährdende Wort Weinstube weg. Als ihm darauf die entstandene Lücke beliebig auszufüllen überlassen ward, setzte er Weinhandlung an die Stelle, und so trat, geläutert und unverfänglich, der Aufsatz an das Licht.

      Aber … auch Goethen, trachtete die Berliner Zensur seiner Ehre zu berauben. Den Tages- und literarischen Blättern ward es eine lange Zeit hindurch strenge verwehrt, von den Festen, zu denen der Geburtstag des Altmeisters deutschen Gesanges Veranlassung zu geben pflegt, irgendeine Erwähnung zu tun. Sein Name sollte, wo nicht ganz unterdrückt, doch möglichst vermieden werden. Und erst als in den öffentlichen Blättern Berlins gedruckt zu lesen stand: der König Ludwig von Bayern habe Goethen einen Besuch abgestattet, schien der über ihn verhängte Verruf einige Linderung zu erleiden. Aber die Namen Beranger und Goethe sind die einzigen nicht, die auszusprechen die Sicherheit des Staates zu befährden scheint. Ein anderer, ein bedrohlicherer Name verschwand eine lange, lange Zeit hindurch aus den Berliner Zeitungen, literarischen und Unterhaltungsblättern. Dieser Name, wir werden ihn nennen, und selbst Berliner Zeitungen nennen ihn jetzt wieder, - dieser Name - Hört! Hört! - dieser Name heißt: Oberon, König der Elfen.

      … Wenn bald einem unschuldigen Wort, bald einem arglosen Wort das Imprimat versagt wird, finden diese Rätsel in der Lust der Willkür oder in der Querköpfigkeit der kleinen Tyrannen, denen sie zu üben gestattet wird. Zensoren leben von ihrem Amte, und der Beamte in Preußen … will tätig sein, dartun, daß er tätig ist. Unter den gegebenen Umständen ist das unerklärliche Rätsel die Fortdauer der Zensur selbst. Deutschland genießt die Wohltat der Preßfreiheit, und offenkundig ist das einzige Ergebnis der Zensur, die Industrie des Inlandes zugunsten des Auslandes zu untergraben, Buchdruckerei und Buchhandel mehr und mehr über die Grenzen zu verscheuchen, heimische literarische Unternehmungen der Fremde zuzuweisen, die in Berlin erscheinenden öffentlichen Blättern ihrer Abonnenten zu berauben und sie selbst … entweder zu ertöten oder endlich zum Auswandern zu zwingen. ….

      v. gutenberg.spiegel.de
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    • 23.08.1945 - **Leo Borchard, seit 26.05.d.J. Leiter der Berliner Philharmoniker, wird (aufgrund einer eigenen Unachtsamkeit) von einem amerikanischen Soldaten erschossen
      >>** Der Erste aus der zweiten Reihe (Hans Heinz Stuckenschmidt, 1952)<<

      Folgende Infos sind einem Gespräch m. d. Borchard-Biographen Lothar Sträßner (u. Redakteur Stefan Lang) entnommen, das am 27.12.2017 in Dlf.Kultur gesendet worden ist.

      Für den (1899 in Moskau geb). L. B. war wohl Hermann Scherchen der prägendste Lehrer, auch wenn B. selbst Bruno Walter als sein großes Vorbild bezeichnet hat. Walter und B. dürften menschlich einander nahe gewesen sein: einige herzliche Ansichtskartengrüße von W. an B. sind erhalten geblieben. "Vorbild" war W. freilich wohl auch deshalb, weil dieser (in etwa) den "boheme-haften" Lebensstil pflegte, den B. selbst für sich anstrebte. Als 1926/27 die Zeit der Rundfunkorchester beginnt, pendelt er zunächst, als so genannter "Austauschdirigent", zwischen Berlin, Frankfurt, Stuttgart - und München, wo er gar mal als "Sensation" gefeiert worden sein soll. Seine erste feste Anstellung (in Königsberg) endet nach 2 Jahren, weil das Orchester finanziell nicht gehalten werden kann. 1931 beginnt sein verstärkter Kontakt mit dem Berliner Rundfunkorchester, wo er nicht zuletzt mit Strawinsky-Erstaufführungen auffällt. Ohnehin ist es seine erklärte Absicht, "russische Kultur nach Deutschland zu bringen".

      Als er 1933 das Konzert am Vorabend des Führer-Geburtstages leitet, kommt es zum Eklat. 12 ehemalige Mitglieder des Königsberger Orchesters erklären schriftlich, dass es sie "gekränkt" habe, unter einem gebürtigen Russen spielen zu müssen - der zudem seinerzeit in Königsberg Juden auffallend bevorzugt habe. (In der Tat waren die ersten Pulte dort in aller Regel von jüdischen Musikern besetzt - die freilich sämtlich exzellente Kräfte gewesen seien und später ausnahmslos in den USA allererste Posten bekleidet hätten!) Borchard hat zunächst ein halbes Jahr deutschlandweit Dirigierverbot - und wird danach bis Kriegsende kein Rundfunkorchester mehr dirigieren können.

      Anfang bis Mitte der 30er Jahre waren die Berliner Philharmonischen Konzerte quasi zwei- (wenn nicht gar drei-) geteilt. ((Die, wohl eher sporadischen, "Konzerte dritter Art" seien hier aus Platzgründen vernachlässigt!)) Die "A-Konzerte" waren (größtenteils jedenfalls) Furtwängler und "allerersten" Gastdirigenten wie Toscanini und Beecham vorbehalten. Dann gab es die, populärer ausgerichteten, "B-Konzerte" - und L. Sträßner schätzt, dass B. zwischen 1933 und 35 mehr von diesen geleitet hat als Furtwängler Konzerte in der A-Gruppe (!). Doch später kann er sich auch dort nicht halten - aus Gründen, die zur Gänze wohl nicht mehr ermittelt werden können. Festgestellt sei an dieser Stelle, dass B. wohl durchaus dankbar für seinen (ihm noch von russischen Behörden ausgestellten!) Arier - Nachweis ist, sich allerdings notorisch zu weigern scheint, NSDAP-Mitglied zu werden. 1936 kann er gerade noch vier "Sonderkonzerte" leiten - mit sehr "internationalen" Programmen, mit denen sich die Nazis im Umfeld der Olympischen Spiele als weltoffen darzustellen suchen.

      B. versucht vergebens, bei der BBC Fuß zu fassen, kann einige Male in Griechenland und Hilversum gastdirigieren (lt. Sträßner hat er durchaus seine Verdienste, die Brahms- und Beethoven-Rezeption in Griechenland betreffend!) und steht bis Kriegsende noch ganze zwei Mal (1940 und 43) am Pult des BPO (eine für das erste Konzert geplante Fortner - UA kommt nicht zustande, 1943 bringt er dann Gottfr.v.Einems "Capriccio" erstmals zu Gehör). Ansonsten schlägt er sich als Übersetzer aus dem russischen (Cechov, Tolstoi) und als Librettist (des Blacher - Oratoriums "Der Großinquisitor") mehr schlecht als recht durch.

      Am 25.05.45 wird er von den russ. Behörden (Briten und Amerikaner kommen erst im Juli nach Berlin) als Leiter des BPO "eingesetzt", etwas später von diesem freilich auch bestätigt. Sehr praktische Gründe dürften dafür nicht unerheblich gewesen sein, hat doch das Orchester in den wirren Wochen nach der Kapitulation nicht geringe Sorge, seine Eigenständigkeit zu verlieren - und da fühlt man sich unter einem fließend russisch sprechenden Chefdirigenten sicher erheblich "standfester"!

      Von den während der Sendung zur Gänze eingespielten Aufnahmen schienen mir das kurze (Klavier-)Concertino von Jean Francaix sowie die "Oberon" - Ouvertüre am interessantesten. Eine kleine Sensation ist es, als noch Mitte der 30er Jahre Francaix nach Berlin kommt, um mit sich selbst als Solisten und B. als Dirigenten sein Concertino aufzunehmen. B. und der Komponist sind ist mit 7 Min. erheblich flinker als Antal Dorati (Solist: Claude Francaix) und Pablo Gonzales (Florian Uhlig), die 8 resp. fast 8einhalb Minuten benötigen. Die "Oberon"-Aufnahme stammte dann schon aus Bs letzten Lebenswochen - hier ist es v. a. der sehr langsam genommenen Einleitung geschuldet, dass B. mit 09:37 mehr Zeit benötigt als Gustav Kuhn `85 (08:48), Keilberth `37 (09:11) und Sawallisch 1959 (09:24).

      Leo Borchard und der Widerstand: eine (lt. Biograph Sträßner) weit schwierigere Thematik als man (z. B.) aufgrund der kurzen Darstellung bei Wikipedia vermuten könnte. Gelegentlichen Vorhaltungen bzgl. seines Dirigates der besagten vier Propagandakonzerte im Umfeld von Olympia `36 (oder, bisher hier nicht erwähnt, wegen einiger "Einsätze" als Leiter so genannter "Frontkonzerte") begegnete er mit dem Argument, er "könne nicht tagtäglich mit den Nazis im Kriegszustand sein". Dass er seinen Teil zur Verbreitung der "Weiße Rose" - Flugschriften beigetragen hat, dürfte (einschließlich zwei, drei ähnlicher, vergleichsweise kleinerer Aktionen) andererseits inzwischen gesichert sein.
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    • 23.08.1958 - In Hamburg läuft das Segelschulschiff Gorch Fock vom Stapel

      Der gleichnamige Schriftsteller (alias Jakob Holst alias Giorgio Focco, eigtl. Johann Kinau) veröffentlichte 1914 seinen einzigen, von diversen Kritikern als Meisterwerk gelobten Roman Seefahrt tut not! (mit plattdeutschen Dialogen; i. F ein zusammenhängender Ausschnitt aus dem Anfangskapitel.). Zwei Jahre später fällt er als Kriegsfreiwilliger.

      …. Von den mittleren Bänken kam ein Weinen und Schluchzen. Dort saßen die Seefischerwitwen, in ihren schwarzen Kleidern und mit den dunklen Kopftüchern wie morgenländische Klageweiber anzusehen. Der letzte Jahrgang hatte die Stirnen auf der harten Holzlehne liegen, als sei kein Leben mehr in ihm: so wollten es die Sitte und der Schmerz. Zuhinterst saß die greise Geeschen Witten, tiefe Runen im Gesicht, das einer Landkarte ähnlicher sah, als einem Menschenantlitz. Sie konnte nur noch für Tote beten, denn alles Leben hatte sie der See gegeben: ihren Vater, der dreiundvierzig vor der holländischen Küste über Bord gekommen war, ihren Mann, der in den sechziger Jahren während der Äquinoktien untergegangen war, ihren Bruder, den sich die See fünf Jahre später bei Amrum geholt hatte, ihre beiden Söhne, die vor neun Jahren mit ihrem neuen Ewer verschollen waren. Sie wohnte ganz allein in ihrem großen, leeren Dachhaus, zwischen Netzen und Segeln, die die Gebliebenen zurückgelassen hatten, und wunderte sich, daß sie immer noch lebte, und daß auf ihrem Kirchenplatz nicht schon lange eine andere saß.

      Einer aber war da, der hatte den Kopf nicht gesenkt und die Augen nicht zugemacht: Thees to Baben, der Segelmacher und Spökenkieker, der Blut stillen, Krankheiten besprechen, Hexen nannen und Schweine zum Fressen bringen konnte und die Gabe des Vorsehens und Vorhörens besaß. Er beobachtete den Pastor scharf, und als Bodemann die Augen schloß, machte Thees seine weit auf und starrte durch das verbleite Fenster, bis er ihn kommen sah, den langen, heimlichen Zug, der vom Deich stieg und über die Äcker, Gräben und Wischen wallte, ohne eines Weges oder Steges zu bedürfen, der durch die von selbst sperrweit aufgehenden Türen drängte und die Kirche füllte. Lautlos und gespenstisch besetzte er alle leeren Plätze und alle Gänge. Kopf an Kopf standen sie, die gekommen waren, die gebliebenen Fahrensleute, die alten und die jungen, die Schiffer und die Knechte. Mit weitgeöffneten, wasserleeren Augen sah der Segelmacher sie an. Wie sie über Bord gespült waren, standen und gingen sie, das Wasser leckte ihnen von den Südwestern, glänzte auf den Ölröcken und quoll aus den Seestiefeln. Der Spökenkieker sah sie und lugte, ob sie einen unter sich hatten, dessen Untergang am Deich noch nicht bekannt geworden war. Dabei blieb er ruhig, denn er war an Spuk gewöhnt: nur, wenn einer der Toten ihn ansah, schüttelte er den Kopf, als wenn er sagen wollte: an den Segeln hat es nicht gelegen, daß ihr geblieben seid: die Segel waren gut! Wobei er allerdings voraussetzte, daß er sie auch wirklich gemacht hatte.

