Walldorff`s Kalenderblätter - Drittfassung

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    • 25.10.1885 - In Meiningen wird Johannes Brahms´ 4. Sinfonie uraufgeführt...

      ...was ich (vor 2, 3 Jahren) mal zum Anlass genommen hatte, "Brahms" + "Meiningen" in die Suchmaschine einzugeben . . .

      °° Die dritte Sonate für Violine ((op.108; 1889)) ist "seinem Freunde Hans v. Bülow" gewidmet. B. war dem einzig genialen Manne durch eine Einladung nach M. näher getreten, die ihm...1891 zugegangen war... Seit jenem Jahr kam B. fast alljährlich nach M., ein stets willkommener Gast...eines der...kunstverständigsten deutschen Fürsten... Der G e s a n g d e r P a r z e n ((op.89; 1883)) aus Goethes Iphigenie (ist diesem) gewidmet...

      °° Wie wohl sich B. am Hofe des Herzogs fühlte, hat in geradezu bezaubernder Weise J. V. Widmann...geschildert...: "Seine Aufgeräumtheit und seelische Heiterkeit kannte in M. keine Grenzen, und, da die hohen Herrschaften daselbst wohl bemerkten und ihrerseits glücklich waren, einem solchen Meister frohe Stunden zu bereiten, war über diese Meininger Tage ein Sonnenschein ausgegossen..." Von M. ging dann auch die grosse B.-Propaganda aus, die nunmehr Bülow in Scene setzte... B` Klavierkonzerte, seine Symphonien, die Ouvertüren nebst den Haydn-Variationen bildeten den eisernen Bestand des Concertrepertoires Bülows und seiner "Meininger".
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      ** Bei einem...Besuche, den wir Bülow...1887 im Hotel Imperial abstatteten, sprach dieser davon, daß er...gern wieder als Pianist auftreten würde, wenn er sich eine neue bedeutende Aufgabe, die vor ihm noch keiner gelöst habe, stellen könnte. "Es wird Ihnen nichts übrig bleiben", sagte ich, "als das ganze `Wohltemperierte Klavier´ an einem Abend zu absolvieren". Bülow nahm die scherzhaft gemeinte Äußerung ernst. "Es ist...beinahe unmöglich, die vierundzwanzig Präludien und Fugen so in den Kopf und in die Finger zu bekommen, daß man sich getrauen darf, sie fehlerlos zu absolvieren. Aber es muß gehen. Ich selbst habe schon daran gedacht. Was meinst Du dazu?" wandte er sich an B. "Mir imponiert das ganz und gar nicht", entgegnete dieser, "wenn Ihr versprecht, ...weiter zu plaudern, spiele ich sie alle vierundzwanzig sofort. Da dies aber zu lange dauert, so könnt Ihr mich auf die Probe stellen mit einem beliebigen Viertel oder Sechstel"... Jeder nannte zwei Tonarten, und B. spielte die dazugehörigen Präludien und Fugen in so vollendeter Klarheit und mit so tiefer Empfindung, daß...wir hingerissen zuhörten. "Vor einer solchen Konkurrenz streiche ich die Segel", sagte Bülow, als B. mit der es-moll-Fuge geendet hatte...

      ** Wie mit dem Klavierspielen verhielt es sich mit dem Dirigieren... Grosser, der mit Simrock zur ersten Aufführung der e-moll-Symphonie...nach M. gekommen war, weiß davon zu erzählen. In seinem...Zeitungsberichte erwähnt er nicht nur, daß...B., der auf Wunsch des Herzogs zwei Sätze...im geräumten Saal wiederholte, mit seinem Feuer das Orchester elektrisierte, sondern auch, daß Bülow dem Referenten gestanden habe, er kenne neben Wagner keinen Dirigenten, der, wenn er sich für ein Werk interessiere, es so zu dirigieren verstehe wie B.

      °° Bei seinem mehrfachen Aufenthalte in M. hatte B. die Kunst des Clarinettisten der Hofcapelle Mühlfeld...bewundern gelernt. Wiederholt hatte er sich von ihm auf seinem Instrumente vorspielen lassen, vor allem Etüden und Stücke, aus denen er so recht die Eigenart dieses Instrumentes kennen lernen konnte. Die Frucht dieser "Studien" war zunächst das Trio in A-moll ((op.114; 1892)) für Clavier, Clarinette >oder Bratsche< und Violoncello, ein Werk von ungemeiner...Durchsichtigkeit des Baues und Schlichtheit der Empfindung, das freilich, ganz ebenso wie die beiden Sonaten ((F-Moll u. C-Dur op.120)) für Clavier und Clarinette, durch das Clarinetten-Quintett op. 115 in Schatten gestellt wird... Am 24.November 1891 wurden op. 114 und 115 zum ersten Male von dem Componisten unter Mitwirkung von Joachim...und Mühlfeld am Mer Hofe zu Gehör gebracht. So viel Werke für Kammermusik B. auch geschaffen hat, keines ist so durchtränkt von Wohlklang wie das Clarinetten-Quintett... Da fehlt keine Nuance, keine Ausdrucks- und Vortragsform, die nicht beweist, wie eingehend der Meister dies Instrument auf seine künstlerische Verwendbarkeit geprüft und wie er ihm alles auf das Feinste abgelauscht hat, was es Schönes und der Kunst Würdiges in den Händen eines vollendeten Meisters leisten kann.

      °° aus H.Riemann - "Johannes B." ...Berlin 1900 (2. Auflage); zit. v. archieve.org
      ** aus M.Kalbeck - "Johannes B." ...Berlin 1921 (4. Auflage); zit. v. zeno.org
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 26.10.1899 - Im "Moskauer Künstlertheater" wird Anton Cechovs Drama "Onkel Wanja" uraufgeführt . . .

      ** a. d. Erzählung "Ein Fall aus der Praxis" (Erstdruck Dez.1898); dt. v. Korfiz Holm (1872/1942)
      °° a. d. Erzählung "Jonytsch" >auch "Das Kätzchen"< (Erstdruck Sept.1898); dt. v. Alexander Eliasberg (1878/1924)

      ** …"Uebernachten Sie doch bei uns. Ich habe nur das eine Kind. Solche Angst hat...uns (Lisa) in der vergangenen Nacht gemacht, daß ich gar nicht zu mir kommen kann. Fahren Sie, um Gottes willen, noch nicht weg." Er wollte ihr sagen, daß er in Moskau viel Arbeit habe, daß ihn seine Familie erwarte; es fiel ihm schwer, den ganzen Abend und die ganze Nacht ohne besondere Notwendigkeit in einem fremden Hause zuzubringen. Als er aber ihr Gesicht ansah, seufzte er und begann die Handschuhe wieder auszuziehen. Im Saal und im Gastzimmer wurden ihm zu Ehren alle Lampen und Lichter angezündet. Er saß vor dem Klavier und blätterte in den Noten, dann sah er sich die Bilder und Bildnisse an den Wänden an. Die goldgerahmten Oelbilder stellten Krimlandschaften dar, ein stürmisches Meer mit einem Schiffchen, einen katholischen Mönch mit einem Weinglas in der Hand, und alles war trocken, glatt und talentlos. Auf den Bildnissen fand er kein einziges schönes, interessantes Gesicht; lauter breite Backenknochen und erstaunte Augen. Ljalikow, der Vater Lisas, hat auf dem Bilde eine niedere Stirne und ein selbstzufriedenes Gesicht; die Uniform sitzt auf seinem unförmlichen, unadligen Körper wie ein Sack; an der Brust prangt eine Medaille und ein Ehrenzeichen vom Roten Kreuz. Die Kultur ist ärmlich, der Luxus ebenso zufällig, sinnlos und unbequem wie diese Uniform; die Fußböden glänzen unerträglich, der Lüfter wirkt aufreizend...

      ** Beim Anblick der Fabrikgebäude und der Baracken, in denen die Arbeiter schliefen, kamen ihm wieder die Gedanken, die ihm immer beim Anblick von Fabriken zu kommen pflegten. Trotz aller Theateraufführungen, Lichtbildvorträge, Fabriksärzte und aller Verbesserungen, unterschieden sich die Arbeiter, denen er heute, auf dem Wege von der Bahn begegnete, äußerlich durch nichts von den Arbeitern, die er in seiner Kindheit gesehen hatte, als es noch keine Aufführungen und Verbesserungen gab... Die einundeinhalb bis zweitausend Menschen, die hier unermüdlich...schlechten Kattun herstellen, werden nie satt und erholen sich nur manchmal in der Branntweinschenke von diesem Alpdruck; hundert Menschen beaufsichtigen die Arbeit, und das ganze Leben dieser hundert Menschen vergeht im Aufschreiben der Strafabzüge, in Schimpfen und Ungerechtigkeit; und nur diese drei Menschen, die sogenannten Besitzer, haben Vorteile davon, obwohl sie selbst gar nicht arbeiten und den schlechten Kattun verachten. Was sind das aber für Vorteile, und wie genießen sie sie? Frau Ljalikow und ihre Tochter sind unglücklich, es ist ein Jammer sie anzusehen und nur...die dumme alte Jungfer mit dem Zwicker lebt in Freuden...

      °° …"Wollen wir uns ernst aussprechen. Dmitrij Jonytsch, Sie wissen, daß ich...die Musik vergöttere und ihr mein ganzes Leben geweiht habe. Ich will Künstlerin werden, ich dürste nach Ruhm, nach Erfolgen, nach Freiheit, Sie aber wollen, daß ich auch weiterhin in dieser Stadt lebe und dieses leere unnütze Leben...fortführe. Ich soll heiraten? Oh, nein, entschuldigen Sie! Der Mensch muß nach höheren, glänzenderen Zielen streben, das Familienleben würde mich aber für immer fesseln..." Um nicht in Tränen auszubrechen, wandte sie sich ab und verließ das Zimmer. Starzews unruhiges Herzklopfen hörte auf einmal auf. Als er wieder auf der Straße war, riß er sich vor allen Dingen die steife Binde herunter und holte tief Atem. Er schämte sich ein wenig..., und er konnte noch nicht glauben, daß alle seine Träume, Gedanken und Hoffnungen ein so dummes Ende genommen haben wie irgendeine alberne Posse in einer Liebhaberaufführung...

      °° Vier Jahre waren vergangen... Starzew kam in verschiedene Häuser und lernte viele Menschen kennen, wurde aber mit niemand intim. Alle Stadtbewohner ärgerten ihn mit ihren Gesprächen, Lebensanschauungen und selbst mit ihrem Aussehen. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß so ein Bürger, solange man mit ihm Karten spielt oder trinkt, ein friedlicher, gutmütiger und sogar gar nicht dummer Mensch ist, kaum versucht man aber mit ihm über etwas, was sich nicht auf das Essen bezieht, über Politik, Wissenschaft zu sprechen, so...äußert (er) so stumpfsinnige oder gehässige Ansichten, daß nichts anderes übrigbleibt, als ihn stehen zu lassen... Wenn Starzew mit irgendeinem, sogar liberalen Bürger z. B. darüber zu sprechen versuchte, daß die Menschheit, Gott sei Dank, vorwärts schreite und sich mit der Zeit auch ohne Pässe und Todesstrafe behelfen werde, so schielte ihn der Bürger mißtrauisch an und fragte: "Dann darf also jedermann jeden Menschen auf offener Straße abschlachten?" Und wenn Starzew...bei einem Abendessen oder Tee sagte, daß alle Menschen arbeiten müssen und daß man ohne Arbeit nicht leben dürfe, so faßte es ein jeder als einen Vorwurf auf und begann zu widersprechen oder wurde böse. Dabei lebten die Bürger absolut müßig und interessierten sich für nichts, so daß man sich unmöglich ausdenken konnte, worüber mit ihnen zu sprechen. Und Starzew...beschränkte seinen Verkehr darauf, daß er mit den Leuten trank oder Whist spielte; wenn er irgendwo zu einer Familienfeier geladen war, so aß er schweigend und blickte von seinem Teller nicht auf; alles, was um ihn her gesprochen wurde, war uninteressant, ungerecht und dumm...

      zit. v. gutenberg.spiegel.de
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 31.10.1795 - Geburtstag von John Keats

      Auf das Meer

      Es flüstert rings zum Strand in Ewigkeit, / Füllt flutend zwanzigtausend Grotten an,
      Bis ihnen Hekate mit Zauberbann / Wieder den alten dunklen Klang verleiht.

      Oft ist es von so sanfter Heiterkeit, / Daß allerkleinste Muschel ruhen kann,
      Wo sie den lauten Wogenbraus entrann / Nach letztem wildentbranntem Wetterstreit.

      Ihr, deren Augen brennend oder matt, / Ergötzt sie wieder auf der weiten Flut! / Ihr, deren Ohren taub vom rohen Spotte

      Oder von Melodieen übersatt, / Sitz nah dem Meer und hört in Traumesglut / Den Sang des Nymphenchores aus der Grotte!

      La belle dame sans merci

      Was fehlt dir doch, du armer Wicht, / Was schweifst du einsam bleich umher? / Das Schilf ist längst schon welk, es singt / Kein Vöglein mehr.

      Was fehlt dir doch, du armer Wicht, / Was bist du so verhärmt und krank? / Des Eichhorns Speicher ist gefüllt, / Die Ähre sank.

      Eine Lilie blüht auf deiner Stirn, / Betaut von Fieber, Not und Qual, / Die Rosen deiner Wangen sind / Verwelkt und fahl.