      Endlich - ein erlösendes Husten unten im Schiff, ein befreiendes Scharren oben auf dem Chor, ein dreistes Sperlingsgeschrei draußen in den Erlen und Eschen. Da vergingen Gespenster und Gedanken, die Sonnenstrahlen fingen wieder an zu spielen, und Alt-Bodemann bekam seine Sprache zurück. Und als er dann bei seinem Herrgott um den Hausstand anhielt und alle, die dazugehörten, um gottesfürchtige Eltern und Herren, gehorsame Kinder und frommes und getreues Gesinde, da war die große Stille vorüber: die Konfirmanden machten wieder ihre verstohlenen Zeichen, die Mädchen kicherten und stießen einander im geheimen an, Gesine Külper dachte an den ersten Schneewalzer, Thees Segelmacher stützte die Ellbogen auf die Brüstung und hörte so nipp zu, als wenn er noch Pastor werden wollte, und die Fahrensleute rollten die Prüntjer geruhig wieder hinter die Kusen.

      Klaus Mewes, der junge Seefischer, der in der Nähe der Orgel auf dem Chor saß, war von der Erinnerung an seinen Vater freigekommen, die ihn jäh befallen hatte, und konnte sich wieder seines guten Platzes freuen. Denn er hatte sich so zu Anker gehen lassen, daß er nicht allein recht in der Sonne saß, sondern auch aus dem Fenster sehen konnte. Hinter den Wischen und Gräben sah er den hohen Deich aufragen, und über den Stroh- und Pfannendächern der Häuser gewahrte er die Masten der Fischerfahrzeuge, die auf den Schallen und am Bollwerk lagen, und die Rauchwolken der Dampfer, die im Fahrwasser, hart am holsteinischen Elbufer, auf und ab fuhren: Dinge, die ihm Hirn und Herz mit Mut und Freude füllten! …. / v. zeno.org

      Ob Fock tatsächlich überzeugter Antisemit gewesen ist, bleibt unklar … Als Beleg für seinen Judenhass galt v. a. eine … Äußerung, in der F. die Juden als "Weltgift" bezeichnete. Der vollständige Originalsatz: "Die Juden sind Weltgift, darum teilte der Herr sie und gab jedem Volke ein Teilchen, damit es so als Arznei und heilsam wirke." / R.Schlott am 31.05.2016 auf spiegel.de
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    • 26.08.1921 - Todestag von Ludwig Thoma

      "Der Ruepp" ist sein letzter (vollständig abgeschlossener) Roman, veröffentlicht in seinem Todesjahr. Er hat fünfzehn Kapitel - hier einige Passagen aus dem dritten. Computertechnisch bedingt, habe ich mir erlaubt, ihnen eine (zugegeben mehr als etwas) andere äußere Form zu geben . . .

      In dem kleinen Austraghäusel, das vom Vater des Ruepp an den Hof angebaut und ehedem von ihm bewohnt worden war, hauste jetzt eine alt Magd Apollonia Amesreiter. Sie war vor Jahren aus Orthofen zum Ruepp gekommen, als die erkrankte Bäurin sie um Aushilfe gebeten hatte. Sie wurde in dieser Zeit der Rueppin so unentbehrlich, daß sie sie nicht mehr ziehen lassen wollte, und weil auch der Bauer zugeben mußte, daß die Loni die brauchbarste und billigste Helferin war, überredete man das brave Frauenzimmer zum Bleiben. Das war vor mehr als zwanzig Jahren gewesen, und in all der Zeit bewies die Loni, daß man auf dem Ruepphofe mit ihr den besten Treffer gemacht hatte. Den Kindern war sie im Herwachsen eine treue Hüterin gewesen, und sie galt ihnen für eine zweite Mutter. Am stärksten hing der Michel an ihr, denn er war weichmütiger wie der Kaspar und viel zutulicher wie die Leni, die in den häuslichen Kämpfen gallbitter geworden war ….

      Wenn die Loni über die schwere, blaukarierte Bettdecke hinweg nachdenklich zum Fenster hinsah, wo ein paar Blumenstöcke standen, die sie immer liebevoll behütet hatte, oder wenn sie stundenlang aufmerksam zur Weißdecke hinaufblickte, und wenn sie dabei in Gedanken ihr Erdenleben vorüber wallen ließ, erinnerte sie sich kaum an was anderes, als ans Frühaufstehen und Arbeiten bis in die sinkende Nacht. Auch die freundlichen Bilder waren nicht frei von Müh` und Plag`. Kinderwarten. Zwischen aller Arbeit in ein paar gestohlenen Stunden den kleinen Wagen unter den Ahornbaum hinterm Haus schieben, dem Michel den Diezel ins Maul stecken und die Fliegen von ihm abwehren. Und dabei gewann sie den winzigen Kerl lieb, der sie aus seinen dicken Backen heraus vergnügt anlachte und seine Finger um ihre Nase krallte. Über eine Weile kroch er schon auf allen Vieren in der Stube herum, wenn sie die Socken stopfte und die Bauernhemden flickte und daneben acht gab, daß der Michel, der alles ins Maul steckte, was ihm unterkam, nichts Unrechtes verschluckte. Wieder vergingen etliche Jahre mit Schneien, Regnen und Sonnenschein und der kleine Kerl saß auf dem Schemel neben ihr und heftete seine erstaunten Augen auf sie, wenn sie ihm Geschichten erzählte … Der Loni gingen die Geschichten, so viele sie auch wußte, immer noch eher aus wie dem Michel die Wißbegierde, und wenn sie meinte, es wär` genug, lehnte der Kleine seinen Kopf schmeichelnd an und bat: "Lonimuatta, no was!" Dafür war er aber auch zufrieden und aufmerksam, wenn sie eine alte Geschichte von vorne anfing, und seine Fragen blieben sich geradeso gleich wie ihre Erzählungen. ….

      Niemand wußte besser wie die Loni, daß der Ruepp schlecht stand, denn etliche Jahre vorher hatte sie ihm auf sein Ersuchen dreitausend Mark geliehen und hätte ihm später noch ein paar Tausend leihen sollen. Da hatte sie es ihm aber abgeleugnet, daß sie noch zweitausendfünfhundert Mark erspartes und ererbtes Geld in ihrem Schranke versteckt hielt, und sie hatte sein Drängen damit beantwortet, daß sie sich um das alte Darlehen besorgter stellte, als sie war. Wenn sie nun auf dem Krankenbette über das Fortkommen Michels nachsinnierte, stieg der Wunsch in ihr auf, dem Buben ihr verstecktes Geld und die Forderung an den Ruepp zu vermachen.

      Der nächste Verwandte, den sie hatte, war auch noch ein weitschichtiger Vetter und lebte als Schreiber in der Stadt. Sie wollte von ihm nichts mehr wissen, seit er vor langen Jahren einmal wegen einer Schlechtigkeit ins Gefängnis gesteckt worden war. Der Mensch hatte sie einmal aufgesucht und wäre ihr gar liebreich gekommen, aber sie hatte ihm gleich gesagt, daß sich die neu erwachte Liebe nicht austrage, weil sie einem unehrlichen Menschen nichts geben würde, und wenn sie noch soviel Geld hätte. Der Herr Aktuar Pfleiderer, so schrieb er sich, war ihr seitdem aus den Augen und aus dem Sinn entschwunden. Darum wußte sie nicht, was sie hindern hätte können, den Michel zu ihrem Erben zu machen, und sie nahm sich`s vor, das in Ordnung zu bringen.

      Gleich in den ersten Tagen ihrer Krankheit bat sie die Rueppin, man möchte ihr doch den Notar von Dachau kommen lassen. Aber da gerade die Ernte begann, redete sich der Ruepp, der wegen seiner Schuld die gerichtsmäßige Schreiberei scheute, darauf aus, daß vom Hof niemand wegkönne, und daß man jeden Gaul notwendig brauche. Es habe ja wohl Zeit bis auf etliche Wochen später, denn so schlimm sei die Loni nicht daran … Die Rueppin richtete es aus, und die Loni verstand, daß man ihretwegen nicht die Arbeit hint lassen wollte, obgleich sie wußte, daß der Bauer schon um Geringeres, etwa um ein Vergnügen oder eine Saufpartie, einen Tag ausgesetzt hatte. Aber ihre Bescheidenheit ließ es sie nicht unbillig finden, daß sie warten mußte. Dabei plagte sie aber eine innere Unruhe, von der sie gegen die Rueppin kein Hehl machte. …. / v. zeno.org

      >>Erst Ende der 80er hat man den politisch unappetitlichen T. wahrgenommen … Es gab bei ihm eine radikale politische Wende vom linksliberalen Autor des "Simplizissimus" … zum reaktionären Juden- und Räterepublikhasser. / M.Lerchenberg im Gespr. m. A.Prechtel am 06.12.2011, gedr. auf abendzeitung-muenchen.de<<
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    • 29.08.1918 - Todestag von Max Dauthendey

      Die Dame und das Grammophon

      Einmal, in der Sommerfrische, / Stand auf einem Gasthaustische / Schön poliert ein Grammophon, / Dieses hatte Menschenton.

      Prächtig schrie sein Blechzylinder. / Solches lockt zuerst die Kinder, / Doch auch Damen ist Geschrei / Nicht so gänzlich Einerlei.

      Manche stand mit langem Halse / An dem Trichter und der Walze. / Denn nicht Jeder sieht gleich, wie / Vor sich geht die Melodie.

      Keiner glaubt von diesem Dinge, / Daß es Stimmen fertig bringe. / Niemand gar vermutet hätt`, / In dem Dinge ein Quartett.

      Ist `ne Nummer abgelaufen, / Darf man sich `ne andere kaufen. / Und weil es die Walze kann, / Kommt auch ein Tenor daran.

      Der Tenor brüllt aus dem Trichter, / Und verzückt sind die Gesichter. / Manche Dam` hätt`s gern heraus, / Wie sieht der Tenor wohl aus!

      Und mein Gott, wer hätt`s erwartet! / Schicksale sind abgekartet! / Eine Dame - das kommt vor - / Wird besessen vom Tenor.

      Ach, er singt so unverfroren / Sich ins Herz ihr und die Ohren. / Aus der Walze, die sich schiebt, / Singt ein Mann, den`s nicht mehr gibt.

      Ihn, der einst hineingeschrieen, / Möcht` die Dame an sich ziehen; / Und die Dam`, mit einem Wort, / Geht nicht mehr vom Trichter fort.

      Ach, total tut sie erwarmen, / Möcht` den Trichter fest umarmen. / Endlich kauft sies Grammophon. / Hätt` sie nur was mehr davon!

      Aber ich darf`s nicht verhehlen, / Sie tat nur die Nachbarn quälen. / Kaum kam der Tenor ins Haus, / Stirbt ein jedes Stockwerk aus.

      Und auch sie wär` dran gestorben, / Wärs Gehör nicht erst verdorben. / Jetzt ihr`s nicht mehr schaden kann, / Denn sie wurde taub daran.

      Doch weil sie nicht blind, die Tauben, / Schraubt sie weiter an den Schrauben, / Schont auch gar nicht den Tenor, / Bis er seine Stimm` verlor.

      Wenn sich auch die Walzen drehen, / Kein Tenor tut mehr entstehen; / Denn das Grammophon, das hat / Endlich mal die Sache satt.

      Nur die Dam` ist noch vorhanden. / Und nach Jahren noch, da fanden / Wir sie an dem Grammophon / Horchend und verzückt davon.

      Keiner könnt` es ihr beibringen, / Daß die Walzen nicht mehr singen. / Trotz sie taub auf jedem Ohr, / Hört sie heut` noch den Tenor.

      (ungek. a. d. "Neun Pariser Moritaten" … Quelle: M. D.: Die Ammenballade. Leipzig 1913.)

      v. zeno.org
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 02.09.1661 - Geburtstag von Georg Böhm

      (Julius August) Philipp Spitta >1841-94< gilt heute als einer der Begründer der modernen Musikwissenschaft / v. wikipedia.org

      * Während der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bildeten sich in der Kunst, einen Choral auf der Orgel zu behandeln, in Deutschland zwei Hauptrichtungen aus. Die eine, von Johann Pachelbel zuerst mit Entschiedenheit eingeschlagen, gründete sich auf die poetische Seite der Choralmelodie und ihre Bedeutung für die Kirche; sie fand vorzugsweise Pflege in in Mitteldeutschland. Für die andere Richtung, deren Repräsentanten die nordländischen Orgelmeister waren, mit Dietrich Buxtehude an der Spitze, überwog die rein musikalische Bedeutung. (Seit 1698 war >G. B.< Organist an der Johanneskirche in Lüneburg und bekleidete dieses Amt bis zu seinem Tode, der nicht vor dem J. 1739 erfolgt zu sein scheint. Er) zeigt sich von Pachelbel`s Weise berührt, tiefer erfaßt als von derjenigen Buxtehude`s. Doch hat auch er von diesem sich mehr nur die Kunst thematischer Umbildung einer Melodie angeeignet, nicht zugleich auch der polyphonen Durcharbeitung. Ganz sein eigen ist die Art motivischer Zerlegung und Erweiterung einer Tonreihe, durch welche er aus einer Choralmelodie ganz neue, wesentlich homophon verlaufende Stücke schafft. In der Choralvariation zeigt er sich sehr erfinderisch, die Melodie immer neu zu umkleiden; hier, wie überhaupt in seinen Orgelcompositionen, finden sich viele claviermäßige Elemente und der Choral sinkt zur Bedeutung eines beliebigen Liedes herab.

      ** …. (Der reine Pachelbelsche Typus, dem Bach für seinen Orgelchoral am meisten verdankte,) erscheint an dem Buß- und Beichtgesange "Aus tiefer Noth schrei ich zu dir" sowohl in der vierstimmigen Bearbeitung für Manual allein, als auch in der sechstimmigen für Manual und Doppelpedal. Es kennzeichnet Bachs Empfindungsweise, daß er gerade diesen Choral sich erlas, um ihn zur Krone des Werkes zu erheben. Denn das ist die Composition unfraglich, sowohl wegen der Kunst der Stimmenführung, als der Fülle und Erhabenheit der der Harmonien, als auch der Spielvirtuosität, welche sie voraussetzt. In dieser Weise das Pedal durchweg zweistimmig zu führen hätten sich selbst die nordländischen Meister nicht getraut. Gerade sie waren es sonst, welche die zweistimmige Pedalbehandlung aufgebracht hatten, und Bach hat neben Pachelbel auch ihnen in dem Stücke Gerechtigkeit widerfahren lassen. Und nicht in ihm allein. In der Fughette über "Dies sind die heilgen zehn Gebot" grüßt und Buxtehudes Geist ganz vernehmlich, wennschon völlig wiedergeboren aus dem Bachschen Genius. Bedeutsam sowohl für Bachs Kunst als für seine Persönlichkeit ist es, wie in diesem letzten großen Orgelwerke die Ideale seiner Jugendzeit wieder auftauchen. Was mochte der ernste Meister empfinden, als er auf höchster einsamer Kunsthöhe die Bilder alter Tage beschwor und in dankbarlicher Bewegung noch einmal durch seine Phantasie ziehen ließ! Auch G. B. erscheint, das Vorbild der Lüneburger Schuljahre. Das Basso quasi ostinato des Orgelchorals "Wir glauben all an einen Gott" kündigt ihn deutlich an. Das Stück ist sonst eine Fuge über die erste Melodiezeile und hat mit dem Basse gar nichts zu schaffen. Eben hieraus wird die Bezugnahme auf B. ganz klar; denn Fugen zu schreiben, in denen das Pedal sich nicht an der Themadurchführung betheiligt, auch keinen Cantus firmus führt, sondern nur eine kurze frei erfundene Tonreihe von Zeit zu Zeit wiederholt, war übrigens nicht Bachs Manier. ….

      * a. d. "Allg. Dt. Biographie". Bd 3, Leipzig 1876; zit. auf wikisource.org
      ** a. JSB: Leben und Werk, … Sondershausen, im März 1873; zit. auf google.de (Der Sperrdruck ist original)

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    • 03.09.1883 - Todestag von Ivan (Sergeevic) Turgenev

      Faust: Erzählung in neun Briefen erschien erstmals 1856 (als Zeitschriftenbeilage), d. h. ein Jahr nach resp. fünf Jahre vor seinen hierzulande vermutlich bekanntesten Werken, dem Theaterstück Ein Morgen auf dem Lande (1855) resp. dem Roman Väter und Söhne.

      III. - 16.06.1850 ...Als (Wera) mir entgegenkam, konnte ich nur mir Mühe mein Erstaunen zurückhalten; ich sah vor mir das junge siebzehnjährige Mädchen, gerade wie ehemals. Nur den Augen fehlte der kindliche Ausdruck, den sie aber auch nie gehabt; sie waren in ihrer Jugend schon zu feurig für Kinderaugen. Sonst ist sie noch ganz wie damals: dieselbe Ruhe in Gang und Haltung, dieselbe Stimme. dieselbe glatte Stirn. Als hätte sie diese ganze Reihe von Jahren irgendwo unter einer Schneedecke zugebracht!

      ...Wera empfing mich sehr freundlich, und vollends ihr Mann ((Priemkoff)) war hocherfreut über meinen Besuch. Der gute Kerl scheint sich nur danach umzusehen, wo er sich an jemand attachieren kann. Sie haben ein recht bequemes und sauberes Wohnhaus. Auch die Toilette Weras war ganz mädchenhaft. Sie trug ein weißes Kleid mit einem blauen Gürtel und eine feine goldene Kette um den Hals. Ihr Töchterchen ist allerliebst, sieht ihr aber nicht ähnlich und erinnert mehr an die Großmutter. Ein wohlgetroffenes Bild dieser seltsamen Frau hängt im Salon über dem Sofa. Es fiel mir gleich in die Augen, als ich eintrat; es schien streng und aufmerksam auf mich zu blicken. Wera nahm ihren Lieblingsplatz auf dem Sofa unter dem Bild ein, ich setzte mich ihr gegenüber, und indem wir von der Vergangenheit redeten, konnte ich nicht umhin, oft die Augen zu der düsteren Gestalt der Mutter zu erheben. Du kannst Dir mein Erstaunen denken, wenn ich Dir sage, daß eingedenk der Lehren ihrer Mutter Wera bis jetzt keinen eigenen Roman, kein einziges poetisches, oder, wie sie sich ausdrückt, erdichtetes Werk gelesen hat. Eine solche Gleichgültigkeit gegen die edelsten Geistesgenüsse ärgert mich...

      IV. - 20.06.1850 ...Ich vergaß, Dir in meinem letzten Brief zu sagen, daß ich es bereute, zu meiner Vorlesung Faust gewählt zu haben. Schiller hätte sich weit mehr geeignet, wenn einmal mit deutscher Literatur der Anfang gemacht werden sollte. Vor allem hatte ich meine Bedenken wegen der ersten Szenen bis zur Bekanntschaft mit Gretchen, und auch in bezug auf Mephistopheles war ich nicht ganz ruhig. Allein ich stand einmal unter dem Einfluß des Faust, und keine andere Lektüre wäre mir so nach dem Herzen gewesen...

      Priemkoff fragte, ob ich nicht ein Glas Zuckerwasser wünsche, und war, wie sich an allem merken ließ, sehr zufrieden mit sich selbst, daß er diese Frage an mich gerichtet hatte. Ich fing an zu lesen, ohne die Augen aufzuschlagen; mir war ängstlich zumute, mein Herz schlug heftig, meine Stimme zitterte. Der erste Ausruf entrang sich dem Deutschen; er war im Verlaufe der Lektüre der einzige, welche die Stille unterbrach. "Wunderbar! Erhaben!" wiederholte er, und fügte manchmal hinzu: "Aber das ist ein wenig stark." Priemkoff langweilte sich, wie mir schien, da er die deutsche Sprache nur oberflächlich versteht und selbst bekennt, daß er keine Verse mag. Wer hieß ihn auch zuhören? Schon bei Tisch wollte ich ihm einen Wink geben, daß er bei der Vorlesung nicht zugegen zu sein brauche; aber ich fürchtete, ihn zu beleidigen.

      Wera rührte sich nicht. Ein paarmal warf ich einen verstohlenen Blick auf sie; ihre Augen waren aufmerksam und fest auf mich gerichtet; sie sah bleich aus. Nach der ersten Begegnung Fausts mit Gretchen bog sie sich aus der Stuhllehne hervor, faltete die Hände auf dem Schoß und blieb bis zum Ende des Stückes in dieser Stellung. Anfangs störte mich die Gleichgültigkeit Priemkoffs, bald aber vergaß ich ihn, wurde immer ernster und las mit Wärme und Hingerissenheit. - Ich las nur für Wera allein. Eine innere Stimme sagte mir, daß Faust einen lebhaften Eindruck auf sie machte. Als ich geendet - das Walpurgis-Intermezzo und einiges aus der Hexenküche-Szene übersprang ich -, als das letzte "Heinrich!" erscholl, rief der Deutsche voll Rührung: "Gott, wie herrlich!" Priemkoff sprang erfreut auf; der arme Mann dankte mir seufzend für das Vergnügen, welches ich ihm bereitet! Ich erwiderte nichts darauf und sah Wera an; ich war nur begierig zu hören, was sie sagen würde. Sie erhob sich, wankte der Tür zu, stand eine Weile auf der Schwelle und ging dann langsame Schrittes hinaus in den Garten. Ich eilte ihr nach...

      V. - 26.07.1859 ...Das Lesen mit ihr verschafft mir einen noch nie empfundenen Genuß; es tut mir gleichsam unbekannte Regionen auf. In lauten Enthusiasmus gerät sie nicht; alles Geräuschvolle ist ihr fremd. Wenn ihr etwas gefiel, so leuchtet sanft ihr ganzes Wesen, und ihr Gesicht nimmt einen so edlen Ausdruck an, einen Ausdruck von Güte - jawohl, von inniger Güte. Lüge hat Wera nie gekannt; sie ist von klein auf an Wahrheit gewohnt, atmet nur Wahrheit. Daher kommt es, daß auch in der Poesie nur das Wahre ihr natürlich erscheint; das findet sie gleich und ohne Mühe heraus wie ein wohlbekanntes Gesicht... Das eine nur ärgert mich, daß Priemkoff immer um uns beschäftigt ist. Dieser Mensch ist ebensowenig imstande, Poesie zu verstehen, wie ich, die Flöte zu blasen; und trotzdem will er immer dabeisein und tut, als wolle er gleich seiner Frau sich unterrichten lassen...

      dt. v. Fr.v.Bodenstedt (1864); zit. v. zeno.org
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    • 06.09.1864 - in Wien wird der Walzer "Dorfschwalben aus Österreich" (op. 164) von Josef Strauss uraufgeführt

      "nimm gern von mir alle Texte, die Du irgendwo...einfügen willst" schreibt user AlexanderK an Mr. Kalenderblatt am verg. SO . . . mach ich doch glatt :)
      (Bei den hier behandelten Interpretationen handelt es sich ausnahmslos um Aufnahmen von den Neujahrskonzerten der Wiener Philharmoniker...)

      Kompositorisch werden (seine) Werke vielfach innovativer als die des ((zwei Jahre)) älteren Bruders (Johann, geb. 1825) angesehen. Die symphonische Anlage von Groß-Walzer und Polka Mazur wirkt oft schwerblütiger, melancholischer, tiefgründiger. Richard Wagners Einfluß ist zu hören. Einige Themen haben andere Komponisten inspiriert..., das "Dynamiden" Hauptthema dürfte Richard Strauß ("Rosenkavalier") sehr gut im Ohr gehabt haben... (Bzgl. Aufnahmen v. op. 164 fasziniert bei Carlos Kleiber >1992<) die sensationelle Virtuosität, bei der aber die Leichtigkeit der Musik gleichwohl voll zum Tragen kommt. Nikolaus Harnoncourt macht >2001< hingegen deutlich, dass es sich um Tanzmusik aus dem 19. Jahrhundert handelt... Wer...von der "Verklärung" sich zu lösen bereit ist, wird gerade bei (ihm) faszinierend "erdige" Facetten der Musik entdecken. Das Orchester zeigt enorme Flexibiltät, sich "punktgenau vollendet" auf die jeweiligen Wünsche einzustellen.