      "Ein Fräulein traf im Hag ich an, / War schön, wie nur ein Feenbild, / Ihr Haar war lang, ihr Schritt war leicht, / Ihr Blick war wild.

      Ich hob sie auf mein schreitend Roß / Und seitwärts lehnte sie und sang; / Nun sah ich nichts als sie im Tag - / Viel Stunden lang.

      Ich flocht ihr einen Kranz aufs Haupt / Und duftigen Kranz um Brust und Arm, / Sie dankte mir mit Blick und Wort / So süß und warm.

      Sie suchte saftiges Wurzelwerk, / Wildhonig, Manna-Tau für mich / Und sagte mir in fremden Laut: / Ich liebe dich.

      Sie nahm mich in ihr Grottenschloß / Und sah mich an und seufzte tief. / Ich küßte ihr die Augen zu, / Sie lag und schlief.

      Dort schlief auch ich im Moose ein, / Da träumte mir ein Traum so bang, / Der letzte Traum, den ich geträumt / Am Hügelhang.

      Sah Könige, Fürsten, Ritter stehn - / So bleich, wie Tod nur bleich sein kann - / Sie schrien: La belle dame sans merci / Hat dich im Bann!

      Aus klaffend offnem Totenmund / Der schauerliche Warnruf drang. / Ich wachte auf und fand mich hier / Am Hügelhang.

      Und darum irr ich einsam hier / Und bleich im welken Schilf umher; / Obgleich ich weiß, es singt schon längst / Kein Vöglein mehr."

      v. zeno.org (dt. v. G.Etzel, 1910)
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    • 05.11.1892 - In Berlin wird eine Ausstellung mit Werken Edvard Munchs nach einer Woche abgebrochen...

      Die feindliche Geister sind nicht mehr in der Luft - die kriegen Körper und drohen mich - aber alles geht gut - bis jetzt - die Ausstellung in Kopenhagen groszer kunstlerischer Erfolge - die beste Presse ich bekommen habe... (28.09.1904) Ich freue mich aus Berlin wekgekommen zu sein - Die Menschenmassen und der Straszen warfen elektrische Strahlen in mir... (03.12.1904)

      Ich habe leider in Summer Bielefeld und Berlin Ausstellungen versprochen und es hat mir umgeheuer viel geschäftliches geschaffen - ich bin fast tot vor Müdigkeit - Ich musz ja sehr Vorsicht nehmen... Vor ein Jahr platzte ein Ader in meine beste Auge - Es ich noch nicht brauchbar gewurden… es ist notwendich für mich mein Kopf und Auge zu schonen sonst bin ich fertig - und kann Blindheit risikieren… P. S. Sie werden erinnern ich schon damals in Mannheim krank war - und konnte nicht mit Menschen verkehren (?) Nun habe ich denn der lange geplante Kur durchgemacht - vielleicht allerdings ein Bischen spät - Es hat wohl gut gethan aber es war sehr langweilig und peinlich - Ich bin besser aber ziehmlich schwach... Ich schulde sehr viel das gastfreundliche Deutschland whelche mich in meine schlimmsten Jahren gestützt hat... Es ist sehr schon dasz Sie mir wieder nach Weimar wunschen - aber es wird leider nicht so bald - erst musz ich nun ganz hergestellt sein - und es dauert lange... (?)

      Für mich ist es schwierig zu antworten alz ich 10 Brief zerisse für ein fertigen - So schlecht geht es mit den Deutsch... Ich denke immer an die Liebenswürdigkeit - womit ich - "der verrückte Maler" begegnet wurde in Thuringen - Ein Freund whelcher mich damals traf sagt "Ja Du musz gute Freunde gehabt haben in Weimar - so schwierig es mit Dir zu verkehren ist" - Nun ja alles ist doch ganz schon gegangen und viele schöne Erinnerungen habe ich... (1908) Hier ist sehr vieles passirt - und bin ich jetzt seit 2einhalb Monat in ein Klinik fur Nerven... Ich...war der Tode sehr nah... Ich habe in Deutschland mehrere Ausstellungen gehabt uberall - sehr gelobt voila! allerdings wenig <verkauft> (14.12.1908) Ich habe...uberall sehr ruhmend Kritiken. Aber nicht viel verkauft - Es ist nun jetzt schlimm - wie die Sache steht... Es war diesmal ein ernster Krise - Hoffentlich wird es zeigen dasz es zu heilen ist - Jedenfalls musz ich wenn ich leben wunsche ganz regelmasig leben und gar nichts trinken... Vorlaufig werd ich nicht nach Berlin kommen konnen - Jedenfalls musz wenn ich von der Klinik ausgehe noch lange sehr vorsichtig leben... (18.12.1908) Es ist wirklich ganz gut das einige mich von früher erinnert - wo noch die Gehirncellen ruhiger arbeitet habe... Fur mich ist dies ruhiges Leben - in Seeluft und grunes Salzwasser ein Wunderkur - Und ich arbeite viel - Ich mochte gern einmal wieder Thuringen besuchen... (?)

      Es ist mir schwierig gewesen meine Gedanken genug zu <samlen> Immer mochte ich so viel erzahlen… Nu liegen die Jahre hinter mich wie ein sturmischer Traum - oder vielleicht - wie ein stürmische Aufwecken von ein lange Traum - Alz ich mich immer alz ein Schlafganger gefuhlt haben... und inzchwischen leuchten einige helle schoner Stellen - mit freundliche Menschen - Es ist vor allen das schöne kleine grone Herz Deutschlands - Weimar... (?)

      Ich habe lange nach der betreffenden Radierung gesucht. Es ist nicht zu finden... es wird Monat nehmen um an den ungeordneten Kaos von Studien und Grafik zu suchen. Es wäre darum das einzigste vorläufig die Sache aufgeben. Es ist ja möglich ich später besser Zeit bekommen werde... Ich kann nicht mehr die furchtbare Störungen hier in der Nähe Oslo aushalten... (nach 1923)** Die allerwichtigste Briefe habe ich noch nicht schreiben gekonnt - Musz gesundheitliche Ruhe haben - Bin überangesträngt - Die Frankfurter Zeitung Artikel hat mich erfreut - Sie sind einer der wenigen whelcher verstanden haben dasz meine Arbeit ein Kampf ist und nicht wie die Meisten denken ein Bilder- ladengeschäft... Ich kann mir nur freuen daruber das die Junge Maleren Auftragen bekommen - Ich habe immer bedauert dasz wir nicht in reichen Ren<ca>sance Zeit lebt in whelchem man immer neue Auftragen bekommt... (1929)

      Ich weisz ja das ich in Deutschland viele gute Freunde gefunden habe und ich habe auch in Deutschland viele Jahren gelebt - und mich wohl gefunden - Leider bin ich die letzen Jahren sehr leidend gewesen und habe mir vollständich von Menschen zuruckgezogen… Ich habe ja auch in Folge der kritischen Lage meine Gemälden zusammengepackt und in Keller gebracht (?)

      Um diesen "Kalendereintrag" nicht zu überfrachten, sind konsequenterweise GAR KEINE Adressaten mit angegeben...
      ** entstammt der HP zvab.com - alle anderen Briefzitate sind der HP emunch.no entnommen...
      Die mit (?) gekennzeichneten Briefausschnitte sind nicht (mehr) datierbar - und hier so eingefügt, wie es dem Kalendermann sinnvoll erschien ;) ...
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    • 05.11.1494 - Geburtstag von Hans Sachs

      Seine 7-aktige Tragedia "Von der strengen lieb herr Tristrant mit der schönen königin Isalden" erschien wohl 1561.
      Hier ein zusammenhängender (!!) Ausschnitt aus dem dritten "Actus" . . .

      KÖNIG WILHELM AUSS IRLANDT Nun, weils Gott schickt so wunderlich,
      Soll die feindschaft sein tod und ab, / Die ich im lang getragen hab. / Soll mir nun zu eim eiden gfallen. / Nun wöll wir uns schicken vor allen
      Die braut aufs baldst auf die heimfart. / Isald, mein tochter schön und zart, / Wilt mit in curnewelisch landt?
      ISALD, DES KÖNIGS TOCHTER Mein herr vatter, es wer ein schandt, / Das ich deim willen widersprech. / Ach, was du wilt, dasselb geschech!
      Nie anderst so hab ich begert, / Dieweil ich hab gelebt auff erdt. KÖNIG WILHELM IN IRLANDT Nun wöll wir als verordnen frey, / Was zu der hinfart notturft sey,
      Auch zu der königklichen hochzeit / In curnewellisch landen weit.

      (Sie gehen alle ab.)

      DIE KÖNIGIN HILDEGART Brangel, diß bultranck behalt du! / Das ist mit kunst bereitet zu.
      Das hat die kraft: wenn es selbander / Zwo person trincken mit einander, / So müsens einander haben lieb / Vier jar lang so in starcken trieb;
      Das eins on das ander kein tag / Beleiben oder leben mag. / Schaw! das tranck gieb zu trincken du / König Marxen und auch darzu
      Isalden an der hochzeit-nacht, / Wenn mans zulegt mit grossem bracht!
      Mitler zeit halt das tranck verborgen! BRANGEL, DIE HOFJUNGFRAW Ich will das tranck fleissig versorgen
      Weil ich mein sin und vernunft hab. HILDEGART , DIE ALT KÖNIGIN Nun, ietzund wert ir faren ab.
      Laß dir mein Isald bevohlen sein, / Weil sie ist in der frembd allein! / Funftzig ducaten hab ich dir zur schenck / Und sey meiner tochter ingedenck!
      Sey ir getrew, als ich dir traw! BRANGEL, DIE HOFJUNGFRAW Ach, durchleuchtig gnedige fraw,
      Ich danck ewr gnadenreiche schenck. / Ewr gnad nit anderst von mir denck,
      Denn aller trew und alles guts! DIE ALT KÖNIGIN Nun, Gott halt euch alle in schutz!
      Ich will mit nauß, das glaidt euch geben. / Das schiff ist zubereitet eben.

      (Sie gehen beide auß. Herr Tristant und Isald kumen.)

      TRISTANT Nun fahrn wir dahin auff der see. / O wie thut mir der durst so weh,
      Weil so uber-heiß scheint die sunn! ISALD, DIE BRAWT Kein grösern durst ich auch nie gwun.
      Ich glaub auch, es mach die groß hitz. / O hetten wir zu trincken ietz! HERR TRISTANT Ich weis: zu trincken hat kein mangel. / In einem fläschlein hat die Brangel
      In irem watsack; das muß sein / Der aller-beste plancken-wein. / Das hab ich gnumen euch und mir. / Damit wöllen uns trencken wir.

      (Herr Tristrant trinckt und gibt es Isalden, die trincket auch.)

      TRISTRANT Was ist das gewest für ein wein? / Wie springt und tobt das hertze mein? / Mein gmüt ist in gantzer unrhu / Und setzt mir lenger herter zu.
      Ich bin mit schmertzen gros umbfangen, / Sambd hab ein pfeil mein hertz durchgangen.
      ISALD Es ist mir warlich auch nit recht. / Mein hertz jamert und seuftzet schlecht / Und all mein kreft thun sich bewegen. / Ich will ein weil zu rhu mich legen.

      (Isald gehet auß.)

      HERR TRISTRANT Ich will auch gehn in mein gemach, / Bin gleich vor lieb und senen schwach.

      v. zeno.org
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    • 06.11.1893 - Todestag von Pjotr Iljitsch Tschaikowski

      In (dem zw. 1823 u. 30 geschr. "Roman in Versen" Eugen Onegin v. Alex. Puschkin) geht es um die komplexe kulturelle Situation in Rußland um 1820, dargestellt am Leben und Denken junger Adeliger in...St. Petersburg und Moskau und auf ihren Landgütern... / v. wikipedia.org
      Hier einige Passagen aus dem ersten (v. insg. acht) Kapitel(n) / v. zeno.org (dt. v. Th. Commichau >1870/1939<)

      (IV) … Jetzt trat Eugen als freies Herrchen, / Geschniegelt wie ein Dandy-Närrchen, / Modern frisiert und angetan / Erstmalig auf den Weltenplan.
      Französisch war ihm ganz zu eigen, / Er sprach und schrieb es tadellos, / War als Masurkatänzer groß / Und konnte sich scharmant verbeugen:
      Braucht`s mehr, damit die liebe Welt / Uns für gescheit und reizend hält?
      (V) … Onegin war nach Ansicht vieler / (Berufner Kenner, streng subtiler) / Ein kluger Kopf, wenn auch Pedant: / Er pflegte nämlich höchst gewandt
      Unaufgefordert dreinzuschwätzen, / Wo irgend nur geredet ward, / Sich zu Disputen ernstrer Art / Stumm würdevoll dazuzusetzen,
      Und gab sie dann dem Damenkreis / Mit raschem Witz zum Lachen preis.
      (VI) … Sich mit Historie abzuplagen / War nicht sein Fall, er wühlte nie / Im Staub der Weltchronologie; / Doch Anekdoten seit den Tagen
      Des Remus bis auf unsre Zeit / Hatt` er im Kopfe stets bereit.

      (VII) Den Reiz, für Poesie zu leben, / Begriff er nicht, auch nimmerdar, / Soviel ich mir auch Müh` gegeben / Was Iambus, was Trochäus war,
      Und schalt Homer und andre Geister. / Doch Adam Smith war recht sein Meister, / Drum unterhielt er spät und früh / Papa mit Staatsökonomie,
      Zum Beispiel: wie Kredit sich wandelt, / Wenn Wohlstand zunimmt, Arbeit nährt, / Und wie ein Land kein Gold entbehrt, / Sofern es Rohprodukte handelt.
      Papa, der nichts vom Kram verstand, nahm Hypotheken auf sein Land.