      Der Walzer Dynamiden op. 173 >1865< hieß zunächst Geheime Anziehungskräfte >für die Industriegesellschaft<. Das symphonische Vorspiel allein entfaltet schon die Wirkung der großen romantischen Symphonischen Dichtung... (Ricardo) Muti >1997< hat ein besonderes Feingefühl für den Schmelz der Musik, haarscharf, aber stets genau richtig an der Grenze zum Kitsch, im besten Sinne "wienerisch" musikalisch". "Schöner", "abgerundeter", "himmlischer" ist diese Musik wohl nicht "empfindbar". Harmonisch und klanglich besonders reizvoll ist auch der Walzer Transactionen op. 184 komponiert, ebenfalls aus dem Jahre 1865. Erstaunlich, dass er...nur mit Muti >1993< zu finden ist, dort allerdings "optimal" die Schwerblütigkeit wie die Größe und doch auch eine "selbstverständliche" Leichtigkeit ausschwingen lassend. Woher hat Muti bloß diesen herrlichen, tief empfundenen und zumindest für den Wiener "ganz bis ins Herz" mitempfundenen, wehmütigen Wiener Schmelz? Der für den Wiener Medizinerball 1867 entstandene Walzer Delirien op. 212 entwirft ein ganz besonders inspiriertes einleitendes Stimmungsbild einer "Fieberphantasie", aus dessen "Fluten" sich der eigentliche Walzer herausschält... Bei Herbert von Karajan, der in seinem einzigen Neujahrskonzert >1987< auch die "Sphärenklänge" ((op. 235)) schon vor der Pause...ausbreitet,, atmet die Musik die Selbstverständlichkeit der Wiener Philharmonischen Musiziertradition auf höchstem Niveau, und der "Wiener Dialekt" wird auch nicht verleugnet. Karajan >wie auch Mehta 2007< wiederholt den ersten Walzer nicht. wodurch er schneller in das "Karussell" der Fortsetzung gleitet. Bewusster, akzentuierter, differenzierter geht erneut Harnoncourt >2003< ins Werk. Indem er die Details genauer hervorhebt, "zwingt" er den Hörer, der Musik in ihrer Komplexität wirklich genau zu folgen... Der Medizinerball 1868 brachte den nächsten unglaublichen kompositorischen Höhepunkt von Josef - ...op. 235, mit einer dem Titel ungemein sensibel gerecht werdenden Einleitung und einmal mehr einer besonders inspirierten Walzerfolge..., im Himmel ist man (hier...) auf jeden Fall mit Kleiber >1992<, so sphärisch zart gleitet man mit ihm in die vollendete Seligkeit.

      Vor allem in der "Polka mazur" kommt das "wehmütige Talent" des Josef Strauss unvergleichlich zur Geltung. Jede ist meiner Meinung nach einer Entdeckung wert. Das ist wirklich inspirierte, kleine und doch ganz große Musik. Sympathie op. 73 >1859< hat gleich so ein wehmütig sehnsüchtiges Thema, sie wurde 1990 von Zubin Mehta dirigiert. Die Schwebende op. 110 >1861< landete 1998...so wie man nur in Wien landen kann, ebenfalls unter Mehtas Leitung. Die sehnsüchtig brennende Liebe op. 129 >1862< fand 1988 in Claudio Abbado die kongeniale musikalische Erfüllung. Pretres Interpretation (der wieder so ganz besonders sehnsüchtigen - und fein charmant komponierten - Polka Mazur Frauenherz op. 166 >1864<) verblasst überraschend fast bis zur Beliebigkeit gegenüber Mutis sensibler, inspirierter, ungemein feinfühliger Aufnahme >1997<. Harnoncourt spürt der Seele dieser Musik übrigens auch im auf DVD verfügbaren Eröffnungskonzert der Salzburger Festspiele 2009 besonders beherzt nach. Ein Kleinod für sich ist Stiefmütterchen op. 183 >1865<, die Muti >von dem man sich... eine Josef Straus CD wünscht...< 2004 (zu Gehör brachte.) Am berühmtesten ist wohl die Libelle op. 204 >1866<, und einmal mehr schwirrt die Kleiber-Sternstunde >1989< mit filigranem Flügelschlag allen anderen davon... Die tanzende Muse op. 266 >1869< atmet bei Abbado >1991< schwebende Leichtigkeit, während sie, unmittelbar danach in Lorin Maazels eineinhalb Minuten länger dauernden Aufmahme von 1996 gehört, seltsam behäbig und schwerfällig daherkommt... Die Emancipirte op. 282, das vorletzte Werk des Komponisten, charmant-stilvoll, erklang zu Neujahr 1979 >Boskovsky, spielt souverän "drüber weg"<, 1990 <Mehta, nimmt die Musik akzentuierter, bewußter< und 2005 >Maazel, schwerfälliger, wie anderswo auch<.

      <= das alles (und noch viel mehr :top: ) verfasst am 22.11.2010 . . .
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    • 06.09.1729 - Geburtstag von Moses Mendelssohn

      Er war der Großvater von Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy, der Schwiegervater von Friedrich Schlegel. Seine Schrift Phaedon oder über die Unsterblichkeit der Seele (erstgedruckt 1767 und bereits in den beiden Folgejahren >dann jeweils mit einem Anhang versehen< als Zweit- und Drittauflage erschienen) besteht aus drei "Gesprächen", denen noch eine Vorrede sowie die Abhandlung Leben und Charakter des Sokrates vorangestellt sind. Im Folgenden ein zusammenhängender Ausschnitt vom Anfang dieser Abhandlung . . .

      …. Etwa in seinem dreyßigsten Jahre, als sein Valter längst todt war, und (Sokrates), ohne sonderliche Neigung, aber aus Noth, die Bildhauerkunst noch immer trieb, lernte ihn Krito, ein vornehmer Athenienser, kennen, bemerkte seine erhabenen Talente, und urtheilte, daß er dem menschlichen Geschlechte durch sein Nachdenken weit nützlicher werden könnte, als durch seine Handarbeit. Krito versahe ihn mit den Nothwendigkeiten des Lebens, und Sokrates legte sich anfangs mit vielem Fleiße auf die Naturlehre, die zur damaligen Zeit sehr im Schwange war. Er merkte aber gar bald, daß es Zeit sey, die Weisheit von Betrachtung der Natur auf die Betrachtung des Menschen zurückzuführen. Dieses ist der Weg, den die Weltweisheit allezeit nehmen sollte. Sie muß mit Untersuchung der äußerlichen Gegenstände anfangen, aber bey jedem Schritte, den sie thut, einen Blick auf den Menschen zurückwerfen, auf dessen wahre Glückseligkeit alle ihre Bemühungen abzielen sollten. Wenn die Bewegung der Planeten, das Wesen der himmlischen Körper, die Natur der Elemente u. s. w. nicht wenigstens mittelbar einen Ein fluß in unsere Glückseligkeit haben: so ist der Mensch gar nicht bestimmt, sie zu untersuchen.

      Sokrates war der erste, wie Cicero sagt, der die Philosophie vom Himmel herunter gerufen, in die Städte eingesetzt, in die Wohnungen der Menschen geführet, und über ihr Thun und Lassen Betrachtungen anzustellen genöthiget hat. Indessen gieng er, wie überhaupt die Neuerungsstifter zu Thun pflegen, auf der andern Seite etwas zu weit, und sprach zuweilen von den erhabensten Wissenschaften, mit einer Art von Geringschätzung, die dem weisen Beurtheiler der Dinge nicht geziemet.

      Damals stand in Griechenland, wie zu allen Zeiten bey dem Pöbel, die Art von Gelehrten in großem Ansehen, die sich bemühen, eingewurzelte Vorurtheile und verjährten Aberglauben durch allerhand Scheingründe und Spitzfindigkeiten zu begünstigen. Sie gaben sich den Ehrennamen Sophisten, den ihre Aufführung in einen Ekelnamen verwandelte. Sie besorgten die Erziehung der Jugend, und unterrichteten...auf öffentlichen Schulen so wohl, als in Privathäusern, in Künsten, Wissenschaften, Sittenlehre und Religion, mit allgemeinem Beyfalle. Sie wußten, daß...die Beredsamkeit über alles geschätzt wird, daß ein freyer Mann gerne von Politik schwatzen höret, und daß die Wissensbegierde schaaler Köpfe am liebsten durch Mährchen befriediget seyn will: daher unterließen sie niemals, in ihrem Vortrage gleißende Beredsamkeit, falsche Politik und ungereimte Fabeln so künstlich durcheinanderzuflechten, daß das Volk sie mit Verwunderung anhörte und mit Verschwendung belohnte. Mit der Priesterschaft standen sie in gutem Vernehmen; denn sie hatten beiderseits die weise Maxime: leben und leben lassen. Wenn die Tyranney der Heuchler den freyen Geist der Menschen nicht länger unter dem Joche halten konnte: so waren jene Scheinfreunde der Wahrheit bestellt, ihn auf falschen Wege zu verleiten, die natürlichen Begriffe durcheinander zu werfen, und allen Unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum, Recht und Unrecht, Gutem und Bösem, durch blendende Trugschlüsse aufzuheben.

      In der Theorie war ihr Hauptgrundsatz: Man kann alles beweisen und alles wiederlegen, und in der Ausübung: Man muß von der Thorheit anderer, und seiner eigenen Ueberlegenheit, so viel Vortheil ziehen, als man nur kann. Diese letztere Maxime hielten sie zwar, wie leicht zu erachten, vor dem Volke geheim, und vertrauten dieselbe nur ihren Lieblingen, die an ihrem Gewerbe Theil nehmen sollten; allein die Moral, die sie öffentlich lehrten, war nichts destoweniger für das Herz des Menschen eben so verderblich, als ihre Politik für die Rechte, Freyheit und Glückseligkeit des menschlichen Geschlechts.

      Da sie listig genug waren, das herrschende Religionssystem mit ihrem Interesse zu verwickeln: so gehörte nicht nur Entschlossenheit und Heldenmuth dazu, ihren Betrügereyen Einhalt zu Thun, sondern ein wahrer Tugendfreund durfte es ohne die behutsamste Vorsichtigkeit nicht wagen. Es ist kein Religionssystem so verderbt, daß ((es ??)) nicht wenigstens einigen Pflichten der Menschheit eine gewisse Heiligung giebt, die der Menschenfreund verehren, und der Sittenverbesserer...unangetastet lassen muß. Von Zweifel in Religionssachen zur Leichtsinnigkeit, von Vernachlässigung des äußerlichen Gottesdienstes zur Geringschätzung alles Gottesdienstes überhaupt, pflegt der Uebergang sehr leicht zu seyn, besonders für Gemüther, die nicht unter der Herrschaft der Vernunft stehen, sondern von Geiz, Eifersucht oder Wollust regieret werden. Die Priester des Aberglaubens verlassen sich nur allzusehr auf diesen Hinterhalt, und nehmen zu demselben, wie zu einem unverletzlichen Heiligthum, ihre Zuflucht, so oft ein Angriff auf sie geschiehet.

      Solche Schwierigkeiten und Hindernisse standen dem Sokrates im Wege, als er den großen Entschluß faßte, Tugend und Weisheit unter seinen Nebenmenschen zu verbreiten.

      v. zeno.org / Die Sperrdrucke sind original
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    • 07.09.1807 - Geburtstag von Johann Wilhelm Schirmer

      ….in den Freistunden des Unterrichts, den der junge S. in der reformirten Volksschule seines Wohnortes (Jülich) empfing, begann er zu zeichnen, und das angeborene Talent, das sich bald zeigte, als er eine Zeit lang mit seinem Tuschkasten gearbeitet hatte, fand dann einige Förderung durch den gelegentlichen Unterricht, den ihm ein Vermessungsconducteur ertheilte. Als die Schule durchlaufen und der Knabe confirmiert war, mußte er bei dem Vater...die Buchbinderei gründlich erlernen. Nur in spärlich zugemessenen Mußestunden konnte er versuchen, Kupferstiche und Gemälde zu copiren und einige Blätter nach niederländischen Meistern zu radiren… (1825 >od. 26?<) erhielt er auf die Kunde, daß in Düsseldorf eine Malerakademie bestehe, auf der systematischer Unterricht...ertheilt werde, von seinem Vater die Erlaubniß, bei einem dortigen Buchbinder in Arbeit zu treten und sich daneben in der Kunst auszubilden. Des Morgens in der Werkstatt thätig, konnte er mit besonderer Erlaubniß des Nachmittags die Elementarclasse der Akademie besuchen. Auf die Dauer wurde ihm aber dieser Zwitterzustand unerträglich. Er beschloß, sein Handwerk aufzugeben und, wenn er auch mit Noth und Entbehrungen zu kämpfen hätte, doch von nun an ausschließlich der Kunst zu leben. Bald rückte er in die Gypsklasse vor und durfte auch schon im Actsaale sich versuchen.