      (X) Wie früh verstand er schon die Künste / Der Eifersucht und Heuchelei, / Der Überredung Truggespinste, / Des Launenspiels, der Ziererei,
      Die Kunst, bald sanft, bald stolz und eigen, / Bald dienstbar sich, bald kühl zu zeigen!
      Wie karg und stumm war hier sein Mund, / Dort wie gesprächig kunterbunt, / Im Liebesbrief wie überschwenglich!
      Wie selbstlos schien sein Herz allein / Von einem Trieb erfüllt zu sein! / Und dieser Blick, bald dreist-verfänglich,
      Bald schamhaft-zärtlich, der sogar / Erlogner Tränen fähig war!

      (XV) Meist, eh er aufsteht, sind beizeiten / Schon Kärtchen da. Was gibt`s, laß sehn; / Man lädt ihn richtig von drei Seiten / Zum Abend ein und bittet schön
      Hier zum Geburtstag, dort zu Bällen. / Wie soll mein Schelm sich dazu stellen? / Wohin zuerst? Ach, einerlei, / Er schafft es schon für alle drei. ...

      (XVII) … Nun eilt Onegin ins Theater, / Allwo er sich als Kunstberater / Und Primadonnenfavorit / Nach Laune im Erfolg bemüht,
      Und jeder kritisch sich betätigt, / Hier Beifall klatscht dem entrechat / Dort mit Gezisch Kleopatra / Und Phädra abzutreten nötigt,
      Vor allem Lärm macht, möglichst toll, / Damit man rings ihn hören soll.
      (XXI) Der Beifall rast. Jetzt kommt gewichtig / Onegin, zwängt sich stolpernd vor, / Erhebt sein Glas, durchmustert flüchtig / Der Logen reichen Damenflor,
      Läßt Schmuck, Kostüm und Coiffüren / Sehr nonchalant Kritik passieren
      Und dreht sich unbefriedigt um; / Grüßt da und dort ins Publikum / Mit streng bemeßner Etikette,
      Beschaut dann, steif zurückgelehnt, / Die Bühne, kehrt sich ab und gähnt / Und murmelt "Viel zu viel Ballette; …

      (XXIII) … Was irgend London schwerbereichert / An Weltimporten aufgespeichert / Und gegen Holz und Talg und Teer / Zu Schiff uns austauscht übers Meer,
      Und was Paris durch Kunstvermögen / Und als Geschmacksbeherrscherin / An Mitteln aufbringt, um den Sinn / Für Pracht und Luxus anzuregen -
      Mit all dem schmückte seinen Hof / Der achtzehnjähr`ge Philosoph.

      Eine wundervolle Schöpfung, voll warmer Empfindung und...in allen Einzelheiten gekonnt... (A.Dvorak über Ts gleichn. >1879 uraufgef.< Oper; zit. v.wikipedia.org
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    • 08.11.1674 - Todestag von John Milton

      Sein "episches Gedicht" Paradise Lost (veröffentl. 1667) ist in zwölf "Gesänge" gegliedert. Hier einige Passagen a. d. fünften Gesang . . .

      … Erwach`! der Morgen strahlt! es ruft die Flur; / Die Stund` entflieht, und wir gewahren nicht
      Die Pflanzen sprießen, die Citrone blühn, / Die Myrrhe tropfen und das Balsamrohr, /
      Wie die Natur die bunten Farben mischt, / Und Bienen süßen Saft aus Blumen saugen.
      So flüsternd weckt er sie, jedoch mit Blicken / Der Scheu auf Adam sprach sie, ihn umarmend:

      "Du Einziger, in dem mein ganzes Sein / Vollkommenheit und Stolz und Ruhe findet!
      Erfreut seh` ich Dein Antlitz und den Morgen; / Denn diese Nacht, wie kein` ich noch bestand,
      Da träumt` ich, wenn ich träumte, nicht wie sonst / Von Dir, und von des vorigen Tages Müh`n,
      Von Plänen für den nächsten Morgen, nein / Ich träumte von Verbrechen ruhelos,
      Die vorher nie mein Busen noch gekannt; / Mir war, als riefe dicht an meinem Ohr
      Mir Jemand fortzugehn mit sanfter Stimme, / Ich glaubte Deine sei`s; sie sprach: Warum
      Schläfst Du jetzt, Eva? Sieh` die Stund` ist hold, / Ist kühl und still, das Schweigen unterbricht
      Der nächtlich singende Vogel ganz allein, / Der wachend jetzt von süßer Liebe singt;
      Vollscheibig glänzt der Mond und leuchtet lieblich / Mit schattigem Licht auf die Gestalt der Dinge;
      … Doch sah ich nirgends Dich; um Dich zu finden, / Ging ich dann meinen Pfad und wie mich dünkt
      Allein dahin, wo plötzlich mir der Baum / Verbotener Erkenntniß stand genüber;
      Schön war er, und weit schöner noch im Traum, / Als wie bei Tag; und wie ich staunend blickte
      Stand seitwärts Einer, jenen Engeln gleich / An Schwingen und Gestalt, die oft wir sehn;
      Ambrosia troff aus den bethauten Locken; / Auch er bestaunte diesen Baum und sprach:

      O holde Pflanze, reich mit Frucht beladen, / Erleichtert Niemand Deine Last und kostet
      Von Deiner Süße, weder Gott noch Mensch? / Verschmäht man so Erkenntniß? Ist es Neid,
      Denn welcher Rückhalt kann es sonst verbieten? / Verbiet` es, wer da will, doch Niemand soll
      Dein dargereichtes Gute mir entziehn; / Denn weshalb wärst Du sonst hieher gepflanzt?
      Er sprach`s und ohne Zögern brach er Früchte / Mit kühnem Arme sich und kostete:
      Eiskalter Schauder überlief mich da / Ob dieser Frevelwort` und Frevelthat.
      Er aber sprach entzückt: O Götterfrucht, / Süß an sich selbst, doch süßer so gepflückt,
      Verboten, weil Du Göttern nur gebührst, / Doch Götter auch aus Menschen schaffen kannst,
      Warum auch nicht, da Gutes mitgetheilt / Nur herrlicher gedeiht und selbst den Geber
      Nicht einschränkt, nur Verehrung mehr ihm beut. …

      So redend naht` er sich, und hielt mir dicht / Am Mund ein Stückchen der gepflückten Frucht;
      Der süße Duft erregte solche Lust, / Daß, wie mich dünkt, ich davon kosten mußte.
      … Doch froh erwacht` ich, als ich fand, daß Alles / Nur Traum gewesen!" -
      Also schilderte / Eva die Nacht, doch Adam sprach betrübt:
      "O Du mein bestes Abbild, theure Hälfte! / Die Unruh Deiner Seel` in dieser Nacht
      Bekümmert mich; der sonderbare Traum / Ergötzt mich nicht, da er vom Bösen stammt;
      Allein woher kommt Böses? Kann es doch / In Dir nicht herrschen, rein Erschaffene!
      Doch wisse, daß so manche niedre Kraft / Auch in der Seele wohnt, die der Vernunft
      Als Herrin dienet, und vor allen diesen / Die Phantasie; von allen Außendingen,
      Die ihr die Sinne widerspiegeln, zaubert / Sie Einbildungen, Luftgebilde vor ...

      v. zeno.org (dt. v. A. Böttger >1815/1870<)
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 11.11.1855 - Todestag von Sören Kierkegaard

      "Entweder-Oder (Ein Lebensfragment)" entstand 1843 und besteht aus 3mal dreißig Aphorismen und kurzen Betrachtungen - die Mehrzahl von ihnen deutlich kürzer als die i. F. ungekürzt wiedergegebenen Abschnitte . . .

      Kindliche Kühnheit Daher hat die Lektüre des Öhlenschlägerschen "Aladdin" etwas Erfrischendes, weil in diesem dramatischen Gedichte eine echt kindliche und geniale Kühnheit uns begegnet, welche sich auch in den allerflüchtigsten Wünschen ausspricht. Wie viele mag es wohl in unsern Tagen geben, die noch mit voller Wahrheit einen Wunsch, eine Bitte wagen, die es wagen, sich an die Natur, sei es mit einem kindlichen Bitte! bitte! zu wenden, oder auch in der Raserei eines verlornen Individuums? - In unsern Tagen reden doch die Leute genug davon, dass der Mensch geschaffen sei nach Gottes königlichem Bilde: wie viele erheben denn in diesem Bewußtsein wahrhaft ihre Kommandostimme? Oder stehen wir nicht vielmehr alle da, wie jener "Nureddin", machen unsre Bücklinge und Scharrfüße, und sind voller Angst, ob wir nicht zuviel verlangen, oder auch zu wenig? Oder setzt man nicht jedes großartige Begehren allmählich tiefer und tiefer herab, bis daraus eine krankhafte Reflexion hervorgeht über das eigne Ich? Mahnen wir nicht die Natur, nicht unser Geschick, nun, so mahnen und plagen wir uns selbst; und das ist`s ja, wozu wir erzogen und angelernt werden.

      Zungenband des Geistes Wie ist meine Seele so dürre, mein Nachdenken so unfruchtbar, und doch beständig gepeinigt mit inhaltsleeren, oder lüsternen, oder qualvollen Bildern! Soll den niemals das Zungenband des Geistes mir gelöst werden? soll ich immer nur lallen? Was ich bedarf, ist eine Stimme, so durchdringend, wie der Blick des Lynkeus, welcher durch Erde und Felsen hindurchdrang, erschreckend wie die Seufzer der Giganten, anhaltend wie ein Naturlaut, spottend wie ein eiskalter Windstoß, boshaft wie der herzlose Hohn des Echo, umfangreich vom tiefsten Baß bis zu der schmelzendsten Bruststimme, moduliert vom andächtigen Lispeln bis zur Energie der Raserei. Das bedarf ich, um Luft zu bekommen, um aussprechen zu können, was mir auf dem Herzen liegt, um bei den Menschen beides, sowohl Zorn als Sympathie, in Bewegung zu setzen. Aber meine Stimme ist heiser, wie der Schrei einer Möwe, oder hinsterbend, wie der Segen auf den Lippen der Stummen.

      Eilige Geschäftsleute Von allen lächerlichen Dingen will es mir als das lächerlichste vorkommen, in der Welt emsig beschäftigt zu sein, ein Mann zu sein, der muntren Mutes und eilig bei seinem Geschäfte ist. Sehe ich dann, wie just im entscheidenden Augenblicke eine Fliege sich auf die Nase eines solchen Geschäftsmannes setzt, oder dass er von den Rädern eines Wagens über und über schmutzig wird, der ihm in noch größerer Hast vorbeijagt, oder die Schiffsbrücke vor ihm in die Höhe steigt, oder gar ein Ziegel herabstürzt und ihn zu Boden schlägt: da lache ich aus Herzens Grund. Und wer könnte sich des Lachens erwehren? Was richten sie wohl aus, diese eiligen Geschäftsleute? was haben sie davon? Geht es ihnen nicht, wie jener Frau, die in ihrer Verwirrung darüber, dass Feuer im Hause war, die Feuerzange rettete? Was ist es wohl Besseres und mehr, was sie aus der großen Feuersbrunst des Lebens retten?

      Violinstriche Horch, zwei wohlbekannte Violinstriche! Diese zwei Violinstriche, hier in diesem Augenblick, mitten auf der Straße! Habe ich den Verstand verloren? Ist es mein eignes Ohr, welches aus Liebe zu Mozarts Musik schon aufgehört hat, zuzuhören? Ist es ein Geschenk der Götter an mich Unglücklichen, der wie ein Bettler an des Tempels Tür sitzt? ein Ohr, das selber vorträgt, was es selbst vernimmt? Nur diese zwei Violinstriche: denn jetzt höre ich nichts weiter. Sowie sie in jener unsterblichen Ouvertüre aus tiefen Choralklängen hervorbrechen, so arbeiten sie sich hier aus dem Gelärme der Straße hervor, mit der vollen überraschenden Kraft einer Offenbarung. - Es muß doch hier in der Nähe sein: denn jetzt höre ich deutlich die leichte Tanzmelodie. - Also, ihr seid`s, das unglückliche Künstlerpaar, dem ich diese Freude verdanke. - Der eine von ihnen, etwas siebzehn Jahre alt, trug einen grünen Kalmucksrock, mit großen Hornknöpfen. Der Frack war für ihn viel zu groß. Er hielt die Violine dicht unter dem Kinn; die Mütze war tief in die Augen gedrückt; seine Hand war unter einem fingerlosen Handschuh versteckt, die Finger vor der Kälte rot und blau. Der andre war älter; er hatte einen Kutschermantel an. Sie waren beide blind. Ein kleines Mädchen, vermutlich ihre Führerin, stand vor ihnen, steckte ihre Hände unter ihr Halstuch. Allmählich sammelten wir wenigen Bewunderer dieser Töne uns umher: ein Postbote mit seinen Briefpaketen, ein kleiner Junge, ein Dienstmädchen, ein paar Lastträger. Die herrschaftlichen Karossen rollten lärmend vorüber; die Lastwagen übertönten diese Musik, welche in einzelnen Tönen auftauchte. - Unglückliches Künstlerpaar, wisset, das diese Töne alle Herrlichkeit der Welt in sich schließen. - Was dies nicht wie eine Ratsversammlung?

      Zeit ohne Leidenschaft Laß andre darüber klagen, dass die Zeit böse sei: ich klage darüber, dass sie jämmerlich ist, denn sie ist ohne Leidenschaft. Die Gedanken der Menschen sind dünn, zart und hinfällig, wie Spitzen, welche selbst so bemitleidenswert sind, wie die armen Spitzenweberinnen. Ihre Herzensgedanken sind zu erbärmlich, um böse und sündhaft zu sein. Für einen Wurm würde es vielleicht als Sünde gelten können, solche Gedanken zu hegen, nicht für einen Menschen, welcher nach Gottes Bilde geschaffen ist. Ihre Lüfte sind gemessen und mattherzig, ihre Leidenschaften schläfrig. Sie tun ihre Pflicht, diese Krämerseelen, erlauben sich aber doch, hierin den Juden ähnlich, die Gold- und Silbermünzen ein bißchen zu beschneiden; sie meinen, daß, auch wenn unser Herrgott noch so ordentlich Buch führe, man dennoch insgeheim ihn schon ein wenig anführen könne. Pfui über sie! Daher wendet meine Seele sich immer zum alten Testamente und zu Shakespeare zurück. Da empfindet man doch: das sind Menschen, die da reden; da haßt man, da liebt man, bringt seinen Feind um, verflucht seine Nachkommen durch alle Geschlechter hindurch; da sündigt man.

      v. textlog.de (dt. v. Michelsen/Gleiß, 1885)
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    • 13.11.1868 - Todestag von Gioachino Rossini

      Für (das) außergewöhnliche Ensemble (des "Teatro San Carlo" in Neapel) komponierte R. (v. 1815 - 20) eine Reihe von Opere serie, die zu seinem am besten ausgearbeiteten und einfallsreichsten Partituren gehören. (v. wikipedia.org**). Zu diesen zählt die "Dramma per musica" Armida "**nach Episoden a. d. 1574 vollendeten °Epos° La Gerusalemme liberata >Das befreite Jerusalem< v. Torquato Tasso."

      °Dieses° Epos besteht aus 20 "Gesängen", die aus 66 bis 144 (jeweils achtzeiligen) Strophen bestehen. Hier einige wenige Strophen aus dem 2. Gesang . . .

      VIII. Doch kaum erscheint die erste Morgenstunde, / Als der, in dessen Hut der Tempel steht,
      Das Bild vermißt, und überall im Runde / Des weiten Bau`s vergeblich nach ihm späht.
      Er sagt`s dem König an, der bei der Kunde / Gleich wider ihn in heft`gen Zorn geräth,
      Und wohl sich denkt, daß eine Christenseele / Das Bild geraubt, und nun es ihm verhehle.

      IX. Sei nun der Raub von gläub`ger Hand begangen, / Sei hier die Macht des Himmels zu erspähn,
      Der seiner Herrin Bildniß nicht umfangen / Von ungeweihten Mauern wollte sehn:
      Noch zweifelt man, ob, was hier vorgegangen, / Durch Menschenkunst, durch Wunderkraft geschehn.
      Der Fromme glaubt, daß nicht der ird`sche Fromme / Die That vollbracht, daß sie vom Himmel komme

      XI. Doch als der König sieht, was er Verbrechen / Der Gläub`gen wähnt, bleib` in des Schweigens Hut:
      Da will sein Haß durch alle Schranken brechen, / Zorn flammt empor und ungeheure Wut.
      Nichts achtet er nun mehr; er will sich rächen, / Was auch erfolg`, und kühlen seine Glut.
      So sterbe, ruft er aus, mit der Verräther / Gesammter Schaar auch der verborgne Thäter!

      XII. Lebt nur der Schuld`ge nicht, mag der Gerechte, / Der Reine sterben! Doch wen nenn` ich rein?
      Strafbar ist Jeder hier; in d e m Geschlechte / Wird Keiner je ein Freund der Unsern sein.
      Wer auch der neuen That sich nicht erfrechte, / Gnüg` ihm die alte Schuld zu neuer Pein.
      Ihr Treuen, auf! Tilgt die verruchte Horde / Mit Feu`r und Schwert! Auf, auf zu Brand und Morde!

      XIII. So spricht der Fürst, und das Gerücht verbreitet / Sogleich das Unheil, das den Gläub`gen droht.
      Sie bleiben wie erstarrt; so furchtbar schreitet, / So rasch herbei der gegenwärt`ge Tod.
      Nicht Gegenwehr, nicht Flucht wird noch bereitet; / Kein Flehn erhebt sich wider das Gebot.
      Doch das verzagte Volk, von Furcht gekettet, / Ward, wie`s am mindesten erhofft, gerettet.

      XIV. Ein Mädchen lebt dort in der Christenmenge, / Von reifer Blüth` und königlichem Geist;
      Von hohem Reiz; doch achtet sein die Strenge / Nur insofern er Schmuck der Tugend heißt.
      Ihr größter Werth ist, daß, in stiller Enge, / Sie solchen Werth dem Blick der Welt entreißt
      Und sich verbirgt dem eiteln Lob` und Spähen / Der Bulerschaar, einsam und ungesehen.

      XIX. Von Jedem angeschaut, nicht schauend, gehet / Die hohe Jungfrau in des Königs Haus;
      Nicht weichend, weil er zornig vor ihr stehet, / Hält sie beherzt den furchtbar`n Anblick aus.
      Ich bringe, spricht sie, Herr - und sei erflehet, / So lange nur zu hemmen Zorn und Graus -
      Gefangen bring` ich dir und unvertheidigt / Den Schuld`gen, den du suchst, der dich beleidigt.

      XXII. So, um allein dem Schicksal zu genügen, / Beut sie ihr Haupt für Aller Rettung an.
      Großmüth`ger Trug! Wer sagt, ob solcher Lügen / Die Wahrheit je den Vorzug abgewann?
      Der König schwankt; zu milderem Verfügen, / Als er gewohnt, neigt sich der harte Mann.
      Dann fordert er: So eile zu entdecken, / Wer gab dir Rath? Wer half die That vollstrecken?

      XXVI. Man greift das schöne Weib; aufs neu` entglommen, / Verdammt der König sie zum Todesbrand.
      Schon sind ihr Schleier und Gewand genommen, / Die weichen Arme drückt ein rauhes Band.
      Sie aber schweigt, von keiner Furcht beklommen; / Ein wenig nur fühlt sie die Brust gespannt,
      Und es entsteht im holden Angesichte, / Nicht fahles Bleich, ein Weiß vom reinsten Lichte.

      v. zeno.org (dt. v. J.D.Gries 1775/1842)
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    • 15.11.1910 - Todestag von Wilhelm Raabe

      ("Die Chronik der Sperlingsgasse") ist (sein) erster Roman... Die Chronik...spielt sich fast zeitgleich zum Verfassen ab, sie beginnt im November 1854 und (endet ein halbes Jahr später.) Sie ist in 31 tagebuchartige Einträge gegliedert. / v. wikipedia.orgIm Folgenden (geringfügig gekürzt) der zweite "Eintrag" . . .

      Am 20. November Ich liebe in großen Städten diese ältern Stadtteile mit ihren engen, krummen, dunkeln Gassen, in welche der Sonnenschein nur verstohlen hineinzublicken wagt; ich liebe sie mit ihren Giebelhäusern und wundersamen Dachtraufen, mit ihren alten Kartaunen und Feldschlangen, welche man als Prellsteine an die Ecken gesetzt hat. Ich liebe diesen Mittelpunkt einer vergangenen Zeit, um welchen sich ein neues Leben in liniengraden, parademäßig aufmarschierten Straßen und Plätzen angesetzt hat, und nie kann ich um die Ecke meiner Sperlingsgasse biegen, ohne den alten Geschützlauf mit der Jahreszahl 1589, der dort lehnt, liebkosend mit der Hand zu berühren. Selbst die Bewohner des ältern Stadtteils scheinen noch ein originelleres, sonderbareres Völkchen zu sein als die Leute der modernen Viertel. Hier in diesen winkligen Gassen wohnt das Volk des Leichtsinns dicht neben dem der Arbeit und des Ernsts, und der zusammengedrängtere Verkehr reibt die Menschen in tolleren, ergötzlicheren Szenen aneinander als in den vornehmern, aber auch öderen Straßen. Hier gibt es noch die alten Patrizierhäuser - die Geschlechter selbst sind freilich meistens lange dahin -, welche nach einer Eigentümlichkeit ihrer Bauart oder sonst einem Wahrzeichen unter irgendeiner naiven, merkwürdigen Benennung im Munde des Volks fortleben. Hier sind die dunkeln, verrauchten Kontore der alten gewichtigen Handelsfirmen, hier ist das wahre Reich der Keller- und Dachwohnungen. Die Dämmerung, die Nacht produzieren hier wundersamen Beleuchtungen durch Lampenlicht und Mondschein, seltsamere Tone als anderswo. Das Klirren und Ächzen der verrosteten Wetterfahnen, das Klappern des Windes mit den Dachziegeln, das Weinen der Kinder, das Miauen der Katzen, das Gekeif der Weiber, wo klingt es passender - man möchte sagen, dem Ort angemessener - als hier in diesen engen Gassen, zwischen diesen hohen Häusern, wo jeder Winkel, jede Ecke, jeder Vorsprung den Ton auffängt, bricht und verändert zurückwirft! -

      Horch, wie in dem Augenblick, wo ich dieses niederschreibe, drunten in jenem gewölbten Torwege die Drehorgel beginnt; wie sie ihre klagenden, an diesem Ort wahrhaft melodischen Tonwogen über das dumpfe Murren und Rollen der Arbeit hinwälzt! - Die Stimme Gottes spricht zwar vernehmlich genug im Rauschen des Windes, im Brausen der Wellen und im Donner, aber nicht vernehmlicher als in diesen unbestimmten Tönen, welche das Getriebe der Menschenwelt hervorbringt. Ich behaupte, ein angehender Dichter oder Maler - ein Musiker, das ist freilich eine andere Sache - dürfe nirgend anders wohnen als hier! Und fragst du auch, wo die frischesten, originellsten Schöpfungen in allen Künsten entstanden sind, so wird meistens die Antwort sein: in einer Dachstube! - In einer Dachstube...schrieb Jean-Jacques Rousseau seine glühendsten, erschütterndsten Bücher. In einer Dachstube lernte Jean Paul den Armenadvokat Siebenkäs zeichnen und das Schulmeisterlein Wuz und das Leben Fibels! - -

      Die Sperlingsgasse...ist bevölkert und lebendig genug, einen mit nervösem Kopfweh Behafteten wahnsinnig zu machen und ihn im Irrenhause enden zu lassen; mir aber ist sie seit vielen Jahren eine unschätzbare Bühne des Weltlebens, wo Krieg und Friede, Elend und Glück, Hunger und Überfluß, alle Antinomien des Daseins sich widerspiegeln.

      "In der Natur liegt alles ins Unendliche auseinander, im Geist konzentriert sich das Universum in einem Punkt", dozierte einst mein alter Professor der Logik. Ich schrieb das damals zwar gewissenhaft nach in meinem Heft, bekümmerte mich aber nicht viel um die Wahrheit dieses Satzes. Damals war ich jung, und Marie, die niedliche kleine Putzmacherin, wohnte mir gegenüber und nähte gewöhnlich am Fenster, während ich, Kants "Kritik der reinen Vernunft" vor der Nase, die Augen nur bei ihr hatte. Sehr kurzsichtig und zu arm, mir für diese Fensterstudien eine Brille, ein Fernglas oder einen Operngucker zuzulegen, war ich in Verzweiflung. Ich begriff, was es heißt: Alles liegt ins Unendliche auseinander. Da stand ich eines schönen Nachmittags, wie gewöhnlich, am Fenster, die Nase gegen die Scheibe drückend, und drüben unter Blumen, in einem lustigen, hellen Sonnenstrahl, saß meine in Wahrheit ombra adorata. Was hätte ich darum gegeben, zu wissen, ob sie herüberlächele! Auf einmal fiel mein Blick auf eines jener kleinen Bläschen, die sich oft in den Glasscheiben finden. Zufällig schaute ich hindurch nach meiner kleinen Putzmacherin, und - ich begriff, daß das Universum sich in einem Punkt konzentrieren könne.

      So ist es auch mit diesem Traum- und Bilderbuch der Sperlingsgasse. Die Bühne ist klein, der darauf Erscheinenden sind wenig, und doch können sie eine Welt von Interesse in sich begreifen für den Schreiber und eine Welt von Langeweile für den Fremden, den Unberufenen, dem einmal diese Blätter in die Hände fallen sollten.

      v. zeno.org (einen offensichtlichen Druckfehler im >hier< zweiten Absatz habe ich stillschweigend bereinigt!)
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    • 17.11.1866 - An der Pariser Opera-Comique wird Ambroise Thomas` Oper "Mignon" uraufgeführt

      M. ist eine Figur in Goethes (1795/96 erschienenen u. aus acht Büchern bestehenden) "Entwicklungsroman" Wilhelm Meisters Lehrjahre. I. F. deren Einführung im vierten Kapitel des zweiten sowie ein kurzer zusammenhängender Ausschnitt vom Beginn des dritten Buches . . .