      Im J. 1826 erhielt die Akademie einen neuen Director, Wilhelm Schadow, und mit ihm zog ein neuer Geist ein. An Stelle des von Cornelius gepflegten Stiles, dessen schablonenhafte Nachahmung den Schülern zur Pflicht gemacht wurde, trat nunmehr ein eifriges und exactes Studium nach Modell und Natur. Schadow erkannte bald die hervorragende Begabung Schirmer`s, zog ihn in Unterricht und Verkehr näher an sich heran und förderte auch durch Zuwendung von Stipendien...sein Fortkommen...

      Es war wohl der Einfluß und das Vorbild C. F. Lessing`s, was ihn anzog, sich der Landschaftsmalerei zu widmen. Da aber für dieses Fach kein Lehrer an der Akademie bestellt war und auch Schadow sich auf diesem Gebiet nicht als competent betrachtete, so war S. ausschließlich auf eigenes Studium und den gelegentlichen Rath Lessing`s angewiesen. Mit diesem zog er seit dem Frühjahr 1827 in den Wald hinaus und begann die Natur zu studiren. Gleich das erste große Bild, das er im J. 1828 malte, "Deutscher Urwald", ...erwarb auf der Berliner Kunstausstellung großen Beifall. Nun erhielt er Aufträge und erweiterte seine Studien, indem er sich bemühte, aus den Motiven, die ihm bei seinen Wanderungen begegneten, geeignete Staffagen für seine Landschaften zu gewinnen. Die Erfolge seiner Arbeiten zeigten sich bald auch in seiner gesellschaftlichen Stellung. Er wurde in die besten Kreise der Düsseldorfer Gesellschaft gezogen, denen damals Männer wie Immermann, ...Felix Mendelssohn und Schnaase Anregungen gaben, von welchen auch S. reichen Nutzen ziehen durfte. Insbesondere mit Schnaase verband ihn enge Freundschaft. Nicht lange und sein künstlerischer Ruf drang über die Grenzen Deutschlands hinaus. 1838 wurde eine seiner Landschaften im Pariser Salon durch die zweite goldene Medaille ausgezeichnet. Unausgesetzt ging sein Streben dahin, sich mit der Natur in engster Berührung zu erhalten...

      eine Studienreise, die er...1839 und 1840 nach Italien unternahm, (wurde) von höchster Bedeutung für seine fernere künstlerische Entwicklung. "In Italien", sagt Woltmann, "hatte sich sein Gefühl für die Linien und den Formenadel ausgebildet und er wandte sich jetzt mit besonderer Vorliebe der südlichen Landschaft idealen Charakters zu". Das Bild, das er (1840) vollendete, eine Grotte der Egeria im Museum zu Leipzig, wird von vielen für das bedeutendste seiner Werke gehalten. Schon vor seiner Abreise...war S. zum Professor an der Akademie in Düsseldorf ernannt worden. Nunmehr trat er diese Amt an und vermählte sich im Juli 1841 mit Emilie v. Bardeleben aus Kassel. Seine italienischen Studien verwerthete S. in den nächsten Jahren zu einer Reihe von Bildern, von denen die "italienische Landschaft mit Pilgern" in der Düsseldorfer Galerie und das "Kloster Scholastika bei Subiaco" in der Nationalgalerie zu Berlin erwähnt seien...

      Nie vergißt er über eingehendem Streben nach charakteristischer Wiedergabe der Details die künstlerische Wirkung des Ganzen, nie tritt die Staffage, so sorgfältig er sie auch behandelt, aufdringlich aus dem Rahmen des Ganzen heraus. Meister in der Zeichnung, hatte er das feinste Gefühl für eine rhythmische Schönheit der Linien und eine harmonische Ausgestaltung seiner Compositionen. Als Mensch ernst und tief religiös, wohlwollend, charakterfest, ...gewann er überall, wo er wirkte, die Achtung und Liebe seiner Umgebung. Sein Fleiß war bewunderungswürdig...

      aus "Allg. Dt. Biographie. Bd. 31, … Leipzig 1890 (Verf. Friedr.v.Weech)"; zit. v. wikisource.org ((einen offensichtlichen Druckfehler im >hier< letzten Absatz habe ich stillschweigend bereinigt.))
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 12.09.1840 - Clara Wieck heiratet Robert Schumann

      … 1819 (ist sie) in Leipzig als Tochter des Musikpädagogen und Clavierhändlers Frdr. Wieck geboren, der ihr erster und einziger Lehrer im Clavierspiel wurde und ihr ungewöhnliches Talent mit unermüdlicher Geduld und mit hohem musikalischen Verständniß...zur Reife brachte... Nachdem sie sich in Dresden in Privatkreisen hatte hören lassen, gab sie...1830 im Gewandhaus in Leipzig ihr erstes selbständiges Concert..."Die ausgezeichneten, sowohl in ihrem Spiele, als in ihren Compositionen bemerkbaren Leistungen...errangen ihr den größten Beifall", berichtet die Leipziger Zeitung darüber. Nach einem Concert in Dresden, das ebenso günstig verlief, faßte Wieck Muth zu einer größeren Kunstreise mit seiner Tochter, die über Weimar, wo Goethe die jugendliche Virtuosin sehr auszeichnete,...Kassel, Frankfurt nach Paris führte. Ueberall gab es große Anstrengung und manche Verdrießlichkeit, aber allenthalben erregten Clara`s Leistungen auch Enthusiasmus...

      1830 schon war Robert Schumann in den Gesichtskreis Clara`s getreten. Er wohnte anfangs bei Wieck; seine ersten Compositionen, wie die Papillons, fanden bei Clara verständnißvolle Bewunderung...; und als (Robert) die "Neue Zeitschrift für Musik" herausgab, da folgten die "Schwärmbriefe an Chiara", die mit phantastischem Ueberschwang die poetische Bedeutung der Clavierspielerin Clara Wieck feierten. Es ist bekannt, daß Robert Schumann ein stilles Verlöbniß...eingegangen war, aber schon 1835 hatte er sich...gelöst, da sein Herz Clara Wieck gehörte, und im November erlangte er von ihr das Geständniß der Gegenliebe...

      Bereits 1831 war (Clara`s) erstes Werk, vier Polonaisen, veröffentlicht, dem bald andere folgten, 1835 spielte sie sogar ein eigenes Clavierconcert mit Orchester im Gewandhaus. Der Thomascantor Weinlig und Heinrich Dorn, Richard Wagner`s und Schumann`s Compositionslehrer, wurden auch die ihrigen, und wenn sie später einmal von sich sagt "Ich glaubte einmal das Talent des Schaffens zu besitzen, doch von dieser Idee bin ich zurückgekommen, ein Frauenzimmer muß nicht componiren wollen, - es konnte es noch keine; sollte ich dazu bestimmt sein? Das wäre eine Arroganz, zu der mich bloß einmal der Vater in früherer Zeit verleitete", so hat sie doch >auch nach ihrer Verheirathung< eine ganze Reihe von Werken geschaffen, die sich...durch manchen anmuthigen Zug der Erfindung und durch Sinn für formale Feinheit auszeichnen. Das Thema ihrer Romanze op. 3 hat Schumann sogar gereizt, Variationen darüber zu schreiben, auch benutzte er Motive aus ihren Compositionen in seiner Fmoll-Sonate >Concert sans Orchestre< , im Carneval , in den Davidsbündlern und in den Studien für den Pedalflügel. Von den zahlreichen Concertreisen, die Clara bis...1840 unternahm, ist die wichtigste die, welche sie nach Wien führte,...denn trotzdem sie dem wienerischen Geschmack...nicht entgegenkam und in ihren Concerten den dort fast ganz unbekannten Mendelssohn, Henselt, Schumann`s neueste Werke und Beethoven spielte, wurde sie begeistert aufgenommen, und Grillparzer widmete ihr nach dem Vortrag der Beethoven`schen großen Fmoll-Sonate eins seiner schönsten Gedichte. Dann aber, weil sie bei dieser Gelegenheit zur k. k. Kammervirtuosin ernannt wurde, eine äußere Ehrung, die ganz unerhört war für eine Ausländerin, Protestantin und so junge Künstlerin...

      Wurde (ihre) Künstlerschaft durch Robert`s Schaffenstrieb, der...Clavierübungen neben sich nicht ertrug, auch etwas in den Hintergrund gedrängt,...so wuchs doch innerlich...die Sicherheit ihres Kunstempfindens immer mehr, einestheils dadurch, daß sie sich in die Schöpfungen und die Anschauungen ihres Mannes immer tiefer einlebte, andererseits durch das intensive Studium Bach`s und Beethoven`s, das sie mit Robert gemeinsam betreib, endlich durch sorgsam gewählte Lectüre, die ihren Gesichtskreis und ihre Gefühlswelt erweiterte und belebte. Schumann kränkte sich oft darüber, daß seine Frau seinetwegen ihre Uebungen aufhalten mußte, erkannte aber ebensowohl ihr inneres Wachsthum…: "Sorge macht mir oft, daß ich Clara in ihren Studien oft hindere... Was freilich die tiefere musikalische Bildung betrifft, so ist (sie) gewiß nicht stehen geblieben, im Gegentheil vorgeschritten..."

      In der Art, wie Clara das Ungeheure ((d. h. Roberts Tod im Juli 1856)) ertrug, zeigt sich nun die ganze...Charakterstärke dieser zarten Frau... In ihrem Tagebuch beklagt sie sich über ihre Freundinnen, die "fromm redeten" und vom Herrn Jesu schrieben, und fährt fort: "Für mich kann die Frömmigkeit nicht in dieser Art zu denken und zu thun bestehen. Ich suche...mein Unglück zu tragen, so gut ich es kann, aber nicht durch Beten und Lesen heiliger Bücher, sondern durch Thätigkeit und das Wirken für andere! Darin finde ich die Kraft und den Muth, noch zu leben, überhaupt." Und wie eine Heldin kämpfte sie nun um ihre Existenz, wies Unterstützungen...dankbar zurück, zog concertirend durch Nord- und Süddeutschland, ging auch nach England, und hatte nach dem Hinscheiden Robert`s wenigstens die Genugthuung, zu sehen, daß...ihr kleines Capital sich noch vermehrt hatte...

      Art. v. C.Krebs in "Allg. Dt. Biographie. Bd. 54, ...Leipzig 1908"; zit. auf wikisource.org
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    • 18.09.1864 - Geburtstag von Johann Gottfried Walther

      ...1697 bezog der 13jährige W. das ((Erfurter)) Rathsgymnasium, wo er eifrig seinen Studien oblag, aber auch Zeit fand, die Orgelbank aufzusuchen. Die Strebsamkeit des Jünglings erwarb ihm das Wohlwollen eines unbekannten Gönners, auf dessen Veranlassung W. 1701 zum Probespiel aufgefordert und...1702 zum Organisten an der Erfurter Thomaskirche berufen wurde. Nun widmete sich W. völlig der Musik, die seine ganze Zeit in Anspruch nahm... Seine Lehrmeister in der Composition und in der Theorie waren Partituren und Bücher. Erst nachdem er aus ihnen geschöpft, was zu lernen war, begab er sich auf Reisen, um seinen musikalischen Gesichtskreis zu erweitern...1704 (besuchte er) Halberstadt und Magdeburg, wo er zu tüchtigen und berühmten Musikern, A. Werkmeister und Joh. Graff in nähere Beziehungen trat. Mit dem Theoretiker Werkmeister, der W. mit Buxtehudes Werken bekannt machte, hielt ihn später noch ein lebhafter Briefwechsel zusammen. 1706 endlich besuchte W. in Nürnberg Wilh. Hieron. Pachelbel, des berühmten Joh. Pachelbel Sohn. Auf solchem künstlerischen Boden reiften die Vorarbeiten zu Walther`s Compositionslehrbuch, zu seinem Lexikon, zur eigenen compositorischen Thätigkeit…

      1707 erhielt er die Vocation als Organist an St. Peter und Paul in Weimar..., wo er ein "aus 25 klangbaren Stimmen und 5 Beyzügen bestehendes Orgel-Werck" antraf. Die musikalischen Verhältnisse in Weimar scheinen W. sehr zugesagt zu haben. Gleich von Anfang an durfte er zu dem musikliebenden Hofe in sehr günstige Beziehungen treten: er wurde der Clavierlehrer des jungen Prinzen Johann Ernst und seiner Schwester Johanne Charlotte. Dem Beispiele des Hofes folgten Viele, Adelige und Bürgerliche, sodaß W. neben seinen Pflichten und Neigungen eine "tägliche insgemein mühsame Information" zu verrichten hatte...(1708) rückte Seb. Bach als Hoforganist und Kammermusikus in Weimar ein. Eine geistige Beziehung zwischen beiden Orgelmeistern war schon früher angeknüpft durch Walther`s Verwandtschaft mütterlicherseits mit dem Bach`schen Geschlecht, durch Walther`s Verkehr mit J. Bernh. Bach, durch die gemeinsame Bekanntschaft mit dem Orgelbauer Wender in Mühlhausen. Zusammen lebend aber in gleichen Verhältnissen, strebend nach gleichen Kunstzielen, wurden sie bald vertraute Freunde...

      Dem Prinzen Johann Ernst, der übrigens als Hauptinstrument die Violine tractirte, widmete W. bereits...1708 sein umfassendes Compositions-Lehrbuch; unter Walther`s "geringen und unterthänigsten Anführung" betrieb Johann Ernst noch dreiviertel Jahre vor seinem Tode >1715< Compositionsstudien - ein deutliches Zeichen dafür, eine wie große Bedeutung W. als Theoretiker selbst neben Seb. Bach besaß. Walther`s "Hauptinteresse war aber dem Orgelchoral zugewendet". Auf diesem Gebiete sammelte er alles, was er von dem Besten seiner Zeitgenossen und älterer Meister erreichen konnte...Und selbst...componirte (er) ganze Jahrgänge von Choralvariationen und -Bearbeitungen...

      Walther`s "Musikalisches L e x i c o n..., darinnen nicht allein die Musici, welche sowol in alten als neuern Zeiten, ingleichen bey verschiedenen Nationen, durch Theorie und Praxin sich hervorgethan, und was von jedem bekannt worden, oder er in Schriften hinterlassen, mit allem Fleisse und nach den vornehmsten Umständen angeführet, sondern auch die in Griechischer, Lateinischer, Italiänischer und Frantzösischer Sprache gebräuchliche Musicalische Kunst- oder sonst dahin gehörige Wörter, nach Alphabetischer Ordnung...erkläret..." - ist...das erste deutsche musikalische Lexikon. W. widmete das Werk seinem Fürsten, Herzog Ernst August. Ein Auszug aus Walther`s Lexikon wurde schon 1737 in Chmenitz...anonym als "Kurtzgefaßtes Musicalisches Lexicon" in die Welt gesetzt >neue Auflage 1749< - man sieht, W. hatte den richtigen Griff gemacht...

      °° "(Das oben erwähnte Compositions-Lehrbuch) ist...das umfassendste Compendium der für den Compositionsunterricht am Ende des 17. Jahrhunderts gültigen Gesetze und dazu gehörigen Disciplinen, ein Compendium, welche aber nicht nur diese zu Walther`s Zeit gebräuchliche Lehre zusammenstellt, sondern auch auf das in früherer Zeit Uebliche, soweit es für den Schüler zu wissen nöthig ist, Rücksicht nimmt und beides, alte und neue Lehre, oft einander gegenüberstellt....In Walther`s Werk (ist) auch vielfach die Anregung zu einer historischen Entwickelung der einzelnen Disciplinen gegeben worden".

      °° ** "Alles, was Pachelbel technisch mehr oder weniger unausgeführt gelassen hat, ist von ((dem Komponisten)) W. vollendet. Die Contrapunkte stehen freier noch der Melodie gegenüber und bilden einen selbständigen Organismus unter sich, in dem die einzelnen Stimmen in großer Ungebundenheit sich bewegen; mit gleicher Leichtigkeit führt bald der Baß, bald eine Mittel- oder Oberstimme den C a n t u s F i r m u s, die Pedaltechnik ist voll entwickelt. Dazu gebietet er über einen bedeutenden Reichthum combinatorischer Erfindung und über jene Gewandtheit im Lösen schwieriger contrapunktischer Probleme, welche nur durch ausdauernden Fleiß gewonnen wird".

      M.Seiffert in "Allg. Dt. Biographie", Bd. 41: Leipzig 1896; zit. v. wikisource.org
      Sämtliche Abkürzungen und Sperrdrucke sind original, die oben unterstrichenen Worte sind in der Quelle andersfarbig gedruckt.
      Der (hier) vorletzte Absatz zitiert den Musikkritiker und Komponisten H.Gehrmann (Essay "J. G. W. als Theoretiker", 1891), der letzte den Musikwissenschaftler Ph.Spitta (Bd. I. d. Bach-Biographie, 1873).
      Alle sonstige Zitate entstammen Walthers eigenen (oben erwähnten) Schriften.
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    • 24.09.1583 - Geburtstag von Albrecht Wenzel Eusebius v. Waldstein, gen. Wallenstein

      Im zeitlichen Umfeld seiner Jenaer Antrittsvorlesung ("Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?"; 1789) schreibt Friedrich Schiller zwei ausgreifende "historische Werke" - nachfolgend einige Sätze aus den Kapiteln sechs und sieben seiner "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges" (Die Sperrdrucke sind original.) . . .

      Nur eine ansehnliche Heeresmacht, von ihm selbst aufgestellt, konnte (den Kaiser) dieser drückenden Abhängigkeit von Bayern überheben und ihm seine bisherige Ueberlegenheit in Deutschland behaupten helfen. Aber der Krieg hatte die kaiserlichen Lande viel zu sehr erschöpft, um die unermeßlichen Kosten einer solchen Kriegsrüstung bestreiten zu können. Unter diesen Umständen konnte dem Kaiser nichts willkommner sein, als der Auftrag, womit einer seiner Officiere ihn überraschte.

      Graf Wallenstein war es, ein verdienter Officier, der reichste Edelmann in Böhmen. Er hatte dem kaiserlichen Hause von früher Jugend an gedient, und sich in mehreren Feldzügen...auf das rühmlichste ausgezeichnet... Die Dankbarkeit des Kaisers kam diesen Diensten gleich, und ein beträchtlicher Theil der nach dem böhmischen Aufruhr confiscierten Güter war seine Belohnung. Im Besitz eines unermeßlichen Vermögens, von ehrgeizigen Entwürfen erhitzt, voll Zuversicht auf seine glücklichen Sterne und noch mehr auf eine gründliche Berechnung der Zeitumstände, erbot er sich, für den Kaiser, auf eigene und seiner Freunde Kosten, eine Armee auszurüsten und völlig zu bekleiden, ja selbst die Sorge für ihren Unterhalt dem Kaiser zu ersparen, wenn ihm gestattet würde, sie bis auf fünfzigtausend Mann zu vergrößern. Niemand war, der diesen Vorschlag nicht als die chimärische Geburt eines brausenden Kopfes verlachte - aber der Versuch war noch immer reichlich belohnt, wenn auch nur ein Theil des Versprechens erfüllt würde. Man überließ ihm einige Kreise in Böhmen zu Musterplätzen und fügte die Erlaubniß hinzu, Officiersstellen zu vergeben. Wenige Monate, so standen zwanzigtausend Mann unter den Waffen, mit welchen er die österreichischen Grenzen verließ; bald darauf erschien er schon mit dreißigtausend an der Grenze von Niedersachsen. Der Kaiser hatte zu der ganzen Ausrüstung nichts gegeben als seinen Namen. Der Ruf des Feldherrn, Aussicht auf glänzende Beförderung und Hoffnung der Beute lockte aus allen Gegenden Deutschlands Abenteurer unter seine Fahnen, und sogar regierende Fürsten, von Ruhmbegierde oder Gewinnsucht gereizt, erboten sich jetzt, Regimenter für Oesterreich aufzustellen. Jetzt also - zum erstenmal in diesem Kriege - erschien eine kaiserliche Armee in Deutschland; eine schreckensvolle Erscheinung für die Protestanten, eine nicht viel erfreulichere für die Katholischen...

      Dürfte man einer ausschweifenden Angaben aus jenen Zeiten trauen, so hätte Wallenstein in einem siebenjährigen Commando sechstausend Millionen Thaler aus einer Hälfte Deutschlands an Contributionen erhoben. Je ungeheurer die Erpressung, desto mehr Vorrath für seine Heere, desto stärker also der Zulauf zu seinen Fahnen; alle Welt fliegt nach dem Glücke. Seine Armeen schwollen an, indem alle Länder welkten, durch die sie zogen. Was kümmerte ihn nun der Fluch der Provinzen und das Klaggeschrei der Fürsten? Sein Heer betete ihn an, und das Verbrechen selbst setzte ihn in den Stand alle Folgen desselben zu verlachen...

      …. Wallenstein hatte über eine Armee von beinahe hunderttausend Mann zu gebiethen..., als das Urtheil der Absetzung ihm verkündigt werden sollte. Die meisten Officiere waren seine Geschöpfe, seine Winke Aussprüche des Schicksals für den gemeinen Soldaten. Grenzenlos war sein Ehrgeiz, unbeugsam sein Stolz, sein gebieterischer Geist nicht fähig, eine Kränkung ungerochen zu erdulden. Ein Augenblick sollte ihn jetzt von der Fülle der Gewalt in das Nichts des Privatstandes herunterstürzen. Eine solche Sentenz gegen einen solchen Verbrecher zu vollstrecken, schien nicht viel weniger Kunst zu kosten, als es gekostet hätte, sie dem Richter zu entreißen. Auch hatte man deßwegen die Vorsicht gebraucht, zwey von Wallensteins genauesten Freunden zu Ueberbringern dieser schlimmen Botschaft zu wählen, welche durch die schmeichelhaftesten Zusicherungen der fortdauernden kaiserlichen Gnade so sehr als möglich gemildert werden sollte...

      (Wallenstein erwartete Genugthuung von der Zukunft), und in dieser Hoffnung bestärkten ihn die Prophezeiungen eines italienischen Astrologen, der diesen ungebändigten Geist, gleich einem Knaben, am Gängelbande führte. Seni, so hieß er, hatte es in den Sternen gelesen, daß die glänzende Laufbahn seines Herrn noch lange nicht geendigt sei, daß ihm die Zukunft noch ein schimmerndes Glück aufbewahre...

      v. gutenberg.spiegel.de
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    • 28.09.1681 - Geburtstag von Johann Mattheson

      Brieff an Herrn Mattheson ((v. G.P.Telemann)). Franckfurth / d. 14. Sept. 1718.
      Mein Herr, ...nachdem meinen Lebens-Lauff...überschicket / ich soll noch einige Anmerckungen hierzufügen. Demnach erfülle in gegenwärtigem dero Verlangen.

      ...so war doch auf mütterlicher Seite die Erfahrung in der Singe-Kunst desto grösser. Und aus diesem Ursprunge leitet sich mein Naturell zur Mu s i c her / welches ich für eine Haupt-Glückseeligkeit meines Lebens schätze... Hier erlernete die Grundsätze im Singen / etwa im 9. oder 10ten Jahre / bey Herrn Bened i c t o Chr i s t i a n i, C a n t o r e in der alten Stadt / >an den noch jetzo danckbarlich gedencke< in recht weniger Zeit. Hierauf nahm L e c t i o n auf dem Claviere… Diese beydes ist alles / was in der Music durch Anweisung begriffen; das Uebrige that nachgehends die Natur / welche mir auch noch eher / als ich im Singen unterrichtet wurde / schon die Flöte und Violine / und bey jener fast zugleich die Feder in die Hand gegeben hatte / so daß ich erstlich Arietten / hernach Moteten / Intrumental-Sachen / und endlich gar eine Oper / die auch vorgestellet wurde / zusammen setzte / wiewohl es hierbey nicht fehlen kann / daß alles mit meiner unzeitigen Jugend ziemliche Gleichheit wird gehabt haben. Mitten bey diesem hitzigen Fortgange fanden sich Leute / welche meiner seel. Mutter einredeten: Es wäre heut zu Tage ein gefährliches Werck um die Music; Man könnte sein Brodt nicht darbey erwerben; Sie wäre in aller Welt verachtet etc...

      Ich (fand) bey mir eine grössere Lust zur Kirchen-Arbeit. Ich ließ die Stücke derer neuern Teutschen und Italiänischen Meister mir zur Vorschrifft dienen / und fand an ihrer Erfindungs-vollen / singenden und zugleich arbeitsamen Arth den angenehmsten Geschmack / bin auch noch jetzt der Meynung / daß ein junger Mensch besser verfahre / wann er sich mehr in denen Sätzen von gedachter Sorte umsiehet / als denenjenigen Alten nachzuahmen suchet / die zwar krauß genug c o n t r a-p u n c t i ren / aber darbey an Erfindung nackend sind / oder 15. biß 20. obligate Stimmen machen / wo aber D i o g e n e s selbst mit seiner Laterne kein Tröpfgen Melodie finden würde... Ich hatte damahls das Glück / zum öfftern die Hannöverische und Wolffenbüttelische Capellen zu hören...bekam ich bey jener Licht im Frantzösischen / bey dieser im Italiänischen und Theatralischen G o u t, bey beyden aber lernete die diversen Naturen verschiedener Instrumenten kennen / welche nach möglichstem Fleiße selbst zu excoliren nicht unterließ. Wie nöthig und nützlich es sey / diese Arten in ihren wesentlichen Stücken unterscheiden zu können / solches erfahre noch biß auf den heutigen Tag / und sage / es könne niemand / ohne solches zu wissen / hurtig und glücklich im Erfinden seyn. Es ist auch die genaue Bekandschafft mit denen Instrumenten zur Composition unentbehrlich...