      … Als sie ankamen, fanden sie das Gerüst aufgeschlagen und den Hintergrund mit aufgehängten Teppichen geziert. Die Schwungbretter waren schon gelegt, das Schlappseil an den Pfosten befestigt, und das straffe Seil über die Böcke gezogen. Der Platz war ziemlich mit Volk gefüllt und die Fenster mit Zuschauern einiger Art besetzt. Pagliaß bereitete erst die Versammlung mit einigen Albernheiten, worüber die Zuschauer immer zu lachen pflegten, zur Aufmerksamkeit und guten Laune vor. Einige Kinder, deren Körper die seltsamsten Verrenkungen darstellten, erregten bald Verwunderung, bald Grausen, und Wilhelm konnte sich des tiefen Mitleidens nicht enthalten, als er das Kind, an dem er beim ersten Anblicke teilgenommen, mit einiger Mühe die sonderbaren Stellungen hervorbringen sah. Doch bald erregten die lustigen Springer ein lebhaftes Vergnügen, wenn sie erst einzeln, dann hintereinander und zuletzt alle zusammen sich vorwärts und rückwärts in der Luft überschlugen. Ein lautes Händeklatschen und Jauchzen erscholl aus der ganzen Versammlung. Nun aber ward die Aufmerksamkeit auf einen ganz andern Gegenstand gewendet. Die Kinder, eins nach dem andern, mußten das Seil betreten, und zwar die Lehrlinge zuerst, damit sie durch ihre Übungen das Schauspiel verlängerten und die Schwierigkeit der Kunst ins Licht setzten...

      Das Volk hatte sich nach und nach verlaufen, und der Platz war leer geworden... Wilhelm sah das wunderbare Kind auf der Straße bei andern spielenden Kindern, machte Philinen darauf aufmerksam, die sogleich nach ihrer lebhaften Art dem Kinde rief und winkte und, da es nicht kommen wollte, singend die Treppe hinunter klapperte und es heraufführte. "Hier ist das Rätsel", rief sie, als sie das Kind zur Türe hereinzog. Es blieb am Eingange stehen, eben als wenn es gleich wieder hinausschlüpfen wollte, legte die rechte Hand vor die Brust, die linke vor die Stirn und bückte sich tief. "Fürchte dich nicht, liebe Kleine", sagte Wilhelm, indem er auf sie losging. Sie sah ihn mit unsicherm Blick an und trat einige und trat einige Schritte näher. "Wie nennest du dich?" fragte er. - "Sie heißen mich Mignon." - "Wieviel Jahre hast du?" - "Es hat sie niemand gezählt." - "Wer war dein Vater?" - "Der große Teufel ist tot."

      …(Wilhelms) Augen und sein Herz wurden unwiderstehlich von dem geheimnisvollen Zustande dieses Wesens angezogen. Er schätzte sie zwölf bis dreizehn Jahre; ihr Körper war gut gebaut, nur daß ihre Glieder einen stärkern Wuchs versprachen oder einen zurückgehaltenen ankündigten. Ihre Bildung war nicht regelmäßig, aber auffallend; ihre Stirne geheimnisvoll, ihre Nase außerordentlich schön, und der Mund, ob er schon für ihr Alter zu sehr geschlossen schien, und sie manchmal mit den Lippen nach einer Seite zuckte, noch immer treuherzig und reizend genug. Ihre bräunliche Gesichtsfarbe konnte man durch die Schminke kaum erkennen. Diese Gestalt prägte sich Wilhelmen sehr tief ein; er sah sie noch immer an, schwieg und vergaß der Gegenwärtigen über seinen Betrachtungen. Philine weckte ihn aus seinem Halbtraume, indem sie dem Kinde etwas übriggebliebenes Zuckerwerk reichte und ihm ein Zeichen gab, sich zu entfernen... ….

      Wilhelm öffnete die Türe, (Mignon) trat herein und sang das Lied, das wir soeben aufgezeichnet haben**. Melodie und Ausdruck gefielen unserem Freunde besonders, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte. Er ließ sich die Strophen wiederholen und erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie ins Deutsche. Aber die Originalität der Wendungen konnte er nur von ferne nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks verschwand, indem die gebrochene Sprache übereinstimmend und das Unzusammenhängende verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts verglichen werden. Sie fing jeden Vers feierlich und prächtig an, als ob sie auf etwas Sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas Wichtiges vortragen wollte. Bei der dritten Zeile war der Gesang dumpfer und düsterer; das "Kennst du es wohl?" drückte sie geheimnisvoll und bedächtig aus; in dem "Dahin! Dahin!" lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr "Laß uns ziehn!" wußte sie bei jeder Wiederholung dergestalt zu modifizieren, daß es bald bittend und dringend, bald treibend und vielversprechend war.

      Nachdem sie das Lied zum zweitenmal geendigt hatte, hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: "Kennst du das Land?" - "Es muß wohl Italien gemeint sein", versetzte Wilhelm; "woher hast du das Liedchen?" - "Italien!" sagte Mignon bedeutend; "gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier." - "Bist du schon dort gewesen, liebe Kleine?" fragte Wilhelm. - Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen...

      v. zeno.org / ** S. de.wikisource.org/wiki/Kennst_…%3F_wo_die_Citronen_blühn
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    • 19.11.1630 - Todestag von Johann Hermann Schein

      S. war einer der berühmten drei S im 17. Jahrhundert, nämlich Scheidt, Schein, Schütz, die auch alle drei geborene Sachsen waren und deren Wirksamkeit ebenfalls Sachsen angehörte...

      (S.) wurde 1599 Cantoreiknabe in der kurfürstlichen Capelle (zu Dresden) und Schüler Roger Michael`s. Die Erziehung der Cantoreiknaben erstreckte sich damals nicht nur bis zur Zeit des Mutirens, sondern der Kurfürst sorgte auch dafür, daß sie später etwas tüchtiges lernten, um dann entweder als Staatsbeamte oder als Musiker in seinem Lande zu wirken... Nachdem (S.) (als Hausmusikdirector eines reichen und musikliebenden kurfürstlichen sächsischen Hauptmanns zu Weißenfels) zwei Jahre verblieben war, erhielt er (1615) vom Herzoge von Sachsen-Weimar, Johann Ernst dem Jüngeren, die Aufforderung, die erledigte Capellmeisterstelle zu übernehmen... (S.) fand hier reichlich Gelegenheit, seine Talente zu verwerthen und sich die Achtung seines Fürsten zu erwerben... Nachdem 1615 in Leipzig Sethus Calvisius gestorben war, Cantor und Musikdirector an St. Thomas, schritt man im folgenden Jahre zu einer Neuwahl, und es ist bezeichnend für Schein`s Leistungen, daß man ihn zum Nachfolger eines so hochgeachteten Mannes wählte... Bis ins Jahr 1622 (nennt S. sich nur) Musicus und Cantor an St. Thomae zu Leipzig, erst seit 1623 bezeichnet er sich auf den Titeln seiner Drucke mit "Music Director in Leipzig"... Die frühe Anknüpfung mit den Leipziger Stadträthen hat ihm die erwünschte Erreichung der Cantorstelle bei Zeiten geebnet. So dedicirte er 1611, als er in Weißenfels lebte, dem Bürgermeister Mayer von Leipzig einen "Friedens Wunsch" zum Beginne des neuen Jahres...

      Von 1615 ab, als er sich in Weimar befand, entwickelte er eine staunenswerthe Fruchtbarkeit. So erschienen 1615 in Leipzig...31 Motettten zu 5--12 Stimmen, 1617 ebendort eine Sammlung von Paduanen und Gagliarden für 5 Instrumente. Vom Kriegsjahr 1618 ab erschienen...fast sämmtliche Werke im Selbstverlage...und waren oft recht umfangreich, so das "Cantional oder Gesangbuch Augsburgischer Confession für Leipzig" im 4--6stimmigen Tonsatze, welches 536 Seiten umfaßt. Entweder war seine Frau vermögend, oder seine Werke fanden trotz der Kriegszeit einen guten Absatz, denn der damalige Gehalt an der Thomasschule reichte gerade nur zum Lebensunterhalte aus. Es ist übrigens recht bezeichnend für die damalige Geschäftswelt, daß sie sich muthlos von jedem Unternehmen fern hielt, während der Künstler selbst rüstig weiter schaffte und selbst die kaufmännischen Sorgen noch übernahm.

      Trotzdem S. nie in Italien war, kannte er die neuere Richtung der Italiener sehr wohl und schon in seiner ersten Sammlung geistlicher Concerte...soll er die italienische neue Form angewendet haben, ebenso in dem 1615 erschienenen "C y m b a l u m S i o n i u m S i v e C a n t i o n e s S a c r a e"... In den 1618 erschienenen "O p e l l a N o v a, geistliche Concerten mit 3--5 Stimmen zusampt dem General Baß auff italienische Invention componirt" ist die Nachbildung der italienischen Form schon durch den Wortlaut des Titels documentirt. S. schließt sich mit Vorliebe dem deutschen geistlichen Liede an und hat darin Musterhaftes geleistet, sowol im einfachen mehrstimmigen Choralsatze, als in der Concertform, wie man sie damals bezeichnete. Letztere nahm die Kirchenmelodie als Grundlage zu einem weit ausgesponnenen Tonsatze, in dem eine oder mehrere Singstimmen, begleitet von Instrumentalstimmen, mit Zwischensätzen unterbrochen, oft aus mehreren Sätzen bestehend, die Kirchenmelodie strenger oder freier behandelten, oder wie man einst sagt, "concertweise setzten". Diese Form wurde zu Schein`s Zeit so beliebt, daß sie die Motette fast verdrängte, bis letztere dann in der Cantatenform wieder erstand, wenn gleich nach Inhalt und Form in sehr veränderter Gestalt...

      "Zeitgenossen loben Schein`s Tonsatz als sehr natürlich und lieblich: unsere Zeit hat dieses Lob dahin noch gesteigert, daß er ganz köstlich, musterhaft, echt kirchlich sei. Mir erscheint in ihm bereits ein Verfall der älteren, kirchlichen Kunst, der freilich wiederum mit dem Anbrechen einer neuen Zeit zusammenhängt. Ich möchte daher nicht wagen, S. als hohes Muster im Choralsatze aufzustellen. Es treten bei ihm Vorandeutungen einer neuen Zeit hervor, die auf den Trümmern einer älteren Kunstrichtung sich gründet, Ahnungen ihrer Vorzüge wie Gebrechen; sie erscheinen bei ihm getragen von gründlicher meisterlicher Kunstfertigkeit, einer wahrhaften Begeisterung für seinen Beruf, einem frommen und reinen Gemüth." Die neuere Zeit hat von seinen zahlreichen weltlichen Compositionen nur Weniges wieder durch den Druck bekannt gemacht, während viele seiner Choralsätze im zahlreichen Sammelwerken Aufnahme gefunden haben...

      v. wikisource.org
      Rob.Eitner (1832/1905) in: Allg. Dt. Biographie. Bd. 30: Leipzig 1890 (Die hier "schräg" wiedergegebenen Namen sind in der Vorlage andersfarbig gedruckt; die hier im Sperrdruck wiedergegebenen Worte haben dort eine eigene Schriftart.)
      Die im letzten Absatz in " " gesetzten Sätze stammen vom Musikforscher K.v.Winterfeld (1784/1852). Eitner betont an anderer Stelle, dass dieser "sich stets als ein gewissenhafter Historiker bewiesen hat".
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 20.11.1910 - Todestag von Lew Nikolajewitsch Tolstoi

      Seine aus 28 (teils sehr kurzen) Kapiteln bestehende Novelle Die Kreutzersonate beendete T. 1889. Sie erschien im darauf folgenden Jahr zunächst in eben der dt. Übersetzung, aus der hier einige Passagen wiedergegeben sind . . .

      Leos Janacek schreibt sein 1.Streichquartett (1923) unmittelbar angeregt durch die Lektüre des russ. Originals . . .

      XXI … Er saß am Klavier, spielte mit seinen gebogenen, langen Fingern diese Arpeggien, und sie stand...über den aufgeschlagenen Noten. Sie hatte mich zuerst erblickt oder gehört und schaute mich an. Ob sie erschrocken war und sich nur so stellte, als sei sie nicht erschrocken, oder ob sie tatsächlich nicht erschrocken war - jedenfalls zuckte und bewegte sie sich nicht, sondern errötete nur, und zwar erst nachträglich. "Wie freue ich mich, daß du gekommen bist...", sprach sie in einem Tone, in welchem sie nicht mit mir gesprochen hätte, wenn wir allein gewesen wären. Dieser Ton sowie der Umstand, daß sie sich und ihn in dem Worte `wir´ zusammenfaßte, beunruhigte mich. Ich begrüßte ihn schweigend. Er drückte mir die Hand und begann mit einem Lächeln, worin von vornherein eine gewisse Ironie zu liegen schien, zu erklären, er habe die Noten für die sonntägliche Musikunterhaltung mitgebracht, sie seien noch nicht einig, was sie spielen sollten...

      Ich hatte sie augenscheinlich durch die Verwirrung, die sich in meinen Zügen malte, gleichfalls in Verwirrung gebracht. Ich konnte eine ganze Weile kein Wort sagen und war wie eine umgestülpte Flasche, aus der das Wasser nicht herausquillt, weil sie zu voll ist. Ich brannte darauf, ihn auszuschelten und hinauszuwerfen, doch ich fühlte, daß ich wieder freundlich und zuvorkommend gegen ihn sein müßte. Ich stellte mich, als hieße ich alles gut, versicherte ihm, daß ich mich ganz auf seinen guten Geschmack verlasse, und riet ihr, sich ebenso zu verhalten...

      XXXIII … Um sechs Uhr versammelten sich die Gäste, und auch er erschien im Frack, mit brillantenen Manschettenknöpfen von schlechtem Geschmack. Er benahm sich ganz ungezwungen, gab seine Antworten rasch, mit einem Lächeln der Zustimmung und des Einverständnisses - jenem besonderen Lächeln, verstehen Sie, welches besagt, daß alles, was sie tun oder reden mögen, gerade das ist, was er erwartet. Alles Unvornehme, das mir jetzt an ihm auffiel, vermerkte ich mit besonderem Wohlgefallen, da es mich zu beruhigen und mir zum Beweis dafür werden mußte, daß er für meine Frau auf einer viel zu niedrigen Stufe stand, auf der sie, wie sie sagte, sich nie herablassen könnte. Ich gestattete mir nun nicht mehr, den Eifersüchtigen zu spielen. Erstens hatte ich die Qualen dieser Leidenschaft schon zur Genüge kennen gelernt, so daß ich der Ruhe bedurfte, und zweitens wollte ich den Versicherungen meiner Frau Glauben schenken und glaubte ihnen in der Tat. Aber obschon ich nicht eifersüchtig sein wollte, war mein Benehmen beiden gegenüber doch recht unnatürlich, und während des Mittagessens wie auch während der ersten darauf folgenden Stunde, bevor noch die Vorträge begannen, hörte ich nicht auf, ihre Bewegungen und Blicke zu verfolgen...

      Ein Militärmarsch - nun ja, nach dem marschieren die Soldaten, damit hat diese Musik ihren Zweck erfüllt; eine Tanzmelodie - ich tanze danach, das Ergebnis ist da; der kirchliche Meßgesang - ich nehme das Abendmahl, auch hier dient die Musik einem Zweck; bei der bloßen Musik aber läuft alles nur auf die Erregung hinaus, und was in dieser Erregung getan werden soll, bleibt ungetan. Daher wirkt die Musik zuweilen so grausig, so entsetzlich... Nehmen wir beispielsweise eben diese Kreutzersonate, das erste Presto - darf man von Rechts wegen dieses Presto im Salon inmitten dekolletierter Damen spielen, die hinterher Beifall klatschten, Gefrorenes essen und über die letzte Skandalgeschichte plaudern? Solche Stücke sollten nur bei...bedeutsamen Gelegenheiten gespielt werden, um gewisse, der Musik entsprechende, wichtige Handlungen auszulösen. Dem Spiel hat die Tat zu folgen, zu der die Musik begeistert hat. Die Erregung einer Gefühlsenergie jedoch, die sozusagen gegenstandslos bleibt und weder der Zeit noch dem Ort entspricht, kann nur verderblich wirken.

      Auf mich wenigstens übte dieses Stück eine furchtbare Wirkung aus: es war mir, als ob sich mir neue Gefühlswelten, neue Möglichkeiten eröffneten, von denen ich bisher keine Ahnung gehabt... Meine Frau hatte ich noch niemals so gesehen, wie sie an jenem Abend war: diese strahlenden Augen, dieser Ernst, dieser bedeutsame Ausdruck während des Spiels, die völlige Hingabe und das reiche, schmachtende, selige Lächeln am Ende des Spiels. Ich sah das alles...und glaubte, daß auch ihr, wie mir, sich, gleichsam aus der Erinnerung wiedererstehend, eine Welt von neuen Gefühlen eröffnet hatte...

      XXIV Zwei Tage darauf fuhr ich, nachdem ich in der besten, ruhigsten Stimmung von meiner Frau Abschied genommen, nach der Kreisstadt. Dort gab es stets sehr viel zu tun... Am zweiten Tag brachte man mir...einen Brief von meiner Frau. Ich las ihn sogleich - sie schrieb von den Kindern, ...von allerhand Einkäufen und beiläufig, wie von einer ganz alltäglichen Sache, daß Truchatschewskij dagewesen sei und die versprochenen Noten mitgebracht habe... Ich wußte mich nicht zu erinnern, daß er versprochen hätte, uns Noten zu bringen; ich hatte den Eindruck, daß er damals für die Dauer Abschied genommen, und darum berührte mich die Sache eigentümlich. Ich hatte jedoch so viel zu tun, daß ich nicht lange nachdenken konnte, und erst am Abend...las ich den Brief zum zweitenmal mir Aufmerksamkeit durch. Abgesehen davon, daß Truchatschewskij nochmals in meiner Abwesenheit einen Besuch gemacht hatte, erschien mir der ganze Ton des Briefes unverständlich...

      v. archive.org (dt. v. R.Löwenfeld; 1854/1910) … Die Sperrdrucke sind original
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 27.11.1896 - Uraufführung der sinfonischen Dichtung "Also sprach Zarathustra" von Richard Strauss . . .

      Die gleichn. literarische Vorlage v. Friedr.Nietzsche (lt. Onkel Wiki ein "dichterisch-philosophisches Werk") hat den Untertitel "Ein Buch für alle und Keinen". Hier ein paar Sätze aus dem ersten (v. insg. vier) Teil/en. Zunächst einige Passagen aus den letzten beiden Abschnitten (9. / 10.) von "Zarathustras Vorrede". Die unteren beiden Absätze entstammen dem Kapitel "Vom Lesen und Schreiben" (einen offensichtlichen Druckfehler habe ich stillschweigend korrigiert).

      Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit Einem Male Land sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu seinem Herzen: Ein Licht gieng mir auf: Gefährten brauche ich und lebendige, - nicht todte Gefährten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will. Sondern lebendige Gefährten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber folgen wollen - und dorthin, wo ich will. Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefährten! Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden! Viele wegzulocken von der Heerde - dazu kam ich. Zürnen soll mir Volk und Heerde: Räuber will Zarathustra den Hirten heissen...

      Gefährten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Heerden und Gläubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue Werthe auf neue Tafeln schreiben. Gefährten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei ihm reif zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er Ähren aus und ist ärgerlich. Gefährten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen. Vernichter wird man sie heissen und Verächter des Guten und Bösen. Aber die Erntenden sind es und die Feiernden...

      Nicht reden einmal will ich wieder mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten. Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des Übermenschen. Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Glücke. Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; über die Zögernden und Saumseligen werde ich hinwegspringen.

      … Als die Sonne im Mittag stand: da blickte er fragend in die Höhe - denn er hörte über sich den scharfen Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und an ihm hieng eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin: denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt. "Es sind meine Tiere!" sagte Zarathustra und freute sich von Herzen. "Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klügste Thier unter der Sonne - sie sind ausgezogen auf Kundschaft. Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch? Gefährlicher fand ich`s unter Menschen als unter Thieren, gefährliche Wege geht Zarathustra. Mögen mich meine Thiere führen!"

      - - - - - - - - - - - - - - - -

      Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist. Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden Müssiggänger. Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser. Noch ein Jahrhundert Leser - und der Geist selber wird stinken. Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken. Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er gar zum Pöbel.

      Im Gebirge ist der nächste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du lange Beine haben. Sprüche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen gesprochen wird, Grosse und Hochwüchsige. Die Luft dünn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit: so passt es gut zu einander. Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die Gespenster verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will lachen... Wer auf die höchsten Berge steigt, der lacht über alle Trauer-Spiele und Trauer-Ernste. Muthig, unbekümmert, spöttisch, gewaltthätig - so will uns die Weisheit, sie ist ein Wein und liebt immer nur einen Kriegsmann. Ihr sagt mir: "das Leben ist schwer zu tragen." Aber wozu hättet ihr Vormittags euren Stolz und Abends Eure Ergebung?

      Die Orthographie folgt der auf nietzschesource.org abgedruckten Version.
      <= keiner der Abschnitte, auf die sich Strauss explizit bezogen hat. Angesichts von "Heldenleben" u. "Alpensinfonie" klingeln mir bei manchen der obigen Sätze allerdings die Ohren...
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 29.11.1802 - Geburtstag von Wilhelm Hauff

      Hier einige Passagen aus seiner "Geschichte von dem Gespensterschiff" (a. d. "Märchen-Almanach auf das Jahr 1826...").
      Die Mehrzahl der Fachleute meint wohl, dass Wagner zur Zeit der Komposition des "Holländer" diese Geschichte (bereits) gekannt haben müsste...

      … Das Schiff, auf dem ich mich eingemietet hatte, war nach Indien bestimmt. Wir waren schon fünfzehn Tage auf der gewöhnlichen Straße gefahren, als uns der Kapitän einen Sturm verkündete. Er machte ein bedenkliches Gesicht, denn es schien, er kenne in dieser Gegend das Fahrwasser nicht genug, um einem Sturm mit Ruhe begegnen zu können. Er ließ alle Segel einziehen, und wir trieben ganz langsam hin. Die Nacht war angebrochen, war hell und kalt, und der Kapitän glaubte schon, sich in den Anzeichen des Sturmes getäuscht zu haben. Auf einmal schwebte ein Schiff, das wir vorher nicht gesehen hatten, dicht an dem unsrigen vorbei. Wildes Jauchzen und Geschrei erscholl aus dem Verdeck herüber, worüber ich mich zu dieser angstvollen Stunde, vor einem Sturm, nicht wenig wunderte. Aber der Kapitän an meiner Seite wurde blaß, wie der Tod. "Mein Schiff ist verloren" rief er, "dort segelt der Tod!" Ehe ich ihn noch über diesen sonderbaren Ausruf befragen konnte, stürzten schon heulend und schreiend die Matrosen herein: "Habt ihr ihn gesehen?" schrien sie, "jetzt ist`s mit und vorbei." Der Kapitän ließ Trostsprüche aus dem Koran vorlesen, und setzte sich selbst ans Steuerruder. Aber vergebens! Zusehends brauste der Sturm auf, und ehe eine Stunde verging, krachte das Schiff und blieb sitzen. Die Boote wurden ausgesetzt, und kaum hatten sich die letzten Matrosen gerettet, so versank das Schiff vor unsern Augen, und als ein Bettler fuhr ich in die See hinaus... Endlich brach der Tag an; aber mit dem ersten Blick der Morgenröte faßte der Wind das Boot, in welchem wir saßen, und stürzte es um. Ich habe keinen meiner Schiffsleute mehr gesehen.

      Der Sturz hatte mich betäubt; und als ich aufwachte, befand ich mich in den Armen meines alten, treuen Dieners, der sich auf das umgeschlagene Boot gerettet, und mich nachgezogen hatte. Der Sturm hatte sich gelegt. Von unserem Schiff war nichts mehr zu sehen, wohl aber entdeckten wir, nicht weit von uns, ein anderes Schiff, auf das die Wellen und hintrieben. Als wir näher hinzukamen, erkannte ich das Schiff als dasselbe, das in der Nacht an uns vorbeifuhr, und welches den Kapitän so sehr in Schrecken gesetzt hatte... Das öde Aussehen des Schiffes, auf dem sich, so nahe wir auch herankamen, so laut wir schrien, niemand zeigte, erschreckten mich. Doch es war unser einziges Rettungsmittel, darum priesen wir den Propheten, der uns so wundervoll erhalten hatte...

      Wir labten und an den Speisen und Getränken, die wir in reichlichem Maß vorfanden, und stiegen endlich wieder aufs Verdeck. Aber hier schauderte uns immer die Haut, ob dem schrecklichen Anblick der Leichen. Wir beschlossen, ...sie über Bord zu werfen: aber wie schauerlich ward uns zumut, als wir fanden, daß sich keiner aus seiner Lage bewegen ließ... Auch der Kapitano ließ sich nicht von seinem Mast losmachen, nicht einmal seinen Säbel konnten wir der starren Hand entwinden... Ich wußte nicht, was anzufangen war, man konnte doch nicht den Mastbaum abhauen, um ihn ans Land zu führen. Doch aus dieser Verlegenheit half Muley. Er ließ schnell einen Sklaven an Land rudern, um einen Topf mit Erde zu bringen. Als dieser herbeigeholt war, sprach der Zauberer geheimnisvolle Worte darüber aus, und schüttete die Erde auf das Haupt des Toten. Sogleich schlug dieser die Augen auf...

      "Vor fünfzig Jahren war ich ein mächtiger, angesehener Mann und wohnte in Algier; die Sucht nach Gewinn trieb mich, ein Schiff auszurüsten und Seeraub zu treiben. Ich hatte dieses Geschäft schon einige Zeit fortgeführt, da nahm ich einmal...einen Derwisch an Bord, der umsonst reisen wollte. Ich und meine Gesellen waren rohe Leute und achteten nicht auf die Heiligkeit des Mannes, vielmehr trieb ich mein Gespött mit ihm. Als er aber einst in heiligem Eifer mir meinen sündigen Lebenswandel verwiesen hatte, übermannte mich nachts in meiner Kajüte...der Zorn. Wütend über das, was...ich mir von keinem Sultan hätte sagen lassen, stürzte ich aufs Verdeck und stieß ihm meinen Dolch in die Brust. Sterbend verwünschte er mich...