      Da mir in Mageburg von neuem angemuthet wurde / die Mu s i c zu verlassen / und hingegen zum S t u d i o J u r i d i c o alle meine Kräffte anzuwenden / so fand mich hierzu so geneigt / daß ich alle bißher comp o n i rte Sachen / nebst denen Instrumenten zurück ließ / und sie einer ewigen Vergessenheit aufopfern wolte… Am ersten Tage meiner Ankunfft in Leipzig muste sichs fügen / daß mit einem S t u d i o s o a c c o r d wurde / dessen Stuben Geselle zu werden. Ich zog ein / fand aber das gantze Zimmer / wieder alles Vermuthen / voll von Instrumenten. Ich hörete täglich Mu s i c darinnen / verbarg aber meine Erfahrung in dieser Wissenschafft. Endlich wurde solche entdecket / als gedachter mein Stuben-Pursch unter meinen S c r i p t u r e n / den ehe dessen von mir gesetzten 6ten Psalm... / erblickte. Ich verständigte ihn meines Vorhabens / daß er auf keine Weise zu hindern versprach / nahm aber den 6ten Psalm zu sich / welcher den nächsten Sonntag darauf in St. Thomas-Kirche mu s i c i ret wurde. Der damahlige Bürgermeister und Geheimbde Rath / Herr D. R o m a n u s, merckte in dieser Arbeit etwas an / warum er für gut fand / mir zu rathen: Ich möchte die Mu s i c...mir anbefohlen seyn lassen / machte mir zu gleich Hoffnung zu einigen daraus entspringenden guten Vortheilen / und trug auch zu meiner Beförderung bey der neuen Kirche ein grosses bey.

      Also trat ich wieder in mein erstes Element / nemlich die Mu s i c, welche in weniger Zeit mein gantzes Feuer wieder anbließ. Ich...richtete das noch jetzo f l o r i rende C o l l e g i u m Mus i c um auff. Dieses C o l l e g i um, ob es zwar aus lauter S t u d i o s i s bestehet / deren öffters biß 40. beysammen sind / ist nichts desto minder mit vielem Vergnügen anzuhören / und wird nicht leicht / derer mehrentheils darinnen befindlichen guten Sänger zu geschweigen / ein Instrument zu finden seyn / welches man nicht darbey antrifft. Es hat etliche mahl die Gnade gehabt / Se. Königliche Pohlnische Majestät / und andere grosse Fürsten zu d i v e r tiren. Sonst versiehet es die Mu s i c in der neuen Kirche. Endlich gereichet auch zu dessen Ruhme, daß es vielen Oertern solche Mu s i c o s mitgetheilet, die man jetzo unter die berühmtesten zehlet... ….

      v. wikisource.org
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    • 04.10.1515 - Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren

      …. Erst der zweite Sohn, der jüngere Lukas,...der noch vor des Vaters Tode ((<= Oktober 1553)) berufen war, das Erbe der Werkstatt anzutreten, beginnt, da er ins Mannesalter eintritt, sich von den Fesseln der väterlichen Tradition zu befreien. Er baut weiter auf dem Boden des Überkommenen, aber er gehört einer neuen Zeit an, die ihre Zugeständnisse fordert...

      Wenn ((der c. 1513 geb. erste Sohn)) Hans Cranach hinter manchem Bilde, das unter dem Namen des alten Lukas geht, als Urheber sich verbergen mag, so kann nicht leicht mehr eine offenkundige Schöpfung des jüngeren Lukas mit einem Werke des Vaters verwechselt werden. Die Farbe, die immer fest und emailartig vertrieben ist, die als reiner Lokalton behandelt und im Schatten mit Grau und Schwarz ins Dunkle abgewandelt wird, ist bei dem jüngeren hell und gebrochen und wird im Lichte mit Weiß gemischt. Sie ist fleckig aufgetragen, und es werden Beziehungen zwischen den Teilen der Bildfläche geschaffen, die auf das Ziel einer neuen farbigen Einheit hinweisen. Die Bilder des jüngeren Lukas wirken hell und ein wenig bunt in der Farbe und aufgelöst gegenüber der strengen und altertümlicheren koloristischen Rechnung des Vaters. Es lebt eine andere Menschheit in den Schöpfungen des jüngeren Cranach. Diese Männer mit den flockigen Bärten und der rosigen Gesichtsfarbe, diese Frauen mit den stumpfen Gesichtern und den ausdruckslosen, weitgeöffneten Augen haben nichts mehr gemein mit den stillen und würdigen Herren, den zierlichen und schelmisch blickenden Mägden, die der ältere Cranach gemalt hatte. Der jüngere Lukas war trotzdem kein selbständiger Künstler. Er blieb abhängig von den Grundsätzen der Bildgestaltung, die er vom Vater erlernt hatte... Sein Bestes gab er im Porträt. Hier war er des Vaters würdig...

      Noch deutlicher fast...ist der Stilunterschied zwischen den Werken des alten und des jungen Cranach im Holzschnitt zu fassen. Der Gegensatz zwischen der formbezeichnenden und der schattengebenden Linie wird in den Holzschnitten des Sohnes in seiner Schärfe gemildert und stellenweise ganz aufgehoben. Das Linienwerk erhält einen durchgehend gleichmäßigen Charakter. Die Striche, die den Bart des Melanchthon andeuten, unterscheiden sich nicht von denen, die den Schatten auf den Wangen oder unter dem Kinn bilden. Ein solcher Holzschnitt ist ebenso grundsätzlich verschieden etwa von dem Bildnis Luthers als Junker Jörg wie ein gemaltes Porträt des jungen Cranach von einem Bilde des Vaters. Es spricht der Stil einer anderen Generation aus ihm. Die feste Form wird malerisch aufgelöst. Die Linie verliert an Eigenwert und selbständiger Bedeutung. Diesen Schritt in die neue Welt einer vollkommen veränderten Formanschauung vermochte der greise (L.d.Ä.) selbst nicht mehr zu tun...

      Geht man mit dieser Vorstellung von seiner Kunst, deren erste sichere Zeugnisse dem Jahre 1544 entstammen, dem gleichen Jahre, in dem L.d.J. das väterliche Haus...übernahm, an das letzte große Werk heran, das mit dem Namen des alten L.C. verbunden ist, so fällt es trotzdem nicht ganz leicht, zu erkennen, daß dem Sohne ein wesentlicher Anteil an dieser Schöpfung...gebührt. Es ist der Altar in der Weimarer Stadtkirche, der auf der Mitteltafel in lebensgroßen Figuren eine Allegorie der Erlösung zeigt, auf der Innenseite der Flügel den knienden Kurfürsten mir seinen Söhnen zur Rechten, seine Gemahlin mit den Töchtern zur Linken. Diese von großartigem Ernst erfüllten Gestalten in der schweren Pracht der aus dem Dunkel glühenden Farben haben wenig gemein mit dem leichtsinnigeren Wesen und der lichteren Buntheit, die auf den Bildern des Sohnes herrscht. Und doch muß der jüngere L. die Fertigstellung des Werkes geleistet haben... 1552 brach in vielen Städten Mitteldeutschlands ein großes Sterben aus, das L.d.J. veranlaßte, mit seinen Gesellen...nach Weimar zu übersiedeln... Möglich, daß in dieser Zeit Hilfskräfte des alten Kreises zu dem großen Werke herangezogen wurden. Wahrscheinlich aber wanderten die Tafeln nach dem Tode (L.d.Ä.) in die Werkstatt zu Wittenberg, um dort endgültig fertiggestellt zu werden. Hier erst wurden die Malereien der Flügelaußenseiten hinzugefügt, die in der Proportionierung der Gestalten ebenso wie in der hellen und klanglosen Formbildung des Stil des Sohnes verraten. Gebührt ihm darüber hinaus noch ein wesentlicher Anteil, so muß man vorraussetzen, daß er, pietätvoll...die eigene Handschrift verleugnete, um...sein Schaffen im väterlichen Werke aufgehen zu lassen. Gestalten wie der Erlöser, der den Bösen besiegt, wie der Täufer Johannes, stehen in Einzelheiten der Zeichnung und Färbung dem jungen L.C. näher, als dem älteren. Aber die Malweise ist im ganzen doch so sehr dem Stile des Vaters angeglichen, daß nirgends eine eigentliche Lücke fühlbar wird... ….

      aus C.Glaser "Lukas Cranach" (Leipzig 1923); zit. v. digi.ub.uni-heidelberg.de
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    • 07.10.1794 - Geburtstag von Wilhelm Müller

      Der Verfasser der Gedichtzyklen "Die schöne Müllerin" und "Die Winterreise" arbeitete auch für den "Brockhaus"-Verlag und diverse literarische Zeitschriften. Der ausgreifende Essay "Über die neueste lyrische Poesie der Deutschen. >Ludwig Uhland und Justinus Kerner.<" (von dem hier, geringfügig gekürzt, zwei Anfangs-Passagen wiedergeben sind) erschien 1827 im Bd. 28 des "Kritische(n) Jahrbuch(s) der Literatur".

      Die lyrische Poesie der Deutschen hat von Klopstock bis auf unsre Zeit mancherlei Veränderungen durchlaufen, deren verschiedene...Züge das verworrene Bild zusammensetzen, welches wir hier betrachten wollen. Wenn die deutsche Poesie überhaupt die freieste Vielseitigkeit der Form...als ein nationales Vorrecht geltend macht, so wird die lyrische, als die freieste Dichtungsart, die der Empfindung, welche gleichsam nur eine geregelte und veredelte Natursprache der Freude und des Schmerzes ist, und zu ihren Formen und Stoffen gar keiner äußern Welt bedarf,...von jenem Vorrechte der Freiheit den freiesten Gebrauch machen. Keiner Dichtungsart ist daher auch die formelle Beschränkung einer nationalen Geschmackslehre so nachtheilig, wie der lyrischen. Die Empfindung windet sich in solchen Fesseln entweder zu einer kümmerlichen Reflexion zusammen, oder bläst sich in rhetorischem Schwulst auf. Wie wenig reine und volle Akkorde der Empfindung hat z.B. der Italiener in der Musik seiner Sprache angeschlagen, weil er sie nur zu Canzonen und Sonetten gestimmt hat! ...Man betrachte dagegen die lyrischen Gedichte e i n e s deutschen Dichters, eines G ö t h e . Sie überflügeln in ihrer freien Ausdehnung seiner subjectiven Einheit...die gesammte Lyrik mancher ganzen Nation. Unter den Deutschen hat sich auch die lyrische Poesie zuerst in ihrem ganzen Umfange entwickelt. Als die Urmutter aller Poesie, denn die Empfindung ist älter als Beschreibung, Erzählung und mimisches Nachsprechen, klingt sie in alle Dichtungsarten hinein, als belebender Geist... Wie viel Lyrisches z.B. in Tasso`s Epos, in einem Calderon`schen Schauspiel, oder auch in Shakspeare`s "Sommernachtstraum", und in fast allen malerischen Lehrgedichten der neuen Welt! Dagegen tragen die andern Dichtungsarten der Lyra gleichsam mit gegenseitiger Gefälligkeit Stoffe und Formen zu. Die lyrische Ballade und Romanze, wie die englische, schottische und deutsche Volkspoesie sie erfunden und die ersten Dichter dieser Nationen sie kunstreich ausgebildet hatten, ist nicht blos durch ihre sangbare Form ein Lied, sondern mehr noch durch die Empfindung, welche die epische Vergangenheit durch rührende Theilnahme in die unmittelbare Gegenwart hineinrückt. Sehr treffend sagte Jean Paul: "Das Epos stellt die Begebenheit, die sich aus der Vergangenheit entwickelt, das Drama die Handlung, welche sich für und gegen die Zukunft ausdehnt, die Lyra die Empfindung dar, welche sich in die Gegenwart einschließt."...