      Noch in derselben Nacht erfüllten sich seine Worte. Ein Teil der Mannschaft empörte sich gegen mich. Mit fürchterlicher Wut wurde gestritten, bis meine Anhänger unterlagen, und ich an den Mast genagelt wurde. Aber auch die Empörer unterlagen ihren Wunden, und bald war mein Schiff nur ein großes Grab. Auch mir brachen die Augen, mein Atem hielt an und ich meinte zu sterben. Aber es war nur eine Erstarrung, die mich gefesselt hielt; in der nächsten Nacht, zur nämlichen Stunde, da wir den Derwisch in die See geworfen, erwachte ich und alle meine Genossen, das Leben war zurückgekehrt, aber wir konnten nichts tun und sprechen, als wir in jener Nacht gesprochen und getan hatten. So segeln wir seit fünfzig Jahren, können nicht leben, nicht sterben; denn wie konnten wir das Land erreichen. Mit toller Freude segelten wir allemal mit vollen Segeln in den Sturm, weil wir hofften, endlich an einer Klippe zu zerschellen und das müde Haupt, auf dem Grund des Meeres, zur Ruhe zu legen. Es ist uns nicht gelungen..." …

      v. zeno.org
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 08.12.1938 - Todestag von Friedrich Glauser

      °°Auf Initiative des Vaters wurde er wegen "liederlichen...Lebenswandels"...entmündigt°°. **1910 kommt G. in ein Schweizer Internat, schließt früh mit den Drogen Bekanntschaft und ist von...Hugo Ball...und Hans Arp begeistert.** °°Immer wieder zeichnete er Figuren, die...als asozial abqualifiziert und durch Verwahr- und Internierungsmaßnahmen der Gesellschaft aus den Augen geschafft werden°°.

      "Der Chinese" ist der vorletzte von insg. fünf "Wachtmeister Studer" - Romanen, die zw. 1936 u. 41 erstveröffentlicht wurden . . .

      …. Natürlich würde es diesmal gehen, wie all die anderen Male. Man war kein berühmter Kriminalist, obwohl man immerhin in früheren Zeiten viel studiert hatte. Wegen einer Intrigenaffäre verlor man die Stelle eines Kommissars an der Stadtpolizei, fing an der Kantonspolizei wieder an - und stieg in kurzer Zeit zum Wachtmeister auf. Obwohl man abgebaut worden war, obwohl man Feinde genug hatte, mußte man stets einspringen, wenn es einen komplizierten Fall gab. So auch diesmal... Die Leiche: Das Gesicht war alt, ein weißer Schnurrbart fiel über die Mundwinkel, weich, wie eine jener Seidensträhnen, die Frauen zu feinen Handarbeiten gebrauchen. Die Augen geschlitzt-- Es war der Mann, den Studer vor vier Monaten in einer Julinacht kennengelernt und den er vom ersten Augenblick an den >Chinesen< genannt hatte. Während der alte Landarzt, der in seinem abgetragenen Havelock einen arg verwahrlosten Eindruck machte, mit dem eleganten Statthalter weiter diskutierte, dachte der Wachtmeister zum dritten Mal an diesem Morgen an jene Julinacht. Und wenn die Erinnerung an dieses merkwürdige Erlebnis die beiden anderen Male noch dunkel gewesen war, so wurde es jetzt klar, farbig, und auch die Worte, die damals gesprochen worden waren, begannen in Studers Ohren zu klingeln...

      Es war ein Zufall, daß Studer an jenem Abend in Pfründisberg abgestiegen war. In Olten hatte er vergessen zu tanken. Deshalb war er damals in der Wirtschaft >zur Sonne< eingekehrt... Er nahm Platz in einer Ecke-- Niemand kümmerte sich um ihn. Nach einer Weile fragte er, ob man hier eine Kanne Benzin haben könne. Einer der Jasser, ein uraltes Mannli in einer Weste mit angesetzten Leinenärmeln, sagte zu seinem Partner: "Er wott es Chesseli Benzin--" ...Die Luft hockte dumpf und stickig im Raum, weil die Fenster geschlossen waren; durch die Scheiben sah man das grüngestrichene Holz der Läden. Studer wunderte sich, weil keine Serviertochter erschien, um nach seinen Wünschen zu fragen. Der Partner des Alten meinte: "Du hescht d`Stöck nid g`schrybe." Der Wachtmeister stand auf und erkundigte sich, wo es hier auf die Laube gehe, denn in dem Zimmer war es erstens heiß und zweitens saß an dem Tische, wo gejaßt wurde, ein magerer Spitzbart, den Studer kannte: der Hausvater der Armenanstalt Pfründisberg, Hungerlott mit Namen-- Ein unsympathischer Mensch, den man kennengelernt hatte, früher, als man noch Gefreiter an der Kantonspolizei war und Transporte vom Amtshaus nach Pfründisberg machen mußte. Gerade heut abend hatte man gar keine Lust, mit diesem Hungerlott z`brichten-- "Nume de Gang hingere--", sagte der Uralte und: - der Weg sei nicht zu verfehlen.

      Als Studer ins Freie trat, atmete er auf, trotzdem die Luft schwül war. Am Horizont kauerten riesige Wolken, im Zenit hing ein winziger Mond, nicht größer als eine unreife Zitrone, und warf sein spärliches Licht über die Landschaft. Dann verschwand auch er, und in der Nähe war einzig hell erleuchtet das Erdgeschoß eines großen Baues, der etwa vierhundert Meter entfernt von der Wirtschaft sich erhob. Der Wachtmeister lehnte sich an das Geländer der Laube und blickte über das stille Land; dicht vor seinen Augen wuchs ein Ahorn - die Blätter des nächsten Astes waren so deutlich, daß man sie einzeln zählen konnte. Als er sich nach einer Lichtquelle umwandte, sah er hinter den Scheiben eines Fensters, das auf die Laube ging, eine Lampe, die einen schreibenden Mann beschien. Keine Vorhänge waren vor den Scheiben-- Der Mann saß an einem Tisch, ein Stapel von fünf Wachstuchheften erhob sich neben seinem rechten Ellenbogen - der Mann war damit beschäftigt, ein sechstes Heft vollzuschreiben. Sonderbar--Wie kam ein fremder Gast dazu, in dem Krachen Pfründisberg seine Memoiren zu schreiben--? Pfründisberg: eine Armenanstalt, eine Gartenbauschule, zwei Bauernhöfe. Das einzige, was dem Weiler Wichtigkeit gab, war die Tatsache, daß das Dorf Gamplingen - zwei Kilometer weit entfernt - seine Toten in Pfründisberg begrub-- Das alles ging Studer durch den Kopf, während er vor dem Fenster stand und dem einsamen Manne zusah, der unermüdlich in sein Wachstuchheft schrieb. Ein weißer Schnurrbart bedeckte seine Mundwinkel, die Backenknochen sprangen vor und die Augen sahen aus wie geschlitzt...

      Der Mann sprach das Deutsche mit englischem Akzent. Englisch? Merkwürdig war nur, daß unter dieser fremdländischen Aussprache etwas Heimatliches hervorlugte, das nicht genau zu bestimmen war. Vielleicht lag es an der Betonung des Wortes "will", das der Mann wie "wiu" aussprach. "Kantonspolizei Bern", sagte Studer gemütlich. "Legitimation." Studer zeigte sie schweren Herzens, denn die Photographie, die auf diesem Ausweis klebte, hatte ihm immer Kummer bereitet. Er fand, er sehe aus auf ihr wie eine Seelöwe, der an Liebesgram leidet. Der Fremde gab den Ausweis zurück. Die Situation war immer noch unangenehm, denn der Wachtmeister wußte genau, daß der Fremde in der Seitentasche seiner Joppe einen Revolver trug; und es war unangenehm zu denken, daß ein Bauchschuß drohte...

      "Seit fünf Monaten sind Sie wieder in der Schweiz, Herr Farny?" fragte Studer. "Surely, fünf Monate. Habe die Heimat wieder sehen wollen ---" Da war er wieder, der Laut! Der >Chinese< sagte >Heimat< mit scharf getrenntem >e-i<, während ein Engländer das >ai< sicher übertrieben hätte. "Sie sind -- wie sagt man? - ein höherer Polizeibeamter? Ein -- wie sagt man -- Inspektor, nicht nur ein Policeman?" "Wachtmeister", sagte Studer gemütlich. "Dann werden Sie zugezogen, wenn passiert zum Beispiel ein Mord?" -- Studer nickte...

      v. gutenberg.spiegel.de (computertechn. bedingt ist die Interpunktion leicht abgeändert.)
      °°v. krimilexikon.de … **v. literaturhaus.at
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
    • 10.12.1889 - Todestag von Ludwig Anzengruber

      Lt. wikisource.org erschien bereits 1922 die erste, 15 (!) Bände umfassende, Gesamtausgabe seiner Werke. Die "Dorfgeschichte" Der Einsam (bestehend aus sechs Kapiteln, hier einige Passagen aus dem zweiten) entstand 1881, also vier Jahre nach seinem vermutl. bekanntesten Drama Das Vierte Gebot, vier Jahre vor seinem vermutl. bekanntesten Prosawerk, dem (1976 von H.W.Geißendörfer verfilmten) Roman Der Sternsteinhof.

      Als der Kaplan von seinem Morgenspaziergange nach dem Pfarrhofe zurückgekehrt war, hatte er in aller Gemächlichkeit begonnen, seine Habseligkeiten einzupacken... Als er aus einem Schranke ein Handkofferchen hervorzog, raschelte es im Innern; und als er aufschloß, lag eine Photographie auf dem Boden, das Brustbild eines Bauernmädchens, mit reichem Haar unter dem Kopftuche und kleinen blitzelnden Äuglein über dem Stumpfnäschen in dem vollen, runden Gesichte. Das Bild hatte durch Zeit und schnöde Behandlung arg gelitten, es war verblaßt und zeigte Fingerabdrücke. Der Kaplan griff das Blättchen und machte eine Bewegung, als wäre er willens, dasselbe in die Zimmerecke zum Kehricht zu werfen, aber er besann sich anders und legte es an seine Stelle zurück...

      Der Klang der Abendglocke schreckte (ihn) auf, er stieß einen tiefen Seufzer aus und rieb sich die Stirne; ein grämlicher Zug überflog sein Gesicht, offenbar besann er sich auf etwas, das ihn gerade nicht angenehm berührte. Er erhob sich rasch, wechselte den Rock, verließ seine Stube, und nach wenigen Schritten über den breiten, aber kurzen Gang stand er vor einer Türe, an welche er pochte... "Wollen Sie Platz nehmen", sagte der Pfarrer, indem er nach einem Stuhle deutete und sich selbst niederließ. Eine Weile saßen sich die beiden Männer schweigend gegenüber. "Daß sie den Entschluß gefaßt haben, sich zur Ruhe zu setzen, kann ich nur billigen", hob der Pfarrer an. "Es bricht jetzt eine Zeit herein, wo es nach außen eines wahren Kampfeifers bedarf, um die Kirche gegen Anfechtungen zu schützen, und nach innen einer eisernen Strenge, um das festzuhalten, was sie unter den Händen hat. Nun scheinen mir aber Kampfeifer und Strenge nicht ihre Sache zu sein!" "Nein, das weiß Gott", sagte der Kaplan, "wo sich was nit im guten richten laßt, bin ich nit der Mann dazu...

      weit herumgewesen in der Welt, Herr Amtsbruder?" "Ja, ich habe jahrelang im Sonnenbrande Afrikas den Wilden das Evangelium gepredigt; bin noch nicht gar so lange Zeit von dort zurück... Die Wilden sind wie große Kinder, und es ist ganz merkwürdig, zu sehen, welche Einwürfe und Ausflüchte der Erbfeind den kindlichen Seelen zubläst, um sie gegen das Heil mißtrauisch zu machen und zu verhärten, aber am Ende bleiben sie doch Kinder und sind mit einigem Ernst eines Besseren zu belehren; hier aber habe ich es nicht mit Kindern, sondern mit großen Leuten zu tun, durch die Taufe in die Gemeinschaft der heiligen Kirche aufgenommen und von klein auf in deren Heilswahrheiten unterrichtet, und treffe ich darunter welche, die zu eigenem und fremdem Verderben sich gegen ihr Gewissen setzen und das anderer irreführen, dann bin ich der Mann dazu, der sie entweder zurecht- oder der Gemeinde aus den Augen bringt, und damit tu ich nur das, was man von mir erwartet...

      "Noja", seufzte der Kaplan, …für zwei hätt ich gern ein gut Wörtl einglegt: Da ist der Bursch, den s` ´n Einsam nennen, jo mein, der laßt sich, wie er ist, nit so leicht um`n Finger wickeln, da braucht`s bevor schon a Zeit und Weil, bis mer`n weich macht, und da ist noch der Schneider-Tomerl, der Sohn vom Flickschneider, gar ein armer Teufel, der ledig mit einer Dirn lebt, Not und Elend im Haus und ein kleins Kind dazu; ja, daß s`nit zsamm sollen, das haben die zwei von Anfang an gwußt, das werfen sie sich heut gegenseits vor, und morgn will wieder keins vom andern lassen; der Jammer hat den Leuten ganz den Kopf verwirrt, will mer`s zsammhaben, so wolln s` auseinander, will mer`s auseinander, so wolln s`zsammbleiben, da möchte halt auch ein blind Dreinfahren leicht vom Übel sein, und mein Denken war, man wart zu, bis das Kleine ein bissel dreinplappern kann, dann ist man doch zwei gegen zwei, und redt sich leichter, wenn man dem sein Sach führt." "Das taugt nicht, Herr Konfrater", rief der Pfarrer, "das taugt in Ewigkeit nicht, durch Zuwarten wird Ärgernis alt und übles Beispiel mächtig! Es ist leider nur zu lange zugesehen worden, und ich fühle mich verpflichtet, dem ein Ende zu machen, und werde ohne Zögern den beiden Burschen den Daumen aufs Auge drücken; der eine soll sich entschließen, zu leben, wie es unter Christenmenschen der Brauch ist, der andere soll die Dirne zu Ehren bringen, oder er soll sie lassen! Was etwa aus den beiden werden mag, wenn sie sich nicht fügen und vom Orte müssen, darüber habe ich nicht zu grübeln." Der Pfarrer erhob sich, der Kaplan, der seinem Beispiele folgte, trocknete sich mit einem bunten Sacktuche den Schweiß von der Stirne. "No, nit für ungut", sagte er mit vor Erregung zitternder Stimme, "daß ich mir überhaupt erlaubt hab, etwas zu bereden, aber ich wollt nit damit zurückhalten, weil ich gmeint hab, mein Wort, als von einm, der lang gnug hierorts war, um sich auszuwissen, dürft nit zu verachten sein, und weil ich darauf bedacht war, Unheil zu verhüten, das ich möglicht kommen seh, wann---" "Kein Wort weiter in der Sache, Herr Kaplan", unterbrach ihn der Pfarrer, "ich handle, wie mir Pflicht und Gewissen vorschreiben, und übernehme vor Gott die Verantwortung!"