      Aechter, voller und reiner deutscher Liederklang überscholl gar bald den reimlosen Rhythmus der Barden und Anakreontiker. Der göttinger Dichterbund, und vor allem Bürger, der Goldmund, beflügelte die lyrische Poesie...mit den alten Schwingen des Reimes und Gesanges zum neuen Volksliede. Während er den tiefen, starken und lautern Ton seiner Brust....durch den Ruf des alten Volksgesanges...weckte, lehrte Schiller, dessen Kritik der Bürger`schen Gedichte allein genügt, um zu beweisen, daß er kein Lyriker ist, die deutsche Lyra declamiren; zwar mit Pathos, Glanz und Fülle, aber der Lyriker, welcher declamirt, ist doch nicht anders zu entschuldigen, als der Redner, welcher singt. Wie das Volkslied und dessen Widerhall in Bürger`s Gedichten, so verhörte Schiller auch den zarteren Klang des ältern deutschen Minneliedes gänzlich, und mit ihm wie viele, die der Glanz der Brillanten in den Ringen, mit denen seine Hand die Lyra spielte, so blendete, daß sie wenig auf den Klang derselben achteten... Wir wollen nicht behaupten, daß alle lyrischen Gedichte von Schiller die natürlichen Formen und Klänge der lyrischen Poesie durch jene rhetorisch declamatorische Ueberfüllung zerstören... Wie jeder Mensch in seinem Leben durch e i n e n Moment...zum Dichter werden kann, so ist es ja noch erklärlicher, daß bändereiche Dichter zuweilen nur durch ein einziges Lied ihre echte Dichternatur bekunden. Sie zersprengt in solchen Momenten die schief gezogenen Bande eitler Theorien und Manieren und fühlt sich selbst; aber leider hat sie nicht immer Muth und Geschick, sich in dieser Freiheit zu erhalten. Wenn Opitz uns nichts weiter hinterlassen hätte, als das Lied >"Ich empfinde fast ein Grauen", etc.< wer würde ihn nicht für einen größern Dichter halten, als er wirklich mit allen seinen übrigen Gedichten geworden ist? Schiller, der Lyriker, hat mehr als ein oder zwei solcher Lieder und Balladen aufzuweisen, die, wenn sie nicht als Ausnahmen in seinen Bestrebungen erschienen, unsre obige Charakteristik Lügen strafen würden.

      Das deutsche Volkslied fand in Göthe seine höchste und feinste Veredelung. Es ist bekannt, daß viele unter seinen schönsten Gesängen, und namentlich romanzenartige Lieder, Nachklänge oder Anklänge von deutschen und fremden Volkspoesien sind... So trat durch ihn...das alte Volkslied, geläutert und verklärt durch die Kunst, wieder in das Leben ein, und wie der Dichter, so schöpfte auch sein Componist, Reichardt, Accorde und Klänge aus dem reichen und tiefen Quell des Volksgesanges. Herder`s Volkslieder und des "Knaben Wunderhorn" belebten in der schönsten Wechselwirkung diese Regeneration der deutschen Lyrik, und wurden durch dieselbe hervorgerufen und verbreitet... Göthe`s westöstliche Divanslieder verdanken ihr Leben dem innern Naturtriebe, welcher des jugendlichen Greises Geist nach dem Orient versetzte... Aber die, welche...hinter herzogen, sind zwar mit orientalischen Turbanen und dergleichen Maskenapparat mehr zurückgekommen, aber sie wissen sich nicht darin zu halten und zu bewegen...

      v. uni-due.de
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      18.10.1851 - in London erscheint der Roman "Moby Dick; or, The Whale" von Herman Melville

      Die meisten, die die John Huston - Verfilmung noch halbwegs in Erinnerung haben, dürften sich auch noch ein wenig an Orson Welles` Auftritt als Prediger erinnern. Im Roman ist "The Sermon" das 9. (v. insgesamt 135!) Kapitel(n). Daraus ein kurzer Absatz vom Beginn, danach (um c. 30% gekürzt) dessen letztes Viertel . . .

      "Shipmates, this book, containing only four chapters - four yarns - is one of the smallest strands in the mighty cable of the Scriptures. Yet what depths of the soul does Jonah`s deep sealine sound! what a pregnant lesson to us is this prophet! What a noble thing is that canticle in the fish`s belly! How billow-like and boisterously grand! We feel the floods surging over us; we sound with him to the kelpy bottom of the waters; sea-weed and all the slime of the sea is about us! But WHAT is this lesson that the book of Jonah teaches?" ….

      There now came a lull in his look, as he silently turned over the leaves of the Book once more; and, at last, standing motionless, with closed eyes, for the moment, seemed communing with God and himself. But again he leaned over towards the people, and bowing his head lowly, with an aspect of the deepest yet manliest humility, he spake those words:

      "...how gladly would I come down from this mast-head and sit on the hatches there where you sit, and listen as you listen, while some one of you reads ME that other and more awful lesson which Jonah teaches to ME, as a pilot of the living God. How being an anointed pilot-prophet, or speaker of true things, and bidden by the Lord to sound those unwelcome truths in the ears of a wicked Nineveh, Jonah, apalled at the hostility he should raise, fled from his mission, and sought to escape his duty and his God by taking ship at Joppa. But God is everywhere; Tarshish he never reached. As we have seen, God came upon him in the whale and swallowed him down to living gulfs of doom, and with swift slantings tore him along INTO THE MIDST OF THE SEAS, where the eddying depths sucked him ten thousand fathoms down, and THE WEEDS WERE WRAPPED ABOUT HIS HEAD, and all the watery world of woe bowled over him. Yet even then beyond the reach of any plummet - OUT OF THE BELLY OF HELL - when the whale grounded upon the ocean`s utmost bones, even then, God heard the engulphed, repenting prophet when he cried. Then God spake unto the fish; and from the shuddering cold and blackness of the sea, the whale came breeching up towards the warm and pleasant sun, and all the delights of air and earth; and VOMITED OUT JONAH UPON THE DRY LAND; when the word of the Lord came a second time; and Jonah, bruised and beaten - his ears, like two sea-shells, still multitudinously murmuring of the ocean - Jonah did the Almighty`s bidding. And what was that, shipmates? To preach the Truth to the face of Falsehood! That was it!"

      ...He drooped and fell away from himself for a moment; then lifting his face to them again, showed a deep joy in his eyes, as he cried out with a heavenly enthusiasm, - "But oh! shipmates! on the starboard hand of every woe, there is a sure delight; and higher the top of that delight, than the bottom of the woe is deep. Is not the main-truck higher than the kelson is low? Delight is to him - a far, far upward, and inward delight - who against the proud gods and commodores of this earth, ever stands forth his own inexorable self. Delight is to him whose strong arms yet support him, when the ship of this base treacherous world has gone down beneath him. Delight is to him, who gives no quarter in the truth, and kills, burns and destroys all sin though he pluck it out from under the robes of Senatores and Judges... And eternal delight and deliciousness will be his, who coming to lay him down, can say with his final breath - O Father! - chiefly known to me by Thy rod - mortal or immortal, here I die. I have striven to be Thine, more than to be this world`s, or mine own. Yet this is nothing; I leave eternity to Thee; for what is man that he should live out the lifetime of his God?"

      He said no more, but slowly waving a benediction, covered his face with his hands, and so remained kneeling, till all the people had departed, and he was left alone in the place.

      zit. v. gasl.org
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      21.10.1925 - In Paris sind seit heute (bis zum 21.Nov.) 39 Aquarelle von Paul Klee zu sehen. Es handelt sich um Paul Klees erste Einzelausstellung in Frankreich.

      Absatz I - III: Passagen aus dem Essay "Über das Licht" (La Lumiere) von Robert Delaunay, von P. K. Ende 1912 ins Deutsche übersetzt . . .
      Absatz IV - VII: Passagen aus P.Ks Essay "Schöpferische Konfession" a. d. Jahre 1920

      Im Verlauf des Impressionismus wurde in der Malerei das Licht entdeckt, das aus der Tiefe der Empfindung erfaßte Licht als Farben-Organismus aus komplementären Werten... Man gelangte so über das zufällig Naheliegende hinaus zu einer universalen Wirklichkeit von größter Tiefenwirkung >nous voyons jusqu`aux etoiles<. Das Auge vermittelt nun als unser bevorzugter Sinn zwischen dem Gehirn und der durch das Gleichzeitigkeitsverhältnis von Teilung und Vereinigung charakterisierten Vitalität der Welt. Dabei müssen sich Auffassungskraft und Wahrnehmung vereinigen. Man muß sehen wollen.

      Mit dem Gehörsinn allein wären wir zu keinem so vollkommenen und universalen Wissen vorgedrungen, und ohne die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Gesichtssinns wären wir...sozusagen beim Takt der Uhr (stehen geblieben). Bei der Parität des Gegenstandes wären wir verblieben, beim proizierten Gegenstand ohne Tiefe. In diesem Gegenstand lebt eine sehr beengte Bewegung, eine simple Folge von Stärkegraden. Im besten Fall, kann man, bildlich gesprochen, zu einer Reihe aneinandergehängten Wagen gelangen. Architektur und Plastik müssen sich damit begnügen... Solange die Kunst vom Gegenstand nicht loskommt, bleibt sie Beschreibung. Litteratur, erniedrigt sie sich in in der Verwendung mangelhafter Ausdrucksmittel, verdammt sie sich zur Sklaverei der Imitation. Und dies gilt auch dann, wenn sie...die Lichtverhältnisse bei mehreren Gegenständen betont, ohne daß das Licht sich dabei zur darstellerischen Selbständigkeit erhebt.

      Die Natur ist von einer in ihrer Vielfältigkeit nicht zu beengenden Rhythmik durchdrungen. Die Kunst ahme ihr hierin nach, um sich zu gleicher Erhabenheit zu klären, sich zu Gesichten vielfachen Zusammenklangs zu erheben, eines Zusammenklangs von Farben, die sich teilen und in gleicher Aktion wieder zum Ganzen zusammenschließen...

      … Ich habe Elemente der graphischen Darstellung genannt, die dem Werk sichtbar zugehören sollen... Die Elemente sollen Formen ergeben, nur ohne sich dabei zu opfern... Es werden ihrer meist mehrere zusammenstehen müssen, um Formen oder Gegenstände zu bilden, oder sonstige Dinge 2. Grades. Flächen aus zueinander in Beziehung tretenden Linien >z. B. beim Anblick von bewegten Wasserläufern< oder Raumgebilde aus Energien mit Beziehungen dritter Dimension >durcheinander wimmelnde Fische<. Durch solche Bereicherung der formalen Symphonie wachsen die Variationsmöglichkeiten und damit die ideellen Ausdrucksmöglichkeiten ins Ungezählte...

      Die Realität der sichtbaren Dinge (wird) offenbar gemacht und dabei dem Glauben Ausdruck verliehen, daß das Sichtbare im Verhältnis zum Weltganzen nur isoliertes Beispiel ist, und daß andere Wahrheiten latent in der Überzahl sind. Die Dinge erscheinen in erweitertem und vermannigfachtem Sinn, der rationellen Erfahrung von gestern oft scheinbar widersprechend. Eine Verwesentlichung des Zufälligen wird angestrebt... Dem entspricht der simultane Zusammenschluß der Formen, Bewegung und Gegenbewegung... Jede Energie erheischt ein Complement, um einen in sich selber ruhenden, über dem Spiel der Kräfte gelagerten Zustand zu verwirklichen. Aus abstrakten Formelementen wird...zum Schluß ein formaler Kosmos geschaffen, der mit der großen Schöpfung solche Ähnlichkeit aufweist, daß ein Hauch genügt, den Ausdruck des Religiösen...zur Tat werden zu lassen.

      Ein paar Beispiele: ...Ein blühender Apfelbaum, seine Wurzeln, die ansteigenden Säfte, sein Stamm, der Querschnitt mit den Jahresringen, die Blüte, ihr Bau, ihre sexuellen Funktionen, die Frucht, das Gehäuse mir den Kernen. Ein Gefüge von Zuständen des Wachstums. Ein schlafender Mensch, der Kreislauf seines Blutes, die gemessene Atmung der Lungen, die zarte Funktion der Nieren, im Kopf eine Welt von Träumen, mit Beziehung zu den Schicksalsgewalten. Ein Gefüge von Funktionen zur Ruhe geeint...

      Die Freimachung der Elemente..., die bildnerische Polyphonie, die Herstellung der Ruhe durch Bewegungsausgleich, all dies sind hohe Formfragen, auschlaggebend für die formale Weisheit, aber noch nicht Kunst im obersten Kreis. Im obersten Kreis steht hinter der Vieldeutigkeit ein letztes Geheimnis und das Licht des Intellekts erlischt kläglich...

      v. wikisource.org (vermeintliche Rechtschreibefehler sind original :) )
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