      … Kopfschüttelnd ging der Kaplan nach seiner Stube. "Vor Gott übernimmt er die Verantwortung!" murmelte er. "Die vor Menschen liegt doch näher; ich möchte nix vorm lieben Herrgott zu vertreten haben, was ich nit vor d`Menschen kann!"... Bald stand der Pfarrhof im Dunkeln, alle Lichter waren verlöscht und die Inwohner zur Ruhe gegangen. Der Pfarrer lag in tiefem, ruhigem Schlafe, und nur ein paar Schritte davon, in der Stube nebenan, quälten den Kaplan böse Träume - er sah den gehetzten "Einsam" wie ein wildes Tier in das friedliche Tal einbrechen - auf einer endlos langen Straße ging der Schneider-Tomerl dahin und schlug mit seinem Wanderstecken nach großen, runden Kieseln, die am Wege lagen, wie auf geschorene, harte, Pfaffenschädel...

      v. zeno.org
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    • 11.12.1959 - Uraufführung von Carl Orffs Hölderlin-Bearbeitung "Oedipus der Tyrann"

      Aus der Hölderlin-Übersetzung der Tragödie des Sophokles (a. d. Jahr 1804) hier einige Passagen aus der zweiten Szene des zweiten Aktes... In der erwähnten (Stuttgarter) UA waren Gerhard Stolze und Fritz Wunderlich (!) Ödipus und Tiresias.

      Ödipus O der du alles bedenkst, Tiresias! / Gesagtes, Ungesagtes, Himmlisches und was / Auf Erden wandelt. Siehst du auch die Stadt nicht,
      So weißt du doch, in welcher Krankheit sie / Begriffen ist. Von ihr, als erster Retter, / O König, finden wir allein dich aus.
      Denn Phöbos, wenn du gleich nicht hörst die Boten, / Entgegnete die Botschaft unsrer Botschaft, / Es komm allein von dieser Krankheit Rettung,
      Wenn wir die Mörder Lajos`, wohl erforschend, / Umbrächten oder landesflüchtig machten...

      Tiresias Ach! ach! wie schwer ist Wissen, wo es unnütz / Dem Wissenden. Denn weil ich wohl es weiß, / Bin ich verloren; nicht wär ich gekommen!
      Ödipus Was ist`s, daß du so mutlos aufgetreten? / Tiresias Laß mich nach Haus. Am besten wirst du deines, / Ich meines treiben, bist du mir gefolgt...
      Chor Bei Göttern nicht! sei`s mit Bedacht auch! kehre / Nicht um! denn all knien flehend wir vor dir.
      Tiresias Denn alle seid ihr sinnlos. Aber daß ich nicht / Das meine sage! nicht dein Übel künde!
      Ödipus Was sagst du, sprichst du nicht, wenn du es weißt, / Willst du verraten uns, die Stadt verderben?
      Tiresias Ich sorg um mich, nicht dich; du kannst im Grund / Nicht tadeln dies. Du folgtest mir ja doch nicht!
      Ödipus Sprichst du, der Schlimmen Schlimmster >denn du bist / Nach Felsenart gemacht<, einmal heraus? / Erscheinst so farblos du, so unerbittlich?
      Tiresias Den Zorn hast du getadelt mir. Den deinen, / Der beiwohnt, siehst du nicht, mich aber schiltst du.
      Ödipus Wer sollte denn nicht solchem Worte zürnen, / Mit welchem du entehrest diese Stadt? Tiresias Es kommet doch, geh ich auch weg mit Schweigen.
      Ödipus Mitnichten kommt es! sagen muß du`s mir! Tiresias Nicht weiter red ich. Zürne, wenn du willst...

      Du zwangst mich wider Willen zu reden. / Ödipus Und welch Wort? wiederhol`s, daß ich es besser weiß.
      Tiresias Weißt du`s nicht längst? und reden zu Versuch wir? / Ödipus Nicht, was man längst weiß, wiederhol`s!
      Tiresias Des Mannes Mord, den du suchst, ich sag, auf dich da fällt er...
      Elend bist aber du, du schiltst, da keiner, / Der bald nicht so wird schelten gegen dich.
      Ödipus Der letzten Nacht genährt bist du, mich nimmer, / Nicht einen andern siehst du, der das Licht sieht.
      Tiresias Von dir zu fallen, ist mein Schicksal nicht, / Apollo bürgt, der dies zu enden denket.
      Ödipus Sind Kreons oder sind von dir die Worte? / Tiresias Kreon ist dir kein Schade, sondern du bist`s….

      Ich sage aber, da mich Blinden du auch schaltst, / Gesehen hast auch du, siehst nicht, woran du bist / Im Übel, wo du wohnst, womit du hausest.
      Weißt du, woher du bist? Du bist geheim / Verhaßt den Deinen, die hier unten sind / Und oben auf der Erd, und ringsum treffend
      Vertreibet von der Mutter und vom Vater / Dich aus dem Land der Fluch gewaltig wandelnd, / Jetzt sehend wohl, hernach in Finsternis;
      Und deines Geschreies, welcher Hafen wird / Nicht voll sein, welcher Kithäron nicht mitrufen bald
      Fühlst du die Hochzeit, wie du landetest / Auf guter Schiffahrt an der Uferlosen?
      Der andern Übel Menge fühlst du auch nicht, / Die dich zugleich und deine Kinder treffen.
      Nun schimpfe noch auf Kreon und auch mir / Ins Angesicht, den schlimmer ist als du / Kein Sterblicher, der jemals wird gezeugt sein...

      Ich hab`s gesagt, ich geh, um des, warum ich kam, / Dein Angesicht nicht fürchtend. Nichts ist, wo du mich
      Verderbest, sage aber dir, der Mann, den längst / Du suchest, drohend und verkündigend den Mord
      Des Lajos, der ist hier; als Fremder, nach der Rede, / Wohnt er mit uns, doch bald als Eingeborner, / Kund wird er als Thebaner sein und nicht
      Sich freun am Unfall. Blind aus Sehendem, / Und arm, statt reich, wird er in fremdes Land / Vordeutend mit dem Zepter wandern müssen.
      Kund wird er aber sein, bei seinen Kindern wohnend / Als Bruder und als Vater und vom Weib, das ihn / Gebar, Sohn und Gemahl, in einem Bette mit
      Dem Vater und sein Mörder; geh hinein! bedenk`s! / Und findest du als Lügner mich, so sage, / Daß ich die Seherkunst jetzt sinnlos treibe...

      v. gutenberg.spiegel.de
      Fleiß ist gefährlich (Henning Venske "Inventur") Majo ist ätzend (Gus van Sant "Paranoid Park") Hollywood ist ein Witz (Aki Kaurismäki)
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      13.12.1797 - Geburtstag von Heinrich Heine

      Eigentlich war ("Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski") als Schelmenroman geplant, wurde aber nie fertiggestellt. / v. literaturmarkt.info
      Das uns überlieferte (1834 erstmals veröffentlichte) Fragment besteht aus vierzehn Kapiteln. Hier (ungekürzt) der Beginn des siebten . . .

      Die Fabel von dem Fliegenden Holländer ist euch gewiß bekannt. Es ist die Geschichte von dem verwünschten Schiffe, das nie in den Hafen gelangen kann und jetzt schon seit undenklicher Zeit auf dem Meere herumfährt. Begegnet es einem anderen Fahrzeuge, so kommen einige von der unheimlichen Mannschaft in einem Boote herangefahren und bitten, ein Paket Briefe gefälligst mitzunehmen. Diese Briefe muß man an den Mastbaum festnageln, sonst widerfährt dem Schiffe ein Unglück, besonders wenn keine Bibel an Bord oder kein Hufeisen am Fockmaste befindlich ist. Die Briefe sind immer an Menschen adressiert, die man gar nicht kennt oder die längst verstorben, so daß zuweilen der späte Enkel einen Liebesbrief in Empfang nimmt, der an seine Urgroßmutter gerichtet ist, die schon seit hundert Jahr im Grabe liegt.

      Jenes hölzerne Gespenst, jenes grauenhafte Schiff führt seinen Namen von seinem Kapitän, einem Holländer, der einst bei allen Teufeln geschworen, daß er irgendein Vorgebirge, dessen Namen mir entfallen, trotz des heftigsten Sturms, der eben wehte, umschiffen wollte, und sollte er auch bis zum Jüngsten Tage segeln müssen. Der Teufel hat ihn beim Wort gefaßt, er muß bis zum Jüngsten Tage auf dem Meere herumirren, es sei denn, daß er durch die Treue eines Weibes erlöst werde. Der Teufel, dumm wie er ist, glaubt nicht an Weibertreue und erlaubte daher dem verwünschten Kapitän, allen sieben Jahr einmal ans Land zu steigen und zu heuraten und bei dieser Gelegenheit seine Erlösung zu betreiben. Armer Holländer! Er ist oft froh genug, von der Ehe selbst wieder erlöst und seine Erlöserin loszuwerden, und er begibt sich dann wieder an Bord.

      Auf diese Fabel gründet sich das Stück, das ich im Theater zu Amsterdam gesehen. Es sind wieder sieben Jahr verflossen, der arme Holländer ist des endlosen Umherirrens müder als jemals, steigt ans Land, schließt Freundschaft mit einem schottischen Kaufmann, dem er begegnet, verkauft ihm Diamanten zu spottwohlfeilem Preise, und wie er hört, daß sein Kunde eine schöne Tochter besitzt, verlangt er sie zur Gemahlin. Auch dieser Handel wird abgeschlossen.

      Nun sehen wir das Haus des Schotten, das Mädchen erwartet den Bräutigam, zagen Herzens. Sie schaut oft mit Wehmut nach einem großen, verwitterten Gemälde, welches in der Stube hängt und einen schönen Mann in spanisch-niederländischer Tracht darstellt; es ist ein altes Erbstück, und nach der Aussage der Großmutter ist es ein getreues Konterfei des Fliegenden Holländers, wie man ihn vor hundert Jahr in Schottland gesehen, zur Zeit König Wilhelms von Oranien. Auch ist mit diesem Gemälde eine überlieferte Warnung verknüpft, daß die Frauen der Familie sich vor dem Originale hüten sollten. Eben deshalb hat das Mädchen von Kind auf sich die Züge des gefährlichen Mannes ins Herz geprägt. Wenn nun der wirkliche Fliegende Holländer leibhaftig hereintritt, erschrickt das Mädchen, aber nicht aus Furcht.

      Auch jener ist betroffen bei dem Anblick des Porträts. Als man ihm bedeutet, wen es vorstelle, weiß er jedoch jeden Argwohn von sich fernzuhalten; er lacht über den Aberglauben, er spöttelt selber über den Fliegenden Holländer, den Ewigen Juden des Ozeans; jedoch unwillkürlich in einen wehmütigen Ton übergehend, schildert er, wie Mynheer auf der unermeßlichen Wasserwüste die unerhörtesten Leiden erdulden müsse, wie sein Leib nichts anderes sei als ein Sarg von Fleisch, worin seine Seele sich langweilt, wie das Leben ihn von sich stößt und auch der Tod ihn abweist: gleich einer leeren Tonne, die sich die Wellen einander zuwerfen und sich spottend einander zurückwerfen, so werde der arme Holländer zwischen Tod und Leben hin und her geschleudert, keins von beiden wolle ihn behalten; sein Schmerz sei tief wie das Meer, worauf er herumschwimmt, sein Schiff sei ohne Anker und sein Herz ohne Hoffnung.

      Ich glaube, dieses waren ungefähr die Worte, womit der Bräutigam schließt. Die Braut betrachtet ihn ernsthaft und wirft manchmal Seitenblicke nach seinem Konterfei. Es ist, als ob sie sein Geheimnis erraten habe, und wenn er nachher fragt: "Katharina, willst du mir treu sein?", antwortet sie entschlossen: "Treu bis in den Tod."

      Bei dieser Stelle, erinnere ich mich, hörte ich lachen, und dieses Lachen kam nicht von unten, aus der Hölle, sondern von oben, vom Paradiese. Als ich hinaufschaute, erblickte ich eine wunderschöne Eva, die mich mit ihren großen blauen Augen verführerisch ansah. Ihr Arm hing über der Galerie herab, und in der Hand hielt sie einen Apfel oder vielmehr eine Apfelsine. Statt mir aber symbolisch die Hälfte anzubieten, warf sie mir bloß metaphorisch die Schalen auf den Kopf. ….

      v. zeno.org
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